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Full text of "Repertorium specierum novarum regni vegetabilis."

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fitpfrtorium sprrierum nouarum 

rtgni otgetabilia. • 

Herausgegeben von Dr. phil. Friedrich Fedde. 




Bcibcm. Band XI. 



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Systetnatiscbc Glkdcrung 
und dcograpbiscb^ Ucrbreitutid der 

flrctondcae-flrctotidlnae 



♦ 



Von 



Dr. Kurt Lewin 




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Inhalt. 

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Systematische Gliederung und geographische Verbreitung 
der Arctotideae — Arctotidinae. 
I. Einleitung . i 

II. Geschichte der Gattung jj 

III. Abgrenzung der Gattungen der Arctotidinae * 5 

IV.. Die morphologischen Merkmale als Charaktere vqn natürUch«! 

Artgruppen ^^ 

V. Charakteristik der Artgruppen 34 

VI. Verwandtschafthche Verhältnisse . . . . 38 

VII. Verbreitung der Aictotidinae in Afrika . ' 40 

Spezieller Teil. 

Übersicht der Gattungen 40 






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Systematische Gliederung 
und geographische Verbreitung der 

Arctotideae— Arctotidinae. 

L Einleitung. 

Die von Baillon^) in der Gesamtgattung Ardotis vereinigten 
Gattungen Arctotis L., Venidium Less., HaplocarpJia Less., Landtia Less,, 
Arctotheca WendL, Cryptostemma R. Br., MicrostepJiinm Less., Cymbonofifs 
Gaud., bestehen gegenwärtig aus etwa 70 Arten. 

In den letzten Jahrzehnten sind nur sehr wenige neue Arten aus dem 



bekannten Areal (Südwest-, Süd- und Ostafrika, für Cymbonotus 
Australien) beschiieben worden, die sich zum Teil noch als identisch 



mit älteren erwiesen haben. 



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bisher wenig durchforschter Gegenden hat kaum Neues zutage gefördert. 



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menkreise erliedert. für die ich iedesmal 



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den ältesten der unter ihnen vereinigten Untergattungen beibehielt: also 
L Arctotis {Ardotis L., Venklium Less,); 2.HapIocarplia (HaphcarphaLeBS., 
Landiia'LesB.);3. Aretotheca (ArcfothecaWendl, CryptostemmaB.,BT.,Mic7o 

— X 

^ephium'LeSB.)] 4. Cymbonotus Gaud. Letztere steht der ersten Gattung 



* jhr nahe. Mit Rücksicht auf die geographische Treimung 



Ichlich vorhandenen — w^enn auch geringen — Verschiedenheiten soll 

r 

sie vorläufig als selbständige Gattung bestehen bleiben. Es wurde auch 
^ersucht, innerhalb jeder Eirrzelga ttung engere Verwandtschaftskreise ab- 
angrenzen, um auf diesem Wege Licht in die genetischen Beziehungen 
der Arten zu brineen. Diese letzte Fratre 



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zu bringen. Diese letzte Frage kormte noch nicht befriedigend 
beantwortet werden, da sich herausstellte, daß die Arten und Artgruppen 
in außerordentlich engen Verwandtschaftsbeziehungen stehen, in den 
vegetativen Merkmalen dagegen entsprechend der Maimigfaltigkeit der 
Standortsverhältnisse und Lebensbedinguncren weitgehend variieren. 



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während oft einander gar nicht nahestehende Arten — selbst verschied 



^) Histoire des plantes: Monographie des Compos^es, 1882, p. 44 

F- Fedde, Repertoriam specierum novamin. Beiheft XT. 1 



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Kurt Lewin. 



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Gattungen — auffälligste Konvergenz zeigen, sich gewissermaßen j 
seitig vertreten. Das letzte Wort wird in vielen Fällen erst die Kul 
reinen Linien sprechen können. Gefördert wurden die Untersuchungen 
durch die Tatsachen der geographischen Verbreitung. Polymorphe Formen- 
kreise innerhalb eines deutlich zusammenhängenden Gebietes erwiesen 
sich in einigen Fällen als zu einer Art gehörig, anderseits mußten durch 



etrennt 



Gebiet 



stufen einheimische oder vorherrschende Formen als Arten unterschieden 
werden. Im allgemeinen erwiesen sich die "Arten als geographisch eng 
begrenzt; nur ganz wenige bewohnen ein sehr weites, aber (mit einer Aus- 
nahme) orographisch wenig gegliedertes Gebiet. Die Verhältnisse der 
Verbreitung ga])en in erster Linie Anlaß, die Gesamtgattung Arciotis 
einer monographischen Bearbeitung zu unterwerfen, sodann aber auch die 
sichtliche Verwirrung in der Definition der einzelnen Arten, die dadurch 
zustande kam, daß von den älteren Autoren im allgemeinen einer nicht 
das Material des anderen kannte, das oft nur in einem einzigen Exemplar 
bestand, viele Arten auch nur nach Kulturformen bekannt waren. Soweit 
mir solche Kulturexemplare zugänglich waren, zeigten sie auffällige Ab- 
weichungen von den gesammelten Pflanzen. Bei Jacquins Originalen 
seht diese Verschiedenheit so weit, daß man verschiedentlich nicht einmal 



Artzusammenhaner feststellen kann. Um 



imen 




eirui 



i\Iuseum in Dahlem Samen erhielt, unter wechselnden Bedingungen im 
Garten und im Zimmer kultiviert. 

Die Anregung zu der vorliegenden Arbeit erhielt ich durch Herrn 
Geh. Oberregieiungsrat Prof. Dr. A. Engler, eine Anregung, für die ich 



Dank 



Auch f ü 



die freundliche Überlassung des Berliner Materials habe ich ihm zu danken 
Ebenso den Herren Prof. Dr. L. Diels und Dr. R. Schlechter für di; 
Mühe um die Erlangung des auswärtigen Materials, besonders aber für di 
Bereitwilligkeit, mit der sie meine Arbeit durch ihre reiche Erfahrung 
förderten, zu danken, ist mir eine angenehme Pflicht. 



Material 



erfügung gestellt, deren Direktionen ich ebenfalls zu Dank 



jrpfliclitet 



^ IL Geschichte der Gattung. 



Bereits Linne^) führt unter den Syngenesia, IV. Polygamia necessaria 



ung 



demselbe 



^) Linne, Genera pK ed I, p.261, 1737 



^ / 




Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 3 



1^ .' 





amen bekannt war. In seinen verschiedenen Werken nennt er 14 Arten, 
on denen aber nur 3 zur engeren Gattung Ardotis L., 4 weitere (jetzt 
11 2 vereinigt) zu Arctotheca Wendl. gehören, die übrigen sind von Gärtner * ) 
Is Ursinia abgetrennt worden. ' 

Die Gattung A. nemit Linne^) ein ,^gemis singnlare, quod aliis speciebtts 

jlosculi feminei radii steriles, disci jeriiles, aliis speciebus fhsculi feminei 

adii fertiles, disci steriles.'' Er hatte also erkannt, daß seine Arten in 

ZM ei deutlich getrennte Gruppen zerfielen. Er hat aber nicht die Folgerung 

daraus gezogen, sie wirklich zu trennen, 

Übiigens gibt es keine einzige Ait tier ganzen Gruppe, bei der die 

sterilen Strahlblüten weiblich sind; auch bei Ursinia sind, wie bei Arcto- 

i 

thecUj Cryj>stostemma, Microstephium, die sterilen Strahlblüten stets ganz 
geschlechtslos. 

Gaertner erkannte auch einen weiteren Unterschied in der Form 
und dem Fehlen bzw. Vorhandensein des Pappus, durch dessen einseitige 

■ 

Betonung er fälschlich pappo nullo mehrere Arten als Osteospermum be- 

■ 

stimmte, die nicht von Arctotis getrennt werden können. Gaertner 
charakterisierte Ardotis als Badiatae I Congregatae C. Pappo phyllode 
thalamo alveolato. — Sowohl Linne wie Gaertner scheinen ihre Auf- 
fassung der Gattung Ardotis nur auf Kulturexemplare gegrürrdet zu haben. 
In großem Umfange hat darm Jaquin^) ^Irctotisaiten kultiviert, be- 
schrieben und abgebildet. In diesen Abbildungen sind, bei allergrößter 
Feinheit der Ausfülirung, die unterscheidenden Merkmale der einzelnen 
Pflanzen so stark hervorgehoben, daß dadurch in der Systematik der 
Gattung Ardotis eine böse Verwhrung hervorgerufen wurde, die bis heute 
nicht wieder zu reparieren ist. Eine größere Zahl von abgebildeten Arten 
ist auch jetzt noch nicht zu identifizieren. Was mir von den Jaq^uinschen 
Originalpflanzen vorlag, sind tatsächlich nur Kulturformen von 4 Arten. 
'm den übrigen Abbildungen sind nur noch zwei sicher festzulegen. 

. In späteren Jahren hat Linne auch Thunbergs Pflanzen gesehen. 



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^ dieser im südwestlichen Kapland gesammelt hat. Linne hat sie 



^ g||ht weiter verwertet. Erst Thunbergs eigene Schriften, die Dissertatio 
^ ^: Arctotide*} und seine ,, Flora Capensis'' ^) geben uns einen ersten Lber- 



Ick über den Formenkreis und die Verbreitung der Gattung, 



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Thunberg hat in den genamiten Werken 38 Arten neu beschrieben, 
Hon denen aber 14 nicht hierher (meist zu Urs^inia} gehören. 

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*) Joli. Gärtner, De fructibus et seniiiiibus plantarum II, 1791, p. 353 

:, 439. -» «) Linne, Genera pl. ed. TT, 1764. — ») Jaquin, N. J.: Hort. 

cliönbr. 1797-1804. N. J.: Fragm. Botan. 1800-1809. J. F.: Eclogae 

\. rar. 1811-1816. — *) Dies. Arct. 1799 Ups. — ^) Flora Capensis cd. 

«liultes 1823 Stuttg. ' " 

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Kurt Lewin. 



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In dieser Zeit machte die botaniselie Erforschung des Kapl 



außerordentliche Fortschritte. Bergius^) und Willdeno^v^) hatten" 



schon vorher mehrere neue ^rctoi^'^-Arten beschrieben, We 
trennte aus Thunbergschen und Jaquinschen Spezies die Gati 



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iheca, R- Brown^) aus solchen Limies die Cryptostemma ab (Cassini^) die^ 
Gattung Heterole'pis). Die größte Bedeutung für die Kenntnis der Arctotiei 
hatten aber die Reisen Dreges^), Eckions und Zeyhers"^) im südlichei^ 
und südwestlichen Kaplande, woher sie umfangreiche Sammlungen mit-^ 
brachten. Diese Sammlungen bildeten die Grundlage für die erste zu-| 

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sammenfassende Bearbeitung der ^rcio/i^- Gruppe durch Lessing^). 

Lessing übernahm die Gattungen ^rctoi?"^ L., Arctotheca Wendl. une 




'ostemma 



noch 



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Art 



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Thunberg) Landtia (Perdicinm spec. Thunberg) und M 



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Linne u. a.). Dieser Aveitgehenden Aufteilung lag als; 



Hauptgesichtspunkt die Verschiedenheit der Achänien nach Form. 
haarung und Pappus zugrunde. Lessing beschreibt - — inkl. der alten 



Be- 



im 



Während Lessing manche seiner Arten noch nach Kulturemplaror 



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beschreiben mußt 



Verfugung. So 



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land, beschreiben, schloß sich aber im übrigen ganz Lessing an. Er kennt 
aus allen den genannten Teilgattungen 67 Arten (+ 3 Heterolepis), die später 
von Harvey und Sonder in der Flora Capensis^^) auf 59 beschränkt 
wurden. 

Die inzwischen noch neu aufgestellten Gattungen: Anemonios'permos 
Adans.^^), Lycotis Hffsgg.^^), OdontojAera und Stegonotns Cass,^^) wurden 
als identisch mit Arctotis L., Cleitria Schrad.^^) und Änthrosfermum 
Schulz Bip.^^) mit Venidinm Less., Cyyiotis Hffsgg.^^) mit Cryptostemma 
gestrichen. 






1) Pl.Cap. 1767. - *) Spec. PI. 1804. - 3) Hort. Ilerrenli.p. 8. - *) irort. 
Kew. ed. 2, V, p. 141. - ») Bull, pliilom. 1820, p. 26. - «) Cf. Meyer - 
Drege, Zwei pflanzengeogr. Dokumente. Beilage zu Flora 1844. — ') Cf- 
Linnaea XIX, 1807, p. 583ff. u. 675ff. a) Verzeichnis der Standorte der von 
Eckion und Zeylier in'S.-A. gesammelten Pflanzen, b) Vergleichung dtr von 
E. u. Z. und der von Drege gesammelten Pflanzen. — ^j Linnaea VI, 1831, 
p. 90ff. Synopsis Compos. 1832, p. 29ff. — ») Freycinets Voyage Bot., 
T>.462. — ") Prodr.Vl, 1837, p. 4=8 4 ff. - ") Fl. Cap. III, 1864-^1865. 
^2) Farn. II, 1763, p. 127. — i^) Verzeiclm. Pfl. Nachtrag 1826, II, p. 99. - 
'*) Dict. sc. nat. XXIX, p. 456 u. XXXV, p. 396 schon von Less. gestrichen. 
15) Catal. gem. hört. Goett. 1831. - i«) In Flora XXVIT, 1844, p. 771. 






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Systematische Gliederung u&w. der Arctotideae— xVrctotidinae. 5 



Die Flora Oapensis umfaßt etwa dasselbe Gebiet, das De CandoUe 
Ibearbeitete. 

Aus diesem Gebiet sind seitdem nur noch ganz Avenige Arten neu 

^bekannt worden. Harvey selbst beschrieb einige neue Spezies. Alle 

päter noch publizierten Arten sind, mit Ausnahme einer von Schi ech t er ^) 

ntAveder mit altbekannten identisch oder zweifelhafte Gartenformen. 



sie 



Aus dem übrigen Afrika war bis dahin noch wenig von unseren Gattun- 
n bekannt. Erst 1842 finden wir in der ,, Flora*' die Beschreibung z^veier 
'on Schimper gesammelter Arten aus Abessinien unter dem Namen 
^chnittspahnia Schultz Bip, ^), 1847 noch einmal dieselben in Richards 
ent. fl. Abyss.^), wo die eine unter dem Namen Ubiaea abgetrennt wird, 
iiud eine weitere, die als Arctotis pygmaea bezeichnet ist. Letztere ist 
"fiiemals wieder gefunden worden und auch das Original hat außer Richard 
iiiemand wieder gesehen. Ich habe sie eingezogen. Sowohl Schnittspahnia 

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^\ie Ubiaea sind von Oliver und Hiern^) mit Landtia Less. vereinigt 
\\orden. 

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Seitdem sind aus dem tropischen Afrika keine neuen Arten mehr 
beschrieben worden. Wohl aber haben neuere Sammlungen aus den ver- 



schiedensten Gegenden Afrika 



unserer 



drei Gattungen sehr gefördert. Ich nenne hier die Exped. v, Erlanger- 
Ellenbeck in das Galla- Hochland, die von A. von Mechow nach 
Angola, die Sammlungen von Medley- Wood in Natal, vor aUen aber 
clie Sammlungen von R. Schlechter bzAV. Penther und Krook aus 
Gr. Namaqualand, Natal und Transvaal^ die auch noch unbekannte 
Arten enthalten. 

Daß wir wohl die meisten, aber doch noch nicht alle Spezies kennen, 
beweist eine erst vor wenigen Monaten dem Botanischen Museum in Dahlem 
zugegangene Sendung von Pflanzen aus den Karasbergen in Deutsch - 



Süd 



Art renräsentieren. Leider sind mir 



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Art 



Diese konnten daher 



nur nach den Diagnosen eingeordnet werden. 



III» Abgrenzung der C^attungen der Aretotidii)ae. 




Die Gliederung des Tribus der Ardotideae im Sinne eines 
natürlichen Systems ist zurzeit noch nicht völlig geklärt. Lessing^) und 
De Candolle^), auch noch Harvey') stellten die Ärdotiiinae, die uns 

4 

liiex nur angehen, zu den Cynareae, indem sie den Hauptwert auf dieÄhnlieh- 



^) Hapl. patvif 



s Jahrb. XXVII, 1900 



p. 218). _ 2) Flora 1842, XXV,. p. 437f. - »> Tent. fl. Abyse. I, 1847, 
p. 446ff. — «) Flora ofTrop.Afr. III, 1877. — «^ a. a. O.p. 15. - •) a. a. 0. 
p. 484. - ») a. a. 0. p. 447. 



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Ktirt Lewin 



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keit der Griffel der >Scheibenblüten legten. Diese sind bei den Cynareae 
und Arctotideae im oberen Teile zylindrisch verdickt oder wenigsten^ 
durch eine plötzliche Änderung des Epidermisgewebes ausgezeichnet und 
am äußersten Ende in zwei kurze Schenkel gespalten, deren Innenseiter 



mit einem Kranze 



die Narben tragen. Der Beginn der Verdickung ist 
Fegehaaren versehen. Von der Spitze der Schenkel 
ßind die Griffel papillös. 

Bentham^) weist aber mit Recht darauf hin, daß diese Übereinstim 
mung nicht weit genug geht, um die Verschiedenheiten aufzuwiegen 

LT 

Die Arctotidinae unterscheiden sich von den Cynareae durch ihre hetero' 
gamen, stets strahligen Blütenköpfe, das Fehlen der Antherenschwänzf 
und durch die Ausbildung des niemals borstig gefiederten Pappus, der 
weder borstigen noch — außer bei Ursinia — spreublättrigen Blüten^ 
boden. Dies letztere Merkmal ist nicht das einzige, das Ursinia von der 
Arctotidinae trennt, mit denen 0. Hoffmann^) sie vereinigt hat. (Be' 
Bentham und Hooker^) sind die Arctotideae nicht in Subtribus ein^ 



geteilt.) 



Griffel Schenkel 



4 

Arctotideae 
:undlich od' 



mit end ständigem Kranz von Fegehaaren, durch die lO-rippige — Arcto- 

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lideae 5-rippige — Frucht und das Vorkommen von Borsten zwischen der 
Pappusschuppen. ^ 



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nareae 




scheidet sich 



ursima L^aerin. von aen jimnemioeae nur aurcn aen gu»%, 
ent wickelt en Pappus. Wie gering aber gerade das Fehlen bzw. Vorhanden-» 
sein des Pappus als unterscheidendes Merkmal — wenn es nicht durch 
andere unterstützt wird — zu bewerten ist, das geht aus den weiteren 
Ausführungen dieser Arbeit hervor. Zum mindesten ist es nicht gerecht- 
fertigt^ Ursinia in die unmittelbare Nachbarschaft der Gattungen Arctotis 
Jj.,Haplocarpha Less. usw. zu stellen, w^enn man die Gorteriiruie als Subtiibus 
abtrennt, von denen z. B. Gazama sich allein durch die verwachsenen 



na^ 



Übrigens 



sich die Tendenz zum Verw^achsen auch bei den äußeren Brakteen einer 
Ar dotis- Art (A. arctofoides [Less.] Lewin)^ bei Cywbonotiis und einigen 
HaplocarfTia-Axien. 

Eine wirkliche Klärung dieser Frage muß einer späteren kritschen 
Bearbeitung der ganzen Tribus der Arctotideae vorbehalten bleiben. 

Demnach umfaßt die Subtribus der Ar et otidiTme nur die von Baillon 



zur Gattung Arctotis vereinigten Gattungen Arctotis L., Cyrvboriofns G'eiud. 



^) Joum. of Linn. Society 1873, p. 386. — ^) In Engler -Praiitl, Nat, 
Pflz.-Fam. IV, 5, p. 120-^307«. — ') Genera PL II, p. 456, 1873-1876. 



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Systematische Gliedernng usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 7 



Venidium Less., Haplocarpha Less., Lamitia Less., ArciotJieca Wendl, 
Gryftostemma R. Br., Microstefhinm Less. 

Die von Harvey noch dazu gerecLnete Gattung Heterohpis ist vor- 
läufig von Bentham und Hooker^) den Invleae-Athrixniae angegliedert 
worden. 



V 



Die Ardotidinae sind durch folgende Merkmale charakteiisiert, 

Heterogame Köpfchen mit $ oder ungeschlechtlichen zungenförmigen 
Stiahlblüten, stets spreublattlosem Blütenboden, mehrreihigem Tnvolucrum 
aus ± freien Schuppen, von denen die inneren trockenhäutig gerändert, 
die äußeren kürzer und in verschiedenartig geformte Anhänge ausgezogen 

■ 

sind- Die Scheibenblüten sind aktinomorph, 5 zählig, der Saum der Blu men- 
krone oft tief geteilt, der Griffel derselben im oberen Teil zylindrisch ver- 
dickt, oben in 2 kurze stumpfe Schenkel gespalten, am unteren Ende 
des Zylinders mit einem Fegehaarkranz versehen. — Antheren am Grunde 
± zugespitzt, aber niemals geschwänzt, Filamente oberhalb des Grundes 
der Theken eingefügt. Pappus aus einzelnen Schupjjcn bestehend, krön- 
et enartig verwachsen oder ganz fehlend. 



Wir 



od 



notwendig ist. „Notwendig!'' — nicht bloß „berechtigt!*' Wir müssen 
dabei von allen Merkmalen absehen, die äußeren Einflüssen unterworfen 
sind. Blattform, Wuchsform, Lebensdauer können nicht herangezogen 
werden bei einer Verbreitung über Gegenden, die so verschiedenen Klima- 
Zonen angehören. Auch die Eigenschaften des Involukrums kommen nicht 
in Betracht. Schon die äußere Gestalt desselben ist trotz einer gewissen 
Konformität des Aufbaus nicht einmal in den Einzelgattungen konstant. 
Neben den typischen hemisphärischen treten vereinzelt ± kegelige In- 
volukien auf, bei Arctotis hfforhiza DC. ist es mehr länglich glockig, 



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Die Form der Schuppen, besonders der äusseren, die in der Behaarung, 
bei manchen Arten auch im Ansatz und der Beschaffenheit der Gewebe, 



kunft 



Arten nicht immer konstant. 



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Wir müssen uns also für die Abgrenzung von Gattungen nach Merk- 



beeinflußt werden. Als 



solch 



Verteilung und schließlich e) die l'rucht. 



Weder Pistill noch Antheren geben einen sicheren Angriffspunkt 
nnung; weisen jedoch schon den Weg. Beide sind durch die ganze 
►US in den Scheibenbltiten erstaunlich uniform. Die Pistille so sehr. 



1 



) a, a. 0. p. 328. 




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Kurt Le^rin. 



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keit der Griffel der Scheibenblüten legten. Diese sind bei den Cynareae 

und Arctotideae im oberen Teile zylindrisch verdickt oder wenigst en> 

durch eine plötzliche Änderung des Epidermisgewebes ausgezeichnet und 

am äußersten Ende in zwei kurze Schenkel gespalten, deren Innenseiter" 

die Narben tragen. Der Beginn der Verdickung ist mit einem Kranze vor 

I ' 

Fegehaaren versehen. Von der Spitze der Schenkel bis zu den Fegehaarer^ 
sind die Griffel papillös. 

Bentham^) weist aber mit Recht darauf hin, daß diese Übereinstim* 
mung nicht weit genug geht, um die Verschiedenheiten aufzuwiegen 
Die Arctotidhiae unterscheiden sich von den Cynareae durch ihre hetero- 

r 

gamen, stets strahligen Blütenkcpfe, das Fehlen der Antherenschwänz^ 
und durch die Ausbildung des niemals borstig gefiederten Pappus, dei 
weder borstigen noch — außer bei IJrsinia — spreublättrigen Blüten, 
boden. Dies letztere Merkmal ist nicht das einzige, das Ursinia von deij 
Arctotidinae trennt, mit denen 0. Hoffmann^) sie vereinigt hat. (Be' 
Bentham und Hooker^) sind die Arctotideae niclit in Subtiibus ein?^ 
geteilt.) Ursinia unterscheidet sich von allen Arctotideae durch die ah: 
- gestutzt en Griffelsch enkel — hei denArctotidi7iae rundlich oder zugespitzt 

r 

mit end ständigem Kranz von Fegehaaren, durch die 10-rippige — Arcto- 
tideae 5-rippige — Frucht und das Vorkommen von Borsten ZM'ischen der 
Pappusschuppen. 

Während die übrigen Arctotidinae sich den CyTiareae nähern, unter 
scheidet sich Ursinia Gaertn. von den Anthemideae nur durch den gut . 
entwickelten Pappus, Wie gering aber gerade das Fehlen bzw. Vorhanden-^ 
sein des Pappus als unterscheidendes Merkmal — wenn es nicht durch 
andere i^ut erstützt wird — zu bewerten ist, das geht aus den weitereri 
Ausführungen dieser Arbeit hervor. Zum mindesten ist es nicht gerecht- 
fertigt, Ursinia in die unmittelbare Nachbarschaft der Gattungen Arctotis 
J^,,Haflocarj)ha Less. usw. zu stellen, wenn man die Gorteriinae als Subtribus 
abtrennt, von denen z, B. Gazania sich allein durch die verwachsenen 
P Involukralschuppen von den Arctotidinae unterscheidet. — Übrigeitö zeigt 

sich die Tendenz zum Verwachsen auch bei den äußeren Brakteen einer 
Ardotis-Axt {A. arctotoides [Less,] Lewin)^ bei Cymhovotns und eimgen 
Haplocarpha- Art en. 

Eine wirkliche Klärung dieser Frage muß einer späteren kr it sehen 



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Bearbeitung der ganzen Tribus der Arctotideae vorbehalten bleiben. 

Demnach umfaßt die Subtribus der ArctotidiTiae nur die von Baillon 
zur Gattung Arctotis vereinigten Gattungen Ardotis L., Cymhonotm Gaud. 



i> Jouru. of Linn. Society 1873, p. 386. — 2) In Engler -PrantI, Nat. 
Pflz.-Fam. IV, 5, p. 120~307ff. ~ ») Genera PI. 11, p. 456, 1873-1876. 



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Systematische Gliederung iisw* der Arctotideae— Arctotidinae. 7 



Venidium Less., Haplocar'pha Less,, Landtia Less., Arcfotheca Wendl., 
Cryptostemma R. Br.^ Microstephivm Less. 

Die von Harvey noch dazu gerechnete Gattung HeteröUpis ist vor- 
läufig von Bentham und Hooker ^) den Imikae-Athrixijiae angegliedert 
worden. 

^ 

Die Arctotidinae sind durch folgende IMorkniale charakteTisiert. 

Heterogame Köpfchen mit $ oder ungeschlechtlichen zungenförmigen 
Strahlblüten, stets spreublattlosem Blütenboden, mehrreihigem Involucrum 
aus it freien Schuppen, von denen die inneren trockexihäutig gerändert, 
die äußeren kürzer und in verschiedenartig geformte Anhänge ausgezogen 
sind. Die Scheibenblüten sind aktinomorph, Szählig, der Saum der Blumen- 
krone oft tief geteilt, der Griffel derselben im oberen Teil zylindrisch ver- 
dickt, oben in 2 kurze stumpfe Schenkel gespalten, am, unteren Ende 
des Zylinders mit einem Fegehaarkranz verseben. — Antheren am Grunde 
± zugespitzt, aber niemals geschwänzt, Filamente oberhalb des Grundes 
der Theken eingefügt. Pappus aus einzelnen Schuppen bestehend, krön- 
et enartig verwachsen oder ganz fehlend. 

Wir stehen nun vor der Frage, ob diese Charakteristik ausreicht, um 
eine einzige Gattung vollständig zu umgrenzen oder ob eine Aufteilung 
notwendig ist. ,, Kot wendig!'' — nicht bloß „berechtigt!'' Wir müssen 
dabei von allen Merkmalen absehen, die äußeren Einflüssen unterworfen 
sind. Blattform, Wuchsform, Lebensdauer können nicht herangezogen 
werden bei einer Verbreitung über Gegenden, die so verschiedenen Klima- 
zonen angehören. Auch die Eigenschaften des Involukrums kommen nicht 
in Betracht. Schon die äußere Gestalt desselben ist trotz einer gewissen 
Konformität des Aufbaus nicht einmal in den Eiuzelgattungen konstant. 
Neben den typischen h emisphärischen treten vereinzelt ± kegelige In- 

j 

volukren auf, bei Arctotis leptorhiza DG. ist es mehr länglich glokig, 
nur bei Landtia Less. ist es fast durchweg verkehrt kegelförmig. 

Die Form der Schuppen, besonders der äusseren, die in der Behaarung, 
bei manchen Arten auch im Ansatz und der Beschaffenheit der Gewebe, 
ihre Herkunft von Laubblättern oft deutlich verraten, ist sogar für die 
Arten mVht immer konstant. 

Wir müssen uns also für die Abgrenzung von Gattungen nach ^leik- 
malen umsehen, die von äußeren Faktoren nicht beeiirflußt werden. Als 

ri 

solche kommen nur in Betracht: a) die Gestalt der Sexualorgane, b) deren 
Verteilung und schließlich c) die Irncht. 

a) Weder Pistill noch Antheren creben einen sicheren An 




zur Trennung: weisen jedoch schon den Weg. Beide sind durch die ganze 
Subtribus in den Scheibenblüten erstaunlich uniform. Die Pistille so sehr. 



^) a,a. O. p. 32 



*1 




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8 



Kurt Lewin, 



daß es ganz vmmöglich ist, ans ihnen allein zu erkennen, in welchen engeren 



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wieder 



— soweit sie fertil sind — durchläuft die .Form der Pistille eine ganze 
Stufenfolge von solchen mit zylindrischer Verdickung, die erst am Ende 
in ± ovale vSchenkel gespalten ist, bis zu solchen, bei denen der Zylinder 
fast völlig verschwunden ist. Wir sehen wohl von Landtia über Ha'plo- 
carfhu und Venidium bis zu Arctotis den Zylinder allmählich kürzer werden, 
aber wieder ist nirgends eine scharfe Grenze zu erkennen. Erst im Zu- 
sammentreffen mit anderen Merkmalen wird die Gestalt der Strahlblüten- 

griffet von Bedeutung. 

Bei den Stamina sehen wir zum ersten Male ein kleines Merkmal, 

das einen Formenkreis: die Gattungen Arciotheca, Cryptostemma, Micro- 

stefhktm, von allen anderen unterscheidet. Die Eilamente sind rauh- 

papillös und zwar bei Arctotheca am wenigsten, bei MicrostepMum am 




um 



Trennun: 



Filamente Vorwölbungen tragen, hier aber niemals den Eindruck der 



Rauheit hervorrufen. 



pillen auch nicht 



nnahm, konstant, sie fehlen z. B. bei Haphcarpha 



folia (Schlecht.) Lewin. 



noch 



deutlicher, wenn wir die Verteilung der vSexvialorgane und die Fertilität 



betrachten. Alle drei haben neutrale, sterile Randblüten ohne die 
geringsten Rudimente von Andröceum oder Gynäzeum. Dagegen sind die 



S' 



ttung 



Strahlblüten $ mit Griffeln, die in der Form von denen der Diskusblüten 
abweichen. Die Schenkelteilung geht fast bis auf den Fegehaarkranz 




mma 



vorhanden sind. Dagegen sehen wir oft Staminodien. Fertil sind nur 
die Strahlblüten. 

Von den Diskusblüten bringt der äusserst e — bei großköpf igen Arten 

r" 

auch noch der zweite Kreis Achänien zur Reife, die etwas kleiner sind, 

L 

T 

während die Fruchtknoten der inneren Reihen fortschreitend verkümmern. 
Bei Kultur versuchen, die ich mit Venidium hirsutum Harv. anstellte, 
keimten nur die Achänien der Randblüten. Verkümmerte Kaipelle haben 
auch die zentralen Blüten zAveier bisher noch unbeschriebener Arctotis- 
Alien, deren Rand bluten neutral sind. Trotz der Analogie dieser sehr 
isoliert stehenden Arctotis- Äxten halte ich die Differenz doch für so ein- 
schneidend, daß ich — unter Berücksichtigung der übrigen noch zu be- 
sprechenden, unterscheidenden Merkmale — eine schon sehr zeitige 
Trennung der beiden Stämme unmittelbar von einer hypothetischen 
gemeinsamen Stammform aus annehme. Diese Stammform muß die voll- 



I 




Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 9 



« 



ständige 5-Zahl in Korolle und Andröceum, sowohl bei Strahl- wie bei 
^'eheibenblüten gehabt haben, und beide müssen fertil gewesen sein. 

Bei dem ArctothecaStsijnjn bildeten sich die Rand bluten zu bloßen 
Schauapparaten um, indem beide Geschlechter reduziert A\iirden, während 
die Korolle bei Cryptostemma oft nocfi 3 — 5 teilig ist. 

r 

Bei den übrigen sehen wir ein Verkümmern der Scheibenblüten und 
Randblüten parallel gehen. Bei den Randblüten verkümmern die Stamina 
zu Staminodien, die im Gewebe aber noch deutlich ihre Herkunft erkennen 
lassen, oder verschwinden ganz. Der Griffel, der nicht mehr den Pollen 
aus der Antherenröhre herauszuschieben hat, wird fast bis auf den Fege- 
haarkranz geteilt, wodurch er eine größere Befruchtungsoberfläche erhält. 
Die Fegehaare verkümmern und die zylindrische Form der Verdickung 
ist nur noch andeutungsweise erkennbar. Die Scheibenblüten wieder 
werden ausschließlich zu Pollenblüten, die Spaltung des Griffels bildet sich 

^ 

zurück und die Schenkel spreizen nach dem Ausfegen der Antherenröhre 
nicht mehr. — Von den Fruchtknoten habe ich schon gesprochen. Zwischen 
den beiden Arten der Geschlechts Verteilung fehlt jeder Übergang. Ver- 
künamerte Karpelle oder Pistillodien habe ich in Strahlblüten nie gefunden. 
Auch die erwähnten beiden Ar dotis- Äxten mit sterilen Strahlblüten sind 
^vie bei der Arctotheca-Giu^-pe völlig ungeschlechtlich. Es muß demnach 
innerhalb der Gattung noch einmal später eine ähnliche Scheidung ein- 
getreten sein, da die übrigen Merkmale, besonders die Achänien gegenüber 
denen von Ardotheca, Cryptostemma, MicrostefTinm, eine unbedingte 
Zugehörigkeit der betreffenden Arten zur .4rcto/^5- Gruppe beweisen. 

c) Eine Betrachtung der Achänien bestätigt auch die Tiennung der 
^rc^QfAeca- Gruppe von den übrigen vollkommen. Die Gestalt der Achänien, 
ihre Behaarung und ihr Pappus werden auch ein Kriterium der schon be- 
sprochenen unterscheidenden Merkmale sein und endgültig zeigen, ob die 
Gattungen Ardotheca, Cryptostemma, MicrostepUum einerseits und 
Ardotia, Venidium, Haplocarpha, Landtia anderseits 7a\ vereinigen 
beizubehalten sind. 



od 



Q 



rückführen 



j — o 

J 

T)ie Kanten der Achänien, die im Querschnitt 



5-Ecks dargestellt werden, sind als Rippen ausgebildet. Auf der Innenseite 



und 



^fintien sich weder Rippen noch Kant , 

MicrostepUum haben eine deutliche, jedoch stumpfwinklig abgerundete 

"^^orwölbung. 

Am nächsten kommen dieser Grundform die typisch ausgebildeten 
öopZocarpÄa-Zandfia- Achänien einerseits, die von Ardotheca-Cryptostemma 



mit 



Bei Arctotis und 



Außenseite 



i 



Kurt Lewin. 



- . 

breiten Leisten umgebildet, die an den beiden Enden znsammemyachsen, ^ 

so daß 7.^vei tiefe Höhlungen entstehen. Die Höhlungen sind das eigentliche 
Charakteristikum für Arctotis und Venidnim. In ihrer Ausbildung besteht , 
eine große Mannigfaltigkeit; aber keine Lbergangsform führt zu Ha2)h- ; 
carfha—Landtia bzw. Arctotheca — Vryptostemma — MicrostefMum. Bei den 
drei letzteren sind die Achärden oft stark abgeflacht, sind aber sonst recht 
variabel: Bei Arciotheca und Cryftostemma caleTidulaceum (von Cr. For- 
besiamim Harvey habe ich keine reifen Achanien gesehen) ohne Lauter- « 
schied rücken die paarigen Rippen bald seitlich ganz eng zusammen, • 
bakl werden alle drei Rippen der Außenseite undeutlich breit und bleiben i 
überhaupt nvir noch durch zwei seh wa ch e dorsale Längsfurch en des 
Achaniums erkemibar. 

Bei MicrostefMum treten die drei dorsalen Rippen wenig hervor, 
die lateralen sind zu stumpfen Kanten zurückgebildet. In der ventralen 
Vorwölbung, die übiigens auch bei Cr?/p?osfew772a vorkommt, besteht eine 
Ähnlichkeit mit Landtia Hüppellii wie überhaupt die Haplocarpha 
Landtia-Gmipipe eine ähnliche stufenweise Reduktion der Rippen aufweist. 
In dieser Gruppe sind die Formen für jede Axt konstant, aber ohne 
einen Unterschied zwischen Haj)Jocarfha und Landtia; bei der Arctotheca- 
Gruppe dagegen ist überhaupt keine Konstanz aufzufinden; auch 
MicrostepJimw. ist nicht so scharf von den beiden anderen getrennt. 




Immerhin besteht zwischen der Ha^plocarplia- und der Arctotheca- 



•_• 



f 



Gruppe in den Achänienfoimen eine nicht zu übersehende Ähnlichkeit! 
Die Divergenz in der Geschlechtsverteilung beweist aber, daß die Über- 



einstimmung nicht die Folge einer gemeinsamen, sondern gerade einer 



parallelen Entwicklung nach phylogenetisch frühzeitiger Trennung ist. 
Die Entwicklung der Achänienformen selbst ist natürlich zwangläufig 
gewesen: Der gegenseitige Druck zusammen mit der kreisförmigen An- 
ordnung im Köpfchen mit fertilen Rand- und Scheibenblüten bedingte 
die fünfkantige Gestalt mit leichter Yorwölbung nach innen. Das Steril- 
werden der Strahlblüten ließ für den ersten Scheibenblütenkreis den Druck 
von außen fortfallen. Die Folge war die stärkere Wölbung der Außen- 



flachung der Innenseite, was für die inneren Reihen wieder dieselbe Folge 



hatte. 



agegen 



so bewirkte dies die Entlastung der Innenseite, was ein leichtes Kach- 



Strahlblüt 



Der seit- 



liehe Druck wurde daher eher größer, infolgedessen blieben in dieser 
Gruppe die Rippen, besonders die lateralen, viel mehr erhalten. 



erun 



zusammen 



> 

i* 



ensiert durch Ab- mk 










Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. H 



Dadurch entstand die stumpfkantige ventrale Vorwölbung bei Landtia 
Rüppellii. Auch hier war jetzt die Außenseite entlastet, daher das Ver- 
schwinden der Rippen. 

Bei Microstephium genügte die bloße Verringerung der Einzelblüten- 
zahl, um die entsprechende Form zu erzielen, da bei dieser Gruppe in 
erster Linie die zentralen Blüten fertil sind. 

In den fast immer recht ansehnlichen Köpfen der Arctotis-Venidiuyn- 
Gruppe ist der gegenseitige Druck der Achänien im ganzen geringer, 
genügt aber noch, die besondere leistenföimige Ausbildung der Rippen 
nur in radialer Richtung zu gestatten. Die erste Bedingung war aber auch 
hierfür das Verkümmern der Achcänien der Scheibenblüten und die durch 
das Nachrücken be^drkte peripherische Entlastung. 



And 



emiuni 



der Sektionen benutzt wairden: Pappus und Behaarung, die bezüglich 



ensems 



einzelnen 



starke Behaarung, gewöhnlich in Form eines basalen Büschels straffer. 



weißer oder 



kürzerer Behaarung der Innenseite der Achänien, weisen Arctotis und 
HaplocarpJia auf. Bei Cryptostemma sind die Haare wollig und 
gefärbt, der Pappus klein. 



dunkel 



Zwischen Arctotis und Venidium besteht bezüglich der Form der 
Achänien gar keine, bezüglich der Behaarung und des Pappus keine scharfe 
Grenze. Wir finden alle Stufen vor von Arten mit völlig behaarten Achänien 
mit dichtem Basaltuff über solche, bei denen entweder die oberflächlichen 
oder die basalen Haare fehlen, bis zu völlig kahlen. Im allgemeinen geht 
die Reduktion des Pappus mit der der Behaarung parallel, doch gibt es 
auch Formen, bei denen nur eines von beide» gut ent\^ickelt ist. Besonders 



Übergangsst 
wenig bekannten ..Psendarktotis 



nicht 



ahnliche Rolle spielt Arctotis sulcocarpa Lewin. Hierher sprechen auch 

individuelle Hemmungen, blühreife Jugendformen neben der allgemeinen 

'Variationsbreite mit, Verhältnisse, von denen weiter unten noch die Rede 
sein wird. 

Genau dasselbe gilt für Haplocarpha- Landtia und Crypostemma- 
Arclotheca; bei der letzten Gruppe finden wir die verschiedensten Stufen 
der Rückbildung schon in der einen Art Cr yptostemma calendulaceum R. Br. 
Bei Landtia können selbst bei den Arten, deren Achänien in der Reife 



^ider deutlich geseh 



sios 



12 



Kurt Lew in. 




würde eine geographische oder klimatische Isolierung voraussetzen, was 
bei beiden Arten nicht zutrifft, im Gegenteil, Microstephium hat eine recht 
weite Verbreitung; ferner müßten war auch in den Sexualorganen oder in 
der Korolle weitere Spuren der iTsprünglichkeit sehen, w^as auch bei 
beiden nicht der Fall ist. Die Entscheidung muß also zugunsten der 
zweiten Annahme getroffen werden, die für Microsfefhnim eine Stütze 
in der Form des Achäniums erhält (s. o.). 

Das zuverlässigste Zeugnis gegen dieUrsprünglichkeit ist aber zweifellos 
die Inkonstanz. Eine Art, die durch so lange Zeiträume, wie wir sie für 
die Entwicklung der heutigen Formen amiehmen müssen, ilire primitive 
Eigenart beibehält, hat eben ihre Entwicklung abgeschlossen, und beginnt 
nicht von neuem zu variieren, am allerwenigsten gerade in der besonderen 



^ 
^ 



4, 

i 



1 



1 



1 
I 
P 



I 



1 



Wir haben demnach keinen Grund, Venidium von Ardotis, Landtia 
on Haphcarpha^ Cryptostemma von Arctotheca zu trennen. 

Nur eine Schwierigkeit ist noch zu überwinden: W Bohrend Ar ctotis 
und Cryptostemma stumpfe, breit eiförmige, Haplocarpha schmallanzettliche, 
zugespitzte, mit einer Mittelrippe versehene Pappusschuppen haben, tragen 

4t 

MicrostepMum niveum Less. und Landtia Tiastata Lewin einen zusammen- 
hängenden krönchenföimigen Pappus. Zwischen dieser Form und der all- 
gemeinen aus getreimten Schuppen besteht keinerlei Übergang bei 
anderen Arten! Diese Abweichung ist auffällig, weil sie die einzige ist. 
Wohl stehen diese beiden Arten dem Habitus nach innerhalb ihrer Gruppen 
etwas isoliert; aber nur als Arten, während sie sonst die Merkmale der 
Gattung Haplocarpha- Landtia bzw. Cryptostemma- Arctotheca besitzen. In 
einer Sonderentwicklung kann daher die Ursache nicht liegen. Wir müssen 
sie also in der Phylogenese suchen. 

Der Pappus wird gewöhnlich als Kelch angesehen. Demnach müssen 
die Kompositen als sympetale Pflanzen ursprünglich auch einen ver- 
wachsenen Kelch besessen haben, an dem wir auch fünf Zipfel annehmen 
können. Diese fünf Zipfel sehen wir nun bei Microstephium sehr deutlich, 
aber sie sind völlig inkonstant. In einem und demselben Köpfchen finden ^ | 
wir ganz ungeteilte, nur ausgebuchtete Krönchen neben ganz getrennten 
Schuppen. Nicht selten sind auch 1 — 2 Schuppen frei, der Rest ver- 
wachsen, wobei die Fünfzahl der Zipfel bzw\ Schuppen nicht mehr er- 
halten bleibt. Bei Landtia hastaia sind die Krönchen ringsum gleich hoch. 
Über die Konstanz vermag ich nichts auszusagen, da ich nur eine Pflanze 
gesehen habe. 

Hinsichtlich der Beurteilung der beiden Arten gibt es zwei Möglich- 
keiten: entweder sind sie beide oder wenigstens eine von ihnen primitiv 
oder der krönchenförmige Pappus ist ein atavistischer Rückschlag, wie er 

V 

gerade am Ende einer Entwicklungsreihe eintreten kann, wenn die be- 
treffenden Arten ihre Entwicklui^ völlig abgeschlossen haben. Die erste 




1 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 13 



1 

Pvichtung, die die anderen Verwandten längst eingeschlagen haben. Eine 
außerordentliche Stütze erhält die hier vertretene Auffassung durch die 
Beobachtung von Schultz Bip., der in Flora XXVg (1842), p. 437 auch 
für seine Schnittspahnia = Landtia Schimperi und RüppelUi einen ,,Pappus 
coroniformis dentatus vel ciliato-laceratus rudimentarius" angibt. Ein 
Irrtum kann kaum vorliegen, denn Schultz lagen wie mir die Schimper- 
schen Pflanzen vor. Ich habe bei diesen beiden Arten keinen Pappus coroni- 
formis entdeckt. Bei L, RüppelUi war der Pappus durchweg allzu reduzieit, 
doch halte ich auch eine basale Verbindung der winzigen Spitzchen für 
wahrscheinlich. Bei L. Schimperi ist aber bei allen von mir gesehenen 
Achänien der Pappus geteilt, was aber nach den Beobachtungen hei Micro- 
stephium yiiveum die Richtigkeit von Schultz' Angabe nicht ausschließt. 
Wir hätten dann auch bei diesen Arten eine Inkonstanz in der Ausbildung 
des Pappus und es besteht keine Veranlassung mehr, MicrostepMum niveum 
als Gattung abzutrennen. * 



Gymhonot 



Arctotis 



in die Richtung von Venidium ardotoides Less, die Beblätterung des- 



gleich 



Wuchsform 



Wenn man Cymbonotus nicht für einen konstant gewordenen poly- 

* • ^ _ _ _ ^ 



wieder 



verschwundenen Arctotis -Arten halten will, der unter den ihm genehmen 

ngungen außerordentlich variiert, so müssen wir ■ — solange 

t 



insbedi 



Kreuzung 



für eine solche Annahme nicht durch 

versuche der Beweis erbracht ist, Cymbonotus als selbständige Gattung 

^beibehalten. 

Ich möchte aber nicht verabsäumen, darauf hinzuweisen, daß die 

r 

iiiorphologischen Merkmale von Cymbonotus an und für sich nicht recht 
zur Abtrennung genügen. 

Maßgebend für die Abtrennung ist für mich aber in erster Linie die 
geographische Beschränkung auf Australien. 

Ziehen Avir aus allen vorstehenden Darlegungen den Schluß, so ergibt 
sich für die Gattungsabgrenzung folgendes: IDie Ardotidina£ zerfallen nach 
<^er Verteilung der Geschlechter in zwei Hauptgruppen: Gattungen mit 
f^rtüen Scheiben- und sterilen Strahlblüten und solche mit im allgemeinen 
fertilen Strahl- und ± sterilen Scheibenblüten. 

Innerhalb der ersten Gruppe haben die alten Gattungen nur den 
<^^arakter von Arten, büdenalso eine einzige Gattung, die nach den üblichen 
^"omenklaturregeln den Namen Artotheca behält. 

In der zweiten Gruppe haben wir eine Spaltung nach der Form der 



Achäni 



kein Üb 



L3^ 



14 



Kurt Lewin, 



Arten mit den verbreiterten, Höhlungen b^renzenden 



Arctotis, nnd aus den ol 
Arten mit einfachen cxler 



Cymhonotus\ 2. die 



mit Havlocarpha durch Üb 



gangsformen so eng verbunden, daß ihre Abtrennung rückgängig gemacht 
W^ erden muß. 



IV. Die morphologischen Merkmale als Charaktere von 

natürlichen Artgruppen, 

Die letzten Ausführungen des vorigen Abschnittes zogen bereits 
engere Artengruppen näherer natürlicher Verwandtschaft innerhalb der 
Gattungen in den Kreis der Betrachtung. Es soll nun untersucht werden, 
welche Merkmale — auch rein vegetative — uns Anhaltspunkte zu ihrer 
Trennung bieten. Um Wiederholungen zu vermeiden, sollen die drei 
CTattungen gemeinsam behandelt werden, zumal ja ihre morphologischen 



oder 



A. Wurzel. 



Wu 



im extratropischen Südwestafiika und an den Rändern Karroo verbreitet 
sind, ist sehr einfach. Eine wenig verzweigte Pfahlwurzel geht oft 



A^i 



tief in den lockeren Sand hinab. Solche Wurzeln besitzen fast alle Artotis- 
Arten mit krautigen Stämmen — nicht die Acaules, Aequales und Adpressae, 

Bei ArclotJieca, die in ähnlichem 'Boden, Ar et otheca nivea im Dünen- 
Sand, längs der südafrikanischen Küste bis nach Natal geht, kommt durch- 
weg nur diese Wurzelform vor, obwohl z. B. ArctotJieca calendnlacea und 

r 

Forbesiaiia manchmal eine längere Lebensdauer haben. Von den meisten 
Ardolidinae ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob sie einjährig sind oder 
ausdauern. Es hängt dies von den i eweiligen Boden- und Klima Verhältnissen 



ab. Bei verlängerter Vegetations^eit wird natüi 
kundärwurzeln etwas umfangreicher, 

ArctotJieca repens, die gewöhnlich ausdauernd 
Wurzel von einfachstem Bau noch Adventivwu 
ach sein des niederliegenden Stengels entspringe] 



Wurzeln 



gesehen. Wahrscheinlich werden sie von dem gleichen Typus wie bei den 
einjährigen Arten, aber etwas reicher g^liedert sein. Dag^en besitzt 



Ardötis diffusa Thbg. und alle Haplocarpha- Äxten, außer denen des süd- 
lichen Kaplandes (H. Zana/a und Z^oia) büschelige, fleischig faserige 
Sekundärwurzeln. — Diese Formen kommen auf Humus oder Moor- 
boden zur Entwicklung, bewohnen vorwiegend die höheren Gebirgs- 



zur Sukkulenz 







h 



.^^I0*- 




\ 



y- 



w 



A^ 






j 



>^ ■■ 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidiuae, 15 



B. Stamm. 

Die eben genannten fleischigen Sekundänvurzeln entsprechen den 
Stolonen von. Ärctotkeca repena. Wie diese dem oberirdischen, so ent- 
springen jene dem unterirdischen Stamm, der bei diesen Arten ziemlich 
kurz ist. Fingerdick und fingerlang geht dieser bei den genannten ifapfo- 
carpÄa- Arten senkrecht in den Boden und trägt nur faserige Würz ein; ähnlich 
bei den Acaules der Ärctotis, wo sie fast rübenförmig, bei den Aequales und 
Adpressae, \yx> sie kurz gedrungen und oft verzweigt sind. Sie sind not- 
wendige Wasser- undNahrungsspeicher, beiden Arten des Kl. Namaqiia- 
landes erforderlich -wegen der Trockenzeiten, bei denen des Tafelberges 
und dessen Umgebung Avegen der periodischen austrocknenden Winde. 

Bei Ärctotis bicolor Willd. liegt das etwa 20 cm lange Rhizom hori- 
zontal und sendet in gleichmäßigen Abständen Äste nach oben. Diese 
Khizome sind immer verholzt. 

Im lockeren Sande auf oder dicht unter der Erdoberfläche kriecht 

* 

der Stengel der Cuneatae, der bei Ärctotis petiolata über Y^ ^^ ^'^^^S> f^den- 



dünn 



Diese 



Art ist wohl einjährig. Das Rhizom ist gewöhnlich stark verholzt, der 
oberirdische Stamm nur bei Ärctotis Schlechteri Lewin, einigen Auslro- 
orientales, besonders Ärctotis suffruticosa; im untersten Teile auch bei 

IS im übrij^en die Ausbilduncr des oberirdischen 



den Asperae. Was im übrigen die Ausbildung 
Stammes betrifft, so fehlen wirkliche Strauchformen ganz. Sonst sind 
alle Übergänge vertreten von rosettenähnlichem zu prostratem, teilweise 
aufgelichtetem Wuchs oder zu ganz aufrechten, verzweigten, am Grunde 

r 

verliolzten Stengeln. Gestaucht ist der Hauptstamm bei Haplocarpha 
außer H. Schimperi Benth. Hook., die auf den humosen, feucliteu Hoch- 
gebiigswiesen und Äckern Abessiniens niederliegende Stengel bildet, deien 
dicht beblätterte, aber wenig weiter verzweigte Seitensprosse sich nur 
schwach aufrichten. Biese Wuchsform ist ein Produkt der Höhenlage 
(um ^000 m). Die große Feuchtigkeit verhindert aber die völlige Ver- 
zwergung, die wir bei Ärctotis mi er acephala DC. und suffruticosa Le\i'in 
auf 'den trockneren und rauheren östlichen und nördlichen Randgebirgen 
der Karroo und im östlichen Teil des Karroid-Hochlandes in viel geringerer 
Höhe finden. 

Ahnlich wie bei H. Schimperi ist der Wuchs alier vier Arctotheca- 
Arten, nur ist die Verzweigung und Beblätterung eine viel mehr lockere. 
I^ei Arctotheca hemmt aber an den westlichen Standorten plötzlich ein- 



icklung, die Bildung der beitenzw 




steigt 



einrosett 
Forbesi 



7 ' 



^V 



form die gewöhnliche, ebenso- hm Ärctotis leptorh 



m 



16 



Kurt Lewin. 



Scheinrosetten meist mit 
iie merkw ürdken Überg; 



besonder & 



Arctotis leiocarpa Harv. ; hier wird die Scheimosette nicht nur von Blättern, 



Wachstu 



4 k 




die spärlich beblätterte, in seltenen Fällen auch schwach verzweigte 



Mitte erhebt. Ähnlich verhalten sich 
3 Aeanales. Diese Arten bewohnen die 



macroce 



Alle übrigen Alten haben b 
verzweigte oberiidische Stengel. 



± aufrechte auch gewöhnlich 



Im ganzen westlichen Gebiet — außer dem eigentlichen Südwest- 



nkl 



der Seitenzweige in den oberen Stammteilen; Blätter und Zweige 
bleiben um den basalen Teil zusammengedrängt, besonders auffällig bei 
Arctotis elongata Thbg. 

i 

Die an den oben ausgenommenen Plätzen lebenden Arten {Asperae^ 



Arctotis laevis Thbg. Acuminatae) sind gleichmäßig verzweigt und 



beblättert, bei den A^istro-orientales der feuchten Randgebirge Natals und 
der Drakensberge, auch schon des südafrikanischen Küstenlandes um 
Grahamstown, ist sogar der untere Stammteil gestreckt und vorzugsweise 
der Gipfelteil verzweigt. Die ganze Pflanze ist entsprechend dem feuchten 
Klima und den e^eschützten aehiiRrhio-f^n Rf^7irlnr+An spTiInff und weich- 



stämmig. 



C. Blätter 






Sandwüsten und Wüstensteppen des extratropischen Südwest-Afrika bzw. i 
den Rand der Karrbo. Wirklich konstant ist das Fehlen des oberirdischen i 

L 

Stammes bei den stets ausdauernden Acaules und Adpressae. Gewöhnlich 
sind au^ch die aus den mehrköpfigen Wurzelstöcken von Arctotis bicohr 
austreibenden Laub- und Blütensprosse gestaucht, doch scheint sich diese 
Bildung erst mit zunehmendem Alter einzustellen. Bei den jüngeren 
Exemplaren, die noch die primäre Wurzel besitzen, ist- die oberirdisclie 
Achse noch gestreckt und schwach verzweigt. Zur Rasenbildung scheint 
es bei den rosettigen Arten nicht zu kommen. 



i 



finden wir eine Unterdrückung ) 



\ 

f 

r 
H 

F. 

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» 



Die Anordnung der Blätter steht natürlich in direktem Zu- 
sammenliang mit der der Zweige. Bei rosettenähnlicher Ausbildung ' 
fehlen dem Blütenstiel die Blätter ganz: Die grundständigen Blatter 
sind dann im Umriß breit eiförmig, ungeteilt {Haplocarpha scaposa, 
parvifolia, Büppenü) oder leierförmig eingeschnitten (Acanles); aber auch 
länglich, bis lineallanzettlich, oft in einer und derselben Art die ganze 
Stufenleiter durchlaufend. In den anderen Fällen nimmt die Blattgröße 
von unten nach oben ab, wenn man von den Primärblättern absieht. 
Überall finden wir eine außerordentliche Inkonstanz der Form innerhalb 
der Gruppen, soear innerhalb der Arten selbst so daß di« Blätter als 



Systematische Gliederung üsw. der Arctotideae— Arctotidinae. 17 



Treimungsmerkmale der Gruppen fast ganz ausfallen. Ja sie sind selbst 
nur in ganz wenigen Fällen ausreichend, eine Art zu umschreiben. 

In ganz engen Verwandtscliaftskreiseri kommen alle Abstufungen von 
ungeteilten bis zu doppelt, auch dreifach fiederteiligen Blättern mit ganz 
kleinen schmalen Fiederchen vor. Die Ausbildung hängt ganz von den 
Standortsbedingungen ab. Daher ist es z. B. in den meisten Fällen einfach 
unmöglich, Jaquins kultivierte Arten — obwohl zum Teil die Originale 
vorliegen — zu identifizieren, da eine genaue Analyse unzulässig ist. Aber 
auch mit den gesammelten Pflanzen anderer Autoren steht es oft nicht 
anders. Ein und dieselbe Art kommt in den verschiedensten Entwickhmgs- 
Stadion zur Blüte, Beispielsweise ist Arctotis leptorJiiza fast nur in Jugend- 
foimen bekannt. Sie ist eine Pflanze ansgespiochenster Regenniinima im 
nördlichen Zwartland und am Olifantrivier. Nach kurzem Regen gekeimt, 
wird sie durch plötzlich einsetzende Dürre gezwungen, ihre vegetative 
Entwicklung einzustellen und zur Blüte zu schreiten, so daß viele Pflanzen 
iim aus wenigen Primärblättern und dem gestielten Blütenkopf 
bestehen. Wir sehen naclieinander linealische, schwach spatelige, 
ganzrandige, dann eilanzettliche, entfernt gezähnelte Blätter. In der 
Folge vertiefen sich die Buchten zwischen den Zähnen immer mehr, bis 
das Blatt fiedert eilig erscheint. Die ersten Blätter verwelken sehr bald 
und fallen ab, so daß wir oft nur eine einzige Blattform sehen. Da sie nun 
m allen Stadien zum Blühen kommen, haben die einzelnen Pflanzen ein 
grundverschiedenes Aussehen. 



blättern^) nenne ich Jrc/o«7«ecam?e?i(Zw7acea(R.Br.) Lewin, die trotzder Zuge- 
iiörigkeit zur anderen Gattung in Jugendötadienvon.4rctoi25Z625?orÄi^a kaum 

zu unterscheiden ist. Da sie außerdem manche Standorte teilen, sind sie 

r 



Art 



stimmt worden. Ein weiteres Beispiel ist die in ihrer systematischen 
Stellung noch etwas unklare Arctotis sulcocarpa Lewin. Ich halte es für 
nicht ausgeschlossen, daß sich hier noch ein Zusammenhang mit einer 
anderen bekannten Art herausstellt. Bei Arctotis hirstita (Farv.) Lewin 



1 



1 



i 



oder eiförmi 



— "^^' uiü piimaren, Dam aie i^oigeDuuxei geneiümi. jj^'^ ^'^" ^^^..^^^^. 
formen treten Blätter von einer Gestalt auf, die den entwickelten ganz 
ehlen. Der normale Gang ist auch hier der vom länglichen 
zum leierförmig-fiederteiligen Blatt. Tritt die Trockenheit bald nach der 
Keimung ein, so werden alle Blätter gehemmt und nehmen schmale Gestalt 
an. die an die von Arctotis leptorJiiza erinnern. Ist dagegen die erste Wachs- 
tumsperiode feucht ^^»rm «n TrnTvimfiTi die Grundblätter gar nicht erst voll 



nu 




^) L. Diel 8. Jugendformen u. Blütenreife Bln. 1906. 

edde, R-epertorium specierum noTarum. Beiheft XL 



18 



Kurt Lewin. 



reduzierten oberen Steagelblätter erfahren eine außerordentliche Förderung 
(Venidium spedosnm RgL sind solche Formen von Arclotis hirsiUa). 

Der wiederholte Wechsel von Feuchtigkeit und Trockenheit in den 
jMonaten April-— Juni 1920 ermöglichte es, den Einfluß dieser Witterungs- 
änderungen auf im Garten kultivierte Pflanzen von Arctotis hirsuta genau 
7Ai beobachten. 

Als letztes Beispiel will ich noch Arctotis arctotoides (Less.) Lewin 
anführen. Diese Art besitzt Blätter von so verschiedenartiger Gestalt 
daß Lessing^) und De Candolle^), die nur extreme Formen kannten, 
sie als drei verschiedene Arten, Venidium decurrens Less., Venidium arcto- 
toides Less., Venidium spatktdigerum DC* beschrieben. t)ie Blätter sind 
im Umriß im großen und ganzen eifö»^mig bis länglich, verschiedenartig 
gezähnt, mit drei parallelen dicht nebeneinander laufenden Nerven ver- 
sehen, aber in der mannigfaltigsten Weise fieclerig-leierförmig eingeschnitten. 
Bald sind die Einschnitte buchtig, flach, bald bis auf die Nerven gehend: 
die unteren Lappen bald ganz fehlend, bald herablaufend; die Blatt basivS 
in verschiedenstem Maße geöhrt. Im extremsten Falle laufen die Ohren 



Flügel 



Diese mannigfachen Gestalten 



sind entsprechend dem weiten Arenl der Art — sie bewohnt die niedrigeren 
Gebirge längs der süd- und südostafrikanischen Küste, übersteigt die 
Drakensberge bei van Reenen und geht durch das Basutoland bis nach 



We 



mo 



t 



carpha Schimper 



nicht zu 



unterscheiden sind, mitunter sehen sie auch aus wie Arctotis hirsuta oder 
Arctotheca calemlulacea. 

Die Inkonstanz der Blätter macht mcht selten die Bestimmung 
von ^rc/o^itS -Pflanzen nach den Diagnosen unmöglich, wenn keine Originale 
vorliegen. Daraus erklären sich die vielen Doppelbeschreibungen. Es ist 
z. B. ausgeschlossen, daß Arten, die im Zwartland und Kl. Namaqualand 
in solchen Massen vorkommen wie Arctotis hirsuta (Harv.) und Ve7iidinm 
Tf2/?ei Harv. so sorgfältigen Sammlern wie Thunberg, Drege. Eckion 
entgangen sein sollten. Für die letzte Art liat sich auf Grund des reichen 
Materials die Identität mit einer älteren: A. aurea (DC.) feststellen lassen. 

Diese Beispiele genügen, um zu zeigen, wie wenig die Blattform 
als Gruppencharakter in Rechnung zu ziehen ist (bis auf einen Fall; 
Cuneatae), 

Im folgenden will ich mich darauf beschränken, von den übrigen 



Grupp 



Arten hygrophüer 






1) SjD. 32, 33. «) 1. e. p. 493 



r 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 19 



oder mesohygrophilerrormationenentwickelnBlätter mit ausgedehnter 
Spreite. Beispiele sind die Haplocarpha- Arten der regenreichen Gebirge 
Ostafrikas, die schon erwähnte Ardotis arctotoides in den Regemväldern 
des südöstlichen Küstenlandes und die Acaules im südwestlichen Kapland: 
die Grundform bei letzteren ist wieder das leierförmig-fiederteiligo Blatt 
mit breit eiföimigem Umriß. Bei Ardotis acaulis selbst snid die Seiten- 



undnlcä 



bei 



nae 



Afiperae, wo sie bei Ardotis asper a selbst und Ardotis cuprea die ganze 
Stufenfolge von einfacher (bei A. aspera var, scahra = A, glandulosa Th. 
und A. paniculata Jacq. nur angedeutet) bis zu 3- auch 4facher Fiederung 
aufweist. Die Aufteilung der breiten Blattspreite schreitet in dieser Gruppe 
fort mit der Entfernung von der Südwestecke. Sie vermindert den Wider- 
stand gegen bewegte Luft und setzt damit die Transpiration herab. Bei 
der am weitesten geteilten Ardotis cujrrea wird außerdem die Oberfläche 
durch Einrollen der Ränder verkleinert. Auch hei den Semipapposae 
ist der Rand nach der Unterseite meist eingerollt, ebenso bei der diesen 

^ 

nahestehenden Ardotis angusiifoUa L. 

Im allgemeinen geht mit fortschreitender Einrollung außerdem noch 
eine Verkleinerung der Blattfläche selbst parallel {Ardotis revoluta 
•Jacq. = Candida Th., A. jnnnatifidaTh., A. auriculata Jacq., A. argentea 
und linearis Th., A. graminea Lewin). 

Bei A. jyinnatijida und den Argenteae sind die Blätter der Läi 
ganz gerollt, bei A. pinnatifida mitunter so stark, daß Harvey für Thun- 
t>erg.s Original irrtümlich die Fiederspaltigkeit bezweifelt, die aber tat- 
sächlich vorhanden, wenn auch wenig ausgebildet ist. 



nz 



angustifoUa, die sich aber sonst 



Ungeteilt sind die dicken, lederigen Blätter von A. angustifoUa L. 
A. rotundifolia Lewin und A. macrosperma (DC.) Lewin, die einander 
manchmal zum Verwechseln ähnlich sind. 

Ein Formenkreis., die Cuneatae, unterscheiden sich von allen anderen 
durch die keilförmig in den Petiolus übergehenden Blätter. Sie sind von 
ähnlichen Formen anderer Gruppen scharf durch das Fehlen jeglicher 

Basalanhänge unterschieden. 

Eine Tendenz zur Stielbildung zeigt sich bei fast allen Gruppen. 
Je differenzierter im allgemeinen das Blatt ist, mit anderen Worten: je 
tiefer und breiter die einzelnen Einschnitte sind, desto größer ist auch die 



«deutlich 



Einschnitt den untersten Lappen 



trennt 



2* 



'i 



1 

i 



20 



Kurt Lewin, 



Die Cuneatae, auch Ä. rotundifolia, A. angusiifolia und populifoUa 
zeigen, daß Stielbildung auch bei nicht geteilten Blättern möglich ist. 
Niemals aber ist die Spreite scharf im Winkel gegen den Stiel abgesetzt, 
sondern es gibt immer eine, werni auch mitunter sehr h\xize{A,rotundifolio,) 

-r 

Übergangszone, die im Vergleich mit den anderen verwandten Arten darauf 
hinweist, daß die Stielbildung eine Folge sekundärer Unterdrückung der 
Seitenlappen ist. Durch völlige Unterdrückung der Seitenlappen lang- 
gestielt sind die Blätter von A, tricolor und nndulata. 

Bei A. rotundifolia und den ihr nahestehenden Cuneatae, sowie allen 
gestielten Primärblättern haben wir es mit einer sekundären Streckung 
des basalen Blatteils zu tun- bei gestielten Primärblättexn läuft die Lamina 
auch immer bis zur Ansatzstelle herab. 



Auch noch am Hauptstengel flügelartig herablaufende Blätter kommen 



\ 



nur bei Standortsformen von A, ardoioides vor. 

Über die Nervatur ist wenig zu sagen. Ausgebildete Blätter sind 
immer dreinorvig. Die diei Nerven treten gewöhnlich schon getrennt an 
der Basis in das Blatt ein, verlaufen in dem ganzen unterem Teil in geringer 
Entfernung voneinander parallel bis zu dem großen Endlappen, in dem sie 

V 

sich bogeirformig trennen. Am deutlichsten ist dieser Verlauf bei den 
Acaules und bei A. arctotoides, wo m die Seitenlappen nur schwache Nerven- 
äste abgegeben Verden. Bei den schmalblätterigen Arten bleibt nur der 

Jm 

mittlere der drei deutlich, während die beiden seitlichen oft schon vor der 
Blatt mitte verlaufen. 



D. Behaarung. 
An allen oberirdischen Organen finden wir Haarbildungen, am 

■ 

meisten naturgemäß an Stengel und Blättern, aber auch auf den Involu- 
kralschuppen und Blüten, und zwar bei allen Gattungen und allen Aiteu 
ohne Ausnahme. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit lassen sich drei 
Hauptformen unterscheiden, die gewöhnlich alle drei gleichzeitig vor- 
kommen. Selten fehlt einmal eine oder die andere: 

1. Safthaare, 

2. Wollhaare, " - 

3. Drüsenhaare. 

Die Safthaare sind entweder kury, 4— 6 zellig, schnell nach oben 
verjüngt oder lang, aus 8 — 15 auch noch mehr Zellen bestehend, immer 
dünnwandig, prall mit Zellsaft gefüllt. Die Endzelle mitunter in Gestalt 
eines winzigen Köpfchens, das meistens geschrumpft ist, sonst stumpf. 
Sie sind eiirreihig, bei den Asperae, besonders Ardotis aspera scabra ( =^ glan- 



eniestens im 



bedecken 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 



21 



^ 
\ 



*■ 



} 



die Nerven der Blätter fast aller Arten, die nicht beiderseits weißwollig 

^ — ■ 

yind, fehlen überhaupt fast nie". Sie stehen gewöhnlich ziemlich dicht und 
machen dadurch die Oberfläche rauh [scaher) {Acanles, A. angnstijolia, 
A, leptorhiza, Asper ae, Semipapposae, auch A, pirmadfida, Hapl Lanaia, 
inkl. Thunhergii^ H, scaposa). 

Die Rauheit wird dadurch erzielt, daß die breit aufsitzende unterste 
Zelle stark verdickte Wände hat, wodurch das Haar starr mit der Unterlage 

Mit weniger verdickter Außenwand der Grundzelle be- 
decken sie bei den genannten Gruppen den unteren Teil der äußeren lu- 
volukralschuppen und überhaupt bei allen Arctotidinae außer A. hirsula 



verbunden ist. 



ku 



d A. mdcrocephala die Innenseite der Involukralschuppenanhänge. Ganz 
rz, nur 2 — ^3zellig, bedecken sie. auch den unteren Teil der inneren 



ae 



Die längeren Saft haare unterscheiden sich 



An 



zahl der Zellen — besonders dadurch von den kurzen, daß sie, wenn sie 
sich auf den Blättern befinden, mit der Unterlage nicht starr, sondern durch 

verbunden sind. Mit Hilfe dieser plasma- 



reichen 



albkugelige Gelenkzelle verbunden sind. 

mit großem Zellkern versehenen Gelenkzelle, werden bei 



ein- 



setzender Trockenheit die sonst senkrecht abstehenden Haare an das 
ßlatt angelegt, schützen dadurch das Blatt gegen übermäßigen Wasser- 
verlust. Die Haare selbst bleiben dabei prall gefüllt, der Basalzelle kommt 
■also wohl auch die Funktion der Druckregulierung zu. Das Ansehen 
vorwiegend mit diesen Haaren bed'eckter Blätter wird als hispidus, Ursutus 
oder pilosus bezeichnet. Sie bilden die ausschließliche Behaarung von A. 

die Oberseite der meisten Haplo- 



bedecken 



weniger dicht 



carpha- Arten sowie aller auf der Oberseite grünen Formen außer den 
vorher genannten. 

h 

Der Zellsaft ist häufig gefärbt z. B. an den umgerollten Blatträndcrn 
von A. angustifolia, A. macrosperma, am Pedunculus von A. elongata, A. 
hirsuta, A. angustifolia, A. lanceolata, A. rofundifoUa, auf der ganzen Ober- 

rolukralschuppen von H. hastata, mit Wollhaaren vermischt 

F 

fr, und bei den langen, in der Mittellinie der Involukral- 



^&i H. lanati 

schuppen stehenden Haaren der meisten Austro 
>ind Hapl. Ursuta Less. 



olukr; 



Die Gelenkzelle fehlt bei den Safthaaren, die die Ränder der In- 
Ischuppenanhänge , der Asperae, A, kplorJiiza, A. acaulis var. 



^'peciosa sowie die der Schuppe selbst bei A. undulata besetzen. Diese 



ab 



tare verkürzen sich bei Wasser verlus 
er wegen der dicken, oft braun g 



Q 



förmige Gestalt behalten, 
bestehen Übergänge. 



kurzen 



22 



Kurt Lewin. 



Eine Mittelform zwischen den eigentlichen Safthaaren, und zwar 



dem zweiten Typus, und den WoUhaa 



nidcroce 



Hier ist zum Teil die Endzelle außerordentlich verlängert, 



Wand 



Wol 



keit. Ich beschränke mich 



n 



Es gibt zAvei scharf getrennte Formen: Wollhaare mit lebenden 
Orundzellen und Wollhaare ohne lebende Grundzellen. Die 
letzteren bekleiden die Achänien und kommen, wenn auch selten, zwischen 
den anderen vor. Sie sind einzellig unverzweigt, fast ohne Lumen, stumpf 
und w^eich. Länger, stärker verdickt und daher straff sind die Basalhaare 
der Achänien. 

Die anderen Wollhaare sind 3 — 5 zellig. Die Endzelle ist tot, hat 
verdickte Wände, die das Lumen sehr vei engern, und ist in der Länge sehr 
variabel: bei ^. argentae und an den Stengeln von A. auriculata ver- 
hältnismäßig kurz. Die übrigen Zellen führen lebenden Inhalt. Der Fuß- 
teil ist im allgemeinen zylindrisch und dünnwandig; doch kommen da- 
zwischen auch Wollhaaie mit größerem kegelföimigen Fuß vor, dessen 
unterste Zelle dickere Wände besitzt. Auch die eigentliche Haarzelle^ist 
wesentlich dicker, hat auch ein weiteres Lumen als bei den anderen Woll- 
haaren. Ob hier die Endzelle noch lebt, habe ich nicht entscheiden können. 

Bei Arctotheca überwiegt diese Ausbildung, die an die Haare von 
A, mdcrocepJiala erinnert, bei den anderen Gattungen und Arten tritt sie 
g^en die anderen zurück. Im übrigen sind beide Formen nicht schan 
getrennt. 

w 

Bei den Haaren mit zylindrischem Fuß ist die letzte lebende Zelle 
gewöhnlich breiter als die unteren, kugelig oder elipsoidiscb. — Wollhaare 
besitzen alle Arten außer A. hirsuta. Bei den Asperae treten sie gegenüber 
den anderen Haaren zurück. 

Auch von den Drüsenhaaren gibt es zwei Arten der Ausbildung: 
kurzgestielte Drüsen, die in ungeheurer Zahl zwischen den Wollhaaren 
der Blätter, sehr selten auf dem Stengel, stehen und langgestielte an den 
Blüten. Bei den kurzen besteht der Stiel aus zwei Reihen von je 6—10 
flachen, kleinen farblosen Zellen. Der kugelige Kopf ist gewöhnlich ein- 
zellig, doch deutet eine Verdickungsleiste an, daß auch er urspiünglicl^ 
aus zwei nebeneinander liegenden Zellen bestand. Der Inhalt ist braun 
bis rot. Ich halte sie für Absorptionshaare, für welche Funktion ihre 
Anordnung zwischen den Wollhaaren spricht. An den dicht verfilzten 
Wollhaaren kondensiert sich nachtsder atmoanhärische Wasser- 



Wa 



Ifeüsen wiede 



9 



•K 



I 



Systematische Gliedernng Tisw- der Arctotideae— Arctotidinae. 23 



kaum in Betracht; denn in dem Verbreitungsgebiet der Arctotidinoie 
müssen die Pflanzen Vorkehrungen für die Ökonomie des Wasserverbrauclis 
treffen, und andere Organe, die diesen Zweck erfüllen könnten, habe ich 
nicht gesehen. Bei A. hirsuta scheint den Safthaaren diese Funktion zu- 
zukommen, jedenfalls macht es die starke Entwicklung des Plasmakörpers 
in der Gelenkzelle wahrscheinlich, daß diese Zelle auch eine Saugwirkung 
ausübt. Die langgestielten Drüsen der Blüten sind im oberen Teil genau 
ebenso gebaut; die Endzelle ist aber gewöhnlich wirklich zweizeilig. Dieser 
obere Teil ist auf einen vielfach längeren Stiel aus zwei Reihen größerer, 
gestreckter, farbloser Zellen mit mäßig dicken W<änden aufgesetzt, der 
seinerseits stets in Verbindung mit den Gefäßbündeln steht, manchmal 
ihnen der Länge nach angewachsen ist, eine Verbindung, die auch für 
einen Zusammenhang mit der Wasserökonomie spricht. 

Die gestielten Drüsen sitzen im allgemeinen auf den ßlattzipfeln, bei 
den Austro-orientales an der Basis der Blütenröhre und sehen dann aus 
wie ein Pappus. 

Die Behaarung bestimmt sehr stark das Aussehen der Pflanzen. 
Sie gibt aber kaum einen Anhalt für die Systematik, da es außerordentlich 
von den Stand ort sbedingungen abhängt, welche der Haarforraen die 
stärkste Entwicklung nimmt. Es kommt sogar vor, daß an ein und dem- 
selben Exemi:>lar ein Pedunrulus mit Safthaaren besetzt [scaber),der andere 
durch Wollhaare weißfilzig (tomentosus) ist. Nur A. hirsuta und .4. macro- 
cephala sind durch das Fehlen eigentlicher Wollhaare vou den anderen 



Arte 



sehr nahe, noch ferner aber 



scabra. der die W^c^llhaare auch fast immer 



Fast kahl sind A. laenis und manche Formen von A. ardofoides, Hapl 
Parinfolia und Hapl ovata, die feuchte Plätze bewohnen. Moorboden 
aber produziert, wie überall, auch hier Arten von xerophy tische m Typus, 
also meist dichter wolliger Behaarung. So sind alle Haplorarpha- Aiteii 
der regenreichen Gebirge des östlichen Afrika unterseits dicht wollfilzig. 
Bei den Arten der wirklichen Trockengebiete ist die Pflanze ganz und gar 
weißfilzig von Wollhaaren verschiedener La nge mit dazwischen stehenden 
Drüsen: Adpressae, A. campanulata, A. miricvlafa, A.argentca, Stoechamnai> , 
die meisten Cuneatae, A. elorwata. 



glandulosa { = aspera 



scabra) auf Blättern und Stengeln gar keine Drüsen, sondern nur Saft- 
haare ohne Köpfchen besitzt. - 



E. Blütenstand. 



Eine Anordnung der Köpfe zu einem besonderen Blütenstand 
bindet in der ganzen Subtribus nicht statt. Die Zweige werden stets nur 
durch einen einzigen Blütenkopf abgeschlossen. Bei zunehmender Xero- 




^j 



24 



h 



Kurt Lewin 



philie niiniut die Zahl der blütentragenden Zweige ab, so daß die Pflanze 
(A. elongala, Cuneatae) nicht selten überhaupt einköpfig bleibt. Die rosetten- 
bildenden Arten haben stets schaftförmige, einköpfige Pedunculi, die bei 
den Acaules, A. lepforkiza, auch A. campanulata keine Hochblätter tragen. 

Ganz vereinzelt finden sich Ansätze zur Bildung eines rispigen Blüten- 
standes bei den Asperae. {A. aspera var, [= revolnta Jaq!], A. cuprea Jaq.) 

Die Morphologie der Blütenstände gibt bei diesen einfachen Yer- 
hältnissen für die Systematik keine Handhabe, um so mehr aber die der 
Blütenstände im eigentlichen Sinne, der Köpfe selbst. 

Auf die Köpfe und ihren Inhalt: die Blüten mit ihren Organen und 

r 

die Früchte, muß man naturgemäß bei jeder systematische Untersuchung 
das Hauptgewicht legen. Wie sie allein für die Gliederung der größten 

r 

Einheiten in Betracht kommen, so wird man auch bei den kleineren — Gat- 
tung, Artgruppe, Art — die unterscheidenden Merkmale bei ihnen suchen, 
besonders, wenn die rein vegetativen Organe so wenig spezifisch organisiert 
sind. Bei der Unif ormität der Blüten selbst, auf die ich sjmter aus- 
f ührliclier zu sprechen komme, wird man um so mehr auf den mehr vegeta- 
tiven Bestandteil, das Involucrum, achten. Die Gegensätze sind nicht 
groß. Kaum die Gattungen sind in dieser Hinsicht scharf getrennt, und 
doch finden wir an den Brakteen die Unterschiede, die in Verbindung 
mit den Merkmalen der Achänien noch am ehesten eine Gliederung v^ 
Ailgrupj>en gestatten, die mit einiger Gewißheit den Namen einer natür- 
lichen in Anspruch nehmen kann. 

Wir betrachten zunächst das Involucrum als Ganzes, das im 
allgemeinen halbkugelig bis napfförmig ist. Mitunter verraten die Brak- 
teen ihren Ursprung als Hochblätter dadurch, daß die äußersten noch 
am Pedunculus stehen und so dem Involucrum eine mehr kegelförmige 
Gestalt verleihen. Bei Arctotis zeigen dies Verhalten am deutlichsten 
A, elongata, die Adpressae, weniger ausgeprägt die Semipapposae und 



Kegelform die vorherrschende (H 



fol 



-^ - 



nur bei H. scaposa und U/rata. Letztere und die ihr selir nahestehende 
H. lanafa in noch höherem Maße weisen Übergänge zwischen der Halb- 
kugel- und der Kegelform auf. 

Die Größe ist außerordentlich wechselnd je nach den Standorts- 
verhältnissen. Der größte und kleinste -Durchmesser, den ich bei voll 
aufgeblühten Köpfen gemessen habe, sind {ohne die Strahlblüten): 

2!* mm (.4. campanulata), 
5 mm {A. discolor). 

Wie groß der Einfluß des Standortes und der Atmosphärilien ist, 
zeigen folgende Extreme bei einer und derselben Art: 



f 
t 
i 






i 



I 



ri 









I 






\ 

h 



4 



^ 









Systematische G-liederung ubw. der Arctotideae — Arctotidinae. 



25 



Art 



Max. 



Min. 



1. ^, mdcrocephala 

2. A, hirsuta^) . , . 



3. A, arctotoides (verschied. Variet.) 

4. Haj). scapo-sa 



25 


mm 


20 


)f 


16 


»> 


22 


1 1 



5 mra 



5 



j J 



5 „ 

16 „ 



I ^ 

Die genannten Arten bewohnen entweder ein beschränktes Gebiet 
mit weiten Temperatur- und Feuchtigkeitsextremen (1. und 2. nördliches 
Zwartland und Kl.-Namaqualand) oder ein großes Areal, das verschiedene 
klimatische Provinzen umfaßt. (3. und 4.) 

i 

Die Anz ahl der JBrakteen schwankt innerhalb weit engerer Grenzen. 

F 

Als ungefähres Maximum und Minimum habe ich gefunden: 

47 [A. campannlat a) , 
20 {A.discolor), " ■ 
Der größere Umfang eines Kopfes berulit ja nicht auf der höheren 
Zahl, sondern aiif der ansehnlicheren Größe der Schuppen selbst. Daher 
sind die größten und kleinsten Köpfe einer und derselben Art in bezug 
auf die Zahl der Schuppen gar nicht so verschieden und diese variiert 
bei vielen Arten, besonders denen mit mittelgroßen oder kleinen Köpfen, 

-2. Bei einigen Arten habe ich sogar auffällig konstante Zahlen 



nur 



gefunden. Bei A. hirsuta, deren Köpfe in der Größe so außerordentlich 
schwanken, habe ich fast immer die Zahl 32 gefunden, bei A. discolor 20. 
Bei den immer großköpfigen xA.rteu fand ich dagegen große Differenzen. 

A. campanulata 28 — 47, 

A. acaulis 32 — 43 usf. 
Jeder Kopf besteht aus 2 Arten von ßrakteen: kleineren äußeren, 
*lie in schmälere, charakteristisch geformte Anhänge ausgezogen sind, 
und größere innere, die entweder blattartig grün oder derb lederig, immer 
aber mit einem membranösen, nach oben sehr verbreiterten Rand ver- 
sehen sind. Die beiden Formen sind aber an keinem Kopf scharf getrennt, 
sondern durch Übergänge verbunden, so daß von irgendwelchen festen 
Zahlbeziehungen zwischen beiden keine Rede sein kann. Die Brakteen 
sind umgewandelte Blätter; demnach sind an den äußeren die kurzen 
basal 



en Schuppenteile gewissermaßen nur 



<lie AnhangsgebiL 
haarung : die Anh; 
Seite rauh! (s. o.). 



als Blattansatz oder Stiel, 
Dazu paßt die Art der Be- 



Arten 



') Unter verschiedenen Bedingungen kultiviert; die Kümmerform im 



Freien auf kalkhaltigem Boden bei 



Wetter 



naßkalte 



26 



Kurt Lewin. 



mit großflächigen Blättern, zeigen sich deutliche Anklänge an blattartige 
Formen. Spatelige oder eiförmige Gestalt haben die Anhänge der äußeren 



Stoechadi 



Lewin mehr länglich) 



r 

und der ihnen nahestehenden A. auriculata, ferner bei A. hirsuta, auch 



bei üppigen Köpfen — A. macroce 
istisen Bedineuneen werden auch ] 



Unter 



auf. itit den Asverae 



uf 



Reduzierte Anhänge an verholzten Schuppen besitzen A. argenle» 
und linearis, die A. auriculata nahestehen, sowie A. frutescens und A. diffus^ 
Th. {= canescem DC). die sich den Adpressae anschließt. Letztere 
haben gar keine Anhänge. Die Schuppen selbst sind dick weißwollig 
behaart. Der Anschluß von A. graminea Lewin mit langen, sehr schmalen, 
linealischen Involukralschuppen ist unklar. Die derben, buntrandigen 
Basalteile weisen in die Xähe von A. laevis und Candida. Die Vertreter de» 



1 
i 



*1 



* 



^ 



t 

r 



t 



t 
l 






npatelig, bei denen sie sonst nicht verbreitert sind, z.B. bei den decurrens- 
und s pathulig er a-Yorinen von ^4. arctotoides. Besonders zu beachten ist, 
daß die Arten mit spateligen Anhängen nicht nur in der Gestalt dieser, 
sondern auch sonst im Habitus von außerordentlicher Inkonstanz und 
großer Variabilität sind. , 

Im großen und ganzen sind die Involukralschuppen, besonders 
die äußeren — so geringfügig die Unterschiede auch sein mögen — doch 
für die Arten und iVrtgruppen die einzigen durchgreifenden Charakteristika, 
die aber, da einige Parallelentwicklungen vorkommen, noch durch andere 
gestützt werden müssen. Den spateligen Anhängen schließen sich schmale, 
lanzettliche bis pfriemliche Formen an, die im äußersten Falle einfach 

r ^^^^^^^ 

I)eitschenförmig sind. Hierher gehören die Acaules, A. hicolor und A- \ " 

^ 

leptorhiza, auch nähern sich ihnen schmale Formen von A. hirsnta und 
macrocephala in der ,^Aurea'^ioTin. Von Haplocarpha gehört hierher 
H, hirsuta. 

Ziemlich lange, über einer Einschnürung fast der ganzen Länge 
nach wieder verbreiterte verschiedenartig geformte und gekrümmte, 
immer aber scharf zugespitzte Anhänge besitzen die Aequaks, An sie 
schließen sich die Cuneatae an. Die Anhänge sind bei den Cuneatae (ind- 
.4, eloiigata) gewöhnlieh kuiT., meistens sogar kürzer, als die eigentliche 
Schuppe, immer linealisch, stumpf, die Behaarung wollig, niemals rauh- 

In anderer Richtung führt A. Candida Th, von A. laevis über A- 
cupnea zu den Asperae, A. camlida hat noch die ± lanzettliche Form der 
Anhänge von A, laevis, zeigt aber bereits rauhe Behaarung an denselben- 
Diese Besetzung mit starren Safthaaren, neben denen die Wollhaare gan/^ 

Li 

zurücktreten, unterscheidet die Asper ae von allen anderen Gruppen- 
Die AnMnge sind spitz dreieckig und sitzen den Schuppenteilen ohne 



\ 






?' 



A 



i 



V 



\ 

Y 

A^ 



S 



A 




Systematische Gliederung usw. der Arciotideae— Arctotidinae. 97 

i 

anderen Formenkreises finden sich hauptsächlich unter den pappuslosen 
Arten. Tm einfachsten Fall ganz ohne Anhänge, etwas kahnförniig gekielt 
sind die Brakteen bei den Austro orientales (außer den oben erwähnten 

. Im Gegensatz zu den Arten mit reduziertem oder fehlendfMu 
Anhang des anderen Kreises sind sie aber weich, blattartig grün, während 
sie dort derblederig oder strohig-trockenhäutig sind. Die w^eichen grünen 
Involukralschuppen teilen die Austro- orientalis mit A, hirsuta, A. macro- 
cephala^ HaplocarpTia und Arctotheca repens. Bei den übrigen Formen dieses 
Kreises werden die Schuppen schrittw^eise in die Länge gezogen und so 
die Anhänge deutlicher abgesetzt. Sie bleiben stets nur w^nig schmäler 
als der basale Teil, sind linealisch und meistens scharf zugespitzt. Diesen 
Verlauf repräsentiert die Reihe: Austro- orientales {Hapl ovaia, hast ata, 
parvifolia, lyraia^ Janata), Semipapposae, A. angusiifolia (H. Schimperii 



und H 



actimt 



foli 



OAyuini 



übrigen der Reihe. Bei allen dreien sind die äußeren Schupjien von der 
Form eines schmalen, spitzen Dreiecks. Abseits stehen naturgemäß die 



Arten 



^ 



A. setosa und siilcocarpa. Bei der ersten haben die äußersten 
Brakteen gekrümmte, spitze Anhänge, die in den nächsten Reihen kürzer 
und stumpfer werden. Die Involukralschuppen von A. sulcocarpa nähern 
«ich denen der Austro- orientales, unterscheiden sich aber w^esentlich durch 
die Behaarung. Bei beiden sind die Schuppen kaum verholzt. 

Bei Arctotheca sind die äußeren Schuppen eiförmig, in verschiedenem 
Grade verholzt, mit kurzen, zottigen Anhängen; bei Arctotheca Forbe- 
siana sind diese Anhänge mehrfach länger, linealisch und weißlilzig. 

Cymhonotus hat linealische äußere Involukralschuppen ohne abge- 
setzten Basalteil, die am Grunde verw^achsen sind. 

Bei den inneren Involukralschuppen ist die Mannigfaltigkeit eine 
klemere. 3 Fälle lassen sich unterscheiden: 

1- Die anhanglosen Schuppen stehen in mehreren Reihen. (Die 
äußeren gehen kontinuierlich in sie über.) Sie sind derb, lederig- strohig, 
grünlich bis gelb, oft mit farbigem Rand versehen. Bei den inneren Eeihen 
werden die membranösen Ränder und Apikalteile immer breiter, die 
innersten gewöhnlich ganz häutigen Schuppen sind nach dem Grunde zu 
fast stielartig verengt. 

Jede Schuppe trägt — auch bei den beiden anderen Fällen — 3 Nerven, 
die sich in dem oberen Teile veraweigen oder verlaufen. Je derber die 
Schuppen sind, desto mehr verschwinden die Nerven. Die mners,te zarte 



mitunter, doch nur 



US 



Etwas zj 



Gruppen mit entwickeltem Pappus außer den Stoechadinae. 
ind die Schuppen bei A. campamilata und manchmal A. 



reve 



\ 



28 



Kurt Lewin. 



i 



grü 



oben farblos; der apikale Teil der inneren Schuppen ist breiter, als der 
basale. Dazu gehören die StoecJiadinae, Semipapjwsae, A. perfoliata, Haph- 

r 

carpha und Arctotkeca repens, 

3. Die Schuppen bleiben grünlich bis farblos und zart. Der apikale 
Teil ist schmäler als der basale. Diese Schuppen bilden gewöhnlich nur 
2 Reihen. Übergänge zwischen 2. und 3. sind A. hirsuta und A. macro- 
cepJiaJa: auch bei Haplocarpha ist in den ersten Reihen der inneren Schuppen 
das obere Ende oft verschmälert. Typisch ist 3 für die Austro-orientales. 
Bei diesen ist die Mittcia der vom Grunde an vei-zweigt. A. setosa und 
sulcocarpa schließen sich hier an, unterscheiden sich aber. durch die deut- 
liche, netzartige Aderung mit starken Randschlingen. 

* Die Anordnung der Brakteen ist^ wie sich schon aus der Inkon- 
stanz der Zahlverhältnisse ergibt, spiralig. Eine Anordnung in Kreisen 
mit bestimmter Zahl kornrut nie vor, dementsprechend auch nie wirklich 
dachziegelige Deckung. Die inneren Brakteen sind stets länger, als die 
äußeren — abgesehen von den Anhängen. 

Die Brakteen sind, mit Ausnahme der innersten, selten ganz kahl. 
\'on den äußeren habe ich schon gesprochen. Bei den übrigen ist der 
basale Teil gewöhnlich mit der üblichen Kombination von kurzen Woll- 
haaren und kleinen Drüsen bedeckt. Starke wollige Behaarung der mem- 

I ^^ 

branösen Teile findet sich vereinzelt bei A, campanulata und ArctotJieca 
calendulacea, fast regelmäßig bei den Cumatae, Adpressas, HapL lanoia 
und serrata, Ardotheca nivea. 

Die Entwicklung der Brakteen iyt wie die der Laubblätter akro- 

■petal. Die^ innersten erreichen zuletzt ihre endgültige Länge, und zwar 

— wie meine kultivierten Exemplare von Arctotheca calendulacea zeigten, 

nach dem Verblühen. Ein erster Stillstand tritt während des Aufblühens 



der Köpfe ein. Nach der Bestäubung der Blüten beginnen die Brakteen 
noch einmal zu wachsen und schließen den sich senkenden Kopf vollständig 
ab. Bis zur Fruchtreife bleibt ein Teil des Gewebes, anscheinend am Grunde 
und in der Grenzzone zwischen verholztem und membranösera Teil bu- 
dungsfähig. Danach sterben die Schuppen an dem wieder aufgerichteten 
Kopf ganz ab und verkürzen sich dadurch, so daß die Achänien frei liegen- 
Die Wände der langgestreckten Zellen des membrauösen Teils sind mit 
ligninartigen Stoffen imprägniert. 

Diese Übersicht über die Morphologie der Köpfe, besonders der 
Brakteen selbst, zeigt, daß die Gestalt der Brakteen als Charakteristikum 
für die natürlichen Artgruppen ^t zu gebrauchen ist. 

In der Form der Köpfe selbst sehen wir einen Fortschritt von dem 
kegeligen Involucrum von A, ehngata mit den linealisch- hochblattai'tigeii 



\ 



, 



i 



i 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 29 



äußeren Brakteen bis zu den napf förmigen Köpfen der Austroorientahs, 
besonders A. arctotoides. (Ebenso von HapL Rüppelli zu scaposa.) 

F 

r. Receptaculum. ' 

Der Blütenboden ist stets spreublattlos und flach oder ganz wenig 
konvex oder konkav^ niemals stärker gekrümmt oder kegelförmig. Dies 
gilt natürlich nur für den Zeitpunkt der vollen Blüte; während der ver- 
schiedenen Stadien zwischen Entfaltung der Blüte und Abstoßung der 
Früchte gehen aber verschiedene Wandlungen mit ihm vor. Zunächst ist 
der Blütenboden immer leicht konkav, im Höhepunkt der Blüte flach 
oder schwach konvex. Gleichzeitig mit dem neuen Wachstum der Involu- 



kralschupp< 
Fruchtreife 



Avölbt sich aber bei der vollständigen 



Da also die Gestalt des Blütenbodens wechselt, hat sie keine 
Bedeutung für die Systematik. Um so konstanter ist aber das Vor- 
bandensein oder Fehlen von Fimbrillen. In der ganzen Subtribus 
finden wir alle Übergänge vom schwach gefelderten bis zum fimbrillösen 



Blütenboden. 



durch 



Druckes an den Rändern der durch 



der Achänien in den Blütenboden bedingten 5-eckigen Felder. 

Demgemäß sind die Fimbrillen am Rande des Rezeptaculums am 
längsten, bleiben aber immer ziemlich unscheinbar. 

Am stcärksten sind sie in unserer Subtribus bei der Gattung Ardotis 
entwickelt, aber nicht gleichmäßig. Regelmäßig gefeldert ist das Rezep- 
culum auch bei Arctotheca, bei A. repens auch fimbrillös. 

Bei Haplocarpha sind die Achänien am flachsten eingesenkt, daher 
finden wir bei keiner Art Fimbrillen, selbst die Felderung ist oft undeut- 
lich, schon die Wabenbildune unterbleibt, geschweige denn die von Fim- 



brill 



en. 



Tiae 



daß 



Sie sind aber im ganzen zu unscheinbar und zu wenig ausgebildet, um an 



ihn 



graduelle, für die Art 



aufzuf 



1 



können. 



Eine biologische Bedeutung der FimbrUlen habe ich nicht feststellen 



G. Blüten, Sexualorgane, Pappus, Achänien. 



Die Blüten sind für die Systematik der engeren Artgruppen fast 
ohne jede Bedeutung. Die Zahl weder der Strahl-, noch der Scheiben- 



I 
-I 



^) Systematische Gliederung und geographische Verbreitung der 
Manischen Arten Ton HeKchryswn Adans. Diss. Berlin 190i). p. 435. 



afri- 



j 

j 



30 



Kurt Lewin. 



Verhältnis 



Arte 



Zahl der Brakteeii. Bei typisch kleinblütigen 

die Konstanz zu. 

* Die Farbe der Strahlblüten ist an dem gepreßten Material nicht | 
immer sicher festznstellen. Beim Trocknen werden z. B. auch solche Blüten 
gelb, die lebend weiß oder sonst hellfarbig gewesen sind. Die vorhandenen 
Angaben sind unzureichend und auf Jaquins Abbildungen kann man 
sich nicht verlassen, da die kultivierten Formen oft schon in der zweiten 
Generation die Farbe ändern. Von A. hirsuta habe ich aus Achänien 
zitronengelber Köpfe im zweiten Sommer leuchtend rotgelbe erhalten. 



m 



violett, oberseits Aveiß oder gelblich. Bei Arctotheca ist die Unterseite 
bräunlich oder schwärzlich (A. tristisl), im Zwartland beiderseits gelb 



dann 



Wüsten 



Atisiro-orientales und die meisten Hapl^ 



ihr 



Moorboden wieder farbiger. Einfarbig rosa oder 



Stoechadi 



Die Form ist immer die gleiche, langgestreckte, bald etwas mehr 



lanzetclich 



kleinköpf igen Arten ^ie A. discolor und per 



foliata. Die Spitze trägt drei kleine Zipfel. Die beiden inneren Zipfel 



sind nur bei Arctotheca caUndulacea var. entwi 

Die Scheibenblüten sind gelb und habe 

Arten gewöhnlich dunkle bis schwarze Zipfel 



Nur bei A, macrostylis 

- Tilv;+r^»^ cf^^A AMvnh die 



lewin sind sie goldbraun. Größe und Form der Blüten sind durch 
ganze Subtribus gleichartig. Verhältnismäßig kürzer sind die Zipfel bei 
den Asperae, verhältnismäßig länger bei allen Ha plocarpha- Alten, am 
längsten bei Hapl hastala; doch, sind diese Unterschiede sehr geringfügig- 
Die Zipfel sind ausnahmslos mit den schon beschriebenen Drüsen besetzt. 

den ganz pappuslosen Asper ae- Arten stehen diese auch am Fuße, 



der Röhre. 



«palten. 



1 der ganzen Subtribus ziemlich gleichförmig (s- 
zylindrisch verdickt und + tief in 2 Schenkel 




t 



I 



Sandsteppen des Klein-Namaqualandes und Deutsch- Südwestafrikas 
bewohnen, also A. argeniea, linearis, auriculata, ferner alle pappuslosen 
Arten außer den Acuminatae, und zwar um so intensiver, je trockener der 
Standort ist. A. macrocepTiala ist in den zwischen Gras hoch aufgewachsenen 
Exemplaren blaß- oder weißlichgelb, wird aber, je niedriger, desto | 
leuchtender {A, aurea DC). Dasselbe gilt von A, hirsuta. 



F I 



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*- 



-> 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidiuae. 31 



Bei den* Randblüten ist der Zylinder verkürzt und die stumpfen, 
etwa eiförmigen Schenkel länger. Am längsten ist die zylindrische Ver- 
dickung noch bei Haplocarpha und bei einigen Asperae, aber nur bei ersteren 
konstant. Innerhalb der Gattung Arctoiis läßt sich keine Gesetzmäßig- 
keit nachweisen. Kaum, daß jede Art in diesem Punkte einige Kon- 
stanz zeigt: Der Zylinder ist auch nicht immer scharf abgesetzt (eben- 
falls ohne rechte Konstanz). Bei HapL geht er gewöhnlich — außer bei 
H, Schimperi^ mitunter auch H. scaposa und hirsuta — allmähUch in den 
dünneren unteren Teil über. Bei Hapl (außer den genannten Arten) ist 
'auch der Fegehaar k r a n z in eine Fegehaarzone aufgelöst. 

Die Griffel der Scheibenblüten sind völlig gleichförmig. 
B enth am s Angabe, daß die der innersten Blüten imgespalten seien, 
ist ein Irrtum, ebenso B a i 1 1 o n s von 0. Hoffmann übernommene 
Abbildung, die bei Ardotheca calend idacea am Ende keinen Einschnitt, 
sondern nur eine trichterförmige Vertiefung zeigt. Die Täuschung beruht 
darauf, daß die Schenkel nicht spreizen. 

Die Narben sind auf der Innenfläche der Schenkel verteilt, häufen 
sich aber nach dem Rande zu, ohne zu verschmelzen. Die Griffel der inner- 
sten Scheibenblüten bei Arctotis und Haplocarpha haben keine oder nur 
verkümmerte Narben. 

Die am oberen Ende der Röhre eingefügten Antheren tragen an 
<ler Spitze ein rundliches oder unregelmäßig stumpf o eckiges Anhängsel. 
I>ie Filamente (s. o.) sind glatt, bei Arctotheca ± papillös. Die Theken 



niemals geschwänzt. 



dreieckig 



über die Sexualität und ihre Bedeutung für die Systematik habe 
ich schon in Abschnitt III gesprochen. Nachzutragen wäre hier noch, daß 
die Randblüten bei den Asperae, StoecJiadhiae , Cumatae, Aequdes, 
^evolutae, Acuminatae, AiMro-orieniales, auch Arctotheca Forbesiana, 
Staminodien tragen, und zwar 2—4, niemals alle 5. Die Größe dieser Ge- 
bilde schwankt zwischen 0,1 mm (.4. semipapposa) und 1,3 mm {A. aenea). 

Biese rudimentären Antheren treten in dreierlei Gestalt auf: 
1- als winzige rundliche ± zugespitzte Schuppen, dis nur dui-ch ihre ab- 
weichende Färbung überhaupt erkennbar sind {Acumirtatapy, 2. als dünne, 
fädige Gebilde, gewissermaßen nur Filamente [Austro-ariental&s), manch- 
mal aber doch etwas keilförmig verbreitert; 3. in Filament und Theken 
geghedert-. Die Theken aber verwachsen und ohne Hohlraum, auch nicht 
langgestreckt sondern zusammen eiförmig bis herzförmig mit eigentüm- 
lich blasigen Randzellen. Die letzte Form ist besonders bei den Cuneatae 
lind StoecJiadmae entwickelt, auch noch bei den Revolutae. 

Über den Pappus habe ich schon gesprochen: In allen 3 Gattungen 
haben wir Arten mit und Aiten ohne Pappus. Arctotis hat eiförmige, 



-J 



1 
1 

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32 



Kürt Lewin. 



stumpfe Pappusschuppen ohne Mitteliippe, die in 2 Reihen angeordnet 
sind. Die äußere Reihe besteht aus 0—8 kleinen, farblosen Schuppchen, 

L 

deren Zahl individuell, aber nicht spezifisch verschieden ist. Die innere 
Reihe besteht aus 8—10 wohl ausgebildeten Schuppen. Länglich sind 
diese bei A. unduldta und A. sulcocarpa, bei letzterer auch mit Andeutung 
einer Rippe. Die Schuppen sind farblos, mitunter leuchtend schneeweiß 
[A. acaulis und A. macrostylis), mitunter auch, im ■ 




angustify 



I 

Bei einigen Asperae, 



laevi 



versehen. Der Pappus ist gewöhnlich so lang, wie die Röhre; nur bei 
A. campanulafa umhüllt er die Scheibenblüten bis zu den Zipfeln. Ver- 
hältnismäßig kleiner sind die Schuppen bei A. leptorhiza und kiocurpa. 
Weit zurtickgebildet — auch der Zahl nach — bei A. hirsuta, A, macro- 
ceph^da und den Acuminatae. Dazu kommen die 3 geheimnisrollen Pseud- 

r 

arctofis Arten, die ich nicht gesehen habe. Davon ist Jaq uins A. ßaccida 
dem abgebildeten Achäniura nach gar keine Ardotis, stimmt aber im 
Habitus völlig mit meiner A. acuminaia überein, deren Pappus aber wohl 
ausgebildet ist. Von der zweiten {A. venidioides DC.) hat auch Harvey 
nur Bruchstücke, von der dritten {A. piisilla DC) gar nichts gesehen. 
Der Beschreibung nach handelt es sich vielleicht um irgendwelche Jugend- 
formen. 

Ganz ohne Pappus sind nur die Atcsiro-orientales. 



Hapl 



Die Schuppen länglich, 



zugespitzt, mit Mittelrippe versehen, die bei H. scaposa, mitunter auch bei 
H. lanata {— H, Thunbergii) in eine lange Borste ausgezogen ist. Bei 
H, serrata ist der Pappus sehr kurz, höchstens 1 mm lang, bei H. ovata, 
kiippelliiy Schimperi ganz rudimentär. An der reifen Frucht kann man 
ihn gewöhnlich gar nicht mehr sehen, nur an den jüngeren Blüten. (Das- 
selbe gilt auch bei Arctotis für die Acuminatae, A, hirsuta und niacrocephalä) 
H. hastata besitzt einen ringsum gleich hohen (1 — 1,2 mm) gezähnten, 
krönchenförmigen Pappus. 

Das gleicbe wiederholt sich bei Arctotheca. Arctotheca cale ndtdactO' 
und Forhesiana haben schuppigen, A. nivea einen krönchenförmigen, 



repens 



groß 



schweren Achänien in der Schwebe zu erhalten. Dies kann auch gar nicht 
seine Aufgabe sein, da die Schuppen in der Reife und in trocknem Zustand 
aufgerichtet und nach oben zusammengedrängt sind. Sobald sie aber 
feucht werden, spreizen sie sich — wie mir Keimungsvessuche mit A. stoech^' 
difolia zeigten — und heben dadurch den oberen Teil des Achäniums 
vom Boden ab, während dessen Spitze jetzt unter einem Winkel von etwa 



^ 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae, 33 

* 

45 ^ gegen den Boden steht, in den sie der nächste Eegentropferi, der auf 
das vom Pappus gebildete Dach fällt, hineintreibt. 

Der Mechanismus des Pappus ist leicht verständlich, wenn man 
den Bau der Schuppen untersucht. Sie bestehen aus langgestreckten 
Zellen mit stark verdickten Außen- und Seitenwänden. Die Innenwände 
sind dünn. Dadurch allein würden in der Trockenheit die Schuppen, 
deren Zellen in diesem Zustand Luft enthalten — was den silberigen Schim- 

■ 

mer h,ervorruft — nach innen gekrümmt werden. Die Schuppe besteht 
aber aus mehreren Schichten, von denen die innerste am längsten ist, 
während die anderen stufenweise vorher aufhören, so daß der Eindiuek 
einer dacbziegeligen Deckung erweckt wird. Wird nun die Schuppe be- 
feuchtet, so saugen sich die innersten Schichten, deren Wände am dünnsten 
sind, am stärksten voll Wasser und pressen so die Schuppe herab. Für 
eine Verbreitung durch die Luft kommt also der Pappus nicht in Betracht. 
Charakteristisch ist auch die Tatsache, daß an der Peripherie des ganzen 

r 

Areals die pappuslosen Arten wohnen. Das Verbreitungsgebiet der 
pappustragenden Arten ist nur* ein Bruchteil des ganzen. Immerhin ver- 
größert der Pappus die Oberfläche des ganzen Gebildes, ohne gleichzeitig 
das Gewicht sehr zu vermehren. Die Achänien der Arten der Wüsten 
und Sandsteppen, auch der Hoclifläche des Kalaharigebiefces (A. stoeckadi- 
folia auriculata, HavL scavosa werden ihre weite Verbreitung dann doch 



verdanken 



fegt 



Auf die Gestalt der Früchte als Trennungscharakter der Gat- 
tungen noch einmal einzugehen, erübrigt sich. Hier sollen ims nur die 
Verschiedenheiten der Achänien innerhalb jeder Gattung beschäftigen. 

Bei Arctotheca geht der Unterschied der Arten kaum über die indi- 
viduellen Abweichungen hinaus. Er beruht nur auf mehr oder weniger 
deutlichem Hervortreten der Rippen. Bei Haplocarpha gehen die Formen 
auch ineinander über. Bei H, ianata sind die Rippen so dick, daß auf der 
dorsalen Seite die Fläelien dazwischen sehr zurücktreten. Infolgedessen 
sind Exemplare dieser Art immer wieder als Ärctoiis, und zwar als A. 
tricolor^ bestimmt worden. Am schwächsten sind die Rippen bei 5. Rüppettii, 
ovaia und hastaia entwickelt, bei EüppelUi bis zum völligen Verschwinden 
reduziert. Bei diesen Arten sind die Achänien auch kürzer und runder, 
als bei den übrigen. Ebenfalls km-z und rundlich eiförmig ist die Frucht 



4 

Fl 
r 



Von H, Schimperi r 
anderen — rauher 



im Gegensatz zu fast allen 



ichiedene 



Lcklungsstufen repräsentieren. Die höchste ist die der Acaules und Ad- 



pressae und A. mignstifoJia: die drei 

inneren bild*iT^ Äinr? r^Kö^T unrl «-wfxi^n 



achsen. Die Höhlungen durch 



F. Fedde, Repertorium speciemm noTarum. Beiheft XI. 3 



J 



36 



Kurt Lewin 



1. Acaules und AngustifoUae, wahrscheinlich auch die Adpr 



von denen ich keine reifen A^chänien gesehen habe. Bei diesen sind die 
Achänien fast kugelig. Die Höhlungen rund, ebenso die Kanten der diese 



(T>' 



An diese schließ en 



sich die Hirsutae, die von den obengenannten durch den rudimentären 
Pappus und z. T. krause Oberfläche des Achäniums getrennt sind. 

2. Die Acuminatae mit länglichen Achänien, deren Höhlungen die 
ganze Länge durchlaufen. Die diese umschließenden Rippen sind scharf- 
kantig und — außer der mittleren — gezähnelt. Der Pappus ist rudimentär 
und unvollständ^ (Typus II des vor. Abschn., ohne Hautflügel). 

3. Die Aiistro-<yrieiHales mit ebenfalls länglichen Achänien und durch- 
laufenden, aber oft sehr flachen Höhlungen, deren Trennungswand rund 
oder als stumpfe Kante rückgebildet ist. Die Seitenwände sind meist 
eingerollt. Ein Pappus fehlt. 

4. Durch die Gestalt des Achäniums ist auch A. leptorhiza von den 
anderen unterschieden (T3^pus IV des vor. Abschn,)- 

i 

5. Der Rest gehört dem Typus II an; die Seitenwände der Höhlungen 
sind in Hautflügel verlängert, die verschiedentlich gekraust, eingeriöseu 
oder auch rückgebildet sein können. Alle tragen einen vollständigen 

_ *■ 

Pappus. Die hierdurch vereinioten Arten sind aber durchaus nicht so eui 



V 



sekundären Merkmalen 



^ 



kennzeichnen. Dabei ist 



daß 



durch eine gewisse Ähnlichkeit 



elemente gestalten. Es handelt sich also darum, solche sekundären Merkmale 
zu finden, die auch wirklich die natürlichen Gruppen unterscheiden, 
und solche zu vermeiden, die wohl die Gesamtzahl der Arten nach einheit- 
lichen Gesichtspunkten gruppieren, denen zuliebe aber die natürlichen 
Gruppen zerrissen werden müßten. 



Merkmal, das dieser Forderung genügt, wenigstens für die Gesamt- 



etrennten Gruppen, ist die Gestalt und Be- 



schaffenheit der Involukralschuppen, Jede Gruppe 



nterschiede oft so gering, daß sie sich schwer in Worte 



j edoch 



uf 



verzichten und ■s?on Fall -zu Fall weitere Eigenschaften heranzuziehen, 
die die betreifende Gruppe gemeinsam hat: etwa Gestalt der Blätter, 
Wuchsform, Farbe der Bluten, Behaarung. Einige Gruppen heben sich 
ganz scharf heraus, sei es durch die geographische Beschränkung au^ 
engere Gebiete oder spezielle Formationen, sei es durch ganz hervor- 
stechende Merkmale. Die Asperae durch die spitz dreieckigen, breit auf- 
gesetzten, mit starren F^aftliaaren umsäimiten Anhänge der äußeren 



L 



^ 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 37 



Brakteen, die Stoechadinae durch die geringe Verholzung der imme.- grün 
bleibenden inneren In-volnkralschuppen und die lila- b^.w. " rosafarbenen 
Strahlblüten, die Ouneatae durch die linealischen stumpfen, oft seitwärts 
gekrümmten, weiß wolligen Anhänge der äußeren Brakteen und den 
keilförmigen Blattgrund der ungeteilten Blätter. Durch die zahlreichen 
Übergänge ebenso leicht erkennbar wie schwer zu umschreiben ist der 
Zusammenhang der als Aequäles vereinigten^. campanulcUa und^l. laems. 
Die Brakteenanhänge bewegen sich zwischen lanzettlicher und Sichel- 
form. Sie sind immer i: zugespitzt, am Grunde deutlich gegen den basalen 
Teil abgesetzt; die fiederteilig eingeschnittenen, aber nicht lyraten 
Blätter sind beiderseits gleich, entweder glatt oder rauh oder weißwollig. 
Die Argenteae des Namaqualandes und Deutsch- Südwestafrikas haben 
kurae, bisw^eilen etwas spatelige, fein weiß wollige, bei A . argentea im 
K alten Bokkeveld ganz reduzierte Anhänge der äußeren InvoUikralschuppen, 
die inneren sind verholzt und ± buntrandig. Die Gruppe ist sofort er- 
kennbar an den langen, rutenförmigeu, wenig beblätterten Pedunculi, 
der silberweißen Behaarung, den eingerollten St-engelblättern, den gelben 



bis bronzefarbenen Strahlblüten. 



Aequäles, Asperae 



Gnneaiae schwankende, meistens spitze, niemals mit starren Safthaaren 
umsäumte Anhänge der äußeren, ebenfalls bunte Ränder der inneren 



[zten Brakteen haben die Revolutae. Die gefiederten 
mehrfach irefiederten Blätter haben um^eroUte Rande 



Da ich Wert 



darauf legte, nur solche Arten zu Gruppen zu vereinigen, deren enge 
verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit keinem Zweifel unterliegt, m 



daß 



Arten besteht, bleiben einige noch 



ilu-es zw^eifelhaften Anschlusses übrig- So haben die Caudatae Achänien 



Brakteenanhan 



hafter ist. 
asartig s 



mmenhang der Arte 



'olufae an, hat aber 



er 



A. Schkchteri Lewin, die von den Brakteenanhängen und den Achänien 
abgesehen mit der von Jaquin abgebildeten Pseudardotis flaccida'^) 
identisch sein könnte, hat auch die Achänien IIb, steht aber merkwürdig 
zwischen den Gruppen ohne engeren Anschluß (aus praktischen Gründen 
liabe ich sie den Civncatae angegliedert). 

Dies mag zur Charakteristik der Gruppen an dieser Stelle genügen. 



Har 



Sonder teilten ihre Gattung ^rcfoHs. wenn wir 
bsehen wollen, nur ganz äußerlich in Acaules und 
Einteilunff. die bei der variablen Wuchsform einigt 



^) 1. c. 1. 163. 



r. 

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Pi- 



as 



Kurt Lew in. 



iL 



ganz wertlos ist. Sind doch A, campanulata, A. Ufiorhiza und kiocarpa 
oft genug kauleszent. Auch die Artdefinitionen waren 



unzurei< 



So gehören manche Formen, die zu einer Art vereinigt waren, nicht ein- 



asvera 



werden. 



VI. Verwandtschaftliche Verhältnisse 



Die Zerspaltung in engere Artgruppen hatte den Zweck, die ver- 



Aiten 



aufzudecken. 



igressionsreih 



allein nicht zu erkennen, wenn man an sie ganz ohne Voraussetzungen 
und Annahmen herangeht. Da wir von den letzten Vorfahren der uns 
vorliegenden Aiten nichts wissen, sind alle heute lebenden Aiten zunächst 
gleichberechtigt. Die einzelnen Progressionen laufen gewöhnlich einander 

K 

entgegengesetzt", daher bleibt — wenn man eine bevorzugt — der ganze 
Axifbau künstlich und erzwungen. Diese Unsicherheit wird noch vergrößert 
durch die Diskrepanz von ,,ph3iogenotischem~' und ,, individuellem" 
Alter. 

h 

In \ielcn Fällen werden ,, phylogenetisch'' ältere Formen individueli 
jung sein und nach allen Richtungen variieren, während ,, phylogenetisch'* 
junge Formen \ öllig konstant sein oder gar Rückscblagsersch einungen aui- 
weisen können. Durch letztere Tatsache wird das „phylogenetische Alter'' 
für systematisch-morphologische Untersuchungen zu einem leeren Begriff- 
Da er sich aber praktisch für die graphische Darstellung von Verwandt- 
schaftsbeziehungen bewährt hat, will ich mich auch hier seiner bedienen. 

Aus den Voraussetzungen: 

A 

1. die Biakteen sind umgewandelte Laubblätter, 

2. der Pappus ist ein umgewandelter Kelch 

würden sich für eine hypothetische Urform der Arctotidinae folgende 
Verhältnisse erorebon; 

1. Eine zyliiidiische oder, da eine solche in der ganzen Tribus nicht 
voikommt. eine verkehit -kegelige Brakteenaclise, die in einem kahlen 
Blülenboden endigt. 

2. Nur z\\dtterige Blüten mit wohlentwickeltem zusammen- 
hängenden Pappus. 

3. Gleichmäßig 5-seitige und 5-rippige Acbänien mit dichter Be- 
haarung. 

4. Gleichmäßig beblätteiter Stengel ohne Rosetten, 
n. Verzweigte Stengel mit kleineren Köpfen. 

w 

In keinen der vier Gattungen gibt e? Arten, die alle die^^e Eigenschaften 
vereimgen. 



1 



p 



Systornatische Gliederung usw. der Arctotideac— Arcfotidinae. 39 



Würde man nun den Arten das höchste Alter zuerkennen, die die 
größte Zahl dieser Bedingungen erfüllen, so käme man zu ganz unnatür- 
lichen Verhältnissen. Man muß also den Bedingungen verschiedene Wertig;- 
keit beilegen, und zwar nicht einmal bei allen vier Gattungen dieselbe. 

Bei Haplocarpha versagt (siehe Abschnitt V) die Untersuchung auf 
den Verwandtsehaftszusammenhang. Ebenso die Frage nach dem relativen 
Alter der Arten. Gerade die Arten mit reduziertem Pappus haben ver- 
kehl t-kegel ige Brakteenachsen. Es sind dies die Arten Abessiniens 
und eine aus Transvaal. Ihre Beschränkung auf die moorigen Wiesen 
der höchsten Bergregionen spricht nicht gerade für große Jugend, ebenso 
wenig die völlige Konstanz der betreffenden Alten. Umgekehrt sind die 
Arten Südafrikas, die einen gut entwickelten Pappus besitzen, gerade 
auch diejenigen mit nijpfförmigem Involukrura und starken Entwiekluiigs- 
tendenzen. 

Die vier Arten von Arctotheca und die eine Cymbonotu-s können über- 
gangen weiden. Bei Arctotis mehren sicli die Scnwierigkeiten. 

r>ie Anomala könnten ebensogut ganz früh isoliert sein wie eine 
letzte höchste Entwicklungsstufe darstellen. Für das erstere spricht der 

i 

mangelnde Zusammenhang mit den anderen Formen und die weichen 
giünen Brakteen. Für letzteres die sterilen Strahlblüten. Das wahr- 
scheinliche ist: nach frühzeitiger Trennung selbständige Entwicklung 
parallel zu den anderen Arten. Im übrigen gehören beide Arten kaum 
zusammen und haben sich wohl an verschiedenen Stellen von der l^^asse 
getrennt. 

Die grünen weichen Biakteen bilden das Haupthindernis füi* die klare 
T'bersicht übei- die Veiwandtschaftsbeziehungen. Bei der Auffassung der 
Brakteei) als metamorplioHieiter Blätter müßten die grünen unverholxten 
Biakteen primitiv sein. Dies führt zu keinem Widerspruch bei den 
Stoechadinae. Bei allen anderen Gruppen, besonders bei den Hirsutm und 
Ausiro- Orient ales ist dieses Merkmal aber gepaart mit Reduktion von . 
Pappus und Behaarung und bei den Austro-arientaks mit scheinbar 
primitivster Form des Achäniums. Pappuslosigkeit ist aber sicher eine 
Reduktionserscheinung, denn die meisten pappus- und haarlosen Achänien 
besitzen im embryonalen Zustand beides. In solchen Fällen scheint mir 
fhe wahrscheinlichste Erklärung wieder die zu sein: Abtrennung auf der 
Stufe der blattartigen Brakteen; in diesem :\rerkraal dann Stillstand, ira 
Pappns Reduktion, im Achänium rückläufige Entwicklung. Bei den 
Amtro-wientales ist die letztgenannte noch stark im Gange. 

Die Brakteenanhänge sind als reduzierte Blattspreiten aufzufaseen. 
Wo nämlich die äußeren Brakteen verzweigte Nerven haben, ist diese 
>C'7.weigung in den Anhängen am stärksten oder sogar allein entwickelt. 
^^ spateligen Anhänge wären dann die primitivsten. Dies könnte zu- 



.J 



FT— 



40 



/ 



Kurt Lewia. 



— ** 

treffen für die Stoechadinae, Argenteae und Hirsufae. (Auch Hapl scaposa.) 
Bei den AtiMro-orientales hätten wir das iVuftreten derselben als Rück- 
Hchlag oder eine Art Luxuiiation aufzufassen, da hier ganz anhangsToso 
Brakteen mit verästelten Nerven typisch sind. 



Die Ähnlichkeit der Brakteen bei .4. angmlifoUa und den ÄciiniDiatm 



ist wohl nur eine Parallolentwicklung. 



afrika, die 



das Transvaal- Hoo2veld. Ganz 



ö 



atal 



ArctotJieca nivea (Less.) längs der Küste, Arctotis arctotoiäes (I.ess-) 
in allen Höhenlagen auf dem Gebirge, das sie bei van Reenen überschreitet, 
um auch noch jenseits durch Transvaal bis nach Westgriqualand zu gehen. 
Im Kaffernlaud außerhalb der Gegend des van Reenen Passes auf d^ 



Innenseit<^ der Brakensberge und dann der zusammenhangenden, parallel 
der Ostküste laufenden Gebirge, erstreckt sich das Areal von Hapl scaposa 
Harv. über den östlichen Teil der innerafrikanischen Hochfläche 
nach Westen bis in das Steppengebiet von Angola, nach Norden bis auf 
das Uhehebergland, immer den höchsten Linien folgend. Ob die Standorti^ 
im Kaffernland isoliert sind oder in der Gegend von Molteno zwischen 
Bamboos- und Stoormbergen mit dem Hauptareal in der Hochfläche 
des zentralen Südafrika (Kimberley!) zusammenhängen, ist vorläufig 
nicht zu entscheiden, da auf den Gebirgen östlich der Kanoo und im Quell 



sehr wenig gesammelt worden ist. Ein klei 



Entwicklungszentrum der Gattung Haplocarpha liegt auf den Gebirgen 
Abessiniens, von wo 3 Arten bekannt sind, deren eine H^ RüppeM^^ 
nach Süden bis zum Kilimandscharo geht. In Westafrika und auf den 



die 



Außerhalb 



i. 



I 



*p1 



i 



4. 




I 

Bezüglich der Achänien ist noch darauf hinzuweisen, daß die am * 
höchsten entwickelten, nämlich die der Acuules, deren rosettenaitiger 

Wuchs ihre relative Jugend dokumentieit — den bestaüsgebildeten Pappus \ 

besitzen. Wie ich mir im einzelnen die Zusammenhänge der Gruppen ( 

denke, geht aus dem Schema hervor. Ich betone aber, daß dicvse Auf- l 

fassung nur eine von mehreren gleichberechtigten ist. ; 



VII. Verbreitung der Aretotidiuae in Afrika. 

A. Horizontale Verbreitung. 

Den größten Formenreichtum haben die Arctotidinae in Südafrika, \ 
Und zwar im eigentlichen südwestlichen Florenbezirke erlangt- 
Gut ^/g aller Arten fallen allein auf die Gebirgszüge, die parallel der Küste 
vom Olifantrivier bis zu den Kaffernländern ziehen. Nach Osten und > 
Norden zu nimmt die Zahl der bekannten Arten sehr schnell ab. 

Der größte Teil des Restes bewohnt das extratroj^ische Südwest- 



t 









Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 41 




finden wir nur die Gattung Cymbonotm in Australien und eingeschleppt 
H.^alendulacea (R. Br.) in den Niederungen Portugals, Spaniens und 
wieder in Australien. 

Im übrigen ist das Areal der Gattung ebenfalls auf das südwestliche 
Gebiet beschränkt. Ardotheca calendnlacea kommt allerdings vereinzelt 
noch im extratropischen Südwestafrika vor. Niu- Ardotheca nivea (Less.) 
p als einzige aller Arcloiidinae geht längs der Küsten vom snd\^'estlichen 

Kapland bis nach NataL 

Die Gattung Haplocarpha besitzt in Südafrika überhaupt kein zu- 
^aimnenlicängendes Gebiet, nur geschlossene Inseln. Wenn man von Thun- 
bergs, ganz allgemein das südwestliche Gebiet bezeichnenden Angaben 
,,Kap." absieht, kommt H, larMa nur auf und um den Tafelberg, H. 
parmfolia nur auf dem Kalten Bokkeveld, //. lyraia im südlichen Kaffern- 
land, H. hirstda (Less.) am östlichen Rand der Karroo (von Eckion 
Zeyher auch noch als Kaffernland bezeichnet) vor. 

Erst in Transvaal gesellen sich zu H. scaposa, deren Vorkommen 
Im Kaffernland wohl auch nur sporadisch ist, zwei weitere Arten, H. ovafa 
1 e^in und //. serrata Lewin. 

Von der Gattung Ardotls selbst haben nur 2 Gruppen ihr Areal 
außerhalb des Gebietes der Kapflora. Die Aiistro-orientdles, 
die die östlichen und nördlichen Randgebirge der Karroo, sowie Natäl 
beAi ohnen und über die Drakensberge durch das Hoogveld bis nach West- 
Griqualand vorstoßen, mit A. perfoUafa Thbg. nach Westen in die nicht 
2nm Rereich der Kapflora gehörende kleine Karroo eindringen, und die 
Stoechculinae im extratropischen Südwestafrika, dem westlichen Kalahari- 
gebiet und der Karroo, Die übrigen Gruppen sind durchaus in dem Gebiet 
der Kapflora endemisch. Tm Westen ist aber die nördliche Grenze nicht 
scharf: A. auriculata und aurea gehen — die erstere in den Grassteppen, 
die letztere auch in der Sandwüste — nach Deutsch-Südwestafrika, 
A. canipanula-ta und hirsuia nur bis in das Klein-Namaqualand. 

Die bisher genannten Arten bzw. Gruppen sind diejenigen mit den 
weitesten Arealen. Alle anderen haben ganz beschränkte Verbreitung, 
^as die Abgrenzung der Gruppen und Arten sehr erleichtert. Soweit sie 
nicht die Höhe der Gebirge selbst bewohnen, längs deren sie sich unge- 
- hindert verbreiten konnten, setzten die Gebirgszüge des reich gegliederten 
I-andes ihrer Ausbreitung meist unüberschreitbare Schranken entgegen und 

L 

«erzeugten so die strenge Lokalisation der Arten und Gruppen. 



^r 



Die relativ enge Begrenzung der meisten Arten erklärt sich daraus, 

<laß.die Verbreit ungs mittel nicht ausreichen, um die Hindernisse 

'^^ ftterwinden. Die Achänien sind für den Pappus zu groß und schwer 

und der dichte, aufwärts gerichtete, basale Haarbusch vdrkt noch dazu 

™ Auftrieb entgegen. Nur wo Gebirgsriegel fehlen, sehen wir pappus- 



--^«' 



42 



Kurt Lewin. 



Wetin 



Art. Nur eine einzige weit verbreitete Spe 



ewin 



auf 



Pflanzen der Meeresdünen und der Cape-flats sind Arctolfieca 
nivea und Ardotis populifoUa, Auch die übrigen Ar dotheca- Arten bleiben 
gewöhnlich unter 200 m, wenn auch A, repens und calendtdacea in den 
regenreichen Hottentott- Hollands- und Drakensteinbergen über 700 m 



aufstei 



Küstenwüsten 



waeKsen auch die Hirsufap dicht über Meeres 



1000 m Höhe bleibe 



Argenteas, Rero- 



utae 



verbindenden A. rotundifolia, die bei 



erreicht. 



größte 



wi 



Dies sind besonders die Grenzen, zwischen 



Haplöcarpha sich bewegt. Nur 



Art H. lancUa Less. bis 300 



H. Schimperi, H. RäppeUii und H. hastata 



Moorflächen 



und 



Im./ ** 

ibe^ 2000 m. H.RüpJ^n 



I 



tragende Arten sich über weitere Strecken ausdehnen. (.4. stoechadifolia, 

H. scaposa.) # 

Daß der Pappus an dieser Verbreitung keinen Teil hat, sehen wir 

daran, . daß es auch pappuslose Arten mit weiterem Areal gibt ; 

(A. macrocepJiala, A. Tiirsuta, A. arctotoides. Wie in diesen Fällen die Ver- | 
breitung geschieht, ist ziemlich rätselhaft. Bei A- Ursuta habe ich eine 

IMethode der Samenablage gesehen, die eigentlich das Gegenteil bewirken ^ 

müßte. Die Pflanze biegt nämlich den abgeblühten Kopf — mit den Blüten ; 
nach unten — bis zur Erde herunter, wo dann zuerst die trockenen Blüten 
als zusammenhängende Masse, nachher die Achänien ausfallen. Da her 

diesen Arten die Achänien sehr klein und leicht sind, werden sie bei ^. rnacro- \ 

cephala und hirsufa wohl zugleich mit dem Sande vom Winde erfaßt ^ 

und fortgerollt. Wie die Verbreitung aber bei A. arctotoides vor sich geht, ; 

bleibt unklar, da sie nicht in offenem Gelände, sondern zwischen Gras, ^ 
unter Bäumen, auf feuchtem, sogar moorigem Boden vorkommt. 



i 



B. Vertikalverbreitung. - \ 

I 

J 

auch die Arctotidinae hauj)tsächlich Gebirgspflanzen sind, sa 
ijst doch die gesamte vertikale Verbreitung so weit, wie überhaupt nui' 
möglich. Vom Meeresstrande und den Dünen bis zur Grenze jeder 
phanerogamen Vegetation im Hochgebirge treffen wir Vertreter 
der Subtribus an; aber nicht in ein und demselben Gebiete und bei eui y 



t 



\ 



Systematisch« Gliederung usw. der Arctotideae— Arctofidinae. 43 



geht sogar bis zur Vegetationsgrenze 
I^age auch am Kilimandscharo wieder. 



C. Die Arten in den Formationen. 

Der Charakter der Subtribus ist im ganzen mesohygrophil. Im 
Habitus machen die Pflanzen jedoch oft den Eindiuck ausgesprochener 
Xerophyten, entweder wegen der Neigung zur Sukkulenz — wie die 
Acaules, die aber gerade im regenreichsten Teile des Kapgebietes leben — 
oder wegen der Behaarung und der Reduktion der Blattflächen durch 
Einrollung usw. Die letztgenannten Erscheinungen finden sich allerdings 
meistens in den Trockengebieten; die ersteren aber, denen auch die 
Arten des Abessinischen Hochgebirges sich anschließen, muß die Folge 



erhältnisse 



aus 



Heiden und Moore den xerophilen Charakter verleihen. Diese mehr 
hygrophilen Formen beschränken sich auf die Gebirgsformationen. 
in hydromegathermen Gebieten, wie in Westafrika mit seinan 
gedehnten Urwäldern fehlen die Arctotidinae ganz. Nur in Natal und 
m dem südafrikanischen Küstenland treten Arten in den Wald ein, wäh- 
rend sie im tropischen Afrika erst über 2000 m auftreten. Die Subtribus 
i^t also als mesotherm, die Formen Abessiniens, des Kilimandscharo, die 
A arietät von A. ardotoides in den höheren Lagen der Drakensberge sogar 
als oligotherm zu bezeichnen. — Die letzte unterscheidet sich von den 
anderen Formen derselben Spezies durch stärkere Behaarung. 

Die Formationen, in denen die Arctotidinae auftreten, sind damit 
im großen und ganzen schon gekennzeichnet. 

Die Arten bevorzugen off ene Formationen. Strand und Dünen 
bewohnt nur Ärdotheca nivea, die auch für die Cape-f lats charakteristisch 
ist. Auf letzteren treffen wir auch in etwas höherer Lage A. angustifoUa 
mit ihrem lang im Sande liegeAden beblätterten Stamm, und Ärdotheca 
ForbesiaTm auf den Dünenflächen (Sandveld) hinter der Küste im Süden 
^- Popidifolia, die Arctotheca nivea zum Verwechseln ähnhch sieht, ferner 
die meisten Cwmatm, deren Rhizome und Wurzeln lang den Sand durch- 
ziehen. Auf den sandigen Steppen des nördlichen Zwartlandes, des 
Klem-Namaqualandes und weiter nördlich Deutsch- Südwestafrikas leuchten 
alhnählich höhersteigend die gelben Köpfe von A. Ursuta, A. auricnlata 
«nd A. aurea. Das Aussehen dieser Arten ändert sich außerordentUch, 
^eun sie aus dem losea Sand in geschlossene Grasbestände kommen. 

oder dem feuchten Boden der Riviere hochwüchsig verzweigt, 



'l 



«i»t groß eren Blatt 
Sande niedrig, jf«^ 



wird A. aurea im losen 



färbe 



verschmälerten 



44 



Kurt Lewin. 



Interessant ist, daß A. UrsUla und A. awrea sich diesseits und jenseits 
Olifantriviers ete wissermaßen vertreten. 



We 



auf steinigen Boden über; immer 



auf 



Zwart- 



kömmlinge: Sand bzw, Sandstein beschränkt. 
landes gehören auch A. incisa und petiolcUa an. 

Aspercie, Revolutae, Aeqtuiles (z. T.) sind Bewohner der Berg- und 
Hügelheiden (Macchien) des Tafelberges, des Paarl-Piquet- und der 
Cedernberge. Sie alle sind aufrechte, verzw^ 



:gte Halbsträucher, die an 



wischen den Blöcken 
laevis) Aussehen, d( 



Aussehen, den sparrigen Zweigen sich gut 
in das Bild der von hartlaubigen Sträuchern beherrschten Vegetation 
einfügen. Ein weiterer Bestandteil dieser Macchien sind die Acnmiruitae, 
von denen aber A. semtpapposa var. angustifolia an die Ufer des Olifant- 
riviers herabsteigt und ebenso A. discolor im Gebiete .von ZweUendam 
ihren Standort zwischen anderem höheren Gesträuch und Gebüsch hat-. 



daran 



Die noch fehlenden Stoechadivae und Amtro-orientahs berühren das 
der Kapflora nicht. Daß A, stoechadifolia als Bestandteil der K 
gezählt wird, liegt hauptsächlich an falscher Bestimmung, auch 
daß A, cuneatüYon Harvey unbegreiflicherweise als Varietät von A> stoe- 
chadifolia angesehen wurde. Die Stoechadinae sind alle drei Bewohner 
der Hoch weideflächen im extratropischen Südwestafrika, im zentralen 
Südafrika (Süd. Kalahari, Griqualand, West-Basutoland) und in der 
Karroo. 

Die AvMro-orientales schließen sich im Vorkommen an zwei verschie- 
denen Stellen den anderen an. A. microcephala bewohnt als dürftiges Halb- 

die nur von ähnlichen Pflan^pn hewnhnti^ Zwerorstrauchstepp^ 



Sträuchlein 



folidf 



Grupi)e am weitesten nach Westen geht/und A- his^ 
zugen feuchte, moorige, gebüschiga Niederungen des südlichen Wald- 
gebietes, gehen auch in den Wald selbst hinein. Wohl hydatophil ist 
auch A. ardotoides, die sich am üppigsten in den feuchten Küstenwäldern 



entwickelt 



wächst 



> 

aber äußerst anpassungsfähig und variabel sowohl in die Baumstepp^i^ 
der Küstenländer hinaustritt, als auch aus der Niederung bis zu 2000 m 
auf die Drakensberge hinaufsteigt und sich jenseits derselben auf den 
Weideflächen des Hoogreldes weit nach Westen ausbreitet. , 




HwpTocarpha 



Mag es sich um 



H. lärmt a auf dem Tafelberge, oder um H. parvifolia auf 



oder 



ovaia 



auf dem Transvaal- Hoocreveld handeln, immer ist der Boden feucht. 



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Ä 



l Systematische Gliederung usw. der Arctotideae — Arctotidinae. 45 

entweder moorig, humos oder von toniger Beschaffenheit. Dasselbe gilt 



H. scavosa aiif 



den 



abessinischen Arten: H. Schimperi, BüppelUi, deren Vorkommen auf 
feuchte Bergwiesen beschränkt ist. H. hastata Lewin ist bis jetzt nur aus 
Sümpfen bekannt. 



D. Mutmaßliche Entwicklung der heutigen Verbreitung der 

Arctotidinae. 

Um sich über den wahrscheinlichen Gang der Verbreitung der Sub- 
tribus d.^x A) ctotidinae. klar zu werden, muß man auf die morphologischen 
Vethältnisse zurückgehen und diese mit dem heutigen Vorkommen der 
Arten bzw. Gruppen in Übereinstimmung zu bringen suchen. 



Dabei ist folgendes zu berücksichtigen: 



gar keine Rolle. 



untergeordnet 



2. Alle Gruppen, bei Haplocarpha die Arten, sind streng lokalisiert; 



:nenliang 



Ilapl 



Zusammenhans'. als mit Ardotheca. 



4. Ardotheca und Haplocarpha haben kein nachweisbares Entwick- 
lungszentrüm. 

5. Von Arctotis ist ein Teil auf den Kapensischen Florenbereich be- 
schränkt, der andere Teil berührt ihn nur und geht um ihn herum. 
sioech^idifolia Berg, gehört zu den letzteren. 

6. Die große ^Meluheit der Arten sind Gebirgspflanzen. 



Arclotis 



Die 



erwiesen, daß A- stoechad 



foha die Art ist, die in der Gattung Arctotis am meisten Ähnlichkeit mit 
der hypothetischen Urform hat. Diese Art hat auch die meiste Berührung 
öwt der Gattung Haplocarpha, sowohl morphologisch, wie geographisch. 
Wenn zwischen beiden Gattungen ein engerer Entwicklungszusammen- 
^ang besteht, so müssen von Haplocarpha diejenigen Formen dafür in 
Betracht kommen, die wie Haplocarpha scaposa kein kegelförmiges, son- 
dern ein napf förmiges Involucrum besitzen. Die Übereinstimmungen 
zwischen H. scaposa und A. sioechadifoUa Berg, sind nicht gering. Die 
^orm des Kopfes, die spateligen Anhänge, bei beiden wohl entwickelter 
■Pappus. Es würde daraus folgen, daß in dem Widerstreit der Progressionen 

^ ^o^m des Involucrums gegenüber den Verhältnissen des 
^ des Pappus rezessiv ist, so daß man nicht mit Notwendigk 
ö"t kegeligem Involucrum als ürimitiv anzusehen hat. Die Trennun 



Achäniums 



der Gattungen mußte 



auf der Entwicklungsstufe 



**'ö3igen Involucrums stattgefunden haben, die Kegelform also ebenso 



46 



Kurt Lewin . 



F^ 



■drängt worden sind. Freilich sind uns noch die Faktoren 



unbekannt 



ngung 



Eine Eis- 



zeit, wie in Nordeuropa, gab es — wie sich mit ziemlicher Sicherheit 



sagen läßt — in Ostafrika nicht. Was aber sonst für Klimaschwan- 
kungen dort stattgefunden haben, und ob nicht diese schon genügten, 
um die angenommene Verdrängung zu erklären, darüber wissen wir zur- 
zeit nichts. Wii- wissen nicht einmal, ob der Waldgürtel der betreffenden 
Gebime älter oder jünger ist als die Vegetation der Giofel. die als, vul- 




1. vom Namaqualand über das Zwartland und die Kapsche Ebene 
zum südlichen Küstenland; 

F 

2. östlich der Gebirge zum Kalten Bokkeveld; 

3. auf der Höhe der Cedernberge, des Piquet, und Paarlberges bis 
zum Tafelberg, wo jetzt die höchst entwickelten Acaules wohnen. 

Im Osten stiegen die Ausiro-cyrientales über die Drakensberge in das 
tiefere Natal herab und fanden im Süden den Anschluß an die westlichen 
Gruppen, 

Ich habe für die Gattungen Haplocarpha und Arctotis auf ein früher 

zusammenhängendes Areal geschlossen, das noch die abessinischen 

Gebirge mit umfaßte. Danach würden die isolierten Haplocarplia- Arien 

'als Relikte erscheinen df^mn V^rT^inrlnTirT^n im fia^^r^T-ov. ^^y^r\ fTockeneren 



^ 



t 



wie der krönchenförmige Pappus eine Rückschlagsbildung sein, um so 
mehr, als auch bei Ardotheca das Involucrum immer napfförmig ist. 

Die strenge Lokalisation der HaplocarpJia- Arten und Ardotis-Ginp^en 
beweist, daß die heutigen Formen eben Endpunkte der einzelnen Ent- 
wicklungszweige sind, deren Verzweigungspunkte wir nicht kennen. 

Zieht man aus diesen Erwägungen den Schluß, so kommt man zu 
dem Ergebnis, daß wir für Arctotis und Haplocarpha ursprünglich ein 
zusammenhängendes Areal von den Hochgebirgen Abessiniens über den 
Kilimandscharo, das Uhehegebirge, die Hochfläche des östlichen Afrika 
(westlich des Nyassasees) über das Hoogeveld durch den südlichen Ten 
des zentralen Kaplandes bis zum extratropischen Südw^estafrika annehmen 
müssen. Dann ist der Zusammenhang erklärlich, der bezüglich der un- 
verholzten grünen Involukralschuppen zwischen A. stoechadifoUa und 

1. den Hirsutae im Westen, 

2. den Ausiro-orientales im Osten 
besteht. 

Das Entwicklungszentrum der Gattung Arctotis befindet sich 
in der Gegend von Ebenezer am unteren Olifantrivier, also der nördlichen 
Grenze zwischen dem südwestlichen Florenbezirk und dem der Namaqua- 
länder. Wenige Gattungen, die in engstem Zusammenhang mit den Stoecm- 

f 

dinae stehen, gingen nach Norden. . 

Nach Süden drangen die A/*c/o^is-Formen im Westen auf drei Wegen: i 



\ 



Kll 



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Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 



47 



kanische Erhebungen geologisch ziemlich jung sind. Wir wissen auch 
nicht, in A^^elchem Verhältnis die Zeit, die zur separaten Entwicklung 
der auch. morphologisch so isolierten abessynischcn Typen der Gattung 
Haplocarpha nötig war, zu derjenigen der geologischen Vorgänge im 

F 

Quartär steht. — Der ostafrikanische Grabenbruch ist wohl älter, denn 



östlich von ihm kommen Arctotidinae nicht vor. 



scaposa über- 



nur 



überbrückt worden 



ischen dieser 



der am weitesten nach Süden 



Kilimandscharo 



vorstoßenden 



abessynischen Form H. Rüppellii besteht aber morphologisch eine tiefe 
Kluft. Die nächsten Verwandten der drei abessynischen Arten, die auch 
unter sich nui^ ziemlich losen Zusammenhang haben, sind H. serrata und 
ovata auf dem Transvaal-Hoogveld. 

Diese morphologischen Ergebnisse sind die einzigen Stützen für 
meine Auffassung. AVir müssen daher auch noch die andere Möglichkeit 
^n Betracht ziehen, die die eigenartige Verbreitung der Gattung HaplocarpJiu 
erklären könnte: den Vogelzug. Da den Achänien der betr. Arten alle 
Haftorgane fehlen, kommen als Überträger nur Sumpfvögel in Betracht, 
die die Archänien aii den Füßen verschleppt hätten. Diese Annahme 



ur 



demKüimandscharo. Sie reicht aber nicht aus, um den Zusammenhang 
^it den Hoogveld- Arten verständlich zu machen. Die Verw^andtschaft 
^st nämlich nicht nah genug, daß man eine Verschleppung in jüngerer 
Zeit annehmen könnte; und wie weit die Erscheinung des Vogelzuges 

überhaupt geologisch zurückreicht, dafür haben wir gar keinen Anhalts- 
punkt. 

Die Verbreitung der Gattung Ha plocarpha bleibt demnach eine offene 

^ge, zu deren Beantwortung aber vielleicht eine eingehende morpho- 

^ische und geographische Bearbeitung der Gesamttribus der Ardoteae. 

besonders der den Ardotidmae am nächsten stehenden Gattung Gamnia 

^lel beitragen könnte. 

Was schließlich die Gattung Arctotheca betrifft, so bleibt auch hier 
^e Frage offen, ob der Oit ihrer Sonderentwicklung sich mit dem ihrer 
eutigen Verbreitung in den niederen Regionen längs der ganzen Küste 



Fr 



Hr< 



* 



>'■ 




Spezieller Teil. 

Übersicht der Gattungen. 

A- Achänien ohne Höhlungen: 

I, Randblüten ungeschlechtlich, Scheibenblüten hermaphro- 
ditisch, fertil. Achänien wollig behaart oder kahl. Pappus aus 
einer Reihe kleiner Schüppchen bestehend, krönchenförmig oder 



fehlend- Filamente rauh 



1. Arctotheca Wendl 



II. Randblüten weiblich, fertil; Scheibenblüten hermaphro- 
ditisch, nur die äußersten Kreise fertil. Achänien 5 rippig oder 
schwach Skantig. Pappus aus länglich-lanzettlichen zu- 
gespitzten Schuppen mit Mittelrippe bestehend, krönchenförmig 
oder verkümmert. Filamente + papillös . 2. Haplocarpha Less, 
B, Achänien mit 2 v on den 3 dorsalen, leistenartig verbreiterten Rippen 

gebildeten und umschlossenen Höhlungen. Randblüten weibUch 
fertil, selten ungeschlechtlich und steril. Scheibenblüten herm- 
aphroditisch, höchstens die äußersten Kreise fertil. Achänien 
mit basalem Busch straffer seidiger Haare versehen, kurz- 



haarig oder kahl, niemals wollig. 



I. Pappus 2 reihig^ aus breit eiförmigen Schuppen ohne Mittel- 
ripje bestehend oder fehlend. Filamente glatt. Zylindrische 
Verdickung der Scheibenblütengriffel höchstens bis ^4 ^^^ Länge 



in 2 Schenkel geteilt 



3. Arctotis L 



II. Papjus fehlend. Filamente + papillös, zylindrische Ver- 

I n 

dickung der Scheibenblütengriffel kurz, bis unter die Mitte ge- 
spalten .4. Cymbonotus Gaud 



Genus I: Arctotheca Wendl. 

^ 

T 

j 

ÄTctothcea Wendl. Beobacht. 41 et Hort. Herrenh. 8, t. 6 (1798); 
CryptosttmmaR. Er. in Ait. hort. Kew. ed. U, Y, 141 (1813); Alhiozonium 
Kunze in Linnaea XVII, 572 (1843); CynoHs Hoffmgg. Verz. Pfl. Nachtr. 
II, «8 (1876); Mici Of;t( plkit m Less. ili Linnaea VI, 92 (1831). 

Herl ae ataules aut caulescentes repentes \ el prostratae vel rarius erectae, 
■4- tomentosae annuae peremiesve. Capitulum radiatum, floribus radii 




J- 



\ 



Systeinatisclie Gliederung usw. der Arctotideae — Ärctotidinae« 



49 



nT 



neutris ligulatis saepe 3 — 5-partitis, disci tubulosis 5-dentati& S fertilibas. 

+ • 

Receptaculum alveolatum + fimbrilliferxim, Involucri campanulati 
squamaeliberaepluriseriales exteriores minores acutae aut appendiculatac, 
interiores apice membranaceae vel scariosae obtusae- Stylus Arctotidea- 
nim. Staminum filamenta papulosa. Achaenium ovatum exalatum vix 
3 — 5-costatum lanato-tomentosum pappo uniseriali scarioso paleaceo aut 
coroniformi institutum aut calvum et pappo omnino carentes Folia 
petiolata ovata indivisa (carte infittia brevi decidentia) aut + lyrato- 
pinnatifida. Pedunculi 1-cephali. Flores radii flavae. 

Clav, spec: A. Ach. pappo tomentoque nuUo 

B. Ach. larata 

F 

a) Pappus paleaceus 



1. A. r^ptns 



1, Involucri squamae exter. valde elongatae. 



2. A. Forbcsiana 



: 



2. Inv. squamarum ext, appendicesbrevesreflexae. 



Arct 

repens 



* 

b) Pappus coroniformis 



3. A. calendulacca 

4. A. nivea 



We 



Jacq. lort. Schoenbr. t. 306, III, p. 31; Ardotis interrupla 
Th. Flor. Cap. 708; Ardoiis proslrata Salisb. Prodr. 210; Arctotheca grawU- 



fh 



in Ind. sem. Goett. 1 (1832). 



Südwestl. Kapland; 



Kap (Bergius!, Drege!, Eckion!, Ludwig! s. n.); Greenpoint (Mundt! 
8. n.); Saron, Frenchhoek (Schlechter! 10269) bis 700 m. — Südliches 

Küstenland: Plettenbergbay (Mundt! s. n.). 

la. spec. dubia excludenda: A. liirla Schrad. ex Stcud. Nom. ed. II, 
1. P. 120. 

2. Arctotheca Forhcsiaiia (Harv.) Lewin: Cryptosfemtna Forbesiam 
Wan-. Flor. Cap. 111, 468. Gazania Forhesiana ^^ " ''- ^^"^ '"''' 
S^üdwestl. Kapland: Urng. r. 

terg und Riv. Zondereinde (Zeyher! 3016); Kapsche Ebene bei Raten- 

40 m /Mo nT,r,.r.t 1484); Klaverley p. Simonstown 270 ai 



Kapstadt (Forbes); zwischen Zwarte- 



h 



urg 



m (McOwan! 



(Schlechter! 1075). 



Von 



:anz 



im Zwartland vorkommen (Schlechter! 2124), nur durch die langen 
^rakteenanhänge zu unterscheiden. 



I 



3. Arctotheca calendulacca (R. Br.) Lewin. 



lend 



1- c* t 157: 



Undttlace 



lend 



spec. 




ndr 



^^^^tis, corrus€mi3, snperba L. spec. 1305 et 1306, Mant.470, Syst. veg. 659. 



Amoe 



' ^' P- "^'^l; Ardotis hypochondriaca 



^meines Unkraut in den niederen Regionen des ganzen Kaplandes, 

•öde. Hepertomm apecieroni noranun. Beiheft ^^ ^ 



XL 



50 



Kurt Lewin 



» 



hauptsächlich auf Kalk. — Südwestl. Kapland: Kap (Bergius 



! 



I 



Spielhaus!, Scott-Elliot! 1162, Diels! 9); Claremont (Schlechter,! 
625); Saron 270 m (Schlechter! 67); Piquetberg (Diels! 159). 
Zwartland: (Schlechter! 161, 528, 1718, 1719, 2056, 2124). — Kl.- 
Namaqualand incl. Clanwilliam: Olifantrivier bei Brakfontein 
(Eckion!, Schlechter! n. 5288); Ol.-riv. Karroohöhe (Drege! 2740a); 
Zoutrivier (Schlechter! 8123); Vogelfontein (Schlechter! 8522). 
Beutsch-Südwest-Afrika: Port Nolloth, Oaldep (Graf Pfeil! 32). 
Südl. Küstenland und Kafferland: Kalkhöhe zwischen Zwartk 

■ 

I 

rivier und Zondagsrivier (Ecklonl); Grahamstown (?) (Ecklon!). 

r 

Östliche Karroo: Cradock 940 m (Kuntze!). — Natal: Durban 
(Medley Wood! 782), — Stets unter 1000 m; karrooartige Öd- 
f lachen. — Verschleppt in Australien: Nov. Holland (Preiß! 
129). —West-Australien: Swan, freie Stelle der Dünen, kalkhalt 
Sand (Diels! 1499). — Süd-Australien: Flinders Range etc. (Base- 
dow!). — Viktoria: Greenough Fiats (Diels! 4234); Melbourne (Gru- 
nowl. A. Toepffer! 145); Port Lonsdale (Jos. Tilden! 785). — Neu- 
Süd-Wales: Sidney (Tilden! 540). —In West-Äustralien gemeinste 

* - 

eingebürgerte Pflanze: ,,Cape weed". — Eingeschleppt auch in Por- 
tugal: Estremadura (Welwitsch! 499); Barreiro (A. Möller! 278); 
Sinis (M. Winckler!). 

var. a. hypociloiidriaca (DC.) Lewin: — foha duplo pinnatifida aut 
pinnatilobata. — . Süd- Afrika: Kapstadt (Wilms!); Vogelfontein 
(Schlechter! 8522 z. T.); Kl.-Namaqualand (Scully! 30). 

4. Arctotlicea nivea (Less.) Lewin; Microstephium niveum Less. in 

Linnaea 1836. p, 92. et SvnoDs. -n. 5Pi: OMp.nsmiPrmum nivpum L. fiL. Thbg. 



Fl. Cap. 716 nee Arctoiis pojml 



;anzen 



Stranddünen 

Südwestl. Kapland: Kap 

Küstenland: 



(Krebs!, Mundt et Maire!, Wilms! 3303). 

Uitenhagen (Ecklon!). — Südöstl. Küstenland: Kei-mündi 
(Flanagan! 885). — Pondoland (Beyrich! 41; Bachmann! 1520). 
Natal: Omsamkaba und Omtendo (Drcgel 5131); Durban (Rudatis! 
1508; Medley Wood! 944). 



Genus 11: Haplocarpha Less. 

M 

Haplocarpha Less. 1. c. p. 90, Syn. p. 36, Damatris Cass. in Bull. Soc 
Phüom.139 (1817) et Di^t. Scienc. nat. XIl, p. 471 (1818); Landtia Less. 
Syn. p. 37 (1832); Scknittspahma Seh. Bip. in Flora XXV, p. 436 (1842); 
Ubiaea J. Gay in Pich. Tent. fl. Abyss. I, p. 447 (1847). 

Herbae pereimes acaules subacaules\^e rhizomäte digitum longo »d 
Collum incrassato aut brevissimo numerosis radicibus fibrosis crassiuscuhs 
mstituto. Capitulum radiatum, floribus radii ligulatis femineis fertiÜ^^ 



r f 



\ 



-4 



Systematische Gliederung usw- der Arototideae— Arctotidinaa 51 



disci tubulosis ß -dentatis hermaphroditiSj centralibus sterilibus. Re- 
ceptaculum parce alveolatum, fimbrilliferum aut nuduüi. Involucii 
campanulati aut inverse conoidis squamae multiscriales foliaccae exteriores 
acuminatae appendiculataeve interiores obtusae margine sicco. Staminum 
filamenta laevia aut parce papulosa. Achaeuium exalatum i 5-costatum 
vel turbinatum, autvillosum et pappo uniseriali paleaceo — paleis tenerrimis 
diaphanis uninerviis acutis — coronatum aut nisi ad basim non hirsutum 



pappo minutiusculo. 



integra aut di^*erse incisa 



supra laevia aüt scabrida subtus semper tomentosa. Scapi 1-cepbali. 

' Clav, spec: 
A. Pappus achaenio non brevior paleaceuö 

a) Involucrum ± hemisphaericum 

I. Folia lyrato pinaatifida 1. H. IjTata 

II. Folia oblongo-obovata aut spathulosa integra aut rarias 



mcisa 



multiseriales 



* 



reflexae . . 2. H. scaposa 



squam 



3. H. lanata 



b) Involucri cono similis squam. adpressae pauciseriales 



B- Pappus minutUxS. 

I 

a) Pappus paleaceus. 
I. Achaenium cos 



4. H* parvifoKa 



1. Folia subintegra irregulariter dentata aut subruncinat 



5. H. hirsuta 



pinnato- incisa 



a) lobuü foliorum acuti . . . • 6. H. serrata 



I 



ß) lobuli foliorum obtusi rotundi 



7. H. Schimperi 



F 

II. Achaenium ecostatum sed sulcatum scabrum 



9- H. orata 



^) l*appus coroniformis 

I- Pappus ciliato-laceratus rudimentarius 



II- Pappus dentatus 

4 

Haplocarpha lyrata Harv. in Harv 



8. H. RfippeUii 
10. H. hastata 



<^presm Eckl ! Herb. ; Haphcarpfia LeicMUnn N. E. Br. in Gardeners 
Ctronicle XIX, 1883. — Südliclies Küstenland und Kafferland: 
Hassaquaskioof (Zeyh.3003 fide Harr.); Ado pone Zwartkopsdrier (Eckl. 
et 2eyh.!). — Graliamstown (A. Kuhn! Schönland! 76). — Kg. 
^'iUiamst 



own 



4 



52 



Kurt Lewin. 



' 2, Haplocarpha scapoea Harv. in Harv. et Sond. 1. c. III, p. 465); 

HaplocarpJia Thunbergii DC. 1. c. 494, non Less. — Kafferland (südl. 
Küstenland [?]): ? Gouritz-Riv. ? (Burchell. fide Harv.) Katriver: 
(Drege! 3706) Grashöhe unter lOOOm (Eckion!) ceded Territory, 330 bis 
1000 m). — Queenstown (Galpin! 1672; 700 m- — Baur! 1153; 1200 m). 



Ost-Griqualand, Drakensberge: Kokstadt (Haygart! 1300 ui: 



Tyson! 465; Felshügel 17C0 m). —Van Reenen (M. Wood! 9688; 2000 m). 
— Südliche und östliche innerafrikanische Hochfläche: 
a) Orange-river-Gebiet und Transvaal-Hoogeveld: Modderfontein 
(Conrath! 516, Bach bei Dynamitfabrik). — Lydenburg (Wilms! 766, 
767, beim Ort). — Aapiesrivier (Schlechter! 3666) 1600 m, Niederung. 
Standerton (Wilms! 765). — Tafelkoop (Crook! 1649). — Pretoria und 
Highland- Station 1600 m (O. Kuntze!). —b) Inneres Angola: Malange 
(A. V. Meciiow! 363). — c) N.W. Rhodesia (Kassner! 2269) unter 
Bäumen. — d) Nyassaland: (Buchanan! 142). — Ostafrika: Uhelie 
Ndembera-Niederung (Prittwitz-Gaffron! 19). — TJdschungweberge 
ICOO m (Fr. Hptm. Prince!); Kingabergwiesen 2200 m (Stolz! 2227). 
3. Haplocarplia lanata Less. in Linnaea YI, 1831, p. 90; Arciotis 
lanata Th. 1. c. 708; Hapl Thunbergii Less., Syn. 36; Hapl Lessingü 
DC. 1. c. 494; Arciotis acaulis Diege Herb. — Einziger Standort: Tafel- 
berg: Flache-klip (Berg.! Typus); Drakenstein am Wasseifall (Drege 
2389; Simonstown (Schlechter! 671); Tafelborg (Eckl.-Zeyh.! Spiel- 
haus! Kuntze!) rOO-1100 m. 

Harvey trennt Thunbergs Exemplar mit Lessing als Hapl 
Thunbergii ab. Das Original des Herb. Thbg. in Upsala stammt sicher 
von dem gleichen Standort und unterscheidet sich von den anderen n^ 
durch die längere Spitze der Pappusschuppen. Bei der starken Varia 
dieses Merkmals ist es kein Grund, diese Pflanze als selbständige Ait 
aufrechtzuerhalten, zumal sonst nicht der kleinste Untei schied nach- 
weisbar ist. Im Herb. Dahlem befinden sich Exemplare, bei denen kaum 
eine Mittelrippe auf der Pappusschuppe erkennbar ist, neben solchen, 
bei denen die Rippe als längere Spitze herausragt, wenn auch nicht gerade 
so lang wie bei Tlrbgs. Orig. 




4. Haplocarpha parvifolia (Schlecht.) Lewin; Arcfolis parmfoU^ 
Schlecht, in Engl. Bot, Jahrb. XXVII, p. 218. — Kaltes Bokkeveld, 
1200 m, auf feuchtem Boden (Schlechter! 8894). 

Von Schlechter als Araotis beschrieben, aber durch die allerdings 
noch unreifen Achänien und den zugespitzten Pappus als Haplocarpn^ 
charakterisiert., 

5. Haplocarpha hirsula (Less.) Lewin; Landtia Ursuia Less. Syn. p- 37; 
Arctotis echinata DC. 1. <;. 495; Landtia media Drege Herb., Landtia nervosa 
Less. Syn. 38; Perdicium nervosum Th. Cap. 689; Leria nervosa Spr. -:r 



/ 



L 

1 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 53 



Kaf f erland (Eck! on •) zwischen Katberg auf der Dümpfelfläohe, 1300 bis 

17C0 m (Drege! 3703); Blesbok vlakte feuchte Täler und Sümpfe 1000 bis 

1300 m (Drege!); Bazeja-Jnnyoka 700 m (Baur! 530). — Cap. 
Thunberg! 

Kommt an denselben Orten in zwei Formen vor, mit abstehenden 
Safthaaren auf Oberseite und Nerven der Unterseite und nahezu ohne 
solche. Dreges Exemplare stehen ziemlieh in der Mitte zwischen den 
Extremen. Sie als Arten zu trennen, halte ich für unberechtigt. 

6. Haploearpha serrata Lewin, nov. spec. — Herba acaulis, humilis, 
rhizomate bre\i crasso abrupto emittente numerosas radices fibrosas 
crassiusculas. Folia petiolata anguste ovato lanceolata semi-obt usa 
vario serrato- aut runcinato-incisa, lobulis vel dentibus retroversis, 
supra lae/ia aut parce hirsuta, subtus albo-tomentosa, cum petiolo ad 
5 cm longa. Petiolus paulo brevior quam lamina, planus basi valde dilatata 
vaginato-amplexicauli, margine ciliata. Pedunculus foliis brevior toraen^ 
tosus et pilosus. Capitula cum floribus 3 cm in diam. rad. flores diaphani; 
mvolucri conoidis squamae exteriores elongatae acutae satis glabrae, 
mteriores obtusae membranaceae apice sparsim tomentosa. Achaenia 
2 mm longa 4 costata, laevia costis scabris, basi paucis minutis pilis ornata, 
Pappus paleaceus, paleis hyalinis minutis. — Transvaal- Hoogveld: 
Inter Volksruist et Paarde-Kope, 1600 m, auf feuchtem, tonigem 

{Schlechter! 3440 z. T.). 

7. Haploearpha Schimperi (Benth. et Hook.) Lewin; Landüa 



Bode 



Schi 



mpen 



Schultz. Bip. in Linnaea 1842, p.439; Ubiaea ScJiimperi J. Gay ex A. Rieh 
M. Abyss. I, p.447). —Nord- und Mittelabessinien: Endschedcab, 
Aflua, Bebra Estri, Bergwiesen, feuchte Äcker, 3400 m (Schimperf 67, 
1087, 1176) (Petit!); Sassidosatscha (Rohlfs u. Stecker!); Ghaba 
(Steudner! 302). — Bschoa und Gallahochland: Lebit, am Bach 
2öOüm (Steudner! 372); Addi Schoa, 
4/8). — Eryträa: Hamasen-Asmara ( 



Äcker 1700—3500 m (Steudner! 



ewin 



Landt 



K 



P- 439. 

4800 

3300 
Kibos 



Büppell 



1. c. 



;gren7.e am Kibo, 2800 



m (H. Meye'r! 76, 238). — Feuchte Stellen des oberen Erika waldes 
m (C. IThlig! 83; Jaeger! 155); Feuchte Schlucht oberhalb' des 




(Volkens! 1551); Grasregion 2900-^000 

Mittelabessinien: Amba-ras 4000 m(Steudner! 

*15); Gunagipfel 4000 m (Schimper! 1513; Steudner! 416) an Bächen. 
Endschedcab; Bachit, feuchte Plätze des oberen Berges (Schimper! 
1119. U76). -Dschoa-Galla: Awara (Ellenbeck! 1824). - Harar: 
Gara-Mulata, 2000—3000 m, Matten (Ellenbeck! 586). 



54 



Kurt Lewin . 



9, HaplocarpLa ovata Lewin, nov. spec. — Herba acaulis, humilii?, 
rhizomate brevi crasso abrupto emittente radices longas fibrosas crassius- 
culas simplices. IFolia petiolata ovata Integra vel rarius paulo incisa obtusa 
supra laevia subtns nervis omissis tenuiter albo-tomentosa, cum petiolo 
laminam aequante aut longitudine superante ad 5 cm longa. Petioli basis 
dilatata vaginata ma^gine non ciliata. Pedunculus f olia vix aequans satis 
laevis et glaber. Capitula cum floribus 3 cm in diametrum; involucii 
conoidis squamae exteriores foliaceae apice attenuata acuta paulum 
roflexa ±laeves carinatae; interiores obtusae membranaceae. Styii 
cylindrica incrassatio paülatim ad imum attenuata, zona attenuationis 
pilosa. Achaenium ovif orme 3 mm longum ecostatum trisulcatum scabrum, 
Pappus valde minutus. — -Transvaal- Hoogveldrlnter Volksruist et 
Paardekope, 1000 m auf feuchtem, tonigem Boden (Schlechter! 3440a). 

Kommt zusammen mit H.serrata Lewin vor. Die Art steht von allen 
H, Rüppellii am nächsten, unterscheidet sich aber von dieser Art dnrcn 
die rauhen Achänien mit dem Pappus- und Haarrest. Bei H- 




öind die Achänien ganz glatt von charakteristisch bleigrauer Farbe. Der 

n 

Phppus auch im embrj^onalen Zustand kaum erkennbar. 

10- Haplocarpha hastata Lewin, nov. spec. — Herba acaulis palustris. 
Folia longe petiolata oblonga obtuse acüminata subintegra sed ad basim 
semel incisa. Lobulus obtusus rotundus. Lamina ad 10 cm longa supra 

r 

laevis, glabra, subtus albo-tomentosa, petiolus ad 20 cm longus sulcatus 
tenuiter tomen^osus. Capitulum spectabile, cum floribus ad 4 cm in dia- 
rnetrum» floribus radii flavis, Florum disci lobuli satis longi. Pedunculus 
1-cephalus cavus etiam longior quam folia (ad 45 cm), parte inferiore laevis 
superiore tomentosus. Involucri conoidis squamae exteriores foliaceae 
carinatae elongatae acutae apice nigro, tomentosac et nigropilosae, in- 



teriores membranaceae partim acuminatae partim obtusae. Achaenium 
± tetragonum, laeve, pappo coroniformi denticulato ornatum. — Galla- 
hochland: Arussi-Galla (Hochebene Didah) im Sumpf 2200 m (Ellen- 
beek 1498). — Typisch hochschäftige Sumpfpflanze, die größte aller 



Haplocarpha- Alten, 



Genus III: Arctotis L. 



Arctotis L. Gen. PI. ed. I. p. 261 (1737); Anemonosvennos 



Hffm 



Odontoptera Cass. Dict. sc. nat. XXXV, p. 396 (1825); Steganofus Cass. I. «•• 
Tenidium Less. in Linnaea VI (1836) p. 91, Syn. p. 29; Anihrospermwn 
Seh. Bip. in Walp. Rep. 6, p. 277. 

Herbae acaules vel subacaules ant caulescentes prostratae vel erectae 
aut suffrutices ramosae. Pedunculi semper terminales 1-cephali. Capitulum 
radiatum floribus radii ligulatis femineis feitilibus aut rarissiine neutris 



IL^ 



i 



\ 






* 



f 



J 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinac 55 



steiilibus ligulis tridentatis; floribus disci tubulosis 5-dentatis herma- 
pLroditis centralibus sterilibus. Reeeptaculum alveolatum fimbrilliferuni. 
Involucri ± campanulati squamne pluriseriales, exteriores minores ± ap- 
pendiculatae saepe foliaceae, interiores longiores obtusae scarioso-mem- 
branaceae. Filamenta laevia. "Achaema pubescentia auf glabra ovata 
5-costata, tres costae dorsales dilatatae inflexae (costa intermedia an- 
gustiore) ita ut duas cavities includant (omissa A. loptorhiza DC, ubi 



cavities aliis costis formantur) 
paleis inferioris seriei ca. S. vel 



paleaceus, 

r 

Achaonia 



pappifera plerumque copioso fasciculo pilorum ornata. — Folia altcrna 
petiolata subintegra aut varie incisa saepiiislyrata. 

A. Randblüten steril - § l. Anomalae 

B. Randblüten feitil 

a) Höhlungen der Achäiüen von den ventralen Rippen gebildet 

* IT 

§ 2. Leptorhizav 

b) Höldungen von den dorsalen Rippen gebildet 

I. Höhlungen der Achanien rund 
1. mit ausgebildetem Pappus 

a) äußere Brakteen mit spitz-dreieckigen Anhangen 

§ 3. An:rustif«iliae 



ß) äußere Brakteen mit anders geformten Anhängen 

§ 4. Äcaules 

y) äußere Brakteen ohne Anhänge .... § o. Adpressae 

2. mit verkümmertem Pappus § 6- Hirsutae 

II- flöblungen der Achanien länglich 
1. innere Brakteen ± verholzt, 

a) Anhänge der äußeren Brakteen spitz. 

aa) Anhänge schmal dreieckig, rauhhaarig, Rand 



bewimpert 



§ 7. Asperae 



l)h) Anhänge verschieden geformt und behaart, Rand 

nicht bewimpert 

aa) Blätter beiderseits gleich . . . § 8. Aeqiiales 

ßß) Blätter unterseits wollig, oberseits glatt oder 

rauh. Ränder urageroUt .... § 9-, Hevolutae 



ß) 



Caiidatae 




oder red 



aa) Blattspreite keilförmig in den Stiel übergehend 



§11. Caneatae 



bb) Blattgrund nicht keilförmig .... § 
2. innere Brakteen unv erholzt 

a) äußere TnTolukralschuppen mit ± spateligen An- 
hängen Ofler ohne solche. 






M 



55 . Kurt Lewin. 



aa) Achänien mit Pappus und basalem Haartuff 



§ 13. Stoecliadinac 

bb) Achänien ohne Pappus und Haartuff 

14. Austro- Orientales 

ß) äußere I nvolufcralsehuppen mit spitz dieieckigen 
Anhängen . . . , § 15. Acuminatae 



1 . Anonialae, 

Herbae aoaules vel subacaules, q^uae annuae videntur, rhizomate 
minuto radicibus fibrosis. Pedunculi 1-cephali, Capitula parva aut 
mediocres floribus radii sterilibus neutris 1 — 2 staminodiis ornatis, flor. 
disci hermaphroditis fejtilibus, centralibus sterilibus. Achaenia oblongo- 
ovata, laterales parietes cavitierum undulato-dentatae. Involucri ± cam- 
panulati squamae foliaceae appendiculatae, interiores quidem membra-. 
naceae. l^^'olia longe petiolata pinnatifida. 

Die Grupx>o unterscheidet sich von allen anderen der Gattung durch 
die ungeschlechtlichen Strahlblüten. Trotz großer Ähnlichkeit in den 
egetativen Merkmalen stehen sich die drei Arten^ wie auch aus den Stand- 
orten ersichtlich ist, wohl nicht sehr nahe. 

Clav, spec: 

A. Achaenium papposuni 

1. Folia supra i glabra, sparsim hirsuta 

L A. sulcocarpa 

2. Folia sui)ra scabra hispida 2. A- Dregei 

B. Achaenium apapposum . . . . , 3. A. setosa 

1. Arctotis suleocarpa Lewin, nov. spec. — Herba acaulis aut sub- 

acaulis, annua ( ?); rhizomate parvulo radicibus fibrosis. Folia longe 
petiolata cum petiolo 8 — 10 cm longa ad 13 mm lata supra viridia sparsim 
hirsuta demum glabra subtus cano-tomentosa, basalia integra ovato- 
lanceolata obtusa superiora pinnatifida; lobuli utrinque 4 — 5 angusti 
obtusi integri aut rujsus incisi, terminales non latiores confluentes: 
petioli basis paulum dilatata. Capitula — pedunculo folia aequante aut 
superante tomentoso — 2,5 cm in diam., floribus radii sterilibus neutris- 
T nv olucri squamae exteriores appendiculatae appendicibus brevibus 
obtusis interiores membranaceae longiores reticulato-nervosae margin^- 
diaphana. Achaenium pappo completo coronatum, basim non ita multis 
pilis ornatum, scabrum. — Onder Bokkeveld: Oorlgoskloof in coUibus 
800 m (Schlechter 10941). 

Die Art ähnelt A, leptarhiza DC. (Spec- 4), besonders dwch das 
Achänium und die geringe basale Behaarung derselben, am meisten aber 
durch die Jugendformen mit den ungeteilten Primärblättern, 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae- 57 



2. Arctotis Dregei Txircz. in Bull. Moscow. XXIV, p. 95 (1851). 
Riverzondereinde (Zeyher 3005 fiele Harv.). 

I 

Ich habe diese Art nicht gesehen. Der Beschreibung nach mnß sie, 
obwohl Angaben über die Sexualität fehlen, unbedingt hierher gehören. 
Da auch über das Vorkommen und Konstanz des Pappus nichts arigegebeu 
p ist, halte ich auch Identität mit der folgenden A. setosa lücht für un- 

wahrscheinlich. Die Standorte stehen durchaus im Einklang. 

3. Arctotis setosa Lewin, nov. spec, — Herba acaulis aut subacaulis, 

annua ( ?), rhizomate minuto radicibus fibrosis. Folia longe petiolata 
profetrata, cum petiolo ad 15 cm longa 2,2 cm lata suj)ra viridia sparsim 
puberula demum laevia, subtus toraentosa^ irregulariter duplo pinnatifida, 
lobis i'acutis denticulatis numerosis terminali non latiore. Petioli basis 
paulum vaginato-dilatata. Capitula — pedunculo 1-cephalo tomentoso ^ 
folia non aequante — parv^ula (1,2 cm 0), flores radii neutri steriles. In- 

■ 

volucri i campanulati squaraae exteriores laeves in acutam, in latus 
flexam, longis pujpureo-coeruleis setis ornatam appendicem nigram pro- 
longatae, interiores membranaceae margine diaphana ciliata. Achaenia 
scabra non pilosa apapposa. — Südliches Küstenland: Riversdale 
(C. Rust 214). 

Im Habitus Ä. sulcocarpa sehr ähnlich, auch gewissen Formen von 
ArctotTieca calendulacea. Ausgesprochene Sandpflanze mit flach dem Boden 
anliegenden Blättern. 



§ IL Leptorhizae. 

Herbae aubacaules radice tenui fibrosa, foliis petiolatis supra viridibus 
Jiirsutulis subtus toraentosis, primariis oblongo-lanceolatis subintcgris, 
Posterioribus acute dentatis aut lyiato-pinnatifidis ad 10—12 cm longis, 
pedunculis 1-cephalis tomentosis et nigro-pilosis ; involucri squaniae 
exteriores lineaiibus appendicibus hirtellis patenti-recurvis instructae. 
Alae achaenii ex duabus ventralibus costis in dorsum reflexis ortae. Ligulae 
iüteae. 

4. Arctotis leptorMza DC. 1. c. p. 486; Ä, breviscapa Th. i. c. p.700. 

^'^r. a) scapis folia non multo longioribus, foliis inciso-dentatis 

breviscapa 

var. ß) scapis plerumque foliis longioribus, foliis subintegris 

longiscapa 

I>ie beiden Varietäten gehen völlig ineinander über. Nach meiner 
Ansicht sind die longiscapa-Foimen Jugendformen mit gehemmten 
^olgeblättern. 



.^ 



Südwestliche Provinz: Kap (Ecklon!typ.!,Bergius!Ludwig!); 
I^ngekloof (Schlechter! 8388); Muizenberg(Wilms!335#; Schlechter! 



J 






58 



Kurt Lewin. 



1288); Piquenierskloof 280 m (Schlechter! 4942). — Zwartland: 
DarHng und Hopefield (Bachmann! 1G3 und 446). — Clanwilliam: 
, Sandfelder 75 m (Diels! 268). 

§ III. Acaules* 

HeiLae acaules vel subacaules ihizomate digitum crasso ligneo. Folia 
radicalia longe petiolata multifoimia — oblonge- snbruncmata^ incisa, 
lobtilata aut lyrata paucis vel multis lobis lateralibus — 12 — IS cm longa 
ad 4 — ^5 cm lata, supra scabra aut hispida, subtus albo-tomentosa, margme 
subreflexa; lobi et lobuli obtusi. Pedunculus scaposus elongatus tomentosus, 
. setoBUS, glandulosus. Involucri squamae glabrae, exteriorum appendices 
candiformes hirsuto-tomentosae. Achaenii cavities rotundae. • Radu 



tJiupurei 



Clav, spec: 

a) Folia lyrata , . . , 5, A. aeaulis 

b) Folia obloiigo-obovata non pinnatifida .... . . 6. A. tricolor 



hemicirculosa 



5. Arctotis aeaulis L. Spec. pl. ed. II, p. 1506; A. scapigera Tli. 1. ^^ 

isa JacQ. Hort. Schönbr. t. 161. — Südwest!, Kapland: 



p. 708; A, speaosa Jacq. rtort. Schönbr. t. 161. — 

Kapstadt (Mundt! 216; Linck!; Eckion!; Mc. Owan! 2395; W 

3350; Diels!82\50 m; Iloodebloem(Beretiuä!^: Piauenierskloof (Pei 



Ims? 

ther 



i;i29). — Zwartland: Darling und Hopefield (Bachmann! 532, 1715). 



Arctotis 



Südl. K 



Zeekoe-Vley, Hügel 175 m (Schlechter! 8573); Riversdale (Rust! 
210, 212). 

7. Arctotis undulata Jacq. 1. c, t. 160. — Südwest!. Kaplan^: 
Kap (Spielhaus!); Tülbagh 300 m (Mc. wan! 747). 

waren von Lessing zu A. aeaulis vereinigt worden. 
Neueres Material zeigt aber die deutliche Verschiedenheit in der Blatt- 
form und der Gestalt der Brakteenanliänge, Diese sind bei A- unduIMo, 
blattartig breit. Ferner hat A. undulata farbigen Pappus, die anderen 
weißen; A. tricoUr hat auch eine andere Verbreitung! 



Alten 



IV. Angustifoliae. 

-T 

L 

Herbae caulescentes decumbentes vel ascendentes paulum ramosae, 
bispidae et scabrae et tomentosae. Folia breviter petiolata aut subsessilia- 



lanceolata vel elliptico-oblonga acuta remote dentieulata vel integra 



J 



\ 






i 



supra scabra vel hispida subtus albo-lanata trinervia. Pedunculus terminali& 
tomentosns et nigropilosns; involucri araneoöo-tomentoöi squamae es- 
teriores in appendicem longe-tiiangularem angustam acutam nig^'O- i 

marginatam productae. Achaenii cavities rotundi. 



.^«ai^H^Vk^l^ 



Systematische Gliederung niw- der Arctotideae— Arctotidinae. 



59 



___ 4 

ignstifolia L. Spec. PL 1306, non Jacq.; A^ decumbens 
non Th. neque A, decurrens Jaca. 1. c. t, 163, 



ß) 



K 



Constantia (Bergius!); Kap (Eckion! 



f 



Frühjahr überschwemmte 



Wynberg (Wil 



ericetum 



(Kiintze!). 



var. ß) Howhoek, Sandfelder 6—700 m (Schlechter! 7398). 



* 



p 



V, Adpressae. 

Herbae acaules vel subacaules rhizomate crasso saepius breviter 
abrupto. Folia petiolata lyxato-pinnatifida aut subrotunda utrinque 
dense albo-lanata aut sericea obtusa. Peduncrdus tomentosus duplo 
longior foliis. Involucrmn ± laeve; exteriorum squamarum appendices 
lineares tomentosae minutae vel omnino deficientes. S< 



uamae ipsae 



aav 



parvul 



subrotunda cordata basi .... 9. A. populifolia 



lyrato 



1. Inv. squamarum appendices deficientes . . . 10. . 

2. Inv. sq uamae appendiculatae . 11. 

rctotis populifolia Berff. Fl. cap. 323, J. verhasci folia 



äpressa 
diffusa 



c. 



P 452. -~ Südlich. Küstenland: Plettenbergbay (Dünen?) Eckion 

l>em. TVlf» rvTlT- TT<-vr.1iorrQ-r./1n X>(^Q■nrJa, -r>Q Rf anf>Vl ■O-öllio' Till flpT Bf! 



r 



eni. Die mir vorliesende Pflanze 



Schreibung von A. verhasci folia Harv., aber nicht deren Standort: Skurfde- 
^rgen (Zeyher). Da mein Exemplar mit einem von Ardotheca nivea 
^«sammenhing, halte ich den oben angegebenen Standort für richtig, 
Während bei Harvey vielleicht eine Zettel- oder Niimmervertauschung 
(J^ei Eck.-Zeyherschen Pflanzen sehr häufig!!!) vorliegt. 



10. Aretotis adpressa DC. 1. c. p. 485. 



acaulis 



CJanwilliam und Kaltes Bokkeveld: Cederberge (Dregel [Typ.] 
2750), 1000—1300 m. Tweefontein 2000 m (Schlechter! 10132). 

-Bern. Eckions Exemnlare sind sehr unvollkommen, wahrscheinlich 



1- e. 485. 



lyrata. Standort: üitenhagen. 

Aretotis diffusa Th. Fl. car». n. 



707. 



canescefis DC 



t'-ales Gebiet des 



ndens Muschler in Engl.Jahrb. Bd. 44, p. 124 



Zen- 



K 



veldbe 

Bok 



[Kap.] Th. ! 



Beaufort 




1700 m (Drege! 671), 



und Kamdeboo 



Harv 



ttmente 



P 



nzen: 



« 



^ichtbuschi 



p. 69) — Calvinia, Hantamgebirge, sonnige Stellen der 



Trifte 



Schiefer 



716). 



60 



Kurt Lewin. 



Beul. Die Exemplare von Drege und Diels stimmen mit Thbgs. 
Original völlig überein!). AAijfma Th. ist mit den beiden anderen Arten 
mehr aus praktischen Gründen vereinigt worden. Tatsächlich steht sie 
in der natürlichen Verwandtschaft recht isoliert. Die seidige Behaarung 
(und die lilablauen Blüten) unterscheiden sie deutlich von den beiden 

anderen, deren Behaarung wollig ist. 

Spec. dubia vel excludenda; A. oocephala DC. p. 486 ist meiner 
Meinung nach überhaupt keine Arctotis, sondern der Beschreibung nach 
Haplocarpha, Auch den Standort halte ich für zweifelhaft! — Ceder- 
berge (Drege)! 

VI. Hiisutae, 

H erbae erectae ramosae interdum ' decumbentes vel pseudacaules. 
Tota planta — caulis, rami, petioli, folia, pedunculus — longis, articulatis 
pilis sucosis vestita; folia dispersa nonnunquara circum basim conserta, 
±: pinnatilobata, multiforraia^ superiora subintegra semiamplexicauha 
rami pedunculoides 1-cephali. Tnvolucri squamae foliolaceäe', exteriores 
appendiculatae hirsutae. Achaenii non pilosi cavities rotundae. Pappus 
minutus aut rudimentarius. Radii flores lutei. 

Bern. Eine kleine Gruppe von zwei einander gar nicht so sehr nahe- 
stehenden, äußerst polymorphen Arten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, 
daß die drei angeblichen .yPseudarctotis'' -Alten — falls sie nicht etwa 
zu den Anomala gehören — mit den Arten dieser Gruppe identisch sind, 
und zwar Jugendformen darstellen (vgl. AUg. Teil!), jedenfalls spricht 
die Verbreitung sehr dafür. {A.venidioides DC. 1. c. 489: Olifantriv., 
Drege, — A. pnsilla DC. L c. 489 dgL — A. flaccida Jacq. Hort. Schönbr. 
t. 163; Namaqualand, v. Schlicht fide Harv.] [ 

Clav, spec: 

a) Achaenium glabrum, non laeve, 8 minutis pappi squamis 



folia 



12. A. hirsota 






^. b) Achaenium transverse rugulosum, pappus rudimentarius 



aurea 



J-^ s^ 12. Arctotis hirsuta (Harv.)> Lewin. — Venidium hirsutum Harv. 



1. c, 436. 



•.alevdulace 



Hb. Thbg.l Nr. 6. — Ven. Mspidulum DC. 1. c. 493? — Ven. {Anthro- 
spermum) Kramsii Seh. Bip. ? in Walp. Rep. 6 p. 277 abbrev. Ven. specio- 
.SMwRgl.— Kap und südwestliche Provinz: Kap: (Wilms! 3352, 
Spielhaua!) — Greenpoint: (Pappel — Mc.-Owan! 1908 = 3200) 
Sandboden in Meereshöhe. — Piquenierskloof : (Schlechter! 10759) 



270 m. 



.bury, Malmesbury 



166; 727, 1716, 2048, 2160). — van Rhynsdorp: (Marloth! 2630) 

Triften, auf Sand oder 



80 m. (Diels! 423, 1166.) 
Lehm 45—100 m. 



sonnige 



i 






Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 61 



Bern. Es erscheint mir unraöglichj daß eine solche Massenpflanze, 
wie es Ä, hirsuta ist, Sammlern wie Drege und Eckion entgangen sein 
sollte. Harvey hat die ganz außerordentliche Polymorphie der Art nicht 
erkannt. Ich nehme daher an, daß die von Schultz Bip.ah An(hros per mvm 
Kratissii abgesonderte Pflanze Dreges, die DC. als Veii. hispidulum ' 
(non Less!) bestimmte bzw. benannte, mit A. hirsuta identisch ist. Ge- 
sehen habe ich das Exemplar nicht, glaube aber nach der Beschreibung 
und meinen Beobachtungen an Kulturpflanzen dazu berechtigt zu sein. 

13. Ardotis aurea (DC.) Lewin. — Venidium aureuvi DC. 1. c. p. 494, 
Yen, macrocephahim DC. 1. c, p. 495. Ven, Wylei Harv. 1. c. p. 463. ArdolU 
Maximiliami Schlecht, man . — Klein-Namaqualand: Zwischen 
Zwartdooi nrivier und Groenrivier unter 300 m. (Drege! 2739.) Olifant- 

r 

rivier, Karroohöhe (Drege! 2740), — Dünen (Drege! 2742). — Zabies 
(M. Schlechter! 49) (Drege! s. 1. 623), Zout-rivier 170 m (Schlechter! 
8135) s. 1. (Scully ! 4). Hantam ? (Dr. Meyer! — Modderfontein (Bolus! 
414). — D.-S.-W. -Afrika: Aus (Steingröver! 12, Dinter! UOÜ). 
Kiesiges Rivier 1400 m! (Range!; A. 89, A. 100, 519, 1152, 1855) Sand- 
boden. — Klinghatdtgebirge (Dr. Schäfer! 572). — Port NoUoth-Oakiep. 
(Graf Pfeil! 53.) Gr. Fischbay (Nachtigall). 

Bern. Auch diese Art ist sehr polymorph, derart, daß De CandoUe 
die ihm vorliegenden Exemplare als verschiedene Arten: A. macrocephala 
und A. aurea beschrieb. Dieser Irrtum war selbstverständlich, da von 



macroce 



fehlt. Den fehlenden Übergang gaben mir die als Ven. Wylei Harv. be- 
stimmten neueren Exemplare. Harvey kam zur Aufstellung seiner neuen 



macroce 



Ven. Wylei Harv. ist eine stabile Zwischenform zwischen den Extremen 
Ven. macroce'pJmlum DC, die sehr hochwüchsig und saftig ist, und VfJi. 

■m 

O'fireum DC, einer ausgesprochenen Kümmerform. 

Species dubiae: Venidium siibacaule DC. 1. c. p. 493. 

Venidium fugax Harv. 1. c. p. 464. 
Die Originale habe ich nicht gesehen. Die Beschreibungen passen 
auf die verschiedenen Formen von A. hirsida; auch die Standorte : Zwischen 
Hesriver and Bokkeveld (Drege) für die erste, Cap. (Drege) für die 
zweite Art. 



VII. Asperae 



Suff 



cauUbus hispidis 






Plerumque stiiatis aut sulcatis. Folia supra aut utrinque hispida, scabra, 
partim setosa et glandulosa, nonnunquam subtus tomentosa, oblonga aut 
ianceolata subpetiolata ± aurita et semiamplex icaulia subintegra ad 
*^^Plo pinnatifida aut pinnatüobata, inaequaliter dentata. Achaenii 






4 



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.1 




m 



62 



Kurt Lewin. 



^ * 



pappum ferentis cavities oblongae, cavitierum paiietes laterales dentatae 
margine membranacea. Involucri squamae exteriores appendice acute 
triangnlari setis ciliata ornatae hispidae et scabrae non tomentosae; in- 
teriores siccae membranaceae. 

Clav, spec: 

a) Caulis herbaceus, folia oblonga aut subpanduriformia, 

dentata incisa aut sinuato-pinnatifida utrinque viridia 

14. A. bellidifoUa 

b) Caulis suffruticosus, folia subintegra ad duplo piiinatifida, 
varie incisa et dentata . , , 15. A» aspera 

14. Arctotis bcllidifolia Berg. Fl. Cap. 318 non Th.; = A. muricata 
Th. 1. c. 707 = A. paniculata Jacq. 1. c, t. 380. — Südwestliche 
Provinz: Tulbagh (Zeyber fid. Harv.). Paarlberg (Drege! 1715 u. 1716, 
letztere als A, arborescens bestimmt!) feuchte Orte, am Felsen, Moor- 
boden! — Zwartland: Sandfläche im Zwartland (Thunberg! Herb. 
Th.). — Clanwilliam: Ebenezar und Blauwberg (Drege fid. . Meyer- 
Drege p. 73 u. 107). 

15. Arctotis asprra L. Spec. 1307. 

a) fa. typica. Folia pinnatifida, segmenta longa linearia obtusa 
dentata squarrosa, subtus tomentosa. — .4. aspera Jj.; A. maculata Jacq. 
1. c. t. 397, A. aspera var. scabra Berg. A, aureola Edw. bot. Reg. t. 37. 



arborescens Willd 



M 



Talhang. 

ß) scabra Berg. Folia subintegra aut pinnatifida valde hispida et 
scabra, non nisi in crescentia subtus tomentosa. — A, glandulosa Th. 
Cap. 706. — Südwestliche Provinz: Piquetberg (Th.! Herb. Thb.) 
s. 1. EckL! Kap, Tafelberg 100 m (Schlechter! 713). — Muizenberg 
felsige Abhänge 270 m (BolusI 4534, Wilms! 3349, Mc. Owan! 228). 
Gartenformender o^pera-Gruppe sind: ^, rewI^^faJacq. Herb. Hort 
Schönbr. 1. c. 1. 173; A, glaucophylla Jacq. Herb. Hort. Schönbr. L c. t, 170; 
A. arborescens Jacq. Herb. Hort. Schönbr. 

Bern. Die sehr große Art Arctotis aspera L., wie sie bis zu Harvey 
inkl. bestand, mußte ich auflösen: die darin 



vereuu 



hören nicht einmal derselben Gruppe an. Die Asperae sind 



durch ihre dreieckigen, im Gegensatz zu J. anqustifoU 



Acu7ninaiae 



besetzten 
schieden. 




glandulosa Th. ist von A^ aspera ß-scabra nicht zu trennen 
des etwa^ entfernteren Standortes ist das Äns.^f^bf^n x-nn Thunbergs 



Original 



hat 



wohl i|i erater Linie durch die Behaarung und die relative Lang' 



f. 



\ 



% 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Ärctotidinae, 63 



Pedunkulus 



mitunter 



Pedunkulu 



hat nach der eigentlichen Blüte — also während des Reifens — noch eine 
zweite sehr starke Wachstumsperiode, da die Art auf feuchtere Regionen 
beschränkt ist^ an denen die Zeitdauer des Reifens keine so starke Vcr- 



im 



VIII. Aequales. 

Suffrutices subacaules vel ascendentes ramosae, folia ± pinnatifida 
vix lyrata utrinq^ue aut albo-tomentosa aut setoso-pubescentia aut omnino 
laevia glabra (in crescentia subtus paulum tomentella). Pappus perraagnus, 
Involucri squamarum appendices longae acutae, falciformes aut lanceolatae 

j 

üut subulatae, ita tomentosa aut scabrae aut laeves ac folia, recurv^atae. 



Clav. 



spec. : 



A. Caulis ascendens, folia glabra . . . ' 16. A. laovis 

B. Caulis minutus, folia tomentosa aut setoso puberula 

17. A. campanulata 

16. Arctotis lae^is Th. FL Cap. 708. — Ä. denudata Th. I. c. 710; 
A. glahraia Jacq. 1. c. t. 175; A. squarrosa Jacq. 1. c. t. 177; A. grandißora 
Jacq. 1. c. t. 378. A. elatior Jacq. 1. c. t. 172. — Zwartland: Hopefield 
50m, Sand (Schlechter! 5310). — Kamiesberge: Leliefontein (Drege! 
2744} felsige Orte. 

"Bastarde?: A. rosea Jacq. (Herb. Hort. Schönbr. u. 1. c t. 162) 
- A. laevis x campanulata% 

r 

Ä, laevis X campanulata'i (Schlechter! llieö, Rietkloof im Distr. 
Calvinia!). 



Arctotis 



211 der dieser Species außerordentlich nahestehenden A. laevis. 



Übergänge 



foliorum 



. subtomentosa DC. 
acutae . . . puberula DC. 



Klein-Namaqualand: ...(Dr^jge! 2749 beide Var.) am Berge 
Typ. Vorberge z. Kamiesberge (Drege! 2748). — Zmschen Nababeefs 
«nd M odderf ontein (Bolus! unt. Ex.) 1000 m, Kareeberge Sand 500 m 
(Schlechter! 8228, 8282). ''' " """ •-•-^'-"^ 



nördlich 



Waterkloof 



Bern. Harvey hält Ä. camp, für nahe verwandt mit A. amuli», 
^t sogar im Zweifel, ob er sie nicht als bloße Varietät derselben ansehen 



sollte. 



liehen Merkmal überhaupt 



in keinem irgendwie 



o 



Übereinstimmrai 




64 



Kurt Lewin, 



IX. Revohitae. 



Suffrutices ascendentes vel erectae plerumque ramosae ± tomentosae. 
Folia pinnatifida aut linearia, margine re-aut involuta, subtus tomentosa 
supra etiam tomentella vel glabrescentia squarrosa. Achaenii pappum 
ferentis pilosi cavities oblongae, cavitierum parietibus in margine dentatis 
vix membranoso-alatis. Invob squamarum exteriorum appendices vana 



longitudine et forma, ectus tomentosa i acuminata squarrosa. Marg 



( 

\ 



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squamarum variegatae, Squam. interiores siccae membranaceae scariosae. 

Cav. spec: 

A. Fol. pinnatipartita, lobi acuti dentati ....... 1 8. A. Candida 

15. Fol. duplo pinnatifida 

a) margines revolutae , 19. A. cuprea 

b) margines involntae 20. A. pinnatifida 

C. Fol. linearia non pinnatifida 

a) folia satis brevia et crassinscula, involuta .... 21. A. linearis 

b) folia longa graminea, revoluta 22. A. graminea 

18. Arctotis Candida Th. 1. c. p. 710; == A. revoluta DC. 1. c. 488 non 
Jacq. 1. c. 173. neque A. glaucophylla Jacq. I. c. t. 170. — Kap: Fiats- 
(Thunberg! Herb. Thbg., Drege! 1717) Sand bei Worchester. 

Es handelt sich hier um das als A. revoluta Jacq. bestimmte Exemplai' 
von Drege, nicht um das mit dem Signum^, glaucophylla Jsicq^. Letzteres 
ist eine Form von A. acauUs L. Jacquins Original von .4. glaucopJiyl^^ 
weist auf A. aspera L., wenn es nicht ein Bastard ist. 

19. Arctotis cuprea Jacq. I. c. t. 167. — A. undulata Th. 1. c. p. 710. 
= A. cineraria Jacq. — Clanwilliam: Olifantrivier bei Brackfontein 
(Eckion! 3234; Drege! 2741) karrooartige Höhe; Hoeck und Olifantriv.- 
Berge (Schlechter! 8697 u. 5089) Sand, 270 u. 500 m. — Namaqualand: 
Klein -Namaqualand (Scully! 66); Aus (Schlechter! 11225) 900 m. 

20. Arctotis pinnatifida Th. 1. c. p. 705. — Kap: Thunberg! (Herb. 
Thbg.) — Südliches Küstenland: Eiversdale (Rust! 213). 

Bern. Harveys Bemerkung (1. c. 456) „not pinnatifid" ist ein Irrtum, 
den übrigens schon DeCandolle begangen hat. Die Blätter sind nach 
innen emgeroUt, so daß die Seitenlappen (die ziemlich kurz sind) ver- 
schwinden. Durch Verkürzung der Achsen erscheint die Anordnung der 
Blätter bzw. der großen Fiedern quirlig! Das Exemplar von Tlust er- 
scheint dadurch so anders, daß es weniger stark gerollt ist. 

Arctotis linearis Th. 1. o. 705. — Kap: . Thunberg! (Herb. 



Thbg.). 



Bern. 



ß-denticulata, die sich auf 



plare von Eckion stützt, ist eine Kümmerform von A. cuneata DC 

22. Arctotis graminea Lewin, nov. spec. — Herba decumbens et 
a«cendens, inferiore parte ramosa, sparsim tomentosa aut laevis. Fo"^ 






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Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 65- 

linearia ad 8 cm longa 3 mm lata, margine integra revoluta, aubtus tomcui- 
tosal-nervia, supra laevia, basis foliorum vaginato-ämplexicaulis. Totus 
a^i^ectus gramini aut oarici similis. Pedunculus 1-cephalus subtomeutosus^ 
Capitul um circa 1,5 — 2 cm (cum flor.) in diam. Radii flores supra lutoi. 



subtus coenilei ? Involucri squamae exteriores longis linearibu sappcn- 



dicibus tomentellis ornatae. Squamarum margines varicgatae. 8quam. 
iiiteriures siccae niembranacoae. — Südlich. Küstenland: Rivcrsdale 
(Bolus! 11308) 180—200 m steiniger Hügel. : 

Bern. Achänien habe ich nicht gesehen. Die Art wmde nui* der 
Brakteen wegen hierher gestellt, ist sonst keiner anderen Art ähnlich. 



I 



§ X. Cäiidatae. 

Suffrutices vel herbae subacaules vel ascendentes ramosae ± scabrae. 
Folia oblonga aut lanceolata, incisa, piimatifida aut integra undique 
scabra vel subtus tomentosa raro, suj^ra sublaevia; pedunculi satis longi 
scabri et tomentosi. Capitula spectabilia. x^chaenia valde villosa pappo 
nonnunquam purpureo. Involucri squamae exteriores caudatae, appendice- 
scabra pilusa, interiores membranaceae siccae apice scariosa. 

Clav, spec: 
A. Folia subtus tonientosa 

a) folia incisa aut pinnatifida 23. A. ineisa 

^>) folia integra 24. A. caiidata 



ß- Folia undique scabr 
9) caulis fistulatus 



a 



ö) planta erecta " . 25. A. fastüosa 

ß) plarita subacaulis ? . . . . 25 a. A. spinulosa 

b) caulis noii fistulatus , 



26. A. deeiirrniH 

' 23. ArctotLs inc-isa Th. 1. c. p. 707 =- A. formosa Th. 1. c. p. 708. 

4- caukscem Th. 1. c. p. 708. A. a.9pera y-cicJ/aracea Berg. A. hirolor 

VVilld. \a. lyrafa Willd. ? — Kap? und südwestliche Provinz 

(Thuuberg! Herb., Spielhaus!) Piquetberg Hoad 15Ü m (Schlechter 

10-709). — Zwartland. Hopefield, Darling {Bachmann! 619 u. 1717). 

ßem. Sehr verschieden im Aussehen, aber immer charakteristisch 

durch die starke Farbdivergenz zwischen Ober- und Unterseite der Rand- 

^^üten. Bald als .4. acmiUs — we^en der Anhänge — bald als A. aspcra 

wegen der Behaarung und Wuchsform — bestimmt wqrden. Von 

«^««^?i"§ sicher getrennt durch die länglichen, durchlaufenden Höhlungen 

^s Achäniunis, deren Wände gezähnt und hautflügelig sind; von A. aspera 

urch die peitschenförniig-pfrieiulichen Anhänge. Bildet wie die meisten 

^■«artlandarten verschiedene Hcmmung-sfornieu; auch die Behaarung 




'hselt. 



^Que, Repertorlum speeierum novarum. Beiheft XL ^ 



m 



Kurt Lewin. 



24. Arctutis caudata Lewin, nov spec. — Suffrutex ascendens vel 
-decumbens satis scabra. Folia radicalia rosulata Lmceolata in longum 
petiolum attenuata, cum petiolo 5—6 cm longa, Integra sparsiin dentata, 
margine nonnunquam rcvoluta; foL caiilina sessilia lineari-laneeolata, 
omnia supra scaberrima pilosa, subtus tomentosa. Pedunculus scaber 
foliis 2 — 3 X longior, toraentosus et nigropilosus, capitula spectabilia, 
Achaenii valdp villosi pappus purpui^eus. Involucri squaniae exteriores 
äppendice longa caudiformi-subulata scabra rarius tomentosa ornatae, 
interiores siccae membianaceae. — Kap und Umgegend: Worcester und 
Tulbaghldoof (Eckion! Kap) Tafelberg bei Orangekloof (Schlechter! 

928) 700 m. 

Die beiden Exemplare stimmen nicht völlig ül>erein, haben aber 



beide etwa dieselben Brakteenanhänge — bei dem zweiten aber tomentos, 
bei dem ersten rauh — vor allem aber denselben haH) nieder liegenden^ 
halb aufrechten Wuchs. Anscheinend gilt von dieser Art bezüglich der 
Variabilität derselbe wie von der vorigen, möglicherweise gehören alle 
4 Arten dieser Gruppe trotz des verschiedenen Aussehens zusammen. 

25. Ardotis i'astuosa Jacq. 1. c. t. 166. A. spimiIo-la Jacq. 1. c. t. 167 . 



Kap? (Jacquin!) — Südliches Randgebirge der Karroo: 



Zwartebergen, Prince Albert (Bolus! 12061} jS-spinulosa Jacq. — Onder 
Bokkeveld (Drege! 2746) 1500 m Abhang ex descr. 



Bem. Die Identität des Bolusschen Exemplars mit Jacquins Original? 
das ich i^icht gesehen habe, ist zweifelhaft, da Jacquins Abbildungen 
häufig nicht mit seinen Originalpflanzea übereinstimmen. 

25a. Arctotis spinulosa Jacq. ist vielleicht eine eigene Art, das Original 
aber sehr kümmerlich. 

26- Arctotis decurrens Jacq. 1. c, t. 165. — Kap: (Jacquin!) Orig. 

Das Original weicht von der Abbildung sehr ab; ist sehr ähnlich 
der Bolusschen fastuosa-Pflanze, von der es sich a})er durch die breitere 
und herablaufende Lamina unterscheidet. Von^. caudata verschieden 
<iurch die beiderseits rauhen Blätter. Außerordentlich üppige Köpfe! 



XL Cuiieatae. 

, Suffrutices aut herbae ± tomentosae decumbentes et ascendentes. 
Folia pleruraque in interiore parte caulis congrcgata, in petiolum cuneate 
attenuata plerumque et supra et subtus tomentosa, obovata, lanceolata 
aut lineariter oblonga. Pedunculus tomentosus nonnunquam etiam nig^o- 
pilosus. Capitula spectabilia. Achaenium yillosum pappiferum. Involucri 
squamae exteriores appendice lineari tomentosa ornatae, interiores mem- 
branaceae, in superiore parte plerumque tomentosae. Squamarum niargines 
^aepius variegatae. 



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s. 



J 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 67 



Clav. sj)cc. : 

A. Fol. ovata auf oblonga, in petiolum cuneate attenuatac 

a) Folia apice obtusa 

1. Suffrutices 

1. Folia lyrato-pinnatifida 27. A. cuneata 

2. Folia rotundo-ovata, inciso-dentata 

a) caulis erectus 28. A. aenea 

ß) caiilis decumbens 29. A. «U^eiiinbous 

3. Folia rotundo-obovataj subintegra, petiolo brevi 

30. A. rohindil'olia 

II. Herba decuiiiljeiis, ascendens 31. A. peüolata 

b) Folia apice acuta 32. A. Schlechten 

B. Folia anguöte lineari-obovata ■ . . , 33. A. elongata 

C. Folia ovatodanceolata .34. A. laiiceolata 

F 

27. Arctotis ciinoata DC. 1. c. p. 489. — A. stoechadifoUa var. discohr 
(Harv.) = A. linearis ß-denUciduta DC. 1. c. p. 455. — 



C. 1. c. p. 455. — Südliches Küsten- 
land: Uitenhagen (Eckion u. Zeyjj.!) am Zwartkoprivier; — (als J. 
acaulis und als linearis denticulata best.) Tal und Hügel; bis 170 m; 
Zwellendam, Bergrücken an Rivier zonder Finde (Eckion!), — Driefontein 
an^Mosselbay unter 200 m (Drege! 3704). — King-Williamstown, Abhang 
1250 m (Fyson! 2888). 

Bein. Je weiter restlich der Standort, desto kleiner und kümmerlicher 
die Blätter, bis zu der Form: linearis denticulata. 

28. Arctotis aeiK'a Jacq. f. eclog. 1. 1. 52. — Südliches Küstenland: 
Grahamstown (Eckion n. Zeyh.l). 

Bern. Der Standort ist zweifelhaft: Die Standortsnummer ist 76 
Clanwilliani, am Olifantrivier bei Bralcfontein. Unsere Exemplare 
tragen aber eine handschriftliche Eintrai,mnfi von Dr. Brehmer (Herb. 



Lübeck): Grahamstown, Albany. Diese Angabe halte ich für wahr 
scheinlicher. 

29. Aretütis deciimheiis Th. I. o. p. 707. — Kap. Thunberg! 
(Herb. Thbcr.) 

30. Arctotis 



spec 



Suffrutex decumbens 



a^^endens squarrose ramosa, rhizomate longo aeque crasso ac caulis. 
*'olia rotundo-ovata crassiuscula subintegra 1—3 cm longa et lata vix 
denticulata partim margine revoluta.; supra scabra et tenuiter araneoso- 
tomentosa, subtus crasse canescentia; inferiora maiora quam superiora. 
Pedimeulus terminalis longus tomentosus ac nigropilosus l-cej^halus, 
capitulum spcctabile. Inv. squamae laeves margine variegata, exteriores 
^Ppendice brevi tomentosa ornatae, interiores nudae siccae membranaceae 
^Pice scariosa. — Südwestliches Gebiet: Frenchhoek 1200 m 



5 



* 



m 




68 



Kurt Lewin 



(Schlechter! 9249) 700 m, Felsen (Bolus! 1192). — Anscheinend einziger 

Standort 1 , 

Täuschend ähnlich A. angustifoUa var. lalijolia, als solche auch von 

Schlechter bestimmt, während sie Bolus für A, pdioJcüa (ex descr.) 

hielt. Von A. angmüfolia durch Involucrum und Fruchte unterschieden. 

31. Aretoiis |»otioUifa Th. L c. 708. — Zwaitland: Thunberg! 

(Herb. Th.): Mahnesbury Hopefield (Bachmann! 164). Tulbagh-road 

{Schlechter! . . .) 

Sehr ähnlich A. aenea, aber Blätter oberseits ziemlich kahl; ein- 
jährig! Rhizom lang fadenförmig, mit entwickelten, senkrecht hoch- 
stehenden Blättern! 



V, 



aber abweichend durch die spärliche Behaarung! Schlechter bestimiüte 
sie als Venidium, die Achänien besitzen aber einen vollständigen Papp^s 
von normaler Größe, sind auch behaart. 

Ziemlich ähnlich den schmalblättrigen Formen von .4. cuneala^ 

33. ArctotiselongataTh.l.c.p.707— Kap? Thunberg! Herb.Th. 
Südliches Küstenland: George, Karroogegend zwischen Gouritznvier 
und Langekloof (Eckion!), Vanstadensrivier, Kalk (Mc. OAvan! 2125) 
(als .4. stoechadijolia bestimmt). 

34. Arctotis laneeolata Harv. 1. c. p. 455. — Kap; (EckL u. Zey. 

fide Harv.) Baarensprung (Krebs!). Wahrscheinlich identisch nut 
Jacquins A. amjnsHfoUal Das Original paßt ganz auf Harveys Be- 



schreiliune;! 




Spec. dubia: A. virgata Jacq. 1. c. t. 307. 



XII. Argenteae. 

Suffrutices erectae sparsim ramosae argenteo-tomeiitellae, raino 
virgati exceclentes in longos noii foliatos pedunculos i^artim lielicis moda 
involutos. Folia undique tomentosa iiifeiiora pinnatifida plana, superiore 
linearia denticulata inToluta. Capitula spectabilia, flores 
aiirantiaci. Involiicri squamae siccae membranaceae margine variegata 
laeves aut tenuiter tomentellae ; interiores partim scariosae. 



radii 



el 



f 



I 



i 



32. Arctotis Schlechten Lewin, nov. spec. — Suffrutex rhizomate , 

lignoso calamum crasso; ramosa, laevis. Folia viridia 2—4 cm longa 
ad 1 cm lata supra laevia aut scabra, subtus tomento minuto; superiora 
miiiora quam inferiora, oblongo-obovata acuminata subintegra, infenora 
solum runcinata vel inciso-dentata. Pedunculus terminalis sublaevis 
l-cephalus. Capituhim satis parA^i^n. Involucri squamae paene laeves 
virides margine variegata; exteriorum appendices minutae tomenteiiae 
adpressae, interiores membranaceae. ~ Südliches Küstenland (westJ. 
Teil): Kleenriver 400 m (Schlechter!). 

Nach Wuchs, Involukrum vind Blattfomi unbedmgt hierhergehörig, 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctötidinae. 69 



Clav, spec: 

A. Inv. squain. appencliculatae 35. A. auriculata 

B. Inv. sqiiam. adpressae, api^endices deficiente.s ... 36. A. argentoa 

3o. Arclotis auriculata Jacq. 1. c. t. 169. — = A, aspera incisa Harv. 
1. c. 453, A. melanocyda Willd. fide Harv. A. namaqnana Schlecht, man. 

r 

Klein- luid Groß-Namaqualaiid, D.-S.-W.- Afrika: Kans, Natvoot 
und Dooinpoort 300 — 700 m (Drege!) — Brackdaiiim 300m (Schlecliter! 
11141); Stciiikopf (Schlechter! 123); Goechas 1000 m (Schlechter! 
11378); Eenhokerboom 250 m (Schlechter! 11051). 

36. Aretotis argontoa Th.! 1. c. 705. — ?Kap? (Thunberg! 
Horb. Thbg.). — Kaltes Bokkeveld: 900 m (Marloth!. 3279). 

Bern. Die beiden Arten sind nicht mit Sicherheit verschieden. Den 
Exemplaren von A. argentea fehlen die unteren Blätter. Bei der großen 

i 

Variabilität von A. auriculata in Beblätteruug, Wuchs und Form der 
Brakteenanhänge ist Identität nicht ausgeschlossen. 



■m m 

Xlli. Stoeehadiuae. 



Herbae ayiiuae vel perrennes subacaules et ad basini solum diffusae 
aut ascendentes vel erectae et in superiore parte ramosae, tenuiter tomen- 
tosae, rami elongati, Folia radicalia petiolata superiora sessilia, omnia 
oblongo-ol)ovata subtomentosa lyrato x>iunatifida aut sinoso-iacisa. Lobi 
obtusi. Rami eapitula ferentes paucis angustatis foliib ornati ceteris 
longiores. Capitula spectabilia, radii flores rosei aut pallide violacei aut 
omnino candidi subtus roseo-striati nunquam lutei. Achaenium sub- 
glabrum, ad basini pilosum, pappo conipleto coronatum. luvolucri squa- 
inarum exteriorum appendices obtusae spathuligerae vel lineares, tomen- -^ 
tosae, interiores squamae membranaceae virides neu siccae. 

Clav. spec. 

A. Discus obpcmus ■ 37. A. stoechadirolia 

B. Discus fuh 

a) Stilu.s disci florum vix ex flore emergens . . 38. A. leiocarpa 

h) Stilus flore duplo longior 39. A. macrostylis 

37. Ardotis stocehadirolia Berg 1. c. p. 324. — Kap? (Mundt xmd 
Maire! 265). — Zentrales Südafrika: Cis und Transgaripina, am 



US 



J 

Witt- bzw. Stormbergen 1300— 



Alival 



■& 



f- 






^'orth 1450 m (Kuntze!) Leribe (Dieterlen! 426), Kimberley (Marloth!). 

ß.S.W.-Afriha: Okahandja und Salem 1300 m, Sand und Lehm- 
boden der Riviere (Dinter! 427), Windhiik (Foermer! 4) Gr. Xama- 
land, am Wasser (Hartmann! 84). Unterer Fischfluß.. Sandboden 
(i'rager! 168). Hereroland (Feschuel-Lösche), Rehoboth 1400 m, 
^and und Lehm (Trotha! 1) Damaraland, Tsoaschaubfluß in feuchtem 
^^and (Belck! 1) Walfischbay und Otjitambi (Lüderitz! 182), Bethanien, 



70 



Kurt Lewin. 



Schwarzraiid. Rivierboden (Range! 1037). — Otjimbingue (Ilse 

Fischer! 5). 

Die bei Harvey angegebenen Varietäten sind sämtlich zweifelhaft 

und gehören im allgemeinen (außer A. rosea Les.^., non Jaeq.) zu den 



Cuneatae 



§ XIV. Austro-orieiifales- 

Herbae suffruticesve* diffusae aut erectae ramosae, caule striato vel 
sulcato, varie pilosa aut tomentosa aut glabreseentia. Folia ± lyrato 

1 ■ 

■ pinnatifida runcinato-deutata aut subintegra, lobuli laterales aonnunquam 
rudimeutarii. Capitula plerumqixe parvula, radii flores colore rario, 
achaenia glabr^ non papposa, laterales parietes oblongarum cavitierum 
involutae. Involucri squaniae exteriores- acutae carinatae vel appen- 



laceae 



seariosae. 



Clav, spec.: 
A. Caulis herbaceus. 

a) petinlus ad basim auritus 

1. caulis pilosus, in sulcis tomentosus . . . . .40. A. <Ii.^color 

2. caulis non pilosus, sed i albo tomentosus 

43. A. areioioides %• T. 

b) petiolus non auritus 

1. folia ovata aut cordata 41- A. pertoüata 

2. folia ± lyrato-pinnatifida 

a) iiivol. squara. ext. lanatae, . - . 43. \. aretotoides 2. T- 
ß) invol. squam. ext. scabrae" 42. A. hispidala 



I 



38. Ai-ctotis leioearpu Harv. 1. c. p. 451. — Karroo: Graaf Roynet jl 
700—1000 m (Eekl. n. Zeyh.!); Murraysburg, Hügel und offenes Gelände 
1.300 m (Tyson! 186), Zwartberg (Atherstone! 274) Goupli., — Beaufort- 
Wei^t 9C0 m (Kuntze!). 

39. Arctotis macrostylis Lewin, nov. spec. — Herba subacaulis diffusa 
vel erecta ramosa, tenuiter tomentosa. Folia inferiora ovata obtusa pin- 
natilobata petiolata, cum petiolo ad 10 cm longa, 1«*4 cm lata, superiora 

— r 

lineari-oblonga sinuato-incisa, sessilia ad 6 cm longa, ad 1 cm lata, sub- 
tomentosa aut paene laevia. Ramus capitulum ferens longior foliis araneoso- 
tomentosus. Cap. spectabilia, rad. fl. rosei, disci fulvü, stilus longe ex 
flore emergens. Achaeniura laeve, glabrum, ad basim modo albo pilosum, 
pappus niveus. Involucri squamae virides foliaceae non siccae seariosae^ 
exteriores in appendicem linearem tenuiter tomentosam elongatae. 
Karasberge im- Gr. Namaqualand: Große Karasberge: (Blank! 3a, 
Waibel! 180 u. 199), Granitflächen 1100—1200 m; Unterer Fischfluß 
700 m (Schaaderl! 166), Kl. Karasberge (Dinter! 3237). 



I 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae- 71 



B. Caulis aut rhizoma ligno8uni. 

a) Caulis lignosus, fol. lobus terminalis ceteris multo latior 

+ 

44. A. suttrutieosa 

b) i'hizoma lignosum, fol. pinnatifida, non lyrata 

1. folia supra viridia 45. A, microcephala 

2. folia utrinque araiieoso-tonientosa 46. A. erosa 

40. Aretotis discolor (Less.) Lewin = Yen. discolw Lcss. 1. c. 31. 
KajD? (Thunberg! Osteospermum perfoliatum ex parte). — Südliches 
Waldgebiet: Zwellendam, schattige Stellen bei Yoormansbosch (Eckl.! 
u. Zeyh.), dgl.'bei Casparskloof (Eckl. !) ebd. 300 m (Kuntze!) ; Znurbrack, 
im Gesträuch (Schlechter! 2141). 

41. Aretotis pcrfoliata (Less.) Lewin = Veri. perjollal. Less. 1. c. 30 
Ven. cinerarium DC. 1. c. p. 493 = Osfeosp. po'fol. Th. 1. c. 716 et 

herb. Thbg. 1.— Kap? (Thunberg! Herb. Thbg.). — Südliches Wald- ' 
gebiet: Attaquaskloof (Drege! 2111). 

42. Aretotis hispiclula (Less.) Lewiii = Ven. hisjndidvm Less. 1. c. 34 
non DC. — Ven, j>nheruhnn DC. 1. c. p. 493; Osteospermum' arcfotoides 
Herb. Thbg.! 1. — Kap? (Drege!, Krebs! s. L). — Südliches Wald- 
gebiet: Tort Alfred 0—300 m, Urwald (Eckl. u. Zeyh.!); George und 



/- 



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>der Eckl.!?). 

43. Aretotis arctotoidcs (Less.) Lewin == Ven. arci. Less. 1. c. 33 

hteosp. arci. Linn. f. Tht 

^^ar. ß) alata Lewin: folia deciu-rentia ad petioluiu alatum. 

^ar- r) spathuli^era Lewin = Ven. spath. DC. 1. c. p. 493: involucri 

squamae appendicibus spathulatis ornatae. 
^ar. 6) siiuidicifolia Lewin = Ven. decunens Less. 1. c. 32 z. T. = Ven. 

micrantha Thbg.! Herb. = Ven. cancsccns DC. 1. c. p. 493?: 
foliorurn lobi laterales obsoleti aut omnino deficientes. 
^ar. f) decumbcüs Lewin = Ven. decunens Less. z. T. 1. c. 32: folia 
] similia ö, caulis decumbens. — Südliches und südöst- 

liches Küstenland: Riversdale (Rust! 211); East London 10—15 m 
(Galp fn ! -^^r,^y __ ^^^^ ^ . ^^^^^^^ ^^^ feuchtem Boden 170 m (Schlechter! 

^"5); Grahamstown, Callwaterland (Schönland! 64). — Kafferland: 



iskann 



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ß 



y- QueenstoM-n 1200 m (Galpin! 1641). — Pondoland, Natal: 
^looi-river 2000 m Wiesen (Schlechter! 3332); van Reenen, im Sumpf 
J*^ 2000 m (Medley Wood! 4688, 6694, 9653): EUesmere, Friedenau 
l^^iexandra] Röhricht. fiOOm mndatis! 1428k var. v: Tsitsariver(Krook - 



P 



enther! 96.5); Pondoland (Bachmann! 1513). — Zentrales Süd- 



Moddern 



72 



Kurt Lewin. 



4 

Griqualand-West 1100 m (Marloth! 892), Biggarsbcrg bei de Jaageu 
Transvaal (Wilms! 264). 

r 

Da/AI gehört als Kulturform: Venidium Schraderi DC. Bei weitem 
die variabelste aller Arctofis-Artcn, bald lang aufrecht, bald niederliegend, 
auf Wiesen fast stengellos; die Blätter bald stumpf, buchtig lyrat, bald 
spitzzähnig, ficdrig ehigeschnitten; die Involukralschuppcn bald spitz, 
ohne Anhänge, bald verbreitert oder mit spateligen Anhängen; ohne 



rechte Konstanz dnrcli zahlreiche Übergänge verbunden. Die aufgezählten 
Varietäten sind nur die auffälligsten, die aber örtlich nicht scharf zu be- 
grenzen sind. Da überdies das Verbreitungsgebiet der Typen vollständig 
zusammenhängt, habe ich die S Arten: Ve7i. decurrens, spatlndigerum und 
arcfofoides vereinigen müssen. Ob sich aber nicht doch einige selbständige 
Arten in der Formmannigfaltigkeit befinden (z. B. die Hochgebirgsformen), 
läßt sich zurzeit noch nietit entscheiden. 

44. Arctotis suffniticosa Lewin, nov. spec. — Cauhs dccumbcns 
lignosus, rami laterales fasciculosi sulcati satis breves itaque folia tenuiter 
conserta. Folia longe -petiolata lyrata, lobis lateralibus paucis, lobo ter- 
minali multo maiore, omnia obtusa acute dentata, cum petiolo ad Sem 
longa, supra sublaevia, sparsim hirsuta, subtus tenuiter tomentella. Ca- 
pitula in peduneulo vix foliis longiore parvula. Involucri squamae ex- 
teriores angustae acutae scabrae, interiores laeves foliaceae. — Südliches 
Küstenland, üitenhagen Hügel 250 m (Schlechter! 2.586). 

45. Arctotis microcophala (DC.) Lewin = Ven. micr. DC. I.e. p. 493. 

Zentrales Südafrika: Nieuweveld (Drege!) Molteno 1700m (Kuntzel), 
Buffelnver, Cisgaripina (Zeyher!), Watervalrivier und Zuikerboschrand 
(Schlechter! .^481) Sand. 

46. Arct(»tis orosa (Harv.) Lewin = Ven. ero.un. Harv. 1. c. 462. - : ^^^ 
Bitterfontefn (Zeyher!) fide Harv. 



-. / 



XV. xVciimiuatao. 



V 

Herbae diffusae aut erectae ramosae; caulis sulcato-striatus, tomen- 
tosus ± piloso-scaber. Folia oblonga aut subpanduriformia, superiora 
aunculato-amplexicaulia, inferiora ± petiolata, omnia subintegra aut 
sinoso dentata, supra ± scabra, subtus albo-tomentosa demum paene 
laevia, summa angustiora, Baepius linearia. Capitula non magna, saepe 
parva In v. squamae ex teriores anguste trianguläres acutae, nonnunquam 
lanceolatae, squarrosae acumine nigro, intus scabrae eetus pilosae aut 
tomentosae. Achaenium pilosum aut ± nudum. laterales parietes oblon- 
garum cavitierum dentatae. Pappus coinpletus aut minutus 4-squamarius 
aut ommno deficiens. 



Clav. 



s 



pec. : 



A. Pappus completus, achaenium pil 



..I 



osum 47. A. acuminata 



Systematische Gliederung usw. der Arctotideae— Arctotidinae. 73 



B. Pp. niiinitus aut deficieus 

r 

a) Acbaenium valde magnum 

1. Ach. piliö cu'cumdatum sed ipsuiu gh\])min 

48. A. nuu'ios|UMiua 

2. Ach. nuduin, folia aiiiita . . 4^. A. sessilitolia 

b) Achacuium uou ita longum, ± glabi-uni . . 50. A. seinipapposa 

47. Arcloiis aeuiniiiata Lewin, iiov. spec. — HcrLa diffusa, caiile et 

raniis a.sceiKlentibiis striato-sulcatis tonientosis et in striis A. scabi'is.. Folia 
inferiora lanceolata acuniinata i^etiolata, cum petiolo 4—6 cm longa, 
11., cm lata, dentata, supia scabra, subtus tomento,sa trinervia, superiova 
angustiora usque linearia sessilia auriculato-amplexicaulia. Rami perlongi 
(ad 40 eni) deuium nudi. Capitula non ita spectabilia. Flores radii pur- 
purei ? Achaeniuni albo pilosum complcto pappo ooronatum. Inv. squamae 
exteriores squanosae lanceolato-triaiigulares acutae, tonieutosae et scabrae; 
. intcriore.s membranaeeae, laeves. — Kaltes Bokkeveld: Schooagcsicbt 
180(1 m, IVeefontein (Schlechter! 10122, 101-76, 2239). 

Bein. Unterscheidet sich von folgenden Arten durch den vollständigen 
Pappus, von .4. helUrlijoUa, der sie auch ähnlich sieht, durch die Form 
der Brakteenanhänge,^von angustifolia durch das Achäniiuu und die 
dünnen Blätter. Auch der Stan.dort beweist die Selbständigkeit. 

48. Arctotis uiacrosponua (DC.) Lewin = Ven. macrospermiim DC. 
1. e. 492. — Zwartland: Hopefield (Bach mann! 8). 

49. Aretotis sossililolia Lewin, nov. spec. — Herba aut suffrutex (?) 
' erecta ramosa. Caulis striato-sulcatus, cavus, tomentosus apice purpureus. 

Folia sessilia, aurita, semiamplexicaulia ad 4—6 cm longa, supra scabra 

et glandulosa subtus moUia tomentosa colore pallide flavo-viridia, inferiora 

• ovata superiora oblonga, acute sinnato-dentata, dentibus aculeatis, margine 

paulum revoluta. Capitula spectabilia, radii flores aurantiaci ? Involucn 

vquamae exteriores anouste trianguläres acutae tomcntosae intus scabrae 



-m 



-JP 



A^ 



JL 



ad 1 cm longae, interiores longiores siccae membranaeeae apice dilatata 
scariosa. Achaeniuni nudum ad 6 mm longum. Pappus rainutus. 
Cederberge (Drege! 2741 ,,an auriculalo affine? a Candollio ob statum 
impcrfectum omissum"). 
I Es ist nicht ganz sicher festzustellen, welche der beiden letzten Arten 

Avirklich A. macrospervia ist. Die erste hat an den Achänien einen basalen 
Haartuf, der k^icht abfällt, das zweite nicht; De Candolle erwähnt 
von diesen Haaren nichts. Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, daß 

die.«! \TprVi>io1 ;.ii^^,,„+,, ..4^ ^,+ ^« a;^ „^,^^,^^ riTHTiTid» VifiTiio-linb des Achäiliums 



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^ich noch in Entwicldungsbewegnng befindet. 



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50. AretoHs soniipapposa (DC.) Lewin = ViU. sem. CD. 1. c. p. 491. i> 

3 Varietäten: 



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74 



Kurt Lewin. 



a) seabnim: involucri squamae cxterioresectusscabrae= Ven.scahrum 
Less. 1. c. 29; ^ Arct. scabra Th. 1. c. p. 707. 

ß) plaiitagiiioa : inv. squam. exteriores ectus tomentosae = Ven. 



plantag. Less. 1. c. 30 = Veri. suhcalvum ÜC. p. 492, Arct. plantag. Th. 
1. c. p. 706!, Arct. tomentosa Thbg. Herb. 

y) angustil'olia : inv. squam. exteriores breviores interioribus. = Yen. 
angmtifoUum DC. 1. c. p. 492. — Südwestliehe Provinz: Kap (Thun-^ 
berg! Herb. Thbg.) Spielhaus! Howhoek, Constantia. Gestrcäuch und 
Cape flats (Schlechter! 7663 u. 927) 50—400 m. Constantia (Eckion!) 
Caledon,- Zwartberg und Kleinriviersberg 350—700 in (Eeklon! Kuntze!); 
Sir Lawtys pass (Kuntze!) 200 m; Stellenbosch, Simonsberg 700 m 

Clan William, Blauwberg, 



Winterhoek 



feuchte Täler 300 m (Schlechter! 8437). var. y) Dutoitskloof unter 700, 
Bach, Gesträuch, feuchter Boden (Drtge! 1718), Clanwilliara bei Brak- 
fontein (Eckion u. Zeyh.! 3236). 



Nachtrag. 



Wäh 



jetzt wieder zugänglich wurde, folgende Arten neu beschrieben worden. 
In den Diagnosen sind die Achänien und Involukralschuppen nicht genau 
genug beschrieben, um die Arten sicher einordnen oder identifizieren 
zu können: 

1. Arc<otis Seiillji R. A. Dümmer in Journ. of Bot. 52 (1914) p. 152. 
Klein-Namaqualand (Scully 221 ex herb. Bolus 9051). — Soll .4. 
helluhfolia nahestehen, sich aber durch sitzende, nicht stengeliuufassende, 
fast ganzrandige, auf beiden Seiten rauhhaarige Blätter sowie den Standort 
von ihr unterscheiden. 

2. Arctotis mierocephala Spencer le M. Moore m J. of B. 55 (1917) 



p. 125. — S.-W 



Blätter 



im unteren Teil stielartig zusammengezogen, Gestalt derselben aber nicht 
näher beschrieben. Soll A. venidioides DC. ähnlich sein. — Der Name 
wird wegen A. {Venidium) mierocephala (DC.) geändert werden müssen. 
3. Aretoffs {Vcmdium) serpens Spencer le M. Moore 1. c. — Süd- 
Afrika sineJoco nee no. — Kriechende Pflanze mit 20 cm langen Blättern, 



von denen 5-8 cm auf den Stiel entfallen. 



— — — —mr ^ ^K ^ 

4. Arctotis (Ven.) Rogorsii Spencer le M. Moore 1. c. p. 126. — Bech- 
uanaland: Mochudi (Harbor ex Herb. Rogers 660.3). — Ähnlich A. 
mierocephala (DC.) u. A. erosa (Harv.), aber mit langgestielten, ungeteilten 



Blättern. 



Systematische Gliederung usw der Arctotideae— Arctotidinae, 75 

L 

5. Arctotis (Ven.) Bellidiastrum Spencer le M- Moore 1. c. p. 126. — 
Transvaal (Standerton n. 18755). — Sehr kleine Pflanze mit rosettigen, 
nur bis 3 cm langen, 1 cm breiten spateligen Blättern. Der vorigen nahe- 
Btehend . 

6. Arctotis (Ven.) Bolusii Spencer le M. Moore 1. c. p. 126. — Cape 
Vlaakeplants, Richemond Division (Bolus, Hb. Rogers 13804). 
Bchaft höcbstens 1 cm lang; Achänien 6 mm (!!) groß. Den vorigen nahe- 
stehend. 



Blüten- 



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rtgni oegttabilis. 

Herausgegeben von Dr. phil. Friedrich Fedde. 

Beibcffc. ßanaxil. 





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Von 



Dr, W. Limpricht 



Mit 9 Karten und 30 Abbildungen auf Tafeln. 



Ausgegeben am 1. Juni 1922. 



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Druck von A. W. Haya's Erben, Potsdam. 



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Inhaltsübersicht. 



Seite 



I. Teil. 

Kurzer geeoliichtlicliier Überblick über die botanischen Forsebungsreisen 

in CMna und Ost -Tibet 1 

Reisen in China und Ost-Tibet , 40 

T. In den Küstenprovinzen Mittel -Chinas 40 

A. Die Hügellandschaft um den großen See (Tai hu) ... - 40 
Die Pflanzenwelt der Taihu-Berge . 51 

B. In den wintergrünen Bergprovinzen Tschekiang imd Fukien oG 

a) Hangtschou und Umgebung , . . 56 

Aus der Pflanzenwelt des Tien mu schan . 66 

b) Die Berglandschaft südlich Ningpo 66 

c) Min-Tal und Bai ta schan in Fukien ......... 75 

II. Durch Tonkin nach West-China 83 

Die botanische Ausbeute 

a) des Hoohwegs Yünnan fu— Tali fu 97 

b) der Matten und Felsen des Tsang schan 98 

III. Im Yangtse-Tal nach West -China ■ 99 

IV. Im chinesisch -tibetischen Grenzgebiet . 116 

A. Das Wassu -Ländchen 1^^ 

Botanische Sammlungen im Min-Tal und dem Wassu- 

Ländchen l'^^ 

B. Über den Omi nach Ta tsien In ? • • ■ 1^6 

Flora des Omi schan und Umgebung .......--- 1*7 

Von Yatschou fu nach Ta tsien lu 148 

V. Auf dem Tibeter Weg nach Dege und Batang 149 

Vi. Von Batang über Litang nach Ta tsien lu ......-.< - 192 

VII. Über Rumi Tschango imd Mung kung ting nach Kwan hsien . 201 

a) Floristische Beobachtmigen in den Alpen von Ta tsien lu 

bis zum Dshara und Sllhä tschem la 207 

b) Die Pflanzenwelt des Ressirma und Schao kirr bu, der 
Hochgebirge von Kanse bis zum Tschola-Paß. des Ngu 
sßurla, Mala und der' Wälder von Bejü bis Batang. ... 212 

c) Die Flora des Hochwegs Batang— Ta tsien lu und des 
Grenzgebiets bis Kwan hsien ■ *-■ ^ 

VIII. In den Gebirgen Nord-Chinas 218 

A. Wanderunfi:en im Tsin ling schan ^^^ 

Flora des Tsin ling schan 



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Seite 

B. Die Wu tai schan- Ketten 237 

a) Der ,, große" oder „Da" Wu tai sclian in Sclianhsi . . 237 

b) Drei Eeisen nach dem Ilsiau Wu tai schan 248 

!♦ Von Nankou nach den Hsi ling- Gräbern 248 

2. Über den Hsiau Wu tai schan nach Da düng fu in 
Schanhsi 257 

3. Über das Da lung men zuna Hsiau Wu tai schan. . 270 

c) Aus Pekings Bergen 280 

d) Im Bannwald der östlichen Kaisergräber (Wu ling schan) 282 

e) Jehol, ein lamaitischer Vorposten in Tschili 286 

Die Flora der Wu tai schan -Ketten 293 



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II. Teil. 

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Aufzählung der von Dr. Limpricht in Ostasien gesammelten Pflanzen 298 



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VorworL 



Hiermit übergebe ich die Beobachtungen und botanischen Ergeb- 
nisse meiner ausgedehnten Reisen in Ostasien, die mich in China 
von den Grenzen der Mandschurei und Mongolei bis nach 
Yünnan. von den Gestaden des Stillen Ozeans bis in das 



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Öffentlichkeit 



Berufspflichten gestatteten mir nur die Ferienmonate zu meinen 
Reisen zu benutzen, mit Ausnahme eines mir durch die Gunst der 
Verhältniss3 ermöglichten längeren Urlaubs, der mich die langersehnten 
Gegenden Ost-Tibets besichtigen ließ, von denen mich dann der Aus- 
bruch des Weltkrieges wieder nach China zurückrief. 

Diese Reisen auszuführen, wäre mir nicht vergönnt gewesen, wenn 
ich nicht die weitestgehende und verständnisvollste Förderung meiner 
Pläne durch die deutschen Konsulatsbehörden in China und 
durch deren Bef ürwoi tung auch der chinesischen Landes- 

Verwaltung erfahren hätte. 

Die chinesische Bevölkerung trat mir überall in liebenswürdiger 
Weise entgegen. Nur so war e^ möglich, daß ich meine ausgedehnten 
Reisen aus eigenen Mitteln bestreiten konnte. Eine für die Expedition 
nach Ost-Tibet in Aussicht gestellte staatliche Unterstützung machte 
der Kriegsausbruch illusorisch: dankenswerterweise fand sich aber; da 
das Kultusministerium mir keine Hilfe gewähren konnte, eine andere 
Stelle, die mir bereitwilligst die Mittel zur Erueklegung dieser Arbeit 
zur Verfügung stellte. Die Veröffentlichung der Karten und einiger 
photograpbischer Aufnalmen ist nur der liebens-würdigen Bereitwilligkeit 
des „Verbandes für den fernen Osten" in Berlin zu verdanken, bei 
dessen Sskretär. Herrn Dr. Linde, ich verständnisvolles Entgegen- 
kommen für meine Arbeiten fani. Die mir freundlichst überwiesene 
größere Summe woirde zu obengenannten Zwecke verwendet. 



VIII 



Bei .der Bestimmung der Pflanzen hatte ich mich ausgedehnter 
Hilfe zu erfreuen. Sie wurde fast ausschließlich von den Botanikern 
der botanischen Museen in Breslau und Berlin vorgenommen; 

Nummern bearbeiteten auswärtige Spezialisten, so 



nur emige wenige 



die Cyperaceen Herr Oberpfarrer Dr. Kükenthal in Coburg. 

Es ist mir ein Bedürfnis, meinem hochverehiten Lehrer und väter- 
lichen Freund, Herrn Geheimrat Prof. Dr. F. Pax in Breslau, dem 
ich in Dankbarkeit die Sammlungen für das Breslauer Museum ge- 
schenkweise überließ, der keine Mühe scheute, die Bestimmungen rasch 

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und energisch durch zufiihren und deren Ergebnisse auch zusammen- 
gestellt hat, sowie Herrn Prof. Dr. L. Diels in Berlin, der, durch 
seine wertvollen Studien über die Pflanzenwelt Chinas angeregt, memen 
Sammlungen stets das regste Interesse entgegengebracht und mir jeder- 
zeit bereitwilligst mft seinem erfahrenen Rat 2ur Seite gestanden hat^ 



an 



Die Mühe 



schwierigen Korrektur 



nu 



mir Herr Dozent 



Dr, Alexander v. Lingelsheim in Breslau, dem ich hiermit meinen 
besten Dank abstatte. 

Schließlich ist es mir eine angenehme Pflicht, meinem Verleger, 
Herrn Prof. Dr. F. Fedde in Berlin für die Umsicht und Sorgfalt zu 
danken, mit der er die geschäftlichen Angelegenl eiten der Drucklegung, 
der Kartenzeichnungen und der Wiedergate der Photographien in s^ 
kurzer Zeit erledigte. 

Die Sammlung befindet sich im Museum des botanischen Gartens- 
zu Breslau, die erste Dublettensammlung im Berliner Museum. 



Berlin, zurzeit Breslau, Weihnachten 1921 






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Dr. W. Limpricht 



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. Botanische Reisen in den 

Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 

Kurzer historischer Überblick über die botanischen und 
geographischen Forschungsreisen in China und Ost-Tibet**) 

iSchon im «zrauen Altertum war die nebelhafte Kunde von dem Volk 






der Serer im fernsten Osten zu den Kulturreichen des Abendlandes ge- 
drungen. War es doch die Seide, deren Xame ja wohl auch sprachlich 
an die Serer anklingt, die als kostbarer Luxusstoff durch die Wüsten 
Innerasiens auf den noch heute vorhandenen ,,Seidenstrai3en'' ihren Weg 
nach Konstantinopel gefunden und somit ihren Einzug in Europa gehalten 
hatte. Der Drang, das sagenumwobene Heimatland der hochgeschätzten 
Seide kennen zu lernen, fand jahrhundertelang keine Möglichkeit der Er- 
füllung. Erst in der letzten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelangten Europäer 
^^ irklich nach China. Auf Bitten des Großkhans der Tartaren, Kublai, 
sandte der Papst den jungen Venetianer Marco Polo in Begleitung 
seines Vaters und Onkels hinaus. Marco Polo gewann" das Vertrauen 
des Großkhans, bereiste in seinem Auftrage die meisten Provinzen des 
Riesenreiches und kehrte nach 24 jähriger Ab^vesenheit reich beschenkt 
in seine Vaterstadt zurück. 

Ungefähr um das Jahr 1325 reiste der Mönch Odoric de Pordenono 
im nordwestlichen China, durchquerte Tibet, weilte einige Zeit in 
Lhassa und wandte sich dann nach Indien. Seine Reiseberichte trugen 
^^enig zur Landeskenntnis bei. 

Nach den Wanderungen Odoric s erlahmte das Interesse Em^opas 
an Ostasien und erst nahezu 200 Jahre später faßten die Portugiesen 

*J Die geschichtlichen Daten bis zum Jahre 1898 sind dem Werke von 
Dr. E. Bretschneider : History of European Botanical Dis- 
co veries in China, London 1898, entlehnt. Da hier eingehende 
Eeisebesclireibuno:en und Aufzählunsfen sämtlicher in China und seinen 



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Nebenländern tätig gewesenen Sammler vorliegen, habe ich mich im obigen 
Überblick nur auf die wichtigsten Angaben über die Forscher beschränkt, die 
in den von mir bereisten Gebieten botanische Beobachtungen angestellt haben. 

F. Fedde, Repertoriiim specierum novarum. Beiheft XH. * 



2 



W. Limpricht. 



festen Fuß in China in der Absicht Seehandel zu treiben. Sie besuclitcn, 
freundlich von den chinesischen Behörden empfangen, Canton, gründeten 
dann Faktoreien in Ningpo, an der Küste der Provinz Fukien und an 
der Mündung des Westflusses (Hsi kiang) bei Canton, von denen 
die eine, Makao, heute noch in portugiesischem Besitz, der Stützpunkt 
ihrer handelspolitischen Unternehmungen im fernen Osten wurde. Von 
Makao aus leiteten sie den Handel Chinas mit Europa. Sie nannten das 
Land „Sina'\ imd der Name „Apfelsine" (--chinesischer Apfel) deutet 
noch auf portugiesische Spuren hin; ebenso verdanken wir ihnen eine 
Anzahl von Drogen, wie Rhabarber, C a s s i a z i m t , C li i n a a\ n r z e 1 

{Radix Chinae), Kampher u. a. 

Es war nur natürlich, daß die ersten Missionare von Makao aus 
Versuche machten, Einfluß auf die Bevölkerung zu ge\\innen. Und zAvar 



brinirenden Unternehmuncren zur Förderun2" von Gewerbe und Landwu't- 



^ . ^ ... ..^...^«..^^.* X. ^.^ ^ ^^^^^.^.^^ 



Schaft auf den nüchternen, praktischen Sinn der heimischen Bevölkerung 
einzuwirken und haben dank ihrer trefflichen wissenschaftliehen Er- 
ziehung und Beherrschung der Landessprache Hervorragendes in dei 
Erforschung des Landes geleistet. In ihrer Lebensweise dem einfachen 
Bauer angepaßt, dessen Xahrung und Tracht sie zu ihrer eigenen machen, 
gelingt es ihnen bei ihrem bescheidenen Auftreten selbst in die entlegenst<^n 
Gegenden einzudringen, und sj^eziell die Botanik verdankt diesen selbst- 
losen Pionieren bis auf den heutioen Ta^r vielfach ihre besten Ergebnisse. 



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im Jahre IßG lein. VonHsi ning fu in Kansn folgten sie der Karawanen 



Straße nach Lhassa über Xag tschu ka. blieben zwei :\[onate in Ti >^ 
Hauptstadt und wandten sich nach Nepal. 

Die Erfolge der Portugiesen weckten den Ehrgeiz der anderen see- 
fahrenden Nationen, jene aus ihrer Vormachtstellung in Ostasien zu ^ 
drängen und ihr Handelsmonopol an sich zu reißen. Gegen Ende 
16. Jahrhunderts erschienen die Holländer in Insulindien und leg ^ 
den Sitz der Pvcgierung zuletzt nach Batavia. Die Versuche der Ho- 



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der Niederlassung der Portugiesen auf der St. J o h n s I n s e 1 südwestlich i 
JMakao eintraf . Einer seiner Nachfolger, Ricci, erhielt die Erlaubnis, seinen 
ständi<2;en Wohnsitz inPekino^ aufzuschlao;en und bei seinem 1(510 erfolgten 
Tode lagen schon Kirchen und Missionsstationen der Jesuiten über große 
Landesteile Chinas, selbst über Schanhsi und Sz et seh w an verstreut. 
Sie verstanden es meisterhaft durch Hnterricht, Anleitung zu nutz- 



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Ein Jesuit^ Antonio Andrada, reiste 1624 von Agra in Indien 
zu den Quellen des Ganges und Sattledsch, dann durch West-Tibe * 

am Nordfuß desKunlun entlang nach dem K ukunor-Cebiet nn j 

gelangte schließlich nach China. ^ 

Den umtzekehrten Wecr s^chlugen die Patres Grüber und Dorvu e 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas nnd Ost-Tibets. 3 



länder, von hier aus den chinesischen Markt zu erobern, scheiterten. 
Nach ihren fruchtlosen Angriffen auf Makao schufen sie sich einen 
S tütz^Dunkt auf den heute j apanischen ^Pescadores-Inseln, von 
denen aus sie Taiwan auf Formosa, Amoy und Tschang tschou fu 
an der chinesischen Küste besuchten und das Fort Zeelandia an 
der Bai von Taiwan errichteten. 

Um die Handelserlaubnis zu erlangen, reiste 1G55 eine holländische 
Gesandtschaft von Canton durch die Provinzen Kwangdung und 
Kianghsi nach Nan tschan fu, segelte über den Poyang-See und 
fuhr auf dem Kaiser-Kanal bis Tientsin, von wo sie Peking erreichte. 
Gleich ergebnislos wie die erste Gesandtschaft nach Peking verlief die 
zweite (1667). Man fuhr von Fu tschou in Fukien den Minfluß strom- 
auf bis Kien ning fu, dann auf einem Nebenfluß über Kien yang fu 
bis Pu tscheng. Nach Überschreiten der Grenzgebn-ge zwischen Fukien 
und Tschekiano- erreichte sie Hang tschou und befulir den Kaiser- 
kana] bis Tientsin, von wo sie nach Peking gelangte. Auf demselben 
Wege kehrte sie zurück. Diesen Reisen verdanken wir authentische 
Berichte über die Teepflanzungen in China, und es gebührt den Holländern 
das Verdienst, die ersten Teesträucher sowie Chrysantlieymm und Azaha 
nach Holland gebracht zu haben. 

Wenige Jahre nach den Holländern richteten auch die Engländer 
ihr Augenmerk auf China. Wenn auch die ersten Versuche dank den 



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es der unermüdlichen 



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Ostindischen Kompagnie schließlich doch, mit dem Sohne des Räuber- 
hauptmanns Koxinga in Verbindung zu treten und von ihm die Er- 
laubnis zu erlano-cn auf F o r m o s a und in A m o v Faktoreien zu errichten 
und sodann in Canton sich festzusetzen. 1701 gestattete ihnen die Re- 
gierung, auf Tschusan, dem Archipel vor Ningpo, Handel zu treiben. 

Nachdem 1688 einige getrocknete Pflanzen von Amoy nach England 
gelangt waren, Mar es dem Schotten James Cunningham im Jahre 
1701 vorbehalten, die erste botanische Erforschung der Tschusan- 



und 



VLKJLJ^LK, ►-■«.IJJ.iJ.il.Liii^ ^ 



anzulegen. 

Vom Beginn des 18. Jahrhunderts an sandten die in China tätigen 
französischen Missionare botanische Sammlungen und Pflanzensamen 
nach Europa. Der bedeutendste unter ihnen ist der Jesuitenpater Pierre 
d'Incarvillo, dem zu Ehren die prächtige Bignoniacee Incarvilka 
sinensis aus Xordchina benannt ist. Er sammelte in der Umgebung 
Pekings und Makaos. Eine große Reihe von Gartenpflanzen sind durch 
ihn in die europäischen Gärten eingeführt worden. 

Um 1730 gelangte der Holländer Samuel van de Putte von 
Indien nach Lhassa und zog auf der Karawanenstraße von da über 

1 



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W. Limpricht. 



Hsi ning f u nach Peking, von %vo er über Lhassa wieder nach Indien 
zurückkehrte. 

Durch die Kapitäne oder Kaplane der schwedischen ostindischen 
Kompagnie erhielt der Altmeister der Botanik, Carl von Linne, 
chinesische Pflanzen, deren Beschreibungen er veröffentlichte. Das meiste 
Material erhielt er jedoch von seinem Schüler Peter Osbeck (ihm zu 
Ehren die Gattung Osbechia benannt), einem Kaplan der genannten 
Kompagnie. Er sammelte 1751 in der Umgebung Cantons, dem Hafen, 
den die Schiffe der Kompagnie anzulaufen pflegten. 

Hatte sich die Kenntnis chinesischer Pflanzen auf die Umgebung der 
allein den Europäern zugänglichen Häfen Makao und Canton be- 
schränken müssen, so beginnt mit Staunton, dem Sekretär der 
Gesandtschaft Lord Macartnevs auf dessen Reise an den Hof von 

4/ 

Peking die eigentliche Erforschung des Landesinneren. Zwar schhig 
bald darauf die holländische Gesandtschaft unter Titzing den Über- 
landweg von Canton nach Peking auch ein, und Lord Amherst, 
der britische Gesandte am Pekinjrer Hofe kehrte auf demselben 
Wege nach Canton zurück, doch brachten beide Expeditionen kein 
Herbarmaterial nach der Heimat. Im Jahre 1792 Avurde Lord 
Macartney als britischer Gesandter nach Peking geschickt, und sein 
Freund G. L. S taunton begleitete ihn als Sekretär und bevoll- 
mächtigter Minister. Die Expedition landete 1793 auf einer der InseUi 
vor Hongkong. Nach Eintreffen der Antwort des Kaisers segelten 
sie durch die Formosastraße naeh den Tschusan-Inseln, vor deren 
größter Stadt, Ting hai ting, sie vor Anker gingen, um chinesische 
Lotsen anzuwerben. Um das Kap Schändung herum durchfuhr die 
Expedition das gelbe ^leer und nahm ihren Kurs nach der Pei ho- 
Mündung. Eine chinesische Yacht brachte sie über Taku nachTientsin, 
von wo sie Peking erreichten und sich sofort nach der kaiserlichen Sommer- 
residenz außerhalb der Stadtmauer b 
weilte in Jehol, dem Lieblingsaufenthalt der jagdfreudigen großen 






ächukaiser 



Dort suchte 



auf 



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ebenso begangenen Wege über Ku pe kou. 



Von Taku an beginnen die botanischen Beobachtungen Stauntons, 



die er gcAvissenhaft während der ganzen Reise fortsetzte 



Nach der Audienz beim 



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bei Tschinkiang kamen sie auf dem Kaiserkanal in die Nähe des Tai hu 



und 



der Mündung 
des Tsien tang-Flusses die Boote und somit den Kanal. Hier beschloß 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 5 



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durch das Landesinnere nach C a nt o n zu reisen. Bei Hang tschou f u 
wurde dem berühmten, tempelreichen Westsee, dem Hsi hu der 
Chinesen, ein Besuch abgestattet und dabei die Baumwelt der Gräber, 

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meiste]!^ Zypressen und Photinia serrulata, beobachtet. 

Von Hang tschou fu befuhr die Expedition den Tsien tang 
kiancr stromauf, bis der niedrige Wasserstand die Weiterfahrt unmöglich 
maclite. Nach Überschreiten der Wasserscheide glitt man in Booten 
stromab bis zum Pojang-See, fuhr den Kankiang stromauf bis nahe 
der Grenze der Provinz Kwangdung und dann nach Überwindung 
der Bergzüge den Pe kiang (Nordfluß) bis zur Provinz ialhauptstadt 

C'anton hinab. 

Kaum ein Jahr später verfolgte eine holländische Gesandtschaft 

unter Titzing dieselben Ziele, eine Audienz beim Kaiser Kien lung 



zu erhalten; van 



Konsul 



und der Franzose De Guignes waren ihr zugeteilt. Die Expedition 
begann in Canton 1794, folgte dem Wege Lord Macartneys bis zum 
Poyang-S'ee und Kiu kiang am Yangtse, reiste aber nicht weiter 
im Boot, sondern benutzte Sänften und Karren für ihre Landreise durch 
die Provinzen Kiangsu, Schändung und Tschili. Denselben Weg 
benutzten sie für die Rückreise und trafen über Tschinkiang und Su 
tschou fu in Hang tschou fuein. Die Weiterreise nach Canton 
erfolgte im Boot über die Provinz Kiang hsi, auf demselben Wege, den 
Lord Macartney vor ihnen gewählt hatte. 

Im Jahre 1816 verließ eine zweite englische Gesandtschaft an den 
Kaiser von China England, um Lord Amherst, den Gesandten, in Pe- 

uführen. Der Sohn Stauntons und der Naturforscher Dr. Abel 
Maiden dieser Gesandtschaft u. a. zugeteilt. Nach kurzem Aufenthalt in 
Hongkong strebten sie der Mündung des P ei ho in^ gelbe Meer zu und 
trafen über Tientsin inPeking ein. Lord Amherst weigerte denKotau vor 
dem Kaiser, wurde beleidigt und verließ mit seiner Begleitung Peking. 
Über Tientsin kam er auf dem Wege der hoUändischen Gesandtschaft von 
1056 nach Tschink lang; den Yangtse auf wärts besuchte er Nanking 
und Ta Tuner. Vom Povang-See fuhr er denKan kiang hinauf, über- 
schritt den Mei-Hng-Paß und segelte auf dem Nordfluß nach Canton. 
Inzwischen hatte sich Rußland durch seine wagemutigen Kosaken 
in Nordasien ausgebreitet und trat in nähere Berührung mit dem Reiche 

der ]\Iitte. Es war daher 

ans, Forschuncrsreiseu unternommen wm^den, die den Zweck hatten, 



nur 



Chinas 



später zu politischen Zwecken in den Bereich ihrer Interessensphäre zu 



ziehen. 



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6 



W. Limpricht 



Einer russischen kirchlichen Regierungsexpedition nach Peking 
wurde der hervorragende Botaniker A. von Bunge neben dem x^rete 
Kirilow zugeteilt. Die Expedition betrat bei Kiachta chinesischen 
Boden, durchquerte über Urga die Mongolei und kam im November ISoO 
nach Peking. Von Peking aus, wo die Expedition den Winter verbrachte, 
machte Bunge Ausflüge nach den Ruinen von Tsagan Bolgasuu 
hinter Kaigan und botanisierte im Frühsommer 1831 in der Umgebung 
Pekings und in den Bergen um die Haui:)tstadt. Den Tempel Ta pei sse 
in den Westbergen machte er zp seinem Standquartier für April Jlai. 
Anfang Juli kehrte die Expedition auf einer etwas westlicheren Route 
über Kiachta nach Rußland zurück. 

Die prachtvolle, weißrindige Kiefer bei den Tempeln der Westberge 
trägt neben anderen Pflanzenarten seinen Xamen (Pinm Bmujeana Zucc). 
Wild fand sie Henry in Hup eh. ^ 

In Gesellschaft von Bunge gelangte Porphjri Kirilow, ein Ar/. t, 
durch die Mongolei nach Peking. Hier blieb er bis 1841 und lernte 
auf seinen Exkursionen die Flora der Pekinger Ebene und der umgebenden 
Berge eingehend kennen. Er war der erste Botaniker, der den berühmten 
Bo hua schan, den tempelgckrönten „100 Blumenberg", ca. 100 km 
Avestlich der Hauptstadt, erstieg. 

Im Jahre 18-14 durchwanderten die Lazaristenpatres Huc und 
Gäbet die Wüsten von Or dos und AI a schan, das Kuku-nor- Gebiet 



kerstraße über Xao; tschu ka nach 

Nach wenigen Monaten wurden sie 

von den chiuesischen Behörden aus dieser Stadt ausgewiesen und kehrten 



Lhassa 



1846 



über Tschamdo, 
zurück. 



Draja, Batang 



und Ta tsien lu nach China 



Nach dem Opiumkriege kam 1842 die Insel Hongkong in den Besitz 
der englischen Krone; neben Canton wurden die Häfen Amoy, Fu 
tschou fu, Ningpo und Schanghai dem englischen Handel eröffnet 



und den Kaufleuten die Niederlassung gestattet. Vier Jahre später wu 



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die Insel Tschusan nach Bezahlung von 21 Millionen Dollar den Chinesen 
zumckgegeben. Durch die Kriegsexpeditionen und die daraus resul- 
tierenden Niederlassungen der Europäer in den vier neu geöffneten Häfen 



fand der 



Forschungsdrang weitere lohnende Felder seiner ^..^^^^ 



Betätigmig- 



Die Tschusan-Inseln erforschten Cantor, Griffith und Alexander, 
letzterer botanisierte auch an verschiedenen Küstenplätzen u. a. : Wusung 
bei Schanghai, Fu tschou fu und Kaulun gegenüber Hongkong- 
Auch die Vereinigten Staaten von Amerika entschlossen sich, Handels- 
beziehungen mit Ostasien, insonderhbit mit Japan, anzuknüpfen, ^i^ 
rüsteten zwei Expeditionen aus, deren er.ste (1852—1855) Dr. WiHia»^^ 
aus C a n t o n als Dolmetscher aufnahm. Diese Expedition besuchte :M a k a o , 



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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 7 

Hongkong, Canton. die Riu kin- und BoninJnseln mid segelte 
damrnach Japan. Williams und einige der Schiffsäi-zte benutzten 
den Aufenthalt an Land, um Pflanzen zu sammeln, die von Asa Gray 
bestimmt und veröffentlicht wurden. Die zweite amerikanische Ex- 
pedition (1853—1806) nach Ostasien hatte als Arbeitsfeld den«6tillen 
Ozean übertragen erhalten. Charles Wright und sein Assistent Small 
übernahmen die botanischen Arbeiten. Wiederum wurden Makao und 
Hongkoncr, die Riu kiu-Inseln, dann auch Futschou fuinFukien, 
Schanghai, die Pei ho-Mündung bei Taku im GoK von Tsch^li, 
Went schon inTschekiang, derHafenKi lung auf Form osa besucht 
und die Forschungen auf die Bonin-Inseln bis Hakodate auf Yesso, 
Kamtschatka, die Aleuten, die Beringstraße und die Hawai- 

Inseln ausgedehnt. 

Einen ganz wesentlichen Fortschritt machte die wissenschaftliche 
Erforsclnmg Chinas dixrch die ausgedehnten Reisen des unermüdlichen 
Robert Fortune; dieser ausgezeichnete Florist war der erste 
Europäer, der sich nicht auf die nähere Umgebung der dem Fremdhandel 
geöffneten Küstenplätze oder die Berg^^elt um Peking besehrankte, 
sondern während seiner 18jährigen Tätigkeit das bisher unbekannte 
Innere der Provinzen Fukicn, Tschekiang und Anhui (Xgan hwei) 
bereiste. Von Beruf aus Gärtner, legte er bespnderes Gewicht auf künst- 
lerisch wirkende Zierpflanzen, an denen j a die subtropischen Hügelgegenden 
dieser Provinzen so reich sind, und die europäischen Gärten verdanken 
viele ihrer schönsten Zierden dem geschulten Auge Fortunes. Doch 
vernachlässigte er dabei nicht die Floristik und unsere heutige Kenntnis 
der Macchienflora der subtropischen Übergangsprovinzen Ost-Chmas 
beruht hauptsächlich auf den Ergebnissen seiner ausgedehnten Reisen 
und seiner kritischen Beobachtungsgabe. 

Fortune war zu vier verschiedenen Zeiten in China, von 1843-184.), 
von 1848-1851, 1853—1856 und 1861. Die Besitzergreifung Hongkongs 
und die Besetzung der Insel Tschusan seitens der britischen Regierung 
legten den Wunsch nahe, wertvolle Pflanzen von dort zu erhalten, und 
Robert Fortune erbot sich im Auftrage der Londoner Gartenbau- 
gesellschaft nach China zu gehen, um neue Pflanzen von dort m England 
einzuführen. 

Er landete 1843 in .Hongkong und segelte dann nach Amoy._ Von 



Tschu san aus wandte er sich der Stadt Ningpo zu und botanisierte 



dann in der Umgebung Schanghais, Cantons und Makaos. 

Besonders zogen die Teedistrikte südwestlich Ningpo das Augen- 



auf 



schlug. In der weiterenUmgebung Schanghais besuchte er Kia tmg tu 



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W. Limpricht. 



und Su tschoufu unfern der Gestade des Tai hu, die reichste Stadt 
Chinas um Fii tschou fu in Fukien die Bezirke des schwarzen Tees. 
Eine zweite Reise im Jahre 1848 galt wiederum den Teedistrikten 
der Provinz Tschekiang und Süd-Anhui, dann dem Tschusan- 
Archipel und der Provinz Fukien. Hier lernte er als erster Europäer 



berühmte 



westlich der Stadt 



Tschong(ng)an hsien kennen, die er ein Jahr später nochmals auf- 
suchte. 

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Im Jahre 1853 erschien Fortune zum dritten Mal ein China. Nach 
Ningpo und den Tschusan-Inseln besuchte er als erster Europäer 
die prachtyoUe Berglandschaft um das buddhistische Kloster Hsüe 
dou SS 8 (Schneelochtempel), das in späteren Jahren als Snowy valley 
oft das Ziel der Fremden von Schanghai gewesen ist, heute aber immer 
mehr in Vergessenheit gerät. 

Auch in den nächsten Jahren zog ihn -seine alte Neigung nach den 
Teedistrikten der Ostküste. Eine dieser Reisen (1855) führte ihn bei 
Su tschou fu an die Südge.stade des Tai hu und ins Meitschi-Tal 
die Torberge des berühmten Tien mu schan-Gebirgsstockes. Seine 
vierte Reise hatt€ vorzugsweise Japan zum Ziel, doch machte er auch 
Exkursionen in die Umgebung Pekings, in deren Westbergen er bei 
dem Tempel Ba ta tschü die prachtvoUe, weißrindige Kiefer {Pinus 



m 



Binigeana) in ihrer vollen Schönheit bewundern konnte. 

Botanische Mitteilungen aus tiefer im Inneren Chinas gelegenen 
Provinzen verdanken wir der Tätigkeit der ^Missionare. So gebührt das 
Verdienst den Tien mu schan in Tschekiang entdeckt und als erster 
bestiegen zu haben, dem englischen Missionar Medhurst (1854). 

Bedeutendes in der Erforschung Nordchinas haben in dieser Zeit 

die Russen geleistet. Tatarinow begleitete (1840) als Arzt die zwölfte 

kirchliche .Mission nach Peking, blieb mit ihr zehn Jahre daselbst und 

botanisierte in diesen Jahren in den Bergen um Peking bis zum Bo 

hua schan hin, um Jehol außerhalb der großen 3Iauer und in der 
Mongolei. 

In die darauf folgenden Jahre fällt die Besitzergreifung des Amur- 
Tales und eines Teüs der Mandschurei durch die Russen. Der energische 

Gouverneur von Ost-Sibh-ien, General .Murawiow, richtete, da es Ruß- 
land 



Werften 



Augenmerk auf die südlicher gelegenen Küstenstriche, und es gelang 
Rußland auch, sich ohne Blutvergießen in den Besitz dieser für seinen 
Handel und politischen Einfluß so wichtigen Landstriche zu setzen. Es 
war naturgemäß eine Folge dieser Annexion, daß von selten der Regierung 
nichts unversucht gelassen wurde, die neuerworbenen Länder auch 
V, issenschaf tlich zu untersuchen. Mit der Erforschung dieses Teües Ost- 



s 






V- 



L J 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 9 



^asiens ist der Name Maximowicz für alle Zeiten auf das innigste ver- 
_knüpft. 

Schon 1833 hatte Turczaninow als erster Botaniker im oberen 
Araurtale, in der Gegend um den Baikal- See bis in die Nähe der chinesischen 
Grenze botanisiert, aber China selbst nicht betreten. Doch durch die 
Bearbeitung der Ausbeute von Kusnezow und Kirilow aus Nord- 
C'hina und der Mongolei hat er sich eine hervorragende Stellung in der 
Geschichte der botanischen Erforschung Chinas gesichert. 

Einen schnellen Aufschwung nahmen die Forschungen im Innern 
Cliinas nach Beendiorun^ des zweiten Krieges zwischen den Westmächten 
(England, Frankreich) und China. Im Vertrag von Tientsiu, 1860, wurde 
Kaulun, ein Küstenstück gegenüber der Insel Hongkong, an England 
abgetreten, fremde Gesandtschaften in Peking errichtet, den Tnter- 
tanen der Vertragsmächte das Reisen im Landesinneren gestattet und 
nach und nach für Konsulate, Handel und europäische Beamte des 
chinesischen Seczolls verschiedene Häfen geöffnet. 

Wie Maximowicz unter den russischen, so stand Hance unter den 
en^dischen botanischen Forschungsreisen den diesem- Zeit an erster Stelle, 
Als siebzehnjähriger Jüngling kam Hance 1844 nach Hongkong, trat 
hier in Zivildienste, fand 1854 eine Stellung am Cantoner Konsulat, kehrte 
nach der Verbrennung der fremden Faktoreien nach Hongkong zurück 
und wurde 1861 Vizekonsul in Whampoa, 20 km unterhalb Canton 
^m Westfluß. 25 Jahre verbrachte er hier und wurde 1886 Konsul in 
Amo3^ starb jedoch schon nach einem Monat daselbst, und seine irdischen 
Reste wm-den auf dem wundervollen, weltberühmten Friedhof ,,Happy 

Valley" in Hongkong beigesetzt. 

Außer in der Umgebung Hongkongs undCantons sammelte Hance 
um Araov, am Xordflusse^ einem Nebenarm des Cantoner Westflusses, 
gemeinsam mit Sampson, in demselben Jahre (1866) auf der Insel 
Hainan und der gegenüber liegenden Halbinsel Leitschou, 1872 am 
Westfluß. Bei seinem Tode enthielt sein Herbarium 22437 Spezies, 
die er laut lotztwilliger Verfügung dem British ^Museum vermacht hat. 

Auch sein dritter Sohn Alfred teilte des Vaters botanisches 
Interesse. Einige von ihm bei Canton aufgenommene Pflanzen 
tragen seinen Namen z. B. Sedum Alfredi Hance, Lysimachia Alfredi 
Hance usw. 

Hauptsächlich Ornithologe, hat doch R. Swinhoe bedeutende 
Resultate als botanischer Forscher erzielt. Hainan, Formosa, die 
Lam yet-Insel in der Formosa- Straße, Nord- China (Talienwan, 
Taku, Tientsin, Peking, Kaigan) und das Yang tse Tal von Hankou 
bis Tschung kin^ waren der Gegenstan.d seiner Beobachtungen. Später, 
als Konsul in Ningpo 1871, arbeitete er hier und in Kiukiang als ^atur- 



10 



W. Limpricht 



■> 



forscher, wurde 1873 in gleicher Eigenschaft nach Tschi fu versetzt, 
inid, erkrankt, verließ er bald darauf China. 

Einige wenige Pflanzen sammelte Main^rav um' die Küstenstadte 



Nord Chinas^ Avie Tschifu und Schanghai, ferner Williams zwischen 
Peking und Kaigan, in den Pekinger Westbergen und um Jehol. 

r 

Englands Interesse lenkte sich auf das obereYangtse- Tal und suchte 
zunächst durch Emchtung von Konsulaten seine Einflußsphäre auf 
diese wichtigste aller Zugangsstraßen nach dem Westen des Landes aus- 
zudehnen, um, wenn möglich, eine Verbindung zwischen Szetschwan, 
der reichsten Provinz Chinas, mit Indien in die Wege leiten zu können. 
Eine Folgeerscheinung dieser Bestrebungen war naturgemäß auch eine 
eingehendere geographische und botanische Erforschung dieser Grenz- 
länder, und es ist daher nicht ver\vunderlich, wenn gerade die wissenschaft- 
liche Erschließung des oberen Yangtse^Tales der Aveitsichtigen englischen 
Kulturpolitik zu verdanken ist. 

Sarel sammelte 18C1 im Yangtse-Tal in Szetschwan Farne, die 
W. Hooker bestimmte, und drang gemeinsam mitBlakiston auf einer 
britischen Regierungsexpedition, der ersten europäischen auf dem oberen 
Yang tse, bis Ping schan oberhalb der Münduno; des Min in den 
Yang tse vor, von wo sie ihre EntdeckunKsfahrten bis an die Grenze 
von Yünnan ausdehnten. 

Größere Reisen in den Nordprovinzen Tschili, Schändung, 
Schanhsi, Schenhsi, Honan, der Mandschurei und östlichen 



O 



Mongolei machte Williamson (1864—1869). 

Von anderen, die von den Orten ihrer Tätigkeit aus kleinere botanische 
•Sainmlungen zusanmiengestellt haben, abgesehen, ist die Expedition des 
Majors S'laden zu erwähnen, die der Naturforscher Anderson 18('8 
begleitete. Ausgehend von Mandalay in Birma gelangte die Expedition 
nach Bhamo am Irawadi und wandte sich nach . Teng yüe ting 
(Momein), der Grenzstadt in der chinesischen Provinz Yünnan. Di*-" 
Weiterreise wurde nicht gestattet und die Expedition zur Umkehr ge- 
zwungen. Anderson ist als erster Sammler in Yünnan anzusehen. 

Beamte des chinesischen Seezolls bekundeten ihr Interesse für die 
Botanik neben Sammlungen von den verschiedenen Orten ihrer Tätigkeit 
aus durch Beobachtungen und Abhandlungen über Nutz- öder Medizinal- 
pflanzen Chinas, wie Kopsch und Bowra (Tschinkiang, Kiukiaug, 
Pakhoi, Formosa, Xingj)©, Ganton und Schanghai) andere als Dolmetscher 
oder sonstige Konsulatsbeamte oder als Kaufleute wie u. a. Everard 
(Xingpo, Kiukiang, Itschang). Alabaster sammelte für Hance um 
Ningpo, Hankou rmd Amoy, Shearer um Kiukiang, Quekett hei 
dem Kloster Hsüe dou sse (Snowy Valley) unweit Xingpo, auf Putu 
im Tschüsan-Archipel und den Tai hu-Bergen bei Su tschou- 



-; 



^ 






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^ 






Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 11 



Bushell entdeckte die Ruinen des Sommerpalastes von Kublai Khan 

4 

■ bei Schaiigtu in der südöstlichen Mongolei und botanisierte auch in 
den Bergen bei Peking, Mouk um Hang tschou. 

Mc Carthey reiste vonTschinkiang den Strom hinauf bis Hank ou 
und Aveiter bis Wan hsien in Szietschwan, dann zu Land bis vSc hu ng- 
king, von wo er den Kia ling bis Tschungking hinabfuhr. Von 
Tschungking wandte er sich der Provinz Kwetschou zu, erreichte 
eieren Hauptstadt Kwe vang fu und reiste dann über Yünnan fu 
nach Bhamo in Britisch- Hinterindien (1877). Stronach sandte Pflanzen 
vonTschinkiang und Wen tschou (Tschekiang) an Hance und Martin 
von den Tai hu-Bergen bei Sutschou. 



Eng verknüpft mit der Forschungsgeschichte und der Botanik ins- 



besondere ist der Xame Forbes. Gebürtiger Amerikaner, war er lange 
Zeit eins der hervorragendsten Mitglieder der Schanghaier internationalen 



Gesellschaft. Durch Hance und Ford wurde er der Botanik gewonnen, 
die er von 1874 ab von seinen Hausboottouren aus namentlich in der 
weiteren Umgebung von Schanghai und Tschifu förderte. Durch Ein- 
heimische ließ er bei Kiukiang und Ningpo sammchi, er selbst botani- 
sierte um den Tai hu bei Su tschou und um Tschifu, an letzterem 
Ort auch sein Schwager Carmichael. Forbes war der erste Botaniker, 
der den Tai hu mit seinen Inseln und umgebenden Bergen näher unter- 
suchte. Seine wiederholten, zum Teil mit Carles unternommenen Ex- 
kursionen nach diesem See führten ihn auch an das Südgestade bis zu den 
Vorbergen des Ticn mu schan bei Mei 'tschi. 

Die Absichten der englischen Regierung, von Birma aus festen Boden 
in Südwestchina zu fassen, fanden fünf Jahre nach der vergeblichen Ex- 
pedition des Majors S laden eine Wiederholung in einem zweiten von Oberst 
Browne geleiteten Versuch, die Handelsstraße zAvischen China und dem 
Irawadi-Tal auszAikundschaften. Der Konsulatsbeamte Mar gary win-de 
dazu ausersehen, die Expedition in Bhamo abzuliolen. Er verließ in 
Hankou den Dampfer (1874), segelte über den Dung ding-See, reiste 
durch die Provinz Kwetschou nach Yünnan fu und über Tau fu nach 
Bhamo in Birma. Er war der erste Engländer, der diese Route begangen 
hatte. Die Expedition brach unter seiner Führung von Bhamo 1873 



auf . 



eeilt 



Der 



englische Gesandte verlangte von China eine Untersuchung des IMordfalls, 
und Grosvenor, zweiter Sekretär der Gesandtschaft, wurde zur Unter- 
suchung nach Manwyne gesandt. Davenport und der noch zu er- 
wähnende Konsulatsdolmetscher Baber begleiteten ihn. ^Vlan befuhr 
den Yang tse bis An pien oberhalb Sui fu an der Einmündung des 
Min, verließ hier das Boot und erreichte auf dem Landwege Yünnan fu, 
von wo man über Tali f u und Teng yüe ting (Momein) nach Bhamo 



3 



12 W. Limpricht. 

gelangte. 1876 kehrten die Teilnehmer der Expedition nach Peking 
zurück. In ihren Berichten gibt Davenport interessante Beobachtungen 
über die Nutzpflanzen dieser südwestlichen Provinzen wieder und Baber 
schildert die Reise von Tali fu bis Teng yüe ting nebst der Route 
von An pien nach Bhamo. 

Ed. Colbourne Baber, seit 1877 britischer Konsularagent in 
Tschungking (Szetschwan), war einer der energischsten und erfolg- 
reichsten Erforscher der chinesisch- tibetischen Grenzländer. Seine erste 
Reise führte ihn auf der schon 1868 von Cooper und wenige Monate 
vor ihm von Gill begangenen Straße nach der Provinzialhauptstadt 
Tschengtu fu. Von Tschengtu fuhr Baber den Min abwärts nach 
Kia ting fu, besuchte den weitberühmten Wallfahrtsberg Omi schau 
und verfolgte das Ya ho- Tal bis Ya tschou fu. Den gewöhnlichen 
Weg über den „Elefantenpaß", Ta hsiang ling, nach Ta tsien lu, 
den vorher schon Huc 1846, Cooper 1868 und Gill 1877 begangen hatten, 
verließ Baber in südöstlicher Richtung, kreuzte den Ta tung ho südlich 
Fu lin, berührte das Land der unabhängigen Lolos und gelangte nach 
Ning yüan fu. Weiter südlich bei Hui li tschou kehrte Baber 

um und erreichte Ping seh an, von dem er nach Tschungking zurück- 
kehrte. 

Im nächsten Jahre (1878) weilte er in Ta tsien lu, das Gill schon 
ein Jahr vorher aufgesucht hatte. Von Kia ting fu am Min nach der 
Stadt Omi hsien gelangt, überschritt er den sarg ähnlichen Wa schan 
und kam nach Fu lin und längs des Tatung-Flusses nachTzetati 
und Ta tsien lu. Auf dem gewöhnlichen Wege nach Kia ting fu 
gelangt, bestieg er hier das Boot, mit .dem er den Min und dann den 
Yang tse bis Tschungking hinabglitt. 

Unbekannte Landstriche in West-China der geographischen Wissen- 
schaft erschlossen zu haben, ist das unbestrittene Verdienst des in Indien 
geborenen britischen Pionierhauptmanns William Gill. Nach seinen 
Reisen in Indien, Persien und Transkaspien wandte er sich China zu, 
und zwar speziell den Gegenden Nord-Szetschwans. Gill traf im 
September 1876 in Peking ein. Gemeinsam mit Carles besichtigte er 
das Gelände außerhalb der großen Mauer bis zu ihrem Endpunkte am 
Meer, Schan hai kwan, reiste dann nach Schanghai und Hankou. 
Mit Baber, der sich auf seinen neuen Posten in Tschungking begab, 
legte er die Reise bis dahin gemeinschaftlich zurück. Allein folgte Gill 
weiter der Straße nach Tschengtu und betrat als erster Europäer 
das Mintal und somit die Hochgebirgsgegenden Nord-Szetschwans. 
Bei Wei tschou (Hsin pu kwan) verließ der Reisende den Haupt- 
fluß und zog das Tal des hier mündenden Hsiau ho hinauf bis Li f an 



ting. 



folgt 



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I 









Botanisclie Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 13 



Auf einem anderen Wege (über Lung an fii und Mien tscliou) wieder 
in Tschengtu eingetroffen, traf er mit Mesny zusammen und beide 
kamen überein, die Reise nach Bhamo gemeinsam auszuführen. Über 
Ya tschou f u und Lu ting tschiau kamen sie nach Ta tsien lu, 
reisten von hier über Ho kou und den Rama-la-Paß nach Litang 
und den Rung se la-Paß (Rossäla in meinen Sammlungen) nach 
Batang. Nach Überschreiten des Yang tse (Kin scha kiang) am 
Weitermarsch nach Lhassa gehindert, wandten sie sich südwärts, über- 
wanden im Tsa leh-Paß die Grenze zwischen Szetschw^an und 
Yünnan, besuchten A ten tse, erreichten den Yang tse wieder in 
Pong tse la und gelangten nach Tali fu und von dort nach Bhamo, 
wo sie von Cooper, dem britischen Agenten daselbst, freundlichst auf- 
genommen wurden. Von Rangun fuhr Gill nach England. Hier erhielt 
er die Medaille der geographischen Gesellschaft. Botanische Sammlungen 
hat er nicht angelegt, wohl aber barometrische Messungen vorgenommen 
und seine Reiseberichte herausgegeben. 

Während sehier Amtstätigkeit als Konsul in den verschiedensten 
Plätzen Chinas w^ar BuUock ein eifriger Florist, Er botanisierte auf 
Formosa und Hainan, am Nordflusse beiCanton, in Xord-Hunan, 
am Dung ding- See, bei Tschinkiang, Wuhu und Schangliai im 



Yang tse-Gebiet und auf dem Bo hua schan westlich Peking. 

Herbarmaterial oder lebende Pflanzen aus Ningpo sandte W. M. 
Cooper, Konsul in Ningpo, an den Kew Garden, ferner Watters an 
Hance aus Itschang und Formosa (1880 Primula sinensis zuerst 
gefunden) ; an die bekannte Firma Veitch & S ons, London, der Gärtner 
Maries aus Japan undChina (Kloster Hsüe dou sse, genannt „Snowy 
Valley", bei Ningpo, Tschin kiang und Luschan-Berge bei 

Kiu kiang, Itschang). 

Mesny stand im Dienste der chinesischen Regierung, bei der er 
eine hohe militärische Stellung einnahm und später in Kleidung, Sprache 
und Gewohnheiten vollständig zum Chinesen wurde. In seiner amtlichen 
Eigenschaft bereiste er alle 18 Provinzen des Riesenreiches und Turkestan. 
Während einiger Jahre sammelte er Pflanzen für Hance, imd zA\ar vor- 
nehmlich in KM-angdung, Szetschwan und am Ku ku nor. Er 



war der erste Besucher des Hwa schan- Gebirges bei Dung kwan 
ting am Hwangho-Knie in Schenhsi. 



William Hancock, ein Beamter des chinesischen Seezolls, lernte 
als solcher weite Teile von China kennen, x^ eifriger Botaniker sammelte 
er zuerst in Schändung, 1876 besuchte er den Hsiau Wu tai schan 
westlich des Bo hua schan bei Peking als erster Botaniker und sandte 
seine Ausbeute von da, UO Pflanzen, anHance undMaximowicz, ebenso 
die Ergebnisse seiner Sammlungen um Ningpo und auf Haina^^ 



-r- 



14 W. Limpricht. 

Während seines Aufenthaltes in Canton schickte der daselbst tätige 
Konsularagent Parker die von ihm daselbst gesammelten Pflanzen 
an Hancc, und vonTschungking, wohin er in gleicher Eigenschaft 1880 
versetzt wurde, unternahm er sechs Reisen in Szetschwan. Auf der 
ersten fuhr er den Kia ling bis Ho tschou hinauf, auf der zweiten 
südlich bis Ki kiang und über die Provinzgrenze nach dem Dorfe 
Sui kan in Kwe tschou. Die dritte Reise führte ihn ebenfalls südlich 
in den Distrikt von Nan tschuan, über die Kin schan-Berge nach 
Kwetschou und über Fu tschou am Yang tse zurück. Die vierte 
folgte der Route Gills im Jahre 1877 westlich, auf der fünften besuchte 
er Paoning fu und die sechste brachte ihn stromab nach Itschang, 
das er zuletzt zu Fuß erreichte. 1883 sehen wir ihn in Wen tschou, 
von wo aus er die Provinzen Tschekiang und Fukien durchstreifte. 
Der schon erwähnte Carles botanisierte gemeinsam mit Forbes 
um Tschi fu, dann am südlichen Gestade des Tai hu, ferner um 
Fu tschou, Ningpo, der Insel Pu tu im Tschusan- Archipel, 

schließlich in Corea. 

Kapitän Anderson interessierte sich für die Farne des Min-Tales 
in Fukien. 

Konsul Alexander Hosie, zuerst in Wuhu, s^Jätcr in Tschung 
king, unternahm von letzterer Stadt 1882— 1884 drei ausgedehnte Reisen 
in die Provinzen Kwetschou, Szetschwan und Yünnan. Er be- 
suchte Tali fu, Yünnan fu, den Omi schan, an dessen Fuß ihn 
die Kultur des Wachsinsekts besonders fesselte, und die Ränder desLolo- 
gebietes bei Ning yüan und Ma pien. 

Bourne wiederholte 1883 die Reise von Fort une nach den berühmten 
W u y i s c h a n - H ü g e 1 n ( B ohea hüls) in F u k i e n und bereiste aus Handels- 
interessen die Provinzen Szetschwan, Yünnan, Kianghsi und 
Kwetschou. In Yünnan kam er bis Pu erl und Sze mao. 

Der Hauptanteil an der botanischen Erforschung des mittleren Yang 
tse- Tales gebührt dem ausgezeichneten Floristen A ug u s t i n e H e ii ry. Für 
den chinesischen S ecz olldienst als Arzt verpflichtet, kam Henry 1881 zuerst 
nach Schanghai, wurde aber schon ein Jahr darauf nach Itschang 
versetzt. Hier lernte er Eingeborene an, für ihn Pflanzen zu sammeln, 
die meistens aus den Bergen der Yang tse- Schluchten oberhalb 
Itschang stammen und die i 

und „Nan to" tragen. Die Ausbeute, die diese Sammler heimbrachten, 
weckten in ihm den lebhaften Wunsch, die höheren Berge um die Schluchten 

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als Wu schan-Gebirge vermerkt sind, an der Grenze von Szetschwan 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 15 



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den Kiu lung schati übergehen und weiterhin als Wasserscheide 
zwischen Yang tse und Han die Grenze zwischen S'chenhsi und 
Szetschwan bilden. Pflanzen dieser Gegenden finden sich in den größeren 

Herbarien Europas und Amerikas. 

Der englische Naturforscher Pratt kain 1SS7 nach Schanghai, 
war zuerst auf dem Pu schan- Gebirge bei Kiukiang zoologisch tätig 
und beaann am unteren Ausgange der Yang tse- Schluchten bei 



i^CVmi ^^ ..i.„v.xv... ^- -„""o 



Itschang botanische Sammlungen anzulegen. Bei Tschang yang 
südlich Itschang traf er einen Bergwald von beträchtlicher Ausdehnung 
an, in diesem verbrachte et den Sommer des nächsten Jahres. In Ge- 
meinschaft des deutschen Sammlers Kricheldorff , der aber bald aus- 

r 

ächied, reiste er 1889 nach Tschungking und auf dem Min weiter nacli 
Kia ting fu, marschierte über die Stadt Omi nach dem Wa schan- 
Berge, an dessen Fuß er einen Monat blieb und wandte sich dann nach 
Ta tsien lu über Fu lin und Wa sse kou. Hier trafen beide mit dem 

r 

Amerikaner Rockhill zusammen, auch lernten sie Soulie kennen. 
Ende Juli machte Pratt eine Exkursion in die Alpen bei Chetu (Sheto 
meiner Karte) und im August gemeinsam mit Soulie in die Hochgebirge 
nördlich der Stadt. Den Winter verbrachte er in Han kou. Im nächsteji 
Jahre besuchte Pratt wieder mit Kricheldorff von Kia ting fu 
aus den Omi schan, kam im Ya ho-Tal nach Ya tschou fu und 
auf dem gewöhnlichen Wege nochmals nach Ta ^sien lu. Im :\iärz 



j,V.,,V^iili-i^i^V.X^ "-O 



gingen sie nach Mu pin, Kricheldorff blieb hier, Pratt eilte nach 
Mo si mien, südsüdöstlich Ta tsien lu, lebte nahe dem ewigen Schnee 
zwischen Mo si mien und Ta tsien lu und wandte sich wieder dem 
Omi zu, den er nochmals bestieg. Kricheldorff stieß hier wieder zu 



ihm, und gemeinsam kehrten sie nach Tschungking zurück. Pratt fuhr 



von Schanghai nach England. 

Vorzugsweise Zoologe, hatte Pratt glücklicherweise einen Ein- 
geborenen angelernt, botanische Sammlungen anzuL 

Die englisch- indischen Offiziere Bower und Thorold brachen ISOl 



auf 



Osten, Avurden von den Lamas am Besuche des Tengri nor und damit 
Lhassas verhindert, bogen nach Nordosten ab und kamen über 
Tschamdo nach Batang und Ta tsien lu; von dort wandten sie sich 
nach l"a tschou fu und erreichten auf dem Wasserwege Schanghai 



im März 1892, von wo sie nach Indien zurückkehrten. 



W. W. 'Rockhill, ein Amerikaner im diplomatischen Gesandt- 
schaftsdienst in P c k i ng , hatte den Wunsch, L h a s s a zu erreichen. Der 
tibetischen und chinesischen Sprache mächtig, brach er Dezember 1888 
von Peking auf zoc. durch Tschili und Schanhsi nach Hsi an f u 
in Schenhsi, reiste weiter naoh Hsi uix 



a tu in jvan^u, besichtigte 



16 



W. Limpricht. 



das Kloster Kumbum, zog südlich vom Ku ku nor nach dem Gebiet 
• des oberen Yang tse (Dri tschu) bei Yekundo; am Weitermarsch 
verhindert, wandte er sich südöstlich, erreichte über Kanse die S'tadl 
Tatsien lu, dann Ya tschou fu und Tschungking, von ^^o er 
sich nach der Heimat begab. 1891 wieder in China, unternahm er von 
Peking aus seine zweite Tibetfahrt. Über Kaigan und Kwei hua 
t sc he ng- gelangte der Reisende an den Hwang ho, folgte dessen Lauf 
bis Lan tschou fu in Kansu, besuchte von Hsi ning fu aus noch- 
mals Kum bum, zog südlich vom Ku ku nor durch Tsaidam nach 



QueU 
nor; zur 



gezwungen, kehrte er über Tschamdo, Batang, 



Litang, Ta tsien lu, Tschungking nach Schanghai zurück. 

Eine Reise von Leb durch Nord- Tibet über den Yangtsequell- 
fluß Tschumar, den Ku ku nor, Tankar, Lan tschou fu nach 
Peking machten Kapitän Wellby und Leutnant Malcolm 1896. Auch 
sie brachten ca. 80 Pflanzen mit. 

Von den nicht englischen Sammlern trug neben einisen Missionaren 
Eedeutenderes zur Kenntnis Chinas der Franzose Debeaux bei. Er 
sammelte an verscliiedenen Küstenplätzen und schrieb unter anderem 
die ersten Floren von Schanghai, Tschifu und Tientsin (1875-1879). 
^ Um Ningpo und Schao hsing sammelte Savatier (1862/63): 
m der Umgebung vo^i Tientsin und Schanghai (Tschusan-Tnseln), 
in Ost-Tschili und dem angrenzenden Schändung, um Hankou 
uiid dem Dung ding-See botanisierte Simon, ebenso auch in den 
\Vestbergen bei Peking, um die Missionsstation Si wan tse hinter 
Kaigan, um Dolon nor (Lama miao) in der Innenmongolei, um 
Jchol und Ku pe kou an der großen Mauer. Ferner bereiste er die 
Provinzen Kiangsu, Anhui, Hupeh, Sz etschwan bis Tschengtu, 

Kwetschou, Hunan, Fukien und Tschekiang. Seine Samm- 
lungen sind in Paris. 

Die französische Forschungsexpedition unter de Lagree auf dem 
^I ekong nach Süd- C hina begleitete der Arzt und Naturforscher Thorel. 
\on den Laos-Staaten kam die Expedition 1866 nach Yünnan mid 
ei-reichte über Sze mao, Pu erl deren Hauptstadt Yünnan fu 1867. 
Lmige Teünehmer, unter ihnen Thorel. reisten noch nach Tali fu, und 

nach versp.hi*::>rTt»viöTT Q^l,„,: :^i__-. ,* , . ^. - . - ,^ ^„. 



abT^'ärts nach Schanghai. 

Die größten und dauerndsten Verdienste um die Ex-forschun 



Chinas 



unermüdliche 



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David erworben. Legte er auch den Hauptwert auf zoologL^che 
Sammlungen, die in ihrer Mannigfaltigkeit bis jetzt nicht erreicht, ^ 

viel weniger übertroffen wurden, so verdankt ihm doch die Geologie f 

I. 



l 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 17 



■ 

und Botanik vielfach ihre wichtigsten Aufschlüsse über dieses Land. 
Seine umfassenden Sammlungen hat David dadurch zustande ge- 
bracht, daß er chinesische Christen in den Dörfern, die er auf seinen 
Inspektionsreisen besuchte, anleitete, für ihn Xaturobjekte zu sammehi, 
und so zu seinen eigenen Beobachtungen eine Fülle wertvollen Materials 
zusammentragen ließ. 

Im Jahre 1802 begannen seine Forschungen. Zuerst wurde auf Ex- 
kursionen die Aveitere Umgebung Pekings und der Lazaristenstation 
Si wah tse hinter Kaigan, dann (1863) der Bo hua schan (I pe 
hoachan bei David) und Ta tsio schan (Ta tchiao chan), 1864 der 
Bezirk von Jehol besucht und dann 1866 die erste nrößere Reise an- 
getreten, die dieSüdmongolei zum Gegenstand der Untersuchungen hatte. 

Durch den Xankou-Paß reiste David über Hsüan hua fu nach 
Kwei hua tscheng (Kuku choto), machte Abstecher in die Um- 
gebung des Städtchens und zog dann parallel der Nordschleife des 
H wang ho weiter. 

Die zweite Reise hatte Mittel China und Ost- Tibet zum Ziel. 
Von Peking über Tientsin in Sehanghai angelangt (1868), reiste 
David auf dem Yangtse nach Kiukiang, erstieg den Lu schan 
zweimal und begab sich von Schanghai nach Ningpo, traf aber schon 

Aufenthalt wieder in Kiukiang ein. Im Oktober desselben 
Jahres fuhr er den Yangtse bis Tschungking hinauf, nicht aber ohne 
wahrend der Fahrt kurze Stationen in Schaschi und Itschang ge- 
macht zu haben. 



In der Absicht, die Missionsstation Mu pin aufzusuchen, reiste 



urzem 



David nach Tschengtu und von der Hauptstadt in 6 Tagen über einen 
3200 m hohen Paß nach Mu pin. Hier erstieg der unermüdliche Reisende 
den ca. 5000 m hohen Hong schan tin. 

1872 war David wieder in Sehansfhai. reiste in der Provinz 



Ischekiang südwestlich von Ningpo und dann über Schanghai 



nach Peking 



Am 2. Oktober verließ er Peking über Pao ting fu nach der 
Provinz Honan, kam über Ho nan fu nach Schenhsis Haupit- 
stadt Hsi an fu, dem Ausgangspunkt für Bergwanderungen im Tsin 
ling schan. Hier besuchte er das Christendorf In kia pu. Von diesem 
Dorfe aus erstieg er den 3700 m ( ?) hohen Kwang tou schan, und 
von Mu kia pin aus überquerte er auf einem Paß nahe dem ca. 4000 m 
hohen Tai pai schan die Hauptkette (1873), stieg nach Pau tscheng 
9*0 und weilto längere Zeit in den christlichen Dörfern unweit Han 
tschung fu, auch in Mien hsien. Von Tscheng ku hsien am 
Han aus fuhr er diesen Fluß bis Hankou hinab und begab sich nach 
kiukiang, um die Provinz Kianghsi zu durchstreifen. Über die 

■|^. Fedde, ßepertorium speciernm noTarum» Beiheft Xll. 2 



/- 



•18 W. Limpricht. 



* 



i 



Provinzhauptstadt Nan tschang fu erreichte er die Grenzgebirge 
zwischen Kianghsi und'Fukien, überquerte sie, stieg nach Koa ten 
ab, konnte aber wegen Fiebers und einer schweren Lungenentzündung 

I 

seine Reise nicht fortsetzen und kehrte durch Kianghsi nach Kiukiang 
zurück. In Schanghai verheß David China und landete am 14. Mai 
1874 in Marseille. 

Seine botanischen Sammlungen wurden von Franchet in den ,,P]antae 
Davidianae'' beschrieben. 

P. Heu de, Jesuitenj)ater, stellte eine interessante naturwissenschaft- 
liche Sammlung von Vögeln, Fischen und Weichtieren im Museum der 
Jesuitenniederlassung Zikkaw^ei bei Schanghai zusammen,v sammelte 
aber auch Pflanzen oder ließ sie von Amtsbrüdern sammeln. Er reiste 

L 
\ 

in der XTmgcbung Ningpos, in Kianghsi, Anliui, Hunan und 
Kiangsu (1869—1875). 

Um Tschifu (Schändung) und Ningpo botanisierte Fauvel, um 
Kwe tschou (Ost-Szetschwan) Vingot, um den Tai hu (Siiflufer) 
Poli (1874—1875). 

Um die Erforschung der Alpengebiete West-Yünnans ist in jalire- 
langer Arbeit der franz<')siöche Missionar Del avay tätig gewesen, und seine 
Forschungsergebnisse sind von ausschlaggebender Bedeutung für die 
Pflanzengeographie der Hochgebirge West Chinas geworden. Zuerst 
bei Canton, von wo er die Insel Hainan bereiste, stationiert, begab 
sich Delavay im Jahre 1882 auf seinen neuen Posten Ta pin tse, 
nordöstlich vom Örl hai-See bei Tali fu in Yünnan. Er wählte 
zur Hinreise den Yangtsestrom, verließ denselben in Suifu und kam 
über Yünnan fu und Tali fu im Juli nach Ta pin tse. Während 
seine*s zehnjährigen Aufenthalts daselbst durchstreifte er hauptsächlich 
die Alpen um Tali fu bis zu dem ewigen Schnee der Li kiang-Kette. 



1S92 hoffte er, sich in der Heimat von den Folsen der Pest zu erholen, 
kehrte kaum wieder hergestellt nach China (1893) zurück, starb aber 
schon 1895 in Yünnan f u. 1894 hat er noch ein halbes Jahr in der 
IVIissionsstation in Long ki in Nord- Ost -Yünnan verbracht und hier 
und im Tschen fong schan in den dortigen nebelfeuchten Bergwälderu 
botanisiert. 

Leider sind nicht sämtliche der 4000 Spezies, die Delavay heim- 
sandte, bestimmt worden. Ebenso wie in den „Plantae Davidianae" 
■wollte Franchet in den „Plantae Delavavanae" die Gesamtausbeute 



O 



ii 



edoch das Werk 



Neuheiten 



Unter den Pllanzen Delavays finden sich auch einige, die von 
meinem Amtsbruder Vial auf einer Reise von Yünnan fu nach Tonkxn 

(1887) gesammelt sind. 



A. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 19 



Der Wunsch, das geheimnisumwobene Lhassa zu erreichen, be- 
stimmte den jungen Prinzen Henri d'Orleans 1889 zu seiner Reise 
nach Tibet, deren Durchführung hauptsächlich dem erfahrenen Pamir- 
reisenden Bonvalot zu verdanken ist. 

Sie durchquerten Chinesisch- Turkestan und wanderten auf dem 
tibetischen Hochplateau bis in die Nähe des Tengri nor (Nam tso). 
Hinter der Nin tschen tang la- Kette südlich des Tengri nor 
lag Lhassa in nur 60 km Entfernung, doch wurde auch ihnen die Weiter- 
reise nach der heiligen Stadt verboten und sie gezwungen, nach Osten 
das Land zu verlassen. Die Expedition erreichte über Batang und Litang 
Ta tsien lu, bog hier nach Süden ab, durchquerte Yünnan und 
Tonkin und fand in Hanoi ihren Abschluß. 

Außer geologischen und zoologischen Objekten sammelte der Prinz 
420 Pflanzenarten, meistens um Ta tsien lu, einipre auch zwischen 



Batang und Litang. Sie wm'den von Bureau und Franchet be- 
stimmt. 

Im Jahre 1895 unternahm Prinz Henri d'Orleans seine zweite, 
der Erforschung des Mekong gewidmete Reise gemeinsam mit Leutnant 
Roux und Briffaud. Von Hanoi gelangten sie nach Meng tse in 

F ■ 

Yünnan. Von Meng tse reisten sie über Sze mao nach dem Mekong- 
Tal, überschritten diesen Fluß, erreichten Tali fu, wandten sich von 
hier westwärts dem Salwin zu und kehrten zum Mekong zurück, 
dem sie aufwärts bis zur französischen Missionsstation Tse kou folgten, 
tber die Irawadiciuelle und Assam endete die Heise Weihnachten 
1895 in Sadiya am Lohit- Brahmaputra. Gesammelt wurde bis 
Tse ku; Franchet bestimmte die Ausbeute. 

Pvcichhaltige Sammlungen (1890 — 1891), vielfach noch nicht identi- 
fiziert, aus den höchsten Alpenregionen um Ta tsien lu, sind dem 
in Ta tsien lu selbst und in Tongolo (Ngoloto) weiter westlich 
stationiert gewesenen I\rissionar Soulie zu verdanken. Leider wurde 
dieser verdienstvolle Forscher ein Opfer seines Beruf s» Gleich andern 
seiner Amtsbrüder in Tibet wurde er auf Veranlassung der fanatischen, 
tibetischen Geistlichkeit ermordet. 

Einige Neuheiten um Ta tsien lu fand der Missionar Faurie 
(1893); eifrig botanisch tätig war sein Amtsbruder Farges um Tscheng 
kou ting in Xordost-Szetschwan hart an der Grenze gegen Sehen - 
hsi. Seine Sammlungen (über 2000 Arten) bilden eine schöne Ergänzung 
der Sammlungen Henrys, insofern als Farges im westlichen Teü der 
die Wasserscheide zwischen Yangtse und Han bildenden Grenz- 
gebirge Szetschwans und Schenhsis sammelte, Henry dagegen 
im östlichen Teil. Diese südliche Begrenzung des Han-Beckens führt 
auf europäischen Karten meistens den den Chinesen nicht geläufigen 

2* 



20 



W. Limpricht. 



Kollektivnamen Ta pa schan. Franchet beschrieb- zum Teil auch 
diese Neuheiten. 

■ 

Große Verdienste um die Erforschung des Tsin ling schan 
(1890 — 1895) in Schenhsi, dessen Kulminationspunkt Tai pai 
schan, 3500 m, er auch erstieg, hat sich Pater Giraldi, ein Italiener, 
erworben. Der größte Teil seiner Sammlungen wurde in Berlin 
bearbeitet und von D i e 1 s veröffentlicht. 



lerun 



Auf: 



abzuschließen. Die Gesandtschaft stand unter der Leitung des Grafen 
Eulenburg. Dem wissenschaftlichen Stabe gehörten die Botaniker 
Wichura und Schottmüller, der Zoologe Martens und der Geologe 
Freiherr Ferd. v. Richthofen an. 

Die österreichische diplomatische Mission unter Baron von Petz 
begleitete Wawra als Arzt und Naturforscher. Seine Sammlungen 
stammen aus Canton, Schanghai, der Umgebung Pekings und 
Tschifu's (1869). 

Freiherr von Richthofen verließ in Hongkong die preußische 
Expedition und segelte nach Californien; nach fünfjährigem Aufenhalt 
daselbst kehrte er 1868 nach China zmück und begab sich nach Peking, 
um Pässe für alle Provinzen des Pvcichs zu erhalten. Auf seiner ersten 
Reise (1868) besuchte er Ningpo, die Tschusan-Inseln, Hangtschou, 
den Tai hu, Tschin kiang und Nanking, auf der zweiten (1869) 
das Yangtse-Tal zwischen Schanghai und Hankou. Die dritte 
Reise hatte Schändung und die Mandschurei als Forschungsgebiet. 
Noch in demselben Jahre 1869 fuhr Richthofen von Schanghai nach 
dem Po 3'ang-See und wandte sich dann der Provinz Tschekiang 
zu, deren Hauptstadt er den Tsien tang stromab erreichte. 1870 (fünfte 
Reise) fuhr der Reisende von Canton den Xordfluß hinauf, betrat Hunan, 
passierte Hsiang tan und Tschang scha, segelte über den Dung 
ding-See und kam Ende Februar in Hankou an. Durch Hupch und 
Honan nach Schanhsi weiter reisend, war er Ende Mai in Peking.. 
Im August desselben Jahres reiste Richthofen nach Japan und Wieb 
9 ]Monate daselbst. 

Im Juni 1871 wurde von Ningpo aufgebrochen, die Provinz 
Tschekiang bereist, in ihr der berühmte Tien mu schan besucht 
und über Ning kuo nach Wuhu am Yang tse gewandert, von «o 
ihn ein Dampfer nach Tschinkiang brachte. Das Nanking er Bergland 



mit 



urde 



Die letzte Reise, 1871—1872, war die ausgedehnteste. Von Peking 
reiste Richthofen zuerst in die Westberge, dann nach Kaigan und 
der Missionsstation Si wan tse. Von hier 



am 






Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 21 



\ 



nach Da (lung fu in Schanhsi, über den großen (Da) Wu tai 
sclian nach Tai yüan fu. In Dung kwan ting an der Hwang 
' ho- Schleife betrat er die Provinz Schenhsi, fuhr nach deren Haupt- 
stadt Hsi(ng)anfu, überschritt südlich Pauki die Tsin ling schan- 
Kette und stieg nach Han tschung f u ab. Bei Ning kiang begann 
die Provinz Szetschwan. Er erreichte Tschengtu und kam weiter 



bis Yatschoufu, betrat aber nicht mehr, wie er beabsichtigte, die 
Provinz Yünnan. sondern kehrte A\egcn einer Streitigkeit mit einem 



chinesischen Offizier zwischen den Städten Yung king und Tsing k i 
um, fuhr im Boot von Yatschou nach Schanghai und weiter nach 
Europa. Nach 12 jähriger Abwesenheit kam er im Dezember 1872 in 
Berlin an. 



Moll 



letzt Konsul in Kowno, war zoologisch und botanisch tätig. Vor semem 
Amtsantritt in der Reichshauptstadt besuchte er Kiukiang, die dort 
gesammelten 60 Pflanzen (1873) veröffentlichte Hance. 1874 botanisierte 



Westberg 



dem er sich nach Kaigan begab. Den Bo hua sc han besuchte er 1875 
zum zweiten :\lale. 1877 brachte er aus der Südost- Mongolei zoologische 
Sammlungen nach Peking. Von Tientsin aus, seinem neuen Whkungs- 
kreise, erstieg MöUendorff den über 3000 m hohen kleinen (hsiau) 
Wutaischan in Tschili. Er reiste von Tientsin dahin zuerst im 
Boot bis Tschotschou, dann über das „große Drachentor" (Da lung 
men) nach dem Kloster Tielinsse am Nordfuße des Gebi 
Über Fan schanpu und Huailai traf er wieder in Peking ein. Die 
Pflanzen von diesem hohen Gebirge übermittelte er durch Bretschneider 
dem botanischen Garten St. Petersburg. Maximowicz beschrieb die 

Neuheiten. 

Der Zug nach Lhassa war die Triebfeder der Tibetexpedition des 

ungarischen Grafen Bela Szechenyi. Außer ihm nahmen der Sinologe 
Balint, der Leutnant Kreitner als Geograph und der Geologe Löczy 
daran teil. Nach dem Besuch von In dien, Java, Japan, dem Po yang- 
See, Peking und Kaigan trafen die Mitglieder in Schanghai zu- 
sammen und fuhren den Yang tse bis Hankou und dann den Hanfl\iß 
hinauf; weiter zu Land zogen sie über den Tsin ling schan nach 
Hsiaufu und Lantschoufu (Kansu), das sie am 20. Februar 1879 

weiter westlich liegt die Stadt Su tschou,^ von der 
sie aus Ausflüge in das N an schan- Gebirge unternahmen und auch 
noch weiter westlich bis hinter die große :vrauer vordrangen. Auf 



^ 



eiTeichten. Noch 



)ae zurückreisend 



die Lamaserien Altin, Tscheibsen und Kumbum, ferner Kui tse 
am oberen Hwancr bo und den Kuku nor. Am 10. August, verließ die 



22 



W. Limpricht. 



Expedition Hsiningfu, zog nach Lan tschou fu und wandte sich 
nach Tschengtu in Szetschwan. Nach einigen Wochen Rast brachen 
sie nach Ta tsienlu auf, erreichten von hier Batang, gaben den Ver- 
such bis Lhassa vorzudringen auf und reisten südlich auf der Straße 
nach Yünnan weiter. Über Pongtsela und Talifu gelangte die 
Expedition nach Bhamo am Irawadi, fuhr diesen Strom hinab und 

Die botanische Ausbeute der Expedition, 



fc 



Heimat 



meist von Löczy gesammelt, -nurde dem ungarischen Nationalmuseum 
in Budapest übermittelt, und Prof. Dr. Kanitz in Klausenburg be- 
schrieb die gesammelten Arten. 

Im Dienste der Rheinischen Mission stand der Sinologe und Botaniker 
Faber. eine in Tsingtau sehr bekannte Persönlichkeit. Zuerst in Fu men 
südöstlich Canton stationiert, besuchte er den berühmten Lo fu 
schan wiederholt, gemeinsam mit Ford 1883, und nach seiner Versetzung 
nach Schanghai die Gegend von Ningpo und den Tientai schan 
unweit Tai tschou f u südlich von Ningpo. 1887 erstieg Faber den 
weitberühmten Omi schan bei Kiating in Szetschwan, von dem er 
eine große Anzahl Neuheiten mitbrachte, und 1889 reisteer in Schändung 
und in den Tsien-Bergen in der Mandschurei, 1891 weilte er' auf 
der heiligen Insel Putu im Tschusan- Archipel. / 

Der erste Platz unter den Forschungsreisen in Hochasien gebührt 
zweifellos dem genialen und kühnen russischen Oberst Nikolai Nikola- 
je witsch Przew^alski. Liegen auch seine hervorragendsten Leistungen 
auf geographischem Gebiete, so hat er es doch nicht versäumt, umfassende 
zoologische und botanische Sammlungen anzulegen, die heute noch den 
Grundstock unserer Kenntnisse dieser von ihm bereisen Gebiete bilden. 
Im Jahre 1867 wurde Przewalski nach Ostsibirien . versetzt und 



bereiste 



unternah 



des Unterleutnants Pylzow und zweier Kosaken seine erste größere 



1871 in Peking an. Übe 



pedit 



Reisenden nach Dolonnor (Lamamiao) und zogen westlich weiter 
nach Kaigan. Nach Durchquerung der Ordos- Steppe (Kusuptschi- 



Wü 



W 



und Peking zurück. Mit neuen Geldmitteln versehen, brach man am 
5. März 1872 von neuem von Kaigan auf und traf auf demselben Wege 
in Ala schan ein. Im Juni brachen die Reisenden nach dem Kuku nnr 
auf, gelangten an sein Nordufer, folgten seiner Küste und betraten 
Tsaidam über das Süd-Kuku nor-Gebirge. Die Kun lun-Ketten 
Burchan Buddha und Schusa wurden überschritten und der Mnr 



nssu erreicht. Da das Geld ausging, kehrte Przewalski über Tsaidam 
und Tscheibsen nach Ala schan zurück. ■ sammelte noch am 



Botanische Reisen iu den Hochcrebirgen Chinas und Ost-Tibets. 23 



Tetunggol und in den Ala schan-Bergen, und die Gobi durch- 
querend langte die Expedition am 19. September in Kiachta an, von 
wo sich Przewalski nach Petersburg begab. 




Die zweite Reise, 1876—1877, galt dem Lob nor. 
Die dritte Reise unter den Auspizien des Zaren Alexander II. hatte 
Lhassa als Ziel. Eklon und Roborow«ki, 3 Soldaten und 

w 

L 

5 Kosaken begleiteten ihn. 

Durch die Dsungarei und über den Tien sehankam die Expedition 
Ende Mai 1879 nach Hami, zog weiter südlich über den Nan schau 
nach Tsai dam und über den Kun lun (Burchan Buddha) nach dem 
obersteu Mur ussu (Yangtse) und den Tangla-Ketten, dem Quell- 
gebiet des Yangtse. Der Bumsa-Berg war der südlichste Punkt ihrer 
Reise, 170 Meüen von Lhassa. An dem Kuku nor angelangt, machten 
die Reisenden noch den Versuch, die Quellen des Hw au 
sahen aber keine 31 öglichkeit, von dieser Seite dahin zu gelangen, kehrten 
an der Einmündung des Tschurmin-Flusses um und über Kiachta 

nach Rußland zurück. 

Der Aufgabe, bis zu den Hwang ho Quellen vorzudringen, galt 
die vierte und letzte Reise; Roborowski und Koslow begleiteten den 
un&müdlichen Przewalski. Vom Kuku nor betraten sie nach Über- 
windung der Burchan Buddha-Kette das tibetische Plateau und 
kamen in das Quellgebiet des Hwang ho, Odontala, kreuzten die 
Wasserscheide zwischen Hwang ho und Dri tschu (Yangtse) und 
kampierten in dem Tempel Tschu tung am obersten Dri tschu etwas 
weiter südlich. Auf dem Rückwege nach Tsaidam lernten sie die vom 
Hwang ho gebildeten Seen Oring nor und Tscharing nor kennen. 
Dann folgte die Burchan Buddha-Kette, Altyn tag, Lob nor, 
Tschertschen, Khotan, der Tarim, Aksu. Turfan, der Tien 
schan und Rußland. Einer neuen Expedition nach Lhassa bereitete 
der Tod Przewalskis in Karakol (jetzt Przewalsk) am See Issik kul 
am 20. Oktober 1888 ein jähes Ende. Maximowicz beschrieb den 
größten Teil der botanischen Neuheiten. 

Eine Reise durch die Mongolei führte Lomonosow und die 
Kaufleute Gebrüder Butin nach Dolon nor, Kupekou und Peking 
(1870). Lomonosows Pflanzen beschrieb Trautvetter. 

In Kord China und der Ost-Mongolei reiste von Peking aus 
der Direktor des dortigen russischen meteorologischen Observatoriums, 
Pritsche (1868—1883). Der Hauptmann im russischen Generalstab 
Sosnowski, der Topograph Kapitän Matusowski und der Arzt und 
Naturforscher Piasetz ki wurden vom Zaren beauftragt, eine Handels- 
verbindung von der Dsungarei durch die Wüsten und den Tien schan 
nach China und dem Yangtse auszukundschaften. 



24 W.Limpricht. 



* Von K ia c ht a in Peking eingetroffen, reisten sie 1874 über 

■ j 

Schanghai nach Hankou, und den Han aufwärts kamen sie im April 
1875 nach Han tschung f ti, überschritten den Tsin ling schan mid 
wandten wich nach Lan tschoii f u in Kansu. Über Hami und Barkul 
kamen sie nach dem Militärposten Zaisan Post in der Dsungarci. 

Hervorragendes hat auch Grigori Nikolaj.ewitsch Potanin 
geleistet. 1876 begann er seine Forschungsreisen, deren erste beiden 1877 
und 1879 der Mongolei galten. Der Zoologe Beresowski begleitete 
lim auf der ersten, nebst mehreren anderen. Die dritte, wieder mif 
Beresowski und dem Topograph Skassi, ging von Tientsin aus. 
1884 war die Expedition in Peking. A^on Peking reiste man nach 
Paotingfu in Tschili, besuchte den großen (Da) Wutaischan 
in Schanhsi, wandte sich nach Kwei hua tscheng (Kukuchoto), 
folgte dem Hwangho_ durch die Ordos- Steppe und kam nach Boro 



Bolgasun, einer Station der belgischen Missionare, dann nach Lan 



t schon fu in Kansu. Im März 1885 wandten sie sich nach Hsi ning f u, 
von wo aus sie das Hochland östlich vomKukunor(Amdo bei Potanin) 
durchstreiften. Die Klöster Kumbum, L abrann K advgar wurden 



besucht, im Juni zum ersten und bisher einzigen Male die :\Iin schau 
Kette überschritten. Tang tschang, eine kleine Stadt an einem Nord- 
zuflusse des Heschui (Kia ling) und Sikou wurden passiert, über 
denTschagola-Paß der Straße nach Szetschwan gefolgt, nach Über- 
schreiten der Grenze von Kansu gegen Szetschwan die Stadt Nan ping 
am Baischui erreicht. Südlich der Kungala-Kette fließt der Min, 
der die Reisenden nach Sung pan ting führte. Die mit ewigem Schnee 
bedeckten Berge östlich und nordöstlich der Stadt Sung pan ting 
wurden durchforscht. Östlich von Sung pan ting ging es in einem 
Xebentale aufwärts- (Ksern tso bei Potanin); über das Kloster Ksern 
tso und den Paß Gumakikha kam man in das Honton- Tal, eines 
Nebenflusses des bei Tschung king mündenden Kia ling 
(Potanins tangutische Namen bei den hier ansässigen Chinesen un- 
bekannt), nach Lunganfu hinab. Von Lunganfu wandte sich 
Potanin der Provinz Kansu zu und traf im Oktober in Lan tschou fu 
em, wo er wieder mit Beresowski zusammentraf, der den Sommer 
im Disü'ikt von Si ku verbracht hatte. 

Gemeinsam verlebten sie den Winter im Kloster Kumbum. 
Beresowski ging im November wieder in den Bezirk von Si ku, kam 
im Februar nach Kumbum zurück, und verabschiedete sich hier von 
seinen Gefährten. Potanin und Skassi kehrten über Kiachta nach 
Rußland heim. Beresowski reiste wieder nach dem Süden von Kansu. 

Die Erfolge Pofcanins machten neue Mittel zu einer fünften Reise 
flüssig, der reiche sibirische Kaufmann Sibiriakow trug das meiste 



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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 25 



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dazu bei. Beresowski und der Geologe Obrutschew nahmen daran 
teil, reisten aber nicht in Potanin8 Gesellschaft. 

Beresowski kam 1891 auf dem Seewege nach China und fuhr von 
Tientsin nach Peking. Am 1. Februar 1892 brach er nach Hsi an f u 
in Schenhsi auf und ging über denTsinling schan nach Huihsieu 

m 

in Südost-Kansu, wo er fast 9 Monate weilte. 

Potanin und seine Frau, begleitet von Kaschkarow und dem 
Burjäten Rabdanow als Dolmetscher, durchquerten von Kiachta aus 

4 

die Mongolei und kamen im November 1892 nach Peking. Sie reißten 
ebenfalls nach Hsianfu, im Wei-Tale weiter nach Pauki, über- 
schritten den Tsin ling schan und gelangten' nach Tschengtu in 
Szetschwan. Der nächste größere Ort war Yatschoufu, von wo 
Potanin und Rabdanow den Omi schan besuchten. Von Ya tschou 

^ 

zog die Exj)edition nach Ta tsien lu (Tarsando bei Potanin), von 
wo sich Kaschkarow nach Batang begab und wieder nach Ta tsien lu 
zurückkehrte. 

Am 13. Juli brachenPotanin und seine Frau, sowie Kaschkarow, 
von Ta tsien lu auf. . Frau Potanin und Kaschkarow gelangten 



über Ya tschou f u 



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mit dem schweren Gepäck nach Li f an ting, Potanin imd Rabdanow 
über den Ta pao schan (Dabo schan bei Potanin) nach 
Rumitschango und Mung kung ting oder Hsingaitse (Minu 
oder Mongan bei Potanin), weiter über Fupien, Lianghokou 
und den Paß Hungkiao ebendahin. 

Der Erkrankung seiner Frau wegen konnte Potanin nicht, wie er 
beabsichtigte, nach S u ng p a n t i ng w eiterreisen, sondern wählte den 
schnellsten Wexr nach Tschuno;kino[ über ^lao tschou und Pao ning fu. 
Doch bevor sie Tschuncrkins erreichten, starb Frau Potanin. Potanin 
kehrte nach Rußland auf dem K^eewege zurück. 

Beresowski machte von Hui hsien aus Exkursionen nach Min 
tschou in Süd-Kansu am Nordfuße der Minschan-Kette, nach 
Tschengtu über Lunganfu, nach Sungpanting und dem östlich 
davon gelegenen Hsüe pao ting-Gebirgsstock und dem Tsao di 
genannten Steppenland nordwestlich Sungpanting. Dann reist<^ er 
über Hsi anfu nach Tientsin imd Peking und auf dem Seewege nach 
Petersburg (1895). Obrutschew verließ Peking nach 
reiste ebenfalls nach L an tschou fu und machte Routenaufnahmen 



T 



in Nordwest- China und der Mongolei, besonders wertvoll durch die 
Skizzierung des N an schan. 



Bie Brüder 



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liehen Tienschan und den Nan schan von Kan tschou aus, kamen 
iiach Hsi ning fu und dem Kloster Kumb um und untersuchten das 






26 



W- Limpricht. 



Dschachar-Gebirge südlich des Hwang ho. Dann wandten sie sich 
nordwärts zum Westufer des Kukunor, und über Urumtschi, und 
Kuldscha erreichten sie wieder die russische Grenze. Die botanische 
Ausbeute bearbeitete teilw'cise Palibin. 

Harnack reiste 1887 von Peking über Kaigan nach Dolonnor 
(Lama miao) und untersuchte die Chingan-Kette, das Grenzgebirge 
zwischen Mongolei und Mandschurei. 

^ 

Oberst Putiata, begleitet von dem Naturforscher Borodowski 
und dem Dolmetscher Mosin kamen von Tientsin 1891, reisten nach 

Tsun hua, kreuzten bei Hsifei 

Jehol. An den Grenzen des Wei tschang, der Jagdgründe der Mandschu 

kaiser, lag die belgische Missionsstation Tungkiaying, in der Boro- 



W 



Er 



war hier nach den Jesuiten der erste Europäer. . Putiata untersuchte 
weiter nördlich den Chingan. Dann zog die Expedition durch das ^^ ei 
t sc hang nach Dolonnor und kehrte auf verschiedenen Wegen nach 
Peking zurück. Die Pflanzen der Reise bestimmten Palibin und 
C. Winkler. 

, Bretschneider, von 1866—1883 in Peking als Arzt der russischen 
Gesandtschaft, sammelte Pflanzen in Pekings Umgebung, die er teils 
seinem Freunde Hance in Canton, teils dem Petersburger bo- 
tanischen Garten zusandte. Besonderes Gewicht legte er auf die 
reifen Samen in Europa unbekannter Pflanzen. Auch den Bo hua schan 
hat Bretschneider besucht. 

Der Österreicher A. von Rosthorn, ein Beamter des chinesischen 
Seezolls in Tschungking, später österreichisch- ungarischer Gesandter 
in Peking, eröffnete am LMärz 1891 die Stadt Tschungking für den 
Fremdliandel und unternahm darauf eine Reise von Kwanhsien nach 
Mung kung ting, Fu pien, Rumi tschango, Mao niu, Gata 
und Ta tsien lu. Er Avar der erste Europäer, der diese Teile Ost-Tibet:> 
besuchte. Zwei Jahre später zog Potanin dieselbe Straße, die m ent- 
gegengesetzter R ich tung die energische Engländerin Miß I s ab e 
Bishop 1896 (Lifanting, Hung tschiau Paß, Fürstentum Ma- 
tang) entlang wanderte. 

v. Rosthorn ließ 1891 und 1802 durch Eingeborene in Szetschwau 
sammehi. Diese Chinesen waren im Distrikt Nan tschuan südoätüc 
TscLungking, im Tai pa schan, den Grenzgebirgen zwischen 
Szetschwan und Hupeli, um Wen tschwan und Tsakalo(natt) 
in und bei dem oberen Min-Tale tätig. Der nach Christiania an den 
Generalkonsul Bock gesandte Teil der Pflanzen wurde in Berlin 
stimmt und v:on Diels veröffentlicht. 



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E. 



I 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 27 

TV 



Konsul Niederlein sammelte etwa 50 Spezies am Yangtse bei 



I tschang. Einige Doubletten wurden in Berlin bearbeitet, die Sammlung 
befindet sich in P h i 1 a d e 1 ]) h i a. 

Wellby und Malcolm durchquerten Nord- Tibet auf ihrer Reise 
(1896) von Leh in Ladak nach Peking. Sie zogen am Fuße der Kun 
lun-Ketten entlang bis zum Nordgestade des Kukunor-Sees und 
gelangten nach LantschoufuinKansu. 



Die Missionare, Rijnhart und Frau in H^;i ning fu reisten 1898 
an den Kuku nor und nacli Barong, kamen bis an die Grenze des 
Lhassa-Distriktes bei Tschung ngoringmo, muf5ten hier um- 

■ 

kehren und nach Ta tsien lu ausbiegen. »Herr Rijnhart wurde von 
tibetischen Rcäubern erschlagen, seiner Frau gelang es unter unsäglichen 
Beschwerden nach China zu entkommen. 

Wichtige Aufschlüsse in der geographischen Erforschung Nordost- 
Tibets und der angrenzenden Teile Kansus und Szetschwans sind den 
Russen und den Deutschen zu verdanken. Die Seele der russischen 
ausgedehnten Expeditionen ist der Schüler Przewalskis, Oberst 
P. K. Koslow% der in allernächster Zeit wieder im Begriff steht, die 
Länder seiner lahrelangen Tätigkeit von neuem zum sechsten Male auf- 
zusuchen. 

■ 

Mai 1899 verließ Koslow in Begleitung von Kasnakow Moskau. 
In Omsk schloß sich ihnen Ladygin an. Sie reisten durch die Gobi 
nach dem Kuku nor und Ost-Tsaidam. Am 28. Mai wurde in Tibet 
eingerückt. Über das 4750 m hohe Eurchan Buddha- Gebirge gelangte 



Espedition 




m hohen Amnen kor 



nachdem Oring nor und Tscharing nor. Die Wasserscheide zwischen 
Hwang ho und Yangtse wurde im Bayan kara-Gebirge überquert 
und das Dorf Tscherku erreicht. Die Wasserscheide zwischen Yangtse 
und Mekong überschritt man im 4600 m hohen Gurla, kam nach 
Dortsch scheling, über den Men ton la, 4400 m, Radeb la, 4270 m, 
und verschiedene Klöster bis in die Gegend von Tschamdo. Das Be- 
treten der Stadt wurde nicht erlaubt und in der Grenz scheide Dun 



toki do das Winterlager bezogen. Kasnakow machte allein noch 
Exkursion nach Dftr(r«-nontschen=M. DerRückwes: führte, daderW< 



urde 



durch das Tal des Ya lung kiang (Dza tschu) und nach für die Russen 



glücklichen Gefechten mit den Tanguten über den Oring nor nach 
Rußland. 

Die Mongolei-Szetschwan-Expedition der Kaiserlich Russischen 

C^eographischen Gesellschaft von 1907—1909 unter Leitung des Obersten 

/ 



*) Dege meiner Reiset 



28 



W. Limpricht. 



r. K. Koslow in Begleitung des Geologen Tschernow und des Natur- 
forschers Tschetj^rkin zerfiel in drei Abschnitte, in den mongolischen, 
den Kuku nor- und den Amdo-Hochländer-Teil. Ihre Haupterfolge 
waren die Erforschung der In^el Kuisu iin Kuku nor und die Ent- 
deckung der Ruinenstadt Kara khuto, der Hauptstadt des alten Tan- 
gutenreiches Sisicha, ferner der Besuch der Amdo-Klöster Labrang 
und Kumbum. Kiachta war Ausgangs- und JSndpunkt. 

Oberamtmann Holderer (der die Kosten der Expedition bestritt) 
und Prof. Dr. Futterer durchquerten als erste Deutsche Tibet eben- 



falls von West nach Ost. Von Kaschgar reisten sie 1898 nach dem Kuku 
nor. Am Südgestade, des Kuku nor entlang ging die Reise dann süd- 
östlich am Fuße des S emenow- G eb irges über den Ma t schu ( H wang ho), 
dann durch Xordoßt- Tib et über das Ds c hup ar- G eb irg e nach dem Xordf uß 
der Dschawrek-Ketten, deren östliche Fortsetzung das wildzerrisse nc 
Kalkmassiv der Min schan-Alpen bildet. Wegen der Weigerung der 
von Hsi ning fu mitgebrachten Leute weiterzuziehen, mußte die Absicht, 
über das Min schan- Gebirge nach Sung panting abzusteigen, auf- 
gegeben und nach Min tschou in K ansu weiter gereist werden (1899), 
wo über Hsinganfu und Hankou- Schanghai die Heimat erreicht 
wurde. Die botanischen Ergebnisse dieser bedeutungsvollen Expeditioa 
sind in Berlin bearbeitet worden. 

Der englische Hauptmann Watts- Jones bereiste Szetschwan, 
Ost-Tibet und Kansu; er wurde 19C0 in Kwei hua tscheng in Nord- 
Schanhsi zur Zeit der sogenannten Boxerunruhen auf Befehl des 
chinesischen Befehlshabers erschossen. Tm Mai 1900 war er in Begleitung 
von John Grant Birch in 18 Tagen von Sung pan tingin Szetschwan 
nach Tao tschou in Kansu gezogen und hatte damit den Weg zurück- 
gelegt, den zu betreten der deutsehen Expedition Futtercr und 
Holderer nicht möglich gewesen war. , 



•Idzug 



seine Tibetreise aufgeben. Im September 1903 war er vom Tschung 
king im oberen Yangtse-Tal auf der gewöhnlichen Straße nach 
Tschamdo gelangt und hatte hier mehrere Monate in einer Lamaserie 
gewohnt, um die tibetische Sprache zu erlernen. Über Tali f u und Bhaiiio 

■ 



kehrte 



1904 zurück. 



Die wisse n schaf tlic he Erk undu n o- 



von 



Nordost- Tibet hatten 

die ausgedehnten Reisen der Deutschen W. Filchner und A. Tafel 
zum Zieh 

Oberleutnant Filchner reiste in Begleitung seiner Frau im Oktober 

1903 zu Schiff über Schanghai nach Hankou, Dr, Tafel mit der 

sibirischen Bahn nach Peking und Hankou. Von Hankou W ^^^ 

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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 29 



Hsiauyiting und Y i u k i a k w e i (östlich vom D a t s i n 1 i n g - Paß) 
den Tsin ling schan und stieg nach Hsi ngan fu ab. 

Von Schenhsis Hauptstadt kam man über Lan tschou fu nach 
^* Hsi ning fu in Kansu. Kumbum und Tankar Avurdcn besucht und 
*** von Scharakhuto der Marsch nach dem Ma tschu, dem Oberlauf des 



Hwangho angetreten, der die Reisenden am Südiuße des Kuku nor- 



Gebirges entlang bis ^um Oring nor-See brachte. In die das Südufer 



100 



hohen Paß Patschong la vorgedrungen, dann zum Ma tschu zurück- 
gekehrt und diesem durch das Land der Ngolok bis fast zum Knie 
gefolgt. Infolge der Feindseligkeiten der Ngolok eilten Filchner und 
h'- Tafel nach Verlust ihrer Karawane nach Sung panting und zogen 



dami über den Kunkala-Paß nach Tasan. Von hier aus folgten sie 




dem Bai schui abwärts nachNan ping undWön hsien und dann dem 
He schui bis Lin klang pu. Über den Tsche lipu-Paß nach Min- 
tsc ho u und weiter nach Lan tschou fu gelangt, kehrte die Expedition 
auf der Heerstraße nach Hsi ngan fu zurück, bootete sich in King 
tse kwan am Tan ho ein und fuhr den Tan ho und dann den Hau 
bis Hankou hinab. Am 28. Januar 1905 verließen Herr und Frau 
Filchner in Schanghai den Boden Chinas, Wcährend Dr. Tafel zurück- 
blieb, um noch auf eigene Faust drei Jahre in Nor dost- Tib et 



Forschungen anzustellen. 

Tafel kehrte nach Hankou zurück (1905), fuhr den Han-Fluß 
bis oberhalb Lac ho kou (nördlich Hsiang vang) hinauf und marschierte 
dann zu Fuß nach der Stadt Kün tschou, von wo ein Abstecher nach 
der berüluuten Tempelanlage Wutang schan unternommen wurde. 
Von Kün tschou kam Tafel nach Dung kwan ting am Hwangho- 
Knie und folgte dem Hwang ho-Lauf aufwärts bis zur großen Mauer, 
bog bei Baute nach Osten ab, besuchte den Ko lan schan in Schanhsi 
und wandte sic'i von Ning wu f u nach Norden bis zu den Hsing schan- 
Bergen (In schan der Karten) bei Kwei hua tscheng. Zum Hwang ho 
zurückgekehrt, überschritt ihn der Reisende, durchquerte die Ordos- 
Steppe und kam nach Ning hsia f u und den Hwang ho aufwärts 
nach Lan tschou fu und dann weiter über Bayan rong ting nach 

Hsi ning fu. 

Nach Besuch des Kukunor und des Klosters Kumbum kehrte 
Tafel nach Hsi ning f u zurück. Nach kleineren Exkursionen in den 
Norden von Hsi ning fu und in das Grasland bei Kwe te südwestlich 
der Stadt, brach er von Scharakhuto nach Tibet auf (Frühjahr 
1906). In der Gegend des Tossun nor, am Fuße der Amne-Matschen- 
Kette angelangt, wandte sich der Reisende wieder nach Norden, dem 
Tsaidam- Gebiete zu, überquerte von Barunkurä aus das südlich 



30 



W. Limpricht. 



gelegene Burchan Buddha- Gebirge im 4815 m hohen, sehneelosen 
Türketse-Paß und stieg die schwach abfallende südliche Seite dieses. 
Gebirgswalls nach Süden zu ab. Im „Odon tala", der Sumpfebene des 



Q 



angelangt, reiste der Forscher über das 



Bayan kara-Gebirge, die Wasserscheide zwischen dem obersten 
Hwang ho und dem Yangtse, nach dem Yangtse, in dessen Nähe 
noch weiter westlich, wurde von Räubern überfallen und seiner Tiere 
beraubt. Dadurch an weiterem Vordringen gehindert, wandten er und seine 
Leute sich nach Norden, umgingen den Ostfuß der Marco Polo-Kette 
und stiegen nach Tsaidam ab, durch das sie nach dem Kuku nor und 
Lan tschou f u zurückritten. 

Von Hsiningfu aus unternahm Tafel eine nevic Reise nach Ost- 
Tibet, in das Land K'am. Januar 1907 brach die kleine Karaw^ane nach 
Schara khuto auf, berüluie vor demTossun nor die Route vom letzten 

+ 

Jahr, besuchte den See, überschritt im Rara niembola (4900 m) und 
einem zweiten Paß die Bavan kara-Kette, an deren Südseite der 
Dsatschu (Yalung) entspringt; dieser wurde überschritten und min 
im Königreich Dege weiter geritten. Nach Überwindung der Wasser- 
scheide zwischen Dsa tschu und Dritschu (Yangtse) gelangte Tafel 
nach Tendu und Kloster Lab, dann an den Yangtse, setzte über 
diesen und ritt in einem Seitentale nach Tombu mda hinauf, wo 13 Jahre 
vorher der unglücldiche Dutreuil de Rhins ein Opfer der Forschung 
ge-worden war. Der nächste Ort war Dscherku ndo, eine Hauptetappe 
der Handelsstraße von Tatsien lu über Kause nach Lhassa. Von 
Dscherku ndo kam die Karawane über Betschin f^omba nach Ka tsä 






und wieder zum Yangtse zurück, dessen Tal bei Dschoma Ihagan 
wieder verlassen wurde und in der Tiefe liegen blieb. Über den Paß Chima 
t aag, 4265 m, und einen zweiten Paß kam die Expedition nach dem 
Kloster Tschoktsen, dann über den Muri la, 4600 m, und einen weiteren 
4100 m hohen Paß nach Datschi gomba und Berin (Bare meiner 
Karte). 



Durchreit 



g klang 



ritt die Karawane an 



den Klöstern von Gantse (Kanse) vorbei nach Puilung, überschritt 
einen 4050 m hohen Paß und stieg nach dem Kloster Dyoro (lori gomba) 

in dem dann Tschuwo 
(Tschuobo) erreicht wurde. Über Gendu und Dendu, den größeren 



und dem. Datschü-Tale (Dawo ho) ab 



Ort und Kloster Tschanggu, kam Tafel nach Dawo, von hier über 
Godscha, Mintscheng, Basmi, Tschamba Dzong (Tshomba 
tschou) und den Tsehedo la (Gila) nach Tatsien lu. 

Von Ta tsien lu zog Tafel über den Da po schan (Ta pao schan) 
nach Roumi (rong mi) Tschanggu (Rumi tschango) und Mugung 
ting (Hsin gai tse), dann über Fupien, Tschok tsi und Somo, Karg« 



a 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets, 31 



{Matang), den Zeltplatz Zangskar und das Kloster Merge nach Suug 

pan ting. 

Von Sung pan ting ritt Tafel, um das Geheimnis des gelben 

^^. Flusses zu ergründen, nach Norden durch das Min-Tal nach Tschangla, 



folgte dann einem Nebeuflüßchen bis zur Grenz ansiedlung Bang rung 



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(Hwang sehen k\van), überschritt den 3860 m hohen Garila und 
betrat dann eine weite, mit tausend Tümpeln übersäte Talebene, die ihn 
nach Raogomba geleitete. Ein Abstecher nach Süden brachte den 

t> Reisenden von hier zur Hwang ho -Kehre, an deren Scheitel das Kloster 

So tsong gomba liegt. 

Von Raogomba zog man nach Tao tschou und dann über das 

^y Kloster Labrang nach Lantsohoufu. 

0* Über Hsinganfu erreichte Tafel in Honanfu die Bahn und 

kehrte nach fünfjcähriger Abwesenheit (1903—1908) in die Heimat zurück. 

Ein Jahr nach Tafel folgte die französische Expedition unter Kapitän 

d'O Hone derselben Route von S ung pan ting nach dem Kloster Lab rang. 

Diese französische, sehr gut ausgerüstete Expedition, hatte vorher die 

0' Länder der letzten Barbaren" im chinesisch- tibetischen Grenzgebiet 



: bereist und war auch in Nord-C'hina, besonders im Wu tai schan- 

Gebirge in Schanhsi tätig gewesen. 

Zum Zwecke Pflanzen zu sammeln und neue Arten in die Gärten 

'f Europas und Amerilvas einzuführen, unternahni E. H. Wilson von 1899 

an ausgedehnte Reisen in West- China, die ersten beiden im Auftrage 
der Firma Veitch & Sons in Chelsea, die letzten zwei im Auftrage 

10^- des Arnold Arboretums der Harvard Universität. 

Auf Empfehlung von Sargent verließ der jugendliche Wilson im 

^ Auftrage der Weltfirma Veitch & Sons im April 1899 England und 

.«^ reiste über Amerika nach China. In Szemao in Süd-Yünnan traf 

Wilson mit Henry zusammen und reiste nach Itschang, wo er im 
Februar 1900 eintraf. Zwei Jahre lang wurde West-Hupeh botanisch 
erforscht. Im April 1902 kehrte der Sammler nach England zurück. 
Schon im Januar des nächsten Jahres sehen wir ihn wieder in China, 
von wo er Samen des prächtigen Ali3enmohns Meconojpsis iiUegrifoUa 
einzusammeln beauftragt war. Zu diesem Zweck weilte er in den Hoch- 
gebirgen um Ta t s i e n 1 u , besuchte auch das Rote Becken von S z e fc s c h w a n 
und wanderte das Min-Tal bis Sung pan ting, dem Kungala-Paß 
wnd Dj anbo hinauf. Im Osten dieses Städtchens wurde in den hochalpinen 
Matten des Hsüe schan botanisiert. 

Für das Arnold Arboretum in Boston reiste Wilson Ende 
1906 von Boston ab und kehrte im Blai 1909 dahin zurück. Auf 
dieser Reise zc^ er unter anderem von Kwanhsien über Mung kung 



32 



W, Limpricht. 



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ting und Rumi tschango nach Ta tsienlu, wo er schon in den 
Jahren 1902 und 1903 geweilt >atte. 

Der deutsche Konsul Weiß in Tschengtu in Szetschwan zog 
1908 von Tschengtu über . Ya tschou nach Ta tsienlu^ dann über 
Tschedo, Tschaniba dzong, Tschung ku, Pame, Shao shih, Gäzia 
nach Dawo (Dau). Von DaMo-Lung buku überschritt er als erster 
Europcäer den 4100 m hohen Dang ling-Paß (Sllhä tschem-Kette), 
stieg na^h Desimo ab, gelangte durch Wazio nach Rumitschango 
und über Tungu, Maoniu und den 4348 m hohen Ta pa o schan nach 



Ta tsien lu zurück. 

Eine französische Forschungsexpedition nach dem oberen Yangtse 

I 

unter Comte Gilbert de Voisins und Dr. N. S egalen ausTientsin, 
die schon vorher das tibetische Grenzgebiet bereist hatte, mußte 191-1 
.auf dem Wege nach Batang infolge des Kriegsausbruches umkehren. 

1909 hat angeblich der Deutsche Dr. Berthold Laufer im Auftrage 
des Field Museums in Chicago auf einer Reise nach Tschamdo 



in Tibet den Tempelort Dege-Göntschin besucht. 

Die Grenzgebiete z^^ ischen S z e t s c h w a n und OstTibet ^^ aren das 
Ziel der Stötznerschen Expedition. Walter Stötzner, der 
Assistent am geodätischen Institut der technischen Hochschule in Dresden, 
Dr. ing. Otto Israel, der Entomologe Funke, powie der Assistent der 
biologischen Anstalt auf Helgoland, der Zoologe Dr. Weigold, sämtlich 
aus Dresden, trafen im Dezember 



1913 in Schanghai ein, wo 



sich 



ihnen der Redakteur am ostasiatischen Lloyd, Fritz Secker, anschloß. 
Funke undWeigold verbrachten den Sommer 1914 in Sungpanting. 
Stötzner, Israel und Secker reisten über Tsao po, den Tien tschiu- 
kwan-Paß (3075 m)^ nach Kentatschiau im Örlho-Tale, von da 
über den Bau lau schan nach Mune kuncr tino^ und Rumitschango 
lind über den Ta pao schan (4550 m) nach Ta tsien lu. Von Ta tsien 1u 
über den Hai tse schan nach Dawo gelangt, überschritten sie die öst- 
lichen Ketten im Niawa-Paß (4770 m), und nach weiterer Überwindung 
des Ngubtschu-Passes (4780 m) stiegen sie nach Hsü tsing am Da 
kinho ab. Über Mung kung ting eilten sie auf die Nachrieht vom 
Ausbruche des Weltkiieges nach Tschengtu, und fuhren den ^liii und 
dann den Yangtse bis Hankou hinab. Secker war schon vorher nac'^ 

besab sich zur Gesandtschaftsschutz- 



zner 



11 



Schanghai gefahren, Stöt 

wache nach Peking, Israel nach Schanghai. Die nicht kriegspf Hcht ige 
Mitglieder Funke und Weigold reisten über den Omi nach Ta tsien 1" 
zurück. Dr. Weigold folgte ein Jahr nach dem Verfasser derselben 
Route über Da wo und Kanse nach Batang, reiste mit einem nor- 
wegischen Missionar noch südlich über den Zakala nach Atentse, 
kehrte über den Tsalela-Paß nach 



Batang 



und 




Dege 






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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 33 




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Göntschin, Kanse und Dawo auf demsell^en Wege nach Tatsien lu 
zurück. 

Oliver Coales, der schon 1910 in Kansu und Ost-Turkestan 
gereist war, folgte 1916 derselben Boute von Tatsien lu über Dawo 

L 

und Kanse nach Tschamdo, besuchte noch die ^v estlichsten von Chinesen 

bewohnten Orte Enta und Riwotsche, kam auf einem neuen Wege 

im Mekong-Tale über das Kloster Yeng mdo, Draya und Gonjo 

. nach Batang und reiste (über Pelyul Beyü) nach Dege-Gön tschin^ 

Die an Tibet grenzenden süd^^ estlichen Teile Chinas, also Wcst- 

Yünnan und S'üdwest-SzetschAvan bis zur Lhassa Straße bei 

i!' Batang sind hauptsächlich von Franzosen und Engländern erforscht 

worden. 

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Von Tonkin (Indochina) reiste 1895^ — 1897 eine französische Handels- 
^xj)edition aus Lyon durch Kwangdung, Kwanghsi, Yünnan, 
K Av e t s c h o u nach S z e t s c h w a n und kehrte nach C a n t o n z urück. 
Sie ist unter dem Namen ,, Mission lyonnaise'' in der Forschungs- 
geschichte Chinas bekannt. Einige Mitglieder der Expedition besuchten 
auch das Goldflußtal umveit Tatsien lu und reisten über den Ta 
pao schan (4200 m) nach Mung kung ting und Kwan hßien. 

Von Canton aus durchzog Johnstone (1897) Süd Y^ünnan (Meng 
p^ tse und Szemao), die Schan- Staaten und eri'eichte Mandalay in 

Birma. Wingate reiste 1898 von Hankou durch die Pro^änz Hunän 
nach Yünnan f u, von hier südlich Tali f u nach Bhamo am Irawadi. 
Nach Bhamo gelangte auch der deutsche Geistliche Hack mann, der 
aus Interesse für den Buddhismus die Hauptstätten desselben in China 
schon besucht hatte, vom heihgen Tempel- und "Wallfahrtsberg Omi über 
Teng yüe ting. 

Der englische Ingenieur E. C. Y^oung reiste von Süd China nach 
Indien. Über Yünnan fu nach Tali fu aelaniit, überschritt er von 



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dort aus den ^lekono: und Salwin und beendete seine Tour im Mai 
190f) in Ober-Birma. 

Mit großem Erfolge Avar der Edinbiuger Botaniker George Forrest 
von 1904—1906 in den Gebirgen der Oberläufe des Y^ang tse, Mekong 
und S ahvin tätig. Ihm verdanken wir eine genaue Kenntnis der Pflanzen- 
"welt der durch Delavay berühmt gewordenen Likiang Kette und 
den wasserscheidenden Gebirgen jener erwähnten Fluß laufe. Forrest 
unternahm von festen Standquartieren, Likiang, Atentse usw. aus 
ausgedehnt^ botanische Exkm'sionen in die umliegende Bergwelt. Seine 
1905 nach dem oberen Salwin gemeinsam mit dem Konsul Litton 
unternommene Reise führte ihn bis zur Seilbrücke Intulo, dann in 
einer Schleife zur Mekong-Salwinscheide und wieder zum Salwin 

^. Fedde, Repertorhim specierum noTarum. Beiheft XIL -^ 



6 



34 



W. Limpricht, 



Sein Landsmann Bacot hatte den Plan, Lhassa zu erreichen, 
aufgegeben und unternahm dafür Reisen in die chinesisch- 
tibetischen Grenzgebiete (1908), die ihn auf teilweise noch nie 

I 

Europa 



Im Auftrage einer Firma in Liverpool sammelte der englische 



W 



den Tibet, nachdem er schon im vorhergehenden Jahre West- 
China besucht hatte. 

Er verließ Schanghai im Januar 1911. fuhr nach Rangun in 
Hinterindien und von dort nach Bhamo am Irawadi. Über Teng 
yüeting kam Ward nach Tali fu und reiste über Wei hsi ting das 
Mekong- Tal nach Atentse, das er sich zum Standquartier für aus- 
gedehnte Exkursionen erkoren hatte, hinauf, besuchte die Gebnge westlich 
des Ortes, kehrte nach Tse kou am Mekong zurück, überschritt die 
Höchgebirgskette der Mekong-Salwin- Wasserscheide im 14000 Fuß 
hohen Sielä und stieg zur Sohle des Salwin-Tales ab. dem er talauf- 



f 



zurück. Die umfassenden Sammlungen Forrests wurden teilweise in 
Deutschland bestimmt und ihre Ergebnisse von Diels veröffentlicht. 

Der französische Kolonialarzt Dr. Legendre, der schon 1905 — 190S 
die chinesisch-tibetischen Grenzbezirke besucht hatte, reiste im Sep- 
tember 1910 in Begleitmig des Leutnants Dessirier über Tonkin 
nach Yünnanfu, verließ diese Stadt im November, besuchte 1911 | 

Ningyuen und die Grenzgebiete der Lolos, 1912 Fuling, Yabschou 
und Tschengtu, wurde bei Ning yüan von chinesischen Banditen 
überfallen, seiner Aufzeichnungen und Sammlungen beraubt und kehrte 
überTschungking und Hankou nachSchanghai an die Küste zurück. 
Nach seiner Ya lung-Reise 1910 — 1911 unternahm Legendre an 
September 1913 mit dem Naturforscher Pinel und dem Handelssach- 
verständigen Bossu eine neue Reise in das Gebiet der Sifans. Der 
Kriegsausbruch rief auch sie zurück, sie konnten aber noch das Ländchen 
der friedlichen Lolos und das Massiv des Lu nan. 80 km südöstüch 
Yünnanfu, besichtio;en. 



1. ^^"^ 

an der Grenze des Kuku nor- Gebietes, südlich davon nach Litaug, 
bis Concalin, über den Kin scha kiang (Yang tse), Mekong und 
Salwin eine kurze Strecke nach Tibet hineinbrachten. Fünf Tage- 
reisen westlich des Salwin wurde er zur Umkehr gezwunö-en und kehrte 
über die Missionsstation Tse kou und Likiang nach Tali fu zurück. 
Die Deutschen Dr. Robert Brunhuber und Karl Schmitz aus 
Köln wollten 1908 das obere Sal\\ in-Tal erforschen, wurden aber Anfang 
Januar 1909 am oberen Salwin ermordet. Sie be^rannen ihre Reise in l 

Rangun und wanderten über Bhamo und Tengyüe nach dem 
S a 1 w 1 n. 







Botanische Reisen iu den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 35 



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wärts bis Menkong folgte. Ende Juni verließ der Reisende Menkong, 
kehrte auf demselben Wege nach La kor ah zurück, verließ hier das 
8alwin-Tal und stieg über den heiligen Berg Do ker la, einer schnee-* 
losen südlichen Fortsetzung der von ewigem Sclince gekrönten K'a gur pu- 
Kette zum Mekong ab und nach A ten tse zm^ück. Eine weitere Reise 
hatte Batang als Endziel. Ende Juli wurde der Paß über den Pai 
ma schan (15800 Fuß), die Wasserscheide zwischen Mekong und 
Yang tse, besucht und dann von A ten tse aus die Reise nach Batang 
augetreten. Der Weg führte nördlich über den 15800 Fuß hohen Tsa 
le la in das Tat des Garthok-Flusses (Tsung ngu tschu) und 
über ein Sandsteinplateau nach dem Yangts und Batang. Auf dem 
Rückwege folgte Ward der Poststraße von Batang nach Lhassa bis 
Garthok (Tschiang ka), wandte sich von hier westlich dem Mekong 
(Ta tschu) zu, den er bei Samba dhuka erreichte, aber gleich darauf 



in ostnordöstlicher Richtung verließ, um an den Garbhok-Fluß zu 
gelangen. Wieder zum Mekong zurück, folgte er dessen Lauf," kam nach 
Ya ka lo (Yen tse hing) und A ten tse. Nach zwei weiteren Reisen 
an den Y^ang tse (über den Pai ma schan nach Pang tsi la zu 
und über den Run tsi la (18000 Fuß) und Tchnu ma la nach Yie 
rü gong und zurück über den A long la und Tsa le la) unternahm 
W a r d noch eine Winterreise über den T s c h u n t s u ng I a , einem 13 000 Fuß 
hohen Paß der Mekong-Salwin- Wasserscheide nach Tscho ton 
am SaJwan, übersehritt auf dem Sie la-Paß nochmals dieselbe Kette 

j- 

und folgte dann von Tse kou dem Mekong abwärts über Wei hsi 
ting hinaus bis Schui kin. Von Schui kin gelangte der Reisende 
über Teng y üe nach Bhamo und England zurück. 

Von B atang ausgehend durchquerte 1911 der englische Hauptmann 
F. M. Bailey Südost-Tibet über die Flüsse Salwin, Mekong und 
Irawadi und nahm denRückw^eg, da an weiterem Vordringen in Südost- 
Tibet gehindert, über Rima nach Sadj'a am Lohit-Brahmaputra. 

Biese Grenzgebiete Yün na ns und Tibets waren das Arbeitsfeld 
zweier österreichischer Expeditionen. 

^lit Unterstützung des österreichischen Ministeriums und der Wiener 
Akademie verließ Anton G. Gebauer am 1. Dezember 1913 Triest, 
gelangte über Bhamo nach Teng yüe ting, von wo aus er vom Süden 
her das Arbeitsgebiet der Stö tznerschen Expedition erreichen 
^^'ollte. Der Kriegsausbruch ließ seinen Plan nicht zur Ausführung kommen. 

In demselben Jahre, in dem die Stötznersche Expedition in 
Sz et Schwan und dem angrenzenden Ost-Tibet weilte, bereiste eine 



österreichi 



aus 



Sekretär der Dendrologischen Gesellschaft für Österreich-Ungarn C. K, 
Schneider und dem Assistenten am botanischen Garten und Institut 

3* 



36 



* 



W. Limpricht. 



der Wiener Universität Freiherrn von Handel- Mazzetti. Im inirz 

1914 reisten die Forscher von Yünnan f u zuerst nördlich* nach Hweili 
'in Süd-Szetschwan, machten von Ning yüen einen Abstecher von 

70 km östlich in das Land der unabhängigen Lolos, gelangten über 
Yen yüan und Yung ning nach Likiang in Yünnan an den Fuß 

i 

der Über 6000 m hohen Schneekette, die den Yang tse zu der Schleife 
nach Norden zwingt. Diese Gegenden, dm^ch Delavay und Forrest 
berühmt geworden, ergaben reiche Ausbeute. Im Juli reiste Schneider 
über Tali fu zurück und fuhr nach Amerika. Handel-Mazzetti be- 
suchte im August die Südecke von Szetschwan um Hwei li und 
Yen yüen und verbrachte den Winter in Yünnan fu. Im Frühhng 

1915 besuchte der Forscher erst Meng tse und Man hao im Süden 
der Provinz, kehrte nach Yünnan fu zurück, zotr nördlich der Tali- 

- Straße über das Plateau und Hoking nach Li kiang, gelangte über 
. Tschungtien nach Wei hsi und der Missionsstation Tse kou, be- 



suchte den heiligen Berg Dokerla und drang bis zur Wasserscheide 
zwischen Salwin und Kiukiang, dem östlichen Zufluß des IraAvadi, 
Vor. Über Wei hsi, Schui kou, Tali fu nach Yünnan fu zxuück- 
gekehrt, verbrachte er hier wieder den Winter, 1916 brach er von neuem 
in die tibetischen Grenzlande ein, und zwar von Likiang nach dem 
chinesischen Anteil des oberen Salwin bis zu den westlichen und nörd- 
lichen Grenzen.- 1917 wandte sich Handel Mazzetti von Yünnan fu 
nach der Provinz Kwetschou, überschritt hinter Liping die Provinz- 
grenze nach Hunan und gelangte nach Tschang sc ha, wo er den Winter 
über verblieb. Im Sommer 1918 durchstreifte er Mittel- und Südv.e^t- 
Hunan und reiste im März 1919 nach Wien zurück. Seine reiche bo- 
tanische Ausbeute bearbeitete er selbst iu Wien. 

In der Bereisung der Provinzen des eigentlichen Chinas entfalteten 
die englischen Konsulatsbeamten eine rege Tätigkeit. Konsul Bourne 
erkundete die Handelsverhältnisse in Szetschwan, Yünnan, Kwe- 
tschou, Kwanghsi und Kwangdung; Litton reiste im folgenden 
Jahre von Tschungking über Kwang yüen, Sung pan ting 



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nach Tschengtu fu, auch von Ya tschou n 



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Franchets eine große Anzahl französischer Missionare in den Süd- 



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(Gui dschou) Pflanzen für das Pariser Herbarium. 

Von 1904—1907 botanisierte P. Sil v es tri im Nordwesten von 
Hupeh, und zwar im Gebiete von Siang yang (Siang kin tien). 
Seine Sammlung von 1908 ging leider verloren. Um Ta tsieu lu, 



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Ta tsien lu, S. F. Mayers von Peking durch die damals noch fremden- 
feindliche Provinz Honan nach Schanghai. 

Ermutigt durch die Erfolge Delavays saramelten auf Anregung J 



V 



n, 



dem angrenz enden K wet sc ho u | 



i 



m 

Botanische "Reisea in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 37 



M 



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Szetschwan und Yünnan sind noch botanisch tätig die Missionare 
Ducloux und Müsset. In Yünnan neben Ducloux auch Maire. 
P . Michel sammelte in K w e t s c h o u hauptsächlich Farne, andere 
Pflanzen Chanct, der verstorbene Bodinier, Cavalerie, Martin, 
Chattanjon, Esquirol, Laborde und Ducloux. Neben dem Japaner 
Yamada sind in den südlichen Provinzen neuerdings auch chinesische 
Sammler erfolgreich tätig. Die Missionare Simeon Ten und T sc hang 
arbeiten in Yünnan und ein botanisch geschulter anderer Chinese, 11 u, 
beabsichtigt ganz China botanisch zu erschließen. 

St. T. Dünn veranstaltete 1908 eine botanische Expedition nach 
Mittel-Fukien, die Japaner Dr. Shinzooka, Kuwabara, S, Omori, 
Tsugunoba Umemura, Sudzuki, K. Inami, Prof. I. Matsumura, 
K. Ono und K. Honda sammelten Pflanzen in verschiedenen Teilen 
Chinas/ in der Mandschurei, in Schanhsi, Kansu, Schenhsi, 
Kianghsi, Hunan, Hupeh, Kiangsu und Tschekiang und sind 
auch noch weiterhin in der Erforschung der chinesischen Pflanzenwelt 
tätig. 

Der amerikanische Botaniker F. N. ^ieyer besuchte den Hsiau 
Wu tai schan in Tschili, die Berge von Schenhsi untersuchte 
Willis (1906) undXichols, W. Purdom botanisierte 1910 in Schanhsi 
(Wu tai schan), Schenhsi (Tsin ling schan) iind Kansu, in 
letzterer Provinz 1916 auch Reg. Farrer. 

Der Yerfasser Dr. W. Limp rieht verließ Berlin am 12. September 
1910, fuhr auf der sibirischen und japanischen Bahn bis Dalny (Dairen 
wan), dann zu Schiff nach Schanghai, avo er am 27. September eintraf, 
um eine Stelle als Dozent an der deutschen Medizinschule für Chinesen 
und Leiter der Si)rachschule daselbst zu übernehmen. Weihnachten 1913 
.schied er aus dieser Stellung aus und begleitete die Stötznersche Ex- 



um 



kehi'te 



zurück. Hier erfuhr er von dem xlusbruch des Weltkrieges und eilte über 
Tschengtu mid Tschungking nach Schanghai und Peking, wurde 
aber, da Tsingtau schon von den Japanern umzingelt war, nach Tientsin 
gesandt, um für einige zu den Fahnen geeilte Lehrer als Stellvertreter 
an der deutschchiiK^sischcn Mittelschule einzuspringen. In dieser Tätigkeit 
verblieb er bis Januar 1920 und kehrte Ende März dann nach zehnjähriger 
Abwesenheit mit einem japanischen Transportdampfer nach Deutschland 
zurück. Am 22. Mai 1920 landete der Dampfer in Hamburg. 

Die dienstfreien Tage wurden der botanischen Erforschung des Landes 

gewidmet. Größere I , ^ 

Tibet, konnte Verf. natürlich nur während der Ferien unternehmen, und 



eisen 



38 



W. Limpricht, 



zwar innerhalb der vier Wochen zu Chinesisch- Neujahr und der beiden 
Sommermonate Juli und August. 

r 

Folgende Gegenden besuchte er 1910: Sutschou, Nanking, Wusih, 
Tai hu-See Nan hsiang und Kiating (Kiangsu). 

1911: Hongkong, Makao, Kanton; Äfanila und Vulkan Taal bei 
Tanauan (Philippinen); Mngpo, Kloster Hsüe dou sse (Tschekiang) : 
Wusih und" Tai hu- See (4 Exkursionen), Sutschou und Tai hu- Berge 



Exkursionen) 



Japan (Nagasaki, 



Miyashima, Kioto, Hiyesan und Biwa S'ec, Hakone-S'ee, Atami, Yoko- 
hama, Tokyo, Nüiko und seine Berge Shiranesan und Nyohosan, Tkao 



ee 



Umgebung); Hang tschou- Tötsing, Hangtschou und Westsee (Tschekiang): 
Sungkiang und Nanking (Kiangsu). 

1912: Hangtschou, Tien mu sehan- Gebirge, Schao hsing, " Ningpo, 
Tientai-Berg. Tai tschou fu, Tschusan-Inseln (Tschekiang); Rundtour um 
den Taihu-f-'ee, 8u tschous Umgebung (13 Exkursionen), Kunschan, 
Wusih (4 Exkursionen), Tschinkiang (Kiangsu), Tsingtau, Tientsin, 
Peking, Xankou, Kaigan, Hsiau Wu tai schan (Tsehili), Da Wutaischan 
(Schanhsi), Taiyuanfu, Hankou, Hangtschou-Moganschan (Tschekiang). 

1913: Provinz Fukien: Fu tschou, Yenpingfu, Kienningfu, 
Kien yang, Berg Bai ta schan (Buo ta schan), Berg Tsong schan, 8chao 
wu fu, Yen ping fu, Fu tschou, Höhlenkloster Fong kwan ming bei Y^ung fu, 
Berg Ku schan bei Fu tschou. Provinz Tschekiang: Hangtschou, 
Tien mu schan- Gebirge, Westsee (Hsihu) (3 Exkursionen). Provinz 
Kiangsu: Tschinkiang (Wu tschou schau, Bao hoa schan), Nanking 



To +"i 



(3 Exkursionen), Tai hu-Berge (6 Exkursionen). Provinz Yünnan: 
Y^ünnanfu, Talifu, Berg Tsang schan und Örlhai-See. 

1914: SzetschAvan- Ost Tibet: Schanghai- Hankou-Tschungking- 
Tschengtufu (Szetschwan), Kwanhsien, Min-Tal, Wassu- Ländchen, 
Tsakalö, Lifanting, Kwan hsien, Tschengtu, Omi schan, Y'atschou, 

?nlu, Dawo, Kanse, Dege-Göntschin, Batang, Litang, Ta tsien lu, 
Rumi tschango, Mung kung ting, Kwan hsien, Tschengtu, Tschungkiiig. 
Hankou, Schanghai, Peking, Tientsin. Provinz Schändung: Tsinanfu, 
Küfu, Tai schan- Gebirge. 

1915: Provinz Tsehili: Kaigan, Peking, Miao fong schau und 
Westberge, Nankou-Paß, Berge um Wang ping tsun und Men tou kou, 
durch das Liu li ho- Tal nach dem Bo hua schan und das Tor Hsiau limg nien 



und 



ee 



19 Iß: Tsehili: Peking, Ku pe kou, Jehol, Pe tai ho und Schan hai 
kwan, durch Honan nach dem Gebirge Tsin ling schan in Schenhsi; 



:S 



I 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 



39 



See Tuliuhu bei Tientsin; Westberge bei Peking, Taku (Tschili), 

A 

Tsang tschou in Schändung, 

1917: Provinz Anhui: Wu hn, WalKahrtstempel Tschiu hua schan 
und Berg Tientai, Ankingfu (Nganking). Tschili: Peking, Tempel 
Tadjüesse und Tsie tai sse, Berg Miao fong schan in den Westbergen, 
Bannwald der östlichen Kaisergräber mit dem Wuliug schan, Lwan ho- 
Tal bis Lan tschou, über die Westberge und das große Drachentor (Da 
lung men) nach dem Hsiau-Wu tai schan- Stock und zurück über Bao 
an tschou und Hsiahuaj^üan (Peking-Kaigan-Bahn). 

1918 und 1919 Avar Deutschen das Reisen im Innern des Landes 
verboten. 



» 



\ 



/ 



Reisen und Exkursionen in China und Ost -Tibet. 

r 

I. In den Küstenprovinzen Mittel-Chinas. 

A. Die Hügellaiidscliaft um den großen See (Tai hn). 

Die gelbtrübeii, sich weit in das blauschwarze chinesische Ostmeer 
hineimvälzenden Fluten des Yang tse künden die Nähe des Küstenlandes 
an. Erst nach dem Vorüberziehen des fest verankerten Dung scha Feuer- 
schiff s zeigen sich am Horizont vereinzelte Bäume und erwecken den 
Glauben, endlich ein Ufer des Riesenstromes vor sich zu haben. Doch ge- 
hört dieser Landstreifen erst der in das Ästuar eingebetteten, flachen, 
langgestreckten Insel Tsung ming an. Schließlich erscheint das rechte 

deutlich erkennbar werden die europäischen, in englisch- indischem 
Stü gebauten, leichten Häuschen des Ortes Wu sung unweit der 
niedrigen, schiefergrau gedeckten Lehmhäuser des mauerumgürteteu 
chinesischen Städtchen Bao schan hsien. 

Doch- welche Enttäuschung harrt bei der Weiterfahrt auf dem bei 
Wu sung einmündenden Huang pu der die üppige FüUe subtropischer 
Pflanzenpracht ersehnenden Reisenden! 



J 



» 



Statt 



haine und gelblichgrüner Bambusdschungel nur Kulturland, kein Wäldchen, 
selten ein Baum, lüchts als Felder, nur ab und zu, unterbrochen von den 



zwei, die schmale Passacre z 



freilassenden 



scheinbaren, armseligen Dorfhäuschen der Chinesen. 

Der Strom belebt sich immer mehr von Fahrzeugen aller Art; euro- 
päisch gebaute Werften reihen sich aneinander, und nach mehrstündiger 
Fahrt seit Wusung hält der Dampfer mitten im Strom vor dem „Bund'' 



von Schanghai, wie in Ostasien die Straße am 



genannt wiid. 



Flußufer allgemem 



\ 



Nur die allergrößter! Ozeandampfer bleiben heute, seit der riuf3- 



Reede 



■e 



ur 



die andern 



suchen möglichst in die Nähe der Stadt selbst zu gelangen. 

Getrennt von Alt-Schanghai, der eigentlichen bis zur Revolution 
1911 noch mauerumgebenen Chinesenstadt, ziehen sich namentlich am 






'fSL-2mi,- 






BotaDische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 41 




linken Hwang pu-Ufer die fremden Niederlassungen hin, unter denen 
sich natürlich zalilreic he, teilweise luxuriös eingerichtete Läden chinesischer 
Großkauileute henierkbar machen. 

Schanghai gilt als international; in Wirklichkeit gibt es neben dem 
japanischen Viertel nur zwei ^, Settlements", die englische und die fran 
zcsische Kolonie; da aber die Engländer überwiegen, ist die Auffassung 
^^ ohl verständlich, die in dieser Weltstadt ein reines Stück Alt-Englands 
sieht, eine Auffassung, die ja auch die Deutschen im Anfang des Welt- 
krieges zu ihrem eigenen Schaden erfahren mußten. 

Stand ja doch auch in einer führenden britischen Zeitung, daß nur 
enghsche Höflichkeit es sei, die diese ,, Kolonie Englands'" als international 
bezeichne. 

Abgesehen von der AVusung mit Schanghai verbindenden Eisen- 
bahn, gehen zwei Hauptlinien von hier aus. Die Schanghai- Nanking- 
Bahn, von Pukou am jenseitigen Yangtseufer bis Tientsin Aveiter- 
ehend, und die Bahn nach Hangtschou in Tschekiang, die später 
bis Xingpo fortgeführt wurde. 

Diese beiden Bahnlinien öowie die ungemein beliebten Ausflüge auf 
den jede mögliche Bequemlichkeit bietenden Hausbooten, gestatten dem 
Europäer auf kürzere oder längere Zeit dem feuchtheißen Dunst der Stadt 
zu entfliehen und im »Schatten alter Tempelhaine oder in Klöstern auf 
Bergeshöhen et\Yas kühlere und reinere Luft zu genießen. Für den Pflanzen- 
freund bietet die nähere Umgebung der Stadt so gut wie nichts. Jeder 
zollbreit Bodens ist für die Kultur in Anspruch genommen; Bohnen, 
Erdnuß- und Gemüsebeete, Obstbaum-, Pfirsichplantagen, namentlich zur 
Frühlingszeit um die prächtige, leider immei* mehr verfallende Lung- 
hwa Pagode einen reizenden Anblick bietend, weichen bald endlosen 
Reisfeldern, die ab und zu von auf künstlich erliöhtem Boden gepflanzten, 
absichtlich niedrig gehaltenen, für die Seidenraupenzucht unentbehrlichen 

-Maulbeerhainen unterbrochen werden. 

Friedhöfe kennt der Chinese eigentlich nicht. Die Toten werden, 
umgeben von ungelöschtem Kall., eingesargt und ruhen so lange im Hause 
oder in besonderen Totenhalleu, bis der Priester einen geeigneten Platz 
für die endgülti</e Ruhestätte sefunden hat. So stehen die Särge irgendwo 



.^^ ^.^„^>V..V,.v^^^ ^ 



[CT «ind auch be 



von Kiefern umrahmte Totenliügel aufgeschichtet, und vornehme oder 
reichere Verstorbene haben, namentlich in früheren, glänzenderen Zeiten, 
kunstvolle, aus Stein gehauene Grabmäler als letzte Ruhestätte für die 
sonst ziellos umherh-rende Seele erhalten. 

Da die Felder mit menschlichen Fäkalien gedüngt werden und überall 
am Wege- zur gefälligen Benutzung von Würmern wimmelnde Jauche- 
Donnen freundlichst einladen, ist die feuchtheiße Atmosphäre des mit 



42 



W, Liiiipricht. 






Totenhügeln und Särgen geschmückten Kulturlandes von Schanghai 
mit duftigen Gerüchen geschwängert, die an lieblicher Intensität noch 
gewinnen, wenn der Wanderer die engen, schmutzigen, von hallv 
nackten schwitzenden Menschen wimmelnden Straßen mit ihren faule 
Tische und sonstige Leckerbissen des nahen IVIeeres feilbietenden Läden 
betritt. 

Kein Wunder, daß der Naturfreund so schnell wie möglich diesem 
irdischen Paradies zu entrinnen sucht und auf einer der zahllosen Wasser- 
straßen in eigenem Hausboot oder gemietetem Reiseboot den niedrigen 
Hügeln zustrebt, sie sich in einiger Entfernung von der Stadt etwas über 
die Flachebene erheben. 

Nur wenig über 30 km südwestlich Schanghai zeigen sich bei der 
Stadt Sung kiangi)fu, die ersten Hügel. Auf einem dieser Hügel, 
demSchuo schan^) (Schlangenberg), haben die Jesuiten, die in Zikkawei 
bei Schanghai eine kleine Stadt für sich bewohnen und in der Unter- 
Weisung ihrer Zöglinge in allerlei Kunstfertigkeiten HervoiTagendes leisten, 
ein Observatorium, Zo-se, errichtet, von dem aus die gelehrten Väter 
ihre mustergültigen Taifunwarnungen allen Hafenplätzen Ostasiens zu- 
kommen lassen. Außer einigen fremdstämmigen Zierpflanzen findet inaii 
auf diesen Hügelchen, — ich besuchte den Schuo seh an und den be- 
nachbarten Tien mu schan im April und November ■ — neben ubi- 
quistischem Unkraut Commelina nudißora, Melüotus smveohvs, 
Samsurea japonica, Clerodendron trichotomum, Bidem pihsa, das überall 
im Flachland gemeine Chrysanthemum ivdicum, Erigeron annuus und 
Brombeergesträuch, 

Diese Hügelclien, drei Stunden Bootsfajirt nordwestlich Sungkiang 
fu, sind die äußersten Vorposten der Erhebungen an der Ostküste des 
Tai hu Tim die Stadt Su tschou, ebenso wie weiter nördlich die Kalk 
klippe Kun schan (Quinsan) an der Schanghai-Nanking-Bahn, 
die mit ihrer weithin sichtbaren Pagode den von Schanghai durch 
das flache Alluvialland Reisenden schon von ferne begrüßt. 

Die weite Flachebene, zu der die Gebirge der Provinz Tschekiang 
in Nordwesten und das Nanking- Tschinkianger Bergland nach 
Norden und Ost«n zu abfallen, ist ein durch die Sinkstoffe des Yang tse 
kiang im Laufe v ieler' Jahrtausende abgelagertes Schwemmland, in dem, j 
wie heute noch die Inseln des Tschusan- Archipels an der Küste vor 
Ningpo, einzelne Berge und Hügel wie Inseln und Klippen die flache 

Ebene überragen. 



f 



*) klang, sprich djang^ bedeutet „Fluü^*. 

*) schan (Berg), im Schanghaidialekt sai, daher Zo-se =: Schuo schan. 



4 

Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibet«. 43 



In dieser weiten Alluvialebsne, wohl wiederum den Fluten des Rieseii- 
stroms zu verdanken, ist ein Gewirr kleinerer und größerer Seen eingebettet, 
deren bedeutendste der Hung tse hu und seine östlichen Nachbar- 
seen und der Tai hu nördlich und südlich des Yang tse sind. Während 
aber erstere völlig flache Küsten besitzen, ist der Tai hu, namentUch 
in seinem Ostufer gebirgig, wenn auch diese "Bergzüge nur sehr bescheidene 



Höhen erreichen. Die beiden anderen großen Seen, die China im Yang tse ■ 
Tal besitzt, sind der Dung ding- See in Hunan und der alle Jalne 



o "*"-o 



mehr zusammenschrumpfende Po yang-See beiKiukiang inKianghsi. 
Diese Seen sind durch Ausflüsse sie durchströmender Wasserläufe mit dem 
Hauptstrom verbunden, daher entspricht auch ihr Wasserstand deni 
jeweiligen Stande des Hauptstromes; der Hung tse hu an der Grenze 
von Kianghsi und Kiangsu sowie seine Xachbarseen liegen zwischen 
dem alten Oberlauf des Hwang ho und dem Yang tse, sind also 
Avohl Überreste früherer ÜberschA^emmungen; der Tai hu dagegen ist 
durch eine Landstrecke von ungefähr 42 km von Yang tse getrennt 
und die Wirkung der Gezeiten, die sich am Yang tse bis Hankou 
verfolgen läßt, ist an ihm nicht nachweisbar. Nach chinesischer Auf- 
fassung, die sich auf Berichte älterer Quellen stützt, ist der Tai hu tou 
dem sagenhaften Kaiser Yü an Stelle eines ungeheuren Sumpfes künstlich 
geschaffen; nach von L6cz 






Zuflüssen im Westen gespeiste Wasseransammlung dar, und auch v. j^xcnt- 
hof en, gestützt auf die Tatsache, daß eine, allerdings einmal versandet« 
Wasserader ihn mit dem Yang tse bei Wuhu verbindet, vermutet in 
dem See den letzten Best eines früheren Yang tse-Laufes, eine Ansicht, 
die von Cholnoky neuerdings nach seinen gründlichen Untersuchungen 
bezweifelt. JedenfaUs ist der Tai hu durch zahllose Kanäle, die ja der 
Reiskultur wegen als bequeme Straßen die ganze AUuv ialcbene durch- 
ziehen mit dem Kaiserkanal und dem bei Schanghai vorbeifließenden 

Hwang pu verbunden. 

Seine größte Ausdehnung besitzt der Tai hu von Nord nach Süd, 
65 km, die mittlere Breite beträgt nur 50 km, wächst aber bis zu über 
70 km, wenn man die Ostküste der großen Bucht bei Wukiang, südlich 
Sutschou, mitberechnet. Der Seespiegel umfaßt also eine Flache 
von etwa 3000 Geviertkilometer, d. h. der fast sechsfachen Fläche des 

Bodensees. 

Die Tiefe des trüben, grünlichgrauen Wassers ist gering, dürfte an 
den tieferen SteUen kaum 3—4 m übersteigen, eine Tatsache, die den 
chinesischen Schiffern wohl bekannt ist, da sie sich fürchten, in schwereren 
Booten bei windigem Wetter das flaohmiildige Seebecken zu kreuzen. 

Die Grenze zwischen den Provinzen Kiangsu und Tschekiang 
zieht quer durch den südwestüchen Teil des Sees und weist somit die 



44 



W* Limpricht. 



/ 



Südwestecke um die Stadt Hu tschou (Seestadt), sowie einen grof?en 
Teil des Südufers letzterer Provinz zu. 

* 

Im Gegensatz zur ungegliederten Westküste ist die Ostküste mehr- 
fach gebuchtet, die größte Bucht, bei Wukiang im Südosten, wird durch 
die Halbinsel Dung düng ding (Ost- Höhleu- Gipfel), eine jetzt ver- 
landete gebirgige Insel, von der eigentlichen Seefläche getrennt. Auf ihr 
liegt die Stadt Tai hu ting. 

Neben den zahlreichen kleineren und kleinsten Inseln ragen nur 
zwei größere über die Wasseroberfläche empor, Hsi düng ding im Süden 
und Ma tschi schan (Pferdespm-berg, weil nach einer Sage das Pferd 
des Kaisers Tsin schi hwang di (221 — 209 v. Chr.), der die Insel be- 
suchte, auf einem Felsen im Westen eine noch heute sichtbare Spur zurück- 

m 

gelassen haben soll); Ma tschi schan wird im Ortsdialekt Mau sai 

^ 

genannt. ' 

Nur das Süd- und Südostufer des Sees ist flach, daher sumpfig und 
mit dichtem SchiK bewachsen, die anderen Ufer, namentlich der reich- 



gegliederten Ostküste, umgürten niedere 



durchschnittlich 3C0 m 



hohe 



Berge, besonders in der Gegend von Su tschou. Im Norden und Nord- 
A\esten treten kürzere Parallelketten schiefwinklig nahe an das Ufer 
heran, im äußersten Südwesten erheben sich die Bai mau schan- 
Höhen, die ,, weißen Haarberge'', Parallelketten des weithin sichtbaren 
Tien mu schan, des ,, Gebirges der Himmelsaugen", bis zu etwas über 
500 m Höhe und senden seitliche Fortsetzungen bis kurz vor das Gestade 
des Sees. 

Die Grenze der Hügelreihen gegen Nordosten fällt ungefähr mit der 



Bahnlir 



Sutschou — W 



und dem 



usammen 



ih 



östlich dieser Linie sind nur in der Umgebung des Fleckens Wus 
sehr vereinzelte kleinere Klippen zu verzeichnen. 

Eine .derartige Gegend, eine große, weite, das Meer vortäuschende 



aus- 



Wasserfläche, eine gebirgige, mit tief eingeschnittenen Buchten 
gestattete Küste, deren Hügel sich zwar in bescheidenen Grenzen halten, 
keinen Waldbestand aufweisen, immerhin doch aber eine liebliche Szenerie 
schaffen, muß naturgemäß das Ziel der erholungsbedürftigen Fremden 
von Schanghai sein, die auch, zumal in Frühlincj zur Zeit der Azaleen- 
blute und im Herbst zur Enten- und Fasanenjagd, in den bequemen Haus- 
booten den See befahren oder mit Yachten kreuzen. 

Obwohl die Zahl der in den See mündenden Kanäle eine hohe ist, 

entsprechend den beiden Schiieu- 
zugshaltepunkten Sutschou und Wusih zwei Einfahrtsrouten bevor- 
zugt, die südöstliche von Sutschou über Mu tu und Hsi kou und 

■ _ 

die nördliche von Wusih durch einen kleinen Vorsee in die nördlichst-e 
Bucht; seltener wird die Einfahrt in den See von Süden über Hu tschou 



werden 



mlichkeitseründen 



^ 

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! 



I 



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■ I 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 45 

L 

bewerkstelligt. Die chinesischen Handelsdschiinken und Fischerfahr- 
zeuge befahren den Tai hu hauptsächlich zwischen Wukiang hsien 

und Hu tschou. 
- Wie hier die meisten Gewässer ist der See außerordentlich fischreich. 

Besonders wohlschmeckend ist eine Barschart, der sogenannte Mandarin- 
fisch (Sinipercachuatsi), sowie die in allen Kanälen massenhaft vor- 
kommenden Garnelenkrebschen, von den Fremden „shrimps" 
genannt; sie werden in geflochtenen Körbchen, in die sie sich verkriechen, 
gefangen. Die Fischerei wird mit Netzen und Kormoranen betrieben; 
ganze Flotillen solcher Kormoranboote sind häufig anzutreffen. Die sehr 
scheuen, wilden Kormorane finden sich noch häufig auf den einsamen 

Klippen im See. 

Den von Schanghai mit der Bahn nach Sut schon reisenden 



aturfrcund 



gekrönte und von einer Pagode gezierte weithin sichtbare Hügel Kun 
schan, bei der Stadt gleichen Namens, dann erscheint die von krenelierter 
Mauer umgürtete, mit mehreren prachtvollen Pagoden geschmückte 
Stadt Sutschoui), das leichtlebige ,, Paradies auf Erden". Sagt doch 
ein chinesischer Spruch: Schang jo tien tang, hsia jo Su, Hang, „oben 
ist des Himmels Halle, hienieden liegt Su (tschou) und Hang (tschou)'*, 
d. h. alle Freuden, die die Erde bietet, sind in reichster Fülle in diesen 

beiden Städten zu finden. 

Sutschou wird oft mit Venedig verglichen. Und in der Tat er- 
innerten die zahlreichen, von gewölbten Steinbrücken überspannten Kanäle, 
die als Wasserstraßen dienen, die zu ihnen abfaUenden Häuserfronten, 
aus denen nur eine schmale Steintreppe zum Wasserschöpfen hinabführt, 
entfernt an die italienische Lagunenstadt. Sehens\\ert sind die mit bizarren 
Schnürkeleien und grotesken Felspartien aus Tuffstein verzierten Gärten 
wohlhabender Chinesen, die sogenannten Mandarinengärten, die mit dem 
bunten Allerlei ihrer Blumen, den Zwergbäumchen, Lotusteichen, Nischen 
und Grotten die chinesische Gartenbaukunst berühmt gemacht haben. 

Unweit der Stadt, außerhalb des Nordtores, steht auf kleinem Hügel 
als Denkmal früherer Glanzzeit die leider immer mehr verfallende, aber 
immer noch großartige Tigerpagode, Lau hu ta, heute unbesteigbar 
und nur noch der Brutplatz für Sperber und :\Iilane, die von hier aus in 
ahlreichen Scharen die Umscbung nach Raub durchspähen. Durch 



Vögel sind auch die Samen der Bäume auf die Pagodenspitze gelangt, 
die jetzt die obersten Stockwerke des Turmes in freudiges Grün hüllen. 



erinnern 



Zeiten einzelner Herrscher der Mingdynastie; verfallene gemauerte Zi 



^) In englischer Schreibweise Soochow. 



46 



W. Limpricht. 



Sternen, Pavillons und kleine Temj^elhallen geben noch heute Zeugnis t 
von dem Reichtum, der früher hier geherrscht haben muß. 

Jetzt bewohnt den kleinen Tempel neben der Pagode nur ein Mönch, 
der sich in einem kleinen Gärtchen einige Blumen und Gemüse hält (viel 
Coriander), im übrigen aber, ebenso wie die zahlreichen, mit Aussatz und 
anderen ekelhaften Krankheiten behafteten Bettler von den milden 
Gaben der Tempelbesucher lebt. 

Der Pagodenhügel bietet einen guten Ausblick auf die Höhen des 
Sutschouer Hügellandes, namentlich auf den im V ordergrund 
liegenden eigenartig abgerundeten Löwenberg und die dahinter an- 
steigenden, langgestreckten Rücken, den Sieben- Söhne- und den 
Ozeanberg. 

Besonders ersterer ist ein von den Fremden öfters besuchter Aus- 
flugsort. Man gelangt zu ihm auf Kanälen über Wang dang und Mutu 
im Boot oder zu Fuß auf den schmalen, mit Steinplatten belegten Fuß- 

und auf hochgewölbten Stein- 
brücken, Kamelrückenbrücken, Seitenlianäle überspannen. Bei dem 
Dorfe Wang dang setzt eine gedeckte Brücke über den hier vorbei- 
fließenden Kaiserkanal, der bald darauf unweit der 17 bogigen Steinbrücke 
von Sin ko lin in die Wukiang- Bucht des Tai hu einmündet. 

Ein kleiner Tempel und neun künstliche Erhebungen — mit Erde 



umwallte, offene Grabkammern aus der Zeit, in der die Chinesen ihre Toten, 



um sie dem Himmel naher zu bringen, auf Bergeshöhen bestatteten 
krönen den Kamm des langen,' von WSW nach 0X0 streichenden Siebe u- 
Söhne-Berges, der hier allmählich niedriger werdend, mit dem Pagoden- 
hügel Schang fung schan zur Ebene bei Sin kolin abfällt. Der 
Wanderer kann also von Sin ko lin aus über die viereckige Pagode 
Schang fung schan den ganzen Kammrücken entlang wandern und 



Westende 
eigun 



„ _ Kaiserkanals von Wang dang und Sin ko Im 

vereinigen sich bald zu dem annähernd parallel zum Sieben-Söhne- 

iden TCnnnl r\f^r oinTi Hf^i fli\wi=.m Orfp, in dreiArBie 



führe 



teilt, die nach Norden in die Gegend des Ozeanberges, nordwestlich 

nach Kwang fong und südwestlich nach Hsi kou in den Tai hu 
führen. 

r 

Die südwestliche Verläncreruns des ungefähr 320 m hohen Tscbi 



ö ^^" "■•^'^c 



nur 



W 



durch den von Mutu kommenden Kanal ab^e^renzt und setzt sich jenseits 



..« 



« 



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! 



tse schan, des Sieben-Söhne-Berges, läuft nach längerer Unter- 
brechung zu den Hügeln der Halbinsel Dung düng ding. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets, 47 



des Kanals^ allmählich ansteigend, in einer Hügelreihe fort, die bis Kwang 
fong das Seeiifer begleitet. 

* 

Auf ihrem Rücken ruht in halber Höhe der höchsten Erhebung, 
des Tsung lung schan (320 m), ein großes Kloster, das dem ganzen 
Zuge den bei den Fremden üblichen Namen ,,Kloster-Hüger" (Mo- 
nastery hüls) gegeben hat. 

Dieses Kloster enthält eine Reihe Von Fremdenzimmern, für die Auf- 
nahme der zahlreichen, gut zahlenden Pilger bestimmt, die an bestimmten 
Tagen des Jahres hierher wallfahren, um Linderung ihrer Leiden oder 
Erfüllung ihrer heißesten Wünsche zu erflehen. Vielfach sind es Frauen, 

^ 

die des Himmels Segen bedürfen, um einem Knaben das Leben zu schenken, 
denn nach allgemeiner Auffassung kann nur ein Sohn die erforderlichen 
Gebete am Sarge des Vaters sprechen und alljährlich seinen Manen opfern. 
Die untergeordnete Stellung der Frau ändert sich bei der Geburt eines 
Sohnes mit einem Schlaofe: von diesem Augenblicke an ist sie die Herrin 
und nach üiren Wünschen hat sich die Dienerschaft des Hauses zu richten. 



Wallfahrtst 



Stufen 



des Berges hinauf keuchen, oder läßt vornehmere Damen in geschlossenen 
Sänften von schwitzenden Träerern an sich vorbeitragen. 

Derartige Klöster nehmen gern, natürlich gegen ein gutes Opfergeld, 
fremde Reisende bei sich auf, und da gerade an den schönsten Punkten 
Tempel oder Klöster erbaut sind, bieten sie dem Botaniker speziell ein 
"^^ illkonnnenes Standquartier für Exkursionen in die umliegende Bergwelt. 

Auf die religiöse Eigenart der buddhistischen Klosterinsassen, rein 
vegetarisch zu leben, geht der rücksichtsvolle Fremde natürlich, um die 
guten Leute nicht zu kränken, gern ein. Man ißt sein gewohntes euro- 



Klosterzelle. 

Auch sind diese Klc ster viel sauberer als die einfachen, meist fürchter- 
lich schmutzigen und übekiechenden chinesischen Gasthäuser der Dörfer 
oder kleineren Orte. Dazu kommt, gerade für den Botaniker, der Vorteil, 
daß die gewöhnlich gebildeteren Mönche Interesse für die Pflanzenwelt, 

besonders für Heilkräuter besitzen, Land und Leute genau kennen, viel 
vonKloster zuKloster gereist und von heiterem,gutmütigemCharakter sind. 

Der Rücken des Tsung lung schan senkt sich also gegen Kwang 



fong, einem reizend an einer kleinen Ausbuchtung des Sees gelegenen 
Ort, den man schon \ 



Totenh 



lüit offener Crabkammer, an seiner viereckigen Pagode deutlich erkennt. 
Gegen die Bucht von Kwang fong zieht sich noch eine wesentlich 
niedrigere, ^v estliche Parallelkette hin, endet in einem in den See vor- 
ßpnngenden Kau und nmsnl.lioßt »n die Bucht halb. 



_1 



48 



W. Limpricht. 



Erst jenseits der nun folgenden weiten nordöstlichen Ausbuchtuncr t 



des Tai hu setzen sich die Bergzüge in nordsüdlicher Richtung weiter 
fort und beginnen mit den Ting hsiang schan^), 200 m; ein verfallender, 
unbewohnter, weiterhin nach Norden ein bewohnter Terai)el, Lung 
wang schan (Berg des Drachenkönigs) liegen auf seinem Rücken. 

Diese Hügelkette, au ihrem Endo nach NW umbiegend, reicht einer 
weiteren Bergreihe die Hand, zwischen denen die Wasser des f^ees nach 
einem kleinen Vorsee durchgebrochen sind. In dieser schmalen Wasser- 
straße ragt als Verlängerung des Ting hsiang- Zuges ein Hügel empor, 
auf dessen Spitze der den Schiffern heilige taoistische Tempel Tienheu 
gung (Palast der Himmelskönigin) erbaut ist. Dieser kleine Vorsee steht 
durch einen Kanal in direkter Verbindung mit dem Flecken Wusih und 
ermöglicht den kürzesten und schnellsten Zugang zum See von der Bahn- 
station Wusih her. 

Völlig isoliert von diesen das Seeufer begleitenden Hü^elreihen ver- 
läirft nordwestlich von Sutschou der lange Rücken des Da yang 
schan (Ozeanberg) in anderer Richtung, in der Richtung der shnschen 

Auch an seinen Hängen ruht ein Bergtempel, 
und er zeichnet sich vor den anderen Hügeln des S ut schöner Ländcheiis 



SSW 



durch die Felspartien aus, die seine drei Hauptgipfel krönen. Der mittel 
dieser steUt mit seiner 350 m Höhe die höchste Erhebung um S utschou dar. 

Niedere Hügelketten, der Föng hwang schan oder die Phönix- 
Berge (ca. IGO m), schließen sich seinem Südfuß'e an und ziehen nach 
Süden, wo sie bei Mutu in dem Pagodenberg Ling yen schan ihren 
Lauf beenden. Auf ihrem Rücken ruht einsam das Grab eines französischen 
Missionars. 

r 

An diesen letzten Hügeln besteht das Gestein nicht v\ie sonst all- 
gemein um den Tai hu aus Sandstein, sondern aus Granit, der bei Mutu 
gebrochen und in den Dörfern an seinem Fuß zu Brücken- und Wege- 
bauten, sowie zu Opferschalen für die Weihrauchstäbchen verwendet 



Avird. 



urzer 



schan gegen den Ort Kwang fong. Er schließt das Sutschouer 
Hügelland im Nordwesten ab. 

Der dritte der liöheren Bergzüge der Ostseite ist der Lung schan, 

"Tv T 1 , . 



der Drachenberg bei Wusih. 



ekrönter Kamm läuft von OSO nach 



WNW und erreicht in seinen beiden Hauptgipfeln 300—350 m Höhe. 



;Iäufer 



gegenüber der Insel Tien heu gung, den Tai hu. 

^) Berg der militäriselien Ordnung. 



'i 



\ 



Botanische Reisen in den HocL^iebimen Chinas und Ost -Tibets. - 49 



Die ihm Aveötlich benachbarten Hügelreihen ziehen Avieder in yinischer 

. also von SW nach NO. Nördlich der Insel Mau sai erreichen 
sie ihr Ende. Sie sind wohj als A^erläncceruno- dieser Insel aufzufaf?sen. 




«v- ■^'*0 



Alle diese Bergzüge habe ich zu wiederholten Malen besucht, dagegen 
die Westseite des Sees nur auf einer einzigen, vierzehntcägigen Exkursion 

kennengelernt. 

Am 4. April 1912 schlej^pte ein kleiner Dampfer mein Hausboot 
bis Sutschou, von wo ich über ^lutu nach Hsi kou an den Tai hu 

rudern ließ. 

Ein frischer Ostwind brachte das Boot nach der obstreichen Insel 
Hsi düng ding (AVesthöhlengipfel), auf der erst den KaUvsteinbrüchen 
an den Hügeln der Ostspitze, dann um das Südende herum auch den höheren 
Bergen der Mitte ein Besuch abgestattet wurde. Auch diese Berge, ca. 350 m, 
ziehen von SW nach NO. 

Am 7. Aprü segelten wir in 4'^ Stxnulen von Sehe kung schan 
aus über den aufgeregten See quer nach Hu t schon hinüber, wo kurz 
vor der Stadt in einem Kanälchen geankert wurde. 

Erst zwei Stunden nordwestlich, dann nördlich auf den Kanälen 
weiterrudernd, kamen wir am nächsten Tage in das Kloster Di sc hang 
dieng am Fuße des Bai mau schan, der ,, weißen Haarherge^'. 

Die ,, weißen Haarberge" nordwestlich Hu tschou (Tschekiang) 
ziehen wiederum von SO nach NW und stehen in Verbindung mit dem 
zu3ammenhäno;enden ßer^land der Provinz Tschekiang, insonderheit 
mit dem Stock des Tien mu schan, zu dem das Mei tschi-Tal hinauf- 
geleitet. 

Die beiden höchsten, durch einen Felsengrat verbundenen Punkte, 
über 500 m hoch — der westnordwestlichere ist der höchste — sind eben- 
falls, wie ja die meisten Tai hu-Berge, mit Grabkammern versehen; 
im Nordwesten fallen sie als niedere Kalkhügel zur Ebene ab, und hn 
Südwesten sind ihnen noch einzelne Ketten vorgelagert. 

Parallel dem Seerande führt ein Kanal durch die flache, mit unend- 
lichen Pveihen von ilaulbeerbäumen bepflanzte Landschaft nördlich 

nach We kou (äußere Mündung). 

Diese Gegenden, die Süd- und Südwestlandstriche am Tai hu, 
brden ein Hauptzentrum der chinesischen Seidenindustrie, deren Er- 
zeugnisse von Frauen und Mädchen in häuslicher Arbeit zu allerlei Ge- 
weben und Stickereien verarbeitet werden. Die Stadt Hu tschou ist 
der Mittelpunkt dieser Industrie ; von hier geht die Seide nach Schanghai, 
von wo sie nach allen Tiindern der Erde ausgeführt wird. In Schanghai 
reiht sich in einzelnen Straßen Laden an Laden, vielfach reich verziert, 
deren reichhaltige Auslagen das Entzücken unserer Damenwelt hervor- 
rufen würde, zumal da die geschäftstüchtigen Chinesen in den letzten 



^- .^edde, Rppertorium specioriim novarum. Beiheft XII. 



4 



50 



W. Limpricbt. 



r 

Jahrzehnten schon begonnen haben, Ge\^ ehe nach euroi^äischem Geschmack 
anfertigen zu lassen. 



Neuerdings fahren französische und 



ur 



der Ernte in die Seidendistrikte, kaufen von den Bauern die weißen und 
gelben Kokons auf, die dann schiffsladungsweise den europäischen 
Spinnereien zugeführt werden. 

Maschinelle Seidenspinnereien gibt es in China vorläufig noch nicht viel. 



W 



■ A 

Über die Dörfer Tung tschiaü und Tsing düng bog unser 
Boot wieder in den See ein, segelte auf diesem, nahe der Küste, erst nörd- 
lich, dann nordwestlich und ankerte bei Schiang schan, einem Dorf 



am 



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un 



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1 






bluten seine volle Berechtigung findet. 

Von Schiang schan bis Wu tschui kuei ist die Gegend wieder 
gebirgig. Vier paraUele Ketten ziehen annähernd von SO nach 
NW. An einem von diesen Hügeln, dem Bai ni schi (weißer 
iMergelstein), ca. 400 m, wird in rohem Tagebau der Ton gewonnen, aus 
dem die Gefäße für den Hausgebrauch und den Felddünger für die Um- 
gebung des gesamten Sees geformt werden. Von Bai ui schi wieder 
nach Föng schan in die Tai hu- Bucht zurücko-ekehrt segelte das 
Hausboot noch in die äußerste Nordwestecke des Tai hu, in dem etwas 
landeinwärts an einem Kanal das Dorf Wu tschui kuei liegt. Nord- 
westlich zieht sich die vierte, letzte, etwas höhere Parallelkette mit zackigem 
Rücken hin; da aber abgesehen von fünf vereinzelten Zwerghügeln das 
Gestade des nach NO umbiegenden Seeufers nur flache Niederungen 
aufwies, wandten wir uns der Insel Mau sai zu, die wir nach sechs- 
stündiger Fahrt erreichten. 

Die völlig kahlen Berge/vou Mau sai bleiben erheblich niedriger (ca. 
250 m); trotz dessen stattete ich auch ihnen einen Besuch ab und segelte 
am nächsten Tage (13. April) östlich dem Ting hsiang schan und da- 
mit der Ostküste zu. Die Bergwanderung begleitete das Boot, das uns 
am Ende der .Hügelreihe nach Tien heu gung und San yüan bao 
dieng übersetzte. 

Beinahe wäre in zwölfter Stunde die botanische Ausbeute ein Opfer 
des Sees geworden. Denn kurz vor dem Tempelchen stieß un\\eit des 
Ufers das Boot auf einen verborgenen Stein, der den Boden durchdrückte. 
Glücklicherweise war das Wasser nicht mehr so tief, um das Boot völlig \ 

verschwinden zu lassen. Sein Deck mit der Pflanzenpresse überragt« 

die Oberfläche und so konnte die Ausbeute trocken ans Land gebracht 
werden. 



i 






Botanisclie Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets- 51 



Die Pnanzemvelt der Taihu-Berge. 

Das Land am Ufer der Kanäle bis an den Fuß der Hügel ist völlig 
von der Kultur in Anspruch genommen. Endlose Reisfelder, deren Be- 



Hilfe der stumpfsinnigen Wasserbüffel 



Wassern 



auf künstlich erhöhtem Boden ab, an deren Rändern allenthalben die 



Wurzel wegen sehalten 



wird. Seltener, namentlich im Norden, baut man Weizen und BaumwoUe; 



meist 



bei denen auch, als Schattenspender geduldet, vereinzelte Laubbäume 

m 

noch ihren Platz behaupten können. 

Die reichste Entwicklung der Obstkultur weist ihres milden Klimas 
wegen die Insel Hsi düng ding und ihre Nachbarhalbinsel Dung 
düng ding auf. > 

Neben Äpfeln, Birnen, gelben und blauen Pflaumen, kleinfrüchtigeu, 
säuerlichen Kirschen zieht man Apfelsinen, Pfirsiche und Aprikosen, 
kleine Mandarinen, Persimonen {Diospyros kaU, an Walnußbäume 
erinnernd), Granatäpfel und Pipos, die kugeligen Früchte der um die 
Weihnachtszeit blühenden Eriohotfya jajjonica. der japanischen WoU- 
mispel. Daneben stehen Mandeln, Kastanien Talgbäume [Sapium sebiterum) 
zur Herstellung der roten, allgemein gebräuchlichen Kerzen, Broussonetia 
papyrifera, Verwandte des Maulbeerbaumes, zwecks Papierbereitung, 

Azedarach, Cudrania triloba, Fimbriaria stercuUfoUa, Myrica rubra 
mit eßbaren roten Beeren, die Yang me der Chinesen, sowie Buchsbäume 
[Buxus Harlaridii), Citrus trifoliata und kleine Bambushaine mit der 
Palme Trachycarpus excelsa. An trockenen Feldrainen oder auf freien 
Plätzen um die Häuser kriechen verschiedene Cucurbitaceeri, Schlangen- 




Kürbisse, süße Kartoffeln {Ipomaea 



umher 



melongena) und Tomaten angebaut. 



zu Heüzwecken dienenden Pimllia 



Auf Komposthaufen gedeihen die zu Heüzwecken dienenden i mtiui* 
ternafa sowie Datura Stramoniim, der Stechapfel, schwarzer Nachtschatten 



Bilsenkraut 



Am Ufer der Kanäle, vorzugsweise in der Nähe der Dörfer, finden 



sich Ulmus parvifoUa, Pterocarya 

■minata, Acer trifidum. FimbnanastercuUfolia, Salix habyl 



elben 



tande 



Evonymus Bungeana, Rhamrms globosus, Elaeagnus 

^'''^(^rocephalum. Folgen die Dörfer in kürzerem . 

reihen sich die Bäume von Dorf zu Dorf; ihre Laubkronen geigen «^^^^ 

über dem Wasserspiegel zu 



ammen 



52 



W. Limpricht, 



Wistarienblüte, aber auch im Herbst, prächtige, stimmungsvolle Land- ^ 

schaftsbilder, namentlich um den Da yang schan und bei Kwang f ong. 
In den zalillosen Kanälen, in künstlichen, hauptsächlich der Kultur 
von Trajpa nalans var. bicornis dienenden Teichen, die auf originelle Art, 
in schwimmenden Waschschäffern, abgeerntet werden, in ruhigen Buchten 
und zwischen dem Schilf der Seeufer, trifft man im grollen und ganzen 
dieselbe Wasserflora wie in Europa an. In dem gravigrünlichen Wasser, 
in dem nur durch die leise NacliAvirkuno* der Gezeiten eine schMaclic 



Strömung sich bemerkbar macht, fluten Potamogeton crispus, BamincuJus 
aquatilis und Vallisneria spiralis mit ihren meterlangen bandartigen 
Blättern. Nahe dem Ufer oder in blind endenden Kanälen und unter 
Wasser stehenden Reisfeldern w ird die Oberfläche von einem grünen Teppich 
von Salvinia natans, der sich im Herbst rotbraun färbenden AzoUa pinnala, 



von dem vierblättericren 



foli 



mor 



rosen ähnlichen Enzian, sowie den Wasserlinsen Lemna pohjrrhiza und 
minor dicht bedeckt. 

Trocknet das Wasser auf den Reisfeldern aus, ^geht MarsiUa zur 
Landform über, und ausgetrocknete Gräben und Felder sind gegen den 
Herbst oft von diesem an vierblätterigen Klee erinnernden Wasserfarn 
übersät. 



mime 



Ottelia alismoides (Kanäle am Sieben-Söhne-Bero-) und die grünlichen 
Blutenstände von Myriophyllum spicattim, sowie dem ihm ähnlichen 
CeratophyJlum demersum empor oder schweben untergetaucht HydriVa 



verticülafa und Utricidaria- Arten. Am Ufer wächst neben Arundinaria 
densiflora und Kabuus {Acorus Ccäamns) massenhaft Pfeilkraut [Sagit- 

littifolia) in kräftigeren Formen als in Europa. Seltener, be- 



sonders 



eigenen Teichen gezogen, tritt „Lienhoa", die Lotusblume (Nelnmbo 



'flH* 



/ 



An Feld- 



rainen, am trockenen Rande der Reisfelder, der Maulbeerhaine und Bambus- 
Wäldchen sind anzutreffen: Sdacjinella helvetica^ die blaue Commelina 
midiflora, DiantJius chinensis, Cerastium triviale, Melilotm suaveoUns., 



Ästragalu 



Viola befonicifoUa 



ßubsp. nepaJimis, philippica subsp. munda und subsp. malesica, Lv^- 
prichtiana (Hsi düng ding und Schlang schan), Elaeagmis pungens, An- 
drosace saxifragifolia, LysimacTiia Candida, Thyrocarpiis Sampsoni nxyä 



Wigonotis 



Mentha 



arvemis, Brunella vulgaris, ScuteUaria indica und galericulata, Maztis 
rugosus, die zierliche Lohelia chinensis, Adenophora sinensis, GnapJiahufn 
multiceps und das überall gemeine, selbblühende Ghrvsanthemum indicum. 



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r. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 53 



We 



sammen aus: Evonymm Bungeana, einer Verwandten unseres Pfaffen- 
hütchens, Rhamnus globosus, Viburnum macrocephalum; zwischen Urnen 
stehen Eupatorium japonicum, Saussurea japonica, seltener Sweerha 

chinensis und Actinostemma lobatum. 

Bald treten die Felder zurück, denn die Bebauung erstreckt sich hier 




Lößgegenden Xordchinas oder den feuchteren Gebirgen südlicherer Striche. 
Ein Gürtel von Totenhainen tritt an ihre SteUe. Teüs unbedeckte 
Holzsärge, teils aufgeschichtete Grabhügel, aus früheren, glänzenderen 
Zeiten auch kunstvoll in Stein gehauene Monumente mit steinernen Tier- 
figuren, häufig Pferden und kunstvollen Torbögen, vielfach in Trümmern 
liegende stumme Zeugen vergangenen chinesischen Kunstsinnes, stehen 
in den Kiefernwäldchen, die namentlich die Talmulden noch bekleiden 
und nur noch aus Pietä t vor der sonst allgemein üblichen Waldvernichtungs- 

wut geschützt ftind. 

Pinus Mmsoniana, die „Pterdeschwanzkiefer'S herrscht vor; ^ 



der 



o in, 



Dürre des Bodens entsprechend, werden die Bäume selten höher als 4 

und da^ dichte Unterholz von Brombeersträuchern [Ruhus corcharifohus 

und Thmibergii) läßt zarteren Blütenpflanzen kaum Raum zm' Ent- 

Wicklung. 

Um die Totenhügel und Grabmäler hat man, .vie auch bei uns, immer- 



südlicherer 



Nadelhölzer gepflanzt, und der konservativen, einmütigen Sinnesart der 



egetation zusammen. 



.».,,..,«., .n.,..,...s und fcyrrmsana. Gryptomeria japomca m kleinen 
Bäumen, Thvja orienialis, Cupressus funehris, Photmia serrulata, oi^ 
„Gräberbaum- genannt, Ligustrum japonicum fehlen "^'°^''^' ^'^^^^ 
sporum Tohlra \vird weniger häufig angetroffen. Über die veiia en en 
Grabmauern kriechen Trachdospcrmum ja-sminoides, Lomcera japomca 



Alt 



dii 



Etwas höher 



Pii und niedriger 



J'.twas noner lunaut verscnwinucu v^i^^, ^^ o 

nnstämmiger Waldbestand tritt seine Alleinherrschaft an. 
Wiederum ist Pinus Massomana C^iarakterbaum ; zu ihnen geseüe 

. -_...., , . ■■ .T. ,■...., „v.\ hi««eilen die prachtige 



öicu zwergige Wachholder i^Jumperus ui.i.n>^no^^j, 

Cunninghamia lanceolaia, Celtis sinensis und einzelne Eichen. 

Ben Boden bedeckt niederer Bambus (^^^2/«<^^^'«^^^^J' ^^" J;^l'„~.-, 
freigeWsenen SteUen besiedeln Farnarten, Fteris ^«^^*/;^^' ^f ^ 
Jacerum und Polypodi^tm lineare, Bärlappe [Lycopodium ^^f«'"^^|; J^^.^^ 
gräser [Carex tristachya und Fivibristylis diphyUa), ferner Lhoscore 



(wohl nur verwildert) 



% 



54 W. Limpricbt 



Ranunculus acer und Tndigofera vennJosa, in Gebüschen klettert der Farn 
Lygodium japonicum umher, der auch bis auf die höchsten Kuppen in 
Zwergform vordringt. 

An den wenigen, etwas feuchten Stellen erscheinen Cyperns- Arten, 
Fimbristylis ferruginea, die rote Orchidee Spiranlhes sinensis und selten, 
dann in Gesellschaft von Drosera peltala, Piatanthera Winkkriana 
(Dayangschan), Cardamine flexuosa (Hsi düng ding), Drosera pcUata, 
Hypericum japonicum, Stimpsonia cJiamaedr yoid es , Utricularia racemom, 
Petasites japonicus (Bainischi) und Senecio campestris. 

Höher hinauf, besonders an den Talhängen und Berglehnen, werden 
die Kiefern noch niedriger, erreichen nicht viel über Manneshöhe und 
bilden im Verein mit einer dichten Macchienflora ein sch^ver zu durch- 
dringendes Gestrüpp, in dem die allerdings zahlreichen, schmalen, oft 
fast völüg verwachsenen Pfade zur kahlen, mit kurzer Grasnarbe bekleideten 
Kammhche emporführen. 

Hier wachsen Myrica rubra, Platycarya strobilacea, Quercus mongoUca, 
gilva MndFabri, Castanea mollissima, Crataegus kuUngensis, Ruhm corchari- f 

folius und Thunbergii, Raphiolepis indica, Albizzia Kallora, Rhus silvestris, 
Symplocos caudata, crataegoides, nerüfolia und selcJmensis (Bai mau schan) 
und ,Styrax serrulaius. Untermischt mit ihnen büden die schönste Zierde 

erge zur Osterzeit die drei Azaleen des Tai hu, 
indicum und sinense. Das am tiefsten herab- 
steigende Rh. Mariesii eröffnet zuerst im Frühlin 

Blüten, ihm folgt 8—14 Tage später das purpurrote Rh. indicum und das 
■großblumige, gelbe Rh. sinense hMet den Schluß. 

Gleichzeitig mit ihnen erschließen sich die hängenden Blütentrauben 
der übeiall häufigen Wistaria chinensis, in unseren Gärten als Glycine 

weißen Blüten von Exochorda racemosa 



Rhodode 



bekannt 



und die vierzählige n von Loropetalum chinense, letzteres besonders häufig 
auf der Westseite des Sees. 

Am Rande des Strauchgürtels, an den Wegen und grasigen Plätzen 



nensts 



Lycons raäiatä, Scilla chinensis, Liriope graminifolia, Asparagus spec, 
Arisaema ambignum (Sanyüan bao dieng), Ranunculus acer und die 
seltene Anemone baicaktms {Hsi düng ding), Carydalis indsa var. tsche- 
kiangensis, Sanguisorba tenuifolia, Potentilla fragarioides (mit ihi'en den 
Erdbeeren täuschend ähnlichen Früchten), P.Freyniana (nur Hsi düng 
dmg), Spira^a prumjolia, Indigofera venulosa, Lespedeza floribunda, Oxalis 
cormculata, Polygala sihirica, Vaccinium bracfeatum, Lysirnachia Klatliana, 
Monochasma Sheareri und Savatieri, Mazus st ach ydi folius, die tief dunkel- 
blaue, in ganz China häufige Glockenblume Platycodon grandiflorus und 
Solidago virgaurea an, während die prächtige Forsythia viridissima nur 



! 



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* 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 55 

auf die Bachufer der Berge der Südwestecke beschräntt erscheint, wohin 

nahen Tien mu schan ebenso wie Chloranihns Fortunei ge- 



ßie vom 



langt sein dürfte. 



Die Bergrücken selbst, von denen sich oftmals Geröllhaldeu zungen- 



auf wenige 

kurzer 



Grasnarbe bekleidet. Größere Felspartien finden sich nur am Dayang 
sehan, Bai mau schan mid dem raerk^^ürdig geformten Löwenberg 
(Sehe tseu schan), dagegen sind Steinplatten und einzeln stehende 

Telsblccke häufig anzutreffen. 

Diese Höhenrücken bieten reizende Landschaftsbüder auf die um- 
gebende Hügellatidschaft, die Buchten des Tai hu mit seinen Inseln 
und Inselchcn, auf die Dörfer zu Füßen inmitten ihrer Obsthame und 
sumpfigen' Reisfelder, auf die zahllosen, das Land durchschneidenden 
Kanäle, belebt von Fahrzeugen aller Art, und die fernen pagodenreichen, 

1 

mauerumgürteten Städte. 

Die Flora dieser Kämme besteht aus: Polystichum falcahm, Poly- 
Vodium lineare, Lygodium japonicum in Zwergform. Carecc tristacJiya, 
conica var. dcnsa, T.uznla campesfris, Allium macrcsiemon und jmndo- 
cvaneum (Lung schan), Hemerocallis fvlva, Norcissns Tazetta var. chnerms 
(besonders um die Tempel und Toteirliügel der höchsten Kämme welch 
letztere von Rubusgesträuch dicht umsponnen sind), TuUva eduhs (Bai 
mau schan, vom Tien mu schan hierher gelangt), der reizenden, zwergigen 
Iris ndhenica var. nana (sehr häufig auf der Westseite und den Inseln, 
aber auch auf der Ostseite, hier vereinzelt im Dezember zum zweiten Male 
blühend), das leicht zu übersehende, aber sehr- häutige Asarum Forbesu 
Thesium chinense, Dianthus cMnends (sehr häufig) und snperbt.s (seltener), 
Silene Fortunei, Melandrjjum apricum, Stellaria rhaphanorrhza nur 
Bai mau schan), Arenaria serpylUfoUa, Isopynm adoxoides, Coryr^alrs 
remota, UmbiUcm leucantha (gemein auf Felsen und Felsplatten, auch aut 
den Mauern und Dächern der Dörfer). Sedum subtile, Rosa laevigata, 
LinvpricUii und muUifl^-a, sämtlich weiß blühend und an den l' eisen 
entlang kriechend, Crataegus kidingensis, Prunus japomca m Zwergtorm, 
PofeMiUa discolor, Campylofropis cMnemis, Oxalis cormmJata, Hex cor - 
nuta, Viola phiUppica, betomcifolia und Limprichtiana, Daphm Genktca, 
wegen seiner Fliederähnlichkeit von den Engländern lÜac genannt m 
zahUosen Exemplaren, Ardisia japonica, Yeronica spuria, MosU P^'^^^«'«' 
Phtheirospermum cMnense, Salvia japonica var. integnfoha, Elshoima 



se, Aster japomcus 
thospermnm ZolUng 



nur 



56 



W. Limpricht. 



und Mau sai, und den KaUdclsen der Ostspitze von Hsi dpng ding 

sind Euphorbia Pallasii sowie Litliosvermum arvense var. coernlesctZ 
eigentümlich. 

Die Tempel der buddhistischen ^fönche bevorzugen Bergeshöhen 
oder schattige Gründe versteckter Täler und sind bisweilen von Haineu 
uralter Bäume umgeben, die sorgfältig vor der Habgier der umwohnenden 
Bauern geschützt werden. 

_ r 

Die häufigsten Tempelbäume sind der oft mächtige G^mit^o biloba, 

Cryptomeria japonica, Thujaorientalis, Ceüis sinensis.Toona Iriloba, Sapium 

SEbiftrum, Castanopsis sckrophyUa, Gkdit^chia sinensis, Paulownia und 

Punica Granatum, in kleinen Teichen oder auch auf den Tempelhöfen 

m Kübeln Nelumbo nucifera. die Lotusblume, auch Päonien und 
-Magnolien. 



fol 



Orychophragmus ,molacens, Scutellaria galeriadata, Asystasia chinemis, 
Mjrabihs Jalapa, Rumex puhJicr, Saxifraga sarmentosa nebst verwilderten 
Kulturgewächsen an. 

Einstmals hatten vielleicht die Tai hu-Berge, wie aus dem Oits- 
namen Mutu (Mu =. Holz) hervorgeht, reichere Holzbestände aufzu- 
weisen, die sich eben nur noch um die Tempel erhalten haben, doch ist 
dieser Holz bestand der Unvernunft der Anwohner zum Opfer gefallen, 
- die Weiber und Kinder scharenweise in die Berge schicken, um das für das 
me ausgehende Herdfeuer nötige Material zu beschaffen. .Mit Hacke und 
Sichel wird der spärhche Krautw uchs, selbst die Faserwmzeln der Gräser 
ausgerupft und ins Tal gesclileppt, so daß, zumal bei der intensiven Sonnen 
be.strahlung, der Boden verdorrt und zum Hervorbringen eines reicheren 
AValdbestandes nicht mehr die nötige Kraft, hat. 

Werden aus abergläubischen oder vielleicht auch tatsächlichen 

Gründen irgendeiner Wurzel oder irgendwelchem Samen ...^. 

geschrieben, ist diese Art natürlich rettungslos verloren und in kürzester 
Zeit aus ihrer Florengemeinschaft ausgetügt. 



B. In den wintergriineii Bergprovinzen Tschekiaiig und Fukien. 

a) Hangtschou und Umgebung. 

Tm Süden des Tai hu dehnt sich die Alluvialebene bis zur Mündung 
des Tsien tang k lang aus. Ebenso ^ie in der näheren Umgebung 
Schanghais v\ird auch hier das Kulturland von zahUosen Kanälen 
durchschnitten, die zunächst zur Berieselung der Reisfelder angelegt, 
allgemein als Wasserstraßen dem Verkehr von Ort zu Ort dienen. 

Der in die trompetenfcrmige Mündung des Tsien tang-Flusses 
einlaufende Kaiserkanal und der bei Schanghai vorbeiflutende 



l 



4 



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Heilkräfte zu- j| 






f 



I 



V. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 57 



JHwaugpu bilden die hauptsächlichsten Wasseradern, ersterer ja seiner 
Anlage nach dazu bestimmt gewesen, die reichen Produkte dieser wirt- 
.schaftlich am höchsten entwickelten südlichen Landstriche als Tribut 
an den kaiserlichen Hof nach Peking zu bringen. 

Jetzt Jurchschneidot eine Eisenbahnlinie diese Gegenden und ver- 
bindet Schanghai mit Hangtschou fu, der Hauptstadt der Provinz 
Tschekiang, die ihren Xamen, krummer Fluß, dem Tsien tang kiang 

verdankt . 

Die erste größere Stadt umreit dieser Bahnlinie ist Kia shing fu. 
Iln-e völlig flache Umgebung bietet außer den hellgrünen Bambushainen 
und den Tempelanlagen mit ihrem an Festtagen besonders interessanten 
Tolksleben nichts Bemerkenswertes. 

Hangtschou, die alte Kaiserstadt Ling ngan der Sungdynastie 
bis 127G, durch die Herstellung seidener, buntbemalter Fächer und Gold- 
stoffe weit über die Provinzgrenzen hinaus berühmt, besitzt dagegen eine 
reizende Umsebuna und ist deshalb ein oft besuchter Ausgangspunkt 



für Ausflüge in die nahen Berge. 

Da die S tadt dem Fremdhandel nicht geöffnet ist, weüen von Aus- 



ländern hier nur :Missionare und die Vertreter einiger ^venige^ Großmächte. 



Westlich der Stadt ist in früheren Zeiten ein künstlicher See, der Hsihu 
(Westsee), geschaffen worden, an dessen Ufern eine Unmenge von Klöstern 
und Tempeln erbaut sind, die, mit der Geschichte Chinas eng verknüpft, 
den See und seine Umgebung zu einer Art Xationalheiligtum der Chinesen 

gemacht haben. 

Einige der schönsten und ältesten Pagoden Chinas stehen noch heute 
unw eit seiner Ufer, im Xorden neben dem amerikanischen Konsulat auf 
Bergesrücken die schlanke, spitzige Bao sc hu ta, am entgegengesetzten 
Gestade die sagenumwobene Le fong ta, die Donnerpagode, und am 
Tientang selbst die wunderhübsche, aus Holz aufgeführte Sechs 

Harmonienpagode oder Leu ho ta. 

Neben der Grabanlage Ya fe mit den Bronzefiguren eines in übler 
Erinnerung stehenden :\Iinisterpaares, deren Statuen, um die heute noch 
geltende ^'erachtung zu zeigen, von den Besuchern besudelt werden, und 
den steinernen Genien und Tierfigm-en ist die Tempelanlage Yün Img 

7;^veifellos die sehensAverteste. 

Das Holz der Säulen, die das Dach des neuen hochragenden Tempels 
tragen, ist von frommen Frauen gestiftet worden und mußte, bezeichnend 



armut 



Averden. 



Tempelanla 



Heiliger der buddhistischen Lehre, vieKach auch die hundertarmige 
Kwan yin, die Göttin der Barmherzigkeit und buddhistische Mutter 



58 



w 



Gottes, in die Felsen gemeißelt; diese Reliefs weisen eine deiartik^e 
Ähnlichkeit mit indischen Skulpturen auf, daß die ganze Anlage „Die 
Hindutempel" genannt werden. Auch Höhlentempel finden sich und der 
Mönch Odoric de Pordenone, der im Mittelalter diese Klöster he- 
suchte, berichtet von zahmen Affen mit menschenähnlichen Gesichtern, 
die scharenweise in den Anlagen gehaust haben sollen. Über einigen 
dieser in die Kalkfelsen gehauenen Buddhafiguren sind Nischen angebracht. 

A 

Der Besucher, der wissen will, ob ihm bei seinem künftigen Unternehmen 
ein glücklicher oder unglücklicher Ausgang bevorsteht, hat ein Steinchen 



Öff 



Bleibt das Steinchea 



liegen, ist ihm das Glück hold, fällt es wieder heraus, tut er besser, von 
seinem Plane Abstand zu nehmen. 



und 



schäftigung der zahlreichen, in graue Kutten gekleideten Mönche, die 
namentlich an Festtagen glänzende Geschälte machen, ebenso wie die 
zahllosen Bettler j eglichen Alters und Geschlechts, die, in seh mutz starren de 
Lumpen gehüllt, überall an den mit sauberen Steinplatten belejiten Wegen 



umherkriechen 



Malerisch ist die den See auf drei Seiten umgebende, bis 600 m hohe 
Bergwelt, die östlichen Ausläufer desFöng hwang schan, desPhönix- 



ge birg es. Meist bis zur 



Bambus und Laubwald oder den araukarienähnlichen, prächtigen Spieß- 
tannen {C unniTigliamia) bestanden, sind sie vielfach noch von Tempeln 



We 



»Stellen auch Stufen hinaufführen 

Auf vereinzelten dieser Berge haben sich naturliebende Europäer 
aus Schanghai Holzhäuschen in indischem Stil, sogenannte Bungalows 



gebaut, in denen sie fern von den Geschäften der Weltstadt, ihre Mußezeit 



verbringen- 



Auf meinen botanischen Wanderungen habe ich auf fünf verschiedeneu 
Ausflügen sämtliche höheren Berge um den Hsi hu besucht, und zwar 
von Ya f e aus den Wu schan und Lung men schan im Herbst 
1011, das Gelände um den See im April 1913, den Bergrücken vom Schi 
pan schan (Schachbrettberg) über den Kwan yin schan bis zum 
Wu yün schan (Nebel- und Wolkenberg) am Knie des Tsien tang 
im Oktober desselben Jahres. 

Um die Tempel stehen auch hier prachtvolle Ginkgo bäume; Sa- 
pium sebiferum, der Talgbaum, ist ebenfalls neben Lifsea ciirata noch 
häufig anzutreffen; an den Berghängen tritt aber Pinm Massoniatvi 
gegenüber dem Bambus mehr in den Hintergrund, wird jedoch vielfach zu 
seinem Vorteil durch die prachtvolle Cunninghami a lanceolata ersetzt, die 
ja das ganze mittlere China bis an die Westsrenzen durchzieht. 



li 



i 



Botaaische]Reisen in den^IIochgebirgeü Chinas und Ost -Tibets. 59 



-r^ 



In höheren Lagen weicht der Bambus dem dichten Gebüsch immer- 
grüner, winterharter Strauchvegetation, das sich aus Eichen {Quercns 
dentaia, gilva, Mesnyi und Castanopsis sderophylla), Kastanien, Rhcjdo- 
dendron (am gemeinsten Rh. indicum), Eiigenia sineTisis, Eurya japonica, 
Raphiolepis indica,Symplocos caitdata, crataegoides, neriifolia und seichuciisis, 
Viburnum macrocephalum,, Stacliyurus chinensis und Spiraea prnnifolia 
zusammensetzt. 

Stellenweise, an kahleren Hängen, bemerkt man die rosa Blüten 
von Prunns persica, dem wilden Pfirsich, oder die roten, dem Stamm 
entquellenden Blüten des Strauches Gerds chinensis\ vereinzelt stehen 
Paulowniabäume und ]\ragnolien. 

Üppige Farne breiten sich unter dem Schatten der Laubbäume aus; 
Woodwardia orientalis erreicht über Mannesgröße und Pteris miijfifida 
überwuchert die Baumwurzeln in Unmenge. 

Am Grunde der armstarken Bambusrohre gedeiht an schattigen 
Berglehnen die weißblühende Goodyera melinostele (Schi pan schan) ; 
Pollia sorzogonensis und Asyslasia cliinensis suchen die Xähe der Wohn- 
häuser; die Felsen der Hindutempel ziert die zierliche, mit indischen 
Formen verwandte Primula cicutariifolia; ihren Fuß umsäumen weiß- 
blühende, transparente Schwertlilien {Iris japonica) und rote Lilien {He- 
merocaUis fnlva). Immergrünes Gesträuch mit harten, dunkelgrünen 
Blättern kleidet aucb die tieferen, sonnendurchglühten Talhänge aus und 
dient den zahlreichen Fasanen, Stachelschweinen und leider auch Leoparden 
zum willkommenen Versteck. 



Wird die IVIacchie niedriger oder läßt sie gar freie Stellen offen, siedelt 



sich eine Vegetation an, die dem Tai hu noch fremd ist und höchstens 
in die Talfurchen des Bai mau schan, in der Südwestecke des Sees, 
teilweise eindringt. 



Äwr 



TMinbergii 



quinata, Caragana Chamlagu, Loropetalum chinense, ExocJim'da racemo^a 
und das tiefblaue Lifhospermum Zollingeri büden die schönsten Zierden 
der Frühlingsflora, zu denen sich später im Jahre noch die dunkelrote 



'coris rad 



ß 



Cor yd all 



var. 



florUyiinda, Adinidia sinensis, Peucedaniirn decursivum, LysimachiQ 
throides, Monochasma Savatieri, Caryopteris incana, Salvia japonica 
integrifolia und Aster turhiyiatus, 

UnMlicus leucaiüTia wächst, wie überall, an Mauern und Felsblöcken. 
Die Grenze des Tschekianger Berglandes gegen die Flach- 
ebene bezeichne t ungefähr die Verbindungslinie der Städte Hangt schon 



60 



W. Limpriclit. 



und Hutschou. Zwischen ihnen liegen die Marktflecken Tö tsing hsien 
und Wukang hsien. 

In der Umgebung des ersteren mehr östlich gelegenen Städtchens, 

A 

das man von Hangtschou aus mit dem Boote erreicht, ragen noch 
einzehie Hügel, oft von Tempehi gekrönt, empor; die Berge nördlich 
Wu kan 

zug an, der westlich von Hangtschou an der Grenze von Anhui in 
sinischer Richtung entlang zieht und nach seinen weit berühmten Tempeln, 
Tien mu schau, das Gebirge der Himmelsaugen, genannt wird. 

In diesen Landstrichen weilte ich nur je einmal, und zwar auf den 
Hügeln bei Tö tsing im September 1911 und in den Bergen um die 
Sommerfrische Mo gan schan, nördlich Wu kang, Weihnachten und 



JT 



ahr 



Q 



in dieser späten Jahreszeit nur noch Scilla chineyisis, Liriope graminijolia, 
Lycoris radiata, Polygonumdissiliflorum und Evolvulus linifolius, Avenigstens 
von bemerkensw^erteren Arten. 

h 

In den Mo gan schan-Bergen nördlich Hangtschou, haben 
sich zuerst protestantische Missionare, später auch Schanghaier Residenten 
Landliäuschen gebaut/in denen sie die heiße Jahreszeit in kühleren Höhen 
verbringen können. 

Man fährt von Hangtschou in Hausbooten oder neuerdings auch 
kleinen Dampf barkassen bis Sandsiabu und steigt' dann in diei 
Stunden die bambusreichen Berglehnen empor, die zu dem langen, flachen 
Rücken des Mo gan schan (alleinstehender Berg) hinaufführen. 

r 

Hier liegen die Landhäuschen der Europäer, auf der kurz narbigen 
Grasmatte in ungefähr 600 m Höhe verstreut. 

Von der höchsten Kuppe, dem Ta schan (Pagodenberg, eine Pagode 
ist aber nicht mehr vorhanden), bietet sich eine umfassende Aussicht 
auf die frischgrünen Bambustäler zu Füßen, den Tien mu schan im 
Südwesten, das Mei tschi-Tal und die Bai m'au schan- Hügel im 
Nordosten, die Bai ni schi-Ketten in XXO und den im Dunst des 
fernen Horizonts verschwimmenden Tai hu dar. 

. In den kulissenartig sich ineinander schiebenden Hügelketten d^^ 
Südostens fließen die Bäche, die das Wasser für das Netz der sich nach 
Ost^n bis Schanghai und nördlich zum Tai hu hinziehenden Kamile 
liefern. 

Etwas nordwestlich vom Ta schan erhebt sich der annähernd 
900 m hohe Ta yang li mit einigen Felspartien, an denen ich trotz des 



ratur 



dufte 



weißen Seidelbast, in eben beginnender Blüte in Gesellschaft von Cephalo 

r 



1 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets, 61 



teixtcs Forfunei antraf. Sonst konnte ich nur folgende Farne von den 

Felsen abnehmen: 

Polystickum varium, Woodwardia japon ica, Cyclophorm Sheareri, 
Polypodium ensatum, Lycopodium serratum und Selaginella Braunii. 

Das zusammenhängende Bergland des südöstlichen mittleren Chinas 
erhebt sich in Nord-Tschekiang, unweit der Grenze gegen Anhui, 
zu bedeutenderen Höhen und bildet die Wasserscheide zwischen dem 

™ m 

in den Yang tse bei Tai ping hsien mündenden Dsü hsi, dem 
wahrscheinlich das Becken des Tai hu im Norden schaffenden Mei tschi 
und dem bei Hangtschou in das Meer strömenden Tsien tang. 

Ein langer, ungefähr IfiOO m hoher Rücken, der Lung wang schan, 
das Drachenkönig- Gebirge, streicht von 



WSW 



Q 



Meitschi-Flüßchcns, dessen Laiif seine Seitenfortsetzungen bis zum 
Bai mau schan, den weißen Haarbergen, am Tai hu begleiten. 

Die Süclhcänge stehen durch Quersättel mit dem Hsi- und dem Dung 
tienmu schan in Verbindung, zwei annähernd 1500 m hohen Eck- 
pfeilern, die zwischen sich ein schmales Tal freilassen, durch das der Weg 
von Hsiau föng hsien nach Yü. tsien hsien imd Dschang hua 
hsien über das Gebirge hinabführt. Diesen einsamen, weithin sichtbaren 
Gebirgsstock hat die Bevölkerung mit frommen Sagen umwoben, die 
buddhistischen Mönche haben ihn durch die Gründung mehrerer Klöster 
zu einem Hauptwallfahrtsort gemacht, der neben dem südUch von Ningpo 
gelegenen Berg Tien tai zu den berühmtesten Heiligtümern der Provinz 

Tschekiang gehört. 

Durch die Heiligkeit der Tempel sind Hsi- imd Dung tien mu 
schan, der westliche und östliche Himmelsaugenberg, seit 
Jahrhunderten von der Waldvernichtungswut der Menschen verschont 
geblieben und aus diesem Grunde sind beide Berge noch heute mit dichtem 
Urwald bestanden, der, eine große Seltenheit in China, Kryptomerien 
von solch uncreheurem Umfange aufweist, wie man sie nur noch am 
Hakone-See und um Nikko in Japan vorfindet. 

Meines Erachtens handelt es sich hier um einen der letzten Ursprung 
liehen Bestände dieser prachtvollen Zeder in China, die ja bekanntlich 
sonst nicht mehr wild, sondern nur noch in unmittelbarster Nachbarschaft 
der Tempelanlagen angetroffen wird. 

Das Verdienst, den Hsi tien mu schan entdeckt und als erster 
Europäer betreten zu haben, gebührt dem Schanghaier Missionar 
Medhurst. der von Norden^ von Hsiau föng hsien her, im Jahre 
1848 den westlichen Gipfel und das gleichnamige Kloster besuchte. Wenige 
Jahre vor Freiherrn von Richthofen waren Robert Francis 
aus Kiukiang und 1S70 noch ein dritter Europäer aus Schanghai 



62 



-._^ 



W. Limpricht. 



auf demselben Wege dahin gelangt. Richthofen selbst kam von Süden 

A 

und weilte vom 6. bis 9. Juli 1871 in Kloster Hsi tien mu sse, konnte 
aber des trüben und nebeligen Wetters wegen nicht bis zur Spitze gelangen. 
Er schätzte die Höhe der beiden Berge auf 1200—1500 m Höhe. Francis 



mun 




Seitdem haben bis 1912 Besuche anderer Europäer in dem Haupt- 
tempel auch nach Aussage der Mönche nicht mehr stattgefunden. 

Die Ostspitze, Dung tien mu schan, nebst dem kleineren gleich- 
namigen Tempel, hat vor mir, meines Wissens, kein Europäer betreten. 

Ich habe auf zwei Reisen, vom 6. bis 10. Februar 1912 und vom 
24. bis 28. März 1913, sowohl in dem östlichen wie in dem westlichen Tempel 
gewohnt und beide Spitzen je zweimal bestiegen. 

Nach den Angaben meines Aneroids beträgt die Höhe des Hsf tien 
mu schan 1520, die des Dung tien mu schan 1490 m. 

Beide Exkursionen hatten Hangtschou als Ausgangs- und End- 
punkt. 

Von Kon tsen tschiau, dem Binnenhafen Hangtschous, fährt 
der Sampan, ein offenes oder 

dachtes Ruderboot, in nordwestlicher Richtung ab und erreicht nach 
fünfstündiger Fahrt den Flecken Yü hang hsien, das mit seinem 
pagodengekrönten Hügel und demflußübersnannenden höchst malerischen 



niit btrohgeflecht halbkreisförmig 



w 



Eindruck 



o 



Hier muß man das Boot verlassen, außer wenn der Wasserstand 
ausnahmsweise so günstig ist, um in schmaleren Booten oder Bambus- 
flößen, die von kräftiger Männerhand über die Stromschnellen gezogen 
werden müssen, die Weiterfahrt bis Lin an hsien zu gestatten. 

Andernfalls führt der Weg von Yü hang am linken Flußufer entlang 
nach dem Dorfe Tsching san, dessen am Eingang errichteter grotesk 
bemalter Theatertempel in vier Stunden erreicht wird. 

Bei dem durch die Tai-ping- Wirren zerstörten Ort Tsu lin tschiau, 
von dessen früheren Wohlstand prächtige Witwenbögen und Tempel- 
mauern beredtes Zeugnis ablegen, verläßt der Weg den nun schon recht 
seichten Fluß und wendet sich nach rechts den niederen Höhen zu, die 
als letzte, dicht mit immergrünem Strauchwerk bekleidete Ausstrahlungen 
des Tien mu schan zu beiden Seiten das weite Tal begleiten. 

Diese Höhenrücken treten bald dichter zusammen und der schmale 
mit Steinplatten bedeckte Pfad zieht sich zwischen endlosen terrassierten 
Reisfeldern in der Mitte der Talsohle hin oder führt auch wohl am Fuße 
einer Hügelreihe entlang. 



stellenweise von 



Fluß uf er werden die unübersehbaren 



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mit Bambus 



■Ü 



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^ P 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 63 



-r* 



hainen wohltuend unterbrochen. Unter dem Schutze solcher Baum- 
gruppen gedeiht eine anmutige Frühlingsflora, vielfach aus den Arten 
gebildet, die dem Wanderer von den lieblichen Gestaden des Hsi hu 



onmierirische Mo q- 



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iSP^ 




oder von den Inseln und den Hügeln des Tai hu schon bekannt sind. 

Die Uferböschungen, trockenen Plätze zwischen den Baumgruppen, 
Wegränder usw. beherbergen eine lulle vielfach weißblühender Arten; 
aus ihrer Mitte fallen besonders eine zwergige, hellblaue, reizende Schwert- 
lilie, sowie eine kleine Tulpe und ein unserm heimischen Lungenkraut 
entfernt ähnelndes, tiefblaues Lithospermwn ins Auge. 

Die Flanken der Höhenzüge bedeckt mannshohes, dichtes Gestrüpp 
immergrüner Sträucher, darunter Aveiß blühende Teeart^n, die charak- 
teristische Pflanzenformation des ursprünglichen, mittleren China und 
der ^^ersteck der zahlreichen Stachelschweine, Zibetkatzen (Viverra) und 

r 

Fasane, die nie gejagt hier noch ein ungestörtes Dasein genießen dürfen. 
Der weitere Weg führt durch Laubwald, Teeplantagen, Sandfelder und 
endlose Reisfelder über den taoistischen Tempel Dung yü miao nach 
dem einsamen Mönchskloster Hsin tsie tschiau (neue ältere Schwester- 
brücke) mit mehreren sauberen, mit Tisch und Bett ausgestatteten 
Fremdenzimmern, nach der insgesamt acht Stunden (von Yü hang) 
währenden Wanderung ein willkommener Aufenthalt. 



Durch anmutige, teilweise bewaldete Gebend, meistens am Fuße 




der Hügelreihen, gelangt man in weiteren 2 14 Stunden nach dem größeren 
Dorf und Tempel Tsien yün tschiau (blaue Wolkenbrücke) von dem 



aus sich zum ersten Male die beiden sanft gerundeten Kuppen der Tien 



mu- Berge dem iVuge des Wanderers darbieten. 

Hier teilt sich der Weg. Gleich bei den ersten Häusern des Dorfes 
biegt rechts der Pfad nach dem Kloster Dung tien mu s se ab; die 
Dorlstraße geradeaus führt zum Haupttempel Hsi tien mu sse. Das 
gegen 900 m hochgelegene Kloster am Ostberge ist über den Tempel 
Hvva ting sse (2 Stunden) von Tsien yün tschiau aus in 6 Stunden, 
das Kloster des Westberges, 400 m, in ()% Stunden zu erreichen. 

Beide Wege sind, da sie zum Teil in mit Geröll angefüllten Tälern 



hinaufführen und ständig die prächtigsten Ausblicke auf das Gebirge 
gewähren, gleich reizvoll. 

Die Vegetation' ist besonders im Frühjahr, zur Zeit der Magnolien , 
wilden Pf irsich- und der aus unsern Parkaulagen wohlbekannten Forsythia- 
blüte, zumal an den Bachufern, überaus farbenprächtig. Zahlreiche, 
^on unbekannten Wohltätern gestiftete Rasthäuser, häufig auch mit 
Teeausschank und Orangenverkauf, laden zu kurzem Aufenthalt ein. . 

Von Tsien yün tschiau folgt der nordwestliche Weg anfangs 



noch 



^v 



. 



links auf einen Höhenrücken Iiinauf 



64 



W. Limpricbt, 



dessen Kamm er zunächst entlang läuft und sich dann am Rande eines 
Talliessels mit hohen Felsen und brausenden Wasserfällen dem völlig im 
Wald versteckten ummauerten Kloster Dung tien mu sse zuwendet. 

Dieses Kloster liegt noch großartiger als das am Westberge, inmitten 
von hochstämmigem Bambus und Kryptomerien, die allerdings nicht die 
riesigen Größenverhältnisse der Zedern am Westberge erreichen. 

Der stets heiter lächelnde, liebenswürdige, noch jugendliche Abt aus 
Szetschwan sorgte in trefflicher Weise für die ermüdeten Fremden: 
Schalen mit Backwerk und Süßigkeiten, Tee, Becken voll glühender Holz 
kohlen werde dienstfertig herbeigeschleppt, eine Freundlichkeit, die um 
so dankbarer empfunden wurde, als damals, Anfang Februar, die Kloster 
höfe noch fußtief von Schnee bedeckt waren, der erst im Mai von den Berg- 
kuppen verschwindet. Oberhalb des Klosters führen Steinstufen zum 
meist verlassenen Einsiedlertempelchen Föng tsching tai. weiter hinauf 
ein kaum erkennbarer, erbärmlich schlechter Steig zuerst durch Gestrüi)p, 
dann durch Bambus, zuletzt durch Dornsträucher und Haselnußgestrüpp 



"* 



1 



und über Felsplatten in 1 % Stunden zum höchsten Punkt, den ein Heiligen- 
schrein krönt. 

Die Aussicht ist vielleicht noch schöner als die vom Westberge; das 

I 

Gesichtsfeld reicht bis Hangtschou und den Tai hu; zahlreiche 
Ausläufer ziehen in der Richtuno^ nach Yü han^ in Südosten tritt 
scharf das zackige Phönixgebirge, der Föng hwang schau, hervor und 
weitere Bergketten verlieren sich im Süden und Südwesten. Die Aussicht 
nach Westen ist durch den Hsi tien mu schau, die nach Norden- 
durch den Lung wang seh an verdeckt, zu dem sich nach Xordwest, 
durch eine niedere, vom Wege nach Mo gan schan überquerte Ein- 
sattelung geschieden, vom Dung tien mu schan derGaoling hinzieht. 
Der Weg nach dem Kloster des Westberges, Hsi tien mu sse, 
führt von Tsien yün tschiau durch ein weites, mit zahllosen Ge- 
Steinstrümmern angefülltes Tal am Bache entlang allmählich aufwärts. 
In den Dörfern, deren Bewohner Fremde sehr selten zu Gesicht bekommen 
und die sich daher neugierig an solche herandrängen, herrscht die merk- 
würdige Sitte, daß sich Männlein und Weiblein kleine, mit glühender 
Holzkohle gefüllte Körbchen an ihren Unterleib halten, und zwar die ^ 
Männer nach vorn, die Frauen und Mädchen nach hinten. Nach Ansicht ^ 

■ 

H- 

der Leute soll der ganze Körper wohltuend durchwärmt werden, ^venn 
gerade diese Teile vor Kälte geschützt werden. 

Hinter diesen Dörfchen steigt das Tal noch ein kurzes Stück an; über 
einen niederen Sattel gelangt man dann in ein neues, liebliches, reich be- 
wachsenes Tälchen mit einem farbenprächtigen Holztempel, dessen 'S^me . 
Dschung tien mu schan also die Mitte zwischen beiden Haupttempeln 
kennzeichnet. 



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.^' 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und| Ost -Tibets. 05 



Das Ende dieses Tälchens bildet ein sanfter Paß mit einem kleinen, 
bewohnten Tempelchen, von dem Steinstufen durch prächtigen, haujit- 
sächlich aus Kiefern .und S'pießtannen {CimningJiamia) bestehenden 
Wald erst ungefähr 100 m tief, dann eben in kurzer Zeit zu dem reclits 
in einem Feitenkessel in dem Dunkel uralter Kryptomerien versteckten 
großen Kloster Hsi tien mu sse hinabgeleiten. 

Das Kloster liegt «am Fuße des Hsi tien mu seh an; unmittelbar 
hinter dem Kloster beginnt der Urwald. 

Riesige Stämme von Kryptomeria, neben Eiben, Kiefern und anderen 
Nadelhölzern bilden den Hauptbestandteil; das Unterholz besteht vor- 
zugsweise aus niederem Bambus und Magnolien, zwischen denen schlüpfrige, 
feuchte, mit grünem Moos überwachsene Steinstufen am Rande des Tal- 
gnindes steil emporführen. 

Einzelne kleinere Tempel und Einsiedlerbehausungen sind an den 
Hängen verstreut; abseits vom Wege liegt rechts Fing wu düng, links 
das ,/LöwenmauP\ Sehe tseu kou, vor ihm ein Friedhof mit uralten 
Grabstätten verstorbener Klosteräbte. 

Das kleine Häuschen Sehe tseu kou ruht unter einem ungeheuren 
überhängenden Felsblock eben wie in dem Rachen eines Löwen verborgen, 
ist also ein Höhlentempel, Bei dem 1200 m hohen Einsiedlertempel Kai 
schan lao dieng (alter Palast an der Bergöffnung) hört der Weg auf. 
Von hier zieht sich ein schmaler, von Wildschweinen ausgetretener Pfad 
über umgestürzte Urw^aldriesen in etwas über einer Stunde zur 
L ao schan genannten Spitze emj^or, die, von Haselnuß sträuchern umgeben, 
einige Felsblöcke krönen. Etwas abseits in den Felsen steht Aviederum 
em kleiner Heilio-enschrein. 

Die Höhe beträgt ungefähr lö20 m, also et\\as mehr als die des Ost- 
l>erges, der, durch ein Tal getrennt, sich im 0X0 erhebt. Xach Xorden 
steht der Hsi tien mu schan durch einen etwas niedri 

einem etwas höheren, eben- 
falls von WSW nach 0X0 streichenden Zuge, dessen Xordhängen der 
^fei tschi entquillt. 

A.US der Tierwelt beherbergt das Gebirge Wildschweine, Wölfe, 



\-^ 



mit dem Liing wang 



Leoparden und Ohrfasane; leider konnte ich auf letztere, der Scheu dei 
Vögel wegen, nicht zum Schusse gelangen, doch scheinen diese Berghühner, 
der zahlreichen Losuno^ nach, ziemlich häufig zu sein. 

Vom Kloster Hsi tien mu sse mit seinen 200 Mönchen geht auch 
ein direkter Weg nach den Klöstern des Ostberges in 6 Stunden. Man 
geht bis zu der kleinen Paßhöhe zurück, dann aber nicht rechts nach 
dem Tempel Dschung tien mu schan, sondern gerade aus in ein 



inam 



m 



-P* -Fedde, Eepertorium specierum novarum. Beiheft XIT. ■"' 



66 



W. Liinpricht. 



rechten Abfall am Bergtußc entlang auf die Höhe des Leu guo ling, 
des Sechslcänderj^asses, dann wieder in ein Tal mit zahlreichen Wasser- 
fällen hinab zu dem ersten Kloster Dune tien mu sse; von diesem 
führt ein sehr steiler Weg auf den Eücken hinauf^ in den der Xordweg 
von Tsien vün tschiau einmündet. . . • 



Aus der PflanzenAvelt des Tien nm sehen. 

■ 

Der Kadehvald des Tien mu schan- Gebirges setzt sich in der 
Hauptsache aus Plnus Massoniana, CepJialotaxus Fortunei, Cryptomaia 



cifera und TJitiji 
Ai'ten, Magnoli 



das Unterholz 



macro- 



Wedel 



Davallia hnllata, Dryo- 




plcris laccrum, Polypodium lineare aus, gedeihen SelagineUa Braunii und 
helvetica, Lycopodium davaium und serratum, Arabis Stelkri, Daphnc 
Griiningiana u. a. 

Die obersten Höhenlagen der v^aldfreien Gipfel nimmt dichtes Ge- 
strüpp ein, das großtent ?iLs aus Corylus hetcroph ylla und dornigen Brombeer 
sträuchern besteht. Blütenpflanzen konnte ich hier leider nicht aufnehmen, 
da zurzeit meiner Besuche die obersten Kamme noch fußtief von 

F 

bedeckt \\'aren, der erst Anfang Mai abschmelzen soll. 

Reicher ist die Frühlin 
Täler. Hier wachsen: Forsythia viridissima in größerer Anzahl, ferner 
Garex conica und Davidi, Arisaerna serratum var. Blwmei, Iris rnthenica 
var. nana, Dlsporum sessile, Fritillaria verticillata var. ThimbergU, T%Sw 
edulis, Chloranlhus Fortunei, LorojMalum chinense, Rosen, Prunus 
perska, Potentüla Freyuiana, Anemone haicahnsis, Cardamine Liw- 
prichiiana und lithospermum Zollirigeri. DapJme Grüningiana ist wohl 
der schönste Frühjahrsschniück dieser Wälder. 

r 

b) Die Berglandschaft südlich Ningpo. 
Der bedeutendste Handelsplatz ander OstküsteMittel-Tschekiangs 
ist die Stadt Xingpo, neuerdings mit Hangtschou durch eine Eisen- 
bahn verbunden. Täglich gegen Abend verläßt ein Dampfer Schanghai, 
der bei Tagesanbruch vor der Stadt festma;cht, so daß Ningpo sehr 
bequem erreicht werden kann. Die Bevölkerung gilt als friedlich und 
fleißig und junge Chinesen aus Ningpo werden mit Vorliebe von den 
Europäern als Boys in Dienste genommen. 



I 

i 



podum, Litsea citrata, Lindera strychnifoUa, Spiraea primifoUa, Ri(hu6 I 
corcJwrifolins und Thunhergii, Sabia japonica, Thea fraterna und der 
stattlichere japonica, Eurya chineiisis unÄ japonica, Slachyiirus chinensis, \ 
Jlaesa japonica, Symplocos setchuensis und Lonicera Standishii. \ 

An den Baumw urzeln, an freien Stellen am Fuße der Felsen im Walde 



\ 



'i 



i 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 67 

Die hier hergestellten Möbel mit eingelegten Elfenbeinschnitzereien 
bezeugen einen hohen Grad von Kunstsinn und werden nicht nur gern 
von vornehmen Chinesen, sondern auch von Fremden gekauft. 

In früheren Zeiten hat hier eine große arabische Kolonie bestanden 
und in der Tat zeigen die Gesichter der einheimischen Bevölkerung noch 

vielfach unverkennbare semitische Züge. 

Ningpo liegt am Da kia kiang, 20 km vor seiner Mündung ins 
Meer bei Tschin hai; einzelne Forts schützen die Einfahrt, ebenso auch 
die Stadt Ting hai ting auf Tschusan, der größten Insel des gleich- 
namigen, der Mündung vorgelagerten Archipels. 

Ningpo, am Rande des Berglandes gelegen, besitzt eine reizende 
Umgebung und ist daher der Ausgangspunkt für Exkursionen und Keisen 
in das Innere dieser kleinsten, aber anmutigsten Provinz Ghnias. 



Meine zwei Reisen in Mittel-Tschekiang galten dem Kloster 



Hsüe dou sse (April 1911) und dem heiligen Berge Tientai; auf dem 
Rückwege von letzterer Reise stattete ich auch den Inseln Tschusan 
und Putu einen kurzen Besuch ab (13. Februar bis 2. März 1912). 

Der Überlandvveg von Hangtschou nach Ningpo führt größten- 
teils durch reizlose Gegend an Kanälen entlang. 

Bei dem Vorort Nan shin tschiau setzen große Dschunken un- 
entgeltlich, wie oft in diesen Gegenden, über den breiten Tsien tang; 
Bretterstego und über das glatte, spiegelnde Watt gelegte Holzplanken 
führen zum festen Ufer, auf dem Dimme- den Kanälen entlang ziehen. 

Der Verkehr vollzieht sich größtenteils in Booten, langen schmalen, 
reich bemalten Fahrzeugen mit schwarzem Untergrunde; die Passagier- 
boote sind mit Tisch und Stühlen ausgestattet. 

Für die verschiedenen Gegenden Mittelchinas sind gerade die Sampans 
charakteristisch, so daß der Kundige aus der Form des Bootes und seiner 
Bemalung auch gleich seine Herkunft erkennen kann. 

Große stattliche Kampferbäume stehen bisweilen an den Kanal- 
ufern; reich verzierte, kunstvolle Witwe nbögen und prächtige Tempel 
lassen eine feinsinnige, wolilhabende Bevölkerung vermuten, der die Seiden- 

zuch't wohl einträglichen Gewinn abwirft. 

Einzelne Bergzüge erscheinen zur Rechten, späterhin auch zur Linken; 
dann nähert sich die durch ihren Wein in ganz China berühmte ^tadt 
Schao hsing, die als der Mittelpunkt der hiesigen Seidenindustrie gilt. 

In den engen, düsteren Straßen wird sehr viel büliger europäischer 
Schund, durch japanische Kaufleute eingeführt, feilgeboten, Seidenläden 
sieht man dagegen wenig, da wohl die Seide nach Hangtschou oder 
^"ingpo für Schanghai abgeführt wird. 

An Dung hai an den Ufern eines kleinen Sees und Dung kwan 
vorbeiflutend, endet der Kanal in Tsang huo; eine kurze Wanderung 



68 



W. Limpricht 



durch ebene, reizlose Gegend bringt die Reisenden nach dem Dorfe Bai 
kwan und damit an das Ufer des Yau klang und von Yü 3-au ein 
kleiner Dampfer durch liebliche Hügelgegend nach Xingpo. 

Das Kloster Hsüe dou sse, Schneeloclitempel, von den Fremden 
allgemein „Snowy valley" genannt, liegt südwestlich von Xingpo 
inmitten einer reizenden, üppig be^\achsenen Bergwelt und war^ daher, ^ 

namentlich in früheren Jahren, ein viel begehrter Ausflugsort. Heute ' 

ist es mehr in Vergessenheit geraten. 

Schroffe, rötliche Sandsteinfelsen, über die brausende Wasserfälle in 
tiefgründige Schluchten hinabdonnern, sanfte Kuppen, aber auch zackige 
Rücken, bis zur Spitze bewaldet, umgeben allseitig die weiten Tempel- 
anlagen, zu denen gut gehaltene, mit Steinplatten belegte Wege aUmählich J 
emporführen. Das Kloster ist, wie die meisten buddhistischen Tempel, 1 
viereckig angelegt und von einer hohen Mauer umgeben, die ein Eingangs- 
tor freiläßt. 

Das Innere zerfällt in drei, durch Hallen voneinander getrennte 
Höfe, deren Seiten von Wohnräumen und Speichern eingenommen w^erden. 

In der Vorhalle stehen die grimmig und finster dreinblickenden 
Tempelwächter, aus Ton hergesteUt und bunt bemalt, dann folgt die Dar- | 

Stellung der Hölle, die Belohnungen und doppelt so viel Bestrafungen 
im Jenseits, in derb realistischer und grotesker Weise die fürchterlichen 
Martern versinnbüdlichend, deren der Sünder nach dem Tode seitens 
der gehörnten und geschwänzten, rot bemalten Teufel harren; im letzten 
Haupttempel, umgeben von der Schar der 500 Lohan, der Jünger, thront 
einsam Buddha, auf erhöhter Lotusblume sitzend; auch die Kwanyin, 
die Göttin der Barmherzigkeit und hüfreiche Gottesmutter, findet in 



ihren 



Auf dem Altare 



Leuchter und Weih- 



drei 



hängt die ewige Lampe und gestickte, seidene Kirchenfahnen herab; 

sehenen Schellen, sowie Holz-GongB 



kurzem Holzgriff versehenen S 
ultusgegenstände sind hier auf; 



Flache Kissen für die amtierenden Mönche bezeichnen jedem die 
Stelle, die er bei den mehrere Male am Tage, selbst vor Tagesanbruch 



einz 



liehen Anblick, wenn noch zu nachtschlafener Zeit unter GongschLägen, 



andächtig 



zum Gottesdienst schreitet. 

Hsüe dou sse ist leicht zu erreichen. Bis Hsiau mi ao benutzt 
man das Boot und steigt dann zu Fuß zwischen den Hügeln in 47.3 Stunden 
zu dem Talkessel, in dem das Kloster eingebettet liegt. 



i 



V 



Botanische Eeisen in deu Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 09 



Der herrschende Baum ist auch hier neben Cunninghamia lanceolata 
Finus Massoniana; die Hänge bekleidet BJiododendron inäicnm, Mariesii 

Mine Eichen und Kastanien, 



sinense 



Smilax, Akebia qidnata, Wistaria cJtinensis, Spirctea chinensis, Exoclu 



ynosa 



blühen im zeitigen Frühling: Raminculus acer, Delphinium anthriscifolium, 
Cardamine Limprichtiana, die gelbe Corydalis Wilfordii und die rote 
C. incisa, Viola phiUppica subsp. malesica, Polygala sibirica, Ajuga genc- 
vemis, Mazus rugosus, ebenfalls sehr häufig Isopyrum adoxoides, Astra- 
gahts sinicus, Monochasma Sheareri und Bidens pilosa; Genfiana Thun- 
bergii, an Berglehnen unter Bambus, sowie Cephalanthera Eaymondiae, 
Cymbidium pseuäovirens — häufig in Tempeln und Häusern auch als 
Topfpflanze gehalten — erscheinen seltener, und das eigenartige, an 
Pinguicula erinnernde, hlsiuhlühende Ami tostigma Pinguicula, das bisher 



IITI 



großen Wasserfalls beschränkt zu sein. Ich habe diese seltene Orchidee 
wenigstens nur hier in einigen Exemplaren feststellen können, wo sie 
in feuchten Felssj^alten wuchs. 



im 



Reise nach dem Tien mu schan einem Besuche des heiligen Berges 



immt 

in 



ährend 



^ r-r TT WAAJ_ '^ij J_J.A ^^J.^^-/^^AX J- ^P'-'*. »--^'Q ^--^ 

Chinesen alle Arbeit ruht, schwer hält, die für den Transport des not- 
wendigsten Gepäcks erforderlichen Kiilis aufzutreiben, gelang es mir 
schließlich doch, und ich bestieg um die Mittagszeit des 16. Februar den 
Sampan, um nach dem südlich von Ningpo gelegenen Fung huo hm- 
zusteuern. Da der Laodah, der Bootsführer, in der Gegend offenbar 
nicht Bescheid wußte, verließ ich in Sehe dsia du den Sampan und 
wanderte am Fuße niederer Hügelreihen über mehrere kleine Dörfer 
nach dem größeren Dorf Kiang kou tschiau (Flußmündungsbrücke) 

des Yung kiang. Die den Fluß 
überspannende Holzbrücke stand mir vom vorhergehenden Jahre noch 
in Erinnerung, denn der nördlichere Arm fließt an Hsiaumiao vorbei, 
von dem aus ich das Kloster Hsüe dou sse besucht hatte; am südlicheren 

Arm liegt die Stadt Fung huo. 

Zwischen niederen, mit Buschwerk bewachsenen Hügeln führte der 
Marsch an einer sumpfigen, von Enten und Gänsen wimmehiden Wasser- 
fläche nach Fung huo, das schon von weitem an seiner Pagode und dem 
*lie Stadtmauern weit überragenden Missionshaus erkennbar ist. 



Arme 



Weg den Fluß, der hier auf ins 
seichte Wasser gelegten Steinen überschritten wurde. Anden hohen Felsen 
des jenseitigen Ufers blühten schon die Sträucher von Thea fraterna. 



70 



W. Limpricht 



der am Tieu mu schau erst die Knospen angesetzt hatte, wie über- 
haupt die Vegetation hier schon bedeutend Veiter entAvickelt war und die 
Hügel eine subtropische Fülle von Gewächsen aufwiesen. 

Hinter Lao yan (La nai) erklomm der Weg den steilen Abhang ; 

eines Rückens und senkte sich dann in ein Tal hinab, das nach Süden 

% 

über Gao sehe und Bai schi do hinab und wieder auf einen Paß, 
8anschuling (Drei-Wälder-Paß) hinaufführte. 

Nun reihte sich Welle an Welle, die unser südlich laufender Weg 
bei den Dörfchen Nan hai sse (Süd-Meer) und Schlang yan schan 
(duftiges Auge) überwand und dann in das größere Dorf Dschang yang 
tschwang (langes Meerdorf) einmündete. 

Die kurze Rast, die ich hier, um auf die Träger zu warten, auf der 
uralten, hochgewölbten Brücke vor dem Orte machen mußte, veruisachte 
einen ungeheuren Menschenauflauf, aus dessen Mitte sich ein englisch 
sprechender Kaufmann aus Schanghai, der des Teeeinkaufs wegen hier 
weilte, loslöste, um Neuigkeiten zu erfahren. Die Hauptfrage war die, ob 
die verhaßten Mandschus endlich abgedankt hätten. Auf meine bejahende 
Antwort ein aufatmendes ,,allright'V und freudig erregt, teilte er seinen 
begierig lauschenden Landsleuten die frohe Botschaft mit. 

Weiter ging es in dem entzückenden Tale, abgeschlossen von dem Massiv 
eines höheren Berges, auf schöner breiter Straße nach Sehen g kin 



k 



(Goldgebären), vor dem eine lange, vielbogige Steinbrücke über einen 
klaren, rauschenden, nach Osten fließenden Fluß setzt, 

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Vor der Brücke liegt das Kloster Tsung tsing, in dem ich über- 
nachtete, um Muße zu haben, die Prozessionen zu betrachten, die in diesen 
Festtagen mächtige, hohle Papierdrachen unter Musikbegleitung in den 
Tempel tragen, in dessen Pväucherofen sie schließlich verbrannt werden. 

Diese Drachen sind ein Symbol des Winters, dessen Macht luni end 
lieh gebrochen ist, und das Verbrennen des Drachens gilt demgemäß 
als der Gipfelpunkt des Volksfestes. 

Außerdem gibt es noch ein Frauenkloster in Sehen kin (djin), 
von dessen Besuch ich aber Abstand nahm, weil gerade zu Neujahr leicht 
die Bevölkerung zu Ausschreitungen, die sich dann zuerst gegen Fremde 
richten, neigt. 

Hier verließ ich die nach Ning hai führende Straße und zog mit 
meiner kleinen Karawane flußaufwärts nach Westen, verließ den Fluß 
und bog nach Süden ab. 

Dieser Talwege auf dem uns zahlreiche, mit Papier beladene Kulis 
begegneten, führte zur Paßhöhe Schan hwang ling (Paß des gelben 
Berges), 320 m, hinauf und wieder nach Lung gung (Drachenf 



hinab 



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griipUren den wir UU uua^ 1^^^ * 



(alles Wald), 270 m, überquerten, liegt mitten im Talkessel Mangan 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 71 



(Pferdesattel). An tiefgof urehten, zenissencn, von Feuer gesch\\är/,ten 
Talfurchen vorbei mußte der Talkesselrand im nun schon 080 m hohen 
Tschia schlug ling (Paß auf dem man ,,die Sterne pfücken" kaim), 
erkommen werden. Der Saumpfad zog sich noch eine halbe Stunde am 
Rande des. Bergkesscls entlang, senkte sich dann erst ins Tal hinab, m 
dem kurz vor dem Dorfe Da düng (große Hr)hle) rechts in einem Sciten- 
tälchen das einsame Kloster Tschen sehen sse liegt. 

Am foloenden Morien fokte unsere Karawane zunächst dem Haupt- 
tale bis Da düng, bog dann in diesem D(jrfe rechts in ein nordwestlich 
hinaufziehendes, reich bewaldetes Hochtal ein, das ein Bergrücken ab- 
schließt. 

Von der Paßhöhe Aia li ling, 715 m, führte der Weg, stets die 
flache Kuppe des Tien tai vor Augeii, an den Abhängen entlang und 
schließlich nach Dschung yang düng, einem armen, idyllisch am 
Bergwasser gelegenen Dörfchen, bei dem in viereckigen, gemauerten 
Behältern Bambus zwecks Papierbereitung in Wasser geweicht wird. 

Im weiteren Verlauf des engen Tales erhebt sich der Weg zu einer 
kleinen Steigung deren Höhe eine hübsche Aussicht auf die umliegenden, 
reich mit Bambus be\\achsencn Bergkämme bietet und senkt sich später 
zum Dorfe Wo fang hinab. Wenige Schritte dahinter steht das kleine, 
ärmliche Frauenkloster, Da düng sse (Gleichberechtigungstempel), in 
dem von Richthofen seinerzeit genächtigt hatte. Unsere Reiseroute 
traf hier mit der des großen Forschers zusammen, der von Hsüe dou sse 
aus seinen :\rarsch nach dem Tien tai angetreten hatte. 

Eine Viertelstunde später durcheilten wir das Dorf Dschangscha 



(Langer Sand) und stiegen, immer am Wasser, zuerst durch prächtigen, 



aber jungen Wald, dann in einem öden, mit Granitgesteinstrünunern 
angefüllten Hochtal auf • die Hölie des Bai sc hu ling, des Zypressen- 
. passes, lOöO m, von der nur noch eine kurze Steigung auf die Kuppe des 
Tien tai (Himmelsaltar) führt. Der den Paß kreuzende Steig geleitet 
langsam über zahlreiche Tempelchen nach dem Haupttempel Hwa 
ding sse (hübsche Laube) abwärts (SSO m). 

Hier wurde uns in dem Neubau ein sauberes, geräumiges Zinuncr 
angewiesen. Vor Jalu-esfrist hatte nämlich ein Riesenbi'and die alten 
Klosteranlagen vernichtet. 

Der nächste Tag (21. Februar) galt der Besteigung der drei Spitzen. 

Vor Sonnenaufgang verließ ich allein das gastliche Kloster und 
ging zuerst auf demselben Wege zurück, dann bei einigen Häuschen hnks 
hinauf zu der EinsiecUerbehausung auf dem Tientai-Gipfel, 1130 m, 
das zum Schutz gegen die rasenden Stürme mit einer hohen Mauer um- 



72 W. Limpriclit, 



Das XebeLmeer, das am frühen Morgen die Bergkuppen verhüllte, 
begann sich zu zerstreuen und so zeigte sich im Südosten ein vieUeicht 
noch etwas höherer Gebirgsstock, sonst war das Tien tai-Massiv 
die höchste Erhebung im gesamten Gesichtsfelde. Im nahen Osten und 
Nordosten erheben sich noch zwei weitere, annähernd gleichhohe Gipfel; 
zwischen der" östlichen Kuppe und meinen Standort blickte ich auf den 
nur 80 m tieferen Bai sc hu (yang kang)ling, über den der gestrige 
AVeg geführt hatte. 

Um diese Gipfel auch noch kennen zu lernen, verließ ich das Einsiedler- 
tempelchen, dessen Umwallungsmaucr die schon von Richthofen er- 
^^ ahnte Inschrift trägt „Himmel und Erde sind eins'", stieg zum Zypressen- 
öaß hinab und östlich an dem steÜRn SürlaT^Vinr^n^ nn+or. Ar.r- s^^Ur,^ o,,f /i«.-i 



gipfcls 



bet 



Schule bezeichnet. i.mks mi iale liegt in idyUischer Lage das Kloster 
Gao ming sse, in dem noch Bettelschale und Mantel zur Erinnerung 
an den berühmten buddhistischen Heiligen aufbewahrt werden. Das 
rechte Tal führte nach der Stadt Tien tai. 

Doch lag mir an dem Besuche dieser ihrer Fremdenfeindlichkeit 
wegen Übel berüchtigten Stadt nichts und ich wollte so schneU als möglich 
den jiach Tai tschou fu fHeßenden Fluß erreichen. 

Daher wandten wir uns nach links, nach Südosten. Plötzlich stürzte 
der letzte Rücken sehr steil in ein enges Felsental hinab, zu dessen Sohle 
zahUose, schmale Steintreppen hinabführen. Dieser Absturz dürfte wohl 
die Ursache sein, daß sich die Chinesen den Tien tai als senkrecht auf- 
ragenden Berg vorstellen, der, wie der Name 



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Nach Nordost stürzte das Gebirge fast senkrecht ab. Von Blüten- 
pflanzen war der frühen Jahreszeit wegen auf der kurzen Grasnarbe noch 
nichts zu bemerken. 

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Auf dem Rückwege erstieg ich auch noch die mittlere, 1150 m messende 
Spitze, auf der zahbeiche Grauitblöcke umherlagen 

Danach besteht also der Tientai aus drei Gipfehi, von denen der 
mittlere der höchste ist.' Er ist mit dem westlichen, vom Einsiedlerhäuschen 
gekrönten, durch den Zypressenpaß verbunden, ebenso durch einen nicht 
viel niedrigeren Rücken mit dem Nordostgipfol. Zwischen dem Haupt- 
und Nordostgipfel zieht sich ein kurzes Hochtal hinab, das in das Tal 
vor dem Zypressenpaß einmündet. 

Der Abstieg von Hwa ding «se brachte uns halbrechts durch reich 
mit Bambus bewachsene Täler und verschiedene niedere Rücken, den 
Ausläufern des Gebirgsstockes, zu der kleinen Pagode, die die Ver- 
biennunojsstelle von Tsi kai, dem Gründer der sogenannten Tien-tai- 



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mmel liineiiiiagt und darum als besonders 






Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 73 



Zahlreiche, zerlumpte ]\Iönche begegneten uns. Einer lag scheinbar 
schwerkrank am Boden. In seinen schmutzigen Kleiderfetzen krochen 
die Läuse. Mitleidig flößte ich ihm etwas Kognak ein, aber ohne Erfolg! 
Doch einige Silberniünzen brachten ihn ganz plötzlich auf die Beine. 
Das Ganze war also, wie auch meine Chinesen hinterher bestätigten, 
nur ein Bettlermanöver c^ewx^sen, vielleicht hat er mich auch, des Gewehres 
wegen, für einen Räuber gehalten, deren es ja in diesen entlegenen Berg- 
gegenden eine Unzahl gibt. 

Das enge, wildromantische Felsendefile, in dessem Grunde ein Bach 
floß, öffnet€ sich zu einem großen Tale. Hier liegt in der Nähe einer alten, 
doch noch ziemlich gut erhaltenen Pagode, inmitten uralter Kampfer- 
bäume, rings umgeben von Wald, das stattliche Kloster Guo tsching sse. 
Der üppigen Vegetation und der herrlichen Lage wegen blieb ich hier, 
obwohl es noch zeitiger Xachmittag Avar, zur Nacht und konnte daher 
noch die Umgebung botanisch durchsuchen. 

Außer Kamj^ferbäumen {Ginnamomum Campliora) bemerkt man 
liier hochragende, j)rächtige Zypressen {Cupressus funehr is), den Boden 
bedecken Unmassen von Farnen, am häufigsten Polystichum falcatum, Di- 
plazium laticeum und Poli/podmm lineare, Gleiohenia linearis und Lygodium 
japonicum, an den Felscii sitzen Unmengen der in ganz China gemeinen, 
trocken kugelig zusammengerollten Selaginella involvens, von Blüten- 
pflanzen konnte ich nur eine Carex, TuUpa ediäis, Covydalis incisa, Ba- 
■nunculus PoUi, Pledronia parvifolia, Eurya japonica und Thea fraferna 
einsammeln. 

Xach nur einstündigem Marsche erreichten ^^ir in der Frühe des 
nächsten Morgens (23. Februar) den kleinen Ort Tien tai yü. Di 
Hoffnung, hier einen Sampan oder auch nur ein Bambusfloß zur Weiter- 
fahrt nach Tai tschou fu zu finden, wurde zunichte, da die Tiefe des 
Flüßchens selbst für letztere zu gering war. Daher mußte weiter marschiert 
werden und das steinige Flußbett führte durch außerordentlich wild- 
reiche Gegend (Gänse, Enten, Haselhühner und Tauben) mit einer Ab- 
weichung vom Flußbett über Tao hoa (Pfirsichblüte) bei Tai iin 
(Irwald) wieder an diesen zurück. 

Hier begann die Schiffahrt und auf dem stromschnellcnreichen Fluß 
zwischen nahe an das Ufer herantretenden, reich bewaldeten, zackigen 
Bergrücken schoß das Boot, geschickt gelenkt, über die zischenden Wasser 
rauschend bergab. 

Die wildschöne Fahrt endete nachts an der Schiffsbrücke in Tai 
tschou fu. Die fremdenfeindliche, etwas xmsaubere Stadt liegt malerisch 
am Fuße eines Hügels, dessen Doppelspitzen Pagoden krönen. Unterhalb 
dieser Pagoden steht ein großes Frauenkloster; seine Terrassen gestatten 
^inen hübschen Blick auf Stadt und Fluß. Ein Rundgang auf der breiten 



74 



W. Limpricht. 



Stadtmauer ließ auch eine stattliche Missionsschule erkennen, die aber 
der Unruhen wegen geschlossen war und leer stand. 

Ein kleiner Dampfer brachte mich nach Hai men ans Meer. Diese 
über 3 Stunden währende Dampferfahrt durch die an Norwegens Fjorde 
erinnernde T^andschaft ist ungemein reizvoll. 

Nach einem Frühspaziergang auf die Pagodenhügel bei der Stadt 
Hai men (See- Tor) erschien ein nach Schanghai bestimmter chinesischer ' 

Dampfer, der vorher bei Ting hai ting auf Tschüs an landen wollte. * 



der immer mehr an Beliebtheit gewinnt und sich in absehbarer Zeit \v'ohl 
zu einem Seebade entwickeln wird, das Pe tai ho im Golf von TschiH 



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Um auch noch diese und ihre Nachbarinsel Putu zu sehen, vertraute 
ich mich diesem rettungsbootlosen Dampfer an, der auch wirklicli ohne 
Unfall am nächsten Tage bei Ting hai ting vor Anker ging. 

Zum Nachtquartier fand ich bei dem einzigen Mönch des auf einem 
Hügel unmittelbar neben der Stadt liegenden Tempels Dung yün gung 
liebenswürdige Aufnahme und so konnte ich den höchsten Berg der Insel 
besteigen und von seiner ungefähr 4r)0 m hohen Kuppe einen Überblick 
über die Inselgruppe, die in der Politik Deutschlands einmal dazu be- 
stimmt war, im fernen Osten als Kriegshafen zu dienen, gewinnen. D'^r 
Archipel erinnert ungemein an die japanische Binnenlandsee, nur fehlt 
ihm das blaue Wasser; die trüben, gelben Fluten lassen nicht den heiteren 
frohen Eindruck- der japanischen Inselwelt aufkommen. Man sieht deut- 
lich, Avie im Laufe der Zeit sich zwischen den Bergzügen Land angeschwemmt 
hatte, das jetzt von zahlreichen Kanälen durchschnitten, hauptsächlich ^ 

der Reiskultur dient. Ein Vergleich mit dem Tai hu, dem , .großen See" 
der Provinz Kiangsu bei «utschou, lag nahe. Auf dieselbe Weise ^ 

mag früher vielleicht das Alluvialland yon Tschinkiang bis nach » 

Schanghai entstanden sein. 

. An den Berglehnen ziehen sich Teeplantagen hinauf, zwischen denen 
ich einige Pflanzen sammelte. Ich bemerkte: Carex Davidi var. ascoce^iira, 
Cerasfium caespilo^mn, Viola grt/poceras und jjhiUppica subsp. malesica, 
DapJme Genktva, Symphcos caudata und überall Potentilla discolor. . 

Ein kleiner Dampfer brachte mich noch auf die heilige Tempeliusel 
Putu, dem östlichsten der vier Hauptheiligtümer des Buddhismus in 
China; doch ist die Tnsel zu bekannt, um darüber zu berichten. Reizende 
Spazierwege geleiten auf die höchste, ungefähr 250 m messende Spitze; 
diese Wege, die Brandung des Stillen, an das, Ostgestade donnernden 
Ozeans, die reizenden Tempelchen, in denen Mönche mit Sträußen der 
wohlriechenden Daphne odora die Fremden begrüßen und — anbetteln, 
die üppige Gartenflora mit ihren prachtvollen Kamelien machen Putu 
neuerdings zu einem Erholunesort 



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Botanische Reisen in den TTocheebiro-en Chinas und Ost-Tibets. 75 



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im Süden zu ersetzen und vollauf zu überflügeln, nur zu berechtigt er- 

scheint. 

Auf Putu sammelte ich nur: Arisaema serratum var. Blumei, Nar- 
cissus Tazetta var. chinensis, eine Corydalis, Viola grypocetas und ph^ 

ca subsp. malesica, Thea fra/erna und japonica, Eurya japonica, 
Daphne (xlora, Thi/rocarpus Sainpsoni, Lamium alhum und Aster hisprdvs. 

1 

e) Min- Tal und Baita sehan in Fukien. 

Angeregt durch die begeisterten Schilderungen Robert Fortunes 
widmete ich die vierwöchigen Ferien zu Chinesisch-Neujahr 1913 den 
Grenzgebirgen zAvischen Fukien und Kianghsi. Das nähere Ziel, die 
Ketten zwischen den zwei Hauptquellarmen des Min, des „Yün Hng", 
der deutschen Generalstabskarte, war um so verlockender, als diese 
Bergwelt erst zweimal, von Robert Fortune und Pater Armand 
David, 1849 und 1878, durchquert Avar und beide Sammler Bergspitzen 

nicht erstiegen hatten. 

Nach zweitäüiser Fahrt von S-changhai stoppte der Dampfer in 



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der Morgenfrühe des 21. Januar vor der Pagodenreede, dem Seehafen 
vor Tut sc ho u fu, der Hauptstadt der Provinz Fukien (Fokien). 

_ Kleine Dampfboote bringen die Reisenden an dem malerischen 
Ku schan oder Trommelberg vorbei nach der Stadt, in der außer 
Missionaren und Konsulatsbeamten nur wenige andere Fremde, meistens 

Teekaufleute, leben. 

Xoch am selben Abend fuhr mich und meinen Boy ein Sampan nach 
der Hangschan-Brücke, von der am nächsten Morgen ein kleiner, 
schmieriger, drückend vollbesetzter Dampfer den Minfluß bis Schuikou 
(Wassermündung) hinaufsteuerte. Die Weiterfahrt auf dem Stromschnelle- 
reichen, reißenden Min erfolgt in schmalen niedrigen, leicht lenkbaren 
Booten oder in großen Dschunken, bei denen der Steuermann auf hocli- 
ragendem Auf})au die Fahrtrichtung weithin übersehen kann. 

Bald hinter Schui kou beginnen die Stronaschnellen, zahlreiche, 
große Felsblöcke engen das Flußbett ein und mühsam muß das Boot 
durch die Strudel gestoßen oder an den Felsblöcken entlang am Seil ge- 
zogen werden. 

Bergzücre von 400— KtO ra Höhe begleiten beiderseits die Ufer, am 



n- 



linken führt die Telegraphenstraße entlang, die sich in Yen ping fu 

nordwärts durch Tschekiang nach Hangtschou und westlich 



abelt 



durch Kianghsi nach Kiukiang am Yang tse führt. 

Reges Vogelleben herrschte jetzt, zur Zeit des Vogelzuges, auf deni 
riuß; wilde Kormorane, Enten, Gänse und nordische Säger (Merganser) 



Eisvögel. 



nmassen 



76 



W. Limpriclit. 



Über Kwang tien kam das Boot bis zum Abend nur nach Tsang 
dou kou, 15 Li vor dem Städtehen Tsing hung. Am folgenden Tage 
gmg ich stundenlang am linken wie am rechten Fluß uf er entlang, um zu 
botanisieren und schoß von den das Ufer begleitenden Bäumen die gerade 



Limpri 



herunter, eine der ersten 



hier blühenden Frühlingspflanzen. 

Erst der dritte Reisetag brachte uns richtig ans Ziel, dem reizend 
an der Vereinigung der beiden Hauptarme des Minstromes gelegenen 
Yen ping f u (Yan ping). 

Um nicht die Gastfreundschaft der Missionare in den hochgelegenen 

fetationshäusern in Anspruch zu nehmen, quartierten wir uns in einem 

chinesischen Hotel ein, froh, den harten Boden des kalten, zugigen Bootes, 

von dem morgens erst die Schnee- und Reifdecke entfernt werden mußte, 

mit der Pritsche in dem wackeligen, verräucherten Holzbau vertauschen 
zu können. 

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Bas Gepäck wurde nun einem neuen Sampan anvertraut und wir 
wanderten zu Fuß am nördlichen Arm hinauf T)a. dns TJoot nur selu' 



langsam vorwärts kam, konnten wir erst in der Morgenfrühe des 28. Januar 
unseren Einzug in die Stadt Kien ning fu halten. 

Denn selbst für hohen Tage- 



fte sich die Weiterreise. 

ich, Kulis zum Tragen des Gepäcks, das hauptsächlich 
aus Pflanzenpressen und Papier bestand, zu gewinnen. Das Neujahrsfest 
stand ja bevor, aber ohne Träger wäre an eine Fortsetzung der Eelse 
nicht zu denken gewesen. 

Es blieb daher nichts übrig, als die HiKe des höchsten Beamten der 
Stadt in Anspruch zu nehmen, dem es nach einigen Stunden auch wirklich 
durch Drohungen gelang, vier durch Opiumgenuß heruntergekommene 
Individuen aufzutreiben. Doch war schon zu viel Zeit verstrichen und 
schon nach fünfstündiger Wanderung mußt« in Hsü tun tse das Nacht- 
quartier bezogen werden. 



nun 



unsüberFungloundBai(Buo) tsa bu nach dem Städtchen Kien yang- 
Hier verließ uns die Telegraphenstraße, die im Nan pu ki-Tale an 



drei 



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hinaufzieht und nach Überwindung der Wasserscheide im Ki mi Hng 
ins Tal des Tsien tang und nach Hangtschou absteigt. Wir folgten 
dem Lauf des Min auf der schmaleren Straße nach den Wu vi schaii- 
Hügeln bei Tschung an hsien nordwestlich weiter. 

Hinter Kien yang erscheinen die ersten größeren Teepflanzungen 
und zeigen damit die Annäherung an den berühmtesten Teedistrikt 
Chinas, die Wu yi schan-Hügel (Bohea Hills) bei Tschung a» 
(Tsong an) hsien, an. 



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IBotanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und^Ost -Tibets. 77 

Den großen Bogen des Min schnitt der Weg hinter Tsiang kon ab 
und führte durch reich mit Kiefern und Spießtannen bewachsene Hügel- 
landschaft inmitten von Bambushainen und üppiger Strauchvegetation 
über die Dörfer Fung po, HAvang du und Hsi gö tsing nach Hsien 
dieng (Geisterhaus). 

Ein weitgereister, chinesischer Händler verriet uns den Weiterweg 
nach den hohen Gebirgen um die Minquellen. Ohne Kung kwan zu 
berühren, müßten wir hier die nach dem Wu vi schan führende Straße 
verlassen und uns westlich nach Hsing tsun wenden. 

Hsing tsun betraten wir durch ein prächtiges Tor schon nach drei 

Stunden. 

Die Anhöhen unmittelbar bei dem Ort lassen die noch fernen nord- 
westlichen Berge erkennen, zeigen im Vordergrunde den ihnen ent- 
quellenden Minfluß und schroffe, dolomitenähnliche Klippen in nächster 
Nähe des Städtchens. 

Da beabsichtigt war, wieder nach Hsing tsun zurückzukehren, 
konnten die Kulis bis auf den einen, der sich nicht zurückschicken lassen 
wollte, abgelohnt und mit Bo3^ einem Kuli für Rucksack und Pflanzen- 
presse, sowie einem Führer brach ich am 1. Februar für die auf zwei bis 

Tage berechnete Exkursion nach dem Bai ta schan auf, der hier 
allgemein für den höchsten Berg der ganzen Gegend galt. 

In wenigen Minuten war der Min erreicht. Eine Schiffbrücke leitete 
zu dem Dörfchen am anderen Ufer hinüber; doch wir überschritten diese 
Brücke nicht, sondern folgten dem rechten Ufer des nun recht seichten 
Flusses. Einige größere, an der Brücke liegende Sampans verrieten die 
hier beginnende Schiffbarkeit des Flusses. Weiter stromauf kann der 
Verkehr nur noch ein kurzes Stück durch Bambusflöße aufrecht er- 
halten werden. 

Die Bäume am Ufer sind in dieser Gegend bis hoch hinauf von Farnen, 
Drynaria Fortunei, übersät, die epiphy tisch wachsend. Stamm und Aste 
völlig in Grün hüllen. Sicherlich werden auch in späterer Jahreszeit 

■ -. 

Orchideen an derartigen Stellen zu finden sein. 

Nach ungefähr IV2 Stunden verschwand der Min rechts in einem engen 
Tale zwischen hohen Felswänden, in der Richtung nach Tung mu kwan, 
lind wir wandtein uns einem von links kommenden Seitenflüßchen zu, 
an dem bald Tsau töng. das letzte Dörfchen des Tales lag. 



drei 



Die 



am< 



des 



leider zeigten sich nur noch um vereinzelte Gehöfte. 

Iii dem enger werdenden Tale hörten auch diese auf und hoch- 
stämmiges Bambusdschuncrel. bisweilen mit Spießtannen vermengt, trat 



78 



W. Limpricht, 



seine Alleinherrschaft an, um höher hinauf dem aus Kiefern und Spieß- 
tannen bestehenden Nadelwald zu weichen. 

Der schmale Pfad kletterte durch den Urwald bis zur Höhe eines 
kleinen Plateaus hinauf und führte in den Grund des vom Bai ta schan 
abgeschlossenen Talkessels hinab. Hier standen die wenigen Häuschen 
des Gebirgsdörfchens Hsing pöng, der letzten Siedlung vor den Berg- 
klöstern. Bei dem einsamen, kleinen, taoistischen Tempel Schuotse 
kang beginnt der eigentliche, beschwerliche Anstieg auf den Rand des 
Talkessels. Eine schier unendliche Anzahl von St^instufen, zwischen 
denen ab und zu kleiner, hellblauer Enzian blühte, führte ohne Unter- 
brechung auf die Kammhöhe, die der Weg in einem tiefen Einschnitt 
durchbricht. 

Auf Stufen steigt man noch wenig Minuten auf der anderen Seite 
hinab und steht dann vor dem stimmungsvoll unter alten Krj^ptomerien 
versteckten, ebenfalls taoistischen Kloster Bai ta schan^). 



Der im Ortsdialekt Buo ta san ausgesprochene Name bedeutet 



„weißer Pagoden- oder Gipfelberg'\ eine Pagode ist aber weder beim 
Kloster noch auf der Bergkuppe vorhanden. 

Von dem Abt und den etwa ^0 Mönchen freundlich aufgenommen, 
wies man mir sogleich ein Zimmer an, das sogar mit Bettgestellen und 
- - leider stark insektenhaltigen — Bettdecken ausgestattet war. Doch 
fühlte ich mich in diesem Zimmerchen immerhin noch behagUchcr als in 



den Räumen der Dorfgasthä'user. Denn überall in der Provin?. der „glück- 



kein Kuli zum Weitermarsch zu bewegen, wohl auch dazu unfähig. 

Der Abt, seit 2.5 Jahren im Kloster, hatte noch nie einen Europaer 
gesehen und versicherte mir wiederholt, daß auch noch nie ein solcher 
im Kloster oder auf der Bergspitze gewesen wäre. Der Kartennarae ,,Yü jx 
1 i n g " war auch ihm unbekannt und von ihm erfuhr ich auch daß der Name 
Wu yi schan (Bohea Hills) nur für die niederen Hügel des Teedistrikts 
um Tschung an hsien gebraucht wurde. »Somit hatalsoBretschneider 



f 



\ 



\ 



i 
I 



liehen Gründung'\ Fukien, sind die Fremdenzimmer der Gasthöfe nur 
schmutzige, finstere Löcher, in denen dicht nebeneinander gelegte Holz- 
pritschen auf schmalen Gestellen, mit von Wanzen, Tausendfüßern, 
Skorpionen mid Flöhen wimmelnden Bambusmatten die Schlaf bettln 
darstellen, und als besondere Freude nach der angenehm verbrachten 
Nacht empfindet es der Reisende, wenn am Mor<Ten kein Kuli zu erblicken 
ist, sondern diese würdigen Reisegenossen erst mit Hilfe des eigenen 
Dieners und des Ortspolizisten aus den hier zu Lande noch geduldeten ' 

Opiumspelunl:en herausgejagt werden müssen. 

Aber ohne seine zwei Pfeifchen morgens, mittags und abends ist | 



^) Auch Pe ta san gi schrieben. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 79 



recht mit seiner Vermutung, daß Fortune den Namen Wu yi schau 
versehentlich auch auf die hohen Gebirge an den Grenzen der Provinzen 
Fukien und Kianghsi übertragen hat. 

Der 2. Februar gilt der Spitzenbesteiguug. Die wenigen Stufen bis 
zur Kammlröhe hatte ich rasch zurückgelegt und wanderte tum den 
Rücken entlang. Zuiiächst noch durch Wald, dann zwischen Felsblöcken 
und zuletzt über Felsen gehend stand ich in einer halben Stunde vor dem 
würfelförmigen, steinernen Tempel, der kura vor der Spitze am Rande 
des jähen Ostabsturzes erbaut ist. 

Behauene Granitquadern lagen umher, ein steinerner, runder Tisch 
stand vor dem Eingang und ließ den Eindruck aufkommen, daß hier 
einmal eine größere Temi:)elanlage gestanden hatte. Jetzt wohnte niemand 
hiei'. Schon hier war die Aussicht herzlich und rechtfertigte vollauf die 



so passende Inschrift am Tempelchen ,,Buo ta tung tien^' (ßuota 



-Himmelsgewölbe). Eine Viertelstunde ist es noch bis zum höchsten Punkt, 
der ungefähr 17U0 m erreicht. 

Trotz der frühen Jahreszeit lag keine Spur von Schnee (Temperatur 
+ 4 " C), der nich nur noch zwischen den Steinstufen weiter unten im 
Waldesschatten stellenweise erhalten hatte, selbst zwergiger Baumwuchs 
fehhe, nur kaum meterhohes Gras überzog die Berghänge, zwischen dem 
noch keine Blütenpflanze ihre Knospen erschlossen hatte. 

Um, so prachtvoller war die Aussicht; soweit das Auge blickte, ringsum 
Bergland, nur im fernsten Nordwesten schimmerte der Po ^ang-See 
herüber. Zusammenhängende Ketten gab es nirgends, das ganze Panorama 



flar in einzelne Bergstöcke aufgelöst. 



Der isolierte Kamm des Bai ta schan verlief in der Richtung 
der sinischcn Ketten, also von ShW nach NXO. Das Kloster grüßte 
von Südost herauf, lag daher auf der Südwestseite des Querriegels, der 
den Hauptzug mit seiner viel niedrigeren südöstlichen Parallelkette, an 
der unser Anmarsch entlancr oeführt hatte, verband. Annähernd gleich- 



O G 



hohe Berge waren im Norden und Xordnordwesten zu erkennen; alle 
übrigen Bercre waren erheblich niedriger. Im 0X0 schimmerte das Silber- 



Ö-^* -.--V 1.^ 



band des ^Finflusscs, der aus den nördlichen Gebirgen, von Tung mu 
kwan her, zu konimen schien. 

ne Hoffnung, eine lange Kammuanderung an der Provinz- 




grenze uaternehmen zu können, war also zunichte und ich mußte durch 
das Hügelland nach Schao wu fu zu gelangen versuchen. 

Noch am späten Abend desselben Tages trafen wir wieder in Hsing 



tsun 



ein. 



Ich beabsichtigte nach dem von David besuchten Kwang tsö zu 
reisen, um die dortigen, angeblich 3000 m hohen Gipfel zu besteigen, 



\ 



80 



W, Limpricht, 



hörte aber im Gasthause, daß ich nur über Schao avu f u dahin gelangen 
kennte. Von Schao wn fii bis K-\vans tsö sollte es nur 80 Li sein. 



* 



I 



Mein Plan, auf einem Fußpfade durch das Gebirge direkt nach Kwang 
tsö zu kommen, scheiterte an dem Widerstände der neuangeworbeneu 
Kulis, die behaupteten, nur einen Weg über Schao wu fu dahin zu 
kennen; sollte es wirklich direkte Wege geben, wären diese, der Lasten i 

wegen, für sie ungangbar. , * . 

Durch die anmutige, stark anTschekianir erinnernde Hüoellandschaft 
zog meine kleine Karawane zuerst nach Süden, später nach SüdAvesten. 
■Schmale, harte Steinwege am Rande oder in der Mitte des Tales, die Berg- 
lehnen dicht mit immergrünen Sträuchern, stellenweise auch Wald, be- 
standen, der Talboden und die herablaufenden Rinnen terrassenförmig 
zum Anbau der Reispflanzen geebnet, das ist das auf die Dauer etwas 
eintönige Landschaftsbild, das sich dem Auge des Reisenden entrollt. 

Zahh'eiche Dörfer mit freundlicher und hilfsbereiter Bevölkerung 
reihen sich ungefähr alle Stunden aneinander; der erste etwas größere Ort 
ist Liyuen, in dem ich die Nacht verbrachte. 

Von dem Orte hat man einen schönen Blick auf den westnordwestlich 
emporragenden Bai ta schan, der von hier vielleicht schneller erreicht 
werden könnte. 

■ 

Zur Mittagszeit des nächsten Tages zeigte sich bei dem Flecken 
Dschang ping ein neuer, spitziger, die umgebenden Hügel weit über- 
ragender Berg, den ich zu besuchen beschloß und deshalb die Marsch- 
richtung ändern ließ. Es war das spitze Doppelhorn des Tsong schan 
(Tschung schan). 

Nach dreistündiger Wanderung kehrten wir in dem. Gasthaus des 
Dorfes Gang fong an seinem Fuße ein. Hier erfuhr ich z u meiner Freude, 
daß ein Bergtempel auf seiner Höhe läge, also für ein Unterkommen bei 
schlechtem Wetter gesorgt war. 

Die Kulis gingen nach Schao wu fu voraus und ich machte mich 
allein mit meinem Boy auf den Weg zum Bergtempel. 

r 

Der Anstieg war sehr steil und nahm daher bei der herrschenden 
starken Hitze 2 Ki Stunden in Anspruch. Die Mühe wurde aber durch den 
prächtigen Baumwuehs {CunningJiamia) und die blühende Pflanzenwelt 
(Orchideen und bis in die höchsten Kronen der Bäume kletternde Bär- 
lappe, Lyco]X)dium easuarinoides) reichlich belohnt. 

Der Tempel Tsong schan (Berg der Himmelsbläue) Hegt kurz 
unter den Doppelspitzen des Gipfels, der, von hier aus gesehen, die Form 
eines Vulkans hat und die ungefähre Höhe von 930 m erreicht. 

Der Bai ta schan liegt im Nordnordosten, zwei andere höhere 
Berge im Südosten und Westen. 



4 



; 



-V 



Botanische Reisen in den Ilocligebirgen Chinas und Ost -Tibets. 81 



Da die durch Feuer versengten Lehnen des Gipfels keine weitere 
Anziehungskraft besaßen, ließ ich mir von dem einzigen Bewohner des 
Tempelchens den Ab8tiegö\\eg nach S'chao wu fu zeigen und stieg 
nach Da jüan ab. 

Über die Dörfer Lo schang und Tie lo schang, in dem wir 
nächtigten, stießen wir nach einer Wanderung von nur etwas über zwei 
Stunden durch die Hügel von Wu tai und Dung schan auf den Ti u 
kiang bei Yang tang und betraten schon nach 10 Li das Stadttor 
von 8chao avu fu. 

Den Nachmittag benutzte ich noch zu einem Spaziergang auf den 
Tseng gao schan, einen kleinen, von einem Pavillon gekrönten Aus- 
sichtshügel vor den Stadttoren. 

Ein reiches Bergpanorama bietet sich hier dem Auge dar, da Schao 
wii fu allseitig von hohen Gebirgen umgeben ist. Südwestlich ragen 
die hoher "^^.etten, Da yü schan und Föng schui schan der Karten, 

• TT IT T 



Quellgeb 



Armes des Min, empor 



nordwest ziehen die wohl 2000 m hohen Ketten, denen der an der Stadt 
vorbeifließende Tiu kiang entspringt und die Armand David passiert 
haben mußte, leider so weit entfernt, daß ich des Ablaufs meiner Ferien- 
zeit wegen sie nicht mehr aufsuchen durfte: weitere hohe Bergzüge waren 
im Süden zu erkennen. In der Nähe erhob sich im Nordnordost ein der 
Form nach an den Tsong schan erinnernder spitzer Kegel über seine 
Umgebung. 

Die Namen der einzelnen Bergreihen waren meinem Führer leider 
unbekannt; er erklärte, daß Berge, auf denen sich kein Tempel befände, 
im Volke unbenannt blieben. Dies hat auch wohl seine Richtigkeit, schan, 
der Berg, ^^ird häufig auch zur Bezeichnung eines Klosters verwendet, 
so daß also oft mit dtm Bergnamon der Klostername gemeint ist. Die 
Benennung von Bergketten kennt nur die europäische Geographie,^ dem 
Chinesen ist sie nicht geläufig, auch mit dem Kun lun, dem K wen 
lün unserer Karten, ist in der chinesischen Geographie nur ein einzelner 
Berg um die Quellsiimpfc des Hwang ho gemeint. 

Noch am selben Abend mietete ich einen Sampan zur Talfahrt, der 
in fünf Taaen für 17 $ in Futschou sein wollte. Ein nicht zu hoher 
Preis, wenn man bedenkt, daß die Leute allein U Tage mühseligster 
Arbeit brauchen, um das Boot bis Schao wu fu zurückzutreideln. 

Am 7. Februar fuhren wir ab. Der hohe Genuß, den die ungemein 
schnelle Fahrt durch die entzückende und stets interessante Landschaft 
bietet, wird für den Jagdfreund noch durch lohnende Ausbeute, wenigstens 
im Fi-ühjahr zur Zeit°des Vogelzuges, erhöht. Solch ungeheure Ma^ssen 
von verschiedenen Enten, Gänsen, Sägern und Eisvögeln wie hier, habe 

F- Fedde, Repertorium specierutn nOTarum. Beiheft XTI. 



82 



W, Limpricht. 



ich in Cihina nicht mehr gesehen. Dabei sind die Vogel, mit Ausnahme 
der wilden Korm.orane, weil selten gejagt, ohne jede Scheu. 

Unbequem ist nur das Schlafen auf den harten Brettern des Boots- 
bodens, deren Druck ja allerdings durch übergebreit^te Decken gemildert 
werden kann. 

Am Nachmittag des nächsten Tages kamen die Stadtmauern von 

Schun tschang in Sicht. Vor ihnen mündet von rechts der ebenso 

starke Gin kiang ein. An den Missionsstationen von Yf^ng kou und 

Da yang vorbeigleitend, landete das Boot schon einen Tag später ia 

Yen ping fu. Bisher waren wir nur tagsüber gefahren, jetzt w^agte 

der Bootsführer auch die Nachtfahrt und am 12. Februar sprang ich in 

Fut schon aus dem Boot, das fünf Tage und fünf Nächte meine Wohnung 
gewesen war. 

Doch der für Schanghai bestimm,te Dampfer war schon fort. 

Die zehntägige Wartezeit bis zur nächsten Reisegelegenheit ver- 
wendete ich zum Besuche des tempelreichen Ku schan oder Trommel?^ 
berges, auf dessen Rücken die Bungalows der Sonamerfrische Ku liang 
stehen, und des Tropf Steinhöhlenklosters Fong kwan ming beiYung fu, 
südwestKch der Provinzialhauptstadt, 

In der Umgebung dieses eigenartigen, wohl des sehenswertesten 
Höhlentempels Chinas konnt<? ich eine Reihe von subtropischen Pflanzen 
beobachten und kehrte nach diesem zweitägigen Ausflug nach Futsche u 
zurück. 

Am 23. Februar traf ich wieder in Schanghai ein mit dem Bedauern, 
durch Berufspflichten gefesselt, nicht länger in dieser so schönen Provinz 
geweilt zu haben. 



Das Land erinnert ungem.^in an Japan und nirgends in China 



ist 



^ 



der Einfluß der Sölme des ,, Landes der aufgehenden Sonne" so fühlbar 
ini Volksleben wie hier, in der Forme sa gegenüberliegenden Küsten- 
provinz ; wird doch selbst im tiefsten Innern dieses Berglandes kein anderer 
8ilberdollar in Zahlung genommen als der buckelige, japanische Yei 



i! 



sammelte 



die bisher nur bei Canton gefundene, hier über Felsen kriechende Orchidee 
Pholidoia canfonemis, Canna indica, Alocmia spec, Asarum caudigefum, 
Drosera Burmanni und OphiorrMxa japonica. 



amabile 



lehnendes Bai ta schan 



a 



t 



\ 



*■ 



lineare und chinense, P. hastatum, Woodwardia japonica, Cychphorv-" ] 
Sheareri, Odothtosoria cMnemis, Nephrolepis exaltata, cordijoUa, Plagiogr/n 
euphlebia, Dry-nariaFortunei auf Weiden und Fimbriariabäumen, Adiantii' 
jlahellulatum, DavalUa Griffithiana, Asphnium achilUifoUim, CfleicheM 



nj 

* 



--tl 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 83 



laevissima, Lycopodium cernuum, casuarinoides und serratum, Selaginella 
Braimii, Martensii, caulescens und involvens. 

Von Nadelhölzern: Cephalotaxus Fortunei und drnpacea, Torreya 
nucifera, Podocarpus neriijolius und macrophylhis , Juniperns formosana. 

Ferner: Lepidosperma chinerise, Carex ligata, Smilax Davidiana, Iris 
japonica, Cymbidhim spec., Lorantlius Limprlchlii auf Bäumen und Poly- 

m 

gomim chinense. 

Von Sträuchern: Saurauja tristyla, MirabiUs Jalapa, Litsea citrata, 

Liiuhra sericea, Lmopetalum chinense, Bhapiolepis indica, Spiraea prum- 

folia, Prunus Armeniaca, japonica, persica, Riihus Thunbergn, Thea 

ffaierna, Eurya cJdnensis und japonica, Plectronia parvifolia, Elaeagnus 

Oldhami, DapJim odora, Rhododendron indicum, Maesa jajmiica, Sym- 

plocos caudata. 

Von Krautpflanzen: Corydalis racemosa, Viola diffusa, pUUppica 
subspec. malesica, Plumbago zeylanica, Stimpsonia cJiamaedroides, Mono- 
chasma Savafieri, Scutellaria indica, Senedo scandens, Bidcns pilosa und 
Aster incisus. 

II. Durch Tonkin nach West-China. 

Eins der höchsten und gewaltigsten Gebirgssysteme der Erde, der 
Kunlun, durchzieht Innerasien in der Richtung von West nach Ost; 
seine Fortsetzung im eigentlichen China, dem „Eeich der 18 Provinzen", 
der Tsin ling schan, büdet die natürliche Grenze z\vi^chen dem löß- 
bedeckten, steppenartigen Tafelland des Nordens und dem Gebirgslande 
-Büttel- und Südchinas und ist nicht nur in pflanzengeographischer, sondern 
auch in ^^ irtschaf tlicher und politischer Beziehung eine scharfe Scheide- 
wand zwischen Nord und Süd. Seine letzten Ausläufer lassen sich bis 
in die Gegend von Nanking, vielleicht sogar bis zum Tai hu ver- 
folgen. 



Eine zweite Hauptrichtung der chinesischen Gebirgszüge verläuft 
annähernd von Südwesten nach Nordosten. Ihr, der sinischen Richtung, 
gehören die Ketten des nord- und südchinesischen Gebirgsrostes an, ihr 



anzen 



Mandschurei 



Grenze. Sie erreichen jedoch nirgends die Schneegrenze. Anschließend 
an den Himalaj^a, den Südrand des innerasiatischen Hochplateaus, 
treten die meridionalen Ketten des dritten, des „hinterindischen Systems", 

ir „ + „„u;„i„v,/! ,iv./l rlon Sfpbansfaaten Birmas auf den 



aus dem 



äußersten Südwesten Chinas, die Provinz Yünnan über; sie ziehen als 



hinterindischen 



strcme. Lu kiang oder Salwin und Lan tsan kiang oder Mekong, 
sowie des K in schan kiang, des Goldsandflusses, wie der Oberlauf 

6* 



84 



W* Limpricht, 



des Yang tse von den Chinesen genannt wird, an der Grenze von Tibet 
naeh Norden bis hinter Ta tsien lu. 

Das Ineinandergreifen der indisch-malayischen Gebirgsflora mit der 
holarktischen in Augenschein zu nehmen^ war schon seit Jahren mein 
Wunsch, doch scheiterte die Ausführui 
an verfügbarer Zeit, da bei den ungeheuren Entfernungen dieser Grenz- 
länder von der Küste und bei den mangelnden schnellen Verbindungen 
die Zeit der Sommerferien nicht ausreichte. 

Um aber doch wenigstens einen kurzen Einblick in diese durch 
Delavay imd Forrest in botanischer Hinsicht berühmt gewordenen 
Gegenden zu gewinnen, hatte ich mich für Juli und August 1913 zur 



W 



;st-Yünnan entschlossen, da diese Gegenden mit Hilfe 
der franzosischen Eisenbahn verhältnismäßig am schnellsten von 
Schanghai zu erreichen sind. 

Am 11. Juli verließ ich Schanghai für Hongkong, das mir vom 
Januar 1911 her schon bekannt war. Von der Stadt Viktoria aus hatte 
ich damals den Peak, sowie andere Teile der Insel besucht, auf den Hügehi 
zwischen Kaulun und Canton botanisiert, sowie die Sehenswürdigkeiten 
der Städte Canton und Makao in Augenschein genommen und war 
dann naeh Manila auf den Philippinen hinübergefahren. 

Diesmal stieg ich ohne Aufenthalt an Bord des deutschen Fracht- 
dampfers „Carl Diederichsen'', der nach kurzem Aufenthalt vor Hoi hou 

r 

auf der Insel Ha in an schon in der Morgenfrühe des 17. Juli vor Haiphon g 
vor Anker ging. Noch am selben Tage brachte mich die Bahn aus dem 
öden Haiphong nach Hanoi, der reizenden aber sehr heißen Haupt- 
ßtadt Tonkins. 

leider drängte die Zeit, daher mußte ein eintägiger Spaziergang 



Baulichkeiten und Parkanlag 



Da die Züge vorläufig nur bei Tage fahren, sorgt ein 
kleines, aber gemüthches französisches Gasthaus, dessen Veranda eme 



i 



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"l?; 



Indo-Chiua zu besichtigen. 

Schon am nächsten Tage rollte der Zug, aus zahlreichen Eingeborenen 
wagen vierter Klasse, aber nur einem Wagen für die drei anderen. Klassen < 

bestehend, durch die glühend heiße Niederung des Song koi, des roten 
Flusses, der Hauptwasserader des Landes. Die Gegend mit ihren Palmen 
und zahllosen Bananenpflanzungen trcägt einen rein tropischen Charakter: 
die Bergzüge am Rande der Niederung sind noch mit dichtem Ürwaltl 
bedeckt, in dem neben vielen Tigern auch Elefanten und Nashörner 
auftreten. Gilt doch Hinterindien, besonders die Laosstaaten an 
der Grenze von Siam für die wildreichste Gegend der Erde. 

Gegen Sonnenuntergang war Lao kay und somit die chinesische 
Grenze erreicht. 



-^J- 
■^ 



Botanisclie Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 85 

prächtige Aussicht auf den Fluß und die schon nahen Berge bietet, für die 

Unterkunft der Reisenden. 

Lao ka}- ist mit Ho kou, der ersten Ortschaft in Yünnan, 
durch eine 13rücke über den Nam ti oder Nan hsi.ho. einen hier 
einmündenden Nebenfluß des Song koi, verbunden. In seinem Tal 

führt die Bahn weiter aufwärts. 

Früh am darauffolgenden Tage fuhr der Zug zunächst die wenigen 
Minuten bis zum Bahnhof Ho kou. Hier findet die Zolluntersuchung 



statt. 



nm 



gehaltene, Einfuhr eines deutschen Militärgewehres wurde glücklicher- 
weise sehr rasch, zum größten Erstaunen aller Europäer behoben. X.ach 
Einsicht des mir durch die entgegenkommende Liebenswürdigkeit de.-^ 
Generalkonsulates Schanghai ausgestellten Reisepasses gestattet« man 



mit 



Mitnahme 



infuhr 



in diese, der Pekinger Regierung stets feindlich gesinnten, rein muham- 
medanisehen Provinz ist streng verboten. 

Die Landschaft änderte sich nun bald vöUig. Palmen, Bananen und 
Urwald verschwanden, an ihre Stelle traten, soweit nicht die Bahnstrecke 
in die Felsen eingesprengt war. Reis- und :\Iaisfelder. 

Langsam keuchte der Zug in zahlreichen Kehren auf die Höhe des 
Kalkplateaus hinauf, das den größten Teil der Provinz Yünnan büdet. 

Der große Handelsplatz Meng tse lag schon lange hmter uns. als 
fürheutein Amitschou, einem kleinen Marktflecken, die Fahrt beendet 

Auch hier sorgte ein in europäischer Art geleitetes Gasthaus - mit 



war. ._.„ ..... ....„ 




r. Aucli hier sorgte em m europaibuiici ^l,. ^^.^..^ 

inchener Bier — eines ortsansässigen französischen Kaufmanns für 



prächtige \'erpf legung. 

Den landschaftlich schönsten Teil der Reise sollte der nächste, der 
letzte Tag der Bahnfahrt bringen. Leider hatte der in dieser Jahreszeit 
so häufige Regen das lockere Gestein zu sehr aufgeweicht. Tu der wilden 
Klamm des Pe ta ho, eines der Hauptquellarme des bei Canton 
mündenden Hsi kiang oder Westflusses, waren Felsblöcke unmittelbar 
hinter einem Tunnel auf die Schienen gestürzt. Die Folge war eine Ent- 
deisung des Packwagens. Da ein Versuch der Hebung des \^ agens 
erfolglos blieb, mußte telephonisch ein Hilfszug herbeigerufen werden. 
Xach einigen Stunden erschien er auch, und mit glücklicherweise nur fuiif- 
stündiger Verspätung sah ich noch in der Xacht desselben Tages (22. Juli) 
die Häuser der Provinzialhauptstadt Yünnan sen oder Yunuan fu, 



uftaucher 



v>it- sie auueinaiu uer riuvxni u^^^ i.^ ^u-^^ &-- - 

Drei von Europäern geleitete Gasthöfe nehmen die Fremden au . 
die jetzt vielfach aus den feuchtheißen Tiefebenen Tndo Chinas herauf- 
kommen, um hier einige Wochen oder Monate die reine und kühlere Höhen- 
luft ,,,. ^r.,..r..^.^r\.r.h. 711 crftnießcn. Unter den ungefähr 20 Fremden 



86 



W, Liuipricht, 



Yün nan seus befanden sich auch zwei deutsche Herren und eine 
deutsche Dame, Herr und Frau Stiebritz und Herr Meywald 
letzterer inzwischen verstorben -^, in deren Häusern mir zwei unver- 
geßlich schöne Tage beschert waren. 

Ein deutsches Konsulat war damals noch nicht errichtet. Den eisten 



deutschen Konsul daselbst, Herrn Weiß, durch seine Forschungsreisen 



in den Grenzgebieten Szetschwans und Tibets bekannt, traf ich ein 
Jahr später auf dem oberen Yangtse, als er mit seiner Familie von 
Tschengtu nach Yün nan fu überzusiedeln im Begriff stand. 

^ Glücklicherweise traf ich einen Pferdebesitzer aus Tali fu. im 
cäußersten Westen der Provinz, der sich auch bereit erklärte, drei Tieje 



Trag 



uxx 




Endst 



die 



englische Strecke von Birma her ist leidei- in absehbarer Zeit nicht zu 
denken und so wird also noch viele Jahre der Personen- und Güterverkehr 
auf dem Rücken keuchender Tragtiere in endlosen Karawanen auf der 
ausgetretenen, stellenweise lebensgefährlich sclilechten Straße erfolgen 

■j 



m^ussen. 



Zugeschnitten auf den Verkehr mit Tragtieren, bietet die Provinzial- 
hauptstadt ganz das Bild einer kleineren, nordchinesischen Karawanen- 
stadt, nur daß die großen Ka^a^\ anserien durch kleinere Gehöfte für 
Pferde, Maultiere und Esel ersetzt werden. Eine große, breite Haupt- 
straße mit vielen Läden, darunter öfters japanischen, belebt durch die 
Glöckchen der endlosen Tierzüge, eine ähnüche kürzere Querstraße, 
sonst die üblichen, sehmalen und schmutzigen Gassen, das ist der Ein- 
druck, den der Eeisende erhält. Die wenigen Europäer leben in größeren 
Chinesenhäusern, deren Innerem man mit viel Geschmack die Behaglich- 



bhnzimme: 



Arbeit 



( 



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o-o- ■■ ^ ö 

Nur müßte ich mich noch einen Tag gedulden, ^ 



da erst am übernächsten Tage eine größere Kara\\ane dahin abginge, 
der wir uns anschließen sollten. Allein mit mir und meinem chinesischen 
Diener erschien es ihm zu gefahrvoll. 

Drei Tage hatte also die Eisenbahnfahrt von Hanoi bis Yünnan f u 
beansprucht, landschaftlich, zumal von der chinesischen Grenze ab, j 

wohl eine der schönsten und eigenartigsten Asiens. In gewaltigen Kehren, 
deren Enden sich zu berühren scheinen, eingesprengt in die Felswände 
Milder Klamms, durchschneidet die Bahn, ein Meister^verk französischer 
Technik, den Stcilabfall, zu dem das Hochplateau Y'ünnans nach der 
Ebene von Tonkin abfällt; in mehr als hundert Tunnels, über 
schwindelnde Brücken, nur aus Stahl und Schwellen, deren eine, ohne 
Stützpfeiler, nur von Tunnel zu Tunnel über den reißenden Gebirgsflul.^ 



ii 



i 



4 






\ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 87 

Tennisspiel oder ein kurzer Abendtrunk in einem der beiden größeren 
Gasthäuser, Sonntags Treffpunkt in der Auktionshalle, das sind die 
einzigen AbAvechslungen des etwas eintönigen Fremdenlebens. 

Um so reizvoller ist die rmgebung. Die Stadt liegt am Nordzipfel 
des großen Bergsees Kun yang hai oder Tien tschi hai, umgeben 
von Höhenrücken mit schroffen Formen, die zum Teil noch reichliche 
Bewaldung tragen. Zwei weitere bergumrahmte Seen sehließen im Süden 
an; es ist also reichlich Gelegenheit zu kürzeren oder längeren Ausflügen 

geboten. 

Am 24. Juli erfokte der Aufbruch. Ich, mein Diener und der Pferde- 
treiber zu Fuß, das Gepäck auf drei Tiere verladen, ging der Weg an dem 
Nordrande des von zahlreichen Fischerbooten belebten Sees zum ersten 
NachtC|uartier, dem Städtchen An ning tschou. 

Die Herbergen sind viereckig angelegt. In der Mitte der Hof mit 



der Zisterne 



dgesclioß 



,-^ ^ v.**-^ , «j.^_fc *i*^- *^^j. ^^^^ ^ — — ^ , — 

für die Tiere enthält, während das Obergeschoß der Famihe des Herbergs- 
vaters sowie den Fremdenzimmern vorbehalten bleibt. Die Schlaf- 
gelegenheiten in diesen letzteren bestehen aus zwei Holzblöcken mit 



im m 



Strohdecke gebreitet wird. Und doch ist man froh, nach dem langen 
Tagesmarsch die müden Glieder dort ausstrecken zu können. An cme 
dieser Nächte denke ich noch mit Grausen zurück. Aufgewacht mit 
brennender Hitze über den ganzen Körper, ließ ich Licht machen, um, 
im Glauben, einen Fieberanfall zu gewärtigen, das dem C" '^"" 



hinareise 



Thermomet 



glut in Gestalt Tausender von Wanzen über mein gepeinigtes Korpus 
krabbeln; mit einem Euck sprang ich hinaus aus der Hölle und zog es 
vor, die Nacht auf der Landstraße zu verbringen. 

Durch diö weiten Entfernungen der einzelnen Ortschaften gezwungen, 
hat der Jahrhunderte alte Verkehr einzelne Karawanenstationen ge- 
schaffen. Nur in diesen, den Treibern natürlich genau bekannten Orten, 
sind Herbergen und Nahrungsmittel zu erlialten. Da aber diese Stationen 
meistens 70—100 Li *) voneinander entfernt liegen und der Weg bergauf 
bergab auf elender, ausgetretener Straße führt, werden die Tagesmärsche 
für Fußgänger etwas anstrengend, zumal sie 13 Tage ununterbrochen 
andauern. Aber auch für den Reiter sind sie keine Erhohmg. Er muß 
fest im Holzsattel sitzen, um bei den steilen Abstiegen nicht kopfüber 
hinabzugleiten. Selu' häufig besteht der Weg nur aus Steinblccken, 



Hufe 



in denen sich 



mmi 



schlammige Masse angesammelt hat. Oft treten hier die Tiere, beson-^ler 



*) Ein Li ungefähr = % km. 



88 



W. Limpricht. 



die Pferde fehl, stürzen in die Knie oder auch wohl ganz hin und Reiter 
oder Last wälzen sich im Straßenschmutz. 



W 



sogar gut. Hier bieten sich die prächtigsten Ausblicke auf die erdrückende 
Fülle von Bergzügen, deren Spitzen um diese Jahreszeit lueistens in 



Wolke 



Der Wanderer sieht \\allende Xebelmecrc, getrennt 
durch üppig be\^achstuie Täler mit vereinzelten Niederlassungen, und 
billigt die so treffende chinesische Provinz ialbenennung, Yünnan, der 
„Süden in Wolken". 



Über die g 



meda 



körperlich gut Gebauten. 



p 



Infolge der Armut und Bedürfnislosigkeit der ^Menschen sind die 
Lebensmittel überaus billig. Kaufte ich doch am Örl hai bei Tali f li 
einen stattlichen Karpfen für 25 Loch-Käsch (2 ' ,, Cents), mußte aber 
die Summe auch in dieser, dem Reisenden so unbequemen Münze hinter- 
legen. Und warum ? Weil niemand im Dorfe imstande war, einen Silber- 
dollar wechseln zu können. Und doch muß in früheren- Zeiten dieses 
Land viel reicher gewesen "sein, wie eine altertümliche, prächtige, breite 
Steinbrüeke bewies, die unmittelbar hinter Lu fang hsien, der dritten 

Nachtstation -^ die zweite war Lao va kwan über einen zum 

S o n g k o i stro mende n F lu ß setz te . 

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Über zwei Pässe und das Dorf Sehe tse (Shetzu oder Seitze), 
von deren mit Eichen und Kiefern bewachsenen HäTigen Baumrhododendj^en 
{Rhxlodendron glanduliferum) mit ries _ 
und lederartigen Blättern hcrautleuchteten, war am übernächsten Tag 
(28. Juli) die reizend im Talkessel gelegene, ummauerte Stadt KAvang 
düng hsien erreicht. 

Lange Züge von Jfaultieren und munteren Eseln mit großen Steinsalz- 
hlöcken, aber auch Lastträger, Männer, Frauen und selbst zarte Kiudcr 
mit derselben Bürde begegneten uns häufig. Sie kamen aus den nörd- 



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ist wenig zu sagen. Sie machen einen elenden, verkommenen Eindruck. 
Vielfach liegen die Häuser noch in Trümmern: seit der Zeit des Muham- 

leraufstandes, den der Fanatismus der Chinesen mit großer Tat- 
kraft, aber auch echt asiatischer Grausamkeit niederschlug, wobei die 
Bevölkerung, Frauen und Kinder eingeschlossen, zu Hunderttausenden 
niedergemetzelt A\urde, hat man noch nicht Mittel und Lust gehabt, an 
den Wiederaufbau zu denken. 

Die Armut der Bevölkerung tut sich auch in ihrer äußeren Erscheinung 
kund. Selten, nur noch in den entlegensten Gebirgstälern des Tsin ling ^ 

schan, habe ich so viele verkrüppelte Kinder, Kretins oder sonstige j 

Kranke gesehen, wie hier. Der überaus häufige Kropf verunstaltet auch 



^ 
1 



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4 
J 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 89 



licherenLandstricheii und bogen bei S che tseJiO Li östlich Kwang düng, 
in die große Straße nach der Provinz ialhaui^tstadt ein. 

Bald hinter Kwang düng erhebt sich das Gelände von neuem 
und an den Lehnen reich mit Tannen und Kiefern bewachsener Rücken 
führte der Weg zu der wiederum im Talboden liegenden Stadt Tschu 
hsiung fu, deren Tor wir gegen Abend durchschritten. 

Tschu hsiung f u (Chu hsiong fu) ist die größte Stadt des Hoch- 
wegs nach Tali fu. Bald hinter Yo tsai, auf halbem Wege /wischen 
Kwang düng und Tschu hsiung fu konnte man einen etwa 50 ra 
breiten, braunes Wasser führenden Fluß rechts in den Bergen verschwinden 
sehen. Zu ihm -enkte sich die Straße hinab, führte schließlich an seinem 
rechten Ufer bis Tschu hsiung fu und noch einige Tagereisen 
\\eiter nach Westen, bis er rechts in den Bergen verschwand. Wir be- 
fanden uns also, im Gegensatz zii den Fluß- und Bachläufen der ersten 
Reisetage, im Stromgebiet des Yang tse. 

Hinter Tschu hsiung fu zeigt die Gegend sanftere Bergformen; 



den' rötlichen Boden bedeckten, so weit das Auge reichte, straucliige 
Eichen mit dicken, unterseits filzigen, wintergrünen Bkättern, dazwischen 
ragten vereinzelte Kiefern [Pinus sinersis var. yuyinanpisis) über ihre 
Umgebung hervor, der Lieblingsaufenthalt der zahlreichen Holztauben, 
der einzigen Wildart, die ich außer den ungemein häufigen Wiedehopfen 
hl dieser Landschaft zu Gesicht bekam. 

Das Dorf Da schih pu war unsere nächste Xachtstation. 

Erst hinter Tsche nan tschou, einem unbedeutenden Markt- 
flecken genau in der Mitte zwischen Yünnan fu und Tali fu, wird 
die Landschaft reizvoller. Lüho(kai) und Scha tschiau (kai) sind 

hier die Rastorte. 

Hinter Scha tschiau (Sha chiao kai) verläßt die Straße den Fluß, 
steigt in dicht bewaldeten Schluchten oder an Berglehnen empor, senkt 

- . . .1 1^ : ..f ,,»s-i in 



sich steü in ein neues Quertal 
engen, ausgetretenen Kinnen einen neuen Rücken zu erklimmen. Die 
Hänge sind jetzt, vor P u tsehang ho, wieder kahl; ganze Stellen leuchten 
in schwelligem Glänze; der Boden besteht aus braun-rötlicher Krume, 
man glaubt durch die Erzhalden einer Hüttengegend zu wandern. Welch 
ein Reichtum an Erzen muß in diesen Bergen verborgen sein! Wieviel 
Mineralsalze müssen rechts und links von der Straße in den Bergen auf- 
gehäuft liegen, in den Bergen, die kaum ein Europäer betreten hat, an 
deren Stelle in der besten Karte der Provinz, der des englischen Majors 
Davies, das Wort „unsurveyed^= so häufig den Reisenden angähnt! 

Die Anstrengung, mit der Last bergauf, bergab zu klettern, war selbst 
für die berggewohnten Tiere zu viel. Die Pferde kamen in Pu tschang ho 
gerade noch in die Herberge. Eins von ihnen rührte das dargebotene 



90 



W. Limpricht. 



iiielt 



dann hin, um nicht wieder aufzustehen. Ein Ersatztier konnte erst eine 
am folgenden Tage durchziehende Karawane stellen. Ich hatte also einen 
Tag verloren, den wir im nächsten Dorf e, P u p o n g , verbrachten. 

Vom letzten Gehöft vor Pu tschang ho, dem einsam auf der 
Berghöhe, '— dem höchsten Punkt des Hochwegs Yün nan f u— Tali f u 
gelegenen Rasthaus Tien hsien tang (Halle der Himmelsgeister) 
erschien fern am westlichen Horizont ein langer zackiger Bergrücken; 
seine heUblauen Spitzen überragten alle anderen Bergzüge beträchtlicii, 



trugen ab^r trotz der enormen Höhe keinen ewigen Schnee. Es war 
mein Reiseziel, der Tsang schan bei Tali fu. 

r 

. Hinter Pu pong ist die Landschaft großartig. Steil steigt der Weg 
auf die Höhe eines, mit den weißblühenden Baumrhododendren ge- 
schmückten Bergrückens, führt dann stundenlang eben auf dem Plateau 
entlang und senkt sich endlich in steilen Kalkabstürzen zum Talkessel 
von Yün nan yi hinab. Schon vor dem Städtchen zeigten sich .ver- 
einzelte Teiche, an deren Ufern massenhaft Schnepfen, Bekassinen und 
stahlblaue Naehtreiher nach Nahrung suchten. 

Den Abschluß des Talbeckens büdet eine größere, dem fast bis zur 
.Mitte reichenden Schilf nach zu schließen, flache Seeflächc, das Tsching 
lunghai, auf dessen Spiegel ganze Scharen von Enten und Wasser- 
hühnern umherschwammen. 

Wiederum klomm der weitere Weg zur Höhe eines ausgedehnten, 
Pflanzenreichen Bergstockes empor, an dessen ^vestlichem Abfall, im Tal- 
grunde unter Bäumen versteckt, das große Dorf Hung (ng)ai (kou) lag. 

Nun ist vor der Talebene des Örl hai, des Sees von Talifu nur 
noch eine Kette zu überschreiten, deren wilde Kalkfelsen den Anstieg 
recht beschA\ erlich machen. 

Eine halbe Stunde hinter Tschao tschou erscheint die blaue, 
bergumrahmte Fläche des Alpensees Örl hai. Den Zugang zu ihm be- 
wacht der Flecken Hsiakwan, die „untere Sperre", In Tinem in den 
Mekong fließenden Seeabfluß, ein Ort, dessen Handel schon jetzt den 
von Tali übertrifft und in Zukunft noch mehr überflügeln wird, da hier 
die große Karawanenstraße von Teng yüe ting einmündet. Teng 
yue tmg ist wiederum durch Karawanenstraßen mit Bhamo und 
Myitkyina am Irawadi in Birma verbunden, eine Reise, die von 
Tali fu bis Bhamo heute ungefähr 20 Tage beansprucht. 

Noch 30 Li am Fuße der ungeheuren Ketten im Westen, rechts zu 
Füßen die in der Ferne verschwindende,, langgestreckte Fläche des Örl hai 
und am Nachmittag des 7. August hielt unsere klehxe Karawane ihren 
Einzug in die Stadt Tali fu. 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 91 



Da ich so schnell wie möglich in die Berge ^\ollte, durfte ich die Gast- 
freundschaft der beiden einzigen Europäer der Stadt, eines kanadischen 
und eines französischen Missionars, eines eifrigen Jägers und Natur- 
freundes, nicht in Anspruch nehmen, sondern verbrachte die Xacht in 
einer schmierigen Herberge, dem größten Gasthaus des Ortes. 

Schon in den letzten Reisetagen hatte mir mein Pferdetreiber auf 
meine Frage hin von einem Bergtempel in halber Bergeshöho erzählt. 
Ihn beschloß ich zum Standquartier für die nächsten Tage zu machen. 
Seine weißen Gebäude leuchteten in die Stadt hinein und mochten 600 bis 
700 m über die schon 2100 m hohe Talsohle emporragen. 

Nach zweistündigem Steigen standen wir am nächsten Tage vor der 
Klosterfront. Bereitwilligst räumten die Bewohner, freundliche Mönche 
aus Szetschwan, ein größeres Zimmer ein, in dem wir es uns, nach Ver- 
treibung der hier ansässig gewesenen Hühnertamilien, so bequem wie 
ugend möglich machten. 

Das „Kloster der mittleren Temperatur", Dschung ho sse, lag 
für meine Zwecke so günstig wie nm^ möglich. Im Rücken die kiefern- 



bewachsene Lehne des Tsang schan, an den Seiten und nach dem 
See zu mit üppigem Pflanzenwuchs bekleidete Bergwiesen, kiu"z vor den 
Toren der Stadt übersät mit Grabsteinen, düsteren Erinnerungszeichen 
des blutigen ^Muhammedanerauf Standes, zu Füßen die quadratisch an- 
gelegte Stadt, rechts und links von ihr Pagoden, Wallfahrtspunkte der 
halbtibetischen, westlichen Bergbevölkerung, schließlich das entzückend 
schöne Ö rl hai, am anderen Ufer ebenfalls von Bergen umrahmt, all 
das gibt zusammen ein Alpenbild, wie man es schöner in China selten 
noch antreffen wird. 

Spiegel des Ö 



das Kloster 



etwa 000 m höher, hat daher beständig kühleres Wetter infolge der von 
der Höhe herabfallenden Winde. Dazu die einzigartige Aussicht, das 
ungestörte Alleinsein, die vollkommene Ruhe der prächtigen Umgebung 
machen das Kloster zu einem idealen Aufenthalt für einen Botanü?:er, 
der den ungeheuren Rücken des Tsang schan zu seinem Exkursions- 




r 



auserkoren hat. 

Doch auch der Jagdfreund dürfte vollauf auf seine Rechnung kommen 
Die Bergwiesen beherbergen zahlreiche Fasane und in den Felsschluchten 
^veiter oberhalb werden häufig wilde Schafe beobachtet, auf dem See 
tummeln sich Wüdgänse und Enten, in seinen Fluten schwimmen ansehn- 
Hche Karpfen und andere Fische umher. In den Bergen der Ostseite 
^*'ben langschwänzige Goldfasane (CÄr^5o7o/)/^'M.^ amherstiae, Lady 
Fasan), Leoparden sind häufig und bisweilen verirrt sich auch ein Tiger 
aus den noch wilderen Grenzgebirgen gegen Tibet hierher. In diesen 
L'nväldf^Tin ho^-iac^ry TTi^c^t^^ "Pr^ko ii^ifAr dürllipb lind auoh nördhch Affen. 



Am 



119 



W. Limpricht. 



ferner ein von den Chinesen zu Heilzwecken gejagtes, fast meterlanges 
Schuppentier, dessen Schuppenpanzer für 4 — 5 Dollar in den Läden der 
Städte zu kaufen sind. - 

^ 

Tali fu ist schon oft von ForschungsreLsenden besucht worden. 
Der Vatikan des asiatischen Papstes, der Potalä des Dalai Lama im 
früher geheimnisvollen L has s a, lockte viele energische ]\Iänner zum 
Betreten des öden Hochlands Tibet. Aber stets unerhittlich zurück- 
gewiesen, wandten sich einige von ihnen dem benachbarten China zu, 
um von hier die Heimreise anzutreten, die von Batang aus entweder 
über Ta tsien lu den Yangtse abwärts nach Schanghai oder über 
Tali f u nach B r i t i s c h - H i n t e r i h d i e n oder Französisch- 
indochina erfolgen kann. 

Da sich derartige Expeditionen hauptsächlich mit der Lösung geo- 
graphischer oder geologischer Probleme befaßten, sind botanische Studien 
hierbei mehr in den Hintergrund getreten. 

Die Kürze der mir zur Verfügunti; stehenden Zeit zwang mich, von 



allen weiteren Plänen in die ferneren Berge, speziell in die mit ewigem 
Schnee bedeckte, gletscherreiche, nur 4 Tage entfernte Li kiang-Ketle, 
Abstand zu nehmen. Aber auch der eigentliche Zweck meiner Reise, 
die Besteigung des Tsang schan (Dschang schan ^ langer Berg) sollte 
sich zunächst nicht ermöglichen lassen! Tägliche Regenschauer, am frühen 
Nachmittag spärlicher Sonnenschein, abends Gewitter, die Berge schon 
kurz oberhalb des Klosters ständig in dichtem Nebel gehüllt, so konnten 
während langer vier Tage nur kleinere, höchstens dreistündige Ausflüge 
in die nähere Umgebung gemacht werden. Bei diesen Spaziergängen 
legte ich vor allem Gewicht darauf, den schmalen Pfad von den höheren 
Berghängen nach dem Kloster auch in der Dunkelheit zu finden, enie 
Vorsicht, die mir für den Tag der eigentlichen Besteigung von allergrößtem 
Nutzen war. 

X 

Am Abend des 12. Auo;ust klärte sich der Himmel etwas auf. Da p^" 
noch längeres Warten mir die rechtzeitige Heimkehr nach Schanghai 
vereitelt hätte, beschloß ich, am nächsten Morgen unter allen rmständen 
zu versuchen, auf die Spitze zu gelangen. 

Die Sonne war am Morgen des 13. August gerade über den Bergen 
der Ostseite des Sees erschienen, als wir drei, ich, mein Diener und der 
Pferdetreiber, der aus alter Anhänglichkeit für 30 Cents Tagelohn als 

die felsigen Hänge oberhalb des Klosters auf schmalem 



mit 



Pfad emporstiegen. Nebel verdeckte die weitere Aussicht, war aber nie 
so dicht, um nicht die nächste 

Zunächst führte der Weg i 
Höhe die fleißigen Hände der Klosterbewohner ein kleines Feld zum 



3000 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 93 

Anbau von ]Mais und Hafer abgerungen hatten. Es war das letzte Zeichen 
menschlicher Kulturtätigkeit. 

Weiter hinauf mischte sich ein Bambus^ras von 1 



Wiesenflora, um 



Leider! Denn hatten die Matten mit ihrem prachtvollen Blumenteppich 
nur den unteren Teil der Wanderer durchnäßt, so sorgten die hohen 
Bambusstauden, deren Wipfel sich gerade vor den Köpfen der Berg- 
steiger vereinigten, in kurzer Zeit dafür, daß, AAenigstens am äußeren 
Menschen, kein Faden trocken blieb. Und was die nässetriefenden Ge- 
büsche verschont hatten, durchfeuchtete der bald einsetzende, jedem 

* 

Alpenwanderer so verhaßte Sprühregen, der, zumal bei längerer Dauer, 
selbst durch die innersten Kleidungsstücke hindurchdringt. 

Öfters w and sich der Pfad durch Felsentore, zwischen deren Wänden 
infolge der tagelangen Regengüsse das Wasser knietief stand; hier galt 
es, vorsichtig zu gehen, um nicht plötzlich in einer verborgenen Spalte 
zu Tersinten. 



Höher hinauf erscheinen die 



c- 



dunk 



blauen Zapfen {Äbies Delavayi), die von jetzt bis zum Gipfel unser ständiger 
Begleiter werden sollten. Ihretwegen hatten die Chinesen den Weg an- 
gelegt und immer höher weicht der Baum vor der Habgier der Menschen 
zurück. Wie lange noch, und die letzten Reste, dieser prächtigen, dunkel- 
grünen Tannen mit Ihren schirmartig ausgebreiteten Zweigen werden 
sich auf den höchsten Zacken und an schwindelnden Abgründen vielleicht 
noch wenige Jahrzehnte halten können! Vorlauf ig bedeckt die höchsten 
Grate und Spitzen noch dichter Wald. 

Über schlüpfrige, glatte Felsplatten hatten wir bei fast 4000 m den 
Kamm erklommen. Verkohlte Holzstücke vemeten, daß erst vor kurzem 
Holzfäller hier gehaust haben mußten. Der nun noch kaum erkennbare 
Pfad führte den Grat hinauf. Rechts und links gähnte der Abgrund, 



doch hätten die Schirmtanneu und die nun zahlreicher auftretenden 



Alpenrosen den Stürzenden wohl bald aufgehalten. Bei annähernd 
änderte sich die Vegetation völlig. Zwar blieben die Schirmtannen dicht 




edrängt als Wald im Bestand, doch verschwand der Bambus und an seme 
Stelle traten undurchdringlich dichte, übermannshohe Gebüsche von 
baumartigen Alpenrosen, deren purpurne oder heUrotviolette Blüten 
zmn TeÜ noch aus dem Gewirr lederharter Blätter hervorleuchteten. 
Völlig das Bild einer Himalayavegetation höherer Lagen, wie sie sich 
in den hinterindischen Ketten bis nördlich Ta tsien lu hinaufzieht 

und noch am Pe mu schan im oberen Mintalc in Szetschwan m 

ähnlicher Zusammensetzung angetroffen wird. 

Andere, bisher von mir in China nicht gesehene Himalayapflanzrn 



94 



W* Limpricht. 



-\. 



wucherten zwischen den Steinen, leider größtenteils schon verblüht. 
Welch prächtiger Blütenflor muß Anfaner Juli hier herrschen! 



Wee führte 



uns 



vorwärt 



■1 

ohne Weg durch das dichte Alpenrosengestrüpp hindurch 
werden. Und es ging durch Niedertreten der Äste mühsam 
Nach halbstündiger, anstrengender Arbeit hörte das Gestrüpp auf, 
schwellendes ^loos bedeckte den Boden, Bärlappe wucherten an den Baum- 
wurzeln, dann erschien Geröll und ein Steinmal bezeichnete die höchste 

4 

Stelle. Trotz der Höhe, ungefähr 4250 m. war selbst in den Felsspalten 



Bäume 



ur von -1- 



lich kalt erscheinen. . 

w 

Leider war keine Aussicht; alles verdeckte der Nebel Der Aufstieg 
hatte vom Kloster fast 5 ^.^Stunden in Anspruch genommen, eine, höchstens 
zwei Stunden durfte die Rast dauern. Und ich hatte Glück! Gegen 2 Uhr 
brach die Sonne durch, das Gewölk verschwand Avenigstens nach der 
Seite von Tali fu, im Westen wollten die Berge leider nicht zum Vor- 
schein kommen. Tief unten lag das örl hai, der See von Tali fu; 
deutlich war das Südende mit den Häusern von Hsia kwan zu erkennen. 



Am 



SSW na<;h 



Der Bergkamm 
^fPTi ah. Eine 



zweite, anscheinend gleichhohe Spitze schloß sich im Süden an die übrigen 
Berggipfel, soweit sie zu erkennen waren, erreichten nicht annähernd 
unsere Höhe. 

Nur kurze Zeit erfreuten wir uns der wärmenden Sonne, dann zog 

^ 

neues Gewölk von Osten herauf und dichter Nebel verdeckte die Umschau. 
Die vorgerückte Zeit verbot ein längeres Verweilen, daher wurde um 
3 Uhr nachmittags der Rückmarsch angetreten. Gegen 6 Uhr zog ein 
schweres Gewitter auf, nach Ansicht des Träcrers die Rache der Berg- 
geister dafür, daß ein Europäer ihren Woliiisitz entweiht habe. Auf den 
glatten, schlüpfrigen Wegen stürzten wir mehrmals hin, da die nun ein- 
setzende Dunkelheit ein genaueres Sehen erschwerte. Dann wurde es 
völlig dunkel. Die elektrischen Taschenlaternen versagten, wie gewöhn- 
lich; gut, daß ich von den Ausflügen der Tage vorher den Weg kannte. 



Uhr 



Rasch waren 



die Kleider gewechselt; die reiche, botanische Ausbeute und das Bewußt- 



das 



K , 



auf 



kurz 



Meiö 

^ und 



ukehren. hatte wieder neuen Lebensmut gefaßt- 



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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 95 



Am 15. August trat ich den Rückmarsch nach Tali fu an. Da 
mir vor der endgültigen Abreise noch zwei Tage zur Verfügung standen, 
benutzte ich sie dazu, in der Ebene zwischen See und Bergflanken bis 
zum Xordende des Sees zu gehen, um einen Einblick in das Gelände nördlich 
der Tsang schan-Kette zu erhalten. 

■ • Aus dem Nordtor der Stadt führte der gut erhaltene Steinweg zu- 
nächst an drei nebeneinander stehenden Pagoden, einer gixißeren und 
zwei kleineren, vorüber. Die größere, mittlere erhob sich auf quadratischem 
Sockel 15 Stockwerke hoch, während die beiden seitlichen nur 10 Stock- 
werke erreichten. Leider hatten Soldaten den quadratischen Sockel weiß 
angestrichen, so daß ein tibetisches Götterbild gerade noch zu erkennen, 
die diesbezüglichen Inschriften aber überpinselt und unleserlich waren. 
Außerdem hatte man in unmittelbarster Nachbarschaft der sicherlich 



sehr alten Pagoden mehrere moderne Kasernen und einen Exerzierplatz 




geschaffen, worunter die Stimmung der einzigartigen Landschaft natur- 



gemäß leiden mußte. 



Zur 



zerrissene Gebirgskette des Tsan 




We; 



schau, zur Rechten der blaue Spiegel des Örlhai, 
die schmale Ebene am Gebirgsfuße. Mehrmals kreuzten mit Steingeröll 
erfüllte Flußbetten die Straße. Die breiten Gercllhalden ließen ahnen, 
welche Gewalt die Berowasser zur Zeit der Schneeschmelze oder der 



rmmi 



uß 




stundenlang neben den Gesteinstrümmern mit Grabmälern aus der Zeit 
der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der Zeit des Muhammedaner- 

aufstandes, bedeckt. 

Mehrere Dörfer hatten wir schon durcheilt, da erschienen linker 
Hand die Marmorbrüche, die Tali fu weit über die Provinzgrenzen 

imt gemacht haben. Hier zeigen sich im G estein schwai^ze Zeichnungen, 
die bei einiger Phantasie eine entfernte Ähnlichkeit mit Gemälden haben 
können. Man sieht auf ihnen Berglandschaften mit Flüssen und Bäumen, 
oin Spiel der Natur, für das der Chinese eine Art abergläubische Verehrung 
hat und dementsprechend mit hohen Preisen bezahlt. Niedliche Min 
tsehia-Mädchen, wie die mit den Eingeborenen der. Schan- Staaten 
in Birma verwandte Bergbevölkerung hier genannt wird, klettern an 
dem Geröll der Steinbrüche umher, suchen nach solchen gezeichneten 
Platten und fertigen aus ihnen hübsche, vier- oder sechseckige Blumen- 
töpfe, die, mit Versen irgendeines chinesischen Dichters versehen, in den 
Straßen der Stadt Tali von 20 Cents an verkauft werden. 

Gegen Abend war Schang kwan, die „obere Sperre", dicht am 
See gelegen, erreicht. Nicht weit hinter diesem kümmerlichen und ver- 
fallenen Ort, kurz vor dem größeren Marktflecken Teng tschwan tschou 
Hegt das Nordende des Sees, an dessen nördlichstem Punkt ein kleiner 



96 



W. Limpriclit, 



Tempel eine pracht^'olle Aussicht über den See und die ihn umgebenden 
wilden Bergketten geAvährt. 

Hinter Sehang kwan senkt sich der Tsang schan-Rücken und 
seine letzten Ausläufer verschwinden unter anderen Bergzügen. 

Am nächsten Tage, dem 17. August, trat ich vom Sehang kwaii 
aus den Heimweg an; bis Tali fu zu Fuß, dann weiter zu Pferd und ritt 
am Abend des 30. August durch das Westtor in Yünnanfu ein. 

Infolge der andauernden Regengüsse ivar die Bahn nach Laoka}' 
schon seit mehreren Wochen unterbrochen, doch glücklicherweise konnte 
ich gerade an einem der ersten Tage des wieder aufgenommenen Betriebes 
in Yünnanfu eintreffen. Aber der Zug fuhr am ersten Tage nur bis 
Po hsi, am zweiten nur bis Hsiau lung tan, von wo die wenigen 
Reisenden auf Draisinen über die Bruchstellen nach Amitschou be- 
fördert wurden. Für ängstliche Naturen kein Vergnügen, denn stellen- 
weise bildeten nur die Schwellen ohne jeden stützenden Untergrund die 
Bahn, auf deren Schienen die kleinen Wagen über den Abgrund rollen 
konnten. Am nächsten Tage hinderte ein mehrere Meter tiefer See, der 
sich infolge der vielen Regen gebildet hatte, die Weiterfahrt. Aber auch 
hier hatte die französische Bahnverwaltung in anerkennenswerter Weise 
für die ihr anvertrauten Reiseliden gesorgt. In einstündiger Fahrt wurden 
alle über den See gerudert, an dessen anderem Ufer schon der neue Zug 
wartete. So kamen wir bereits am vierten Tage nach Hanoi. In der 
Frühe des 6. September lichtete der deutsche Dampfer ,, Triumph 
die Anker, lief aber noch Kwang yen an der Küste an. Am 13. Sep- 
tember konnte ich jedoch erst von Hongkong nach Schanghai Weiter- 
reisen, wo ich am 17. desselben Monats eintraf. 

08 Tage hatte die Reise gedauert. Ich hatte auf ihr eine der schönsten 
Gegenden Chinas kennen gelernt, w^ar auf einer der Hauptstraßen des 

- • 

Landes bisztir Westgrenze vorgedrungen, ohne auf die geringsten Schwierig- 
keiten zu stoßen. Längs der großen Straße bis Teng tschwan tschou 
am Nordende des Sees von Tali Vvohnen Chinesen; bis dahin führte auch 
nur der Telegraph, in den Bergen hausen als Räuber verschriene Ir- 
einwohner, Mintschias und Lolos. Aber überall wurde ich höflich 
und freundlich aufgenommen, ohne die in anderen Provinzen dem Reisenden 
so überaus lästige Neugier. Froh, eine der für die Zukunft bedeutungS' 



O ^ - . V. v*p5 



vollsten der 18 Provinzen des Riesenreiches kennen gelernt zu haben, 
war ich wieder in Schansrhai eingetroffen, doch zugleich mit dem au 
riclitigsten Bedauern, an der Schwelle des interessantesten Hochgebirge^ 
landes der Erde wieder umkehren zu müssen, nachdem ich gerade eine 
Einblick in dies Naturparadies getan hatte. Gern hätte ich meine Keise 
längs der Ketten der tibetischen Grenzlande nach Norden fortgesetzt, 
doch die Dienstpflicht rief zurück und so konnte ich dem sturmnmbrausten 



Botanische Keisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 97 

Tsancr schan dem lieblichen Örl hai und der Stadt Tali fu zum 
Abschied nur zurufen: ,, Hoff entlich auf Wiedersehen'". 

Zu meiner größten Freude ermöglichte mir die Liebens^vü^digkeit 
des Schanghaier Generalkonsulates noch am Ende desselben Jahres 
die Reise nach den tibetischen Grenzlanden, dem Gebiet meiner jähre- 
laueren Sehnsucht, zu der ich aber eine andere Anmarschroute, die Reise 
auf dem Yangtse nach Szetschwan Mahlen durfte. 

Die botanische Ausbeute. 



a 



) Des Hochwegs Yünnan fu — Tali fu. 



Trotzdem der Hochweg Yünnan fu-Tali fu schon wieder- 
holt von Forschungsreisenden begangen und der Tsang schan eben- 



mir 



auf z uiiehmen 



Der Hochweg von Yünnan fu nach Tali fu verläuft in un- 
gefährer Höhe von 2000 m, die höchste Stelle, bei dem Rasthause Tien 

, . .. , onn „_ l.^ .^,1^.1^ r^io TnlcnVllpn lieapn die 



tiefste Stelle bei Yao tschan kai zwischen An ning tschou und 



Sehe tse mißt 1730 m -, nur wenig tiefer. Dieser Teil Yünnans ist 
ein Kalkplateau und die nur ^^enig darüber emporragenden Ketten ver- 
laufen in annähernder nordsüdlicher Richtung, werden daher von dem 
Ost- West- Wege fast rechtwinklig geschnitten. 

Am pflanzenreichsten sind die Lehnen und Schluchten, die von 
immergrüner Strauchvegetation oder von Nadelwald bekleidet smd. 

Als sehr ergiebig erweisen sich die Talsohlen und Berglehnen bei 
Tsching lung tschiau westlich An ning tschou. die Umgebung 
der Städte Kwang düng und Tschu hsiung fu, ferner die Berg- 
wiesen von Hung ai bis Tschao tschou und natürlich der Tsang 
schan selbst, der z^^ar die Schneegrenze nicht erreicht, immerhm doch 
aber eine stattliche Anzahl von Himalayatypen neben solchen der euro- 
päisch-sibirischen Hochgebirge beherbergt. 

Das Buschx\erk der Berglehnen setzt sich zusammen aus: den Nadel- 
hölzern Piniis sinensis var. yummm7i6^s und Ketekria Davidiana, den 



immergrünen Eichen Lithocmpiis spicafa, Q 



serrata, der Erle Alnus nepalen^is, der schönen Michelia yunnammis, 
Hydrangea asfera, Osfeomeles cMnensis (nur bei Tienhsien tang). 
Pirm PasMa, BauUnia densiflora, Ghchidion mllicaule, Evonymus yun- 
najiemis ÄbelmoscJms moschatus und Sida rhombifoha, Hypencum 
Booherianum und patulum, Nothopanax Bosthornii, Rhododerdron glanduh- 
ferum und höher oben EJi. micropMjfon, Styrax Limpricht 
jyrimulinum, Ceropegia doli chophyUa , Onosma pan 
Potanini var. glaiica und L. pilosa und Wedelia trif 

F. Fedde, Repertorinm specierum noTarum. Beiheft XII. 



culatum, Lepfod 



7 



98 



W. Li mj) rieht. 



Aiu Rande der Gebüsche, an freien Stellen und den Bac hilf ein gesellen 
sich hinzu: Onycldtmi japonicum, Pteris longifolia^ THquisetum ramo- 
sissimum, Kyllingia odorata, Arisaema comanguinenm^ j)UTfnreo~galeQium 
und talense, Aneilema divergens, Hemerocallis fulva^ Paradisea major und 
minor, Ophiopogon japonicus, Paris polyphylla, Hypoxis aurea, Dioscoua 
Hemsleyi, Kaempfera fallax, deren Blüten vor den Blättern erscheinen, 
Foscoea intermedia, Camptandr a yunnancnsis, Hedychium marginatnm 
und yunnanerise, souie eine Fülle ztnn Teil prächtiger Orchideen wie 
Habenaria Delavayl, Hancochii und Lohorum, Herminium angustifolium^ 
Spiraiühes sinensis, Bhiilla yunnanensis, Spathoglossi s Fortunei, A)üho- 
gonium corydaloides und Hemipilia Limprichtii. 

Ferner: Clematxs chrysocoma und paniculata, Thalictrum Dclavayi 
und Lecoyeri (Schlucht um Yung kwan bei Scha tschiau), Sedum 
multicatde, Parnassia WiyJitiana var. ornata, Fragaria vesca, PoteyUUla 
discolor, Cochliantlms gradUs (neu für West-China), Vigna vexiJhila, 
Pueraria peduncularis mit violetter Blüte, Desmodium triflorum, Lespedcza 
sericea, die rote Impatie^is taliensis und uliginosa (mit Lindernia pyxidaria 
und Monochoria vaginalis vor Lao ya kwan), Urena lobata, VicJa 
Delavayi, Begonia Henryi, SteUera Chamaejasine (in Westchina und 
Tibet bis zxmi Wutaischan sehr häufig), Wicksfroemia doUchantha, Os- 
heckia crinita var. yiinnanensis, Primula serratijoUa^ Lysimachia lohelicides 
und ovalifolia, die kleine Gentiana micans, Ipomaea litmgaiemis, Cyna- 
glossum furcatum, Onosma paniciäatuyn, Trigonotis microcarpa, Triplery- 
gium Foi-restii, Pleclranthits adena^Ukus, pliyllopodus und ? rugosus, Orlho- 
siphon pseudmuhicundus, Phtheirospermum tenuiseclum^ Colquhoimia vesiila, 
SipJionoslegia cJiimnsis, ScitteUaria purpiireO'Coerulea, Sopubia trifida, die 
klebrige, hochstcngelige Striga Masuria, Melampynnn rcsenm, Ptdicularis 
rex (gelblühend)^ an Felsen Rhabdofhamncpsis Limprichtiana, Didissandra 
lanuginosa und der wundevvoWe Did ymocarpiis Dielsii (nur um Schetse), 
Thiinbergia fragrans, Ruellia arcuata und^ Strobilanthes apims, Paedena 
tornentosa, Oldenlandia uncinella, Dipsacm inermis, die zierliche WahUn- 
hergla gracilis, Codonopsis Limprichtii (nicht windend unter Kiefern bei 
Ainuigpo) nebrt Ampliicomc argula. 



b) Der blatten und Felsen des Tsang schan. 



Auf 



crinita var. yiinnanensis neben Anemo7ie japoni 



Codonopsis Forrcsti 
Stellen, Quellen m 



i und tubulosa ms 



?Mirr hervorzaubern. 
An derartigen Orten treten hinzu: Hedychium yiinnanense und BoscoeO' 



inedia^ Evipaclis M 



nemone 



und 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 99 



* . % 



aci 



rubra, Parnassia Wightiana var. ornata, Im'paüem sicculifer var. mitts 
und taliensis, Epilobium japonicum, Pleurospermutn Davidii, Buddleia 

is, Utricularia Wallichiana vergesellschaftet mit der 
reizenden Anisadeiiia jmbescem, Viburnum cordifoUiim und Senedo scyfo- 

phyllus. 

Die trockenen Lehnen überziehen: Pollima quadrinervis, Carex 



f 



Orchis Delavayi, Piatanthera Henryi, Spiranthes sincTisi 



japonicus 
Habenaric 



mprt 



foli 



und Limprichtii, Polygonum Bistorta, capitatum, runcinatum, Cucitbalus 



baccifer^ Sihne 



fidgens 



mona 



^X^LLIAj^ V-^t;/ W/t/t LLiitt J-^t^ VlA/^lA'-fJ^ %^M.^-K^ --^- j^ j t^x 

fhemvm und pafulum, PleurosperTnum decurrens, Blwdodewlron micro- 
Vliylon, Qentiayia pedicellata und recurvata, Halema elUptica, Cynoglossum 
amfilnle, Salureja chimnsis, Origanum vulgare, Calorhabdo 
Phlheirospermum lenuisecium, Sopnbia trijida, Pedicularis axillaris, 
densispica, gruina, rex und temäsecta, Patrinia scabiosaefoha, Galium, 
pseudeUlpticum, Cremanthodium Decaisnei, Erigeron alpimt^s, Semcio 
lucorum, Inula brittanica, Yernonia papUlosa, Anaphalis aureopunäata 

und Aster fuscescens. 

Am Fuße der Felsen, auf trockenen Grasplätzen der Bambus zone 
bemerkt man außerdem: Vüex Negundo, Ruhm tricola^: Bauhima dert^- 
jhra, Desmodinmfloribundum, Campylotrovis hirtella, ImligcferaGerardiam, 
LysimacMa vioUscens, Triplostegia Delavayi, PledraMus adenanthm. 
Adenophyra ornata und Senecio tsangcJiayiensis. 



Die Felsen und' Grate des Alpenrosengürtels 



lodendro 



neriifoUum, rvbig 



in dem von Abks Delavayi mit 



Juniperus squamata var. Fargesii gebildeten Waldbestande ^^^isen aut: 



lanosa 



boden), Carex cruciata, ' KylUngia hrevifoUa, Fimhristylis annua, Juncus 



concinnus, PrzewalskU und sihkimens 



ynmiwnense^ Microstylis monophylla, Polygonum vhnparum, Aremna 



naptdigera/ Stellana yunnamims^ Saxifraga einer ascem.^ hispidida 



^trigosa^ Berge nia parpurasce 



und 
my- 



pusilla, Sedum yur^nanse, Viola biflora, Bupleurum / 



Primula Delavayi, serratifoHa und spicata, 



osace Charnaejas 



Genti 



podi 



III Im Yangtse-Tal nach West-China. 

Hinter dem Bahnhof des Städtchens Wusih griißt als letzter der 
Tai hu-Berge der Lung schan oder Drachenberg dem ron 



100 W, Limpricht. 



Schanghai nach Nanking eilenden Zuge nach. Dem Auge des Reisenden 
bietet sieh von jetzt ab eine Aveite, mit Weizen, Gerste und Reis bestellte 
Ebene dar, nur im fernsten Südwesten erscheinen die schwachen, blauen 
Linien niedriger Hügelketten der Umgebung von Li yang hsien in 
der Nordwestecke des großen Sees. 

Die eintönige Landschaft zeigt erst ein freundlicheres Antlitz, wenn 
kurz vor dem Yangtse-Hafen Tschink lang die ersteh Vorposten des 
Nanking er Berglandes an die Bahnstrecke herantreten. 

Tschinkiang (Chinkiang) ist eine Hafenstadt am Yangtse, in 
der nur wenige Europäer, Missionare und Beamte des chinesischen See- 
zolls leben. Außer der weitläufigen, neueren Tempelanlage Kinschan 
(Goldberg) auf einer Insel im Strom bietet die Stadt nur das allgemeine 

Bild der engen, mit Kauf]äden besetzten Straßen und daher nichts Sehens- 
wertes. 

Um so anziehender ist die Berglandschaft südlich der Stadt. Hier 
ragt der migefähr 300 m hohe Wu tschou schan, der Fünf-Land- 
kreise-Berg, empor; bis zur Spitze mit dichtem Laubwald bekleidet, 

t er unterhalb des Gipfels ein kleines Kloster, neben dem natur- und 
und jagdfreudige Europäer ^inen auch von Schanghai aus öfters be- 
suchten, bequem eingerichteten Bungalow erbaut haben. Den Hauptreiz 
übt auf diese die Wildschweinjagd aus, und an Schwarzwild sind die 
Berge des Nanking-Tschinkianger Berglandes überreich. 

Bambus wuchert überall zwischen den Laubbäumen; daher haben 
krautige Blütenpflanzen wenig Platz zur Entwicklung und treten erst 
zahlreicher um die Felspartien der Gipfel auf. 

Saxifraga sarmentosa, stets in der Nähe der Tempel nebst Onjcho- 
fliragmns violax^eus zu finden, wächst auch, hier wild,, auf den felsigen 
Hängen um den Gipfel ist die blaue Glockenblume Plaiyccdon granch- 



fhrum und die 



fulva 



Quercus dentata und Caslanea mollissima überziehen als dichtes 



Buschwerk 



Gipfehi, unter sie mischen sich 



>fera macrosfacJiya, Acer trifidu 



•^■i 



Lonicera japonica und EwpcUarium japonicum. 

Die freien Plätze um die Gipfelblöeke beherbergen AlHum macro- 
stemon, Piatanthera Henryi, LysimacUa ckthroides und Klattiana, Premna 
microphylla und Salvia miltiorrhiza. 

Bei meinen Besuchen des Berges (Mai 1912 und Juli 1913) liatte 
mich stets die Absicht geleitet, den von keinem Geringeren alsFerdinaiid 
Freiherrn von Richthof en so sehr gerühmten „Blumenberg'", 
„eine halbe Tagereise von Chinkiang entfernt", aufzufinden, doch 
alle Mühe war vergebens. 

Endlich (Mai 1913) hatte ich Glück. In einem kleinen Dörfchen am 



'i. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 101 



Fuß des Dschang schan (langer Berg), des Xachbarbergs des Wu 



tschou schan 



Wallfahrt 



nm 



Er wurde natürlich 



und 



durcheilte 



unbekannt. Zuerst waren es 30, dann schon nach zweistündigem Marsch 
50 und gegen Abend gar noch 70 Li. Schon bei den Marmorsteinbrüchen 
von K a o t s e konnte ich deutlich erkennen, daß an das Erreichen des 
Klosterberges an diesem Tage schwer zu denken war, denn am fernen 
Horizont zeigte sich hellblau das Doppelhorn des Hoa schan, noch viele 
Stunden entfernt. Um aber doch für spätere Ausflüge den schnellsten 
Zuuang zu ermitteln, versuchte ich doch noch, möglichst in seine Nähe 

ZU gelangen. 

Die späte Nacht iwang zur Rast, in dem Ortstempel des Dorfes 
Lung tan. Hier erfuhr ich zu meiner Freude, daß das gesuchte Berg- 
kloster nur noch 15 Li entfernt sei. Da Lung tan gleichzeitig Bahn- 
station ist, war der schnellste Zugang gefunden. Der Dienst rief mich nach 
Schanghai zurück. Daher wurde der nächste Sonnte 

des Klosters bestimmt. 

Die freundlichen Mönche des Tempels Ting schui an (Klares- 

Wasser-Tempel) in Lung tan (Drachen- Altar) stellten 

einen Führer. Der gepflasterte Weg zog eine Viertelstunde hinter dem 



unauf; 



Ausläufers 
allmählich in das Tal hinab, dessen rechte Wand 



seiikte 



der zweiten, flacheren Spitze des „Blumenberges" büdet. Das Tal ver- 



Weg; wand sich an den Flanke 



unmittelbar 



herabzog. 



Ein klarer, sprudelnder Bach entquoll dieser Schlucht. 



hm 



der bi'eite. senflasterte Weg 



im 



Ein Stein mit der wegweisenden Inschrift „Bao hoa scha^n 
(prächtiger Berg) stand am Wege und deutete nach dem Kloster, das 
also von Richthofens Begleiter irrtümlich in „Blumenberg" übersetzt 

^vorden war. 

Oder sollte ich mich getäuscht und der geniale Forscher einen anderen 

Berg geraeint haben? 

Die überaus üppige Vegetation, der reiche Bestand an Laubbäumen 
sorgten trotz der Hitze für genügende Kühlung, für die von dem Aufstieg 
über das glatte, schlüpfrige Steinpflaster ermüdeten Püger lagen außerdem 
zwei reizende Pavillons mit Marmorsockeln am Wege, die an den schönsten 
Punkten errichtet ursprünglich ^vohl hatten zum Genuß der Aussicht 



102 W, Limpricht. 



mit boitragen sollen. Jetzt sind sie von Bäumen überwachsen, lassen 
aber immerhin doch manche Aussicht auf die reizenden, weiter oben mit 
Kiefern bewachsenen Hänge der Bao hoa schan- Gipfel frei. 

Steil stieg der Weg an; immer noch zur Linken die von der reichen 
Pflanzem\elt völlig überAvachsenc Schlucht, kam hinter dem letzten 
Pavillon nach dreiviertelstündigem Steigen das erste Klosterorebäude, 
eine Art größere Wartehalle mit kleinerem Tempel, in Sicht, 
erschien eine niedrige, längliche Vorhalle, ursprünglich wohl nur zum 
Genuß der Aussicht errichtet. Nun noch wenige Schritte über Trümmer 

r 

aus der Zeit der Taiping-Rebellion und die Klosterfront lag vor mir. 
Ein kleiner, künstlicher, von gemauerten Wänden umschlossener 



CT 

Bald darauf 



Teich 



immenden Schüdkr 



entnommen 



f 



mit viereckigen glatten Tafeln gepflasterten Vorplatz, an dessem Ende 
zwei Marmorlöwen den Eingang in das Kloster bezeichnen. 

Die Klostergebäude ordnen sich um einen großen, mit glatten Marmor- 
tafeln gepflasterten Hof viereckig an. Im großen Haupttempel thront 
eine Kolossalfigur des sitzenden Buddha, überdacht von einem seidenen 
Baldachin mit bimt bestickten Heiligenbildnissen, wohl der Haupt- 
anziehungspunkt für die Püger, die in Sänften aus der ganzen Umgebung 
herbeiströmen. 

Von den Mönchen und ihrem noch iutrendlichen liebenswürdigen 
Abt freundlich aufgenommen, wurde mir bereit\villigst das ganze, ^veite, 
Avohl 300 Insassen zählende Kloster gezeigt. Sehenswert waren vor allem 
die fast lebensgroße, in Alabaster gearbeitete Figur der Himmelskönigin, 
die reichhaltige Bibliothek, die kolossalen Kocldiessel in der sauberen 
Küche, ganz besonders reizend aber zwei kleine, vollständig in Marmor 
gearbeitete Tempelchen, zu denen vom Kloster Marmorstufen empor- 
führten, wie ja überhaupt der aus Kao tse stammende ^farmor m 
diesen Anlagen eine weite Verbreitung zeigt. 

Für den zahheichen Pilgerbesuch spricht auch der Umstand, daß 
eine ganze Flucht von Fremdenzimmern, mit einfachen, aber sauberen 
Betten, vorhanden ist, die auch fremden Andersgläubigen in bereit- 
willigster Weise zur Verfügung gestellt werden. 

In der näheren, von dichten hochstämmigen Bambushainen be- 
wachsenen Umgebung liegen neben kunstvollen Grabmälern hier ver- 
storbener Äbte kleinere Tempelanlagen verstreut, die älteren, ausgedienten 
Mönchen als Altersversorgung zugewiesen werden. In einem dieser Tempel, 
Lung wang miao (Tempel des Drachenkönigs), wurden als Kuriosmn 
schwarze Molche aus dem benachbarten Tüm.pel gezeigt, die bei lang- 
andauernder Dürre vom Himmel fallen und dadurch Regen anzeigen 
sollen. 



i 



1 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 103 

4 

Die erhabene Ruhe des Bao hoa schan, des Klosters am „Berge 
der Pracht" die freundliche, heitere Art der Mönche, die aufmerksame, 



TTITYI 



Xatur, die Gelegenheit zu den verschiedensten, längeren oder kürzeren 



für die Fremden von Schanghai, Tschinkiang oder Nanking, die 
sich einige Tage von ihrer Arbeit erholen möchten. Aber auch der Jagd- 
freund dürfte auf seine Rechnung kommen. Die dichte, immergrüne 
i^trauchvegetation beherbergt zahlreiche Fasane; wilde Tauben, bunte 



ätiinen 



la-ssungen. Den größten Reiz aber dürften für viele die Wildsch^^eme aus- 
üben, gegen deren Yer^vüstungsbestrebungen die Felder entweder durch 
einen Steimvall geschützt oder nachts durch Wächter in hoch über dem 
Erdboden angebrachten Stroh- und Bambushütten bewacht werden 



müssen. 



\ 



Der früher völlig verwachsene Pfad zu der Spitze, beziehungs^^else 
zu den Doppelspitzen, ist jetzt, seit der rührige deutsche Gastwirt. Otto 
in Nanking ein Zimmer des obersten Tempelehens für Europaer eni- 
gerichtet hat, freigelegt. Er führt durch niedriges, aber außerordentlich 
dichtes Kastaniengebüsch, mit Eichen und Dornsträuchern vermischt, 
steil zur Höhe die eine prächtige Aussicht auf das Yang tse-Tal und die 
Hügellandschaft des Tschinkiang-Nankinger Ländchens S^^ 

Zur Zeit des Drachenbootfestes (7. bis 10. Juni 1913) hatte ich endlich 
Gelegenheit, bei einem erneuten Besuch meiner Klosterfreunde einen 
Ausflug zu den warmen QueUen von Tang seh ui zu unternehmeii. 

Dieser Ausflug erfordert vom Kloster und zurück enien vollen lag, 
ist aber angesichts der Tatsache, daß Schwefelquellen im Osten Chmas 



eltenh 



Weg führt; 



des Rückens hinauf, senkt sich von hier steil auf glatten, schluptrigen 



einsamen Tempel I veh an im 



rande hinab. Der Abstieg an dieser Seite ist landschaftlich vielleicht 
noch schöner als der Anstieg von Lung tan her. 

Die Ausblicke über die bewaldeten Hänge des Bao hoa schan 
und über die anderen Bergzüge des Nankinger Ländchens sind ^on 
einer Lieblichkeit, wie sie sonst in Chhia nicht so häufig, m der weiteren 
Umgebung Schanghai s aber nhgeiids angetroffen werden. Sie smd am 
besten mit unsern deutschen ^Mittelgebirgen zu vergleichen. 

Der noch zweistündige Marsch durch die Talgfünde war wen^er 



reizvoll 



mit der erbarmuni 



Sonne läßt solche Wanderungen nur hitzegewohnten, bedürfnislosen 



Reisenden genußreich erscheinen 



104 , W. Limpricht. 



Endlich v 
Dorf erreicht. 



Umeeb 



sitzen, macht die Landschaft einen ganz anmutigen Eindruck und würdi- 
für spätere Zeit vielleicht den Bau einer Heilanstalt lohnen. * 

Mitten im Dorf tritt heißes, stark schM'efeh^asserstoffhaltiges Wasser 
an zwei Stellen in schwachem Strom aus der Erde hervor. Es wird von 

I 

den Dorfbe\vohneru in etwa anderthalb Meter tiefe, gemauerte Becken 
geleitet, in deren Nähe einige schmutzige Holzbänke aufgestellt sind. 
Das sind die vorhandenen ,, Badeeinrichtungen". 

TN _ ••11 r^ ii/A-i#T-i,^ * « 

' ^ Wasser, die Xeug lei- 
der Dörfler, vor allem aber die mit den ekelhaftesten Krankheiten und 

wide^^^ artigsten Geschwüren bedeckten ,, Kurgäste"' verlockten nicht 
zum Bad. 

Gern hätte ich erfahren, ob nicht auch an einer anderen Stelle des 
Berghanges heißes Wasser zutage träte, doch überall verneinende Ant- 
worten, bis sich endlich ein älterer, freundlicher Mann einfand, dem noch 
zwei Quellen bekannt A\aren. 

Doch schon wenige :\rinuten außerhalb des Dorfes entquoll einer 
Hölilung ein Strom völlig klaren und sehr heißen Wassers, und etwa 
20 Minuten weiterhin befand sich eine etwa öO Geviertmeter große Fläche, 
aus deren Boden allenthalben die Therme emporsickerte. Hier hatte 
man ein steinernes, viereckiges, ungedecktes Badehaus mit zwei Becken 
erbaut, in denen das Wasser rein und klar angesammelt wurde. 

Die Temperatur der Quelle betrug beim Austritt aus dem Boden 
70 bis 80 » C, so daß noch in den Becken die Hitze den Aufenthalt nur für 
wenige Sekunden gestattete. 

Die blühenden Dorf jungen, die mich Ins hierher begleitet hatten, 
sich aber bei der Entkleidung diskret zurückzogen erzählten nachher, 
daß sie täglich mindestens zweimal, Sommer wie Winter, ihr ge^^-ohntes 
Bad haben müßten. Eine in China seltene Erscheinung! Auf unsere 
Frage, ob noch mehr solcher Quellen über die Berglehnen verstreut wären. 



Q 



be- 



zeichnet. Die Ursache der Thermen in dieser anscheinend dm'chaus nicht 
vulkanischen Gegend zu ergründen, muß späteren Forschungen vor- 
behalten bleiben. 



nun 



Das einzig Erwähnens^^erte ist das Vorkommen von Grünalgen, selbst 



an den heißesten Stellen des Wassers. 



liehen Mauern unseres Standquartiers %vieder auf. 



abends 



teraehmui 



s- 



mutiger Pionier in Tang schui den Grundstein zu einem Schwefelbad 



■Sr^"^r 



*f Botanisch!' Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 105 

größeren Stiles legt, wie sie ja Japan schon so zahlreich aufzuweisen hat, 
'Von Pflanzen sammelte ich am Bao hoa schan nur folgende Arten: 
Arisaema Limpichtii, lAriope graminifoHa, Castanea mollissima, Saururus 
Loureiri, Boehmeria platypJiyUa, Phyfolacca acinosa, Sophora flavescei^^, 
Sapium sebiferiim, Ligtisfrim Ibota, dann Houttuynia cordala (überall 
häufiLr^. Paliunts ramosissimus und Lysimaclna detkroides am Rande des 



zusammeniiang 



■^SB^ 



^.^^ 



I ' ^ 



P^ 



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Sv' 



.' '--" 



Die alte Kaiserstadt Nanking am Yangtse ist heute ein weites, 
von den alten Mauern umgebenes Ackerland, in dem sieh einige Dorf- 
straßen hinziehen. Die Stadt bietet dem Fremden daher so gut wie nichts, 
zumal von den früheren Sehenswürdigkeiten, z. B. dem weltberühmten 
Porzellanturme seit dem Tai ping Aufstande nichts mehr vorhanden ist. 
Sehenswert ist vielleicht nur noch der Trommelturm, von dem aus in 
früheren Zeiten Alarmnachrichten über die Stadt verbreitet wurden. ^ 

In Nanking endet die Schanghai- Xankinger Bahn, eme 
Dampf fähre setzt Reisende und Güter über den Strom nach dem gegenüber- 
liegenden, aufblühenden Pukou, von dem die Bahn nach Tientsin 
zum Anschluß an die Peking— Mukden-Bahnlinie weitergefühlt 



Weltkrie 



» 



In der Umgebung der toten, stillen 'Stadt, 



ur 



berges, liegen die Mi-nggräber, die Begräbnisstelle einiger Kaiser der 
Mingdynastie, die aber nicht die eigenartige Schönheit der Ming- 
f^^ g r ä b e r bei P e k i ng erreichen. I mmerhin sind die steinernen Grabfiguren, 

Elefanten, Kamele, Militär- und Zivilgouverneure, deren Statuen ein 
Spalier zu den erdumwallten Gräbern bilden, eines Besuches wert. Ebenso 
auch der kleine Höhlentempel San tai düng (Drei- Altar- Höhle) vor der 
Stadt, das Leprakloster in den Kieferhainen am Fuße des kahlen 
Purpurberges und der Aussicht wegen auch dieser. 

Tai ping fu, bekannt durch die von ihr ausgehende RebeUion, 
am rechten Ufer des Yangtse, ist die erste größere Stadt in Anhui 
(Xganhwei). 



das 



zu Ende, der Reisende sieht die Flacliebene der Tfer nur von der hohen 

Pagode der Stadt übeiTagt. 

Bald folgt Wuhu (hsien); hier halten die großen. Yangtse-Dampfer, 



urop 



emdhandel 



4 



!- 



Von Tientsin traf ich am 15. Januar 1917 über Nanking in Wuhu 
ein, um das berühmte Kloster Tschiu hua schan zu besuchen. Am 
30. Januar fuhr ich wieder nach Tientsin zurück. 

Vier besonders heilige Stätten hat sich der Buddlilsmus in China 

geschaffen- 



n orcr 



106 W. Limpricht. 

V 

Im äußersten Osten des Reiches donnert die Brandung des Stillen 
Ozeans an die kleine Insel Putu (schan), der letzten des Tschusan- 
Archipels, im fernsten Westen, an der Schwelle der osttibetischen 
Schneemauern, ragt der weitberühmte, jäh abstürzende Omi schan 
an 3400 m in die Lüfte; im Norden ruht im Talkessel, umkrän7t von fünf 
Bergkuppen, die schon lamaistisches Gepräge tragende Tempelanlage 
(Da) Wu tai schan und im Herzen des Reichs, unfern des Yangtso, 
iegt Tschiu hua schan (Kiu[djiu] hoa schan) das ,, Gebirge der neun- 
fachen Blütenpracht". 

P 

Ein kleiner, meist diückend voll besetzter chinesischer Dampfer 
fährt in ungefähr U Stunden von der enggebauten, schmutzigen Handels- 
stadt Wuhu den Yangtse stromauf nach dem Hafen Da düng gegen- 
über der Stadt Ho yüetschou. 

Da düng eignet sich am besten als Ausgangspunkt für den Besuch 
des von hier nur 90 Li entfernten Wallfahrtsortes. 

Der Weg führt stets in südlicher Richtung zuerst 25 Li durch das 
emtönig mit Röhricht bestandene Überschwemmungsgebiet des Riesen- 
stromes. Dann erscheint das erste Dorf in nun welligem, von Bambus- 
gebüschen und Kiefernhainen anmutig geschmücktem Hügelland. 

Ein niedriger Rücken (.340 m) ist zu überschreiten; in reizender Lage 
inmitten von Kiefern und Laubbäumen haben :\lönche an seiner Abstiegs- 
seite den Tempel Di lin an zur Rast für Püger erbaut. Zwischen üppig 
mit wintergrünem Strauchwerk bewachsenen Lehnen schlängelt sich der 
gut gehaltene Weg weiter zur Höhe eines unbedeutenden Sattels hinauf 
und senkt sich dann allmählich zur Sohle eines Flußtals hinab, an dessen 

Steilufer er zuerst noch entlang läuft und dann in ein weites Becken au 
nu'indet. 

Das klare, schwach grünliche Wasser entquillt in zwei Armen den 
Hängen des Tschiu hua schan und dient daher weiterhin als Weg- 
weiser zum Tempelbezirk. 



s- 



K 



irz vor dem Dorf Bau bien dj iä kreuzt die Telegraphcnstraße 

Nanking— Kiukiang den Weg, der fast eben in dem flachen Becken 
hinzieht. 

Miao scheu dj i ä mit seiner neuen, festgefügten Stembrücke ist 
der letzte größere Ort vor den immer schärfer hervortretenden, zackigen 
und schroffen Bergen. Bei den Dörfchen Örl sse be, am nun schon recht 
seichten, geröUreichen Flüßchen, ist ihr Fuß erreicht. 

Hier beginnt der Anstieg, der den Bach nicht weiter begleitet, sondern 
steü in Steinstufen über mehrere kleine Tempel auf die flache Höhe zum 
Rasthaus San tien men (drittes Himmelstor) hinaufführt. Von hier 
steigt man in wenigen Minuten zum Grund des Talkessels hinab, in dem 



I 



.■■^ 



/ 



-t^ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 107 



kj 



die Haupttempcl und d^r Ort Tschiu (Djiu) hua schan eingebettet 
liegen (800 m). 

Dieser Talkessel ist allseitig von Bergen begrenzt; nur im Norden 
hat sich der westliche Quellarm des oben erwähnten Baches einen Ausgang 
gebahnt. Im Osten und Süden erreichen die Höhen des Kesselrandc 
ungefähr 1100 m. Ihre nördlichste Abflachung führt den Namen Sehe 
tseu schan (Löwenberg). 

Der westliche Talrand zeigt erheblich niedrigere Formen, er setzt 
sich in flachkuppigen Hügeln bis gegen die Provinz ialhauptstadt An- 
king f u fort. Getrennt durch ein anmut 



Waldt 



m 



Kette des Tien tai die östliche Kesselumranduncr. Auf ilirem Rücken 
steht in die Felsen gehauen eine als Wallfahrtspunkt weit berühmte Kultus- 
stätte, zu der, ähnlich dem Tai schan in Schändung, schwindel- 
erregende Steinstufen über sieben Tempel hinauf geleiten. 

Auch den östlichen Rand des Talkessels von Tschiu hua schan 
krönen vier Klöster, stolz wie Tiroler Burgen gen Himmel ragend; am 
Xordende dieses Rückens führt vom Kamm ein schlechter, stellenweise 
etwas gefährlicher Pfad zur Tigerhöhle (Lau hu düng), einem unter 
Bambus und Felsen versteckten Tempelchen des Ostabhangs. In de- 
benachbarten Tigerhöhle hat sich der einzige Mönch dieses Tempels einen 
nackten Fels zur Lagerstatt erwählt. Oberhalb dieser kleinen Höhle., 
die angeblich die Behausung einer Tigerfamilie gebüdet haben soll, starrt 
ein einzelner, freistehender Felsblock empor, der ,, Löwenberg". Seins 
Hohe gewährt prächtige Ausblicke auf den Talkessel von Tschiu hua 
schan, die nördlich angrenzende Ebene bis zum Yangtse, den Tien tai 
und dessen nördliche Fortsetzung, den -wildreichen Da 

Unter den zahlreichen Tempeln und Klöstern des Talkessels ist das 
imposanteste das Aveitläufige, über 100 Mönche beherbergende Kloster 
Tschi yüan sse, von allen Bergeshöhen an seiner weithin leuchtenden, 

rotgelben Fassade erkenntlich. Zahlreiche Fremdenzimmer mit Korb- 
möbeln und Liegestühlen geben Wanderern reichlich Gelegenheit zum 
rnterkommen ; die Nähe des waldreichen, östhchen Bergrückens mit seinen 
Eibenbeständen {Cevhalotaxus), den prächtigen Spießtannen {Cunning- 
hamia), Kieferhainen und hochstämmigen Bambusdickichten ermögUcht 
mannigfache Spaziergänge, die mühelos bis zu den Tempeln der rhododen- 

löViA anarrf^flfthnt werden können. Auch führt vom 



.mm 



Haupttempel ein Weg in etwa dreiviertel Stunden über den Kamm nach 
Lau hu düng und dem Sehe t^cu schan, und auch der lohnende 
Ausflug nach dem Tempel Tien tai beansprucht nur wenig mehr als 
einen halben Tag. 

Um den viereckigen Marktplatz des Ortes Tschiu hua schan 



V 



108 



W, Limpricbt. 



stehen Verkaufsbuden und Läden, die allerlei Erinnerungen an die heilic^e 



, Papierbogen, auf 



enstände en miniature 



der ge- 



s 



mit seinsn Tempeln abgebildet ist. Am Westende 



steht der z^veitgrößte Tempel des Talkessels; auch er besitzt Fremden- 
zimmer in Hülle und Fülle, ist aber geräuschvoller durch die Nähe des 
Älarktplatzes. 



anz 



des Di tsang, des Oberherm der Hölle, dem der ganze Bezirk geheiligt 
ist, überladene Pagode innerhalb des hochgelegenen Tempels Di tsang sse, 
zu dem vom Markt Steinstufen emporführen. Vom Di tsang -Tempel 

mzen Talkessels östlich in vier Stunden 
umwandem, ein genußreicher Ausflug, der ständig Ausblicke auf den 

zu Füßen liegenden Talkessel und den schroffen, wilden Tien tai dar- 
bietet. 

Von Tschiu hua schan führt der direkte Weg nach Anking fu 
(180 Li) durch liebliche, busch- und wälderreiche Hügellandschaft, an 
felsigen Steilufern klarer Flüsse entlang in westlicher Richtung über 
Wu schi zunächst nach Yin kia hui, wo der Telegraph über das 
nunmehr schiffbar werdende Wasser setzt. Hier treten die Hügel zurück, 
in flacher Niederung strebt der Steig dem Yangtse zu, über den bei 
Tsien kiang kou eine Fähre setzt. 

Noch 40 Li auf den Dämmen des linken Ufers, dann verkündet die 
prächtige, siebenstöckige Pagode Buo ta im Tempel Yin kiang sse 
die Nähe der Provinzialhauptstadt Anking (Nganking) fu. 

Naturfremide oder Touristen, die die liebliche Berglandschaft des 
Tempelbezirks zu besuchen gedenken, wählen zu diesem Ausflug am 
besten dif Frühlhigszeit um das Osterfest, die Blütezeit der R ho do de ndr en 
(Azaleen) und Wistarieu (Glycinien), die die oberen Höhenlasen in einen 
Blütengarten verwandeln. 

Namentlich das rechte Yangtse-Ufer begleiten nun weiterhin 
Gebirgsketten, die von Süden aus den Bergländern der Provinzen An hui 
und Kianghsi an den Strom herantreten. 

Kiukiang, die Stadt der Silberschmiede, ist der nächste größere 
Ankerplatz der Yang tse- Dampfer. Unweit der Stadt, bei Hu kou, 
mündet der Poyang-See in den Strom. Die Umgebung der Stadt 
Kiukiang, besonders der 1800 m hohe Lu schan (Hirschberg), auf 



■■>! 



Europ 



lin 



T 



geschaffen haben, ist schon wiederholt von Botanikern besucht worden 



und 



Kiukiang verläßt der Dampfer die Provinz Kianghsi 
die Provinz Hup eh über, deren wichtigster Handelsplatz die 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibet«. 109 



Dreistadt Hankou — Hanyang — Wutschang ist. Letztere Stadt Ist 
die Provinz ialhauptstadt, Hankou der Sitz der Fremdenniederlassungen 
und des europäischen Handels. Bis hierher fahren die großen Dampfer 
von Schanghai in fünf Tagen. Weiter oberhalb bis Tschungking 
ist die Schiffahrt der zahlreichen Stromschnellen wegen gefährlich und 
wird nur durch wenige eigens konstruierte Dampfer aufrecht erhalten. 
Um so lebhafter ist der Dschunkenverkehr. 

r 

Nach meiner Rückkehr vom Wu tai schan in Schanhsi Aveilte 
ich am 3. und 4. September 1912 zum ersten Male in Hankou. Am 
1. Januar 1914 traf ich wieder in Hankou ein, umfürdie Stötznersche 
Expedition zur Reise nach Szetschwan die Vorbereitungen zu treffen. 



Nach Eintreffen 



urde 



zur Bergfahrt nach Tschungking gemietete Dschunke langsam strom- 
auf getreidelt. Da die Dschunke unser ständiger Wohnort^ war, konnte 
ich mich nicht allzuweit von den Ufern entfernen und daher nur stunden- 
weise an den Ufern entlang wandern, um die ersten Frühlingspflanzen 
einsammeln zu können. 

Unabsehbare Ebene, von fleißigen ^Menschenhänden für den Anbau 
von Gemüse- und Saatfeldern urbar gemacht, ab und zu übermannshohe 
Schilf röhiüchte, nur um die zahlreichen Ortschaften vereinzelte Weiden 
oder wintergrüner Liguster charakterisieren die Landschaft beider Ufer 
des Yanstse tao-elano; von Hankou an aufwärts. 

Endlich ändert sich das Bild. In der Xähe von Yang tschi, einem 
Dorf etAvas unterhalb der i)agodenreichen, malerisch gelegenen Stadt 
Tschikiang erschemen am rechten Ufer die ersten Hügel, Vorposten 
der weiter landeinwärts streichenden Bergketten, deren Häupter jetzt, 
Anfang Februar, noch mit Sclinee bedeckt waren. 



gibt auf 



Weiterhin gegen I tu hsien treten die Hügelreihen dicht an den 
Strom heran und bilden die hohe Uferböschung. Nim wird auch am 
linken Ufer die Landschaft reizvoller. 

In der Stromenge der Tigerzahnschlucht treibt die starke 
Strömung die große Dschunke, die der Stötznerschen Expedition 
als schwimmendes Heim dient, mehrfach zurück und 
einen kleinen Vorgeschmack von den Gewalten des Wassers, die hinter 
I tschang in der wilden Großartigkeit der eigentlichen Yangtse- 
Schluchten (gorges) des Reisenden noch harren. 

Schon ist die Pagode vor der Stadt in Sicht, noch wenige Stmiden, 
und 1 1 s c h a n er ist erreicht. Wohl wenige Städte in China können ihrer 
bevorzugten Lage nach mit I tschang in Wettbewerb treten. Bergketten, 

RmvoU A^r. A, ^'^1.4- ^^Ur,^ l^^rr^rT^ö Tol Q f , ^r>-tn ^11 f{^f^ flnrnh TJpQ*Pn Uud 



aus 



mittelbar zum 



110 W. Limpricht 



ab; auch das Gelände des linken Ufers, an dessen Rande sieh die Haupt- 
Straße entlang zieht, zeigt wellige Erhebungen, jedoch ohne die schroffen 
Spitzen der jenseitigen Stromseite. 

Die Itschanger Fremden sind daher in der glücklichen Lage, ihre 
fieie Zeit zu kürzeren oder längeren Ausflügen in die reizende Umgebung 
verwenden zu können. 

j 

Die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit gestattete nur einige 
wenige Exkm^sionen, die aber für Durchreisende genügen dürften, einen 
Einblick in die Bergwelt der Umgebung I tschang s zu gewinnen. 

Von den Höhen gegenüber der Stadt fällt am meisten der Wutse 
fcichan, von den Fremden seiner vierkantigen, spitzen Gestalt wegen 
,,die Pyramide'' genannt, ins Auge. Mit Sampan über den Strom, einige 
Minuten noch auf steilen Steinstufen empor, führt von dem Einschnitt 
des Rückens, der den Berg mit seinem nordwestlichen Nachbar verbindet, 
ein schmaler Pfad steil in einer halben Stunde zum Gipfel empor. 

Von der Höhe, 320 m, bietet sich ein prächtiger Rundblick auf die 



'o 



chunken 



belebten Strom und die sich im Süden und Südwesten hinziehenden 
Bergketten mit ihren zackigen Rücken, schroffen I'elsstürzen und trotzigen, 
zuckerhutähnlichen Spitzen dar. In der Nähe o-leitet der Blick in Uebliche 



usumg 



bekleidete Abhänge, deren stille Anmut in wohltuendem Gegensatz zu 
der schroffen Wildheit der zackigen Bergformen steht. 

Zu einem anderen lohnenden Ausflug, der allerdings einen vollen 
Tag beansprucht, lockt der etwa 510 m über dem Meeresspiegel hohe 
Tschi hu schan, ein Tempel auf der Spitze eines nach allen Seiten 
in senkrechten Wändein abstürzenden Sandsteinfelsens. Er lehnt sich, 
geschieden durch einen fürchterlichen, aber glücklicherweise nicht breiten 
Abgrund, an einen langgezogenen, ebenfalls aus Sandstein bestehenden 
Bergrücken an. Den Abgrund haben die Erbauer des Tempels mit einer 
2 1^2 m breiten Brücke ohne sicherndes Geländer überbrückt und bis zur 
Höhe des isolierten Felskolosses den Weg in Steinstuf en ' ausgehauen. 
Für nicht schwindelfreie oder ängstliche Naturen kein angenehmer Aufstieg. 
Schon weit vor I tschang macht sich dieser trotzige Zacken am rechten 



Wie 



Ufer bemerkbar und mit bangem Staunen fragt sich der Beschauer, 
es denn Menschenhänden möglich gewesen sei, die weißen, weithm im 
Sonnenglanz leuchtenden Häuschen auf die unersteiglich scheinende 
Felsnadel zu bannen. 

Etwas unterhalb der Itschangrer Pacrode lieo;t am rechten Stromuier 
das Dörfchen Liu tschia peng. Von hier führt ein schmaler, aber 



Weg bis an den Fuß der senkrechten 



rücker 



in ^'tufen auf die Bergeshöhe und schließlich auf dieser entlang in ändert- 



ff " > 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. m 



halb bis zwei Stunden über die erwähnte Brücke zuni Tempel. Gewandte 
Bergsteiger können auch auf Vorsprüngen und Vertiefungen, die gerade 
für den Fuß Raum bieten, unmittelbar unter der Brücke bis zu diesem 
Tempel schon von Hsia wu lung, schräg gegenüber von It sc hang, 
aus beginnen. Er beansprucht, da der Weg bergauf, bergab über ver- 
{?chiedene Rücken führt, vier Stunden. 

Vielleicht das lockendste Ziel dürfte für die meisten der Höhlen- 
tempel Lung wang düng, südwestlich von It sc hang, bieten. Lung 
wang düng, die ,, Grotte des Drachenkönigs", ist ein Tempel innerhalb 
einer größeren Höhle im Sandstein, deren tiefste Stelle von einem unter- 
irdischen See angefüllt ist. 

Die ganze Anlage erinnert ungemein an den prachtvollen Hölilen- 
tempel Fong kwan ming bei Yung fu unweit Futschou fu in 
der Provinz Fukien, ohne jedoch dessen stimmuncrsvoUe Schönheit ^ranz 

r 

zu erreichen. 

Von An miao, gegenüber der Stadt, zieht sich der Weg zuerst 
eine Zeitlang im Talgrund hin und steigt weiterhin auf die Höhe eines 
Bergrückens, um auf dessen Kamm entlang zu ziehen. 

Von hier bieten sich unausgesetzt schöne Blicke auf die Bergwelt 
der Umgebung und die stillen, friedlichen Täler. Zumal im zeitigen Früh- 
ling entzücken den Wanderer die violetten Blüten des Seidelbastes {Daphne 
Genltva), des ,, Flieders" der Itschaugcr, die rosa Blütendolden der 
chinesischen Primel (Prirmda sinensis), deren Verbreitungsgebiet auf die 
Itschanger Berge besclnränkt bleibt, die dunkellila Veilchen, daz u 
als Gegensatz die ernsten, düsteren Zypressen und die graugrünen, spitz- 
nadeligen Kiefern. 

Schon im Februar leuchten um die Dörfer die weißen oder rosa Blüten 
der Obstbäume aus den Tälern herauf, ein Zeichen dafür, daß auch in 
den Bergen die Macht des Winters der strahlenden Kra?t des Sonnenballs 
nicht standhalten kann. 

Der Weg führt am Ende des Rückens wieder zu Tal, aber nm', um 
sich in einem neuen Tal nochmals zur halben Höhe der Tahvand empor- 
zuwinden. Schließlich biegt er rechtsum in ein Seitental, an dessen Ab- 
schlulj tmmittelbar unter senkrechten Felswänden, unter hochragenden 
Zj'pressen versteckt, das ersehnte Kloster verborgen lehnt, zu dem, genau 
wie bei dem Kloster um Yung f u, Steintreppen zut Eingangshalle emj^or- 
f Uhren. Ein entzückender lluhepunkt nach der 3^3!.^ Stunden in An- 
spruch nehmenden Wanderung mit Ausblicken auf die wilden Talwände, 
die felsigen Abstürze des obersten gegenüberliegenden Talrandes. 

In weiterer Ferne, 7 Stunden Fußmarsch von I tschang, ragt ein 
trotziger, ebenfalls von einer Tempelanlage gekrönter Felszacken in den 
blauen Horizont, der Tien hai schan. Leider war es mir nicht möglich, 



\ 



1 



112 W, Limpricht 



auch ihm einen Besuch abzustatten- Wie viele andere schöne Punkte 
sind noch der Erschließung durch naturfreudige Wanderer in der land- 
schaftlich so schönen Berg'v^elt I tschang s vorbehalten! Doch die Zeit, 
in der I tschang als eine Stätte der Erholung aus der glühend heißen 
Yangtse-Niederung in die kühle Luft der Höhen von den Fremden an- 
erkannt wird, liegt in der nächsten Zukunft. Vor dem Kriege Agaren 
rührige Deutsche an der Arbeit, den A\'eltumspannenden Schienenstrang 
von Hankou nach Itschang zu verlängern, um. dieses bergumrahmte 
Yangtse^Idyll dem Reiseverkehr näher zu bringen, jetzt wird die Bahn 
von Amerikanern fertiggestellt und bis Szetschwan weitergefühi't. 

Hinter Itschang treten die Berge beider Ufer näher heran, ihre an- 
nähernd lOCO m hohen Hänge stürzen in senkrechten, kahlen, nur von 
einz einen roten Blütenpolstern der im. z eitigsten Frühling blühenden 
chinesischen Primel geschmückten Sandsteinwänden zum Strombett 
hinab, in dem das strudelreiche, schmutzige, lehmgelbe Wasser des 
Y a n g t s e gurgelnd dahinschießt. Die wilde, großartige Felsszenerie 
der Yangt s e- S chluchten erreicht bei der Stadt Kweitschou fu * 

in Szetschwan ihr Ende. Von nun an begleiten die niederen, sanft- 
gewellten Hügelreihen des roten Beckens den Strom. 

Bambushaine, Obstbaumplantagen, terrassierte Raps- und Bohnen^ 
felder umgürten die niederen Hänge, immergrüne Sträucher, kleine Zy- 
pressen- und Eichenwäldehen bedecken den rötlichen, von der Kultur 
verschont gebliebenen Boden der höheren Lagen, deren Rücken häufig 
von Wachttünnen oder festungsartigen Tempelanlagen gekrönt werden. 

Endlich nach zweimonatlicher Fahrt verheßen wir Mitte März unser 
schwimmendes Heim in Tschunorkino;, der größten Handelsstadt der 
Provinz, und zogen nach ^^enigen Tagen auf dem 2 m breiten Steimveg, 
einer der best erhaltenen Straßen Chinas, der Hauptstadt Tschengtu 
zu. Der AYeg verläßt gleich hinter Tschungking das Yangtse-Tal, 
führt bergauf, bergab über niedere Hügel, deren Hänge zum Teil nnt 
Kiefern und Ounninghamien mit zartblättrigen Eichen als Unterholz 
bestanden sind. Der größte Teil des ungemein fruchtbaren Bodens ist 
aber von den fleißigen Händen der dichtgedrängten Bevöllcerung der 
Kultur nutzbar gemacht. Endlose terrassierte Reisfelder mit Bohnen 
und Rips an den Rainen schaffen ein reizloses Landschaftsbild, dessen 
Eintönigkeit durch die Bambushaine um die zahlreichen Ortschaiten, 
die weiß blühenden wilden Rosen an den Wegrändern sowie einzelnen, 



o 



prächtigen Paulowniabäumen, um deren große, violettblaue Trichter 
bluten bunte, kolibriähnliche, honigsaugende Vögelchen herumschwirren, 
etwas gemildert wird. Zwei Pagoden an den Fluß ufern des L u ho ktindige 
die Xähe von Ne tschiang hsien an; von hier ab folgt die ötra 
dem Laufe des bei Lu tschou in den Yangtse mündenden Flusses, 



vei 



* 



V, 



j^ 



Botanische Reisen in den Hocligebirgen Ciiinas und Ost-Tibets. 113 



läßt das wellige, vielfach mit weiß blühenden Dungölbäumen bepflanzte 
Gelände des Lu ho hinter der Stadt Tschien tschou und steigt bivS 
zur Höhe des Bergzuges emjjor^ der das ehemalige Seebecken der 
Tschengtu-Ebene südöstlich begrenzt. Xoch wenige St imden durch die. 
Ebene und nach elftägigem angestrengten Fußmarsch zogen wir durch 
das Osttor in die ProvinziaDiauptstadt ein. 

Während die große Dschimke von Hankou bis Tschungking 
langsam stromauf getreidelt wurde, hatte ich täglich mehrere Stunden 
Gelegenheit, an den Ufern nach den ersten Frühlingspflanzen Umschau 
in halten. 

Bis vor I tschang sind beide Ufer flach, die weite Ebene steht völlig 



We 



an Feld- 



rainen oder am Saume der Uferröhrichte finden sich neben ubiquistischeni 
Unkraut die ersten Vertreter der ursprünglichen Flora. 

4 ■ 

Rmiunculus sardous, Oxalis corniculata, Arabidopsis Thaliana und 
CapseUa bursa pastoris, Stellaria media, Viola pkilippica, Mazus rugosn^^, 
Veronica agrestis und Taraxacum spec. sind überall gemein und blühen 
schon in den ersten Januartagen; oberhalb der Stadt Scha schi ge- 



Weide 



um die Dörfer Viscuni 



album hinzu. 

Vor Yang tschi erscheinen endlieh niedere, mit Kiefern bestandene 
Sandsteinhügel; Daphne Gevkwa ziert sie in Unmenge. 

Diese Hügel sind die ersten Vorposten de.; Berglandes um die Stadt 
I tschang, hinter- der die großartigen Felsschlnchten des Yangtse- 
Durchbruches (die sogenannten gorges) bis nach Kweitschou fu 
sich hinziehen. 

Um die hohen Uferböschungen um die Stadt Itschang, die Berg- 
lehnen um die Tempel Lung wang düng vnid Tschi hu sc han blühten 
Mitte Februar: 



ca 



Adiantum Capillus Veneria, Carex pisiformis, Eriophorum comosi 
Brassica juncea^ als schönster Schmuck Daphne Genkwa, Primula obco7i 
^nd Gentiana rhodantha, die einem roten Löwenmaul ähnelnde Bramlisia 
Hancei neben Myricaria germanica, von Sträuchern Stachyitrus chinensis 
Und Coriario sinica. 

Pinus Massoniana und Ciipressus junebris setzen die Nadelholz- 
bestände der Höhenrücken und Talflanken zusammen. 

An den Felswänden der Hsin tan- Schnelle wachsen: Sela^ineUa 
caulescens var. suhintegerrima, Cyclophorus Martini, Aspleninm jirae- 
morsum, auf Bäumen Lcranfhu» pseudoodcratus. 

Um die Felsentre der Niu kou tan- Schlucht vor Ba düng 



hsien: Corydalis eäulis, Prunus persica, Senecio scandens. 

F. Fedde, Repertorium specierum novarum. Beiheft XII. 



S 



■1 



114 W, Limpricht. 



r 

Hinter Ba düng hsien führt ein in die Felsen gesprengter Weg 
auf der rechten Stromseite bis Hui yen schi. Hier sammelte ich: Buxue 

w 

Harhindii^ Distylium chinense, Spiraea prnnifolia^ Weiden und Farne. 

r 
r 

Bai schi ist der erste Ort in Szetschwan. Auf dem schmalen 
Felsenpfad um den Ort bei Tschin schi ho erschien zum ersten Male 
die gelbblühende Reinwardtla trigyna, die von nun an bis Kwan hsien 
hinter Tschengtu öfters angetroffen wurde. Außerdem blühten: Corydalis 
racemosa, die Moracee Gironniera spec, die Malvacee Abutilon sinense 
und Wichstroemia- Äxten. 

F 

Der in die Felsen eingesprengte Weg führt durch die prachtvolle 
Wu schan-Schlucht und die Blasebalgschlucht (Feng hsiang 
d s ia) nach K av e i t s c h o u f u , v on wo ich auf den groß tenteils 



Sandsteinhügebi nordnordö 



Vegetation antraf. Außer den gerade blühenden^ Stachyurus chinensis, 
ZanlTioxyhim alatnm var. plaiiispinum, Buddleia officinaUs und Lonicera 
mucronaia fand ich CorydüUs edulis und racemosa, Polygala süirica, 
Cynoglössum micranthum, Petasiles tricholohm, sowie die kleinblütige 
Speranskia cantoiieiisis , 

Hinter Yün yang hsien bis zur Stromschnelle Hsin lung tan: 
Beinwardtia trigyna, Thyrocarpus Sampsoni, Mazus rngosus, ferner 
Adianlum capillus veneris, Equisetum ramosissimum, Myricaria germanica. 

Zwischen Schi pao tschai und Kwan tschi tschang oberhalb 
der Stadt Wan hsien an den hohen Böschungen beider Ufer: Salix 



Ö 



Bockii, Querem Engleriana, Gardamvm flexuosa subsp. debilis, PotcntUla 
Limpichtii, Androsace saxifragaefolia, Gentiana delicata, Mazus rugosiis; 
am rechten Ufer: Viola grypoceras var. barbata, Sanicula yunnariev-sis, 
Gentiana rhodarhtJia, Stachyurus und Cupressus funebris. Die Bambus- 

1 

haine und Obstbauniplantagen gegenüber Tschung tschou beherbergten: 
Iris japoiüca zwischen Polypodiitm Buergerianum, Saururiis Loureiri, 
Corydalis racemosa, Reinwardtiatrigyna, Androsace saxi frag aefoUa, Samcula 
yun-nanensis^ Viburnum hypolencum und Senecio ramosus. 

Weiter aufAvärts weisen die Hügelreihen schöne Bestände von Eichen 



[Quercvs glanduUh 



tiprcssus funebns) 
[ Saubohnenfelder 



zwischen 



Oberhalb des größeren Dorfes Yang tu tschi sammelte ich den 
schon in Fukien gesehenen epiphy tischen Farn Drynaria Fortunei, Viola 
diffusa, Thyrocarpics Sampsoni, das weiß blühende Viburnum hypoleucnnh 
den gleichfaUs weißblühenden Bidtm pilosa nebst Carex moupinensts. 

An der großen Sandinsel Lan tschu pa vorbei künden Pagoden an 



g" 



beiden Stromufern die Annäherung an Feng tu hsien an. Die Ber 
des rechten Ufers flachen zu sanften Hügeln ab, links zeigen sich nur 
noch fast kahle Berge mit kümmerlichem. Zypressenbestande, erst hinter 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 



115 



Feng tu hsien treten wieder höhere Bergzüge schief winkelig an das 



rechte Ufer heran. 



Von Kua mu hsia (linkes Ufer), bis H^in tschi kiang (rechtes 
) begleitete ich die Dschunke an beiden Stromseiten, dann erscheint 



an der Einmündung des die Provinz Kwetschou durchstr 



Kung tan die durch 



Wein 



ober- 



halb der ich von Beginn der Hwang tsau-Schlucht an deren Kalk- 
hängen entlang bis zui' Stadt 



wanderte. 



Tschang schon hsien am Ufer hin- 
Juniper US- Arten, massenhaft StachynriLS 



ckinensis, Carex Gaudi chaudiana vs^v, Thunbergii^ Eriopjiormn comosum, 
Aletris japo7iica, die weiß- und rosa blühenden Corydalis eduUs und 



racemosa, zwischen den Ufersteinen 



Limpricläii, Reinwardlia 



trigyna^ Sanicida orthacantha, Hydrangea mit vorjährigen Blüten, 



// 



Gentiana rhodantha und Vibiirnum hypokucum. 



Zwischen Tschungking und der Provinz ialhauptstadt Tschengtu 
f u führt die mit breiten Steinplatten belegte Straße durch reizlose, reich 
bebaute Gegend. Die niederen Hügel der Landschaft sind teilweise be- 
waldet, Kiefern, Eichen und Spießtannen {Cur>ninghamia Imiceolata) 
setzten diese Bestände zusammen. 

ins japomca und die gelbe Reinwardtia trigyna sind noch häufig, 
ebent^o das weiße Viburnum hypoleucum, daneben zeigen sich gelbe Cory- 
dalis^ Potentilla discolor, Lysimachia Candida, Gentiana deUcaia und 

Pedicellata, erstere vielfach auf den Gräbern und Totenhügeln um die 

Städte. 

■ 4 

A.n den Berghängen um das hochgelegene Dorf Hwang kuo schuc 



hinter Yung tschwan hsien bilden 
nduUl 



nits 



Massoniana 



Q 



icind uUf er a m.it Viburnum liypoleucum, Myrsine africana und Buddleia 
ificiyialis dichte Gebüsche, an deren Rändern neben Farnen und Sela- 
mellen Carex breviculmis subsp. Boykana, C. tristachya, PoleTUilla 
iscolor, das Vergißmeinnicht ähnliche Trigo7iotis ped uncularis , Brunella 

Ulqans, Saf-Urem nrariU.<t nnd P1nninnr\ noinfr/^n cr^{\(^\Uc^r\ 



um' 



tonientosa, um deren Blüten kolibriähnliche Vögelchen herumschwirren; 
^or Lung tschang hsien steht auf kleiner felsiger Anhöhe eine sieben- 
stockige Pagode, in ihrer Umgebung blühen die prächtigen Rosen, Bosa 
^um7m^, Iae}iga4a, Banimae und Limprichtii, die auch noch weiterhin, 

5'^umal im LuL 

In der TTn 



auitret 



gebimg der Stadt Xe tschiang 



die 



;edehnten Plantagen des 



, , Dungölbaumes" Äleurites Fordii, einen 



prächtigen Anblick. Die großen, weißen Blüten, 



nni' 



baumhaines hery 



täusche 



or. 



8* 



116 



W. Lämpricht. 



Das schwach gütige Öl dieser Bäume bildet als W o o d o i 1 einen Haui.t- 
handelsartJkel der Provinz Szetschwan und wird in großen Toube- 
hältern auf Dschurkcn nach Hankou geschafft, wo es nach Schanghai 
weiter veilracbtet wird. 



Welli 



foU 



zur beiderseits von Pagoden gekennzeichneten Fähre über den Lu ho 
vor den Toren von Tse yang hsien. Hinter der Stadt erinnert die 
Gegend etwas an Yünnan, Dungölbäume, Zypressen und die hoch- 
ragende Pierocarya sienoptera sind häufig, am Wegrande zeigen sieb die 
gelbe Caesolfinia japonica, Caryopferis ternificra, Laduca vcrsicolor und 
w-eiterhin Bosa chinznsis (rotblühend); Stachyurus chincnsis, Daphm 



Genkwa und Eeinuardtia irigyna, Carex hreviculmis subsp. Boykana, 
Banunculm lanvginosus, Lotus corniculatiis, Polygala sibirica, PolenUlla 
discolor, Thyrocarptis Sampsoni, Lysimachia Candida und Crepi-'^ japonica 
blühen um die Kiefernhaine, die das bergige Land bis zum Rande des 
Beckens von Tschengtu durchziehen. 

IV. Im chinesisch-tibetischen Grenzgebiet. 



A. 



Wassu 



Nur 60 km nordwestlich von Tschengtu liegt da, wo der Min -Fluß 
das Bergland durchbricht und in die -Ebene austritt, das kleine Städtchen 
Kwan hsien, das Eingangstor in die „Barbarenländer ^ des Norden^ 
und Nordwestens. Ein weitblickender IMenschengeist hat hier künstliche 
Stauwerke geschaffen und dadurch die Kraft des wilden Bergstronies 
in eine große Anzahl einzelner Aime zersplittei b, die die Tschengtu- 
Ebene durchziehen und dem Ländchen die beispiellose Fruchtbarkeit 
verleihen, die seine Bewohner zu den wohlhabendsten Landwirten ganz 



Chinas gemacht haben. 



Das 



Anlage 1 



un 



Ö 



wang miao, 



dig, und ihm zu Ehien ist der prachtvolle 
einer der schönsten in t'hma, im Nordwesten 



der Stadt außerhalb der L^mfassungsmauern errichtet. 



hendeFiählin 



[ie wenigen 
Ausflügen- 



Boten schon die dicht mit Strauchwerk und Laubwald bes 




nen, 



zum Min-Flusse abfallenden Hänge des über 1000 m hohen Lao djun 



Ö 



o seine bunt bemalten 

reicher 



und reichlich vergoldeten Hallen hinauffühlt. Gelegenheit zu 
Beute, so wurden in den folgenden Tagen meine höchsten Erwartungen 
Übel troffen. Im Westsüdwest erhebt sich der zackige, kurae Kalkruc t- 

j 

9 

*) Im IL Teil als Ost-Tibet bezeichnet. 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 1X7 



des ungefähr 2r)00 m hohen Tsao gung seh an, der überall im Umkreise 
sichtbar, einen guten Überblick über die umgebende Bergwelt gewähren 

mußte. 

Zu seinem Besuche brach ich am Morgen des 10. April von Kwan 
hsien auf, verließ die Stadt durch das Westtor und überschritt gleich 
hinter dem Tempel Örl wang miao auf schwankender Bambushänge- 
brücke den rauschenden Min, an dessen rechtem Ufer der Weg nach 
^lung: kungr tinof oder Hsin sai tse entlancr fühlt. In Ma tschü, 



O -^--j-, w ^^ * ^^^^ ^ 



43 Li hinter dsr Stadt, verließ ich die Straße und bog nach links in die 
Berge hinein, folgte zunächst dem Laufe eines durch Kohlenwäsche dunkel 
gefärbten Wassers bis zu den Häusern der Kohlengräber, bog wiederum 
links ab bis fast zur Höhe des talschließenden Rückens, stieg den Rücken 
rechts hinauf und stand nach fünfstündigem, ununterbrochenem Steigen 
vor dem kleinen, taoistischen Tempelchen auf der Höhe des von SW 
nach NO streichenden Kammes. 

Die Berghänge waren mit übermannshohem Bambus, untermischt 



mit Strauchwerk und vereinzelten Laubbäumen, dicht bestanden; die 
Kalkfelsen zierte ein prächtiger Blütenflor hellrosasr Primeln, Bergenien 
und weißer Lilien, die kleinen blatten am Fuße der Felsen prangten im 
Leuchten purpurner Primeln, weißer Anemonen, weißgelber, meterhoher 

und der rosa Trichter des Sauerklees. Die Mühe des steilen 
Anstiegs auf den glatten, schlüpfrigen Bambusstufen war beim Anblick 
der prächtigen Aussicht vergessen. ZuFüßen das Min-Tal, Kwanhsien 
und die im Dunst verschwiramende Tschengtu-Ebene, sonst 
Berge, soweit das Auge reichte, jetzt im zeitigen Fiühjahr noch stellen- 



rcbideen 



; 



l£tn 



Wes 



Kette des Ban lan schan, 

kung ting entlangführt, und im Nordnordosten die Schneegrate des 

Kiu fung schan bei Maut schon. Der nächste Tag brachte mich 

nach meinem Ausgangspunkte zurück. 

Die Zeit bis zum Eintreffen der Kameraden war hauptsächlich den 

m 

Vorbergen dss Tsao gung schan gewidmet deren dichter Buschwald, 
Eichen, Eiben, Cunningharaian, Bambus und Gräberbäume {Photmia 
■■ierrulata) im Verein mit Königsfarnen den zahlreichen, allzu bunten Gold- 
fasanen zum willkommenen Veistecke dient. Endlich trafen die anderen 
ein und wir vier, zwei blieben in Kwan hsien zurück, wanderten am 
linken Ufer des Min auf der Straße nach Sung pang ting flußaufwärts. 



bogen bei dem Knie des M i n rechts in eine enge Felsenschlucht ab, an 



deren Ausgang am Fuße des Yang tse ling das Dörfchen Yu tschi 



kou lai 



Hier be^/innt der Aufstieg zu dem 1600 m hohen Paß, dessen Höhe 
ein kleines Kloster beherrscht. 



118 



W. Limpricht. 



/ 



An den Hängen der zum Paß einschnitt herabsteigenden Bergkuppeu 



blüht 



en unter Bambus die ersten hellvioletten Alpenrosen sträucher. 



von nun an wenigstens in den höheren Lagen unsere ständigen Begleiter. 



Wenige Schritt 



da in dem 



die zwei Häuser von Hsin dien tse, schmierige, verräucherte, niedere 
Hüttenwirtshäuser und doch ein willkommener 
Tempelk]oster Unterkommen nicht zu haben ist. 

Im Anblick hoher, schneebedeckter Berge im Südwesten und Nord- 
Westen erreicht der Abstiegsweg schon nach 1% Stunden bei Yin hsiu 
wan das Min-Tal wieder, um nun dauernd an den Felshängen des linkeu 
Ufers entlang zu führen. Einzelne über den Fluß gespannte Bambusseile, 
die so berüchtigten tibetischen Seilbrücken, erschienen als die ersten 
Vorboten des westlichen Lamareiches. 

Zwergige, blaue, großblütige Schwertlilien schmückten die Fels- 
wände, im Verein mit Strauch 
Primeln und Alpenrosen gesellten. In den rein chinesischen Häusern 
am Wege wurden vielfach Armringe aus Nephrit für billiges Geld feil- 
gehalten und nach Aussage der Leute soll dieser Stein öfters in den Felsen 
der Tal wände gefunden werden. 

Fünf Li vor dem malerisch an dem Fuß nackter Felsw ände gelehnten 
Jägerdorf e Tao kwan erschien im Nordnordosten die schneebedeckte 
Spitze des Tung ling schan, an dessen Hängen in halber Berghohe 
die gleichnamige Residenz des Fürsten des Wassu-^^lkchens augelehnt 
ruht. Acht Li hinter Tao kwan liegt das Dörfchen Tscho tschiau, 
hinter dessen letzten Häusern eine Bambushängebrücke zum anderen 



em 



damit 



Zugang zum Haupttal geschaffen hat, 



Wir 



auf 



Schon nach zwei 



stündiger Wanderimg gabelte sich das Wasser und kurz darauf la| 
linken Arm die aus wenigen, einzelnen, zerstreuten Häusern tibeti 
Bauart bestehende Ortschaft Leang ho kou, deren Bewohner 



zur 



Die wenigen 



t ibetischen Sprachenfamilie gehö rende W a s s u waren . 

Chinesen des Tales bildeten mit ihren eng aneinander gereihten 

eine winzige Dorfgemeinde für sich. Hier sollte für die nächste Zeit das 



Häuschen 



Standquartier aufgeschlagen und dann auf meine Wü 



hin der 



Weitermarsch nach dem nm- von Potanin betretenen Min schan- 
Gebirge nördlich Sung pang ting an der Grenze der Provinz K ans u 
angetreten ^v^erden. 

Auf mehreren eintägigen botanischen Ausflügen, die ich aui 
Höhen der Wände des sich von NNO nach SSW hinziehenden Tales unter- 



1 

Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 119 



nahm, zeigten sich mir im Südwesten über 4000 m hohe, jetzt noch reich- 
lich mit Schnee beladene Bergmassive, denen die Anwohner den Sammel- 
namen Pc mu schan beilegen, da auf ihren Berg wiesen eine zu Heil 



zAVecken ausgegrabene, weiße, kleine Z\^iebel Pe mu {Frifillaria RoyUi) 
gedeiht, die zu Tal geschafft und in Körben durch Tiiiger nach der Haupt- 
stadt gebracht wird. Schon bei seinem letzten Aufenthalt in Schanghai 
hatte mir der damalige deutsche Konsul von Tschengtu, Herr Weiß, 
das Gebirge als wahre Fmidgrube für Pflanzenschätze geschildert und da 
die anderen Herren im Standquartier reichlich zu tun hatten, bescliloß 
ich den Berg zu ersteigen imd fand zu meiner großen Freude in dem 
Geodäten der Expedition, Dr. ing. Israel, einen Begleiter, cler mit den 
Versuch wagen wollte, über das Gebii-ge nach Tsaka lo, einem fast 
ganz von tibetischen Hsi f ans bewohnten Orte an der Piker- und Handels- 
Straße von Mau tschou nach Tatsien lu zu gelangen. 

Tn der Frühe des 22. April verließen wii' das Dörfchen Leani^ ho 
kou, zogen das Tal in südsüdwestlicher Richtun;^ hinauf und hatten bald 
die nur 8 Li entfernte Hauptsiedelung Tsao po, nach der man das ganze 
Tal ,,Tsao poer Ta?' nennen könnte, erreicht. Die viereckigen, oben 
flachen, in der Farbe vom Erdreich kaura zu unterscheidenden, aus Steuien 
roh zusammengefügten Hänser sind an den Talhängen zerstreut; die 
trotzig in die Lüfte ragende Burg mit dem viereckigen, nach oben sich 
verjüngenden Turm, der von weitem den Eindruck eines Fabrikschorn- 
steins vortäuscht, stand jetzt leer, diente nur noch als Gerichtsgebäude 
und als Aufenthalt für einen alten, durch die unerläßliche W^llfatet 
nach Lhassa angeblich schneeblind gewordenen Lamapriester und seinen 
uoch im Kindesalter stehenden Gehilfen. Der „Tusze-', das Oberhaupt 
des Tales, wohnte un^\eit der Burg in einem stattlichen Bauernhaus; 
obgleich Wassu, trug er doch chinesische Kleidung^ bediente sich der 
chinesischen Sprache und fühlte sich iix seinem ganzen Gebahren als 
chinesischer Beamter. 

Bei dem Wachtturm verließen wir* das bis auf einige Pappeln vor 
den Häusern baumlose Tal, folgten dem hier von rechts einmündenden 
Bache und zogen in nordwestlicher Richtung in seiner Schlucht aufwärts. 
-Sach 200 m Steigung erschien in der Verlängerung der Hnken Talwand 
der zackige, schneebedeckte Felsenkamm, der sich von der Spitze des 
1 schien leang schan herabsenkte. Er war unser Ziel. 

Der Weg folgte dem munteren Bächlein bis zui' Wasserteilung bei 
den di'ei Häusern von Lung tan gou. Am rechten Wasser führte ein 
Pfad über den Rücken nach Scha pe, sollte aber in dieser Jahreszeit 
wenigstens für die Träger ungangbar sein, der linke Arm entquoll den 
I^elswänden unseres B 

Deshalb folgten wir seinem Lauf, verließen ihn aber nach einer halben 



erges. 



120 



W. Limpricht. 



Stunde und stieo^en steil bin zu einer Ahn hinauf, auf dei' die beideji letzten 
Häuser des Tales lagen. Noch ein kurzes Stück frischgepflügten Ackers 
und jedes Anzeichen menschlicher Kulturtätigkeit v^erscliuand. Der 
schmale Fußsteg führte von nun (2000 m Höhe) an durch einen dichten 

m 

G ürtel schmalblättrigen^ übermannshohen Bambus, unterruischt mit 
Kastanienbäumen und Khododendronsträuchern, deren weiße, weißrote 
oder gelbe Blüten dem fahlgelbgrünen Dschungel ein bunt freudigeres 
Aussehen geben. Diese Bambusdickichte sind der Lieblingsaufenthalt 
der schwarz weißen, in euroi^äischen oder amerikanischen Museen und 
züologibchen Gärten noch recht sparsam veitretenen Ailuropus-Bärcn, 
die der zahlreichen, aus unverdauten,, gelblichen Bambusfasern bestehenden 

T 

Losung nach hier häufig vorkommen müssen. Höher hinaxif werden die 
Alpenrosen z ahlreicher, im.mer öfter erscheinen die prächtigen^ weiß - 
blühenden Baum,rhododendren, der Bambus tritt zurück und verschwindet 
schließlich ganz. 



;?rune 



Ästen treten an seine Stelle, ihr moosumsponnener Fuß ist übersät von 
grünlich- weißen Blattrosetten rosablühender Ali^enprimeln, deren Er- 
scheinen einer ungefähren Höhe von 3000 m entsjjricht. 



nm 



tte in 3640 m Höhe verrieten zwei schräg stehende, 
durch dünne Holzstangen gestützte Dächer die Anwesenheit von Menschen. 
Es waren Wurzelgräber, die in dieser unwirtlichen Höhe auf die Suche 
nach heilkräftigen Pflanzen ausgingen. Bei ilmen schlugen wir unser 



Zelt auf. 



am.en 



schwarzes, 



wildes Loch); er bietet prächtige Ausblicke auf die hohen, langen Fels- 
kämme des linken Min-Ufers bis in die Gegend von ^la u tschou und auf 
die in Schnee starrenden ^'pitzen und Grate des Hsüe lung pao- 
Stockes im Norden dar. Hier blieben am nächsten I\rorgen die Träger 
zurück. 



Weiter 



nnu' 



zu denen sich \^'eiter oberhalb auch Wachholder gesellte, auf semem 
Bücken entlang, bis der Wald verschwand und die schneebedeckten 
Hänge nur noch Alpenrosen bekleideten. Da die Aussicht auf die Taler 
und Kämme vorzüglich der linken Seite schon Material genug zur wissen- 
schaftlichen Beobachtung bot, blieb Dr. Israel hier zurück, um mit 
Hilfe seines L^niversalinstrumentes die Bert^eshöhen zu bestimmen un 



mit dem 



amm 



der Steig, falls ein solcher 



aus 



dem 



überhaupt vorhanden, lag unter fußhohem Schnee verborgen, 

nur ab und zu niedrige Alpenrosensträucher ihie Gipfelsprosse empor 

-treckten. Immer steiler wurde der Anstieg, der Führer blieb zurück 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 121^ 

r 

spiiter auch mein Diener; so stieg ich denn allein immer höher, bis ich die 
Felsen des Gipfelgrates erreichte. Niederer Wachholder, zwergige Alpen- 
rosensträucher gaben den Händen Halt zum Anklammern und ver- 
hinderten ein Abstürzen in die gähnende Tiefe. Endlich, nach 6 Stunden, 
stand ich im Schnee der Spitze, die kaum einen Geviertmeter Raum bot. 
Xaeh Nordwesten stürzte der Grat sehr steil zu einer bachdurch- 
strömten Talsohle ab, deren Gegenwand sich zu einer zackigen Felsmancr 
auftürmte und nach dem Hsüe lung pao hinzog. Das schneebedeckte 
Spitzen- und Gratgewirr des ,, Schneedrachengebirges", des Hsüc 
lung pao, hinderte eine Fernsicht nach Norden; im Westen und Süd- 
westen Schneespitze auf Schneespitze, am nächsten der in einem über- 
hängenden Felskolosse gipfelnde ,,Kae seh und Tael-Berg" (Tschien 
leang schan), ungefähr 4500 m hoch, eine der zwei höchsten Erhebungen 
des Pe mu schan- Stockes. Nach ihm senkte sich der Grat, auf dem 
ich stand, zuerst hinab, um sich dann wieder zu erheben und in der Spitze 

J 

zu verlieren. Über den ::\Iin hinaus zeichneten sich die scharfen Grate 
und Spitzen einer langen Kette vom Himmel ab; ihre höchsten Erhebungen 
verblaßten in der Gegend von Mau tschou. Tiefes, ernstes Schweigen 
in der Schneewüste, scheinbar keine Spur von Leben, doch sproßten 
winzige, kaum einen Zentimeter hohe, rosa Primeln {Primula petrocliaris) 
aus den Ritzen und Spalten der Gipfelfelsen, zwischen denen die zahl- 
eichen Fährten das häufige Vorhandensein der gemsenähnlichen Goral- 
ant ilopen und der Blauschafe verrieten. 

Noch einen letzten Blick auf die Großartigkeit der Schneelandschaft, 
die grünen niederen Vorberge des Südostens bei Kwan hsien, die in 
grauem Dunst verschwimmende Tschengtu- Ebene und denselben 
Weg wieder hinab. Beim Hinunterklettern leisteten mir die Steigeisen 
Dr. Israels die besten Dienste, so daß ich schon nach dreieinhalb Stunden 
bei meinem am Zeltplatz harrenden Kameraden eintreffen konnte. Das 
Zelt wurde abgebrochen und noch durch die Bambuszone bis zum obersten 
Haus von Lung tan gou zurückgegangen, wo wir die Nacht verbrachten. 

Da es unmöglich gewesen wäre, mit den KulLs die schneebedeckten, 
steilen Hochgrate zu überqueren und so über den Kamm nach Tsaka lo 
zu gelangen, gingen wir am nächsten Tage auf demselben Wege über 
Tsao p.o nach Leang ho kou zurück, mit der Absicht, nach wenigen 



Stunden wieder aufzubrechen, um über Schape den Übergang über 



das Gebirge zu versuchen. 

Schon kurz nach drei Uhr war alles zum neuen Aufbruch bereu. 
Das Tsao poer Tal hinab war schon nach einer Viertelstunde die Ver- 
einigungssteUe der beiden Arme, deren weiterer gemeinsamer Lauf zum 
Min führt, erreicht. In dem Tale des anderen Armes führte unser Weg 
nach Noidnordwesten aufwärts, bog bei den Häusern von Tsao ba nach 



122 - - W. Limpricht. 



um 



unsenn 



Wassu 



Das Tal ist von Tsao ba ab von großer landscliaftlicher Schönheit, 
steile, felsige, mit üppigem Strauchwerk bewachsene Abstürze en<:en das 
Bett des Baches ein, die trotzigen, viereckigen Häuser der Eingeborenen 
kleben wie Schwalbennester an den Hängen und man bewundert die 
zähe Ausdauer der Bevölkerung, die jeden halbMegs zugänglichen Fleck 



um 



g dem Anbau nutzbar gemacht hat. 



Auch am nächsten Tage wanderten wir in demselben Tale auf « ärts. 
BlauemFlieder ä.hiy\iche- Buddlei a , zahh-eiche blaue Schwertlilien, rote Alpen- 
rosen, gelbe Berberitzen, weißgi-üne, kriechende 



Waldrebe 



hm 



zw'ischen deren Stämmen stellenweise noch der Schnee schimmerte, be- 
standen waren. Der Weg warid sich höher hinauf, überschritt auf einem 
6 m über dem Wasser gelegten Brett den Bach und führte in Windungen 
zur halben Höhe der Talwand empor. 



lichte : 



Umbiegung nach Westen funkelten Schneearate im 



,mm 



Von seinen Flanken kam ein Wasser herab, das sich bei dem einsamen 



unsern 



unser 



hinaufzusteigen 



um 



Hinter den Felsen wieder hinab, bei dem nächsten Vorsprung wieder 
hinauf, nochmals hinab, wiederum hinauf, so führte der We^ in dem 



engen Tale aufwärts. 

r ■ 

Die Szenerie der Landschaft ^^■ar großartig. Beiderseits ^\ilde Kalk- 
felsen, über die bisweilen ein schäumender Wasserfall zischend zu Tal 
stürzte, üppig mit weißrosa und purpurroten Azaleen, Strauchwerk, 
Bambus, Kiefern und vereinzelten Tannen bewachsen, tiefes, ernstes 
Schweigen, nur unterbrochen durch das Gezwitscher der von Steift zu 
Stein über das gurgelnde, kochende Wasser des dahinrasenden Ba<;hes 
hüpfenden Wasserrotschwänze, darüber tiefblauer Himmel, dessen Sonnen- 
strählen doch nur die Spitzen der das Tal begleitenden Höhenzüge in 
goldigem Lichte erglühen lassen. 

Schließlich geleitete der Pfad, auf dem zahlreiche Spuren das häufige 
Vorkommen des schwarz weißen, tibetischen Bären verrieten, über ein 
Brett mit kniehohem, einseitigem, nach unten gebogenem Gertengeländer 
auf die andere Bachseite. Das Tal erweiterte sich etwas, die Felsstürze 
machten grasreichen Hängen Platz, auf denen faustgroße, dunketote 
. Päonienblüten, gelbe Schachblumeri und 



gelbe Schachblumeri und Berberitzen, weiße Anemonen 
piräen, Erdbeeren und wohlriechender Seidelbast, blaue Kreuzblütler 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Oet Tibets. '123 



Lerchensporn, Weiden, Eichen und Kiefern ein dichtes buntgrünes Gemisch 



^u 



bildeten, das den darunter ruhenden Boden gar nicht zum Vorschein 
kommen ließ. 

\ 

Einzelne nun erscheinende Felder, Rodungen im Waldbestand, ließen 
die Nähe einer Ortschaft vermuten. Es waren die wenigen, einzehien 
Häuser des idyllisch gelegenen Scha pe. Gleich in dem ersten Haus 
fanden Avir bei dem chinesischen Besitzer freundlich angebotene Unter- 
kunft. Der Führer, der nur bis hierher gedungen A\'ar, wurde entlohnt 
und sorgte mit Hilfe des Dorfältesten für Ersatz, allerdings erst nach 



längeren Bemühungen, 



Weg 



mibekannt war. Endlich fand sich ein j unger, geschmeidiger Jäger „ wilden' ' 
Blutes, der durch seine Ortskenntnis und Geschicklichkeit uns in den 
nächsten Tagen von allergrößtem Nutzen war. Ohne ihn wären wir wohl 
nie nach Tsaka lo gelangt. 

Am folgenden Morgen war der Weg verhältnismäßig noch gut. Doch 
bald begann die Herrschaft des Urwaldes. Dichter Bambus 'im Verein 
mit Laubbäumen und dornigen Sträuchern, Felsen, von denen man nur 
auf morschen, halbverfaulten Holzleitern denkbar einfachster Bauart 
zum feuchtsumpfigen Talboden hinunterklettern konnte, Brücken aus 



Averiigen, dünnen 



Bäumst 



man 



gaben zu erkennen, daß dieser Urwaldpfad nur für Wurzelsucher und 
Hpchwildjäger bestimmt war. Von den moosbewachsenen Urgesteins- 
felsen rieselte stellem^eise stark eisenhaltiges Wasser herab — die Fund- 
stelle für zwergige Orchideen mit fast faustgroßer, leuchtend purpurroter 
Blüte {Pleione Limprichtii). Schritt für Schritt, einer hinter dem anderen, 



schlagend' 



mit 



Auf schmaler Baum 



an den Felsen hoch über dem Wasser entlang gleitend, zogen wir auf das 
andere Ufer, um dort in ähnlichen Steigen bis zur Einmündungssteile 
eines von links kommenden Baches zu gelange 
stammbrücke über dieses Wasser, mußten wir auf seinem anderen Ufer 
noch ungefähr 150 m bis zu einer Alm emporsteigen, auf der die drei 
einzelnen tibetischen Häuser von Tschin uei lagen. 

Halblinks irlitzerten die Schneefelder des Fe mu schan herüber, 
klar und deutlich hoben sich, der Tschien leang schan und die Spitze 
oberhalb. He gai uo, auf der ich wenige Tage zuvor gestanden hatte, 
vom blauen Himmel ab, trugen jedoch hier auf der anderen Seite, wie 
so oft in China, anders lautende Namen. So hieß der Tschien leang 
schan „Da hsüe tang^' und die Spitze oberhalb He gai uo „Yin 
tsang ko''. Aus ihren Hängen kam der letzte 



Bach 



hinunter, 



124 W. Limpricht. 



pfadlos auf dessen Kies und Steingeröll aufwärts, bis schließlich bei den 

r 

Yüan yüan ko genannten Schneehalden der rechten Talwand der Bach 
schaii 'm rechten Winkel nach Norden umbog. Getreulich folgten wir 
durch Urwald und über Steinblöcke seinem Laufe im neuen Quertale, 
bald am rechten, bald am linken Ufer, da erschien endlich am späten 
Nachmittag am linken und gleich darauf auch am rechten Ufer je ein 
schräg stehendes, zeifetztes Bretterdach mit Feuerstelle. Lachend er- 
klärte der Führer diesen Platz als das ersehnte Mu mu ku. 

Zuerst mußten die vielen Verdauungsreste der Bären, die diesen 
selten von Menschen besuchten Oifc zu ihrem 'Ausflugsort erkoren hatten, 
entfernt werden, ehe es sich unsere Kulis darin bequem, machten und das 



Wir 



unser Zelt auf. 



Dichtes Bambusdickicht, untermischt mit Alpenrosen, begleitete 
auch am kommenden Morgen unseren Weitermarsch, der auch fernerhin 
dem Laufe des Baches aufwärts folgte, bis sich das Wasser teilte und wir 
halbrechts dem stärkeren Arme entgegenzogen, öfters lag die Losung 
von Bären und Leoparden am Wege, der Boden Avar von Wildschweinen 
zerwühlt und große Hufspuren der hier häufig vorkommenden gnuähn- 
lichen Budorcasantilopen erkläite der Führer als Fähiten wilder Ochsen. 
Die Tannen wurden zahlreicher, der Bambus begann dem Strauch- 
rhododendron zu weichen, zum Teil mit Zuhilienahme der Hände mußten 
wir die steile Uferböschung über umgestürzte Ui vvaldriesen emporklettern, 
bis schließlich der Bach unter der immer mehr zunehmenden Schneededie 
verschwand. Nut noch etwa 100 m über uns lag die vermeintliche Paß- 
höhe. Rasch war durch die Alpenrosensträucher hindurch der Rücken 
erreicht, doch welche Enttäuschung! Zu unsern Füßen lag ein neues, 
bachdurchströmtes/ in derselben Richtung ziehendes Tal, am Ende von 
hohen, schneebedeckten Felszacken abgeschlossen. 

Die Hand des Führers zeigte empor; dort mußten wir also hinüber, 
wenn wir unsern Plan, Tsaka lo zu erreichen, verwirklichen wollten. 

Über umgestürzte Stämme, auf feuchtem, moosbedecktem Wald- 
boden ging es steil hinab zur neuen Talsohle und dem im Grunde fließenden 
Bach, an dem bald darauf das kleine Bretterdach Sehe ban pu als 

r 

Obdach für einen Menschen errichtet war. Durch den prächtigen Tannen- 



urw 



Wiederum 



bedeutend schwächere Wasser. Wir wählten den linken Arm zum Aufstieg, 
erreichten aber infolge der Steilheit des Hanges die Paßhöhe nicht mehr, 
sondern schlugen unterhalb derselben im dichtesten Rhododendron- 



fy 



^Duscn im lannenurwaia m douu m rtone unser z-eir aui. 

Ein schnell angezündetes Feuer säuberte die Schlafstelle von Schnee 
darüber crestreutes Tannenreisia sollte die Bodenfeuchtisrkeit etwas 



ab- 



^äl 



V 



^^ 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Oat -Tibets, 125 



f 



halten und wohlgemut streckten wir uns zur Ruhe nieder. Die Knlis 
wachten die Nacht am Feuer, nui der Führer, der abgehärtete Sohn der 
wilden Berge, lehnte sein Haupt an einen Tannenstamm, kauerte sich hin 

und verbrachte so die Nacht. 

Noch anderhalb Stunden mühseligen Steigens am nächsten Morgen 
und der breite, sanft ansteigende Plan des Passes war erreicht. Wurzcl- 
gräber hatten kurz vor der Höhe eine jetzt leer stehende, steinerne Hütte 
errichtet. Einzelne Schneeflachen, zwergige, kleinblätterige Alpenrosen- 
sträucher, rechts und links des Paßeinschnittes höhere, teilweise felsige 
Erhe'bungen. das war das Bild der trostlos öden Landschaft. Während 
Dr. Israel sein Siedethermometer in Betrieb setzte und die Höhe des 
von den Chinesen Sohao tscha pin (Teekochebene) genannten Passes 
zu 3950 m bestimmte, stieg ich allein zur Spitze der nordöstlichen Kamm- 
fortsetzung, um einen Einblick in die durch sie verdeckte Bergweh zu 



gewinnen. 



t- 



Nach einer Stunde stand ich oben, sah aber, daß sich der Kamm 



auftürmte 



mir die Zeit mangelte. Die Aussicht auf die Bergwelt war großaitig, wenn 
auch teilweise einzelne Spitzen unter herannahendem Nebel verschwanden. 
Im Süden lag die von mit erstiegene Spitze oberhalb He gai uo, die 
sich im Tschien leang schan fortsetzte; im Ostsüdost schlössen sich 
die Zacken des Yüan pao, der zweiten Spitze des Pe mu schan, 
an das Massiv des Tschien leang schan an. Im Ostnordost, etwas 
rechts von der höchsten Spitze des von Südwesten nach Nordosten 
streichenden Rückens, starrten die Schnee- und Eiswüsten des ungeheuren 
Hsüe lung pao empor: tief unten über die Nordseite des Kammes 
hinaus lag das Tal von Li fan ting und Tsaka lo, an dessen flu ß- 
durchströmter Sohle der Weg nach Mang kung ting (Hsin gai tse) 
deutlich erkennbar entlang führte; weiter nach Norden büdete eine hohe 
Schneekette die gegenüberliegende Talwand und versperrte jede weitere 

Aussicht. 

Außer den winzigen, schon amPe mu schan beobachteten rosa Primeln, 
waren keine weiteren Blüten zu sehen; nur gelbe Schmetterlinge um- 

-Vi* I 



aukelte 



Marieukäferchen kroch über den blendend weißen Schnee. 

Rasch kletterte ich über die schneeigen Hänge und über loses Steni- 



geröll zu 



urück 



Karawane setzte sich zum Abstieg nach Tsaka lo in Bewegung, das 

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«^vfAU.^>^:;j5tliU4J. V Ulli X cIrÖÖÜ Clil »-J-VX rj xiHJJ.»-*^---"'-^ 

Wassers in den Hsiau ho schon von hier oben aus zu erkennen war. 



eine schwere /.uniuxuag 



die angestrengten Füße unserer Tragkulis werden. Hatte die strahlende 

1^ -^" 



126 



W. Limpricht. " 



sogar 



zum 



Schnee in den Mulden noch brusttief. 



;g auf der Nordseite 
iig suchte der Führer 



einsank 



in den Fußstapfen des Vordermannes, folgte die ganze Karawane seinen 
, Spuren. 

Allmählich wurde die Schneedecke niedriger, die Alpenrosen steckten 
schon ihre Köpfe daraus hervor und in dem tiefer erscheinenden Rhodo- 
dendrongestrüpp war ein schmaler Pfad zu erkennen. Leider verlor er 
sich bald unter dem Schnee einer Rinne und wir mußten uns den Wes 
durch die Rhododendronzone selbst bahnen. 

m 

Der katzengleich geschmeidige Führer sprang voran, schlug mit seinem 
Sichelmesser fauststarke Äste ab und streute sie auf den bemoosten Boden 
zum Zeichen für die keuchend folgenden Träger, welche Richtung er ein- 
geschlagen habe. Vorsichtig zogen wir den steilen Hang tiefer und tiefer; 
mächtige, mit Moos und Farnen umkleidete Tannen überragten schützend 
die Alpenrosensträucher oder lagen, von Alter und den rasenden Stürmen 
zu Fall gebracht, morsch und halbverfault am Boden. Solche vermoderte 
Urwaldriesen mußten überklettert, Steine im eiskalten Lauf eines Baches 
übersprungen werden, bis endhch das mühselige Kriechen ein Ende fand. 

Unter den immer dichter werdenden Tannen erschienen die ersten 
Buken, die Rhododendren wichen dem Bambus ein Bretterdach weckte 
die Hoffnung auf einen zu Tal führenden Steg. Doch tiefer hinab mußten 
wir uns am Rande des nun stärker werdenden Baches entlang den Pfad 
selbst bahnen, bis bei einem zweiten Bretterdach alle Not ein Ende hatte. 
Ein guter Weg führte zum H s i f a n -Dorf S s e u t a i und weiter abwärts 



drei 



Hsiau ho. Auf 



auf 



andere felsige Uferböschung empor und wir hatten das. hoch über dem 
Flusse gelegene Tsaka lo (Tsaka nau) eixeicht. Neugierig von den 



Lamas 



Um nicht denselben 
mr Heimkehr dieStr^i 



en Wirte Quartier, 
ikzusehen. wählten 



des Hsiau ho und gelangten über Li fan ting (60 Li) und Ku tscheng 



der Hsiau ho in den Min. 



Wei tschou (40 Li). Hier mündet 



ummauerte 



Handelsplatz der ganzen Gegend und darum auch der Sitz von vier eng 

mm -v _^ . 1 • 



lischen 



;edruckte Bibeln die eingeborene Bevölkerung dem Christentume 



auf 



über Wen tschwan hsien nach Tscho tschiau und auf dem uns 



4 



■J, 



y 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 127 



schon bekannten Wege über die Bambushängebrücke nach Leang ho 
kou zurück, wo wir nach zwölftägiger Abwesenheit um die Mittagszeit 
des 3. Mai wieder eintrafen. . . 

Einige Tage später brach ich allein wieder auf, um vor meiner end- 
gültigen iVbreise der Fürstenresidenz Tung ling schan einen Besuch 

r 

abzustatten und einen Einblick in die Bergwelt dieser Gegend zu gewinnen. 

I 

Ich wählte dazu nicht den bequemsten Weg über die Brücke nach 
Tscho tschiau, sondern wandte mich hinter der Vereinigungsstelle 



beider Wasserarme im Tale des Sc ha pe-er Baches bis zur 8 Li ent- 
fernten Siedelung Tsao ba, überschritt das Wasser und stieg auf die 
Höhe des die rechte Wand des Min-Tals bildenden Höhenrückens empor. 

Die Höhe bot einen guten Überblick über das Tal von Tsao po, " 
im Hintergrunde abgeschlossen von einem bewaldeten, die beiden höchsten 

r 

Erhebungen des Pe mu schan- Stockes verbindenden Sattel, über 
dessen Paß Tien tsching kwan ein Fußweg nach Ken ta tschiau 
im Örl ho-Tale führt und auf das malerische Min- Tal von Tao kwan 
bis Wei tschou dar. Von der Höhe des Rückens senkte sich ein guter 
Weg an den Wänden des Min-Tals über die Wassu-Dörfer Tiao tou und 
Tsae tou zur entsetzlich schlechten, ersten Bambushängebrücke vor 
den Toren von Wen tschwan hsien herab. 

In dem stillen, ärmlichen Städtchen traf ich zu meiner großen Freude 
einen der besten Kenner des Grenzgebietes, den ^lissionar Edgar, der 
auf der Durchreise nach Wei tschou hier die Xacht verbringen wollte- 
Auch weilte hier gerade der Fürst des Wassu-Ländchens So ki kao, 
den ich sogleich um die Erlaubnis bat, seinen Stammsitz und die beiden 
Lamatempel des Ortes besuchen zu dürfen, was mir gern gewährt wurde. 
Da die Entfernung bis dahin nur noch 15 Li betragen sollte, brach ich 
Tioch an demselben Abend auf, überschritt den Min auf der zweiten, 
ut erhaltenen Bambushängebrücke bei den letzten Häusern des Städtchens 




^nd wanderte am rechten Ufer des Min -Flusses stromauf, 

erste Seitental einzubiegen, dem ein durch Kalkbeimengungen weiß- 

gelblich gefärbtes Wasser entquoll. 

Schon am Eineane: des Taled sah man rechts oben den Talrücken 



o""'» 



von einer Tschorten, einer tibetischen Pagode, gekrönt; zu ihr schlängelte 
sich der steile Weg empor und lief auf dem Rücken noch ein kurzes Stück 
entlang. Ein Peilo, ein Ehrenbogen, bezeichnete den Eingang zu dem 
Dorfe Tung ling schan, dessen rein tibetische Häuser zu beiden Seiten 
der einzigen, gepflasterten Dorfstraße lagen. Das größte der Häuser 
besaß einen schornsteinähnlichen Turm; es war die Burg, in der ich von 
dem jüngeren Bruder des Fürsten herzlich willkommen geheißen und auf- 
genommen wurde. Auch dieser Wassu truar vollständig chinesische Kleidung, 



128 . W. Limpricht. 



lebte chinesisch und nur die Tracht seiner Dienerschaft verriet den andern 

Volksstamm. 

Am nächsten Morgen besuchte ich zunächst die beiden Tempel, in 
denen wenige Priester, sogenannte schwarze Lamas, den Führer spielten. 
Der ältere Tempel ist schon stark verfallen, der jüngere noch halbwegs 
erhalten. Die Wände beider Kultusstätten mit grobsinnlichen, die I rucht- 
barkeit preisenden Götterbildern bemalt, haben die der noch so gut wie 
unbekannten Naturreligion der Bönnposekte angehörenden Tempel wohl 
nur für den Religionsforscher größeres Interesse. Ich begnügte mich 
daher mit einem kurzen Besuch und stieg den Berghang hinter dem Dorfe 
empor, um die Spitze des dem Dorfe gleichlautenden Tung ling schan 
zu erreichen. Der schmale Pfad stieg zuerst durch Buschwerk und blühende 



die eine der Pe mu schan-Spitzen; die zweite, der Tschien leang 
schan, ist durch Berglehnen halb verdeckt, deren Rücken, vom Hsüe 
lung pao herabkommend, die rechte Talwand des zuüoa Min führenden 
gestern überschrittenen Baches bildet- K wan hsiens Hügel im 



SSO, Wei tschou. im NNO sind deutlich zu erkennen; von 



SO bis O ziehen sich die langen Schneeketten hin, die bei Mau 
tschou ihre größte Höhe erreichen. Rasch eilte ich wieder zum Dorfe 
hinunter, genoß noch einen letzten Ausblick auf die in unmittelbarster 
Nähe in den Strahlen der untergehenden Sonne rotgoldig erglühenden 
Fels- und Schneewände des ungeheueren Hsüe lung pao, der das 
Füßen liegende Tal im WNW abschloß und begab mich zu meinem 
Wirt in die Burg zurück, der mir beim Abendessen von den wenigen - ^^ 
ländern erzählte, die seinen Stammsitz schon aufgesucht hatten. 



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Kräuter, höher hinauf durch Bambus untermischt mit lederharten btem- 
eichen bis zu einer Alm empor, auf der Pferde und Rinder unbeaufsiclitigt 
ihrer Weide nachgingen. 

Aus den sanft ansteigenden Flächen dieser Alpentrift erheben sich 
zwei Kuppen, eine spitze höhere und eine sanftge\\ eilte niedere. Erstere 
setzt sich noch in zwei weiteren Spitzen fort, ehe der Rücken endgültig 
zum Hsüe lung pao abfällt. 

Nun erscheinen zahlreich die weißrosa blühenden Rhododendroa- 
sträucher, bald darauf auch Fichten und Kiefern, die nur die Südseite 
der höchsten Spitze frei lassen. ]^ach dreieinhalb Stunden Anstiegs stand 
ich oben (ca. 3500 m) und genoß die prachtvolle Aussicht. Der Rücken 

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streicht von SSO nach NNW, steht mit dem zersägten Hsüe lung pao- 4 
Kamm, dessen höchste, angeblich mit ewigem Schnee bedeckte Spitze 
noch doppelt so hoch im Südwesten emporragt, in Verbindung und endet 
im Südosten in dem weithin sichtbaren Vorsprung in den Min zwischen 
Bai yü lo und Wen tschwan. Die Fürstenresidenz liegt in ungefähr 
2300 m Höhe auf halbem Berge. Im SSW erhebt sich der Y ü a n p a o , 



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Botanische Reisen in den Hochgebirfren Chinas und Ost -Tibets. 



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Am nächsten Tage langte ich auf dem alten Wege über Wen tschwan 
und Tscho t schlau wieder in Leang ho kou an. 

Da sich die Expedition vorzugs^^eise mit ethnographischen Fragen 
beschäftigte und daher wochenlang an einem Ort zu weilen beabsichtigte. 
trennte ich mich von den übrigen Teilnehmern und setzte meine Reise 

F 

allein fort. Der Sommer und damit die Blütezeit der Hochgebirgsflora 
ist in diesen Gegenden von km'zer Dauer und ich mußte die Zeit möglichst 
ausnützen, wenn ich meine Absicht, die Schneeketten bis zur Grenze 
des eigentlichen Tibet zu durchwandern, verwirklichen wollte. Mein 
nächstes Ziel war Ta tsienlu, das Eingangstor in die tibetischen Hoch- 
lande; ich beabsichtigte, über den sagenumwobenen Teinpel- und Götter- 
berg Omi diesen Grenz ort zu erreichen. 

Um die Mittagszeit des 12. Mai verabschiedete ich mich von meinen 



bisherigen Reisegefährten in Leang ho kou und wanderte mit meinem 
Diener, einem Träger für die Pflanzenpresse und 5 Kulis für das aller- 
nötigste Reisegepäck das.Tsao po er Tal nach SSW hinauf. 

Hinter Tsao po zog der Weg am Fuße eines von einem burgähn- 
lichen Lamakloster gekrönten Talhügels entlang, überschritt kurz vor den 
wenigen Häuschen von :\la lung einen von rechts einmündenden, kräftigen 
Bach und stietr auf die Höhe des niederen Rückens Schu lin kou 




(22C0 m) empor, der, in die Talsohle vorspringend, den im Grunde fließenden 
Bach zu einem großen Bogen nach Westen zwingt. 

Hier stand etwas unterhalb des jenseitigen Abhangs ein kleines 
Häuschen, von einem Chinesen und, wie so oft in diesen Grenzländern, 
seiner eingeborenen Ehehälfte bewohnt (38 Li). Die bambus- und weiter 
oberhalb tannen- und fichtenreichen Hänge, die sieh von dem Rücken 
bis zu den Gipfelhängen der Pe-nvu schan- Spitze Yüanpao hinziehen 
und von den Holzfällern und Jägern Hüo scha pu, Feuermach- 
platz, genannt werden, waren mir von vorhergehenden Ausflügen schon 
bekannt, daher beschränkte ich mich für den Rest des Tages auf emen 
kurzen Spaziergang zu den fichtenbewachsenen Felsen des Nordwest-Endes 

des Rückens. 

Wieder zur Talsohle hinunter, an dessen Bache noch ein zweites, 
kleineres, das letzte Häuschen des Tales stand und weiter nach 
WSW aufwärts. Der Höhe entsprechend waren die Hänge mit einer 
Fülle blühender Alpenstauden bewachsen; große Felsblöcke, überwuchert 
von purpurnen und weißen Azaleen und blutroten Blütentrauben des 
Ahorns, das nun erscheinende Baum- Rhododendron, Tannen- und Fichten- 

crf^hfsT, rl^r T arirlcoTiaff rlas wilde Genräse. das den Tälern des 



Urwald 



Pe mu schan eigentümlich ist. 



häufige 



Sehwächten Bach und stieg durch den prächtigen Urwald steil zur Paß- 

^' Fedde, Bepertorhira specierum novarum. Beiheft XII. 



tSO W. Limpricht. 



höhe empor. Auch hier wieder waren der häufigen Losung nach die Berg- 
flanken von Bären bewohnt, die weniger häufig auf der Südseite, später 



aber gar nicht mehr zu bemerken waren. Gegen die Mittagszeit stand 



ich auf der bewaldeten Höhe des Passes Tien tsching kwan (zirka 
3000 m), des Verbindungssattels der beiden höchsten Erhebungen des 



Pe mu schan- Stockes. 



Auch der Abstieg führte durch ein ähnliches Waldtal nach SSW. 
Nach, drei Stunden hielten wir zu kurzer Rast in den Almenhäusern 

t 

^ 

von Dschang pin und gelangten über Tschüan yin lo (8 Li) zur 
Einmündung des bisherigen Tales in das Tal des Örl ho, in dem ^^enige 
Minuten flußaufwärts das Chinesendorf Ken (gen) ta tschiau (Wurzel 
der großen Brücke), (6 Li) lag. 

Dicht vor dem Ort überspannte eine Bambushängebrücke den Fluß; 

r 

über sie füln-te der Fußpfad auf den Wesr Kwan hsien-Muns kung 



We 



Hier 



in dem reizend an der linken Uferseite des Örl ho in dem felsigen, schön 

iVTi ^Kat \rr\r\ rl^r» TncinsSPTl daß 



erfuhr 



o 



Wasser 



nur 



um 



Die 



Bewohner des Tales sind Chinesen, die ihren kärglichen Unterhalt durch 



Holzfällen bestreiten. 



Bei der Hütte Tsching gang pin, dem ersten, 20 Li von Ken 
ta tschiau entfernten Hause, verläßt der Steig die Nähe des Ilusses, 

hinauf, überklettert die Felsen und senkt sich dann allmah- 



^gt link 



lieh wieder zm- Talsolile hinab. 



In den Laubbäumen dieser einsamen Felspartien hingen in Kä-iig^^^ 
die schon stark in Verwesung übergegangenen Köpfe zweier Räuber, 



:ge Wochen 



und 



& 



Köpfe man, wie ein beigehefteter Zettel bewies, hier am Orte 



auf<zehä 



Und ein merkwürdiges Sp^^l 



des Zufalls, gerade in dieser verrufenen, schauerlich einsamen "UüaJi 






* 



* 



lang gäbe und da dieser Weg meines Wissens nach in europäischen Reise- 1 ^ 
werken und Karten noch nicht vermerkt war, beschloß ich ilm zu gehen. 
Der schmale Fußsteig führt stets am linken Ufer des von den Höhen 

M ■ 

des Ban lan schan herabkommenden Ö r 1 h o entlang; das sehr düiui 
bevölkerte Waldtal hält im allgemeinen die Richtung WNW— OSO inne. 
Nadehvald mit Bambus und Sträuchern als Unterholz bilden nament- 
lich an den Wänden der rechten Talseite dichte Bestände bis fast zur 
]Mündung in den ^tin hin. Doch auch die linke Talv^and, an deren Hängen 
der Pfad oft hoch über dem Flusse entlano- führt und auf schmalen, 
morschen Brettern die vielen zum Wasserlauf abstürzenden Felsen um- 
klettert, hat herrlichen Waldbestand aufzuweisen der 



-- . I 



I 



vp 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 131 



^vuchsen an den Felsen ganze Scharen der prächtigen roten Orchidee 
{Pleione Limprichtii), meines alten Bekannten vom Scha pe-er Tal her. 
Bei der Hütte Da yin gou mündete von links ein starker Bach in den 
Örl ho, zu dem sich der Weg wieder hinabsenkte. 

Das dornige Gestrüpp der Kalkfelsen kurz vorher leuchtete von rot- 
violetten Blüten von Baumorchideen^ die völlig blattlos, nur mit Hilfe 
langer, grüner, flcchtenartiger Fäden auf dem morschen Astholz entlang 
krochen. Zahlreich zierten prächtige Cunninghamienbäume die Land- 
Schaft, doch nirgends^ auch späterhin nie, eine einzige Krj^ptomerie, 



die doch lun, die Tempel und Häuser der Ortschaften so häufig angetroffen 
werden. Da kaum anzunehmen ist, daß ]\lenschenhände den Baum aus 
Japan nach den entlegensten Teilen Westchinas gebracht haben, bleibt 
die Herkunft dieser stattlichen Zeder wohl noch lange in Dunlcel gehüllt. 

r 

5Li weiter abwärts, seitKen ta tschiau also 45 Li, kamen wiederiun 
zwei Häuser in Sicht, unser heutiges Nachtquartier, Schui dsia bai. 

Am nächsten Morgen langten wir nach einer Stunde in den drei, 
von Holzfällern bewohnten Häusern von Hu kiang pin an, zogen 
weiter zu dem ersten größeren Dorf Tou dau tschiau (Messer -Kopf- 
Brücke) (20 Li) und hatten nach weiteren 18 Li die Mündung des Örl ho 
in den Min bei Dschung tan bao erreicht. 

Hier teilte. sich der Weg. Rechts auf kleiner Bambushängebrücke 
über den Örl ho führte der Weg nach Tschwang ko auf die Straße 
Kwan hsien — Muno- kuno tins:, von wo es nur noch 20 Li bis Ma 
tschü waren. 

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Links vom Dorfe überspannte eine gute Bambusseilbrücke den Min, 
Von der ein schmaler Steig in 1^2 Stunden nach Hsin dien tse am 
Passe Yang tse ling hinaufgeleitete. 

Letzterer Weg war 30 Li näher, außerdem hoffte ich noch die beiden 
in Kwan hsien zurückgebliebenen Herren der Expedition zu treffen, 
von denen ich wußte, daß sie zur selben Zeit aufgebrochen seien, 
der großen Straße, die ja den Yang t se ling überschreitet, nach 



um 



Sung pan ting ins Standquartier zu gelangen. 



Ich wählte also den Weg über den Min, übersclu-itt die Brücke, 
wanderte noch ein kurzes Stück stromauf, stieg est nordöstlich die Berg- 
hänge empor und langte nach 13/2 Stunden in dem Wirtshause Yang 
tse ling an. Am nächsten Morgen sprach ich am Fuß des Passes die beiden 



um 



anderen Tage nach Tschengtu aufzubrechen, daß ich am 18. Mai erreichte. 



Botanische Samnilumren im Min-Tal und 



60 km nordwestlich von Tschengtu liegt an der Stelle, an der der 
Min aus den Berten austritt, das Städtchen Kwan hsien. Abseits 



auf 



132 W. Limpricht. 

der Stadtmauer, ani rechten Min-Uf er, erhebt sich 
der Tempel Fu lung kwan, mein Standquartier, von dem aus ich die 
nähere Umgebung, die Aucmvälder des breiten Flußbettes, die Berglehnen 
des Lao djün (kün) schan im Nordwesten der Stadt oberhalb des 
prächtigen Tempels Örl wang miao und den Tsao gung schan 
botanisch durchsuchte. 

Schon in der Ebene kurz vor Kwan hsien erscheinen die ersten 
Bergpflanzen, Petasites tricholobus und der zierliche rote Enzian, Gentiana 
rvbicnnda nebst Zypressen, Spießtannen, Erlen und Pterocarya 

ra, vielfach auch Paulownia tomentosa. Die felsigen Hänge hinter 
der Stadt bekleiden reiche Strauchvegetation und Laubholz bestände. 
Hier finden sich: Pohjpodium Rosthornii, Selaginella WalUchü, Linder a 
Paxiana, Pittosporum glabratum, Rosa chinensis, Bubus minensis, Gk- 
dttschia macracantJia, Photinia serrulata, Fagara steruypJiylla, Zanfhoxyhm 
alatum var. planispinum, Elaeagnus pungens, Myrsim africana, AinsUaea 



sie nopl 



lAmpri 



gense 



Auf den Sandfeldern und Geröllhalden des Min Flusses ist überall 
Iris japonica gemein, seltener tritt die groß blutige, blaue Iris tedorum 
auf; die prächtigste Zierde dieser Auenwäldchen ist die Orchidee Bhtilla 
striata, die hier im Verein mit Stipa Henryi, Garex chinensis und simnians, 
I>isporum pullum, Delphinium anthriscifolium, TJmictrum Fortuvei, 
Corydalis racemosa, Sanicula orthacantha und Gentiana rubicunda auftritt. 

Eine reiche Flora ist dem Tsao gung schau eigen, ein schon im 

Grenzgebiet liegender, ca. 2500 m hoher Bergrücken, der, bis zur Spitze 

bewachsen, an seinem höch.sten Punkte einen kleinen taoistischen Tempel 
trägt. 

Die Bergflanken des Tsao gung schan und seiner Vorberge über- 
zieht dichter, aus spärlichen Cunninghamien und Gephalofaxiis Fort und, 
vorzugsweise aus Bambus und Eichen zusammengesetzter Mischwald: 
m den höchsten Lagen herrscht Bambus und niederes Gestrüpp vor, 
das bis zur Kammhöhe hinaufreicht. 

Neben Osmunda regalis var. japonica, Polystichiim lacerum und 
lobatum var. cUnense, Lycopodium annotinum var. acimlare und L. obscu- 
rum bilden Carex conoides, Acortis gramineus var. crassispadix, Disporum 
puUum, Cllntonia udemis, die eigenartige Ypsilandra tibeiica, Iris tedorum, 
PlatantJiera minor und Calanthe Limprichtü, Salix Bochii, Anemone bai- 
caknsis subsp. flacdda, Delavayi und Henryi, Isopyrum Limprichtii. 
Berberis Frandsci-Ferdinandi, Corydalis tenuifolia, Bergenia ptirpurascens 
var. Delavayi (weiß blühend), Bibes mnjnnethse und terbue, Kerria japo7Vca 
in tieferen Lagen, die schöne rosafarbene Oxalis GriffitMi, ZantJioxylwn 
alatum var. planispinum, Stachyurus Mmalaicus, Viola sikkimends, Sam- 



? 



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« 



Botr.nische Reisen in den Hochgebirgen Chinasund Ost-Tibets. 133 



ciäaHenryi^ Berneiixialhihetica, Primnlaobconica^ pe^/oZamvar. szecJiuanica 



japomca 



Genliana r^ibicunäa und Petasifes tricholobus die hauptsächlichsten Blüten- 
pflanzen des zeitigen Frühjahrs, unter denen sich, wie man sieht, schon ^ 
ehiige Vertreter der osttibetischen Gebirgsflora befinden. 

Fünf Stunden hinter Kwan hsien überschreitet der ina Min-Tale 

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aufAvllrts führende Saumpfad den ungefähr 1600 m hohen Yang tse ling- 



niit 



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Arte 



hat. Cunninghamien und Bambus bekleiden auch hier die Hänge, 
nur erscheinen auf der Paßhöhe schon die ersten rotblau blühenden Alpen- 



rosen. 



ThSlS 



Plcäanthera miTior^ Anemone baicalensis, Isopyrum Limprichtii, Corydahs- 



Arten 



]ap07li 



memb 



das nun ^veiterhin im Min-Tale und seinen Bergzügen häufiger anzutreffen 
ist, der weiße Eomecon cMonantha, Rubus mesogaeits, Helwingia crenata 
und Galium asperuhpsis in die Erscheinung, während Reinwardtia trigyna 
nicht mehr zu beobachten ist. 

Weitei^hin führt der We^ 
weiter. Blaue, schmalblätterige Schwertlüien {Ins leptophylla) zieren 
neben Saxifraga sarmentosa die felsigen mit Dmtzia szetclmemis, Jas- 
minum mtdiflorum, Buddleia praecox und strauchigen Astern bekleideten 
Hänge, über deren Felsblöcke oft die Orchidee Ischmgym mandarinorum 
entlang wuchert. 



'wnr*hoT*+ 



Bei Tscho tschiau, der Bambushängebrücke über den Min, wurde 
das Min-Tal verlassen und das Dorf Leang ho kou zum Standquartier 
für botanische Exkursionen in die Hochgebirge des Pe mu schan und 
Hsüe lung pao auserwählt. Beide Berge sind weit über 4600 m hoch, 
aber nicht mit ewigem Schnee bedeckt. Sie gehören der Gebirgskette 
an, die sich als Wasserscheide zwischen Da kin(djin) ho, dem ,, großen 
Goldfluß", und dem Min bis in die Gegend von Sung pan ting hin- 
zieht; hier im Wassu- Ländchen sind sie die Fortsetzung des Ban lan 
schan und gehören zum chinesisch- tibetischen Grenzgebiet, nicht mehr 

1 

zum eigentlichen China. 

Meine botanischen Ausflüge hatten das Tsao pocr Tal bis zu den 
Pässen Schu lin kou und Tien tsching kwan, deu Pe mu schan- 
'Stock (He gai uo-Spitze), den Hsüe lung pao (Paß Schao tscha 
pin und Berg Tung ling schan) und das Örl ho-Tal zum Gegenstand. 
, Die Hänge dieser von tibetischen Stämmen bewohnten Täler (der 
Min bildet die Sprachgrenze) tragen noch reichlichen Baumbestand, 



ne nsi 



formosmia) 



J 



134 W. lAmpriclit. 



[Quercus aliena und spinosa), Mo 



laxifl 



CHS 



zusammensetzt. 



Dazwischen wachsen Weiden in größerer Artenzahl (Salix catliayana, 
dissa, hypokiica, Limprichtii^ Rehderiana und WallicMana)^ Berberitzen 
(Berberis Francisci Fcrdinandi und verruculosa), Rosen {Bosa omeiensis, 



mpn 



und 



Bihes mn^nnense, Coriaria teiminalis und Sfaphylea hohcarpa, Loniccra 
pillata und scabrida. 

Alpenrobcnsträucher in alten Farben, weiß, gelb, rot, hellviolett bis 
dunkelpurpurn, erscheinen schon am imteren Rande der Banibuszone 
(leOO— 18C0 m), Baumrhododendren bilden von ca. 28C0 m Höhe ab 
einen dichten, den Bambus ablesenden Gürtel der sich fast bis zu den 
hcclisten Graten hinaiifzielit. Die hauptsächlichsten Arten sind: Bhodo- 

P 

dendron asteroclmonm^ Augiietinn, dendrocharis, leucolashim^ Limprichfn 
(Paß Tien tsching kwan), longistyhim, lutescens, oreodoxa^ petrocharis 
und polylejns. 

Die freien Plätze überziehen als Halbsträucher die gelbe Daphne 
flaviflora, und etwas höher hinauf die weiße D. setscJiuanica, von Kraut- 
pflanzen sind häufig: Arisacwa lohalum var. Bo-stJiornianum, Amorpho- 
Phallus spec., FnHllayia Davidi, fast ohne Blätter, Disporum sessüe, 



nemone 



lapomca^ 



letztere sehr gemein, Cimicifuga caltMfoHa, Clematis Armovdt 
und ornithopus, Thaliclrum Fortunei, Isopyrum Limprichtii , die pracht- 
voll rote Faeonia obovaia, Epimedium memhr anaceum und plalypcfa^^i^ 
(höher), Cardomine ürbaniana, Corydalü hetefocentron, Bodgersia plafl/' 
pJiylla und Tiarella polyphylla (beide' gern an Bächen), Fragaria nubicola, 
Vicia tndevtata, Indigofera Bimgeana, die rosa Oxalis Griffitkii, AcaJypha 
Mairei, Lysimacliia Iruncllimdes, die weißdoldige AndrosM^ Henrys: 



*■ 



Cotoncaster disHcha und racemiflora überziehen die einzeln 

überragenden Felsblöcke, auf denen öfters Asparagvs fiUdnus, Er>'^ 

szecliuanica und Ischiogyiie mdndarinmum angetroffen wird. 

Die Felspartien der höheren, oft außerordentlich pf lanzenreichen 

« 

Täler zieren bisweilen Bergenia purpurascens var. Delavmji, Berrnuxta 
tJiibeiica und das weiß blühende Bhododendron petrocharis; Pediculans 
macrosiphon kriecht im Moose am Fuße der Nadelholz stamme und FletoM 
Limprichtii, eine prächtige, rote, großblütige Orchidee, bevorzugt ül:»er- 
rieselte Felsen. . 

Tannen und Silbertannftn ( Ahie.'^ Facrnniana Farae.^ 



ii u/ a.) treten 



erst in ungefähr 2800—3000 m Höhe auf, lösen den Bambusgürtel ab und 



/ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 135 



mperits 



bis fast zu den Gipfelgraten, die noch von fußhohen Alpenrosen und 
zAverakren Wacliliolderstauden überwuchert werden. 



C-c 



Die eigenartige Souliea vaginata, deren weiße Blüten vor den Blättern 
erscheinen liebt schattige Stellen im oberen Xadehvalde und der Rho- 
dodendronzone, auf die auch Anemone, altalca, Asteropyrum peliaftm, 
Chrysosplennim Davidianum und GrifjitUi, Sanicula serrata und die 
meisten Primeln des Gebiets beschränkt sind. Die reizende Primula 
petiolaris var. szetsclmanica wächst gern auf den flechtenbehangenen 
Ästen und den Würz el stö cken der Baumrhododendron, aber auch an 
Felsen. Primula mupinensis zieht schattige Plätze am Fuße der Fclsea 
derselben Höhenlage vor, während sich Primula obmnica ^sesentlich 
tiefer hält. Die winzige, reizende Primula petrocliaris durchbricht mit 
ihren rosa Blüten die Schneedecke der höchsten Lagen als erster 
Frühlingsgruß. 



Die tiefer liegenden, geschützten Täler des Hsiau ho von Tsa- 
ka lo über Li fan ting bis zur Mündung in den Min bei Wei tschou 
und das Min- Tal selbst von Wei tschou bis Wen tschwan hsien 
werden von steilen, fast völlig kahlen Hängen erdig -bröckeliger Natur 
eingefaßt und weisen eine Xerophytenflora auf, die mannigfache An- 
klänge an die Pflanzemvelt südlicherer Striche, zunächst Yünnans, 



erkennen läßt. • 

SelagineUa itwolvens, eine in ganz China verbreitete Pflanze dürrer 
Felsen, Iris lepfophijlla, Oxyria sinensis, Coioneaster racemiflora besiedeln 
die Felswände, Opuntia Dillerii, Buddleia ^praecox, zum Teil stachelige, 
oft blaue Leguminosen {Sophora viciijoUa, Astragalus spec, Gleditscha 
sinensis, Vicia tridevtata, Campylotropis macrocarpa), dornenreiche Rosen 
und Brombeeren {Rosa omeicnsis, Rubus mesogae,m und minensi'?) und 
andere stachelige und filzige Sträueher wie VUlebrunea frufescer^% Dt- 
bregeasia edulis, ZavtJioxylum PiasezUi, Sper.ansUa cantonemis unclMeha 
KoeJmeana deuten auf die ausdörrend« Hitze dieser durch die hohen 



Bergzüge vor rauhen Winden geschützten Täler hin. Periphca sepium 
ist die Charakterpflanze dieser sterUen Täler; ihr gesellen sich Dicravo- 
Stigma Franchdianum, Arenaria velutina, PoienliUa sischanensis,^ An- 
drachne hirsuta und als Übergangspflanzen Eremwvs cJämnsis, der emzige 
Vertreter dieser turkestanischen Gattung in China. Cymbidium ccrinum, 
Calanthe unduta, Bletilla striata, Saxijraga sarmentosa, Geum oUgocarpum, 
und Lithospermum Zollingeri zu. Bei Wen tschwan hsien im Miu- 



Tale hört die Xerophvtenflora ganz auf. 



Im Örl ho-Tale von Ken ta tschiau 



ur 



FlÜßchens in den Min herrscht im großen und ganzen dieselbe Flora 
^ie in den anderen feuchten Hochtälern des Pe mu schan- Stockes. 



136 



W. LimpricLt. 



Eodgersia plat y ph i/Ila , TiareUa polyphylla, Kerria japonica, Enphorhia 
szechuanica und Lamium albiirn sind hier ebenfalls sehr häufig. Bei der 
Hütte Da yin gou treten unter Citnninghamia lanceolata größere FeL>- 
partien zutage, an denen neh^nOsmiinda regalis var. japonica, Iris japonica, 
Pleione LimpricJUii die blattlose Orchidee Phalaenopsis Wilsoni ihre 
wachsartigen, prächtigen, violetten Blüten aus dem Holz dürrer Äste, 
an denen sie mit Hilfe graugrüner Fäden entlang kriecht, hervorsprießen 
läßt. 



B. Über den Omi nach Ta tsien lu. 

Um die Mittagszeit des 22. Mai bestieg ich bei der Pagode Wang 
schang lo außerhalb des Osttors der Hauptstadt einen fSampan, - der 
mich und meine Chinesen flußabwärts trug. Schon bei S^u ma to zeigt 
das Gelände A\ellige Formen mit prächtigen Farbengegensätzen. Das 
Grün der Laubbäume und des in seiner Gestalt an riesige Straußenfedern 
erinnernden Bambus sticht scharf von der rotgelben Ackerkrume und 
dem dunkelblauen Himmel ab; riesige, fünf und mehr Meter im Durch- 
messer fassende Schöpfräder aus Bambus heben das Flußwasser selbst- 
tätig auf die höher gelegenen Felder und geben durch ihre imposante 
Größe der Landschaft ein eigenartiges Gepräge. 

Bei Kiang kou erreicht das Boot .den eigentlichen ^fin, auf dem 
wir noch an demselben Tage (23. Mai) bis zur großen Stadt Kiating fu 
hinabglitten. Hier mündet der Ya ho und der dem ^Min mindestens 
gleichstarke Tung ho ein. 

RiTigsum ist alles flaches bebautes .Land nur geo-enüber der Stadt 
zieht ein niederer, pagodengekrönter, in roten, kahlen Sandstehif eisen, 
in denen eine überlebensgroße Buddhastatue sowie viele kleine Heiligen- 



figuren eingemeißelt 



Flu 



Flach ist auch die Gegend bis nach dem Städtchen Omi hsien, eine 
Tagesreise westlich von Kiating fu (90 Li). 

Zu ihm führt der Weg durch das Westtor der Stadt, zieht am linken 
Ufer des breit und träge dahinfließenden Tung ho entlang, an dessen 
Rande ganze Stöße von Holzstämmen aus dem Orai-Gebirge der Weiter- 
beförderung auf den Wasserfluten harren. 

Zehn Meter hohe, fuß starke Bambusstauden umstehen die aus gleichem 
^faterial gebauten Wohnhäuser, die schwachgewellten Felder sind mit 
Maulbeerbäumen, Tabak Mais und Bohnen üppig bestellt. Vom Gespinst 
der Seidenraupe stellt die fleißige Bevölkerung ein feines Gewebe her, 
das als Kiatinger Seide einen hohen Ruf weit über die Provinzgrenzen 
hinaus genießt. Die langen, getrockneten Tabaksblätter werden in allen 
Dörfern zum Verkauf ausgestellt. Aus ihnen dreht man kurze, kräftige 
Ziganen, die aus langer, dünnrohriger Pfeife überall geraucht \^ erden. 



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* 





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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 13 



i 



Nach 20 U, kurz hinter Gu li pa, setzt eine Fähre über den Ya ho, 
der bald darauf in den nach Süden umbiegenden Tuns: einmündet. Eine 

J 

niedere, breite S'teinbrücke führt bei Sisu tschi über den seichten 
0]ni ho, u)id durch endlose Reisfelder zieht der Weg auf den harten 
Steinplatten dem nun in sch^\achen, blauen Linien erscheinenden, wild 

zerklüfteten Gebirge zu. 

Nach über fünfstündiger Wanderung betreten wir zu kurzem Auf- 
enthalt das Dorf Gao schan bu (.35 Li). Frisch gestärkt sind die nächsten 
1.1 Li bis Tsen tse tschang schon in einer Stunde zurückgelegt; nun 
sind es bis Omi hsien nur noch 20 Li, so daß wir schon um vier Uhr 
nachmittags die Herberge des sauberen und freundlicheii Pilgerstädtchens 
aufsuchen konnten. 

Omi hsien liegt noch in der Ebene, aber unweit des Bergfußes; 
es ist der Eintrittspunkt für die endlosen Pilgerzüge, die aus allen Teilen 
des Riesenreiches, aus der Mongolei, Tibet und dem fernen Nepal hierher 
strömen, um die Tempel des Berges zu besuchen und in das Antlitz Buddhas 
selbst zu schauen. 



\ 



Auf diesen A'eikehr ist auch das Wallfahrtsstädtchen zugeschiutten. 
erkaiifsläden mit allerlei Andenken vom heiligen Berge, Geldwechsler- 



denkb 



genommene Papiergeld umtauschen, Herberge neben Herberge, für Massen- 
■einquartierung einc^eriehtet; die stets freundlichen, heiteren Bewohner 
sauber und reinlich gekleidet, gesund und wolügenährt, geben bereit- 



Auskunft 



Bei Liang ho kou, Talflußmündung, 10 Li hinter der Stadt, 



links ein 



teilt sich der Weg. Geradeaus fühi-t ein kleinerer, 
breiterer, sanfterer Steig zur Höhe. Wir wählten den kleineren, der durch 
subtropisch üppige Strauchvegetation mit vereinzelten Kiefern die nun 
«scheinenden Hügellchnen allmählich hinanstieg. 

Öfters waren Holzbuden am Wege errichtet, Einkehrhäuser mit Tee- 
ausschank und bereitgestellten Eßwaren, an deren Eingang der freund- 
hche Will die Vorüberziehenden zu kurzer Rast zu nötigen suchte. Hoch 
über dem in der Tiefe donnernden Fluß zog der gut gehaltene SteünAeg 
dahin, zu den Einkehrhäuschen gesellten sich nun auch kleine Buden 
mit allerlei Andenken an den heiligen Berg; da standen geschnitzte Berg- 
stöcke, heilkräftige Wurzeln, Bergkristalle in zum Teil riesigen Exem- 
plaren, Tigerzähne, Blätter des süßen Tees mid was sonst noch alles emem 
einfachen Pilgerherzen begehrenswert erschien. 






Nach 40 Li kam die aus di 

Wan nien sse in Sicht, in der ich zur 



bestehende 



beschloß, um Erkundigungen über die Umgebung des Berges einzuziehen. 
Der weitere Pilcrersteicr führte am nächsten Morgen durch üppige Laub- 

^ ■ 



138 W. Limpricht. 



F 

Avälder an zahlreichen Tempehi vorbei. Pilger jeden Alters und Geschlechts 
keuchten die Steinstufen hinauf, junge, lachende ^lädchen, alte, vergilbte, 
runzelige Mutterchen im Reitsitze auf dem Traggestell auf dem Rücken 
jugendlicher Trager, alte weißhaarige Männlein, kräftige, wettergebräunte 
Hsifans aus der Gegend von Sung pang ting, lange Stocke mit 
flatternden, tibetisch bedruckten Gebetsfahnen in der nervigen Faust, 
alles machte die Wallfahrt zu dem Kin ting, dem goldenen Gipfel, 
wo es besonders glücklichen ]Menschenkindern vergö nnt ist , B uddhas 
milde, gütige Züge von Antlitz zu Antlitz zu schauen. Mit ernsten Mienen, 
keine Bewegung in den der Selbstbeherrschung gewohnten Gesichtszügen. 
stehen die Priester neben den Opfersehalen und überrechnen im Geist^^ 
den Gewinn des heutigen Tages, segnen vielleicht in stillen Gedanki'U 
die Idee, die sie zu reichen Männern machen wird. Sind doch die Tempel 
des Omi ein begehrenswerter Posten für die Mönche, wie er ihnen ein 
zweitesmal in China, selbst in Putu bei Xingpo oder den Lamatempeln 
des Wu tai schan in Schanhsi nicht mehr geboten werden kann. 

In 2000 m Höhe beginnt der Nadelwald, die Heimat der zahlreichen 
Affenherden, die niemals gestöii-, selbst in unmittelbarster Nähe der 
■ Heiligtümer ihr munteres, verwegenes Spiel treiben. Tannen und Cuu 
ninghamien, groß blutige, weiße Anemonen, Sumpfdotterblumen, Hahnen- 



1 

fuß und rosafarbene Knöteriche begleiten den We^:. der in altersgrauen, 



^- 



abgetretenen, schlüpfrigen S'teinstufen steil zur Höhe führt. Schließlich 
hören die Treppen auf, in mäßiger Steigung geht es an den alle 5 Li er- 



richteten Tempeln über die sanften Hänge des Gipfelplateaus bis zum 
höchsten Punkt, dem Kin ting, an dem eine große Tempelanlage für 
^Massenbesuch eingerichtet ist. Die tibetischen Inschriften an der Tür 
des höchsten Tempels des „goldenen Gipfels'' zeigen an, daß auch bei der 
tibetischen Bevölkerung der Tempel als Heiligtum angesehen wird. 

Nach Südosten stürzt der Bei;g in senkrechten Felswänden an 2000 m 
tief hinab; der Abgrund Avürde den Plan der Ebene erreichen wenn nicht 
niedere Hügel den Übergang vermittelten. Noch zwei Felsvorsprüiige 
ragten in den schauerlichen Abgrund, ein kleinerer, ebenfalls von einem 
Tempel gekrönt, und weiter im Südwesten ein wenige Meter höherer, 
der Wan f u ting (10000 Buddhagipfel), auf dem ebenfalls ein Tempel 
erbaut ist. In der Überlieferung des Volkes gilt aber der Kin ting ab 
der höchste Gipfel. 

Um den Rand des Abgrundes hatte man einen eisernen Zaun gezogen, 
um zu hindern, daß Pilger in religiöser Verzückung in selbstmörderischer 
Absicht hinunterspringen, um sich in die Arme des geliebten Budona 
zu werfen. Die Erscheinung, die ich selbst leider nicht beobachten konnte, 
findet ein Analogon in dem bekannten Brockengespenst unserer heimiscncn 
Harzbenre, In den. Nebelmeeren über dem Abs^rurid erscheint das Spieg^ - 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 139 



bild des Beschauers, breitet \vie dieser die Arme aus und so geschieht es 

I ■ 

trotz des sichernden Geländers alle Jahre, daß arme, unAvissende Pilger 
freiwillig in den Tod gehen. Die Mönche hüten sich natürlich, falls ihnen 
wirklich der Grund der Erscheinung klar sein sollte, das Volk aufzuklären. 
Ich -wählte als Standc|uartier für die nächsten Tage den ruhigeren Tempel 
Wan fu sse auf dem höchsten, südlichen Vorsprunge in 3380 m Höhe. 
Die begeisterten Schilderungen früherer Besucher hatten eine über- 
triebene Vorstellung von der Schönheit des Berges in mir genährt, die der 
Wirklichkeit nicht entsprach und so war ich einigermaßen enttäuscht in 
Wan fu sse eingetroffen. Bis auf vereinzelte weißrosa blühende Rhodo- 
dendronsträucher, Eosen, Tannen und Wachholderbesen war der Gipfel- 
plan nur von kurzem Bambus und Gras bekleidet und vielfach war auch 
noch der Boden um die zahlreichen Tempel und Tempelchen der Kultur 

nutzbar gemacht. 

Auch von der soviel gepriesenen Aussicht war des wallenden Xebel- 
meeres wegen wenig zu sehen. Doch in der Xacht erlebte ich eins der 
berühmten Wunder des OmiGipfels. Schon früher hatte ich von den 
Mönchen von den Lichtern der ,,Kwan yin'' gehört und hier den Tempelabt 
gebeten, mich zu rufen, falls die Lichter sichtbar sein sollten. Gegen 10 Uhr 
betrat der Mönch meine Stube und fühii:e mich hinaus in die sternklare 
Kacht. Und o Wunder! Eins, zwei, drei gelbe, ruhig brennende Irrlichter 
schwebten über dem Abgrund, verlöschten wieder, an anderen Stellen 
tauchten neue auf, immer mehr, bis schließlich der ganze Abgrund mit 
feurigen Lämpchen übersät erschien. Ein bezaubernder, feenhafter An- 
blick, dessen Ursachen zu ergründen, späteren Forschungen vorbehalten 
bleiben muß. Um Irrlichter dürfte es sich kaum handeln können, da jede 
Bedingung für deren Entstehen fehlt, und die Lichter längere Zeit gelb 
wie Lampenlicht an einer Stelle haften. Vielleicht smd es Leuchtinsekten, 
jedoch spricht die bedeut-ende Tiefe des Abgrundes dagegen. Die :\Iönche 
erklären das Phiinomen, das nur bei wolkenlosem Himmel auftritt, für die 
,, Lichter der Kwanvin" der buddhistischen, allbarmherzigen 3Iutter 
G ottes. 

Und am zeitisen :vrorgen des nächsten Tages die wundervolle, 



o^^'- -"^---^o 



entzückende Aussicht! Im WNW und WSW des bergübersäten 
Vordergrundes besonders auffällig die beiden langgestreckten, sarg- 
ähnhchen Wa schan-Berge, am fernen Horizont von SSW bis 
^'^NW eine ununterbrochene Reihe schnee- und eisbedeckter Berg- 
^iesen, der steinerne Grenz waU, der in Wahrheit die natürliche Grenze 
zwischen China und Tibet in geographischer und auch politischer Hinsicht 
büdet. Die höchsten Spitzen dieser mit ew 



la: 



Strahlen der aufg( 
Nest bis Westnord 



o 



140 W. Limpricht 



J^ 



im Westen überragte die stolze Zuckerhutp3'rainide des Mu kung ka 
(Mung kang kirr), links von dem Rücken des Gongri, in blendendem 
Weiß alle anderen Gipfel und Grate, die scheinbar nach beiden Seiten 
allmählich abflachten; nach der anderen Seite glitt der Blick an dem 
nordnordiistlichen Nachbargipfel Kin ting in die gerade erwachende 
Ebene hinab. Hier lag zu Füßen im 0X0 das noch schlummernde 
Stadtchen Omi hsien und weiter im Osten das Min-Tal mit dem 
deutlich erkennbaren Kiating fu. Im Süden breiteten sich die grünen 
Berge des noch von keinem Europäer durchquerten Ländchens der un- 
abhäncriojen Lolos. der mutmaßlichen iTeinwohner Westchinas, aus. 



tJ^O 



Eine Aussicht, wie sie in ihrer Großartigkeit wohl wenige ihresgleichen 
auf Erden hat. 

Völlig ausgesöhnt mit dem Omi kletterte ich an den oberen Rändern 
des Ostabsturzes herum, was hier am Wan fu ting bei dem reichen 
Strauchwuchs mit Vorsicht zu bewerkstelligen war und mir infolge der 
Schwerzugänglichkeit der Felswände manch lohnende Ausbeute vor den 

r 

habgierigen Augen der Wurzelsucher gerettet hatte. 

Die alpine Flora dieser Felsabstürze hat in ihrer Zusammensetzung 
viel mit den Arten gemeinsam, die weiter westlich in den Matten und 
Triften der Hochgebirge als charakteristische, osttibetische Pflanzen an- 
zusprechen sind. 

Am Morgen des 31. Mai bewunderte ich zum letzten Male die grandiose 
Schneemauer an der Schwelle Tibets, mein eigentliches Arbeitsfeld, ver- 
ließ das Tempelgebäude endgültig und wanderte über den noch fest ge- 



frorenen Boden der nordöstlichen Spitze, dem Kin ting, zu. 

-Mein nächstes Ziel war die Stadt Yatschou fu, von w^o ich auf 
dem sogenannten kleinen Wege über die Berge nach Ta tsien lu weiter 
wollte. Es wäre nun am einfachsten gewesen, bis z um S tädtchen m i h s i e n 
zinückzugehen und von da in Tschiu tschiang hsien den Weg Ivia- 
ting — Yatschou zu erreichen. Allein ich legte Wert darauf, vom 
Gipfel geradenwegs durch die Hügellandschaft nordwestlich des Omi- 
Berg es einen Weg nach Yatschou zu finden, um so mehr als man 
mir schon in Wan nien sse gesagt und in Wan fu sse bestätigt hatte, 
daß ein schmaler Pfad vom Gipfel nach Gao miao und dann leicht 
Aveiter nach Yatschou vorhanden sei. Glücklicherweise fand sich i" 
einem Tempel etwas unterhalb des „goldenen Gipfels^^ ein Klosterknecht, 
der seine in der Nähe von Gao miao wohnenden Eltern besuchen woll e 
und sich für den lächerlich geringen Tagelohn von 20 Cents bereit erklärte, 
den Führer dahin abzugeben. 

Wir stiegen den Hauptweg 14 Li bis zum „weißen Wolkentcmpel", 
Bai yün sse, in einer Lichtung im Tannenwald mit prächtiger tev 
sieht auf den Mu kung ka gelegen, hinab, verließen hier den Hauptweg 



^ H 



\ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets, 141 



und stiegen auf stellenweise sumpfigem, schmalem Fuß steige durch 
Bambus an einzelnen, überaus ärmlichen Strohhütten vorbei nach dem 
Tale im Nordwest en ab. 

Der Pfad nahm namentlich seit der letzten Hütte die Eichtung auf 
den großen Wa schan zu, folgte aber nicht dem hier entstehenden, 
nordöstlich streiehenden Tallauf, sondern zog sich an dessen Rändern 
hin und senkte sich in eine kleine, reich mit Cunninghamien bewaldete 
Schlucht hinab, an deren Ausgangspunkte am Waldrande die Siede! ung 
Gan gou pin lag (4 Rtunden). Durch den üppigen Wald an den Hügel- 
flanken entlang überschritt der Pfad eine Stunde später auf langer, sclimaler 
Bretterbrücke mit nur einseitigem Geländer einen zum Ya ho fließenden, 
an 10 m breiten Bach, der nach Nordosten seinen Lauf in ein malerisches, 
\yiederum reich mit Cunninghamien und Bambus als Unterholz be- 
wachsenes Tal tief eingegraben hatte. » 



ru 



die jenseitige Uferböschung hinauf, dann eben weiter bis zu dem von dem 
Flusse nur eine halbe Stunde entfernten Dörfchen Leu dien tse (sechs 
Gasthäuser). Da hier ein mit Steinplatten gepflasterter Weg einmündete, 
verließ mis der Führer. Der Omi schan zeigte sich ostsüdöstlieh in 



seiner ganzen Größe, deutlich war im Südosten der kleine Tempel auf dem 
Scheitel des Wan f u ting zu erkennen. Aber der Berg macht von hier, 
da der jähe Ostabsturz fehlt, nicht den imponierenden Eindiuck, den 
der Besucher von Omi hsien aus erhält. 

I 

Auch der Weiterweg führte nach Nordwesten. Unter der üppigen 
Strauchvegetation der begleitenden Hügellehnen gedeihen viele weißrosa 
blühende Begonien, die, Kinder südlicherer Landstriche, bei uns vielfach 
ihrer unsymmetrischen Blätter wegen als „Schiefblätter^^ in Stuben und 

Warmhäusern gehalten werden. 

An "Kohlenschächten und Anlagen zur Papierbereitung aus Bambus- 
fasern senkte sich nun der Steinweg in ein Tal hinab, an dessen Wänden 
er parallel dem im Grunde fließenden Wasser entlang zog. Das Tal mündete 
in ein breites, wiederum reich mit Cunninghamien bewaldetes Quertal 
ein, in dem zwei durch einen niederen, flachen Höhenzug geschiedene 
Sache aufeinander zulaufen. An ihrer Vereinigung liegt das stattliche 
I^orf Gao miao, 1090 m, zum Verwaltungsbezirk Hung ya hsien 
gehörend (2 Stunden). 



führte 



nörd- 



unächst 



o 



uns nach 



^a ti inmitten ausgedehnter, das weite Talbecken ausfüllender Eeisf eider. 

Bald hinter den Häusern fiel der ebene Talboden plötzlich steü zu 

einem nordöstlich streichenden, tief eingeschnittenen Längstal ab, m 



142 W. Limpricht, 



welches sich von links ein kräftiger, den Hängen des nicht allzufernen 

r 

Wa schan entquellender Bach ergoß. An einzelnen Häusern vorbei 
senkte sich unser Weg allmählich zur Sohle dieses Tales hinab, überschritt 

mder, giiter, schmiedeeiserner Kettenbrücke den Wasserlauf 
und begleitete ihn auf der linken Seite auch Aveiterhin. 



uren 



zweite Kettenbrücke führte zu einem weiteren, ebenfalls nach Gao miao 
weisenden Pfade über die Berghänge der rechten Talseite (20 Li). Doch 
Avir überschritten die Brücke nicht, sondern wandten uns den paar Häusern 
von Wang kwan zu, die kurz darauf der Einmündung eines rechten 
Nebenfluß chens gegenüberstanden. Von hier ab folgten die Dörfer in 
kurzen Abständen. Schon nach 3 Li war Hung kiang, 6 Li später 



Kiang wan und nach weiteren 3 Li der Flecken Liu kianoj an einem 



neuem, von liiiks herabkommendem, 2 Li abwärts einmündendem Wasser, 
unweit des Hauptbaches, ereüt (650 m, 40 Li). 

Am folgenden Tage überschritten wir auf einzelnen Steinstegen den 
seichten Nebenfluß und wanderten an diesem entlancr t)is in die Gegend 
seiner Einmündung. Schon von hier ab befuhren Ba 
gehende Boote den Fluß und vennittelten den Verkehr mit dem größeren 

der nur 10 Li von unserem letzten 



o 



o 



Marktflecl^en Hoa tschi tschiai 

Nachtcj^uartier entfernt war. Hier verließen wdr den Fluß und bogen 

halblinks nach Nordwesten ab. 

Durch anmutige Hügellandschaft, unter häufigen Ausblicken auf den 
im Südsü dosten verblassenden Omi schan, zog der Weg inmitten 
blühender Ob^itbaumijlantagen zur tempelgekrönten Höhe der TalschwoUe, 
an deren Tuß das große Dorf Kwan yin tsang in einer Längsfurche 
versteckt lag (30 Li). Immer weiter nach Nordwesten stieß unser "Weg 
schon nach 14 Li auf den hier von Norden nach Süden fließenden Ya ho 
und somit auf die Straße Kiating^Yatschou, die unmittelbar am 
rechten ilußufer entlangziehend, uns schon nach weiteren 6 Li nach 
dem ansehnlichen Dorfe Lo ba brachte (^50 m). Auch hier noch war 
im Südsüdosten der Omi sichtbar. 

Loba Hegt am rechten Ufer des kristallklaren Ya ho zwischen 
den Ortschaften Tschi ho kai und Tsao ba; von ersterem ist es 30, 
von letzterem 40 Li entfernt. Von Lo ba nach Yatschou ist es nur 
noch eine Tagereise. 

In Wu li dien setzt eine Fähre über den Ya-Fluß, an dessen 
Ufer etwas oberhalb das Dorf Tu tsching kwan an den Fuß 



anderm 



» 



rückens anlehnt. In Stufen steigt der We 



.chreitet die ca. 1050 m hohe Hügelkette und 



um Flusse hinab 



^^^ v^v. it.v.i.-ivuiLUi LciirtSHierten nange wieaer zum xiu^^c ly^^^-, 
brückt bei Sehui kou einen rechten Nebenfluß (25 Li) und mündet 






J 

Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 143 



nach weiteren 15 Li in die Dorfstraße von Tsao ba. Eine Stunde hinter 

diesem Ort rudert ein Fährboot wiederum über den Ya ho; der breiter 

Feldweg schneidet den großen Bogen des Flusses ab, setzt 16 Li später 

über einen linken Nebenfluß und verschwindet nach nui* weiteren 4 Li 

unter den Toren von Yat schon fu, dem bedeutendsten Handelsplatz 

an der Telegraphenstraße von Tschengtu nach Ta tsien lu und 
Tibet. 

Eine einzige, dem Karawanenverkeln* angepaßte Hauptstraße duj*ch- 
zieht die saubere, in anmutiger Hügcllandschaft eingebettete Stadt, deren 
zahbciche, gut ausszestattete Läden und Verkaufsstände mit billifien 



O**" CA-L*^^ 



AA^aren j apanischer oder europäischer Herkunft die Ureinwohner der 
nahen Lolo- und Hsifan-Bezirke zur Anknü]3fung von Handelsbeziehungen 
verleiten sollten. Yatschou ist auch der Ausgangspunkt für die nach 
Tibet bestimmten Ziegelteelasteu, die auf dem Rücken langsam vorwärts 
keuchender Kulis nach Ta tsien lu getragen werden, wo Yak-Karawanen 
ihie Weiterbeförderung nach Tibet übernehmen. 



Mehrere englische und amerikanische Missionare weilten in dem 



■o 



gastlichen Hause des amerikanischen Missionsarztes Dr. Shields: sie 
AvoUten in den nächsten Tagen nach Da wo und Batang aufbrechen, 
um, von diesen Orten aus auf die schwer zugängliche tibetische Berg- 
bevölkerung einzm^'irken und ihren Einfluß allmählich weiter nach Westen 
auszudehnen, wenn nach Abschluß der englisch-chinesisch-tibetischen 
Verhandlungen zu Simla die bisher so fest verschlossenen Grenzen des 
lamaistischen Kirchenstaates auch der weißen Rasse geöffnet werden 
sollten. 

Von Yatschou nach Ta tsien lu gibt es zwei Wege. Aus dem 
Südtor führt die große Straße nach Südwesten bis zur Höhe des 2900 m 
hohen Ta hsiang ling, fällt zum Tung ho herab und zieht an dessen 
linkem Ufer aufwärts bis Lu ting tschiau; der andere, der sogenannte 



„klei 



Quellen 



^n schan, überschreitet den 23öO m hohen Paß und steigt ebenfalls 
nach Lu ting tschiau ab. Bedeutend näher als die große Straße, wüd 
t*!" hauptsächlich von den Ziegelteeträgern benützt sowie von allen den 
Heisenden, die unabhängig von Reit-, Tragtieren und Sänften mit Hilfe 
der eigenen Kraft auf dem schmalen Stege vorwärts schreiten können. 
Da ich die reiche Flora des oberen Ya ho Tales kennen lernen 
Sollte, wählte ich zum nicht geringen Verdruß meiner Leute den ,, kleinen 
^Veg-v der den großen, nach Süden gerichteten Bogen der Straße ab- 



sohne 



ergen zustrebt. 



^ach nur eintäsiaem Aufenthalt schritt unsere kleine Karawane 



ö o 



^us dem Westtor von Yatschou fu heraus, setzte unw 



i 



Fluß Ufer entlanor. Öfters 



V 



\ 



144 W. Lirapricht 



in>erholten nu'ine Träger, die das wenige, unumgänglich nötige Gepäcl 



auf 



die unter iliren hocligetüniitcn Lasten fast versch\\indenden Ziegeltee- 
trager, die alle Augenblicke stehen bleiben, ihre hölzerne Rückenkiepe 
auf mitgeführte, kurze T-förmige Stützen stellen, sich den rinnenden- 
Schweiß rou der Stirn wischen und den vorübergehenden Europäer aus 
üngstlicliua, gequälten Augen naitleidsenegend ansehen. Die uns be- 
• gogneten Kulis brachten hauptsächlich Schaf- und Ziegenfelle, Moschus 
und Rhabarber sowie andere Medizinen aus Tibet nach Yatschou. 

Üppig bewachsene Berglehnen auf beiden Seiten verleihen dem Tale 
anmutige Schönheit, die noch an Reiz geA\ innt, Avenn der Pfad zu größeren 
ilr>hen über dem Flusse emporsteigt. Nach dreistündiger Wanderung 
setzt ein kleines Boot kurz hinter Fa hsien kwan über den von rechts 



komm, 



uft 



und überklettert im 1100 m. hohen Tschüen tse gang -Passe den 
reclit winkelig zum AVasserlauf gestellten Höhenrücken, an dessen West- 
fuße das Städtchen Schi yang uns zur Nachtruhe aufnahm (50 Li, 
ÜOd m). . 

Am nächsten :\Ioi:gen lief der Weg noch zwei bis diT-i Li eben hin, 
stieg dann durch Bergland zur Höhe des „Aprüvosengipfcls", Mae tse 
ting, 1150 m, und senkte sich zu dem Talkessel hinab, in dessen Mitte 
am Flußufer die bevölkerte Stadt Tien tschüan tschou die letzte 
Colegenheit zum Einkaufen UTientbehrlicher Eeisebedürfnisse bot. 

Hhiter der Stadt wurde der Weg bedeutend schlechter, dafür die 
Landschaft um so malerischer. Viele einzelne Häuser besetzten den Pfad, 
doch nur wenige ^fale rotteten sie sich zu Dörfern zusammen. Die zum 
Anbau geeigneten Stellen der Talwände hatte man mit Dungölbämueu, 
Tabak, Mais und Kartoffeln bestellt, an einigen Hängen auch Teesträucher 
angepflanzt, die m dem warmen, geschützten Tale vortrefflich gediehen. 



vornehmlich 



eiserner Kettenbrücke 



und zog sich 



an den buschigen Flanken der rechten TahAand über kleinere Siedelungen 
zum Dorfe Tschu schi ping hin (1300 m). Hinauf und hinab, all- 

leich hinter 



ma 




dem Doiie steil bergan zu dem kurz vor dem gleichnamigen : 
gelegenen Haus Tsiugang seh an und nach einer weitercu Viertel- 
stunde zur 2150 m hohen, pflanz enreichen Paßhöhe. 



henrüeken in g 



erst bei dem jenseits des steilen Abstiegs liegenden Dorfe Schui tscha 



n wi- 




Nun mündeten auch von Knks 

Das gewundene, prächtig bewachsene Tal stieg 

ide, wilde Kastanienbäunie sorsften für kühlenden 



j 



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* 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 145 



Schatten, und in dem nun schon engen Tale erschien Leang ho kou. 
Hier überspannte eine eiserne Kettenbrücke den stärkeren Arm des sich 



teilenden Ya ho, der Weg schritt über die Brücke und zog am schwächeren 
Arm aufwärts. Die Schlucht dieses Wassers wurde eng und düster, mehrere 
ifale mußte der Bach auf Baumstämmen überschritten werden; die nun 
erscheinenden Nadelbäume gaben dem einsamen Tal ein stilles, ernstes 
Gepräge. Wieder auf hochgelegtem, schlüjifrigem Brette über ein tosendes 
Wasser und auf Stufen hinauf zu dem Gebirgsdörfchen Ming kan schan, 
reizend in 2200 m Höhe allseitig von subtropisch üpj^ig bewachsenen 
Bergen umgeben (171 Li von Tien tschüan tschou). Hinter dem 
Dorf begann der Anstieg zur Paßhöhe. Z\veimal über den durch Gewitter- 
regen der letzten Nacht stark angeschwollenen Bach führte der Pfad 
zu einem einzelnen Haus, bei dem sich das Wasser teilte. 

Wir stiegen am linken Arm hinauf, an Felsen mit blühenden, purpurnen 
Orchideen und Primeln unter dichten, in weißer Blütenpracht prangenden 
Deutziasträuchcrn und brausend zu Tal stülpenden Wasserfällen vorüber, 
langsam immer höher und höher. Die nun erscheinenden Anemonen 
und Strauchrhododendren verrieten eine ungefähre Höhe" von 2500 m, 
der Pfad suchte in Kehren bequemer die Höhe zu gewinnen, wiedermu 
teilte sich bei einem einzelnen Haus das Wasser (2700 m) und nun noch 
am Unken Arm ein kurzes Stück in die Höhe, wandte sich der Steig zum 



g 



Tale des rechten Zweigbaches, an dessen Lehnen er hoch, fast eben, entlan 
zog. 10 Li \veiter lag inmitten einer Alm ein einzelnes Sennhaus, dessen 
Bewohner den in den Bereden wild wachsenden Rhabarber um seine Be- 
Sitzung angepflanzt hatte. 

Reich mit Alpenpflanzen besetzte Felsen umrahmten nun den Weg, 
nochmals erschien ein einzelnes Haus, hinter ihm wandte sich der Pfad 
wieder zum Tal des vorherij^en linken Zweigbaches hinüber, dem er durch 
Tannen und Ahornbäume bis zur Quelle folgte. Noch wenige :\Iinuten, 
und ein einfacher, überdachter Heiligenschrein bezeichnete die 3250 m 
hohePaßhöhelMa (ng)an schan. Die Zeit bis zum Eint reffen der langsamer 
steigenden Träger verwendete ich, um die et\\as über ICO m höhere Kuppe 
nördlich des Paßüberganc^s zu besuchen, deren grasreiche Flächen wohl 
eine interessante Flora, des Nebels \\egen aber leider keine gute Fernsicht 

^ " — m A ^1 



;ni 



hoten. 

5^u einem einsamen Hause führte. Der nun immer steiler werdende Abstieg 
war von großartiger, alpiner Schönheit. Senkrechte, kahle Kallcf eisen 
stürzten zur Rechten in die Tiefe 



im 



zu dem unweit des Felsensturzes der Steig in Kehren hinabführte. 

Bas Yegetationsbüd änderte sich völlig. Neue, bisher unbekannte 



ma 



^Idreben und Mauerpfeffer leiteten zur Hochge 

F- Fedde, Kepertorium specierum novarum. Beiheft XII 



10 



146 W.Limpricht. 



hinüber, ein Wechsel der Flora, so ausgeprägt, daß man vergessen konnte, 
auf der anderen >Seite desselben Berges zu sein. 

Angelehnt an den Fuß der Felsmauern erschien das Dörfchen G a u g o u, 
2ü00 m, das letzte Quartier vor dem Tung ho- Tale und Lu ting 
tschiau. 

Die wilden, schneebedeckten Schroffen und Zacken der Ta tsien lu er 

Hochketten leiten j/reifbar n;^hf^ im S?iiri\vA«fi^TT mn- Tir./^Ti rlnw.^ rloc +i\.f- 



* 



\ 



eingeschnittene Längstal des Tung ho geschieden. Nach ihnen zu 
schmiegte sich der fernere Weg den Talwänden an, deren Fuß bei dem 
Dörfchen Pan dshio hsia nach kaum einstündigem Abstieg in den 
bachdurchströmten Talbodcn überging. Doch die Hoffnung, dem 
Wässerchen bis in das Tung ho- Tal folgen zu können, wurde schon 
nach 5 Li, bei Wu li gou, 1885 _m, zu nichte. In Kehren mußte die hake 
Talwand erklommen werden; ihre Höhe gestattete einen guten über- 
blick auf das Tal des Tung ho mit seinen Öden, dürren, fast vegetations- 
losen Stein- und Felsenhalden, das trübe, schmutziggelbc rasch dahin- 
schießende Wasser des Tung ho oder Da tu ho und die seinem 
linken Ufer angelehnte Stadt Lu ting tschiau, zu der sich unser Weg 
hinabsenkte. 

V 

Bei Lu ting tschiau (1620 m) mündet die große Straße vonYa- 
tschou ein, überspannt mit einer mächtigen, eisernen Kettenbrücke 
den Fluß und zieht parallel dem Wasserlauf am rechten Ufer hinauf. 
Das trostlos unfruchtbare Tal erinnert an das Tal des Hsiau ho bei 
Tsaka lo und Li fan ting; blühende Kakteen, Akaziensträucher, 
^Veißdorn, niedere, dicke, fleischige ^Mauerpfefferarten und Sauerampfer, 
die charakteristische Pflanzenwelt wasserloser Stein\\'üsten, bildeten die 
wenigen, grünen Fleckchen in dem toten, graubraunen Gestein. 

Bis zur Einmündung des gestern bei Wu li gou überquerten Baches 
mußten wir am nächsten Morgen am rechten Ufer zurück und angesichts 
der grünblauen Linien des Ma an schan wanderten wu- in dem wilden 
Felsentale aufwärts. Hinter Ta pen ba, 35 Li seit der Brücke, stieg 
die Straße an den Felswänden empor und führte hoch über dem Flusse 
um vorspringende Felsnasen herum schließlich in ein wildes Quertal 
hinein, dessen Eingang das letzte, rem chinesische Dorf Wa sse kou 
bewachte (GO Li). 

Der kräftige, weißzischend über die Steinblöcke hinabdonnernde, 
hinter dem Dorfe in den Tung ho sich ergießende Bergbach war der 

von Ta tsien lu, das 60 Li weiter oberhalb lag. Seine rechte Tal- 
wand bildeten die steilen, wilden Felsenstürze des mit e^vigem Schnee 
bedeckten, vergletscherten Gongri, des Berges von Ta tsien lu; die 
Wände des linken Ufers zeigten ähnliche Formen, sie setzen sich in dem 
Hagen Kamme fort, der sich an den „König der Berge'^ den Dshara, 



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Botanische Eeisea in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 147 



anschließt und das Tal des bei Ta tsien lu mündenden Tsie vom 
Tung ho trennt. In dem. hochalpinen Tal am rechten Ufer des in un- 
bändiger Kraft dahinrasenden Flusses zog die Straße allmählich höher 
und höher, von rechts mündete das Tal des Tsie ein, und vor uns lagen 
die grauen, gesch^\eiften Chinesenhäuser des Grenzstädtchens Ta tsien lu, 



durch dessen Osttor wir am Nachmittag des 13. Juni die menschen- 

r 

wimmelnde Hauptstraße betraten. 



Flora des Omi schau uiid Umgebung. 

Der heilige Tempelberg Omi (Ng omi) {in englischer Transskrii^tion 
Omei) stellt mit seinen beiden Nachbarbergen Da und Hsiau Wa schan 
die Verlängerung der unter dem Kamen Da liang schan das Land 
der unabhängigen Lolos durchziehenden Hochgebirgsketten dar, die sich 
vom Yang tse nach Korden bis zum Tung ho (Da k in ho) hin erstrecken 
und sich nach Süden in den Gebirgen Yünnans verlieren. Obwohl außer- 
halb des mauer artigen Ostabfalls Hochasiens gelegen, hat er doch eine 
Reihe von Typen mit diesem gemein, darunter auch solche, die, wie Draba 
Laflyginii bis zu den Gebirgen der Mongolei hinaufgehen; der weitaus 
größte Teil seiner Flora Aveist aber nach Süden, nach dem Gebirgslande 
der Provinz Yünnan hin. 

Entsprechend der Heiligkeit d'^s Berges ist der ursprüngliche Wald- 
bestand noch erhalten, und deutlich läßt sich die Grenze zwischen Laub- 
und Kadelwald, 
erkennen. 

Osmunda regalis var. japonica, die rot- und weiß gelbblühenden 
Orchideen Spirantlies sinensis, Bletilla ochracea, szechnanica und dricUa, 
Polygonüm runcinatum in I^'nmengen, Anemone japoni 



Rhododendronz 



CJirysospIenium Davidianum, Androsace Paxiana und Lysimachia trien- 
taloides standen Ende 5Iai neben den Sträuchern Skimmia melanocarpa, 
Evonymvs cornuta und Vibtirmim hupehense in dem mit CunningJiamta 
durchsetzten Laubwald in Blüte. 



Bei ungefähr 20CO m be 
und Cunninghamien leuchten in U nmengen 



Unter den Tannen 



runct 



an feuchten Felsen ganze Flecken der weißen Pinguicuia alpina, neoen 
Tiarella polyphylla, Stachyurus Mmalaicus, Ligustrum sinense und Monna 
Bulle yana. 

Der Gipfel selbst büdet ein allmählich ansteigendes Plateau mit 
steüen Felsstürzen, besonders nach Süden. Bambus, Tannen, Wadiholder, 
von 2800 m an weiße und gelbe Alpenrosen {Rhododendron ambiguum, 

Faberi und 7iitidulum, letzteres an den Felsstürzen) behaupten iluen 

10* 



148 W. Limpricht. 

W ^ 

j 

Platz bis zum Gipfel und bekleiden namentlich die außerordentlich ät eilen 
Hänge des felsigen Südabsturzes. 

Poa annua, Carex sutcJmeyms, Trillium TscJionoskei, Clintonia udensis, 
FritiUaria Ddavayi, Smilacina lubijera, Veratrum nigrvm, Arisaema 
consanguineiim und lohatum in Aliienformen, Ranunculus ßaccidus, Clenwiis 
monfona, Asiero'pyrum peltatum, Dicentra macraniha, Chrysosplcniwm 
Davidiamm, Oxalis Grijfithn, Viola Wallichiana, unserer heimischen 
F. biflora sehr ähnlich, Anisodus cauUscens, Carum delicatiäum, Feäi- 
cularis xagans (bisher nur hier gefunden) bevölkern die lichteren Stellen 
z^\ischen den aus Bambus, Rhodendi'en, Salix dissa, Berberis circum- 
serrata, Prunus droseracea, Ribes tenue und Stachyurm Umalaicus zu- 
sammeng esetzten Gebüschen. 

An nackten Felsen blühte Draba Ladyginii, Frimulain cisa, Draco- 
cepMtum ped unculat um , Verom'ca serpyllifoUa und Ana pJialis yunnanemis. 

Vom Gipfel des Omi stieg ich in nordwestlicher Richtung nach dem 
groPen Wa schan zu ab und \\ änderte über Gao raiao nach Ya 

r 

tschou f u. 

_ 

Prachtvoller, dickstämmiger Cumiinghaiuienuald bedeckt hier die 
Talwände, Bambus bildet das dichte Unterholz, so daß nur wenig 
Platz für die Entwicklung krautiger Blütenpflanzen frei bleibt. 

Houüuynia cordata, in China allgemeiner verbreitet, und Bleiilla 
szecJnianica erscheinen a^ach hier, Unmengen von Begonia Limprichüi 
bedecken die Böschungen der eingeschnittenen Wege, Dichroa febrifuga 
und Pohjgala arillata blühen am Rande des üppigen Bam'busdickichts, 
und weiterhin an den Flußufern treten Im japonica, Lijsimachia Klattiana, 
Ligusirnm sinensc uudGentiana ruUcunda als wpifvf.r>irpi+AtA Tvnpn hinzu. 



- 



Ton Ya tsehoii nach Ta tsien lu. 

Der Weg zieht zum größten Teü m dem reich bewachsenen Tale 
des Ya ho aufwärts, schneidet eine Kehre des Flusses im 2150 m hohen 
Tsu gang schan ab, überwindet die Wasserscheide im Ma (ng)an 
schan und steigt in das Tal des Goldflusses (Da kin ho oder Tung ho) 
hinab. Das Tung ho- Tal bei Lu ting tschiau zeigt einen aus- 
gesprochenen xeroph^tischen Charakter und beherbergt dementsprechend 
eine Flora, die derjenigen der sterilen Täler bei Li f an "ting und 
Tsaka lo außerordentlich ähnelt. 

Das obere Ya ho-Tal ist namentlich von Tientschüan tschou 
ab überaus malerisch; reiche Strauchvegetation, im Quellgebiet auch 
prächtiger Laubwald, höher hinauf Tannen und Rhoflodendien be- 

und bergen eine Fülle von Krautpflanzen, die m 




ihrer Verwandtschaft auf Y^ünnau hinweisen. 



Jujii 



Botaoische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 149 



Salix Fargesii, Spiraea japonica, PyracantJia crenulata^ SUavva^^sia 
Davidiana^ Deutzia Sclineideriana und glömervlifera, Rosa Helenae und 



microcarpa, 



amabili 



Bonatiana und glauca, Sophora glauca, Hydrangea Davidi, Ribes Maxi- 
rnowiczii^ Acer laxifhrum, Coriariaterminalis , Hypericum patulum, Buddleya 
Lindleyana, Jasminum grandiflortim, Clerodendron yaischoueyise, Lonicera 
Henryi, chaetocarpa, penduUflora und Limprichtii, Viburmim Wilsoni, 
Samhriciis adnafa, Leptodermis Limprichtii und nigricans sowie Cclastrus 

dylosa. 

Von mehr oder minder kletternden Sträuchern: Schizandra riihrijlora 
und veslita, Actinidia chinensis i^nd KolomiUa, AmpTiicome arguta, Vitis 
betuUfolia und Trachelos per mum catayanum. 

Osmunda regalis var. japonica, OpJiiopogon japoniciis, Disporopsis 
fuscopicfa, Alliiim Grayi, Bleiilla ochracea und szechuanica, PlatanUiera 
japonica, CalantJie fiinbriata^ Polygonum runcinafum, Houtfuynia cordata, 
Rammcuhis affinis, Clematis grata und ynontana^ Anemone rivularis, Aqid- 
legia ecalcarata, Actaea spicata und Cimicifuga calthijoUa^ Corydahs 
Dacidii, Geum strictum, Lysihiachia Limprichtii, Mimulus nepalensis und 
Strobilanthes Limp)ichlii sind die häufigsten Begleitpflanzen der üppigen 
Strauchvegetation, Andere subalpine Arten erscheinen an den Berg- 
lehnen des Ma an schan, der ca. 3000 m hohen Wasserscheide zwischen 
Ya ho und Tung ho; sie deuten in ihren verwandtschaftlichen Be- 
Ziehungen auf den Omi seh an und die wärmeren Hochgebirge Yünn ans 
hin, doch treten namentlich auf der Westseite . des Gebirges Formen 
hinzu, die deutliche Beziehungen zur Flora der Ta tsien luer-Alpen 
erkennen lassen. Oberhalb Ming kan schan (2200 m), (Rhododendron 

• - ^^ ^-* # ■ • 



ana 



var. siibfuscescens und Lehmanni, KTjllingia brevifcUa, Juncus concmnm 



Tof 



tibttica, CalantJie fimbriata, Pleione Limprichtii; ferner: Ärabis hirsufa, 
Stellar ia David i, Geranium P ylzoivi miurn , Sedum yunnaneme var. vakria- 
noides, Viola WaUicJiiana, Frimula musmrioides, Veitchii, lanala und 

.V, PhlheirospermuM lenuiscdum, Pingnicula alpina, Veromca 



anens 



l^xie und Senecio homvg ynipliylla. 

An den sterilen Talhängcn des Tung ho-Tales: Gynura aurita, Gcrafo- 
^tigma Griffithii, ßarleria cristata und Porana lutingtnsis, neben den 
<^'harakterstauden Acncia Teniana und Opuniia DiUenii. 

V. Auf dem Tibeter Weg nach Dege und Bantang. 

Ta tsien lu, das Tor von Tibet, ist seiner bevorzugten Lage nach 
vorzüglich dazu geeignet, den natürlichen Zugang zu dem Hochlande 
Tibet zu bilden. Die lange Mauer des mit ewigem Schnee gekrönten 



150 ^ W. Limpricht. 

Hochgebirgskammes begrenzt die wellige Hochsteppe des „Tsao dv\ 



tibet 



wilden Felsen- 



? — — ______ 

hängen gegen das verkchrshemmende Tal des Tung ho oder, wie er A\eiter 
oberhalb genannt wird, des Da k in ho, des großen Goldfhisses, ab. 
Dem Fluß von Ta tsien lu ist es gelmigen, diese Ketten zu durchsägen: 
in dem von ihm geschaffenen Tale zieht die große Straße von China 
nach Lhassa, die eine Tagesreise westlich des Grenzstädtchens im 4400 m 
hohen Gila-Passe den oberen Rand des Hochlandes betritt, dessen 
Bodengestalt nng, Tier- und Pflanzenwelt, sowie anders geartete Be- 
völkerung auf seine Zugehörigkeit zum eigentlichen Tibet hinweist, 
wenn auch die politische Grenze, wie die Inschriften des einzig vorhandenen 
Grenzsteins am N i n g h s i n g s c h a n hinter B a t a ng verkünden, noch 
über den Oberlauf des Yangtse oder Dritschu nach Westen 
hinaus liegen soll. . 

Die Chinesen wissen die Bedeutung des Ortes voll zu würdigen, sie 
haben Ta tsien lu zu einem Stützpunkte des Chinese ntums gemacht, 
von dem aus das allmähliche, friedliche Vordringen des gelben Kaufmanns 
neuerdings auch mit bewaffneter Faust erleichtert wird. Die Regierung 
zu Peking ist sich der ungeheuren Gefahr bewußt geworden, die ihi- von 
Seiten "Englands in Tibet droht und, gewitzigt durch das \'orgehen 



der R US s e n in der Mongolei, sucht sie jetzt, wo die englisch- chinesisch- 
tibetischen Verhandlungen zu Simla endgültig gescheitert sind, mit 
^Vaffcngcwalt das fünffarbige Banner auf dem asiatischen Vatikan, dem 
Potala des Dalai Lama in Lhassa aufzupflanzen mid das Land in einzelne, 
chinesische Provinzen umzuwandeln. Trug man sich doch, wie mir der 
liebens^^ ürdige, etwas französisch sprechende :^rilitärgouverneur des 
Grenzbezirkes, General Tschang, mitteilte, schon im Sommer 19U 
mit dem Gedanken, das vorläufig noch zu Szetschwan gehörende 
Batanger- Ländchen bis zum Oberlauf desSalwin au-szudehncn unH 



der neuen Provinz mit der Hauptstadt Batang den chinesischen Xaraen 
dieses Flusses, Lu kiang, zu verleihen. 

Von .einer festgesetzten Landesgrenze, wie sie auf xmsern Karten 
vermerkt ist, kann keine Rede sein. Sind, wie der wörtliche Ausdruck 
des Generals lautet, die Lamas und der eingeborene Fürst für ihn, gehört 
das Ländchen zu Szetschwan. wenn nicht, gilt es als selbständig oder 
direkt von Lhassa abhängig. 

Augenblicklich führten die chinesischen Soldaten kleine Scharmützel 
an der Straße zwischen Tschiangka (Garthok) und Tschamdo, 
schienen aber, durch Kraixkheiten und unzm-eichende Verpflegung er- 
schöpft, wenig Erfolg zu haben, um so mehr, als die Tibet er sich nicht 
mehr der alten, vorsündflutlichen Gabelgewehre bedienen, sondern . mit 
muderiien en^glischen oder russischen Feuerwaffen ausgestattet sind, die. 



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Botanische Reisen in^den Hochgebirgen Chinas^jund Osfc -Tibets. 151 



Aveiß Gott von avo her, ihren Weg nach Tibet gefunden haben. Doch die 
Tage des kräftigen, dem Europäer so sympathischen Volkes, dürften 
niclits destoweniger gezählt sein. Immer am Leitstrick der das Volk 
ausbeutenden, gewinnsüchtige Zwecke verfolgenden Priester ist die Be- 
vclkerung nicht selbständig genug, dem unaufhaltsam vordringenden 
C hinesentum einen Damm entgegenzusetzen. 

Längs der großen Straßen siedelt sich der Krämer oder Spirituosen 
vertreibende chinesische Gastwirt an, nimmt sich eine eingeborene Frau, 



die nötigenfalls mit ihren Kindern kaltblütig verlassen wird, und die alt- 
eingesessene Bevölkerung weicht vor dem geschäftstüchtigeren, ge- 
wandteren Chinesen in die abseits gelegenen Hochtäler zurück. 

Auch das Militär leistet der Kolonisation Vorschub. Die an der Straße 
liegenden Eingeborenenhäuser werden zerstört, ihre Bewohner _ 
in die Berge getrieben, von wo sie von Rachsucht geleitet oder aus Hunger 

m und Warenkara^\anen so^^ie Militär- 
patrouillen überfallen, um Lebensmittel und die zur Fortsetzung ihres 
Räuberhandwerks nötigen Gewehre und Patronen zu erhalten. Die Wut 
der Lamas richtet sich auch gegen fremde, besonders französische Missionare, 



j_ 



Einfluß 



'S 



Ende ihrer Herrschaftsgelüste und ihres faulen, nichtstuerischen Schlemmcr- 
lebens auf Kosten der Einfältigkeit des Volkes hefürchtet. 

Wenige Tage vor meiner Ankunft war der langjährige, französische 
Seelsorger von Batang kurz vor Litang", wohin er sich zu einer Tn- 
spektionsreise begeben hatte, von Banditen ermordet und in nicht wieder- 

1er Weise verstümmelt worden. Das Abschneiden der Zunge 
läßt die Vermutung aufkommen, daß die Anstifter des Mordes in dem 
großen Lamakloster von Litang zu suchen sein dürften, um so mehr, 
als wohl die chinesischen Begleit Soldaten und die chinesische Bedienung, 
aber kein einziger der tibetischen Pferdeknechte das Schicksal ihres Herrn 
teilten. Vor dem zur Veraeltuno' herbeieilenden Militär ziehen sich die 



B a nden 



un 



schon Jahrzehnte hindurch als unsicher geltenden G ambu -Gebirges 
zurück, wohin ihnen die Soldaten nicht folgen können, und aus Wut über 
das Fehlschlagen ihres Rachezuges werden auch in den der Hauptstraße 
benachbarten Seitentälern die Xiederlassimgen unschuldiger Bauern von 
ihnen zerstört. 

Bei derartigen Verhältnissen ist es für den Europäer zu gewagt, das 
Land zu betreten, und ich bin General Tschang zu besonderem Dank 
verpflichtet, daß er mir den Nordweg über K anse und Dege nach Batang 
gestattete, von wo ich, einmal in Batang, trotz des Protestes der dortigen 
Behörden, auf der großen Straße über Litang nach Ta tsien lu zurück- 
kehren konnte. 



152 



"W, Limpricht 



Zu beiden Seiten des weiß schäumenden Wildbaches, den drei gedeckte 
J-lulzbrücken überspannen, ziehen sich die beiden Hauptstraßen von 
Ta tsien lu hin. ZaWreiche. 



überwiegend chinesische Läden halten 



allerlei billigen Kram feil, den die kräftige, wettergebräunte, in grobe, 
dunkelbraune Wollstoffe gekleidete, männliche Bergbevölkerung mit- 
ihren stets heiteren, drallen Mädchen und Frauen kindlich staunend um- 
steht, eifrig im faltenreichen Gewände nach Kupferstücken sucht, um die 
eine oder andere der ausgestellten Herrliclikeiten erstehen zu können. 
Vergnügt schmunzelnd preist der die Laadessi>rache fließend beherrschende. 
Geschäftsmann seine Ware an, \\eiß er doch, daß ein dreijälu-iger Auf- 

11 

enthalt in den Grenzbezirken ihm genügenden Gewinn für ein sorgen- 
loses Dasein in seiner Heimatprovinz, im eigentlichen China, zusichert. 
Überall im Straßengewühl wandern hochgewachsene, wohlgenährte 
Lamas umher, das rote Priestergewand nach Art einer römischen Toga 
um den kupferbraunen Körper geschlungen oder sitzen, Zigaretten rauchend, 
in den Teeschänkon friodUoh mit diMi f^liinf^^i^^n 7nfta»m>if^n- An^^u lii^r in 



j 



Ta tsien lu zwingt schon die politische Klugheit dazu, den im geheimen 
glühenden Haß gegen alles Chinesische in unmittelbarster Nähe Chinas 
und des militärischen Befehlshabers wenigstens äußerlich zu verbergen. 

ist 



Der chinesische .\ame Ta tsien lu (Pfeilschmiede-Ofen) 



Vereinigung 



der 



der tibetischen Ortsbezeichnung Dar tsien do, d. h. 

riüsse Dar und Tsie entlehnt. Der schwächere Tsie entquillt einem der 

drei Seen 'des Hai tse schan-Sattels am Dshara und durchfließt 



das nördlich von Ta tsien lu hinaufziehende Girong Tal. 



In seiner 



iSohle führt der hauptsächlich von Teekarawanen benützte Weg nach 
Tschanido in Tibet und mit einer Abzweigung über den Ta pao scha n 
auch nach Pumi tschango, Sung pan ting und der Provinz Kau su. 
Der stärkere Dar setzt sich aus drei Wasserläufen zusammen, deren zwei 
von den Gletscherzungen des Mu kung ka-8tockes imd ein dritter 
von den Steinhalden des Gila-Passes herabkommen. Letzterer jnündet 
bei dem Dörfchen Sheto ein; seinem Laufe folgt die große Straße nach 
Lhassa bis zur Paß höhe. 

Wohlverseheu mit Schreiben und Ulapässen für Pferde, Esel und 
seitens des liebenswürdigen Generals Tschang, brach ich nach 
fünftägigem Aufentlialt am Morgen des 19. Juni von Ta tsien lu auf, 
verließ mit meinen Dienern und Trägern durch das Westtor das Städtchen 
und wanderte auf der großen Straße zunächst bis Sheto, wo ich der 
umliegenden Bergwelt Avegen einige Tage zu verweilen gedachte. 



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Auf 



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an einem unter.Bäumen versteckten Lamatempel, einem der schönsten 
der acht, jetzt von chinesi.schem :\Iilitär besetzten, lamaisti^clien Kultus- 



Stätten von Ta tsien lu und näherer Umo-ebunt/ vorbei allmählich ani 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 153 

Jinken Talhange empor, deren reiche, alpine Vegetation der 2.550 m be- 
tragenden Höhe der Talsohle entsprach, 

Xnn zeigte sich im Südosten der lange, zackige, bis tief hinab mit . 
ewigem Schnee und Gletschern bedeckte, 7500 m hohe Kamm des Gong ri; 
saftige, frischgrüne, aber baumlose Matten umgürteten seinen Fuß, darüber 
breitete sich ein Kranz von steinigen Geröllhalden und höher hinauf 
blendend weißer, unberührter Schnee bis zu den höchsten Graten und 
Spitzen aus, ein Anblick, so wunderbar, so überwältigend schön, daß 
der, der das Glück gehabt, ihn ungetrübt zu genießen, diesen unauslösch- 
lichen Eindruck zeit seines Lebens nicht vergessen wdrd. 

Die Straße verließ das Tal und bog nach rechts ab. Hier mündet . 
im Grunde ein Bach, nach ihm zweigte ein schmalerer Weg ab, der im 
Ya tschia-Paß die Verlängerung des Gongri überklettert und nach 
Mien ning hsien und weiter durch das Kien tschang-Tal nach der 
Provinz Yünnan hinabführt. 

Unsere Straße folgte, im neuen Quertale dem Wasser weiter bis zu 
den wenigen, flachen, auf Alpcnmatten in einer Verbreiterung des Hochtak 
zerstreut angelegten Häusern des tibetischen Dörfchens Sheto (Cheto 
oder Je to der Karten), dessen einfache Herberge schon nach etwas 
über dreistündigem Marsch erreicht war. Unmittelbar hinter den letzten 
Häusern teüt sich das Wasser. Südwestlich zieht sich das Tal des linken 
Armes hinauf; in ilim führt ein Weg entlang, überschreitet in einem fast 
"jOOO m hohcnPaß den Gebirgskamm zwischen Gongri und Mu kung ka, 
senkt sich nach der ersten 150 Li von Sheto entfernten Siedelung 
Bjaki (Kiaki) hinab und wendet sich nach Baurong im Yalung- 
Tale. Der andere, rechte x\rm weist nach dem Gila-Passe hin. 

Ein Besuch des südwestlichen Tales war mein Plan für den nächsten 



T 



ag. 



f # 



Wiesen der etwas über 3500 



gelegenen Siedelung zogen wir dem Taleingang im Südwesten zu. Anemonen, 
Nelken, rosa- und orangefarbene Primeln, Hahnenfuß, gelbe Sumpf- 
dotterblumen, grünliche Orchideen, x\ckelei, blaue Astern und rosablütige 
Knöteriche setzten die Mattenflora zusammen, die die hauptsäclüichste 
Xahrung der zahlreichen, hier weidenden Yakherden und Pferde bilden. 
Weiterhin umrahmte Buschwerk die Bachränder und zog sich auch etwas 
^n den Talwänden hinauf. 



dunkel 



blaue Schwertlilien, Veilchen und Priraelarten ; kura schwänz ige, hühner- 
ühnliche Fasanen suchten so schnell wie möglich ihr bergendes Dickicht 
zu erreichen. 

Der Weg wurde steinig, links bot ein Seitental Ausblicke auf die nahen 
schneebedeckten Grate, bei einem einsamen, zerfallenen Haus mündete 
von rechts ein Bach hinein. Hier hatten es sich tibetische Hirten bequem 
gemacht. Auf ihre freundliche Einladung hin setzte ich mich zu ihnen an 



154 



W, Limprichtt 



das Feuer und teilte ihr einfaches, iiiTsamha*) undButteiteebesteheuJtb 
Jfahl. Alle \\aien bewaffnet, um an den Geröllhaldcn der oberen Tal- 
w'ände den „wilden Ebel', die Serowantilope, zu jagen, die, wie ich mich 
späterhin überzeugen konnte, hier öfters bemerkt werden kann. 

Langsam stieg der Pfad im Talgrunde empor; auf den grasigen Plätzen 
unterhalb der Geröllhalden der rechten Talwand erschienen prachtvolle 
großblütige Alpenpflanzen, besonders Primeln in allen Farben, gelbe 
i^'chachblumcn, zwergige, weiße und gelbe Lilien, kleine, blaue Schwert- 
lilien, Wachholdersträucher und eine für Osttibet charakteristische Steni- 
eiche. Nach droi Stnnrlpn +ßilfQ c-^v, aa.. ii 



eg 



Im 



Tale geradeaus führte der Pfad nach Djaki weiter, rechts wand sich ein 
Zickzackweg in Kehien zur Höhe der rechten Talwand, dem ich zu folgen 



beschloß. 



Phododendr 



Hchan stand hier in voller Blüte, großblütiger, gelber mid blauer Mohn, 
bhuier Teufelsbart, blaue Primeln, Xclken und verschiedene Pedicularis- 
arten füllten die felsigen Zwischenräume zwischen den niedrigen Wach- 
holderstauden aus. 

Endlich hatte ich die stellenweise noch Schneeflecke tragende PaB- 
höhe Lani ba erstiegen. Ein Mani, ein Steinhaufen mit tibetisch be- 
druckten, an Stecken flatternden Gebetsfahnen, bezeichnete die höchste, 
4480 m ü. :^L gelegene Stelle. Auf der anderen Seite senkte sich der Weg 
nach Pan pan lu und Ho kou 
angefülltes Hochtal hinab. 

Die vorgerückte Zeit zwang ziu- Umkehr. Rasch uar ich wieder itn 
Talgrunde bei meinen beiden Dienern angelangt, und wir gingen eilig-^t 
die 30 Li zu unserem Quartier Sheto zurück. 

Den nächsten Tag benutzte ich dazu, die Berglehnen nordnordwestlich 
des Dörfchens emporzusteigen. Auch hier war die Flora außerordentlich 



in ein neues, mit Gesteinstrümmern 



eichhaltig 



rhododeudreu und 



derBambusgürtcl, der den Bergen östlich von Ta tsien 1 u ein so charakte- 
ristisches Geprcäge verleiht. Dafür traten andere Stauden und Bäume in 

~1 * -I . ^ 

,xi « _ Tri H w 



die Erscheinung. 



Tannen, Lärchen, Wachholderbäume, Steineichen. 



Birken und Hainbuchen bestanden die höheren Lagen, strauchiges, klein- 
blätteriges Rhododendron mit kleinen, weißen gelben rosa und violetten 



auenschuh 



Geßnerazeen, blaue Teufelsbartanemonen, weiße Erilca, Enziane, 




Pedik 



bunten Blüten- 
teppich, über den schwerfällig große, rptgef leckte Ap'ollof alter dahin- 
gaukelten. Die Kammhöhe setzte sich weiter zum G ilapasse .meinem 
nächsten Ziele, fort; daher folgte ich ihr nicht weiter, 
einem anderen Wege wieder nach .Sheto zurück. 

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-■) Gemenge aus Gerstt-nmehl, Butter und Tee. ' 



hindern 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibet?. 155 



Der Morgen des 23. Juni sah mich und meine kleine Karawane die 
Straße in dem öden Hochtale emporsteigen. Rhabarberstauden mit 
leuchtend gelben Hochblättern standen wie Kerzen unweit des Bachrandes, 
der prachtvolle, gelbe und blaue Mohn {Meconopsis), Charakterpflanzen 
der osttibetischen Hochalpenmattcn, im Verein mit rosa und dunkel- 
roten Primeln wucherte zwischen den fe'teinblöcken, die immer zahlreicher 
das Bett des Hochtals anfüllten. Der nun kleiner werdende Bach ver- 
schwand schließlich unter dem Geröll, der das Tal abschließende Rücken 
kam näher und näher, und nach fünfstündigem, langsamem Steigen war 
die manigekrönte Paßhöhe erklommen, hinter der die Hochsteppe Tibets 
beginnt. Die Chinesen nennen den Paßberg nach dem letzten Dorf an 
seinem Fuß Tsche to schan, die. Tibeter geben der 4400 m betragenden 
Höhe den Namen G ila (Dj ila) nach dem nordwestlich mir ihr verbundenen 

Gilaka, einem Vorgipfel des Dshara. 

lanken um die letzten Schneereste zu botanisieren 

und einen Überblick über die Gegend zu erhalten, stieg ich noch 1 1 o Stunden 
an dem beiderseits in zackigen Schieferplatten jäh abstürzenden Grat 
bis zur Bergkuppe südsüdwestlich des Passes empor (4C80 m). 

Der Gongri (Lhamortse bei Tafel) bei Ta tsien lu lag jetzt 



im Ostsüdosten, andere Schneegipfel zeigten sich nur im Südsüdosten und 
Nordosten. Der Kamm des Passes zog sich südsüdwestlich nach dem Lani 
ba hinüber, mit dessen Rücken er durch einen scharfen, etwas niedrigeren 
Felsengrat verbunden war. Über die Paßhöhe nach Nordwesten hinaus 
setzte er sich in einen langen, ebenfalls felsigen Rücken fort, der sich 
in den Gletschern des Gilaka verlor. Nach Westen und Nordwesten 
schweifte der Blick über ödes, baumloses, nur mit kurzer Grasnarbe 
bekleidetes Steppenland dahin, dessen Trostlosigkeit nur durch einige 
wellenartig hinziehende Hügelreihen etwas gemildert wurde. 

Winzige, kaum 1 cm hohe Steinbreche, kleine Androsacearten. 
z^vergige Gletscherweiden, hellrote Primeln, ähnUch dem Habmichheb 
«nsers heimischen Riesengebirges, und einige andere Vertreter der letzten 
höchsten Vegetationszone waren hier, in 4700 m Höhe, die einzigen Spuren 
^'on Leben in der totenstillen Steinwüste. 



kurz< 
mehr 



so 



daß 



reichen. 



o 



-So mußten wir denn, obwohl unser Weg nach Dawoh ier auf der 
PaßhöheschondiegroßeStraßenachBatang verließ, gegen meine ursprüng- 
liche Absicht dem Haupt wege noch eine Stunde abwärts durch die flache 
Talnmlde folgen. Hier laa einsam das Tibeterhäuschen T j i a t s u k a { H s i n 
«if n tse), womanmireinfensterlosesLoch, eine baldleer gemachte Vorrat s- 
kammer neben dem Stall, anwies, in der mein Feldbett gerade Platz hatte. 
Am nächsten Morgen verließen wir die Straße endgültig und stiegen 



156 ^^- Linipricht. 



die Hänge der rechten Talvvand empor, bis der ebenfalls vom Gila herab- 
kotnmende ,, Nordweg'' einmündete. ' 

Kurze Grasnarbe bedeckte das wellige Gelände des öden Hochlandes: 
einzelne, blaue Anemonen überragten die Binsen und Eiedgräser der 
Steppe, und nur an den Wasserläufen der niederen, flachen, muldenartigen 
Bodensenkungen hatten Spiraeen, Wachholder und einige andere Sträucher, 
viel seltener Fichten es gewagt, den rasenden Stürmen zu trotzen. Weit 
und breit kein Mensch, nur ab und zu das ängstliche Zwitschern der 
Alpenlerchen, die aufgeschreckt durch die Sehritte der schnellaus- 
schreitenden Kulis, eiligst Schutz in den Gebüschen der nächsten 
Furche suchten. 

Nach mehrstündiger Wanderung erschien im Nordnordost der schnee- 
bedeckte Gilaka; der Weg, falls man die rechts und links im Grase er- 
kennbaren Spuren der Pferdehufe als solchen bezeichnen kann, senkte 
sich von der letzten Höhe zu einer etwas tiefer eingeschnittenen Mulde 
hinab, in der nach 7 ^^ stündigem Marsch die sechs, in weitem Abstand 
voneinander erbauten tibetischen Häuser von Tshomba tschou 
(Tsomba dsong) eingebettet lagen. Das größte der Häuser wurde uns 
als Unterkunftsstätte angewiesen. 

Auf quadratischem Grundriß erheben sich die Steinmauern des 
Gebäudes zwei Stock hoch empor und sind oben durch ein ebenes, glatt 
gestampftes, a^s Tenne ver^vendetes Dach abgeschlossen. Das untere 
Stockw^erk dient als Stall für Pferde, Esel, Schafe, Ziegen und Yaks, 
die abends von der Weide zur Nacltruhe hineingetrieben werden. Das 
obere Stockwerk enthält die Küche und einzelne Wohnzimmer, jedes in der 



Mitte mit einem viereckigem Locli für die Feuerstelle, deren Wanne im 
Sommer zur Bereitung des unentbehrlichen, mit Butter und Fett ge- 
mengten Ziegehees ausreicht. Ein fußloses, kastenartiges Brettergestell 
dient den Wohlhabenderen als Bett, die weniger Bemittelten schlafen 



Wandbretter 



oder 



^VFessing, öfters auch niedere, längliche Tischchen, mit Leder übei-zogeiie, 
gepolsterte .Sitze an den Wänden, diese mit alten Sch^^ertern, Gabel- 
flinten und lamaistischen Heiligenbildern verziert, selten auch indische 
Teppiche, bilden die Ausstattung der Zimmer, deren Decke ein Loch 
zum Abziehen des Rauches freiläßt. 

Auf beiden Seiten des flachen Daches waren noch zwei Aufbauten 



aus Holz errichtet, die Vorratskammern und leerstehende Räume en 
hielten. An den vier Ecken des Daches flatterten Fähnchen und Wimpe. 
mit tibetischen Gebeten oder Yakhaaren, auch kleine Räucheiöfen ti 
Kultuszwecke waren am Rande der Brästung eingelassen. 

Die Vorderfront des Hauses war reich mit Ornamenten bemalt, u 
dem türeingang hatte man flache Steinx)latten mit der eingemeißelte^ 



/ 









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Botanische Elisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 157 



Gebetsformel ,,0m mani padme hung'' aufgestellt. Der Zugang von 
einem Stockwerke zum anderen vollzieht sich meistens auf einem ein- 
gekerbten halben Baumstamm, der zur Xachtzeit leicht beseitigt werden 

_ i 

kann, seltener auf Holztreppen, deren Geländer vom Fuß der Treppe 

i 

ausgehend, sich nach oben immer weiter von ihr entfernen. Der Hof vor 
dem Hause wird durch eine Umfriedigungsmauer abgeschlossen und von 
großen, schwarzen, Bernhardinern ähnlichen Hunden bewacht, die man 

tagsüber an die Kette legt. 

Die Tibeter werden verschieden beurteilt. Ich fand die Männer 
kräftig, von Wind, Wetter und Sonnenlicht stark gebräunt, stolz und 
frei in ihrem Auftreten, höflich, bereitwillig, olme die dem europäischen 
Reisenden so widerwärtige Neugier, doch dankbar für jede Belehrung, 
ehrhch und anhänglich; unglaublich abgehärtet durch den ständigen 
Aufenthalt in der rauhen Hochgebirgsluft sind sie die denkbar beste Be- 
gleitung für einen Forschungsreisenden in ihrem eigene Lande. Die Frauen, 
besonders der a\ ohlhabendcren Klasse, von fast europäischen Gesichts- 
zügen, leider verunstahet durch das absichtliche Beschmieren von Stirn 
und Wangen, sind stets heiter und lustig, frank und offen in ihrem Wesen, 
lassen aber in moralischer Hinsicht viel zu wünschen übrig. 

Am kommenden Morgen wandten wir uns schon bei dem Hause 
zur Höhe der rechten Talwand und schritten über sie dem Grunde einer 
neuen Bodenfurche zu, in deren weiterem Verlauf schon nach 15 Li die 
ß Häuser von Tsen tse erschienen. 

Der nordwestlich sich hinziehenden Talmulde fügte sich unser weiterer 
Weg ein, durchquerte aber dann den Talgrund und stieg zur Höhe der 
linken Wand empor, die sich nordöstlich zu der schon lange vorher sicht- 
baren ?chneespitze hinzog. 

Kurz vor der manigekrönten Paßhöhe bot sich eine prächtige Aussicht 
dar. Die Sehnccspitze im Ostnordosten war der breitgipfelige Gilaka 
(Dj ilaka), dessen seitliche Ausstrahlungen sich zu unserm Passe und zum 
Gila hinzogen. Im Nordosten überragte ihn ein scharfes, in blendend 
weißem Schnee erglänzendes Hörn, der Dshara, im Ostsüdosten zeichneten 
sich die Schneegrate des Gongri bei Ta tsien lu und im Südsüdosten 
die beiden flachen Kuppen und der spitze Zacken des Mu kung ka 
stolz und imponierend von dem wolkenlos blauen Himmel ab. 
weitere, reichliche vier Stunden zog der Weg in den flachmuldigen, baum- 
losen Hochtälern und über die sie trennenden Erhebungen hin, bis die 

einzelnen Häuser von Dschu] 

geboten (ca. 3Ü0O m). 

Meine weitere Absicht war, den Flanken des Dshara einen liesucxi 
abzustatten. Deswegen bestimmte ich den nächsten Tag zum Ruhetag 
für meine Leute und machte mich aUein, da der angebUchen Räuber- 




Weitermarsche 



1. 



158 . W. Limpricht 



^ 

Führer mitgehen wollte, auf den Weg, 



lichkeit 



Über die Grashänge oberhalb des Dörfchens ging es nach Ost«n 
empor, bis sich mir am Steinhaufen der ungefähr 4500 m hohen^ flachen 
Kuppe ein "Überblick über die Gegend bot. Wiederum waren Gongri 
und Mukungka sichtbar, alles übrige Land war von welligen Linien 
durchzogen, Schnee lag nur noch im Xorden und fernsten Nordwesten. 
Scharf traten hinter den langgestreckten, flachen Rücken des nahen 
Ostens die Formen der Dshara- Pyramide hervor und da sie mit diesen 
nicht mehr viel höheren Längszü^en verbunden zu sein schien, kehrte ich 
um und bereitete alles Nötige für einen eintäeicren Besuch des Berges 



^V, ^^X ..^X.VXX ^XXXt..^^i^ 



vor. Mit einem Diener, dem Kuli für die Pflanzenpresse und einem Träger 
für Decken und die notwendigsten Lebensmittel verließen wir bei Sonnen- 
aufgang das Quartier in Dschung ku und stiegen bis zu der tags zuvor 
von mir besuchten Bergkuppe an. Schon hier forderte die dünne Luft 
ihr erstes Opfer. Dem Presseträger rann das Blut aus der Xase, so mußte 
er wohl oder übel mit den Decken zurückbleiben, und der kräftiger gebaute 
Kuli hing sich statt seiner die unentbehrliche Presse um. * 

Auf den HochAveiden grasten Yakherden, behütet von kleinen, über- 
aus schmutzigen Jungen. Die Flora der Grasmatten war im großen und 
ganzen dieselbe, wie ich sie schon am Lani ba und Gila gesehen hatte, 
am häufigsten blauer, weißer, auch gelber Teufelsbart, gelber und blauer 
^lohn, kleiner, gelber Hahnenfuß, weißgelbes Pedicularis mit violett- 
purpurnem Schnabel, niedriges Rhododendron, Spiraeen mid Berberitzen. 
Pfadlos schritten wir halbrechts dem Einschnitt zwischen zwei aus dem 
Plateau etwas emporragenden Kuppen zu, doch auch hinter ihnen dehnten 
sich die Matten noch \a eiterhin aus; ihren Pand begrenzten zackige, scharfe 
Felscngrate, hinter denen unmittelbar das spitzige, reichlich vergletscherte 
Eorn des Dshara noch doppelt so hoch in die Lüfte ragte. 

Ihm wandten wir uns direkt zu. Links senkte sich der grasbedeckte 
Plan in ein Tal hinab, in dessen Grunde ein kleiner, dunkelblauer See 
von der Schneeschmelze zurückgeblieben war, nach Osten gingen «Ij« 
Matten, noch durch eine flache Mulde getrennt, in die Felsenhänge des 
am Dshara vorbeiziehenden Kammes über. Xur wenige vereinzelt« 
Schneefleeke hatten bisher der Sonnenkraft widerstanden, doch die 
gelbliche Färbung der kurzen Riedgräser, die eben ihre Knospen öffnenden 
Blütenpflanzen verrieten, daß noch vor kurzem auch hier die winterlich^ 
Schneedecke den Boden bedeckt hatte. 

Das Hochgebirgsbild war großartig. In greifbarer Nähe das alle 
anderen Spitzen weit überragende „Hörn von China", der 7800 m bo^^ 
Dshara ( Jarä ri = König der Berge), auf dessen Westabsturz nicht ein- 
mal der Schnee haften bleiben kann, in drei kleinen Zacken rechts zum 






Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 159 



Hauptkamm abfallend, weiterhin rechts der flachgipfelige, ebenfalls im 
e^vigen Schnee erglühende Gilaka, im fernen Südsüdosten die 7600 m 
messende Schnee- mid Eispyramide des Mu kung ka (Mung kang kirr), 
weitere Schneeberge wieder im Norden in der Gegend von Dawo, zwischen 
ihnen und dem „König der Berge" einzelne etwas niedere Schneespitzen, 
ein Anblick, der sich einem unauslöschlich tief in die Seele eingraben muß. 
Über den Grasboden schritten wir nun zum Rande der ]\Iulde, kletterten 
über Steingeröll zu dem See halbrechts unten im Schluß des flachen Hoch- 
tals hinab und stiegen am jenseitigen Hange pfadlos über große Felsblöcke 
empor. Vertrockneter Yakdung lag namentlich um die Ufer des klemeu 
Sees; klares, durchsichtiges Wasser füllte seinen trichterförmig nach der 
Mitte zu sich vertiefenden Boden; kein Laut in der feierlichen Stüle, nur 
die heiseren Schreie zahlreicher Bartgeier, die empört über die Störung, 
unwillig über den Köpfen der Bergsteiger ihre Kreise zogen. Neue purpur- 
rote Primeln, die violetten Glocken derPe mu-Schachblume, dickblätteriges, 
starkwurzeliges Sedum mit gelben Blüten, blutrotes Pedicularis sproßte 
zwischen dem Geröll, von dessen oberen Lagen ein Wasser brausend zu 
Tal stürzte. 



uru 



asserlauf 



unter einem Schnee 



Py 1 



E;- 



>-iv 




rerschwand. Um 1^, Uhr stand ich auf der 

Kammhöhe, die meiner Berechnung nach direkt zum Dshara hinüber- 

m 

führen mußte. 

Doch ich ANurde arg enttäuscht. Die andere Seite stüi-zte in außer- 
ordentlich steilen Geröllhalden tief zum Boden eines Talkessels hmab, 
dessen Gegenwand die unersteiglichen Felsenstürze der noch 20C0 m 
heberen Dsharaspitze bildeten. Pvcchts ragte der flachgipfelige G ilaka 
empor, durch einen scharfen, zackigen Felsenkamm mit ihr verbunden. 
Zur Spitze des Gilaka zog sich der Kamm, auf dem ich stand, ebenfalls 
hin und schloß so den zu Füßen liegenden Talkessel ab. Das diesen durch- 
strömende Wasser, der Tschin t seh wan ho, entquoll den Gletschern 
des Talkesselraiides; spärlicher Nadelwald begleitete seine Ufer. Trotz 
der Steilheit der Hänge wäre ein Hinabsteigen zu ermöglichen gewesen 
und daß der Abstiecr auch bisweilen von Hocl _ 
\vird, bewiesen zwei kleine, aus übereinander gelegten Steinen zusammen- 



schmalen 



richtet Avaren (4730 m). 



Die linke Seite des Dshara stürzte in gerader Linie zu emem, die 



nur 



mir öfters besuchten Dshaschi la ka oder Hai tse schan, dem Paß, 
in dem der Weg Ta tsien lu— Dawo die Hocliketten überquert. Jen- 
seits des Passes erhebt sich die Kette von neuem zu dem langen, aber nicht 



IGO 



W. Limpricht 



mit eAvigeni Schnee bedeckten Rücken des R u m i g o 1 6 oder R u ni i 

g öshe. 

Kurz vor drei Uhr «tieg ich zu den meiner harrenden Chinesen hinab; 

■ 

wir bahnten uns durch das hier ^vachsende, etAvas über einen Meter hohe, 
klein- und weißbUihende Strauchrhododendron einen direkten Weg zum 
Gründe der Talfurchej in deren weiterem Verlaufe außer dem von uns 
schon besuchten See noch zwei weitere, kleinere lagen, stiegen die jen- 
seitige Wand wieder empor und dann über die Grasmatten eiligst nach 
Dschung ku ab, wo wir beim Eintritt der Dunkelheit unser Quartier 
A\ ieder betraten. Hier waren am N'achmittag zAvei englische und ein 
norwegischer Missionar eingetroffen, die auf der Reise von Ta tsien lu 
über den Gila nach Da wo begriffen waren, wo der jüngere der beiden 
Engländer die erste protestantische Mission des Ortes eröffnen sollte. 
Beide Herren hatte ich schon einmal kurz vor Yatschou gesehen; hier 
sollte ich Wiedersehen mit ihnen feiern. 

Am nächsten Tage verließ ich in Eameh nach nur vierstündigem 
Marsche den immer weiter nach Nordwesten hinziehenden Hauptweg, 
bog nach Norden ab und folgte der bachdurchströmten Talmulde all- 
mählich aufwärts, bis sie nach 12 Li in ein breites Quertal einmündete. 

4 

Links in diesem Tale funkelten in 8 Li Entfernung die vergoldeten 
Dächer eines großen Lamatcmpels; zu seiner Rechten faßten chinesische 
und tibetiöche Häuser eine lange Dorfstraße ein. Es Avar Gata (3850 m), 
die Geburtsstätte des siebenten Dalailamas, dessen Andenken der prächtige 
Tempel geweiht war. Die Chinesen nennen den Ort Tai ling; wie der 
im Hochchinesischen Tai ning (fester Zusammenschluß) lautende Name 
besagt, leben Tibeter und Chinesen hier einträglieh beieinander, was aber 
bei der, der Kopfzahl nach weit stärker vertretenen chinesischen T^i'^" 
w ohnerschaf t nicht weiter zu ve^^^'undern ist. 

Die Felswände des R u m i golöoder Ta pao echan-Zuges schlössen 
scheinbar das Tal im Ostsüdosten ab; der Nähe des Hochgebh-ges wegen 
wollte ich einige Tage hier verweilen und sah mich daher nach einem 
zusagenden Unterkunftshause um, das ich auch in einem leerstehenden 
Yamen fand. 

Am nächsten Morgen (28. Juni) wanderte ich mit einem Kuli und 
meinem Diener talaufwärts dem Hochgebirge zu. Ein weißes, sauberes 
Haus schon im nächsten, nur eine knappe Stunde entfernten Dörfchen 
wurde mir als die Geburtsstätte des Dalailama bezeichnet, der also hier 
an der äußersten Ostgrenze der Einflußsphäre des Lamaisraus seinen 
kurzen Lebenslauf begonnen hatte. Der jetzige oberste Kirchenfürst ist- 
der erste, der das Kindesalter überlebt hat, denn alle seine Vorgänger, 
die stets aus den Reihen unbedeutender und unbekannter, darum einfluß- 
loser Familien ausgesucht wurden, haben es noch in den jugendlichsten 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 161 

Jahren auf Rat der Lamas vorgezogen, ihre Peele in den Leib eine, anderen 
Kindes hiiiüberzuretten. 

Nur noch wenige einzelne Häuser begleiteten den Bach. Der Weg 



führt 



Teile spaltete. Links stieg ein Pfad noch eine weitere Viertelstunde zu 



Steinhaufen 



Tschin tschwan ho hinabsenkte und nach Rumi tschango weiter 
führte. 'Der Weg geradeaus zog sich an den Flanken eines Rückens m 
dasselbe Tal hinab, um in dessen Grunde nach rechts abzubiegen. Zwischen 
beiden Wegen lief ein schmaler Hirtensteg auf der Höhe dieses m das 
Tal vorspringenden Rückens entlang. Ihn verfolgten wir bis zum Ende 

des Vorsprungs. 

Zu Füßen lag nun ein bachdurchströmtes, von Südosten nach Nord- 
westen streichendes, reichbewaldetes Tal; seine jenseitigen Wände büdeten 
die lange noch schneebedeckte Kette desRumigolo, die sich ^iter 
nach Südosten in die ungeheure Schnee- und Eispyrannde des Dshara 
fortsetzte. Es war das Tal des Tschin tschwan ho, m ^^'J^^^'^'l 
Tage zuvor von dem Felsengrate östUch Dschung ku hmab geblickt 

hatte. 

Um sicher zu sein und eine Zugangsmöglichkeit von hier aus zu er- 
spähen, kletterten wir pfadlos zum Talgrunde hinab und folgten dem 
am Bache entlang führenden Wege, bis die sinkende Sonne zur Imkehr 
zwang. Erst gegen 10 Uhr nachts langten wir wieder nach 14 i/, stundigem, 
ununterbrochenem Marsch in unserm Quartier an. 

In dem unbewohnten Waldtal hatte ich eine überdachte Feuerstelle 



aufzusuchen 



bemerkt. 

von da aus Exkursionen nach den Hängen ües öcmiet.xx.=-. .^ ^^^^^-^ 
nehmen. Der nächste Tag war nur der Besichtigung des Lamatempels 
gewidmet, zu der mich die Mönche, die mich kurz zuvor besucht halten, 
aufforderten. Tags darauf brach ich mit einigen Trägern und den notigen 
Lebensmitteln für melu-ere Tage, Schlafdecken und Kochgeschirr aut. 
zog denselben Weg bis zum Mani auf der Höhe des Talschlusses empor 
und folgte dem Wege geradeaus bis zur Sohle des Tschm tschwan- 

Tales hinab. 

Fichten und Tannen mit lang herabhängenden, grau-grünen Bart- 
flechten, hohe, strauchige Eichen mit lederharten, dunkelgrünen spitz^ 
stacheligen Blättern, Ebereschen. Bh-ken und Weiden bekleideten die 
Talhänge, rosablütige Bäume standen dioht^edränst im Talgrunde. 
Primeln mit hellgelben Blütendolden oc 
Akelei, vier Art 






Waldreben, strauchige, gelb- 



■'^"vüici, vier ATieu iiiüixi i^t^x j^x^^^^^^^ > , . f rf^m 

oder weißblühende Fingerkräuter, sowie Spiraeen wucherten ^auf 

i*^ Fedde, Repertorium specieruia novarum. Beiheft XIL 



1(32 



* « 



W. Limpricht. 



Urwaldboden, den öfters Familien der weißen, schwarzscliwänzigen, gar 
nicht scheuen Silberfasane {Crossopfilon tihetanum) bevölkerten. 

Eine breite, gut gehaltene Balkenbrücke führte zum jenseitigen Ufer. 
Von ihr zweigte ein schmaler Pfad ab, der Zugangswecr zu dem einzigen 
in einer Einkorbung des oberen Randes den Hängen angelehnten (chine- 
sisclien) Häuschen des Tales. Hochstämmiger Nadelwald mit Eichen 
als Unterholz begleitete den Hauptweg am rechten Ufer. Auf wiesen- 
reicher Lichtung standen noch die letzten Mauerreste ehemaliger Tibeter- 
Häuser, die Haß und Zerstörungs^vut chinesischer Soldaten in Trümmer- 
haufen verwandelt hatte. Unweit von ihnen, am Rande ununterbrochener 
Eichendickichte, etwas abseits des Weges, lag die „Hütte". Eine Stein- 
mauer und zwei Balken trugen das Dach, das wenigstens den Regen ab- 
halten sollte. Winden und Stürmen war das Innere von drei Seiten ohne 
jede Sinir einer schützenden Wand schonungslos preisgegeben. 

Da der Marsch bis hierher nur 6 Stunden beansprucht hatte, ging ich 
noch allein auf Entdeckungsfahrten aus und fand auch neben dem, un- 
weit des Schutzdaches von den Hängen herabstürzenden Wasser einen 
hinter der Hütte zur Höhe führenden Steig, -der durch dichtes Eichen- 
gestrüpp hindurch bei sechs völlig zerstörten Häusern sein Ende fand. 
Die Rodungen im Nadelwald der oberen Flanl^en, die vielen gefällten 
Bäume deuteten auf die Beschäftigung der früheren Bewohner hin. Ober- 
halb dieser Niederlassung begannen die Schneefelder des felsigen Kaium- 
rückens; auch zu ihnen \^andte sich ein schmaler Jägersteig empor. 

Wieder bei der Hütte angelangt, verging noch eine geraume Weile, 
bis mein Diener mit einem Teil der Kulis zurückkehrte. Die treuen Leute 
waren, durch einige im Tale krachende Schüsse geängstigt, auf die Suche 

■ ausgegangen, ohne mich jedoch finden zu können. Meine Ver- 
daß tibetische Jäger oder Hirten, deren weiße, blaugestreifte 
Zelte ich schon das letztemal beobachtet hatte, nach den häufig hier 
vorlvommenden Wapiti Hirschen oder Berghasen geschossen hatten, 



nach 



mn 



mutung, 



bestätigte sich 



am nächsten Morgen. 



Weiter 



ak 



und Pferde an den Talhängen zu beiden Seiten des Baches, vier Zelte 



standen am jenseitigen L^fc 



r, dichter emporwirbelnder Rauch sowie 



wütendes Hundsgebell verrieten die Anwesenheit von Hirten, die wohl 
zuerst erstaunt nach dem Europäer blickt-en, ihm aber weiter keine Be- 



achtung schenkten. 



Die Landschal't war dieselbe wie am Ta 



ge zuvor. 



■+ 



Tannen und Eichen, 
höher hinauf nur Nadelwald, bedeckten die Hänge, sch^vellcnde Matten 
mit \\enig Strauchwerk, Rosen, Spiraeen, Weiden und niedere Birken 
begleiteten das Bett des Baches, in den sich drei rechte Nebenflüßchen 

hends. der Wald neigte sich 



ergossen 



seinem Ende zu, nochmals erschienen die letzten, spärlichen Roste eines 



^'A 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 163 



F- 

JMauerquadrats; nun mündete auch von links ein Wässerchen ein, das aus 
einer schmalen Kerbe der oberen Tahvand herabkam. Auf diesen FAn- 
schnitt ging ein kleiner, oft verschwindender Pfad zu, der Jäger- und 
Hirtensteig nach Barne h. Links vorn lag die niedere Einsattehmg des 
Kammes, hinter der sich die Schnee und Gletscherwände des Döhara 
unmittelbar eraportürmen^ geradeaus zog sich das Tal noch etwas weiter 
hin und endete in dem von den Wänden des Gilaka abgeschlossenen 
Kessel. Von den Felsgraten der jenseitigen, dem Westabsturz des Dshara 
gegenüberliegenden Tahvand hatte ich ja fünf Tage vorher das erstemal 
in diesen Kessel hineingeblickt; die nordwestliche Verlängerung dieses 
Grates bildete also die linke Wand des Tschin tschwan-Tales. 

Bei der Hausruine verließ unser Weg das bisherige Tal, bog nach 
links ab und stieg auf die Höhe des niederen Verbindungssattels hinauf. 
Auf diesem liegen drei Alpenseen; daher trägt der flache Paß die chinesische 
Bezeichnung „Haitse schan, Berg der Seen"; die Tibeter nennen ihn 

Dshaschi la ka*). 

Der erste, noch baurabekränzte See bleibt rechts zurück, über in 
üppiger Blumenpiacht prangende Matten steigt der Weg allmählich zum 
Mani, in dessen Steinpyramide (4360 m) ein ganzer Wald von Stangen 
und Fähnchen, Wimpeln oder Kleiderfetzen, Menschen- und Yakhaaren 
hineingepllanzt ist. Zwei weitere Seen liegen etwas unterhalb des Stein- 
haufens. Sie sind die Quellseeu des bei Ta tsien lu einmündenden 
Tsie, dessen Tal, das Girong-Tal, hier oben seinen Anfang nimmt. 30 Li 
unterhalb des Passes befinden sich die ersten zwei, ständig bewohnten 
Häuser, das einsame Hsin dien tse. Von diesen Wasseransammlungen 
führt ein schmaler Steig zur Höhe der linken Wand des oberen Girong 
Tales, dem Passe Da pu la oder chinesisch Ta pao schan und somit ■ 
auf den Weg von Ta tsien lu durch das Girong-Tal nach Rumi 
tschango. Pvechts von dem Plan des Passes starren die Schneewände 

und Gletscherhänge des Nordnordostabsturzes des Dshara empor, links 
liehen sich Alpenmatten bis an den Fuß der Gratfelsen hinauf, die den 

Ta pao schan-Rücken mit dem ebenfalls zum Passe abstüi-z enden 

Rumi golo oder Rumi göshe verbinden. 

Während meine beiden Kulis am Mani warteten und sich zitternd 

vor Kälte brüderlich in meinen Mantel teilten, stieg ich allein am Dshara 

) Ich möchte an dieser Stelle bemerken, daß ich keine Ahnung von 
einer wissenschaftlichen Schreibweise tibetischer Worte habe und daher die 
Berg-, FluB- und Ortsnamen nur nach dem Gehör in deutscher Aussprache 
80 wiedergeben konnte, wie sie mir wiederholt von Tibe'^rn. nicht doppel- 
sprachigen Grenzchinesen, langsam vorgesprochen worden sind. Dabei habe 
ich das j entsprechend dem französischen, wie in jardin, um keine \ er- 
wechslungen aulkommen zu lassen, durch das deutsche eh ersetzt, also z. B. 

^tatt Jara oder Jeto Dshara oder Sheto geschrieben. 

11* 



* 



/ 



1 



164 W. Limpricht. 



bis zum G Ictscherrand empor, wozu ich wegen der mühsamen Kletterei 
über Felsen, haushohe Gesteinstrümmer und glatte Schneefelder und 
infolge der dünnen Luft, die das häufige Bücken nach den winzigen 
Tflänzchen zur Anstrengung machte, über vier Stunden gebrauchte. 
Doch wurde mein Mühen belohnt. Bis zum ewigen Schnee am unteren 
Rande des in blauer Wölbung jäh abbrechenden Gletschers, bis 5000 ra 
Höhe, zogen sich wie kleine, grüne Inselchen im Meer des Steingerölls 
und der Felsstürze dichte Polster winziger Alpenpflanzen hinauf, schon 
von fern durch die leuchtenden Farben ihrer Blüten im grellen Kontraste 
zu dem toten, grauen Granitgestein Oner Umgebung. Blutrote Primeln, 
rosa Blüten der späterhin nie mehr beobachteten, kaum einen Zentimeter 
hohen Diapensia purpurea, 2—4 mm hoher, gelber Hahnenfuß, Gletscher- 
weiden, winziger Steinbrech, blauer Lerchensporn und viele andere 
Funde schufen eine Ausbeute, die alle Anstrengungen und die empfind- 
liche Kälte des einsetzenden Schneesturmes vergessen machten. 

Zurückgekehrt zu den am :vraiii meiner harrenden, vor Kälte und 
Hunger halbtoten Chinesen, eilten wir der vorgerückten Zeit wegen zum 

Gern hätte ich auch noch die blumenübersäten ^Matten 
des Passes durchsucht, doch es war für diesen Tag schon zu spät. So sah 
mich denn der nächste Tag wieder an den Ufern der Seen, deren Um- 
gebung, sowie die Felshänge der linken, nördlichen, dem Dshara gegen- 

s Ziel waren. Die pflanz enreic heu 
Matten waren übersät von Edelweiß, blauen Anemonen selben Korb- 

W 3 ^^1 



uru 



Wände . 



■m vom Habitus unserer Arnik 



Primeln in allen Farben, zwergigen, hellila Alpenrosen, Sauerampfer, 
Schwertlilien, Vergißmeinnicht, blauem und gelbem Mohn und unzähligen 
anderen Arten, deren einzelne Aufzählung nur das Interesse des BotanÜicrs 
fesseln kann. Gebüsch umrahmte nur. die Seen mid die Ufer der Wasser- 
läufe. Unter dem Schutze der Weiden, Tamarisken Wachholder- und 



hododendronsträueher 



Rhabarberstauden, die ja in den Bergen Ost-Tibets ihre Heimat haben, 



Würz 



artikel bis nach dem fernen Schanghai gebracht werden. Noch ein 



war hier beendet. 



Alb 



Auf dem Plan hatte sieh die Karawane eines chinesischen Kaufmanns 
Da wo mit seiner tibetischen Dienerschaft niedergelassen. Er wollte 
nach Ta tsien lu, das er kommenden Tages zu erreichen hoffte. Von 



aus 



erfuhr 



_ über den Hai tse sehan die schnellste 
Verbindung zwischen Ta tsien lu und Dawo ist und darum auch viel- 
fach von den nach Tibet reisenden Teehändlern benutzt wird. Da die 
Herren der Stoetzn er sehen Expedition mittlenveüe auch nach T.i 



.^ 



I 



■ ^ i 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets» 



165 



<^ 



, r 



tsien In gelangt sein mußten, schrieb ich Grüße auf eine meiner chine- 
sischen Visitenkarten mit der Eitte, sie den Herren auszuhändigen. Wie 
ich lange nachher hörte, hat er auch meinem Wunsche entsprochen. 

Der hald darauf niedergehende, strömende Regen zwang zur Be- 
schleunigung des Abstiegs und der Rückkehr zur nur 25 Li entfernten 

Schlafstelle. 

Am nächsten Morgen gingen wir alle denselben Weg den Tschin 



tschwan abwärts bis zum Fuß der das Gataer Tal abtrennenden Paß- 
höhe zurück und auf dieser bis zum Mani empor. Die Kulis eilten dann 
hinab nach Gata, ich stieg noch allein den Weg nach Rurai tschang o 
bis zum zweiten Steinhaufen hinauf, sah, daß er sich links von dem Vor- 
sprung in das Tschin tschwan-Tal hinabsenkte und dessen Wasser- 
lauf abwärts weiter folgte. Er umgeht den Abfall des Rumi golo, 
mit dem die Dshara-Kette ihr Ende erreicht und mündet bei Mao niu 
jenseits des Kammes in den Weg vom Ta pao seh an nach Rurai 

I 

tschango am Da kin ho ein. 

Nun ging auch ich' nach Gata zurück, dessen goldene Tempeldächer 
trotz der 30 Li betragenden Entfernung bis hier herauf grüßten. Im 
WestnordAvesten glitzerten Schneeberge hinter Gata im Sonnenlicht. 
Es Avaren die Ressirma- Grate in der weiteren Umgebung des Ortes 
Shao tschi. Ihr Anblick bestimmte mich schon hier, über sie einen 
anderen Weg nach Da wo zu finden mid somit dem aUgemeinen Haupt- 
wege bis Da wo nicht zu folgen. 

In zwei Tagen kann Dawo von hier erreicht werden, wenn man 
den kürzesten Weg über Go tscha parallel dem Hochgebirge wählt. 
iVIein Sinn aber stand nach den schneebedeckten Bergen hin, die. wie ich 
letzthin gesehen hatte, zwischen dem nach Xordnordwesten streichenden 
Gebirgskamm und dem Xyarong, dem Yalung-Tale, sich hinziehen 
mußten. Genauere Auskunft über den in Betracht kommenden Zugangs- 
^^ eg konnte ich in G at a nicht erhalten und wandte mich daher am :Morgen 
des 5. Juli westnordwestlich der niederen Bodenwelle zu, um den alten, 
i" Barn eh verlassenen Handelsweg wieder zu berühren. Von der Höhe 
der Bodenwelle zogen wir in engem, ausgewaschenem, vom Staube kohle- 
haltiger LehmAAände schwärzlich gefärbtem Hohlwege nach Südwesten, 
eiklornmen den rechten Hang dieser flachen Talmulde und sahen nun 
in ein weites, flaches, ebenso ödes und baumloses Tal hinein, in dem der 



die Bachufer begleitete. 



Ein 



M^ordweg" von Bameh nach Dawo 

Lamatempel und ein paar Tibeter- Hä user standen im iGrunde, bei ihnen 



führte eine kleine Brücke über den Bach. Kurz vor diesen 

traten wir die Talsohle und Avanderten noch 15 Li talaufAvärts zu den zwei 

Häusern von Tschi ssetsung, der vorletzten 

^or DaAvo. 



hselstation 



/ 



166 ■ W. Limpriclit. 



N 



Zu meiner Freude erfuhr ich liier Genaueres über den von mir beab- 
sichtigten Weg; ich müßte über hohe Berge und endlose Wälder ohne 
Unterkunftsmöglichkeiten nach Mnr shu zu kommen suchen, von wo 
es einen Weg nach Da wo gäbe. Am ersten Tage könnte ich in einem 
■ lamatempel nächtigen, von dem es aber noch 120 Li bis Mur shu seien; 

^ * 

die Berge und Wälder wimmelten von großen, wilden Katzen! "nd es 
wäre besser, wenn ich den Versuch unterließe. Ich unterließ ihn aber 
nicht, da eine derartige Gegend gerade das bot, was ich haben \\o!lte, 
und erkundigte mich nach dem Wege zum^ Lamatempel; von dort aus 
würde ich schon mit Hilfe der Priester weiter kommen. 

Wir mußten an den Arbeitsstellen einiger chinesischer Goldwäscher, 
zu denen auch der Wirt der Herberge gehörte, vorbei denselben Weg bis 
zu der kleinen Brücke unweit des Lamatempels von gestern 10 Li zurück, 
blieben auf derselben Talseite, überwanden die nur 30 m hohe Böschung 
und stiegen in ein neues, bachdurchströmtcs Tal ab, das sich nach ^\'e5t- 



nordwesten hinaufzoij. 



Anfangs waren auch hier die öden, baumlosen Hänge nur mit ab- 
gevseideten Grastrilten bekleidet, einzelne zerstörte Häuser deuteten 
auf frühere Bewohner hin, dann aber begannen Nadelbäume die trostlos 
öde Umgebung zu beleben. 

Schon nach zweistündigem ilarsche mündete von rechts ein Seitental 
em. Hier lag, noch 5— C Li entfernt, der ersehnte Lamatempel unter 
Eichen.versteckt. Weit und breit war in der menschenleeren Waldgegend 
keni anderes Haus zu sehen, und so versuchte ich denn allein — die Träger 
kamen langsam nach - Aufnahme zu erhalten, wußte ich doch, da(.5 
eme starke chinesische Begleitung mir bei dem bekannten Mißtrauen 
der Mönche nur hinderlich sein würde. So setzte ich mich denn bescheiden 
auf die Eingangsstufen und w artete der Dinge, die da kommen sollten. 
Es dauerte auch gar nicht lange, so w urde ich, den man natürlich längst 
bemerkt hatte, hereingeholt und zu den einigen 20, den Gebetszylinder 
m ständiger Drehung in Händen haltenden Lamas' vor die Treppe am 
Hauptheiligtum geleitet. Nach kurzer Beratschlagung gab das Oberhaupt, 
em uralter, unglaublich schmutziger Greis, seine Einwilligung. Man wie^ 
mir und meinen unterdes erschienenen Leuten ein leerstehendes Bretter- 
häuschen als Wohnung an. Sofort waren die vorher so ernsten Gesichter 
m das Gegenteil verwandelt. Bereitwilligst wurde FTolz herangeholt, 

em Feuer gemacht und der Raum so \vohnlich hergerichttit," wie es irgen< 
möglich war. 



I 



Das Kloster (4.023 m). mehr ein Absteigequartier für durchreisende 
Lamas, hieß Belo retschö. Belo ist der tibetische Name für die in 
Osttibet so häufige wintergrüne Steineiche mit dicken, stachligen Blättern, 
eine Verw^andte von Q^urcus Ihx. Die ganze Gegend trug den Namen 



Büfanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 1(37 

„Tseng a", den die Chinesen in ,, Tsching an"' umgemodelt haben. An 
den meisten Seiten von bewaldeten oder steinigen Bergflanken umschlossen, 
kann der Blick nur nach Südsüdosten frei in die Ferne schweifen, und gerade 
in dieser Richtung ragt stolz die Zuckerhutpyramide des Mu kung ka 
empor, die hier von den Lamas als Mung kang kirr, einer der höchsten 

Zacken Osttibets, bezeichnet wird. ' 

Der freundliche, etwas dickleibige Mönch, der mich in das Kk)ster 
geholt hatte, ließ es sich, trotzdem es ihm recht sauer fiel, nicht nehmen, 
uns am nächsten Morgen noch bis zur Bergeshöhe das Geleit zu geben, 
da wir der vielen Hirtenstege wegen uns verlaufen wüiden, wenn er uns 
nicht die weitere Eiehtung angeben könnte. Er hatte recht. Also stiegcni 

unter seiner Führunsr auf schmalem Pfade durch dichtes Eich(M»- 



wir _.... ....._ ^..^ 



gestrüpp nach Nordwesten den Hang der Talwand hinter dem Tempel 
empor und standen schon nach einer Stunde "auf seiner manigekrönten 
Hche. Ein weites, von flachen Tälern durchfurchtes Hochplateau breitete 
sich aus, im nahen Westen abgeschlossen durch die noch teilweise schnee- 
bedeckten Felsengrate des Re ssirma- Kam nies, zu denen der Weiter- 
weg führen sollte. Schwarze Zelte nomadiesierender tibetischer Hirten 
verteilten sich über die kurzgrasigen .Alatten, den Weideplätzen zahlloser 
Yaks und Schafe. Im Südosten des 44C0 m hoheu Plateaus erglänzten 
die Schneespitzen und Grate des Dshara und Mu(kung)ka, deren Ge- 
birgszüge' bei Ta tsien lu im Bogen aufeinander stoßen. Hier verließ 
uns der Führer, und wir setzten unsern Weg allein fort. 

Etwas hinunter, wieder hinauf, nochmals hinunter und nun end- 
gültig zur Paßhöhe am anderen Rande der Hochebene ansteigend, hieß 
ich hier die Träger warten, wandte mich halblinks den Felsen zu und 
kletterte den schmalen Grat zur Spitze des Ressirraa hhiauf. Die 
eigentliche, noch .'^0—40 m höhere Spitze konjite ich der glatten, senk- 



rechten Wände wegen nicht erklimmen. Sie hätte mir auch wohl kaum 



einen anderen Ausblick geboten. 



Der nach Nordwesten in sehroffen Platten zu einem kleinen Bergsee 
abstürzende Grat hielt die Richtung NNO-SSW inne. Er gewährte 



mir eine umfassende Aussicht vom Mu(kung)ka (SO) bis in die Gegend 
von Da wo. Die von Ta tsien lu ausgehende Hochgebirgskette war 
mitdemRumi golo hinter dem Dshara (OSO) zu Ende. In der Richtung 
ihres weiter nach Nordnordwesten streichenden Kammes zeigten sich ver- 
einzelte spitze, jetzt noch mit Schnee bedeckte Gipfel, denen noch weiter 
nach Nordnordwesten, von meinem Standpunkte {4S35 m) aus im Nord- 
nordosten, wieder ungeheure, ^vergletscherte Schneeriesen folgten, der 

Sllhae tschem bei Dawo. 

Die Flora der Felsen war im gro(3en und ganzen dieselbe wie am 
DshaTfl. v.^,ui„.oiri „.„^T,., o,.örlioli lim den See und in einigen Hochtälern. 



IßS W. Limpricht. 



Dem See entquoll ein Bach, er folgte nach der anderen Seite, nach Nord- 
^vesten, einem reich bewaldeten, tief eingeschnittenen Tale bis zu seiner 
Mündung in den Fluß von Daw o, einem Xebeufluß des Xya tschu 
oder Ya lung kiang. Sein linkes Ufer begleitete der vom Ressirma 
ausgehende Felsenkamm, sein rechtes die etwas niederen Ausläufer des 
Ssirka, der rechts vom gleichnamigen Passe liegenden Kuppe. 

Am Ssirka Passe (4550 m) erwarteten mich die Kulis und, ob- 
wohl ich vom Tempel zum Rc ssir ma-Grat alleinS Stunden gebraucht 
hatte, versuchten wir noch nach Muru abzusteigen. Niemand wußte 
die Entfernung genau anzugeben, und die Hirten, die ja die Länge eines 
Täs nicht kennen. mei?iten, daß wir den Oil heute noch erreichen könnten. 
So stiegen wir denn die rechte Talwand allmählich hmab. Der Weg war 
landschaftlich prachtvoll. Zuerst steinige, blumenüborsäte Matten, dann 



T'ichten- und Tannenurwald, starke, hohe Bäume, wie Weihnachtstannen, 



überladen mit den lang herabhängenden, moosähnlichen, graugrünen 



i^ 



l^artflechten, über dem tief im Grunde fließenden Bach die hohen, noch 
teilweise schneebedeckten, in den Strahlen der untergehenden Sonne 
goldig erglühenden Felsenzacken des jenseitigen Talrandes; keine Spur 
von menschlichem Leben, nur hoch in den Lüften weite Kreise ziehende 
Geier, die feierliche Stille nur durch das Gemurmel einio-er zu Tale eilender 



Wässer durchbrochen 



Doch es wurde finsterer und finsterer, die Kulis konnten der vielen 
Baumwurzel u wegen nicht so schnell folgen, da kam eine Lichtung im 
Wald, auf der sich der schmale Pfad völlig verlor! Jedes Suchen war ver- 
geblich, überall Bäume, nichts als Bäume, so ließ ich Halt machen und 

m 

ein Feuer anzünden, um die Trärrpr zu ovw 



Walten kamen sie an, und wir alle legten uns um das Feuer zurNachtruhs 
nieder in der stillen Hoffnung, von Regen verschont zu bleiben. Und es 
■ regnete auch glücklicherweise nicht. 

Noch vor Sonnenaufgang brachen wir am nächsten ^lorgen auf, 
stiegen auf gut Glück durch den Urwald abwärts, fanden einen Bach und 
bald darauf auch einen schmalen Pfad, der uns schon in einer Stunde 
zu dem waklumrahmtenTibeter-DörfchenMurü (kö), chinesisch M ur shu, 
brachte (3726 m). 

Nach kurzer Rast wanderten wir bald an der linken, bald an der 
rechten Seite des dem See am Ressirma entquellenden Baches im 
selben, auch weiterhin bewalde teu Tale teilweise an Felsen hoch über 
dem Wasser abwärts und gelangten über zwei Siedelungen nach drei bis 
dreieinhalb Stunden zum Dörfchen Ga^tscha. Nur drei von dessen 

L 

Häuäern lagen am Wege, die übrigen hoch an den Hängen der rechten 
Tahvand zerstreut. 

Aus Angst vor meinen Chinesen wollte ufis die rein tibetkche Be- 



'^ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets* 169 



Yölkerung hier kein Obdach geben, sondern wies uns weiter talabwärts. 
Dort sollte ein großes Lamaklostcr liegen, das uns aufnehmen würde. 
Etwas skeptisch machten wir uns auf den Weg. 

Die Hänge wurden nun recht steil, der Bach floß in enger, felsiger 
Klamm tief unten im Talgrunde und mündete kurz darauf in einen 
schmutzifTo-elben, rasch dahinströmenden Fluß, Es war der Fluß von 
Da wo, der Tschi tsche der Tibeter, der von den Südhängen der Bayan 
kara-Kette herabkommend, parallel dem Nya tschu(Ya lung) nach 
»Südosten fließt, hier nach Südwesten umbiegt, in hohen Felswänden die 
Kette durchbricht und seiner Vereinigung mit dem Nya tschu zustrebt. 
Am Knie des Flusses lacren etwas stromauf vier Tibet cr-Häuser und durch 
eine tiefe Schlucht von ihnen getrennt, bald darauf der stattliche Lama- 
tempel Girseh gomha, in dem wir über alles Erwarten freundliche 

Aufnahme fanden. 

Der Tempel liegt an den Hängen des linken Fluß uf eis ungefähr 100 m 
über dem Wasser, ihm gegenüber ragt eine senkrechte Kalkwand, der 



Absturz der Bergzüge der rechten Flußseite, drohend empor. An ihrem 



nkeli 



dieser fast unzugänglichen Wand lebt schon seit Jahren ein frommer 
Einsiedler, zu dessen Behausimg alle Wochen ein Klosterknecht mit den 
notwendigsten Lebensmitteln, Tsamba und Wasser, emporkriecht. Alle 
Abende tritt der seltsame Mann an den schwindelnden Rand seines frei- 



^villig gewählten Gefängnisses, um mit denselben monotonen Worten 



seine Andacht zu veiTichten. Bei dieser Gelegenheit könnt« ich auch 
<lie weißhaarige, 'vertrocknete Greisengestalt in der Höhe erblicken und 
mich von der Wahrheit der Angaben der Mönche überzeugen. 

Unser weiterer Wecr führte am linken Ufer des Flusses aufwärts. 
Das Wasser hat hier nur geringes Gefälle, da der Tempel und Da wo un- 
fähr in gleicher Meereshöhe liegen. Die Vegetation änderte sich völlig. 



*ler Nadelwald hatte üppiger Strauchvegetation Platz gemacht, die mit 
<^len sie begleitenden .Krautpflanzen auf lehmigen Boden und wärmeres 



Klima hinwies. 

Hinter -den nur durch eine lößfarbige Schlucht gei rennten Dörfern 
f>uhwa und Jaurshe stiet^ der Weg höher hinauf, überwand zwei gegen 
den hier von Norden kommenden Fluß vorspringende Höhen und senkte 
«ich nach Rshawa hinab (50 Li). Hinter diesem größeren Dorf, in dem 
«^iTiige chinesische Soldaten auf die Nähe des :\randarinensitzes hinwiesen, 
^^«rde das Tal wilder und großartiger, prächtige :NIatten, auch spärlicher 
^'adelwald bekleideten die Hänge, Felsen engten das Flußbett ein, und 
schon war die weitläufige ummauerte Lamastadt Nin tschung gomba 



Dächern 



Von rechts mündete 



^^Pitz ein bachdurchströmtes Tal, das Tal der Straße ein. Barfuß durch 



170 



W. Limpricht 



das knietiefe Wasser, am jenseitigen I^fer noch eine kurze halbe Stunde 
]ial})]ink6 über lehmigen, schlüpfrigen Boden, und wir betraten die 
tschmutzige, übelriechende, fast nur von Chinesen bewohnte Hauptstraße 
des Städtchens Da wo (72 Li von Girsehgomba). 

Dawo, tibetisch Ressenyi, liegt 3435 m ü. M. in bergiger Land- 
schaft am linken Vfer des die bisherige NW — SO-Richtung verlassenden 
und nach Süden umbiegenden Tschi tsche oder Dawo ho, der'irrtüni- 
lieherweise auf manchen Karten als Nya tschu eingetragen ist. 

Abseits der verwahrlosten Straßen stehen noch einige tibet ischo 
Häuser, deren eins zur encrlisehen Mission einiierichtet wird. Der fran- 
zcsische Missionar wohnt am Beginn der Hauptstraße. Chinesen haben 
die wenigen Läden in Besitz; die ansässigen Tibeter sowie die zahlreichen 
anschlinge treten ihnen gegenüber in den Hintergrund, utn so mehr, 

* 

als Dawo der Sitz eines energischen Mandarins, eines Verwandten des 
Generals Tschang in Ta tsien lu, ist. Der verkommene Ort macht 
eher den Eindruck eines Dorfes als den eines der wdclitiy:stcn Plätze an 
dem Nordwege nach Tibet. 



c^ 



Augenblicklich ist das Städtchen mit 




aten besetzt, die selbst 
in den geheiligten Wohnräumen der Lamas einquartiert werden. 

Dawo besitzt keine Umfassungsmauern, wohl aber das unmittelbar 



CT 



an den Ort anstoßende große Kloster Xin tschung oder Xying tschun 
gomba. das über 3000 Mönche zählen soll. Ich möchte hier gleich einige 

Fehler berichtigen, die sich auf europäischen Karten, die nach den Angaben 

Danach\sind 

Dawo und das Kloster zwei voneinander beträchtlich entfernte Orte, 
weiterhin liegen die Dörfer Yathok und Bathok, die nirgends vorhanden 
sind, und die verschiedenen Städte Chan</o und Horchankou sind eben- 



des indischen Tunditen A.-K. gezeichnet sind, vorfinden 



falls identisch, da die Eingeborenen den Namen der Stadt Tschango 
in den Horbastaaten zum rnterschiecl von Ruiui tschango die Silbe 
,,Hpr- (gesprochen chor, ch wie in „ach") vorsetzen. 

Erkundigungen nach den .Schneebergen im Osten der Stadt verliefen 
ergebnislos. Höhere Berge, auf denen der Schnee „10000 Jahre"' licg-'^ 
bliebe, gäbe es in der ganzen Gegend nicht, erst hinter Kanse wäre der 
„Kaua la she'" so hoch, wie der allgemein gekannte Dshara ri. Vnd 

bei Tangli 



doch hatten mir unterwegs Chinesen vom „Ta hsüe schan" 



, die 



östlich Dawo eraählt, und außerdem hatte ich ja vom Ressirma 
Schneeketten gesehen, die allerdings noch weit entfernt sein koimteii- 
Ein Besuch des französischen :Missionars, Herrn d'Avenas, brachte mich 
meinem Ziele näher. Schon vier Jahre im Orte ansässig, hatte er auch 
schon von dem Hochgebirge gehört, wußte auch, daß der Wog nach Tangli 
im Tale von Lumpu hinaufführe, aber nähere Einzelheiten waren auch 
ihm unbekannt. Doch er wollte sich bei Tibetern erkundigen. Und richtig. 



v 



Botanisclie Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 171 

schon am selben Tage schickte er mir genauere Angaben und empfahl 
mir einen kräftigen, sympathischen Eingeborenen, der den Weg schoii 
einmal gemacht hatte. 

Nach zweitägiger Ruhepause brach ich mit einigen Trägern am 
12, Juli auf und zog auf dem Wege nach Go tscha, südöstlich der Stadt, 
am linken Bachufer bis zur Wassertcilui 
Dju lu ssni (Dju lu schüin), 30 Li von Dawo, mündet von Osten 
ein Wildbach ein. Der Hauptweg führte am anderen Ufer über Go tscha 

r 

und Gata oder Bameh nach Ta tsien lu zmiick Wir verließen das 
bisherige Tal und folgten dem Laufe des neuen Wassers nach Nordosten 
hinauf, von wo schon die schneebedeckten Grate herunter grüßten. 

Matten mit weidenden Yaks im Talgrunde, Buschwerk am Saume 
der Wände, höher hinauf auch etwas Nadelwald, war der Charakter des 
Tales, in dem nach 12 Li die ersten, rein tibetischen Häuser in Sicht kamen. 
Einige warrne Quellen hatten von dunkelgrünen Algen durch wobene 
Pfützen geschaffen, die aber allem Anschein nach von den Bewohnerii 
nicht verwertet wurden. ' 

Die einzelnen Häuser der Gemeinde Lumpu (Lung pu) zogen sich 
noch 8 Li iniTale hinauf; nach ihnen könnte man dieGegend als Lumpuer- 
Tal bezeichnen. Das letzte Haus grenzte schon an den blaugrünen Wald- - 
Saum, der von hier ab seine Alleinherrschaft antrat (38-J6 m). In diesem 
Hause, dessen Besitzer, ein Mischling, bereit war uns aufzunehmen, schlugen 
wir auf der Plattform des Daches unser Lager auf. 



o 



Erschöpfende Auskunft konnte ich von dem verkrüppelten, etwas 
blöden Hausherrn nicht erhalten. Ein Name für den Berg war ihm un- 



'r> 



bekannt. Er wußte nur, daß der Weg über den Paß nach Tangli hinab 
führe, von wo man in zwei Tagen über Geschitza die Stadt Rumi 
tschango erreichen könne. 

Ein schmaler Steg setzte bei dem Haus über den Bach und begleitete 
auch weiterhin sein linkes Ufer. Prachtvoller, hochstcämmiger Fichten- 
und Tannenmw ald, darunter vielfach Silberfichten mit unterseits weiß- 
blaugrün gefärbten Nadeln, reichlich mit den lang herabwallenden 
Bartflechten behangen, zogen sich an den Hängen beider Talflanken 
hinauf; üppige Pflanzenwelt entsproß dem moosbedeckten Boden, viel- 
fach überquerten umgestüi-zte Urwaldriesen den wurzelreichen Pfad. 
iVoUernde Schreie der Ma tschis, der Silberfasanen {Crossoptilon tibetanum) 
drangen aus dem Düster der Wildnis heraus, und eine ganze Schar von 
schwanzlosen, graugrünen Affen kletterte bedächtig unter Führung eines 
«Iten, bärtigen ^Männchens auf den umgestürzten Stämmen herum. 

^ach 25 Li wird die Talsohle ebener, ein langer Steinhaufen mit 
zahllosen, eingemeißelten Zauberformeln „Om manipadme hung'- gibt 
der Stelle den XamenMani schong ka. Nun erscheinen einzelne Lärchen. 



i+r 



172 ' ^^'- Limpricht. 



die von nun an bis zum Lartzä genannten, nicht mehr fernen Talschluß 
in zusammenhängenden Beständen überwiegen. Etwas links von dem 
Talschluß erscheint eine ungeheure, in blendend weißen Schnee getauchte 
Kuppe. Ein hier weilender Hirt veiTät mir den Xamen. Die Spitze ober- 

4 

halb des Gletschers Gongri heißt bei den Hirten und Jägern Sllhae 
tscheni, der rechts Von ihr tiefer liegende Paß Sllhae tschem la*). 
Dichtes Gebüsch bedeckte den Talboden, zusammengesetzt aus drei Arten 
Spiraeen, weißen und gelben, strauchigen Fingerkräutern, Weiden, 
Tamarisken, Ebereschen, Stachelbeeren, Rosen und kleinblättrigen 
Khododendronsträuchern, die freien Flecke am Wege zierten Edelweiß, 



Enziane, Sumpfdotterblumen, Hahnenfüße, Anemonen, Akelei und 
viele andere Arten. 



kleinen 



unter den 



da 



urden 



Dreiecke in die Erde gerammt, oben durch eine Querstange verbunden 
und die beiden Seitenflächen mit den mitgeführten Decken behangen. 
Darunter schlief ich mit meinem Diener; der Führer und die Kulis legten 
sich auf den Boden um das lodernde Feuer. 

Die ersten Sonnenstrahlen des nächsten Morgen? fanden mich schon 
mit dem Tibeter und einem Träger beim: Anstieg zum Talschluß. Nacli 
einer reichliehen halben Stunde war das Tal zu Ende, st^il erhoben siel» 
die baumlosen Wände des abschließenden Kesselraudes, über die der 
Talhach in Kaskaden hinabstürzte. Unter den Lärchen des Lartza 
genannten Kesselgrundes verrieten z\\'ei weiße Zelte die Anwesenheit 
von Hirten; ihre wilden Hunde erfüllten die Luft mit tiefem Gebell über 



die buschigen Lehnen der Kesselhänge erreichten wir 



der 



Geröllhäneen des Paßgrateß 



hinaufzog. Halblinks 



Steinchen bedeckter Gletscher, unterhalb seines zuugenförmigen Endes 
ein kleiner, klarer See. Nach diesem Gletscher bog der Talbach ab. 

Im Zickzack noch das Geröll hinauf und wir standen schon nach 
dreistündiger Wanderung auf dem 4—5 m breiten, von mehreren Mam^ 
mit an Stangen flatternden Gebetsfähnchen und kleinen Steinhau^^^ 
geschmückten Felsengrat des Passes Sllhae tschem la oder Lung *» 
schan (5000 m). Der Grat zog sich zu dem jäh abstürzenden, echaee- 
bedeckten, schlanken Kegel des Sllhae tschem nach Nordwesten 
hinauf, zu beiden Seiten der Gratverlän^erun^ kam je ein ungeheurer 



♦) Der una begleitende Tibeter aus Dawo gab am nächsten Tage oen 
Namea mit fünf Worten an, die lauten: Sllhae tschem nyara laftzet. 
Gletecherwelt könnte auch als .»Lumpu gangrl" bezeichnet werden. 



* 



4: 



^^ — _^ 






-i^ 






Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 173 



Gletscher herab, deren Schmelz Avässer westlich durch das Lumpuer- 
Tal zum Dawofluß und dem Nya tßchu oder nach Osten durch das 
Geshta (Geschitza-)Tal zum Da kin ho und dem Min weiter fließen. 
Der Grat bildet also die Wasserscheide zwischen Nva tschu und Da 
kin ho (Tung ho). Südöstlich zog er sich zu einem ebenfalls ver- 
gletscherten, aber flachgipfeligen Schneeriesen hinüber, dessen Abfall 
die linken Talhängc des Lumpuer-Tales bildeten. Der Abstiegsweg 
nach Tanglin (Tangli) stieg in das Felsental des vom anderen Gletscher 
kommenden Baches südöstlich hinab, zu dessen rechter Wand die Felsen 
des Paßgrates abstürzten. Ein wildzemssener Grat kam vom Gipfel 
des SUhae tschem herab und stürzte ebenfalls in nackten, schroffen 

■ 

Felswänden zur linken Wand dieses Hochtales ab. 

Da dieser Grat die Aussicht nach Norden und Xordosten, an der mir 
viel gelegen war, versperrte, kletterte ich noch zu ihm hinüber. Über 
das Schiefergestein stieg ich nördlich vom Paß bis an den unteren, gewölbten 
Rand des mächtigen Gletschers, sprang über die Steine des ihm ent- 
quellenden Eiswassers und wandte mich dem Grat nordöstlich zu. Bei 
dem Gletscher wechselte das Gestein. Über riesige Granitblöcke weg- 
kletternd, stand ich nach 2^/3 Stunden auf seiner' Höhe (5250 m). 

Haushohe Granitblöcke lagen wie von Titanenhand aufeinander 
geschichtet, klaffende Löcher und Spalten gähnten zwischen ihnen in 
die Tiefe und weckten den Eindruck, als ob das lose Gefüge im nächsten 
Augenblick zusammenbrechen sollte. 

Kein Pflanz chen, ja nicht einmal ein winziges Moos oder Flechten 
belebten das Gestein, nichts als völlig nackte, glatte Kiesensteine setzten 
das Gefüge dieser Zyklopenmauer zusammen, die sich noch weiter hinauf 
zur unersteiglich scheinenden Spitze hinzog. 



Die Aussicht vom Grat war herrlich. Zu Füßen drei Seen auf 



Hochweide, darüber hinaus niedere, parallel von Südosten nach Nordwesten 
streichende, teilweise bewaldete Höhenzüge, das „Sirtä" genannte, 
^'on Xomaden bewohnte Quellgebiet des Da kin ho. weiter nach Norden 
das Land der gefürchteten tangutischen Ngoloks; schneebedeckte 
ßerge im Osten und fernstem Nordosten, in der Gegend von Sung pan 
ting; der schneebedeckte vergletscherte Nachbar berg im Süden, dahinter 
auch ein weiterer im Südsüdosten, also in der Kammrichtung, von Südosten 
bfö Südsüdosten am Rande des Horizonts verblassend die Ta tsien hier 
> chneeriesen und der Mu(kung)ka (Mung kang kirr). 



■Der Sllhae tschem ist 



Schnee 



ßerg des von Ta t s i e n 1 u ausgehenden, nach Nordnordwesten ziehenden 
Hochgebirgskammes, der im angeblich 7800 m messenden Dshara seine 
größte Höhe eireicht. Mit den folgenden Bergen Oma ja ssnu und 



174 "^V. Limpricht. 



Aulako senkt sich der Rücken zu cknn Tal des bei Hör Tschango 
mündenden östlichen Quellarms hinab. 

Auf dem Rückwege nahm ich noch die wenigen Arten mit, die hier 

oben ihr kümmerliches Dasein fristeten, Aveckte am Paß die friedlich 

schlummernden beiden Leute und kehrte 7Aim Lagerplatz Mani schong ka 

zurück. Nach nur vicreinhalbstündigem Abstieg traf ich am nächsten 

Tage schon um die Mittagszeit wieder in Da wo ein. 

Im Yamen Avar man entsetzt, daß ich ohne Soldatenbegleitung hierlier 



■gekommen Avar und auch ohne ausreichenden Schutz in die verrufenen 

r 

Bergwildnisse feindrang. Alle meine GegeuA^or Stellungen, ich Avollte keine 
Soldaten, sie schadeten mir nur, fruchteten nichts. Der liebenswürdige 
Mandarin fürchtete, um seinen Posten zu kommen, und bat mich schließ- 
lich, künftighin doch AA'cnigstens zAvei Soldaten mitzunehmen, und ich 

r 

Avilligte endlich ein. 

Die Stimmvmg meiner Cliinesen Avar gedrückt. Ihre Landsleute 
erzählten ihnen Schauergeschichten A'^on den Tibet ern, die jeden Chinesen 
in vier Teile schnitten und die Stücke den Geiern zum Fräße vorwürfen, 
so daß ich schon zu ihrer Beruhigung den Wunsch des Mandarins erfüllte. 
Besonders schlimm sollte die BeA'ölkerung von Kanse und Dege sem, 
denen auch die hiesigen Missionare nicht trauten. 

Der NordAveg A^on Ta tsien lu über DaAvo und Kanse Avurde hier 
allgemein der ,, Tibeter Weg'' genannt, Aveil er der zahlreichen tibetischen 
Ortschaften Avegen haupts<ächlich A'on diesen benutzt Avird, AA'ährena 



nach l^atang reisende Mandarine und Kaufleute der chinesischen Jjnitar- 
stationcn Avegen die kürzere Straße über Litang bcA'orzugen. Letzterer 
Weg heißt infolgedessen der »»Chinesemveg"'. 

Das nächste Ziel war die Stadt Tschan^^o 180 Li nordwestlich 
von Da wo. Die Landschaft bot, da der Weg stände an den Lößhängen 



O -™*- — -o 



des linken Lfeis des Tschi tsche oder Shi tsche entlang führte, 
wenig Bemerkenswertes. Einzehie, rein tibetische De rfchen, in der Farbe 
vom Erdreich kaum verschieden, klebten an den Talwänden, endlose 
Yakkarawanen, mit Arzneien und Pellen beladen, von schwarzen, wilden 
Hunden begleitet, denen man rote Halskrausen aus Yakhaaren umgebunden 
hatte, begegneten uns häufig, ebenso wie einzelne berittene, mit Gabel- 
flinten oder wenigstens q'ucrübergelegten Schwertern in reich mit Korallen 
und Silberbeschlag verzierten Scheiden bewaffnete Tibeter, die meisten» 
bei der Ankunft des ,,Peling" vom Pferde sprangen, eine europäisch an- 
nmtende Yerbeugung machten oder zaghaft die Zunge zu dem bekannten 



tibetischen Gruße herausstreckten. Und wie hier war es auch späterwn 
auf der ganzen Reise, niemals haßerfüllte Augen, höchstens gleichgültig«* 
'^Mienen, meistens freundliehe, zutrauliche Blicke, selbst von Kindern, 
die niemals, wie die chinesischen Kleinen, beim Erscheinen des „freni 



li^ 



^jf^ 



-2^ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 175 



Teufels- • laut schreiend davonlaufen. Wirklich schöne, frische Gesichter 
mit römischen Xasen, schlanke, doch kräftige Gestalten, leider durch 
den entsetzlichen Schmutz verunstaltet, haben die Leute in ihrer stoischen 
Ruhe etwas von der Würde altrcmischer Senatoren, ein Vergleich der 
noch durch das faltenreiche wie eine Toga übergewoi-fene Gewand ver- 
stärkt w^rd. 

I 

j ■ 

Über Shato kamen wir für heute nur bis Pschossni (Datsai) 
(4o Li), Die Bergflanken des jenseitigen Ufers gegenüber dem Dörfchen 
trugen Xadelwald, wodurch die Gegend etw^as freundlichere Formen 
annahm. Das Tal des Flusses w^ar A\'eiter oberhalb tiefer eingeschnitten, 
der Weg führte hoch über dem Wasser entlang, verließ nach zweistündigem 
Marsch die anmutige Landschaft des Flußtales und zog in einem Seitental 
weiter nordwestlich aufwärts. 

Hierliegt dasDcrfchen Dj eschit schka oder Kiang djüntschiau 
an der Brücke über den Talbach mit einem kleinen tempelartigen Häuschen, 
m dessen buntbemalten Wänden nichts anderes als ein über 3 m hoher, 
mit ungezählten Gebetszetteln beklebter, drehbarer Zvlinder steht. 

Der V^eg stieg nun an, einige Häuser bezeichneten die nur 9 Li ent- 
ternte Hohe, links von ihr im Süden erschienen höhere Berge mit felsigen) 
Jvanimrücken und vereinzelten Schneefeldern und hinabsteigend kam der 
Fluß ^\ieder in Sicht, bald darauf auch das Dorf Gara t schon (Kala 
tsung). Hier lagen Boote bereit, den Fluß zu übersetzen, da der ,,ncue- 
Weg nunmehr das rechte Tfcr begleitet. Ich wählte den „alten" und 
wanderte an den Lößhängen der linken Seite weiter. Der Fluß hatte 
*>icn in mehrere Arme gespalten und dadurch den buschreichen Talgrund 
eine feucht sumpfige Niederung verwandelt. Rsunba, an den Hängen 



m 



«es Aulako Abfalls, war unser nächstes Nachtquartier (55 Li). Weiter- 
hin ^\urde die Landschaft noch eintöniger. Nur spärliche Vegetation 
sproßte auf den glatten gelben Lößwänden, stellenweise umgaben Hafer- 
felder die Ortschaften, die sich öfters an beiden Fluß ufern hinzogen. 
- ach _.") Li setzte die ganze Karawane auf rundlichen Fellbooten über den 
luß, weilte zu kurzer Pyast in dem Dorfe Rwadar, wo der „neue" Weg 
"nmndete und näherte sich nach Überwindung eines gegen den Fluß 
orsprnigenden Bergrückens den vergoldeten Tempeldächern der Lama- 



V 



i^tadt und der zu ihren Füßen dem Hange angelehnten Ortschaft Tsc ha ngo , 
, cla m den Horbastaaten gelegen, zum Unterschied von Rumi 
tschango Hör Tschango (Chor Tschangku) genannt (S.lGl m). 

Der tief unten im Talgrunde strömende Fluß teilt sich im Nordosten 

aatchens. Hier stößt ein nach Norden streichendes Quertal zu, 

in welchem ein Weg ü b er N i p a k o , A u o , L o k u m a und das S i r t a - 

zum Hwang ho und den Ngolok's, auch nach Sung pan ting 
^"d Rumi tschango hinaufzieht. 



N 



7J 



/ 



5^76 ^' Liiiipricht. 



In dem höchsten Gebäude, dem Wolkenkratzer des Ortes, emer 
früheren Fürstenresidenz, befand sich jetzt das Yamen. Meine beiden 
Soldaten schieden hier aus und Avurden auf meine Bitten hin durch Tibetor 
ersetzt, deren einer, ein Halbblut, avich etA\'as chinesisch sprechen konnte. 
■Dadurch hatte ich den für die Weiterreise unentbehilichen Dolmetscher 
gewonnen. Um sie als Yamenleute kenntlich zu machen, erhielten sie zwei 
1871er Gewehre umgehängt, in deren Besitz sie natürlich überglücklich 
waren. Beide haben mir so gute Dienste geleistet, daß ich, wenn es irgendwie 
anging, auch weiterhin nur mit tibetischem Schutz gereist bin. Allem 
in Dege undBejü wollten mir später die Mandarine keine Landes- 
kinder mehr mitgeben, offenbar, weil diese dem Europäer Dinge erzählten, 
die dieser nicht zu wissen brauchte. 

Den 20. Juli bestimmte ich zum Ruhetage und brach in der Frühe 
des 21. Juli auf, um den Marsch nach K ans e in nordwestlicher Richtung 
fortzusetzen. Wiederum am Flusse aufwärts zog die Straße durch welliges, 
baumloses, lößfarbenes Gelände in öder, melancholischer Landschaft 

dahin. 

Einige Alpenpflanzen, darunter auch sehr- oft die längere, grauweii3e 
Form des Edelweiß, Primeln, Anemonen, Astern, Salbei und gelbes Lab- 
kraut überzog die grasreichen Weidehänge, Pfeifenstrauch, aus unseren 
Gärten als falscher Jasmin bekannt, umsäumte den Wegrand, und einzelne 
schlanke Pappeln umstanden die ärmlichen Dörfchen. ÜberUäkirr in^ 
Chdemda (45 Li) kamen wir am nächsten Tage nach Sclitiala. 

Im Ort ansäis.sige Chinesen deuteten auf das Vorhandensein von 
Gold, das auch tatsächlich hier gewonnen wkd. 

Von links mündete ein Tal ein, das ein langer, schneebedeckter Eüekeu., 
der Schao kirr bu, im Südsüdwesten abschloß. Dieses Berges wgen 
wurde, obwohl der heutige Tagesmarsch erst 40 Li bewältigt hatte, 
Dörfchen zum Standq^uartier für einige Tage bestimmt. 

Um eine übersieht über die Gegend zu gewinnen, erstieg i<^i^ ^^^ 
die grasbedeckte Kuppe nordöstlich, konnte aber weiter keine ander 
Schneeberge bemerken, auch keine Ortschaften oder Häuser in dem ^ '^ 
bewaldeten Tal, außer dem Lamatempel Menia geba(gomba) m 
Waldhängen der jenseitigen Talwand. 



'den 



»■ 



Der Ortsvorsteher, der seine Aufwartung machen kam und als Zeic 
der Freundschaft den „Kadah", ein Stück leichten, dünnen Baum^o - 
tuches überreichte, riet mii- der brückenlosen Übergänge über den reil-^i^ 
Talbach wegen zu Pferden zu, die er mir auch selbst besorgen ^ 
Infolge der Unsicherheit der Gegend begleitete er die kleine, aus j 

meinem Diener, einem Presseträger und einem der tibetischen 

11, f Ja s€^^ 
Soldaten bestehende Karawane nebst drei seiner Leute selbst, ^^p 

Vorsicht ging, wie ich nachträglich erfulu', sogar so weit, daß er am 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 177 



zuvor einen Eilboten nach TschuAvo zum ,,Tusze'' schickte, ob er mir, 
dem ,,Pehng", den Besuch des Berges erlauben solle oder nicht. Doch der 
Fürst hatte nichts dagegen einzuwenden. 

Ein schmaler Pfad folgte durch dichtes Gebüsch dem im Grunde 
rauschenden Bache südsüdwestlich hinauf. Eechts über uns schimmerten 
die hellen Klostermauern von Menia geba herab, dann trat der Wald 
seine Herrschaft an. Eichten und Tannen bestanden beide Talhiüwe, 
riesige Stämme, von Sturm und Alter gefällt, waren über den Bach ge- 
stürzt, kochend und zischend raste der Wildbach unter diesen Xatur- 
brücken talab. Mehrmals mußte das Wasser, das den Tieren bis an den 
Leib ging, dm'chritten werden, auf kleiner Wiese deuteten niedere Mauer- 
reste an, daß auch hier einmal eine Familie beheimatet war. Spuren und 
Haarbüschel am Waldesboden verrieten das Vorhandensein von Hirschen, 
deren Geweihstangen ja aus diesen Gegenden als wertvolle Medizin in 
das Innere von China verhandelt Averden. 

Nach vierstündigem Urwaldiitt kam der Talscliluß näher. Ab- 
gestorbene Wälder bedeckten die Wände des Talkessels, Baumleichen 
Ohne jede Spur von Grün; der lange, geradlinige, schneebedeckte Kamm 
des Schao kirr bu sperrte das Talende ab, tiqf zogen die Gletscher an 
den Wänden herab und sendeten ihre Schmelzwasser in zischenden Fällen 
zum Talboden. Hier am Mda du ko genannten Platze schlugen wir 
das Nachtlager auf, rammten Äste in die Erde, hingen Decken darüber 
und setzten Steine zum Feuerherde zusammen, während die Pferde sich 
selbst überlassen blieben. Ich ging mit dem Träger der Presse den 
Gletschern zu. 

^och zwei Stmiden war es zu dem scheinbar so nahen Talende. Wieder 
erschien der prachtvolle, hochstämmige Nadelwald; roter Frauenschuh, 
hohe Rhabarberstauden, Enziane und blauer Eisenhut umkleideten die 
achufer; mit rauschendem Flügelschlag erhob sich ein ungeheurer Bart- 
geier und sah mit rotgoldenen, funkelnden Augen wütend den venvegenen 
Eindringling an. 

Am Fuß der Wand ergoß sich auch von rechts ein Wasser, dessen 

ochtal sich nach Westnordwesten hinaufzog. Da seine Hänge nicht so 

jah abstürzten wie die vor uns liegende Wand, bogen wir hier hinein und 

etterten pfadlos durch den Urwald empor. Allmählich trat dieser zurück 

ichtes Gebüsch nahm seine Stelle ein. Auch dieses versehwand, 

nur steinbesäte Matten grünten auf dem Grund des Bodens. Immer 

spärlicher wurden die Alpenpflänzchen, immer zahlreicher die Gesteins- 
trümmer. 

Von den noch teilweise mit Schnee bedeckten Talwänden koUerten 
polternd kleine S teinchen zu Tal. Das konnten 

edde, Repertorinm specierum novarum. Beiheft Xll. 12 



und 



nur 



^^ 



278 W. Limpricht. 

hafstig, in kurzen Sprüngen, eilten 20, nein 30 braune, gemsenälinliche 



Antilopen quer über das Geröll der Steimvüste. 



Vor mir lag unter Schnee der abschließende Felsgrat. Große Schiiee- 
flccke bedeckten den schotterreicheu Hang, dessen trügerischer Boden 
ein unheimliches Gemisch von Schnee und erdigen Bestandteilen zu sein 
schien. Unter dieser Decke verschwand der weißgraue, trübe Bach. Doch 
immer höher stieg ich allein, der Träger blieb der Anstrengung wegen 
zurück, bis plötzlich quer zur Talsohle eine und bald darauf mehrere 
tiefe Spalten zu meinen I'üßen gähnten. Jetzt wußte ich auch, ohne 
die blaue. Eiswand der Tiefe gesehen zu haben, daß unter mh der 
Gletscher lag. Vorsichtig jeden Schneestreifen mit dem Stocke prüfend, 
übersprang ich die Spalten und gelangte glücklich über den letzten Schnee 
auf die Höhe der Scharte, der tiefsten SteUe des schmalen Felsenkammes 

(5300 m). 

Rechts und links starrten die l'elsen der vereisten Kuppen und Bücken 
empor, die der in Richtung Südsüdwest nach Nordnordwest streichende 
Grat verband. Auf der anderen Seite fiel der Grat in Felsstürzen und 
Geröllhalden zu einem tiefen Tale ab, hinter dem sich im Westnordwesten 
ein riesiger, vergletscherter, dem Dshara ähnlicher 2ahn erhob, m dem 
ich die Seitenansicht des Kalori-Stockes (Kaua la ri)*) vermutete. 
Links hinter diesem einzelnen Riesen zog sich eii;e kurze Schneekette hm. 

Da der Aufstieg vom Lagerplatz öU Stunde beansprucht und jede 
Spur von Vegetation schon am Fuße des Gletschers aufgehört hatte, 
drehte ich um 4 y^ ^^^^ ^^^^ ^^^^ stieg rasch die Gletscherhänge hinunter. 
Trotz aller Vorsicht wäre ich noch in letzter Stunde in die größte, wohl 
10 m tiefe Spalte gestürzt, \\q\\\\ nicht die schnell ausgebreiteten Arme 
den Absturz verhindert hätten. :Mit dem stillen Gelöbnis, nie wieder 
allein über einen Gletscher zu o;ehen. traf ich bei dem meiner harrencc 
Kuli ein und \\\x eilten so schnell wie möglich bergab. Doch die Duu 
heit holte uns bald ein, und mühsam, pfadlos durch das dichte Gebüsci 
des steilen Urwaldhanges, erreichten wk endlich die Sohle des Talkesse ^^ 

Schon wollte ich den Versuch, noch zum Lagerplatz zu kommei , 
aufgeben und bei einem Feuer die Nacht verbringen, da erschienen 
der Ferne Lichter, bald darauf ertönten laute, tibetische Rufe. Gespens ei 
haft zeichneten sich weiße fortbewegende Flecke vom Düster des vx\^'^ 
»b, und mit lautem „Allulr' kamen zweiReiter und zwei hen^enlosePi^r 
angetrabt, die der umsichtige Diener seinem Herrn entgegengesc 
hatte. Die klugen Tiere fanden leichter durch das Dickiclit, und geg 
9 Uhr abends saß ich, Tee schlürfend, am Lao;erfeuei\ 

Nach nur dreistündigem Ritt am nächsten Morgen konnte ic 
Schtiala meine Ausbeute in trockenes Papier legen. 

^ _ ^_ ^ 

*) Kaua, tibetisch ~ Schnee. 



-? 






.• 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 179 



Über Gemdä, bei dem ein zweites Wasser vom selben Bergrücken 

^ 

herabkommt, in dem wiederum Chinesen Goldwäscherei betreiben, go- 
langten wir am nächsten Tage zur Brücke und gleich darauf in das Städtchen 
Tschuwo mit seinem stattlichen, im Rücken von Felsgraten malerisch 
überragten Fürstenschloß. Obwohl nur 30 Li von Schtiala entfernt, 
blieb ich doch hier, um Pferde für die Weiterreise zu mieten. Die Ent- 
fernung bis Batang war doch zu groß und, so willfährig die Kulis auch 
waren, mit den kurzen Tagemärschen von 40 — 50 Li hätte ich meine 
geplante Reise nicht durchführen können. Außerdem w^aren die tibetischen, 
für mich unentbehrlichen ,,Fusungs'\ die Begleitsoldatei^, so schlecht 
zu Fuß in ihren für längere Märsche durchaus ungeeigneten Stiefeln, 



ihret\^ 



Ganz a'bgesehen 



von dem weitaus billigeren Reisen. Kostete mich doch ein Kuli 30 Cents 
Tagelohn und dazu noch das Essen, das, da die Leute kein Tsamb- . essen 
zu können vorgaben, ein gewaltiges Loch in die Reisekasse riß^ Auf Grund 
meines Ta tsien luer Passes bekam ich überall die sogenannte Ula, d. h. 
Pferde oder Yaks zu dem Preise, zu dem die eingeborene Bevölkerung 

* 

durchreisenden Mandarinen die Tiere stellen muß.' Jedes Tier eine halbe 
Rupi, also 20 Cents am Tao;e, machten für drei Reit- und zwei Tr 
nur täglich 2 % Rupis aus, da die Pferde für die Begleitsoldaten das Yamen 
zu bezahlen hat. Zum nicht geringen Ärger der Kulis waren auch die Pferde 
sofort zur Stelle, und so konnten die Träger am nächsten ^lorgen über 
Tatsien lu nach Tschengtu zurückkehren. 

Wir anderen, ich, mein Diener und der Pflanzenkuli nebst den beiden 



'o 



Tibetern ritten noch 3—4 Li im Tale des Tsclii tsclie (Shi+schu), des 



Dawoer Flusses, bogen dann halblinks in ein Seitental ab und verließen 
somit endgültig den Fluß, der nach Nordwesten in den Bergen verschwand, 
^ach 10 Li erschien das Dörfchen Kursse am" Ufer eines Sees, hinter 
ihm die ummauerte weit größere Lamaklosterstadt Shori gomba (Juri 
gomba). Nun stiecr derWe»- bercran; über die baumlosen, nur von Hirten 
und weidenden Yakherden belebten, sonst menschenleeren Matten der 
welligen Höhen schmiegte sich die von früheren Karawanen gezeichnete 
Spur jeder Bodenfalte an. 

Von der letzten Höhe bot sich dem überraschten Auge ein wunder- 
volles Panorama dar. Zu Füßen das weite Tal des Xya tschu, mit 
einzelnen Ortschaften und dem fernen Häuser- und TemjDelgewirr der 
otadt Kanse, überragt von den schneebedeckten Spitzen einer langen, 

nkette. am nächsten die drei Zacken des mächtigen 



^alon^Stockes, an dessen Fuß der Xya tschu nach Süden umbiegt 
«nd die Kette durchbricht, um seinen Lauf durch das Nyarong-Tal 
*^ annähernd derselben Richtung fortzusetzen und als Ya lung kiang 
dem Yangtse zuzuströmen. 

12 * 



180 W. Limpricht 



Im Grunde am Fuße der Lehnen lag das Dörfchen Po j u nu, 00 Li 
von Tschuwo. Hier wiu'den die Pferde gewechselt, und drei Stunden 
später, immer in der ebenen Talsohle entlang, hielten wir unseren Einzug 



in dem völlig tibetischen Kanse zu Füßen der weitberühmten, über 
3000 ]\Iönche zählenden Lamastadt. 

Kanse, genauer Hör Gamdze, liegt 5—6 Li vom Flusse entfernt 



linker 



Die 



wenigen Chinesen der Stadt leben in tibetischen Häusern, auch Yanicn 
mid Post sind in solchen untergebracht. Ausländer, also Missionare, gibt 
es noch nicht; 'ein diesbezüglicher Versuch der Franzosen ist der Nähe 
des allmächtigen, in hohem Ansehen stehenden Lamaklosters wegen fehl- 
geschlagen und auch nicht wieder erneuert worden. Trotzdem die Stadt 
eine Hochburg des Lamaismus ist und der chinesische ^lachthaber nur 
eine untergeordnete Rolle spielt, sind schon wiederholt Europäer hier 
gewesen, und auch ich bin unbelästigt überall in den Straßen allein umher- 
gegangen. 

Kanse ist Tibet im vollsten Sinne des Wortes. Ruhe und Ordnung 
in den ungepflasterten Straßen; Prozessionen rotgekleideter Mönche 
ziehen unter feierlichen, langgetragenen Hörnerklängen durch die stülen 



Gassen, aus dem Inneren der Häuser klingt das eintönige Gemurmel der 



Betenden heraus, selbst die Lippen der Vorübergehenden sind in ständiger 
Bewegung und leiern gedankenlos das „Om manipeme hung'' ununter- 
brochen herunter. Bisweilen durchdrinc^t heller Glockenton die Luft, 
ein langer Zug von Tragtieren betritt die Stadt. Und gegen Sonnen- 
untergang zittern ergreifend schöne Töne wie Orgel- und Posaune iiklang 
durch das- Düster der Dämmerung, Abendandacht in den weitläufigen 
Tempelanlagen. Dazu die wundervolle Hochgebirgslandschaft! Im Süd- 
osten der vergletscherte Dreizack des majestätischen Kalori, durch 
den Ny a tschu-Durchbruch von ihm getrennt die Felsspitzen und die-m 
ewigem Schnee leuchtende Kuppe des Tshe tse tsha (Tso da schan) 
und weiterhin die langen Gletscherbetten des Ge mou po ssu (Sse ba 
schan), ihnen zu Füßen das weite, schwach gefurchte Tal des Flusses, 
in das der Blick von dem fähnchengeschniückten, flachen Dach des Hause? 
hinabgleitet, bis die letzten Sonnenstrahlen über den Eisriesen ver- 
schwinden. 

schauen die reich verzierten, vergoldeten Dächer der Tempe 

;henkirifl*^r Vipmb r\^(^ im Tlonr-o ,^a.y Tfirnbp verstrickt, un 



^^. 



link 



auf 



auf 



den Befreier warten, der sie aus dem stumpfsinnigen, religio ^^ 
Frondienst zu den lichten, reinen Höhen eines freigeistigeren Daseui^ 
führen soll. 

Da anzunehmen war, daß der Gebirgsstock des Kalori (KauaUrj/ 
im irroßen und e^anzen die?;elbp Flnm. "hplipr^prcfftn würde wie der benac 



/ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 131 



harte Schao kirr bu, wandte ich meine Aufmerksamkeit dem am 
schnellsten erreichbaren Tshe tse tsha zu, der sich im Süden der Stadt 
erhob und in einem langen Tal einen günstigen Zugang bot. 

Südwestlich von Kanse setzt die Straße nach Tschamdo über den 
Fluß; Fellboote bringen Menschen und Waren an das jenseitige Ufer; 
Pferde und Yaks, durch Zurufe und Steinwürfe in die trüben, graugelb- 
lichen Fluten getrieben, werden von der raschen Strömung erfaßt und 
rudern mit aller Kraft, bis sie weiter stromab Avieder Boden unter den 
Füßen fühlen. 

Der Taleingang lag im Südsüdwesten. Das hier angelegte Dörfchen 
trägt den Namen Tsoda. Weiter hinauf sind die Flanken sowie die Sohle 
des mibewohnten Hochtals nur mit Grasmatten bekleidet, die von Geröll 
und Steinhalden abgelöst werden. Die Felsen werden immer wilder, die 
von ihrem Fuß ausgehenden Geröllhänge erreichen den Weg, im Hinter- 
grunde schließen die Gletscher des Schneeriesen das Hochalpenbild ab. 
Der Talweg folgte dem im Grunde rauschenden Bach südöstlich hinauf, 
biegt vor dem Gletscher rechts ab und überschreitet in einer tiefen Scharte 
den Felsenkamm. Nach Aussage einiger im Tale anwesender Hirten 



^ ^ 



steigt er nach Tschong ku und weiter nach Katsa (Kassa) hinab und 
folgt dem Nya tschu-Lauf. Der Paß soll den Xamen Loku tragen 
und das Tal wird tibetisch das Tso da ku (re), von Chinesen Tso da gou 
genannt. Vor diesem Paß verließ ich den Pfad und stieg rechts zu den 
Felsen der (linken) Talwand empor. 

Da, wo die Hänge weniger steil wurden und die grünen Matten an 
den Fuß eines Felsenkars stießen, stand ein Hirtenzelt. Lautlos erhob 
sich ein riesiger Hund und schritt gemessenen Schrittes feierlich auf mich 
zu. Ich kannte bereits diese Art der tibetischen Schäferhunde, und in 



t 



sah ich mich schon 



fiach einem rasch zu erkletternden Felsen um, als der Retter in Gestalt 
ehies vor Angst zitternden Hirten erschien, der mich flehentlich bat, 
stehen zu bleiben oder wenigstens nicht direkt auf das Zelt zuzugehen. 
Das tat ich natürlich auch, worauf es dem Herrn des Hundes gelaug, 

Hier ließ ich meine beiden 



urüc 



Leute zurück und stieg allein in das steile Felsenkar hhiein, verfolgt von 
den ängstlichen Augen der Hirten, die nicht begreifen wollten, daß ich 
nur der ,,:vred6", der Blumen wegen, in den Felswänden urahersuchen 
Avollte. 

Über die steilen Geröllhalden, deren Steine bei jedem Tritt kollernd 
ziir Tiefe rollten, schritt ich den Kalkfelsen zu, die das Hochtal auf beiden 



eiten 



Schneeflecke zu der zusammenhä 

Trotz d€ 



r>ecke des ewigen Schnees zusammenstießen (4830 m). 

gerade Kalkfelsen besonders reiche Pflanzenwelt beherbergen, war das 



* 
\ 



182 W. Limpricht. 



1 

Gestein hier fast vegetationslos, nur zierliche, blaue Blüten einer neuen 
Hahnenfußart inid gelbe Fingerkräuter sowie große, blaßblaue Primeln 
entsprachen dem anderen Substrat. Öfters zogen sich wie Streifen hellere 
Linien durch das Geröll, nach den Huf abdrücken die Wechsel von Blau- 
schafen oder Antilopen, die sicherlich in dem Felsenmeer häufig sein 
müssen. 

Die Fußwanderung von Kansc bis hier hatte 8U Stunden gewährt: 
so langte ich erst spät abends wieder im Quartier an, in dankbarer Fr- 
inncrung an die tibetischen Fährleute, die, im Schlaf gestört, erst ihre 
Boote hervorsuchen mußten, um uns noch in der Nacht über den Strom 
zu bringen. Ja, einer von ihnen geleitete uns noch durch die Hohlwege 



im Löß bis zur Stadt zurück, und als ich ihm dafür eine klingende Be- 
lohimng in die Hand drücken wollte, war er im Dunkel der Nacht ver- 
schwunden. So ist die „Räuberbevölkerung" von Kanse! 

Am nächsten Tage goß es in Strömen, und von nun an hatten wir 
fast alle Tage mit kürzeren ^ oder längeren Regenschauern zu rechnen. 
Am Tage des Aufbruchs (29. Juli) stand die Bevölkerung mit Blumen- 
sträußen am Wege Spalier, berittene Lamas in vollem Ornat, mit gelb- 
Foidener, pelz verbrämter Kopfbedeckung und prachtvoll gestickten 
Seidenfahnen, deren sich die feudalste deutsche Studentenverbindung 

r 

nicht zu schämen brauchte, ritten sreschäfti^ einher. Bald erfuhr ich 



o^'"^"^"" "*ö 



auch den Grund. Der Großlama des Klosters reiste am selben Tage nach 
Lhassa, wählte aber, um nicht Dege, den Amtssitz eines chin?sisclien 
3!andarins berülirenzu müssen, einen kleinen Um we^ über die Berge. Außer- 
hall) der Stadt hatte man dem Kirchenfürsten ein geräumiges Seidcirzelt 
aufgestellt, in dem er noch'zum lezten 3ralc einen kurzen Tmbiß nehmen 
sollte. Und dann kam er selbst, eine imponierend dareinschauende Hünen- 
gestalt in tadellos reine Seiden- und lanfihaari^e Pelzo-ewänder gehüllt, 



ö"""""'o 



warf dem in schäbiges Kaki gekleideten, ärmlich erscheinenden Europäer 




einen freundlichen Blick zu, und die ganze Reiterschar sprengte der rä 
entgegen. Ein Bild von solcher Schönheit und Farbenpracht, daß ich nur 
bedauern mußte, es nicht mit dem Pinsel festhalten zu können. 

Audi wir ritten zur Fähre, gewannen das andere Ufer und trabten 
am Fuße des Hochgebirgen das Xya tschu-Tal aufwärts. Bei Bare 
(Bali), 30 Li von Kanse. mündete das nächste, deai Tsoda ku parallel 
streichende Hochgebirgstal ein. Weiterhin w urden die Ketten niedriger: 
nur felsige Zacken mit vereinzelten Schneefeldern begleiteten das rechte 
Flußufer, an dem die Straße west nordwestlich hinaufzog. 

Eine halbe Stunde hinter der nächsten Pferdewechselstatiou Eieiig« 
(chinesisch Eshungu) erschien das Lamakloster Tatschi goniba- 
Nach weiteren 5 Li kam links aus einem Einschnitt des Kanunes eni 
kräftiger Bach hervor, nach dem ein gut gehaltener Weg abbog, der wei+f^ 



» 



* 



^^1 



^ , 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 188 



.i^' 



durch unbewohnte Berg- und Waldgegend nach Hobo (Khobo) führt 
und hier in den Weg Dege— Batang einnuindet. Er stellt die kür/este 
Verbindung zwischen Kanse und Batang dar und ist drei Tage näher 
als der UmAveg über Dege. Wir liel?en ihn jedoch links liegen und ritten 
geradeaus A\eiter. Die Ketten winden nun wieder höher, Gletscher \\m\ 
ewiger 8'chnee bedeckten ihre Wände, in die der baumlose Talgrund in 
welligen Hoch\veiden unvermittelt überging. 

Der nächsteOrt, das letzte größere Dorf auf mehrere Tage, war Ruug- 
bätsa abseits des Nya tschu, der annähernd nördlich in den Hügeln 

verschwand (3830 m). 

Über den grasigen, stellenweise mit Buschwerk bekleideten Aijfall 
des Hochgebirges führte der Pfad in enger, unbcAVohnter Talmulde all- 
mählich empor: Fichtenbestände erschienen nach vierstündigem Hitt 
und zogen sich auch noch weiterhin an den Flanken entlang. Der Weg 
überschritt ein Haches Rückenplateau und senkte sich in ein neues Tal 
hinab, in dem uns ein trübes, starkes Wasser, etwas schmäler als der 
Nya tschu, entgegenkam. Niedliche, kleine Zieselmäuse saßen vor den 
Lechern ihrer Baue verschwanden bei unserer Annäherung blitzschnell 
in der Erde, aber nur, um wenige Sekunden f^päter neugierig das Köpfchen 

wieder hervorzustrecken. 

Gegen Abend überspannt eine breite Holzbrücke den Fluß. Obwohl 
der Weg nach Dege am rechten Ufer Aveiterz ieht , reiten wir doch hinüber, 
um für die Xacht ein Dach über dem Kopfe zu haben. Xördhch der Brücke 
tauchten nach einer halben Stunde das mehrstöckige Fürstenhaus, zwei 
kleine Häuser für Gebetszylinder sowie Hürden und Zelte der Piedelung 
Täre gato oder Yülöng auf. 

Obgleich bereits 20 chinesische Soldaten, auf dem Wege nach 
Tschamdo hierher gekommen, es sich in dem Fürstenhaus bequem 
gemacht hatten, ließ ich raii; zum Entsetzen der Tibeter, die vor den frech 

j. 

und unverschämt auftretenden Soldaten eine Heidenangst zeigten, hisr 
ebenfalls ein Zimmer geben, bereute es aber bald, da ich Zeuge einer 
widerwärtig rohen Handlung sein mußte. Irgendwo in den Bergen hatte 
ein Tibeter geschossen und die Soldateska natürlich sofort Jagd auf ihn 
gemacht. Jetzt brachte man den armen Teufel angeschleppt, die Soldaten 
pflanzten das Seitengewehr auf, bildeten zu beiden Seiten des am Boden 
liegenden „Verbrechers" Spalier, und die Exekution unter dem Befehl 
eines rnteroffiziers begann. :\lit dicken Holzscheiten erhielt der Tn- 
glückliche 400 Schläge auf cUe Oberschenkel und wurde dann völlig be- 
sinnungslos dem weißhaarigen Ortsältesten, der vor dem gnädig herab- 



i ähi- 



beugt 



übergeben. Auf meine entrüsteten Vorstellungen, daß nur der IMandarin, 
höchstens ein Offizier, das Recht der Strafgewalt ausüben dürfte, wurde 



184 ^Y. Liinpricht 



■ ■ 

mit höhnisclien Reden geantwortet, und es hätte vielleicht nicht viel ge- 



Begleitsoldat nicht das 
hätte. 



urol 



seiner Brust getragen 



rrf 



Wir mußten wieder über die Brücke auf den Haupt weg zurück. Noch 
30 Li im Tale aufwärts mündeten von links zwei starke, sich kurz darauf 
vereinigende Gletscherbäche. Zwei Brücken übersimnnten die Wüdwasser, 



dem zweiten folgte der Weg und boa somit links ab. üb 



J3^^ v^V... ,,V.g l*.ii.K^ .JV^g 



bodcn des Talgrundes ging es westlich hinauf bis zu dem idyllischen, wald- 
undgletscherumi ahmten Bergsee Ssan tso, bei dem der Bach nach rechts 
umbog. Eine Viertelstunde weiter stand das niedere einstöckige Steinhaus 
Hai tse, in dem ich der prächtigen Umgebung wegen zur Nacht blieb. 

Den malerischen Hintergrund des Sees bildeten die Schnee- und 
Gletscherhänge des Schan tso ka, seine Gletschei'zungen berührten 
fast das waldreiche Gestade ; der Abfluß des Sees ergoß sieb in den Tal- 
bacb. In den Schneeriesen des Tsok öma- Stockes setzte sich der 
Hochgebirgskamm weiter fort, und noch andere Gipfel begleiteten, soweit 
das Auge reichte, das rechte Bachufer. 

Diese ungeheure, von Südost nach Nordwest streichende Kette 
beginnt mit dem Kalori bei Kanse und zieht in ununterbrochenen 
Schneegipfeln zwischen Nja tschu und Dri tschu, dem Oberlauf 
des Yangtse, bis tief in das Innere Hochtibets. Der Weg nach Dege 
undTschamdo überschreitet sie im Tschola der Weil nach Yckumdo 
mid Nordtibet im :ilurila, dem Paß, den der Amerikaner Rockhill 
bei. seiner Hückkehr von den Yangtse-Qucllcn überquerte, der aber 
nicht in der Hauptkette liegt. Sie bilden hier die Grenze zwischen den 
Horbastaaten und dem Degeer Ländchen, dessen bedeutendster 
Ort, die Stadt Dege, mein nächstes Ziel ist.*). 

Ein Versuch, am nächst<?n Morgen zu den Gletschern des Tsoköma 



udxingen, scheiterte zunächst. 



bewegen 



den Bach zu durchschreiten, und als wir es etwas weiter oberhalb ver 



sanken 



üsse 



der letzten Tage hatte sich der ganze Talboden in Morast verwandelt, 
und mühsam mußten die Tiere durch den zähen Schlamm der Bachufer 
hindurchstampfen. 

Drei Seitentäler sandten ihre Gletscher wässer hinab, doch erst 
nach sechsstündigem Ritt bog der kräftige Bach halblinks in einen Tal- 
kessel hinein, von dessen Gletscherzungen er herabkam. Da der Weg 



*) Nach Koslow heißt die Kette Mtso ssetan uj tse tscliul tscbi 
(18 Berge am kalten See) und ist die Verlängerung des von ihm , Kette der 
russischen Geographischen Gesellschaft« genannten Gebirgszuges. 

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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 185 



zum Passe halbrechts in einem anderen Tale hinaufführte, schickte ich 



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<lie Tragtiere voraus, sprang vom Pferd, .überließ es, sowie das meines 
Dieners, der Obhut des Kulis- und stieg die rechte Wand des Talkessels 

empor. 

Weiden, >S'piraeen und BaumA\ achholder bekleideten die Hänge 
dieses Kessels, so daß, da ein Weg mangelte, das Vor\\'ärtskommen nur 
langsam von statten ging. Den gegenüberliegenden Kesselrand bildeten 
die Gletscller\^ände des über 7000 m hohen Tsokömagipfels, von dem 
sich der Felsenkamm zum Tscholapaß hinzog. 

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Bis zu diesen Felsen, vom Wege aus die Höhe des rechten Kessel- 
Tandes, kletterte ich über Geröll und Felsen 21'. Stunden empor, bis in 
5020 m Höhe die Vegetation aufhörte. 

Wieder zum Weg zurück, halbrechts in das nun ^^ieder baumlose, 
mit Khabarber, gelbem Enzian und Edelweiß übersäte Tal hinein, über 
den seichten Bach und auf der anderen Seite steil in Kehren zum 5120 m 
hohen Paß Tschola hinauf, langte ich erst um 6 Uhr abends am Mani 
an, wo meine Leute auf mich gewartet hatten. 

In völliger Dunkelheit mußten wir nun hinab, einer der Tibet«r 
führte das erste Pferd und die anderen folgten vorsichtig über die Stein- 
blöcke nach. Daß alles gut ging, erscheint mir heute noch unbegreiflich, 
aber die tibetischen Ponies sind imstande, Wege zu gehen, auf denen 
ihnen kein europäisches Pferd nachfolgen kann. 

Am Grunde der jenseitigen Talsohle begann der Wald und durch 
diesen hindurch schimmerte endlich gegen 10 Uhr das kümmerliche Licht 
des einsamen Häuschens Dshia u^mdo unweit des rauschenden Tal 
baches Tscho tsche (4180 m). 

Leider hatte das Daoh des Hauses, wie so oft in diesen Gegenden, 
Bisse und Spalten, durch die der strömende Regen auf die Decken meines 
Feldbettes unaufhörlich herabtropfte. 

Der nächtliche Ritt hatte mir ^\enig von der Landschaft enthüllt, 
und so wartete ich hier bis das Wetter einen nochmaligen Besuch des 
Passes gestatten würde. Am übernächsten Tage hatte endlich der Regen 
nachgelassen, und .so ritt ich denn in leichtem Sprühregen den 



We 



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Erdreich noch 



Die Hänge des Tscho tsche- Tales sind beiderseits mit üppigem 
richten\sald bestanden, weiter hinauf wird der Boden steiniger, in den 
Felsblöcken huschen Mm-meltiere umher, die durch gellende Pfiffe ihr 
Dasein verkünden, auch wenn man sie vom umgebenden 
nicht unterscheiden kann. 

Schon in 2 Vo Stunden war der Paß wieder erreicht. Gerippe von 
■Pferden und Yaks, von Geiern benagte, in der fäulnishindernden Luft 
"och mit Haut und Haaren bekleidete Körper redeten eine deutliche 



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J^gg W. Limpricht. 



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Sprache von den An.strenguugen, denen die Tiere zu Nutzen des haV 
süchtigen ilenschen zu Beginn des Winters ausgesetzt sind. Durch ständige 

■ ^ 

Zurufe und Schläge getrieben, erreichen sie mit Aufgebot der letztea 
Kräfte die Höhe; so\vie die Anstrengung nachläßt, versagen die auf das 
höchs^te gespannten Muskehi, und nur der eisige Sturm bläst über die 
Opfer treuer Pflichterfüllung im Dienste des klingenden Gewinns. Stellen- 
weise lag noch Schnee an der Paßhöhe. Während die tapferen Tiere 
sowie der tibetische und chinesische Begleitkuli den Steinhaufen des 
Manis zur Rückendeckung gegen den rasenden Sturm benutzten, stieg 
ich allein den Felsen südlich de^ Passes entgegen. Der Hiiumel hatte 
Erbarmen. Der Sturm verjagte die Xebel um die höchsten Spitzen, und 
erst nach einer Stunde war alles wieder in einerlei Grau gebullt. Doch 
während dieser Zeit stand ich auf der Kannnhöhe (5250 m), sah in das 
jenseitige Kar hinab, dem Quelltal eines Baches, vielleicht des bei Litang 
vorbeifließenden Li tschu und stieg oder glitt vielmehr das Geröll zum 
Mani hinab. Bereichert um einen kleinen, blauen, schon am Wu tai 
schan im fernen Tschili oresammelten Enzian soAvie andere Vertreter 
der Hochalpenflora laugte ich ^^ieder am Passe und z\Aei Stunden später 
in Dshia u mdo an. 

Der Talbach, der Tscho tsche, kommt aber nicht von den Hangen 
der Paßhöhe Tschola, sondern erst von den sich noch weiter hinauf- 
ziehenden Wänden des Talschlusses. 

- Der Weiterweg führte nur talab. Prächtige Nadelwälder, Pichten 
und auch Tannen bekleideten auch weiterhin die Böschungen des nach 
Südwesten abfallenden Tales, bis bei dem kleinen Kloster ^lendsha 
g o m b a ( 10 Li}^ der Talbach nach Nordwesten umbog. Weiterhin verringerte 
sich der Waldbestand, ärmliche, schmutzige Chinesenhütten deuteten 
auf Gold, das man mittels in den Bach getriebener Dämme durch Ab- 
leitung des Wabricrs zu gew innen suchte. Nach drei Stunden kam endlieh 
das erste Dorf Kolo ndo (3850 m) in Sicht. Hier blieben wir zur Nacht. 

Da es noch zeitig am Tage war, wir waren nur vier Stunden geritten, 
besuchte ich noch nachmittags die Felspartien des sich südöstlich hinaiif- 
ziehenden Quertales. 

VonKolo ndo naehDege sind es 70 Li. HinterKolo ndo treten die 
Felsenhänge beider Ufer so nahe an den Fluß heran, daß dadurch eme 
enge romantische Felsenklamm i^eschaffen wird durch die sich der Weg 



hindurchzwängt. 



Durchkomm 



da der andauernde Regen den Bach so hatte anschwellen lassen, daß er 



ausuferte 



Nach 20 Li wurden die Hänge m eniger steil, das Tal breiter. Gold- 
?herhütten veiTieten wieder die Anwesenheit von Chinesen; noch drei 



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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 187 



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Dörfer, und in dem engen, felsigen Flußtal erschienen die schiefergrauen 
Häuser und die mit kleinen vergoldeten Pagoden gekrönten Tempel- 
dächer der Stadt Dege, vor deren Tor eine Folzbrücke den nun zum 
Fluß gewordenen Bach überspannte (3725 m). 

Dege, genauer Dege Göntschin, liegt am linken Ufer des T^cho 

* 

tsche oder Ssuitschu und zieht sich mit seinen durchweg schiefer- 
grauen Häusern in der Mulde eines kurzen Seitentals hinauf. Die auf- 
fallendsten und größten Gebäude gehören zu dem, in roten Farbtönen 
gehaltenen Lamakloster, auf dessen flachen Dächern kleine, vergoldete 
Pagoden schon von weitem dem* Ankömmling auffallen. 

Das Ländchen Deore. oder, wie man es auch namentlich im Tschialä- 
Gebiete um Ta tsien lu sprechen hört, Derge, gilt als das wohlhabendste 
in Osttibet. Hier ist auch, hauptsächlich in den Gebirgsdörfern, der Sitz 
der Hausarbeit, die auf Bestellung schwere Teekannen aus Kupfer, Messing 
oder Zinn mit teilweise recht geschmackvoller Verzierung anfertigt. Nur 
wenige Europäer haben Dege besucht; Missionare können der in hohem 
Ansehen stehenden Lamas wegen keinen Fuß fassen, und für Kaufleute 
ist die Zeit noch nicht gekommen, diese entlegenen Gebiete in den Bereich 

ihrer Tätigkeit zu ziehen. 

Von Dege nach Tschamdo und somit zur großen Pilger- und Handels- 
straße von der Mongolei über den Kuku nor nach Lhassa, dem 
„Götterland", sind es nur 5—6 Tage. Gern wäre ich hinübergeritten 
und hätte von da über Dshiaja und Tschiangka meinen Weg nach 
Batang fortgesetzt, doch die mir zur Verfügung stehenden Geldmittel 
reichten dazu nicht mehr aus. Der liebenswürdige Mandarin, der mich 
mit Aufmerksamkeiten überhäufte und mir jeden möglichen Gefallen tat, 
hätte gegen eine Reise nach Tschamdo nichts einzuwenden- gehabt. 
Holdaten durfte er mir ja in das Gebiet des eigentlichen Tibet nicht mit- 
geben, aber er konnte mir doch zuverlässige Tibeter emj^fehlen, die mich 
dahin begleiten sollten, wozu er sich auch gern bereit erklärte. In 
Tschamdo gab es wieder ein Yamen, wo wir dasselbe Manöver bis Batang 
m Szene gesetzt hätten. Drei Tage blieb ich in Dege, ritt in Begleitung 
des Mandarinen am Morgen des 8. August zum Tore hinaus über die Brücke, 
verabschiedete mich hier von dem Stadtgewaltigen und folgte mit meinen 



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i-cut<^n dem Laufe des Tscho- Flusses abwärts. 

Xach 30 Li mußten wir in Djung ra die Pferde wechseln. Wie der 
treffliche Mandarin für mich gesorgt hatte, wurde mir hier, wie auch 
^^^^^«^i'^in beim Betreten eines Durfes klar. Am Eingang sprengten mir 
zwei Reiter entgegen, sprängen, sowie sie meiner ansichtig wurden, von den 
Pferden und, das rechte Knie zur Erde 
überreicht, darauf mein Pferd am Zügel 

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Waus des Ortes sreführt. wo die versammt 




gebeugt, wurde der ,,Kadah"" 
efaßt und vor das stattlichste 



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188 W. Limpricht 



der Ergebenheit die Zunge herausstreckten. Im Inneren des Hauses 
wartete der dampfende Buttertee, und währenddes Schlürf ens der trüben, 
nach Erde und Wurzeln schmeckenden Brühe, die ich mit Todesverachtung, 
aber freundlich lächelndem Dank an die Lippen setzte, wurden die neuen 
Pferde gesattelt und kurz darauf der Ritt forte^esetzt. 



noch ein einzelnes Haus. Tsä ssu ndo. erschien an der Ein- 



mündungsstelle eines breiten, nach Nordosten abbiegenden Quertales; 
hier bog der Tscho tsche oder Ssui tschu nach Südosten, aber bald 
darauf wieder nach Südwesten um. Eine Stunde hinter dem Haus mündete 

4 

der Fluß in den rasch nach Südosten strömenden Dri tschu, wie der 
Oberlauf des Kin sc ha kiang oder Yangtse von den Tibetern genannt 
wird. Mit Bedauern sah ich das durchsichtig klare Wasser des wilden 
Bergkindes in den schokoladebraunen Strudeln des Riesenstromes unter- 




ehen. 

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Am anderen Ufer lag das Dörfchen Gant ö, von ihm führt der Weg 
nach Tschamdo weiter. 

Wir ritten am diesseitigen linken Ufer des Dri tschu insgesamt 
108 Li stromab. Hohe, fast senkrechte Kalkfelsen begleiten namentlich das 
rechte Ufer des hier die Breite der Oder bei Breslau messenden Yangtse 



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sonders Weiden und rosa blühendem Lepiodermis, dicht bewachsen. 
Die filzigen Blattrosetten einer in ganz China häufigen Felsenpflanze und 
in der trockenen Jahreszeit eingerollte Selaginellen deuteten auf ein 
wärmeres Klima hin. Der kühle Odem des Hochgebirges war verschwunden, 
bleierne Schwüle brütete über dem Tal und weckte in mir das Gefühl, 
wieder nach China abzusteigen. Doch die ärmlichen, alle Stunden auf- 
einander folgenden rein tibetischen Dörfchen führten wieder nach Tibet 
zurück. 

über Dischö und Lischö kamen wir am nächsten Tage zu der St<^lle, 



an der der Dri tschu uns verließ und nach Süden zwischen hohen Felsen 



dem Auge entschwand. Hier mündet ein starkes Wasser, der Nse tschu. 



ein; an ihm zieht der weitere Weg aufwärts. 

Zwei Li oberhalb der Mündung stehen die paar Häuser von Geschö 
(Gechö), von denen es in engem Felsental des Nse tschu nur noch 
15 Li bis Hobo (Khobo) sind. 

Die einzelnen Häuser sind auf den Matten eines breiten Vorsprungs 
erbaut (3500 m), den der Xse tschu im Bogen umgeht. In seinem nach 
Osten weiterstreichenden Tale führt der Weg nach Kanse hinauf- 

Wir ritten südöstlich im Tale eines Bächleins hinauf, das öfters die 



fgabe hatte, Gebetszylinder in ständiger Drehung 
re Klima gestattete den Anbau von Gerste und 
Erdlö ehern, den Auserängen ihrer unterirdischen B^ 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets, 189 

Nagetiere von Bibergröße Männclien, verschwanden aber beim Knall des 
Schusses blitzschnell in ihren Behausungen. 

Schon nach 15 Li verließen wir die Talsohle und ritten steil süd- 
westlich die bewaldeten Hänge eines Seitentales empor, bis die Höhe des 
von hohen Bergen herabkommenden Rückens erklommen war. Noch 
ohne bedeutende Steigung am jenseitigen Hange entlang, und vor uns 
lagen die Tempel und Wohnhäuser des Lamaklosters Gatogomba, 
denen rechts vom Wege der kleine Tempel Kumbum vorgelagert war. 

Zierlicher blauer Cyananthvs überzog die Kalkfelsen und steilen 
Berghänge, an denen sich die Tempelanlagen hinaufziehen und kündeten 
somit an, daß der Sommer der Bergwelt sich seinem Ende zuneigte. 

Zu kurzer Rast betraten wir eins der Häuser (4170 m). 

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Steil ging es hinter dem malerischen Kloster über die murmeltier- 
reichen Steinhalden empor zur manigekrönten Paßhöhe Tchia tchio la, 
4771 m. Ein kurzer Aufenthalt genügte zum Genuß der prachtvollen 
Aussicht. Über das Bergland des Nordens und Nordostens hinweg blieb 
der Blick an der langen Schneekette haften, die wie eine Riesenmauer 
von Kanse an nordwestwärts nach Hochtibet hineinstreicht, aUes über- 
ragend der ausgedehnte vergletscherte Stock des Tsokoma, dessen 
Fortsetzung wir ja im Tschola überschritten hatten. Auf der anderen 
Seite lag ein flachmuldiges Hochtal vor uns, dessen jenseitige Wand sich 
zu Felsgraten mit vereinzelten Schneefeldern emportürmte. Dort mußten 
wir auch noch hinüber. 

Allmählich südsüdwestlich hinab zur steinübersäten Talsohle, über den 
seichten Bach und steü wieder die jenseitige Wand hinauf, bis das Mani 
auf schmalem Felsengrat den gequälten Tieren die ersehnte Erlösung 
brachte. 

Östlich des 5086 m hohen Passes Ngu ssur la starrte eine Felsen- 



kette erschien 
vergletscherte Tsokoma 



rkletterte (5200 m). Die Schnee 

der ungeheure 
Schneespitzen 



zwischen Nsenku und Rungbatsa he^^'or, im Südsüdwesten überragte 
der ebenfalls schneebedeckte Ning hsing schan westlich Bat ang, 
an dessen Fuß der einzige Grenzstein zwischen China und Tibet steht, 
aUe übrigen, von Südost nach No^d^^■est ziehenden schneelosen Kämme. 
Der Abstiegsweg ging nun süd\\estlich steil in das Tal hinab, führte 
an seinen, mit Eichen und Fichten prächtig bewachsenen, rechten Lehnen 
fast eben entlang, überwand ihren Rücken und senkte sich am Tempel- 
gehöft Nda cho ge vorbei in das neue, tiefe, von Südost nach Nordwest 
streichende Quertal hinunter, das der Ngu t seh u durchfloß. Auf 
isoHertem Talhüeel und an den Flanken der Berghänge lehnten die Hriuser 



190 



W. Limpricht. 



und der Tempel des schon von der Höhe aus sichtbaren, malerisch gelegenen 
Städtchens Bej ü oder Bai yü (3600 m) (Pelyul nach Coales). 

Zwischen Bej ü und Batang dehnen sich weite Nadelwälder aus, 
und die spärlich bewohnte Gegend gilt wegen der Räubereien ihrer mehr 
südlicheren Typen angehörenden Bewohner als unsicher. Der Weg führt 
über Pässe und menschenleere Urwaldtäler abseits des Yangtselaufes, 
der ja auch die Straße Batang — Lhassa erst 30 Li hinter dieser Stadt 
erreicht. 

Am 12. August brachen wir von Bejü auf, ritten zum Wasser 
des Ngu tschu hinab und zogen an seinem rechten Ufer aufwärts. Nach 
4 Stunden brachte uns eine Holz brücke an das andere Ufer zu dem Dörfchen 
Rung gai, wo wir das Tal des Ngu tschu verließen und im neuen, 
eichenbestandenen Xebental erst südöstlich, dann südlich emporstiegen. 

Nach 15 Li kamen die einzelnen Häuser von Chieda, der letzten 
Siedelung vor der Paßhöhe, in Sicht, in deren erstem Haus wir die Nacht 
verbrachten. 

Gleich bei den Häusern begann der Nadelwald, der auch bis kurz 
vor dem Paß zu unseren Seiten blieb. 3 J.^ Stunden dauerte der Anstieg 
zum 4560 m hohen Mä la, einem breiten, sanften, mit kurzstengligen 
Alpenpflanzen und übermannshohen Rhabarberstauden bewachsenen 
Rücken; buschige, weiter oberhalb steinige Hänge zogen zu den Kalk- 
felsen im Süden des Übergangs hinauf, in denen ich noch bis zu 4930 m 
emporkletterte, ohne aber zur Spitze weiter vor- 



udringen 



Gelbe und blaue Enziane schmückten hier die freien Plätze zwischen 
den Kalkfelsen, und kurzes Gras bildete im Verein mit ihnen die Nahrung 
für die Antilopenherden, die auch hier wieder in Rudeln von 30—40 Stück 
die Geröll- und Pelsenhänge bevölkerten. 

Vom Paß zog sich nach Südsüdwest das Tal des Abstiegs hinab, in 
dem schon nach IM, Stunden das Blockhaus Rum tung ca. 4000 m, 



4 

Nachtruhe 



Durch 



an reich bewachsenen 



Kalkfelsen vorbei, führte der weitere Weg in dem einsamen, wilden Tal 
2K Stunden abwärts, bis von rechts unter spitzem Winkel ein neues 
breiteres Tal, das Tal von Gai je, heranstieß. Hier lag gleich darauf die 
Pferdew-echsclstation Gumdä, ein einsames Blockhaus. 

Weiter oberhalb grüßte die helle Front des mehrstöckigen, burg- 
artigen Fürstenhauses von Gaij e herab. 

^meinsame Tal senkte sich nach Südosten noch 5 Li sanft hinab. 
Hier mündete das bisherige Wasser in ein neues, kräftigeres, den Jong 
tschu, hinein, der jetzt nach Westen weiter dem Dri tschu zuströmte. 
Auch das Jong tschu- Tal war reich bewaldet (Eichen und Süber- 
fichten), aber so gut wie unbewohnt. An dem rechten Ufer des tosenden 



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1 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 191 

Wildbaches ritten wir südöstlich bergauf bis zur heutigen Station, dem 
einstöckigen, flachen Blockhaus Da tje (357U m). 

Auch weiterhin bewahrte das Tal seinen Urwaldcharakter und f ühi-t« 
in derselben Richtung, nach Südosten, aufwärts. Gegen das Flußbett 
vorspringende Felsen zwangen zu öf terenÜbcrgängen, und bald am rechten, 
bald am linken Ufer zog sich der Weg über drei Stunden am tosenden 

^«PT an der Finmündunssstelle eines Quertales 



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Schon nach 2—3 Li tauchten an den jetit baumlosen Hängen die ersten 
Häuser der weitläuagen Gemeinde Ssama auf. 

Steile Kalkfelsen im Südwesten deuteten auf die Nähe hoher Gebirge, 
die am kommenden Tage überwunden werden mußten. Schon hinter 
dem Dorf begann zu^^amnaenhingendes Strauchwerk, durchweg Eichen, 
' die Hänge zu bekleiden, weiter oberhalb erschienen auch wieder die statt- 
lichen Nadelbäume, in deren Wipfeln ganze Scharen laut kreischender, 

grüner Papageien herumturnten. 

Steil stieg der Weg südöstlich hinauf, doch schon nach l¥. Stunden 
lag der sanfte Grasplau des Passes Ngu pa la to ti vor uns (4300 m). 

Neuschnee auf den Felskuppen zur Rechten: der Herbst war nicht mehr 
fern! In derselben Richtung (SO) ging es anfangs hinab, dann bog das 

Tal nach Süden um. ■ , 

Der Wald war hier vielleicht noch schöner als auf der Nordseite. 
Wiederum hochragende Fichten, auch Tannen, mit Eichen als Unterholz, 
alles übersät mit den lang herab wallenden graugrünen Bartflechten, an 
freien Plätzen blauer Eisenhut und massenhaft Rhabarber, der Talboden 
sumpfig infolge der andauernden Regengüsse, so fühi'te der Pfad an und 

im Bache abwärts. 

Eine kleine offene Holzhütte bezeichnete die Grenze zwischen Bej ü 
und Batang nach 2 ^^ stündigem Ritt, doch noch 3 ', Stunden vergmgen 

bis zum Erscheinen der ersten Häuser. 

Die Sonne neigte sich bereits ihrem Untergange zu, vergoldete mit 
ihren letzten Strahlen die in der Talverlängerung längere Zeit sichtbaren 
Schneeflächen des Laua la-Kammes, da waren ^^iv endlich in der 
Nachtstation Mao schi (Mo schi) angelangt, einem der letzten Hauser 
der gleichnamigen, weitläufigen Ortschaft (3530 m). 

Auch am nächsten Tage war die Talrichtung südöstlich, aber bald 
bog der Bach nach Süden und weiterhin nach Südwesten ab, um schon 
nach 13/^ Stunden bei dem geschlossenen Dorf Schau ndo in einen 
neuen, breiten, von Süd nach Nord strömenden Fluß einzumünden. 

An dem rechten Ufer dieses Flusses ritten wir zunächst hinauf, über- 
schritten ihn auf einer Holzbrücke und stiegen in Keluen zur Höhe der 



3- 



4 



192 W. Limpricht. 



Talwand empor. Ein tiefes Tal lag zu Füßen, im Xordwesten von hohen, 
aber schneelosen, in Richtung WSW — 0X0 streichenden Felsengraten 
begrenzt. Im Grunde floß wiederum ein starkes Wasser, der Ba tschu, 
der Fluß von Batang, aber dem vorigen entgegengesetzt, also von Xord 

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nach Süd, eine Merkwürdigkeit, die mir den Gedanken nahelegte, beide 

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Flüsse könnten identisch sein und der Fluß des letzten Tales wiche nur 
in einer schmalen Schleife diesem Rücken, einem Ausläufer des schnee- 
bedeckten Tschu ng ba, aus. 

Der Weg senkte sich zur Talsohle hinab und zog am linken Ufer 
des Ba tschu im unbewaldeten Tale über Long hu nach Hassäti, 
überbrückte das Wasser und erreichte eine Stunde darauf die unter Walnuß- 
und Pflaumenbäumen versteckten Häuser von Dang tsä (4 Stunden 

Abstieg, 3150 m). 

Vom flachen Dach des Hauses, auf dem wir in Ermangelung freier 
Zimmer die Schlafdecken ausgebreitet hatten, schweifte der Blick nach 
Osten auf die in den Strahlen der untergehenden Sonne rosig erglühenden 
Schneefelder des Tschung ba, des Vorpostens einer neuen Hocfigebirgs- 
kette, die zwischen Batang und Litang unserer harrte. 

Nach Süden, ^Aeiterhin nach Südwesten am rechten Ufer des Ba 
tschu abwärts, sprengten wir schon nach 2 1.2 stündigem Ritt am Vor- 
mittag des 18. August über die Brücke hinein nach dem West Endpunkt 
meiner Reise, der Stadt Batang. 

Die Tische vor den Häusern, belegt mit Früchten, allerlei Eßwaren 
und Zigaretten, die zahlreichen Verkaufsläden, das Gedränge in denStraßeu 
und zuletzt der üble Geruch brachten mir zum Bewußtsein, daß ich im 
westlichsten Vorposten des Chinesentums angelangt war. 

IV. Von Batang über Litang nach Ta tsien lu. 

Die Stadt Batang, tibetisch Mba. liegt in 2870 m Höhe am linken 
Ufer des 30 Li weiterhin in den Yangtse oder Dri tschu mündenden 
Ba tschu. Sie ist der Hauptort des fruchtbaren Ländehens Mba, des 
„Gartens von Tibet" und deswegen auch Sitz eines eingeborenen Fürsteu, 
den aber die chinesische Herrschaft vertrieben und seiner Habe beraubt 
hatte. Die Hcäuser sind durchweg tibetischer Bauart. Auch die einzigen 
,, weißen" Familien der zwei amerikanischen Missionsärzte, die hier ein 

■ichtete und ihre segensreiche Tätigkeit unterschiedslos auf die 
i beider Volksstämme erstrecken, sind genötigt, in solchen 
Holzhäusern ihre Wohnräume einzurichten. Außer den ameri- 



Angeh 



und 



kanischen Ärzten weilt ein französischer Pater hier, der erst kürzlich 

als Nachfolger des bei Litang ermordeten Priesters herberufen worden -war. 

Der Lamatempel außerhalb der Stadt ist nur ein Schatten früherer 

Pi-acht; das Überhandnehmen der Chinesen, sowie die starke Garnison, 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und O^t -Tibets. 193 



haben den Einfluß der lamaistisehen Kirche bedeutend verringert und damit 
dem Wirkungskreis des mächtigen Klosters von Litang nach Westen 
zu einen kräftig hemmenden Wall entgegengesetzt. Batang bildet den 
Stützpunkt für die militärischen Streifzüge in das Innere von Tibet; 
um ,,Ruhe und Ordnung'' zu schaffen, werden Truppen nach den nächsten 
Plätzen Tschiangka, Dshiaja und Tschamdo entsandt, um den nur 
allzu lose an China geketteten Kirchenstaat Tibet, allmählich nach Westen 
weiter vordringend, in einzelne Provinzen zu verwandeln und so unauf- 
löslich mit der Republik China zu verkitten. Wie ich es nicht anders er- 
wartet hatte, wurden mir im Yamen alle möglichen Schwierigkeiten 
gemacht. Des ewigen ,,den selben Weg zurück" war ich nun müde und 
erklärte dem verdutzten Mandarinen, auch ohne seine Soldatenbegleitung 
allein den Weg nach Litang finden zu können. Er solle mir nur einen 
tibetischen Dolmetscher, sowie die nötigen Papiere für das Yamen inUtang 
mitgeben; unter dem Schutze der tibetischen Gebirgsbauern wäre ich sicherer 
als unter den Gewehren seiner Soldaten. Nachdem das Stadtoberhaupt 
nochmals versucht hatte, durch die Missionare mich von meinem Vorhaben 
abzubringen, schickte er mir die gewünschten Papiere zu, und als wir am 
nächsten Tage schon außerhalb der Stadt den Bergen zuritten, kamen 
uns 5 Soldaten nach, die die Weisung hatten, bis Ta sehu mitzugehen. 
Außerdem befand sich in unserer Karawane ein katholisch getaufter, 



Kaufma 



aus nach Norden in die noch völlig unbekannten Berggegenden eindringen, 
um dort nach ^löglichkeiten auszuspähen, der französischen Missions- 
tätigkeit neue Gebiete zu eröffnen. Um die Tibeter dieser Gegenden an 
fremde „Pelings"' zu gewöhnen, hatte er europäische Tracht gewählt. 
Ferner reiste noch ein weiterer chinesischer Kaufmann mit, der in Ta 
tsien lu allerlei geheimnisvolle, verpackte Kisten an den ^lann bringen 
^nd sich zur Reise dahin der billigen Ulapferde bedienen wollte, 
indem er seine Tiere als die meinigen ausgab. Wie ich nachher in 
Ta tsien lu sah, bildeten stark vergoldete Blechstücke, Teile von Lama- 
tempeln, den rätselhaften Inhalt der schweren Kisten. Vielleicht werden 
bei der traurigen Finanzlage Chinas die Soldaten auf diese Weise aus- 
gelohnt, denn anders ist es kaum zu erklären, wie diese lamaistischen 
Kultusgegenstände ihren Weg nach Batang gefunden haben sollten. 

Dicht bei dem Städtchen mündet von Osten ein Flüßchen in den 
ßa tschu. In seinem Tal führt die Straße nach Litang hinauf, der wir 
am Morgen des 21. August folgten. Das Tal weist große landschaftliche 
Schönheiten auf. Beiderseits hohe, steile Felsw^inde, anfangs mit üppiger 
Strauchvegetation bedeckt, die erst höher hinauf dem Nadelwald wich. 

Tibetische, in den Fels gehauene, zerstörte oder von chinesischen 
Zeichen überkritzelte Inschriften, die irgendeine Waffentat eines Generals 

• Fedde, Bepertorium specierum novanim. Beiheft XII. 13 



194 W. Limpricht. 



priesen, sowie die uns öfter begegnenden Soldatentrupps redeten eine 
deutliche Sprache von den Absichten der Regierung, dem Tibetertum, 
wenigstens längs der Hauptstraße, ein Ende zu bereiten. 

Nach 30 Li zeigten sich die ersten Häuser des tibetischen Dörfchens 
Mba ju tschi (Hsiau ba tschen), unserer heutigen Station. 

Hinter denn letzten Häuschen der Ortschaft, Militi, zAveigt ein Pfad 
ab, senkt sich zur Talsohle und führt dann über den Paß Dsamba la 
nach Yargong, dem Sitz eines französischen Missionars; 

Die Straße steigt bei diesem Häuschen empor, verläßt nach einer 
Stunde das Haui^ttal und zieht an einem von links kommenden Wasser 
durch Nadelwald empor bis zu den wenigen, auf einer Lichtung angelegten 
Häusern des Weilers Pungtschamu. 

Noch drei weitere Stunden steigt der Weg an. Der Wald tritt zurück, 
blumenübersäte Matten und endloses StcingeroU zieht sich bis zur Paß- 
höhe Dshagala, dem höchsten Punkt des Hochwegs Batang-Ta tsieu 
lu, hinauf (5260 m). (Bei Rockhill: Dasho-Paß.) 

Die Felsen zu beiden Seiten des Einschnittes benahmen die Möglich- 
keit einer Fernsicht, doch der ungemein reichen Flora wegen mußte ich 
zum Entsetzen der Soldaten, die nicht begreifen konnten, daß ich nicht 
so schnell wie möglich von diesem unheimlichen Ort loskommen wollte, 
einige Stunden hier verweilen, bis auch mich der herannahende Schnee- 
ötinm zum Abstieg zwang. 

Durch ein enges Kalkfelseiitor mündete der Weg in ein weites Hochtal 
ein. Niedere Erdhütten^ ein einfacher Bretterbau, das Yamen, bildeten 
hier die Ortschaft Taschu (Taschü). 

Hohe, mit ewigem Schnee bedeckte Felsenzacken im Nordosten 
verrieten die Nähe eines ausgedehnten Hochgebirges, dessen einen Au 



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Der noch jugendliche ^Mandarin empfing mich in seinem Salon, emem 
kahlen, viereckigen Bretterverschläge mit aus alten Kisten zusammeu- 



das liebenswürdiöTste und versprach, ganz im 

die Weiterreise Notwendig 




da 



anzuordnen. Auf meine diesbezügliche Frage bestätigte er mir auch 
Vorhandensein eines kleinen, direkten Weges von hier nach Litang, 



daß 



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wegen zu dieser Jahreszeit zu beschwerlich und daher besser im Winter 
zu begehen sei. 

Das Tal von Taschu senkt sich nach SSO, über blumenreiche Hoch 



weiden folgt der Weg dem 
Nadelwald bestanden sind. 



dessen beide Flanken mit 



Drei Tibeter schreiten voran; sowie mein munteres Pferdchen den 
uch macht, etwas rascher vorauszueilen, si^ringt einer dieser breit- 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 195 



schulterigen Gestalten schirmend davor. Bisweilen muß der Vortrupp 
halten, bis die langsamer schreitenden Yaks mit ihrer Last nachgekommen 
sind. - Kein lautes Wort, kein Schei-z ertönt, mit ernsten, schweigenden 
Gesichtern aufmerksam nach allen Seiten spähend, ziehen die Leute 
talabwärts. 

Der Weg verläßt den Bach und steigt links nach Osten hinauf. Auf 
den Almen oberhalb der Waldgrenze quillt dichter Rauch, ein Tibeter 
geht voran und bald folgen die anderen seinem Rufe und betreten zu kurzer 
Rast die schwarzen Filzzelte tibetischer Nomaden, um „Oma" (Milch) 
zu schlürfen. 

Noch höher liegt der Paß Übergang Rossäla (5014 m) (Rung se la 

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nach Gill), zu dem wir nun hinaufreiten, ein sanfter, grasbedeckter Rücken 
ohne überragende Felspartien. 

Im Osten erhebt sich eine gewaltige Kette vergletscherter Bergriesen, 
überragt von einer ungeheuren, in Schnee starrenden, schlanken Pyramide, 
die in blendendem Weiß bis fast 8000 m Höhe gen Himmel zeigt. Andächtig 
murmelt der meiner harrende Tibeter — die übrigen waren mit den Trag- 
tieren vorausgeeilt — Gebete und flüstert mir auf meine Frage scheu den 
Kamen Gambu gong kä zu, während er sich mit erhobenen Händen 
mehrere Male vor der Majestät des Eisriesen verneigt. Wie ich weiterhin 
erfühl-, gilt der Berg bei der Bevölkerung als Sitz mächtiger Geister und 
wird deshalb als heilig verehrt. 

Die Geröllhalden, die sich von der Schneegrenze an herabziehen, 



gehen in grüne Matten über, den Weideplätzen zahlloser Yak- und Ziegen 



her den; im Grunde des baumlosen Hochtals fließt ein kräftiges Wasser 
nach Osten und vereinigt sich später mit dem an Lamaj'ä vorbeirauschen- 
den Flüßchen. 

Zu diesem Bach, der links aus einem öden, mit Gesteinstrümmern 
angefüllten Hochtal herabkam, stieg der Weg hinab. Etwas abseits von 
den Hirtenzelten hatten Soldaten an Stelle des zerstörten Rati eine 



Baracke zu bauen begonnen, wie sie auch weiterhin an der Straße als 
einzige Unterkunftsmöglichkeiten in Abständen einer Tagereise errichtet 
sind. 



führt 



in ungefähr 4.400 mHöheam Abfall des Gambu- Stockes entlang abwärts. 

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Soldaten 

das Gepäck vorausgehen, bog links 
digen Bodensenkungen der Gambu- 

ruhen sollte, wie mir 



ein Hirtenknabe in Rati verraten hatte. 

Es war der Tempel Ando gato, der schon nach nur einstündigem 
I^itt in Sicht kam. Auch hier hatten es sich chinesische Soldaten und 



13 



196 W. Limpricht, 



zu den reichen ^Matten des Dsliara- Stockes war hier die Vegetation 
dürftig und artenarm, und so kehrte ich schon am frühen Xachinittag 
zum Tempelchen zurück. 

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Vor vier Jahren hatte, so wurde hier erzählt, ein junger Engländer 
mit seinem tibetischen Dolmetscher eine Eesteigung des Gamhu versucht, 
war aber niemals Avieder in Ando gatö eingetroffen, so daß die Annahme 
gerechtfertigt erscheint, daß beide im herannahenden Schneesturm den 
Tücken des Gletschers zum Opfer gefallen sind. 

Auf kleinem Pfad erreichten wir wieder bei den Ruinen der zAvci 
Häuser von Nenda den Haux)tweg, folgten ihm bis zur Einmündung 
eines von links herabkbmmenden Wassers und stiegen bald darauf diese 
Talwand empor. Im Grunde lagen die Häuser von Lekando, ausnahms- 
weise noch erhalten und bewohnt, hinter ihnen bog der Talbach nach 
Süden ab. Die enzianreichen, welligen, vom Hochgebirge herabkommenden 
Matten boten ständigAusblicke auf sechs SchneehäupterderG ambu-Kette 
mit ihren nackten, schroffen Felswänden und tief herabsteigenden Glet- 
schern. Sanft bergab zur bachdurchströmten, flachen Talmulde, glaubte 
ich schon an den Steinhaufen, den Obos, am Wegrande die Nähe einer 
Ortschaft zu erkennen, da mußten Avir an der jenseitigen Tahvand nochmals 
hinauf. Die eintretende Dunkelheit und der strömende Eegcn trieb die 
Tiere zu schnellerem Anstieg. Doch es war schon völlig finster, als das 
übliche laute Geschrei das IMani und somit das Ende der Steigung ankündigte. 
Steil hinab lag endlich im Grunde des neuen Tales das ersehnte Doi-f 
Ranong (Lamayä), dessen einzelne Häuser in größeren Abständen 
am Flusse hinaufziehen. Ausgerechnet in einem der letzten Häuser der 
weitläufigen Siedelung Avartete unser das vorausgeeilte Gepäck, dem gegen 
10 Uhr abends trockene Kleider entnommen Averden konnten. ^lit Pv a n ö n g 

r 

beginnt der Telegraph nach Ta tsien lu. 

Strömender Regen verzögerte am nächsten Morgen den Abmarsch. 



Endlich gegen ^littag war an einen Aufbruch zu denken. Bei den letzten 



Häusern von Ranong überquerte die Straße den jetzt Avasserreichen 
Lamaya-Fluß, zog noch 2 Li an dessen linkem Ufer aufwärts und bog 
rechts in ein Hochtal hinein. 

Fichten. Wachholder und Eichen brachten nnn wieder AbAvechselung 



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ein kleiner ifandarin in dem Tempel, den sie Örl lao Avang nannten, 
bequem gemacht. 

Ando gato liegt AA^underbar. Unmittelbar hinter dem Hause und 
dem Tempel steigen die bcAA^aldeten Hänge an und ziehen sich, durch ein 
baehdurchströmtes Tal getrennt, bis zu den Gletschern des G a mb u ^ 

und seines linken, langgestreckten Nachbars hinauf. Noch einige hundert 
IMeter stieg ich allein mit einem meiner. Leute diese Hänge hinan, bis im 



zunehmenden Geröll die Pflanz enAAelt spärlicher AAurde. Im Vergleich 



1.1 






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i: 



Botanische Tieisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 197 



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4^ 



in das bisherifire Bild der baumlosen Grastriften in den flachen Boden- 
nuilden, die sich von den Flanken derG ambu- Kette herabzogen. Schon 
nach zweistündigem Anstieg lag das Bretterhaus Lartzä, ein Militiir- 
posten in einem halb zerstörten, ehemaligen Tibeterhaus, vor uns, und auf 
die Bitten meiner Leute hin blieben wir hier zur Tracht. 

Am kommenden ^Forgen stieg der Weg zuerst noch durch Wald, 
dann über Matten allmählich an. Vor uns schritten 20 Mann, die Sol- 
datenpatrouille, die seit der Ermordung des französischen Missionars 
alltäglich bis zur Paßhöhe hinauf sichern muß, immer mit dem Gedanken 
vertraut, aus dein Hinterhalt erschossen zu werden, da den Tibetern 



natürlich die Zeit des Erscheinens der kleinen Truppe genau bekannt ist. 
1 n der öden Steinwüste hatte ein reißendes Wasser sein Bett gegraben* 



durch dessen eisigkalte Fluten die nur ungenügend bekleideten Leute 



hindurch nuißttMi. Am anderen Ljfer ragte aus niedrigem Grabhügel 
eine beschriebene Holztafel empor; liier hatten die vier Begleitsoldaten, 
der Dolmetscher und der persönliche Diener des unglücklichen Franzosen 
den Tod gefunden und etwas weiter oberhalb inmitten zahlloser Granit- 
blocke hatte eine mörderische Kugel aus europäischem Militärgewclir 
den vorausgeeilten Priester niedergestreckt. 

Schweigend ritten wir an der Stelle vorüber, hinter der bald darauf 
die letzten Reste der Steinmauern des Häuschens Ndzondä am Wege 
lagen. Die Szenerie wurde wilder und wilder, riesige Blöcke lagen regellos, 
wie von Dänionenhand hingeschleudert, auf dem Hochplateau umher, 
nui' an wenigen Stellen, an quelligen Orten hatten kurze Rasen gedrun- 
gener Hochalpenpflanzen sich zu kleinen Gemeinschaften zusammen- 
gefunden. Der sich linkei- Hand hinziehende Felsenkamm näherte sich 
zusehends und überquerte im Ngära la (4.986 m) den Hoch weg. 

In ähnlicher Landschaft lag nach einstündigem Abstieg das Häaschen 
Vanibu tongo (Ton tang), an dessen Feuer sich die nun wieder 
w>rglos heiteren Chinesen ihren Tee bereiten konnten. 

Der kleine, an der Hütte vorbeifließende Bach führte in das weite, 
öde Hochtal des breiten Li tschu, des Flusses von Litang. Auf wacke- 
liger Brücke gewannen wir sein linkes I'fer und trabten über die ebenen 
Weideplätze des Talgrundes den jenseitigen Berglehnen zu, die zahl- 
reiche Wässerchen eingerillt hatten. In einer dieser kahlen Furchen lag 
das mächtige Lamakloster und die Laienstadt Litang (tibetisch Litong), 



41S0 



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Die Chinesen des Ortes, bei denen ich Wohnung genommen hatte, 
tau.sen nach ihrer Art dicht gedrängt in einer Straße für sich und sind 
sogar durch eine niedrige, dünne Lehmmauer, wie die mittelalterlichen 
Juden im Ghetto, von der eingeborenen tibetischen Bevölkerung getrennt. 



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198 W. Limpricht. 



Diese bewohnen ihre viereckigen, 2- — 3 Stockwerke hohen Hänser zu 
Füßen der Priesterstadt. 

Endlos ist die Zahl der Raubvögel, der Aasgeier, riesigen Bartgeier, 
Milane, Falken, Raben und Krähen, die niemals gestört, selbst in unmittel- 
barster Nähe der Menschen die Luft mit ihrem widerwärtigen Geschrei 
erfüllen und gierig warten, bis sich die Menschen und Hunde von den 
Resten der außerhalb der Stadt allmorgendlich geschlachteten Yaks 
entfernt haben werden. 

Die Umgebung ist trostlos öde. Baumlose, nur mit kui^er, abgeweideter 
Grasnarbe bedeckte, lehmfarbene, sanftgewellte Höhenzüge, zu Füßen 
das weite, von ungezählten Pferden und Yaks bevölkerte Tal des Litang- 
Flusses, jenseits abgeschlossen durch die wiederum kahlen, zum Teil 
felsigen Höheirzuge des Ngara la und seiner Ausläufer; die Nächte 

I 

selbst im Hochsommer empfindlich kalt, das Innere der schlechtgebauten, 
verräucherten Häuser der Zugluft und den Regentropfen so gut wie scho- 
nungslos preisgegeben, ist Litang eine Stadt, der Fremde möglichst 
schnell wieder den Rücken kehren, falls sie nicht durch Aussicht auf aus- 
reichenden Gewinn hier gehalten werden. 

Zwei Tage blieben wir in Litang, die ich dazu verwandte, mit Hilfe 
des Mandarinen zwei junge Exemplare der riesigen, langhaarigen Hiiten- 
hunde, die gerade hier um Litang besonders schön sind, zu erstehen. 
Hatte ich doch in Tschengtu versprochen, wenn irgend angängig, einige 
dieser, unsern Bernhardinern ähnlichen Tiere hinunterzubringen. Bei 
einem ist es mir auch trotz wiederholter Fluchtversuche gelungen, der 
andere war so wild und unbändig, zerriß den Pferden die Mäuler, warf 
Menschen zu Boden, so daß sich schließlich kein Tibeter mehr getraute, 
das rasende Tier an der Kette zu halten. Und als schließlich meine rechte 
Hand von den Zähnen dieser Bestie wie von einem Schraubstock fest- 



nur 



auf. Stolz trabte er erhobenen Hauptes 



seinem früheren Herrn zu. 

^ 

1 

In drei Tagen kann man von hier aus Hokou oder Nya tschu kä 
am Xya tschu erreichen. Der Weg steigt an den linken Talhängen 
allmählich empor, überschreitet ihren flachen Rücken und senkt sich 
zu einem neuen, breiten Wasser hinunter, dem östlichen Quellarm de: 
Li tschu oder Litang ho. Hier baute man gerade ein Bretterhaus für 
den Militärposten. Die Straße folgt dem rechten L'fer diesen kräftigen 
Flusses, setzt auf einer Holzbrücke an das linkeUfer und erreicht H or tschu 
k ä, ein in die letzten Reste tibetischer Grundmauern eingebautes Bretter- 
haus, das als Kaserne für die Wachtsoldaten dient. 



Der Weg verläßt hier das Tal des Flusses und steigt 



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"I" 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 199 
eben zur Höbe empor, überwindet in zwei flachen Pässen die weidereichen 



Rücken und senkt sich zu den zwei Häusern von Tsamarätung hinab. 



Ohne mich zu fragen, gaben die Herren Soldaten den Befehl aus, 
hier zur Xacht zu bleiben. Den Einwendungen der Tibet er, der Fremde 
habe doch darüber zu entscheiden, wurden mit Hohnlachen entgegnet: 
sie wären hier die Herren und auch der Fremde habe sich ihnen zu fügen. 
Der „Ausländer" fügte sich aber nicht, die Tibeter packten grinsend 
die Lasten wieder auf die Yaks und weiter ging es ohne Soldaten. Und 
siehe da, schon nach 10 Minuten kamen die braven „Schutzleute" schweiß- 
triefend hinterher gelaufen und baten wegen des Mißverständnisses um 

Entschuldigung. 

Kurz hinter den Häusern verließ der Weg das baumreiche Tal und 
stieg durch prächtigen Nadelwald an der linken Talwand hinauf, führte 
eine Zeitlang eben über die Matten des Hochplateaus und senkte sich zum 
Boden eines neuen Tales hinab, in dem die Tibeterhäuser des Dorfes 

Hsi ngolö lagen. 

Noch ein Bergzüg trennt das Dörfchen vom Nya tschu-Tale. Gleich 

•hinter dem Ort steigt der Weg wiederum empor, zieht über den Plan des 
Kammes, senkt sich in ein felsiges Hochtal hinab, um nochmals zu einer 
Paßhöhe hinaufzusteigen. Dieser Paß, Lama la (Rama la), bietet 
prächtige Fernblicke auf zehn Schneeriesen der Gambu - Kette im Westen 

L 

und den ilukungka im Südosten. 

Ein Wässerchen entquillt dem steinigen Lehmboden, ihm folgen wir 
über das Geröll hinab und weiter im busch- und baumreichen Tal bis zum 

Dörfchen ^I a k et s u n g. 

Weiter abwärts ist das Tal prachtvoll bewaldet. Der tiefen Lage 
entsprechend, mischen sich schon mehrfach Laubbäume, besonders cück- 
stämmiger Aliorn, unter das Nadelholz, üppige Strauchvegetation bildet 
ein dichtes Unterholz, das nur glatte Felsstürze freiläßt und auch diese 
sind noch mit weißen, groß blutigen Anemonen und Spiraeen vei-ziert. 
Der Bach rauscht einem tief eingeschnittenen Quertale zu, steile, hohe, 
nackte Felswände zwängen einen rasch dahinscliieß enden, braungrauen 
rUiß ein, den Nya tschuoderYa lung kiang, unsern alten Bekannten 
^^on Kanse. Schräg gegenüber hat ein Bach die Felswand durchsägt, 
hier liegen die meist chinesischen Häuser des Städtchens Nya tschu kä 
oder Hokou. Külui verbindet pfeilerlos eine elegante, moderne Eisen- 
hängebrücke hoch über dem Wasser beide Flußufer, das Werk französi- 
scher Ingenieure, die wenige Jahre zuvor mitten in diese entlegene Wildnis 
ein Stück europäische Kultur getragen haben. Und sonderbar mutet 
es den von Westen kommenden Reisenden an, wenn ziegelteebeladene 
Yaks, geführt von braunen, halbwilden Gestalten, langsam-feierlich über 
diese, ihnen märchenhaft erscheinende Brücke hinwegschreiten und starr 



200 



W. Limpricht. 



vor Staunen vor dem Eingang des kleinen Tunnds stehen bleiben, der 
durch die Felswände den Zugang zu ihr ermöglicht. Xoch über das kleine 
Wassex^ und Hokou ist erreicht. 

Trotz der freundlichen Aufforderung des wohlgenährten Mandarins, 
der, von Lhassa hierher versetzt, viel von dieser interessanten Stadt 
ZU erzählen wußte, noch einen oder mehrere Tage sein Gast zu sein, brach 
ich schon am nächsten Morgen (1. September) wieder auf, um Ta tsien lu 
zu erreichen. 

Die gute Straße führte in dem FeLsental des kleinen, bei der Stadt 

n den Xya tschu mündenden Baches aufwärts. Mais und Buchweizen 

war an allen geeigneten Plätzen des Grundes angebaut, und die üppig 

e mporgeschossenen Stauden verrieten das wärmere Klima des geschützten, 

nur 2870 m hohen, nahen Xva tschu- Tales, 



Kiefern umsäumten nun die oberen Talwände, häufig waren von 
chinesischen Kolonisten bevölkerte, schmutzige Hütten unweit der Straße 
errichtet uiid nur noch einzelne, trotzig emporragende Steinhäuser deuteten 
auf die eigentlichen Herren des Landes hin. 

Langsam stieg der Weg bergan. Hinter dem Dorfe Karembü (Pa ka lu) 
trat der Nadelwald seine Herrschaft an und besileitete den Tallauf bis 
zumDorfeDschungku (Wu lung schioderOrong sehe), das größten- 
teils aus Chinesenhäusern bestand und von Chinesen oder Halbblut bewohnt 
war. Die Dörfler huldigen hier vielfach der Jagd, besonders auf die in 
den dichten Wäldern noch häufig vorkommenden Hirsche, da deren Ge- 
weih, sowie die Sehnen und Knochen der Füße eine in China selir begehrte 
Medizin abgeben. 

Der Weg wand sich noch weiter am Bache hinauf; der Wald trat 
zuriick, unter dem Buschwx'rk der oberen Hän^e schimmerte schon eine 
leichte Schneedecke hindurch; das letzte Ende nun noch recht steil zum 
Rande des Talschlusses empor, und vor uns lag ein breiter, sanfter, matten-, 
reicher Pvücken, - die Paßhöhe Käshi la (4550 m) (auch Kajeula 
eschi'ieben). 

Üie Aussicht war uiu-ergleichlicli großartig. Tm Halbkreise um- 
schließt die ungeheure Schnee- und Eismauer der tibetischen Grenz- 
ketten das Hochland im Osten, um Ta tsien lu. Im Südosten ragt die 
stolze Pyramide des Mukungka in die Lüfte, an sie schließt sich links 
der Rücken des Gongri bei Ta tsien lu an, im Xordosten ist gerade 
noch der ,, König der Berge ■, das spitze Hörn des Dshara sichtbar, ehe 
*jeine weitere Fortsetzung hinter benachbarten Höhenrücken verschwindet. 
Ungetrübter, blauer Himmel, scharf und klar die Unrisse der gigantischen 
Eiskönige, des unvergänglichen Denkmals, das sich die Schöpfung selbst 
gesetzt hat, das schönste Abschiedsgeschenk, das Tibet dem nach Osten 
ziehenden Reisenden zur lebenslänglichen Erinnerung mitgeben konnte. 




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F. 

Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 201 



Hinab und. nochmals wieder zu einer etwas niedrigeren Paßhöhe 
hinauf, senkte «ich nun der Weg endgültig zu Tal. Am Fuße der Berg- 
haiige lag das einzelne Wachthaus Lartza (Schan ken tse) und bald 
da!-auf das Dorf Ngolot ö (Dung ngolo). 

üer Bach begleitete den Weg noch weiterhin ein Stück und verfolgte 
die Richtung auf die Schneefirnen des i\rukungka, seiner Ursprungs- 
stelle. Die Straße verließ sein Tal und bog links ab, um in sanfter Steigung 
der neuen, letzten Höhe zuzustreben. Hinter dem großen Dorfe x\nia 
(A])iang pa) erschienen wieder die steinübersäten Matten der öden Hoch- 
täler, einige wenige, niedrige Tibeterhäuser des Dörfchens Tissü beher- 
beigten uns für die letzte Nacht im tibetischen Hochlnnd. 



Eine Stunde oberhalb Tissü liegt das einf^ame Haus Tjia tsu ka, 
dessen freundUclie Bew^ohner mich gleich wiedererkannten. Bald war 
die letzte Höhe, der altbekannte Gila-Paß, überwunden, noch einkurzer 
Besuch in Sheto, und am späten Nachmittag des 4. September ritten 
wh- in Ta tsien lu wieder ein. 



VIL Über Rumi Tschango 
und Mung kung ting nach Kwan hsien, 

Zu nunneni großen f?chrecken erfuhr ich hier durch die Missionare 
^on dem Ausbruch des europaischen Krieges, und ein Telegramm nach 
Tschengtu brachte niir die fürchterliche Gewißheit. Alle w^eiteren 
Plane waren somit zu nichte, und ich konnte nur noch den liebenswürdigen 
General Tschano- bitten, mir so schnell wie möglich Pferde zxir Rückreise 



noir 



^-^ ^3 — -■- 

■Ta tfsien lu zurückgelasseneuFrühjahrsausbeutc Holzkisten anfertgen und 
i'itt am Morgen des 7. September zum Xordtor von Tatsien lu hinaus. 

Das Giröng, das Tal des Tsche- Baches, trennt die Dshara- 
Kt'tte von dem Rücken des Ta pao schan, der ebenfalls mit der 
Hauptkette durch einen Sattel verbunden ist. Obwohl die Bewohner 
la.st durchwegs Chinesen oder zum mindesten chinesische Mischlinge 
«"^d, finden sich doch noch einige tibetische Familien vor, die durch 
den Karawanenverkehr des Tales über den Hai tse schan nach 
^ata (Tai ling) in steter Berührung mit dem Hauptstock der Nation 
^^leiben. Die Beweggründe, die die Chinesen zur Besiedelung verlockt 
^^•^, sind au den einzelnen ietzt aufgelassenen Gold- und Silber- 

'('rgwerken der höheren Talwände oder kürzerer Xebentäler noch deutlich 
*'^kennbar, wenn auch die Hauptbeschäftigung der Ansiedler nunmehr 
i»> Anbau von Mais und Bohnen besteht. 

Der Waldvernichtungswut der Chinesen hat der ursprüngliche Baum- 

>estand weichen müssen. An seine Stelle ist Gebüsch getreten, das durch 
schnelleres Wachstum die 



hah 



durch 



Schäden 



202 



W. Limpricht. 



in kürzerer Zeit ausgleichen kann. Unter den Stachelbeersträuchern, 
Weiden, Birken, Ebereschen und Rosen erscheint zum ersten Male wieder 
der Bambus, ein Zeichen dafür, daß die tibetische Steppenlandschaft 
mit der Vegetationszone der eigentlichen Grenzbezirke gegen China in 
Berührung kommt, wenn auch anderseits noch rein tibetische Typen 
über den Dshara-Zug weg nach Osten noch weiter vorgedrungen sind. 



Öfters zeigen sich Dörfchen und einzelne Häuser tibetischen Steinbaus 
im Talgrunde, auch selbst höher hinauf an den Hängen, so daß reichlieh 
Gelegenheit zum Unterkoramen vorhanden ist. Über Yü tse dong 
kamen wir am ersten Tage bis zu den zwei Häusern von Sehe tong ba, 
deren eins von Tibetern bewohnt war. Hier, angesichts der rosig im Glänze 
der Abendsonne erglühenden Firnen und Fernern des Gongri, des Berges 
von Ta tsien lu, verbrachten wir die Nacht. 

Über Yä sc hui tang, das seinen Namen von mehreren heißen 
Quellen unweit des Ortes herleitet, und dem letzten Dörfchen des Tales, 
Lung bu, näherten wir uns auf elend schlechtem Gerölhveg dem Tal- 
schluß. Hier stehen zwei erbärmliche Chinesenhütten mit dem stolzen 
Namen Hsin dien tse (neues Gasthaus), in denen der Reisende not- 
gedi^ungen Quartier nehmen muß (3800 m). 

Neben der reichen Mattenflora, von der in dieser späten Jahreszeit 
nur noch gelbe und blaue Enziane, Edelweiß, Astern und Federnelkeu 
ihre Blüten offen zu halten wagten, traten schon die ersten Nadelhölzer, 
Wachholder und vereinzelte Fichten auf, die weiter hinauf zu größeren 
Bestanden zusammenschmolzen. 

Noch zwei weitere Stunden stieg der Weg in der Talsohle empor, 
die dann bei dem einzelnen zerstörten Haus Schan ken tse ihr Ende 
erreichte. Der Hauptweg führte geradeaus zum Bande des Kessels auf 
den Hai tse schan (DsHaschi la ka) und somit durch das Tschin 
tschwan-Tal nachGata (Tai ling); einschmalerPfad wand sich rechts 
in Kehren steil hinauf zur schneebedeckten Talwand, deren felsige Höhe 
im Da pu la (Ta pao schan), 4670 m, überwunden wird. In seiner 



liegt 



Bild 



großartigster alpiner Schönheit und wilder Kraft. Auf den von Osten 
kommenden Wanderer muß dieser Riesengrenzpf eiler des Hochlandes 
Tibet sicher einen unauslöschlichen Eindruck hervorrufen. Uns winkte 
er noch einen letzten Abschiedsgruß zu. 

Auch auf den St^nnhalden des Abstiegshanges lag noch fußtief der 
Neuschnee, der erst kurz vor Beginn des Waldgürtels verschwand. Durch 
prachtvollen Urwald fühlte der schlechte, schmale Steg an dem von 
der Paßhöhe kommenden Wasser abwärts. Zuerst Lärchen, tiefer dann 
Fichten und Tannen mit Bambus, Weiden, Silberweiden und Rosen 
zwischen den Stämmen, wiederum behangen mit den lang herab- 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 203 



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wallenden, grangrünen Bartflechten, den Besuchern des mitteldeutschen 
Riesengebirges als ,, Rübezahls Bart" bekannt, die feierliche Stille in 
dem engen, düsteren, beiderseits von hohen Bergwänden begrenzten, 
völlig unbewohnten Tal, nur unterbrochen durch das laute Rauschen 
des mit denhindernden Steinblöcken ringenden Wildbaches, lassen es 
begreiflich erscheinen, daß Chinesen nur mit Schaudern von diesem Weg 
des Grauens zu erzählen wissen. 

Endlich gegen Abend kamen die di'ci tibetischen Häuser von K ü jung 
in Sicht, in deren einem wir nächtigten. 

Auch noch weiterhin bewahrte das Tal seine stimmungsvolle Wald- 
schönheit, bis bei dem Dorfe Mao niu links ein neues Tal einmündete. 
In ihm führt ein Weg nach G ata hinauf, der den Dshara - Stock umgeht 
und erst auf der letzten Höhe vor G ata sich mit dem vom Hai tse schan 
kommenden vereinigt. Ein reich bemalter Tempel der Bönnpo- Sekte, 
wie ich sie schon kleiner in Tung ling schan bei Wen tschwan hsien 
besichtigt hatte, zierte das sonst überwiegend von Chinesen bewohnte 
Dörfchen und leitete damit schon zu Wassu ähnlicher Bevölkerung hinüber. 

Der Wald wurde nun lichter; große Lücken hatte die Kultur in An- 
pruch genommen und mit Mais, Kartoffeln und Bohnen bestellt. Schon 
Vor Tong lu fang wichen die stattlichen Bäume der Strauchvegetation, 
die von nun ab den Charakter des Tales bestimmte, und nur noch einzelne 
kleine Fichtenhaine beschatteten als letzte, kümmerliche Reste früherer 
Waldespracht den schmalen Fußpfad. 

Hinter den ärmlichen Chinesenhütten von Da ngai nimmt der nun 
stark gewordene Bach ein linkes Xebenwasser auf und biegt scharf nach 
rechts um. Bald darauf erscheint das große Dorf Tung ku, ein Stütz- 
punkt der tibetischen oder ihr verwandten Bergbevölkerung, am linken 
rfer 



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Auf schmalem Brett reiten 



Fluß 



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^fer und folgen ihm bis zur Einmündung in das rechtwinklige Knie de.s 
zwischen hohen, steilen, kahlen Felswänden dahinfließenden Da kin ho, 
des großen Goldflusses, wie der Oberlauf des Tung ho hier genannt wird. 
Hoch über dem Wasser an den Felshängen der glimmerreichen, rechten 
Talwand klebt das düstere Städtchen Rumi Tschango (2300 m). Zu 
meinerFreude traf ich hier einenLandsraann, einenKauf mann ausTschun g- 
^ing, der mir ebenso wie der ortsansässige französische Missionar die 
atzten Telegramme vom Kriegsschauplatz übermitteln konnte. Tschango, 
^^i* zum Unterschiede von Tschan£o in den Horbastaaten Rumi 



Tschi^ 
ürsprü 



Chinesen bewohnt 



das 



ihnen findet man schöne, schlanke 



estalten, namentlich unter den Frauen und Mädchen, deren Rock vorn, 



^1 



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204 . W. Limpricht. 



wie ich es auch in Rumänien schon gesehen habe, nur aus Umg herab- 
hängenden Schnüren besteht, die sich bei jedem Schritt verschieben und 
die unbekleideten Oberschenkel frei lassen. Das Obergewand bildet eine 
vorn offene, kurze Jacke aus derben Wollstoffen, das Haar ist mit silbernem 
Zierrat und Korallen reich geschmückt, und die Füße stecken, wiederum 
wie bei den Rumäninnen in den Karpathen, in kurzen, roten, tibetischen 
Stiefeln . Viele von ihnen entstammen den B erg Völkern von Badi-Bawang 
und dem Geshta-Tal etwas oberhalb des Tung ho, in dem der Weg 
nach Da wo über Tanglin hinaufführt. 

Eine halbe Stunde unterhalb der Stadt überspannt eine Bambus- 
Hängebrücke den Fluß, der darauf wiederum scharf nach rechts umbiegt. 
An diesem zweiten Knie mündet von links der Hsiau kin ho, der kleine 
Goldfluß, dessen Fluten den Fuß der hochgelegenen Stadt ^lung kung 
ting oder Hsin gai tse bespülen. 

Die Straße, falls man den schmalen, den Felshängen angeschmiegteu 
Pfad so nennen darf, setzt über die Brücke auf das linke Ufer hinüber, 
folgt dem Flußlauf bis zur Einmündung des kleinen Goldflusses und führt 
in dessen Tal hinauf. Die Landschaft erinnert ungemein an die Gegend 
von Li fan ting und Tsaka lo. Wie dort, so hier beiderseits recht 
steile, fast Völlig kahle, felsige Hänge, nur um die Dörfer im Grunde Anbau 
von Mais, Buchweizen und Sumahirse. Häuf ig sind kleine Hütten inmitten 
der Felder errichtet. Sie bilden den Unterschlupf für die Wächter, die 
allabendlich auf Trompeten tuten, um die hier zahlreichen schwarzen 
Bären vom Besuch der Maisfelder abzuhalten. 

Vor dem Dörfchen Ban san men verbindet eine Holzlnücke die 
Ufer und der Weg zieht nun an den Hängen der linken Talseite entlang. 
Schlag gegenüber den Häusern von Lama sse lehnt am rechten Ufer 
das weiß gehaltene, stattliche Lamakloster Gilüng, ein vielbesuchter 
Wallfahrtsort für die lamaitische Bevölkerung der abseits gelegenen 
Seitentäler. 

Bei Tai ping tschiau gewinnt der Weg wieder das rechte Ufer 
und bleibt nur auf dieser Seite bis kurz vor M u ng k u ng t i n g. Hier wölbt 
sich eine gut gehaltene Bambus-Hängebrücke über den Fluß und der 
Weg steigt hinauf zu der hochgelegenen Stadt Mung kung ting oder 
Hsin gai tse {2600 m). 



Trotz der Bemühungen des Mandarins war es nicht raögUch, Pferde 



ur Weiterreise aufzutreiben, daher ließ ich das Gepäck 
von Kulis tragen und wanderte zu Fuß weiter. 

Zu Füßen des Ortes Hsin gai tse liegt am Grunde eines schmalen 
Seitentales das Städtchen Alt-Mung kung tiug oder Tang la. 2u 
ihm führt der Weiter weg hinab und zieht am rechten Ufer des Hsiau 
kin ho noch ein kurzes Stück hinauf, bis 'der Fluß nach links abbiegt 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 205 



m und ein Nebenfluß chen einmündet. 



führt 



Weg nach Fu pien und Li fan ting, dem Tale des Nebenfluß chens 
fügt sich die Straße nach Kwan hsien ein^ der wir zu folgen hatten. 

Die Landschaft bewahrt auch in diesem Tale den bisherigen, eintönigen 
Charakter, dessen Trostlosigkeit nur einige Male durch die mächtigen, 
burgartigen, mit schornsteinähnlichen Wachttürmen geschmückten Wohn 



iflf häuser der Tuszes, der Fürsten der halbtibetischen Wokie oder Orshi, 



"l* wohltuend unterbrochen wird. 

Gwan dsai ist das ersteKastell dieser Art, in glücklicher Verschmel- 
zung wirken Lamatempel und Burg hier zusammen, um ein malerisch 
eindi^ucksvoUes Stimmungsbild zu schaffen und heben sich in trotziger 
Kraft Avirkungsvoll von der abseits gelegenen Dorfstraße ab, in der, Bude 
eng an Bude, der chinesische Kindringling seinen Kramladen auf- 
geschlagen hat. 

lil Noch einige Eingeborenendörfer haben sich weiterhin im Tale ihre 

Wesensart bewahrt, Mu lan ba, Tschiang tschin be und Rh örl 
tsai sind noch fast völlig tibetisch, wenn auch natürlich einzelne der Stein- 
häuser schon chinesische Insassen beherbergen. Auch in dem Flecken 
Da wui, von wo ein Weg nach Mu pin abzweigt, sind Burg und Lama- 
tempel sogar mit Mauern von der tiefer liegenden chinesischen Dorfgasj 



getrennt, aber ihre Bewohner haben doch so viel von der ihnen überlegen 
j. scheinenden chinesischen Kultur angenommen, daß man sie nicht mehr 

als unberührt ansprechen kann. 

Lung kwan, mit zahlreichen Wachttürmen versehen, ist das letzte 
größere Dorf des Tales. Die Tal wände weisen schon Nadelwald auf, und 
üppige Wiesen künden im Verein mit ihnen die Nähe des Hochgebirges au. 



Dci 



We 



Richtung hinaufziehenden Hochtale. Reichlich Gebüsch, wenig Wald 
^nd saftige Alpenmatten kennzeichnen den Charakter des Hochtales, 
an dessen Wand alle 5—10 Li das einzelne Wirts- und Herbergshaus 
^mes Chinesen Gelegenheit zur Einkehr bietet. 

Ohne scharfe Steigung führt der Pfad allmählich höher, die schnee- 
bedeckten Gipfel eines langen Gebirgskammes treten bisweilen hervor, 
^ und schon vor dem letzten Haus Wan ren f cn (10000 Gräber), inmitten 

steiniger, mit Enzian und Edelweiß übersäter Triften erscheint der seichte 
i-inschnitt des Paßübergangs Ban lan schan, zu dessen Mani sich der 
Pi^d über das Geröll emporwindet. Eine Yakherde weidet unweit des 
auses, und Djama, der Hund, ist außer sich vor Freude, er glaubt sich 
nieder auf den Matten Litangs im fernen Tibet. 

Eine Stunde ist es noch bis zur Paßhöhe (4650 m), die der überragenden 
eisen wegen leider keine Fernsicht bietet. Über grüne Matten steigt 
^1* Weg ab, alle Stunden ladet eine einsame Herberge zu kurzer Rast 



'^ 



206 W. Limprlciit 



ein, von recht« nähert sich ein Bach, zu dem wir hinuntereilen. Bei den 
Hjiu«ern von Den sen taug ist die Talsolüe erreicht, 

Busch wald, vermischt mit Nadelholz, begleitet die Bachufer des 
Pi tiau ho, dessen Lauf wir abwärts folgen. Der einzige gi'ößere Ort 
des Tales ist O lung kwan, sonst liegen nur alle 5 Li chinesische Wirts- 
häuser einsam am Wege. Hinter Ölung kwan erscheinen öfters kleine 
Siedlungen, bis bei Pi tiau ho der Weg zum letzten Male über den nun 
stattlichen, reißend dahineilenden Wildbach hinwegsetzt. Noch eine 
halbe Stunde begleitet der Weg das rechte Ufer und biegt dann bei dem 
AVirtshause Go ko rechts in ein schmales Nebental ab, um sich der Höhe 
des Niu tou schan zuzuw^enden. 

Bei dem Rasthause Tsuan tschin lo stehen noch inmitten des 
Buschwerks zwei einzelne Häuschen mit Gebetszylindern, ungebrauchte, 
vergessene Reste längst verklungener Zeiten. Vereinzelte Lärchen und 
Fichten ziehen sich bis zur 2050 m hohen Kammhöhe hinauf, von der 
der steile Abstieg in Fels- und Steinstufen zur Tiefe strebt. 

Bei dein kleinen Wirtshaus Hau tse ping geht der steile Hang 
in die fast ebene Talsohle über, der der Pfad zunächst folgt, sie aber dann 
wieder verläßt, um bergauf, bergab über das wellige Hügelland weiter 
nach Osten zu füluen. 

Nur Sträucher, keine Spur der prächtigen, dunkelgrünen Nadel- 
wälder, nur ab und zu einzelne Zypressen oder Cunninghamien, Mais- 
felder, Eschen und Sumachbäume zur Pflege des Wachsinsekts, einstöckige, 
spitz giebelige Holz- und Bambushäuser verraten rein chinesische Art 
und Bevölkerung. Am Grunde eines tieferen Quertales liegt das Dort 
Ha schi kiang. An jenseitiger Böschung steigt der Weg das letztemal 
empor zur Höhe des Yau tse schan (20C0 m), der Grenze zwischen 
Wen tschwan hsien und Kwan hsien, auf dessen Rücken auch nach 
chinesischer Auffassung das eigentliche China beginnt. 



Am 



linken 



Ufer eines kräftigen Flusses. Diesen überspannt weiter unterhalb bei dem 
Städtchen Tschuang ko eine Bambus- Hängebrücke. ' 

Starker Bambus, einzelne Palmen und andere subtropische Pflanzen 



künden die Nähe der nicht allzu fernen Tschengtu- Ebene an. Die gute 
Straße begleitet den Fluß bis zu seiner Mündung in den Min, an dessen 
rechtem Ufer sie weiterführt. Bald ist Ma tschü am Tsao gung schan 
in Sicht, und wenige Stunden später überschreiten wir die Hängebrücke 



pel Örl wang miao und halten unseren 



hsien. 



Schon am nächsten Tage 



über 



des 



Boote brachten mich den Min abwärts nach Sui fu, dann 



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Botanische Reisen in den Hochcrebirgen Chinas und Ost -Tibets. 207 



Yangtse über Tschungking und durch die Großartigkeit der Yangtse- 
Schl achten nach I tschang, von wo ein chinesischer Dampfer nach H a uk o u 
weiterfuhr. Mein ncächstes Ziel war Schanghai, in dem weitere Befehle 
meiner harrten. Von Schanghai eilte ich nach Peking und dann nach 
Tientsin. Hier traf ich am 22. Oktober ein mit der Weisung, für einige 
zu den Fahnen nach Tsingtau geeilte Lehi'er vertretungsweise an der 
Deutseh- Chinesischen Schule einzuspringen. 



a) Floristische Beobachtungen in den Alpen von Ta tsien lu bis zum 

Dshara und Sllhätschemla. 

Die hinterindischen Ketten, die im Anschluß an den Himalaya in 
annähernder Süd-Nord-Richtung zwischen China und Hochtibet 
hinaufziehen, biegen an ihrem Ende vor dem west östlichen Kun 1 un- 
System nach Nordwesten um, werden erheblich niedriger und weichen den 
Ketten, die, dem Kun lun- System angehörend, als Wasserscheiden 
zwischen Mekong, Yangtse und Yalung von Nordwesten an sie 
herantreten. ■ 

Der Mung kang kirr (Mukungka), der Gongri (Lamo rtse 
bei Tafel) unweit der Stadt Ta tsien lu und weiterhin der Dshara 
und die Eisriesen des SUhä tschem (Lumpu gongri) bei Dawo 
gehören ebenso wie die Ketten zwischen Ta tsien lu und Batang dem 
hinterindischen System an, während Res sirma, Schao kirrbu, Kaua, 
lari (Kalori), die vergletscherte Hochgebirgskette beiKanse und ihre 
Verlängerung, der Tsoköma, einer Kette angehören, die als Wasser- 
scheide zwischen Yangtse und Ya lung nordwestlich in das B ay an kara- 
Gebirge, also den Kun lun und somit dieWasserscheidezwischenYangtse 
und Hwang ho anschließt. 

0. Coales, der zwei Jahre nach mir auf demselben Wege von Ta tsien 
lu über Dawo und Kanse nach Tschamdo reiste, hatte noch weit 
hinter Kanse im Jalap einen Paß von 4780 m Höhe zu überwinden. 

Der große Reichtum der Hochgebirgsflora Osttibets ist wohl dem 
TJmstande zuzuschreiben, daß zwei verschiedenen Richtungen angehörende 
Gebirgssy Sterne hier auf einanderstoß en. Südlichere Typen vom H i m al ay a 
treffen hier mit der weitaus artenärmeren Flora des nordtibetischen 
Kun lun zusammen. Vergleicht man die Pflanzenwelt z. B. des Dshara- 
Stockes mit der der Süd-Kukunor- Gebirge, die ja durch die 
Sammlungen Przewalskis und neuerdings Koslows ziemlich gut 
bekannt sind, wird man eine Übereinstimmung in der Zusammensetzung 
der Arten finden, die auch diese Ketten floristisch unzweifelhaft dem 
-la tsien luer Entwicklungszentrum zuweisen. 

Schon bei dem Dorfe Sheto (Che to oder Cheh Toh) dehnen 
sich weite Matten aus, die von einer erdi-ückenden Fülle teilweise pracht- 



208 ^ W. Limpricht. 



A^oller Hochgcbirgspflaiizcu übersät sind; die Wasserläufe faßt hier Gebüsch 
ein, und Baumbestand zieht sich an vielen Stellen noch die Talflaidicn 
hinauf. 

Hinter dem Gila -Passe (Tschetoschan) beginnt die wellige, 
ungefähr 4000 m hohe Hoehstei>pe des ,,Tsao di"\ des ,,Graslandes"-. 
Nur kurze Grasnaibe bedeckt den Boden, Sträueher (Spiraeen und Wach- 
holder), seltener Fichten, begleiten die Bäche, und ausgedehnte Wälder 
finden sich erst in den Gebirgsstöcken der Eisriesen Dshara und Sllhä 
tschem, deren Nadelwald mit dickblätterigen, stacheligen Eichen als 
Unterholz durchsetzt ist,. An den Nadelwald schließt sich ein Lärchen- 
gürtel [Larix Polanini) an, auf ihn folgen Alpenrosensträucher (keine 
Baumrhododendren; diese nur in den Hochgebirgen des Min-Tales), dann 
dehnen sich wundervolle Alj^enmatten bis an den Fuß der Gletscher aus 
und reichen teilweise noch über ihn hinaus. Bei 5300 m hört die Vegetation 

auf, und nur ewiger Schnee oder-kahles Gestein zieht sich bis zu den Gipfeln 
hinauf. 

Picea Sargentimui, Abies Furgesii, Juniperiis squamata, Larix PofO: 
nini, Betula spec. und Quercus aquifolioides bilden die Wälder, Salix 
opsimantha, Berberil 'yünnanensis, Sibiraea Jaevigata^ Spiraea alpina, 
Sorbits ReJideriana, Bösa Moyesii, Potentilla frnticosa (gelb) und davurica 
var. mandschurica (weiß), Cotoneaster 7nicrophyUa var. vellaea, Picris 
villosa, Caragana jubata, Daphne Limprichtn, Myricaria gerTnanica, Rhodo- 
dendron flavidnm, intricatum, ramosissimum, rufesccns, taUcnse und triclw- 
sfomum, Buddleia Davidi^ Lonicera chactocarpa, ericoides, hispida, nervosa, 
nubigeiia und tibetica setzen die Gebüsche zusammen, in deren Schutze 
um Sheto auch die prachtvolle, dxmkelviolette Iris chrysographes gedeiht. 

An Halbsträuchern finden sich: Steller a Chamaejasme, überall gemein, 
stellenweise in Tibet die Charakterpflanze bildend und in verschiedeneu 
Farben, weiß, gelb, rosa bis dunkelviolett blühend, Tnostciim hirsidvvi, 
Sibbaldla purpurea (Paßalm Hai tse schan am Dshara), hoch oben Salix 
Söuliei, Sibbaldia pentaphylJa und Cassiope selaginoides. 

Die Matten um Sheto bis zum Gila-Passe am Dshara um die 



Seen der Paßalm Hai tse schan setzen sich im wesentlichen aus folgenden 



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Ai'ten zusammen: Festnca ovina, Agrosüs Limprichtii, Carex afrofusca 
var. irritans^ LimpricMana, nivalis, pediformis var. rhizina, Scirpus 
compressus, Triglochin maritima, Jnnciis Thomsoni. siWmensis var. 
pseudocmtaneus, OUgobotrya Limjyrichtii, Lilinm lophophorum, Lloydia 
serofina und die prächtige gelbe thibetka var. Intescem, Allium VidonaUs 
var. angustifoUa mit rötlicher Blüte und Jcansueme (blau, verwandt mit 



cyanenm 



graciUs, Cypriped 



pactum, Orchis Limprichtii und Herminium alascJi 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 209 



Xebeii den Ranunculaceen: Eanunculus afflnis, Pa<oma aiwwala, 

Caltha scaposa, Thalidrum atriplex^ Aqnihgia ecalcarata, TrolUus pnmihis, 

Clemafis graciUfolia und mitans bilden vor allem die prächtigen Anemonen, 

Anemone demissa und tridlipcfala und die weiter verbreitete obtusiloba, 

die gelbeti und blauen Alpenmohnarten Meconopsis integrifolia, Henrici 

und der borstige racemosa sowie die zahlreichen Primeln in allen Farben 

den hei^orragendsten Schmuck dieser wundeivollen, blumenübersäteu 
Hochmatten. 

^"^on Primulaceen sammelte ich: Primula Cockhiiniiana, incisa, in- 
volucratam\& deren Abart Wardii^ longipetiolata, ocJuacca, Riae, serratifoUa, 
sikkimensis, silenantha (braun, nur im Dshara- Gebiet), stenocalyx, 
sulphurea und Viali. Primula laciniata und ochracea sind auf quellige 
Stellen, Primula humili^s und dryadifoUa auf die höchsten Lagen am Pande 
des ewigen Schnees und der Gletscherzungen des Dshara beschrankt, 
rerner: Androsace Hooleriana^ LimpricJitii, mncronifolia, spintdifera und 
an Felsen noch oberhalb des Gila-Passes .4. densa in dichten, weiß- 
blütigen Polstern. Zahlreich sind auch die Steinbrecharten, die naturgemäß 
meist felsige Standorte bevorzugen' und in den höchsten F.agen oft nur 
xentimeterhoch aus den Felsspalten sprießen. Von ihnen sind zu nennen; 
Saxifraga crassuUfoUa (hoch oben), kiradns (auch Tsin ling schan 
^nd Da Wu tai schan in Xordchina), der braune, sehr häufige S- 
^nelanocentra, saginoide^Sin der Schneegrenze), tatsienlnensis, tanguHca 
und Vihnoriniana, 



sehi 



c/iorfi 



Pedicularis dnerascens, hansuensis, lahellata {= rhincmtkoides), rhyn- 
ynta, stenantha, verficillafa, auch in Zwei'gform, und an der A^ege- 



nst 



^f^ctica: das reizende P. micro'phyton mit weißgelber Lippe und tief vio- 
ettem Schnabel ist auf die höchsten Lagen beschränkt und durchbricht 

häufig mit seinen leuchtenden Blüten die weiße Schneedecke. 

»-nmassen von Edelweiß {Leonfopodium alpinum) und Enzianen 

schmucken namentlich Anfang August die Hochniatten: Gentimin ornafa, 

P" ica, triJchotoma , h e xaphijlla , keptaphylla, tibetica.scariosa, falcaia, und d\e 
im sehr ähnelnde cyananthiflora , tizuensis folgen in der Blütezeit den fachen 

'«1 Juh sich erschließenden G. Pulmonaria und Schleclüeriana: Pleuro- 

9yne carintMaca und Halenia elUptica var. grandiflora sind überall häufig 
anzutreffen. 



Zur 

achtmig täuschend ähnelnden 



Enz 



Äxten 



^ar. leiocalyx. Von anderen Arten der Matten- und Geröllregion 
konnte ich beobachten: 

ö ophyllum Emodi^ Melmidryum caespiiosum, CeraMittm y^ielanan- 

®ö(le, Eepertorium speciernm norarum. Beiheft XIL 14 



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210 



W. Limpricht. 



drum, Arenaria dsharaeusis, kansiiensis und jX)hjtrichoides, Corydahs 
pseudo'Schlechleriana, Prattii und fhnni7iicola, Aphragmvs tibeticus, Car- 
damine macrophylla und mi er ozyga, Eiiirema compacfiim, Draba yunnanensts, 
Ladyginii und unterhalb des ewigen Schnees im Ceröll eriopoda und areades, 
Geranmm Pylzowiannm und refractoides, PolenüUa ambigua, biflora, 
dealbata, Saiindersiana nebst var. caesjniosa und stenophylla, Poierivm 
fiUiorme, Sednm Lutzi, asiaticum, fastigiafum, quadrifidum, buphurotdes, 
tiheticum, Chrysopleninm Griffithii und nudicaule, Par^mssia rvmicifoha 
und yummnensis, Hcdysarum Limprichtii, obscurvm und pscudastragaho^, 
Aslragalus crassifolkis, pseudoxytrojns, stricfus und yunnanensis, Oxy- 
tropis montana und ochrokiica, Gneldensiaedtia diversifolia und tongolensts, 

Thermopsis alpina, Caragana jnbaia, EnpJio^bia shetoensis, Omphalodes 
tricJwcarpa, Cynoglossum fiircalinn, Ajuga caläntha, Salvia pogonocMa 
und Prattii, Phlomis sefifera, Scutellaria pacliyrrhiza und Lanceafibeiica. 

Valeriana barbulata und pseudodiocia, Nardostachys Jatamansi, 
betonicoides, Bulleyana, cMnensis und chlorantha var. suMnfegra, Wahlen- 



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bergia cylindrica, monantha, Adenophora Forrestii , Crema nti 
Limprichtii, Saitssurea prophyJIa, AnaphaUs mibigena und Soidm. 
Aster Heferochaeta, Sonliei, tongolensis und VHmorini, Chrysanfhewum 
iafsiewnse wxxd tenuijoU um, Leo7ifojx>divm alpinum, Taraxacnmttbetanum, 
Semcio plantaglmfolin-^ und S. Prz^walskii. Die prächtige, blutrote 
Incarvilha grandiflora überzieht mit Viola biflora gern felsige Hänge oder 
Geröllhalden, Polygonum Bistorta und viviparum, Oxygraphis glacialis 
sind ebenso häufig wie in den europäischen Hochgebirgen, der Hochgebug>- 
farn Cryptograynme crispa scheint gleich der in Polstern rosa oder \vei' 

^.s^in. T^nrn^iTPa nur auf die Felsen des Dshara beschrankt 



zu seui. 



^n Diap ^ ^ 

Plat ycraspedum tibeticiim wuchei-t gern zwischen den aufgeschic \- 
t^ten Steinen der Manis auf den Paf3 übergangen, Loxostemon grannJi- 
ferum im losen Geröll am ewigen Schnee. Die großen, gelbleuchten 
Kerzen des weithin sichtbaren Rhenm Alexandras bevorzugen die l>a<^ 
rander, Rheum pitmilwm, nanum und kialense treten gern aui den o ^ 
weiten, mit Cobresia pygmaea, Boyleana, Prattii und scJwenomes, i ^ 
trum alpiiwm und Sediim quadrlfkhim überzogenen Hochtriften aui. 

Cochkaria scapiflora, Draba oreadcs, Ranuncuhis pygmaeiis, Saxijrag^ 
saginoides, Diapensia purpurea sind die letzten Blütenpflanzen ^ oi 
völlig vegetationslosen obersten Felszone am ewigen Schnee. Paraqu y ^ 
microphylla, Corydalis j^seud o -Schlecht er iana und Prattii ^ Tn^^^^^ i^ 
alpina und barhala, Potentilla biflora, Primula humilis und Riw, Aridrosaa 
densa, bibbalaia penta 
foliQ 
5000 m) weit über die Paßhöhen hinauf. 



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die zierliche Crucifere Eutrema compactiim gehen (bis unge c 



TJdaspi i/unnavense, Megacarpam Delavayi, Euphorbia R^m. Dap 




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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 211 



Li rnprichtii, Buddleia Davidi, Epilobum angustifoli um, Lagotis ylaucu 
und Aster batangensis erscheinen um die Häuser des ,,Töaodi'\ der 
wellenförmigen tibetischen Hochebene in wenig tieferer Höhenlage 
(ca. 40GO m). 

Reich bew^aklet ist auch das Tal von Lumi>u beiDa wo biszumLartza 
genannten Talschluß. Dann folgen Alpenmatten bis zum Paß Sllhä 
tschem la hinauf, oberhalb dessen sich Geröllhalden bis zu den höchsten 
Felsgraten und Spitzen hinziehen. Schon in der T.ärchenzone [Larix 
Fotanini) beginnt die Strauchvegetation. Weiden, Myricaria germanica, 
Spiraca aJjnna, Sibiraea laevigala, die gelbe Bosa omeiensis, Sorbus Rehde- 

m 

rrana^ Poteniilla fructicosa, davurica var. mandscliurica, Fhiladelphns 



jH^kinensis var. brachybotrys und Jasminum violascens, Rhododendron- 



und Ribesailen setzen auch hier die Gebüsche, zumal an den Bachufern, 



zusammen. 



Unter ihrem Schutz e gedeihen : Adiarit um Capillus Ve nw Is ( noch 



7 



capo 



ndjrocalyx, Anemone deniissa und obtusiloba, Aquikgia ecalcarafa, Clematis 
.Fargesii^ Thalictrum decorum, Meconopsis lancifoUa, Cardamine macro- 
.phylla (weit verbreitet) und microzyga, Saxifraga lumpiiensis (auf Baum- 



lanoce 



tragalus 



spermum Franchetianum, in der Waldregion Primula involucrata var. 

Mardii^ saxaiilis var. pubescens und F. Viali, Marina betont coid es, Nardo' 

dachys Jatamansi, Fedicularis brevilabris, Senecio plant aginifoUus und 
Frzeivalskii, 

* Auch die Hoehmattenflora ist im w^esentlichen dieselbe wie im Dshara- 

Zuge, nur etwas artenärmer. Es fehlen Primula Immilis und dryadifolia 
(letztere noch am Re ssirma), dafür treten neben der schon bekannten, 
hier häufigen Frimula Riae die violettblaue Primula graminifoUa und die 
gelbe Primula crocifolia neu in die Erscheinung. 

Auch Dlapensia purpurea felilt anscheinend, wenigstens konnte ich 

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^le selbst auf den höchsten Felsen oberhalb der Gletscher trotz angestrengten 
Suchens nicht bemerken. Das gleiche gilt von ^/i^ro^ace rfe^z^a. CocMearia 
^M'piflora, Draba Uchiangcnsis und oreades, Ranunculus LimprichtU sind 
^e letzten Blütenpflanzen der Felsspalten oberhalb der Gletscher in 

jvi m Höhe. Loxostemon granuliferum^ eine zierliche Crucifere, durch- 
gingt die Zwischenräume zwischen den Steinen des losen Gerölls bis zur 
Schneegrenze, Sedum trifidum und das bisher nur einmal nördlich L ha ssa 
gebundene Sedum rotundatum (der fast armstarbe, fleischige, aromatische 

«rzelstock dient den Bergbewohnern als Aphrodisiacum) sprießen nebst 
Sa:cifraga crassifolia aus den Spalten der höchsten Felsen bis zu den 

14* 



212 W. Limpricht- 



Gletschern ; neben Unmengen von Leontopodhim alpinum bevölkern 
nebst anderen schon vom Dshara bekannten Arten noch folgende Pflanzen 
die Triften und Hochmatten; Rheum Älexmidrae und hoch oben Rh. 

fr 

namim, Oxygraphis glacialis, Trollms patubis, Gorydalis cnrvijlora, Saxi- 
fraga meJanocentra, OmpJialodes trichocarpa, Gentiana tricolor, Salvia Pratti, 
Pedicularis Dielsiana, Paxlana und siphonantha, Codonopsis ovata, Ana- 
pJialis nubigena, ChrysaMhemn^m tatsienense und tenuifoli um. 

Der vergletscherte Sllhä tschem und' sein südlicher Xachbarherg 
sind die letzten Eisriesen der von Ta tsien lu weiter streichenden, von 
Süden heraufkommenden Hochgebirgskette, die mit dem schon erheblicli 
niedrigeren Aulako abflacht und sich im Grasland verliert. 

Ilu' gegenüber beginnt mit dem Ressirma ein anderer Hochgebirgs- 
zug, der zunächst das rechte Ufer des Dawo ho begleitet, allmählich höher 
emporsteigt und schon im Schao kirr bu ewigen Schnee und Gletscher 
trägt. Der Schao kirr bu gehört zum Stock des Kaua la ri oder, wie 
er gewöhnlich genannt wird, Kalori, der bis zum Durchbruch des Ya lung 
kiang reicht. Seine Fortsetzung bilden die Ketten, die weiterhin als 
Wasserscheide zwischen dem obersten Yangtse(Dri tschuoderMur ussu) 
und Yalung kiang (Nya tschu) weiter nordwestlich streichen und 
an das Bayan kara-Gebirge, also den Zweig des Kun lun, der die 
Wasserscheide zwischen Yangtse und Hwangho bildet, anschließen. 

Die Pflanzenwelt dieser Kette ist erheblich artenärmer als die des 
D s h a r a und der anderen T a t s i e n 1 u e r A 1 p e n w e 1 1 u nd sc hl ie (? t 
sich eng an die Flora Nordtibets an. Schwellende iMatten sucht 
man hier meist vergeblich, wozu wohl allerdings auch die intensive 
Weidewirtschaft die Ursache sein könnte; Gerölllialden und Felshange, 
oft so gut wie vegetationslos, ziehen sich bis zum ewigen Schnee hinaui, 
und durch das Fehlen der blumenreichen Matten erwecken die höchsten 
Gebirgslagen das Gefühl schauerlicher Öde und wüster Einsamkeit, 

b) Die Pflanzenwelt des Re ssirma und Schao kirr bu, der Hochgebirge 
von Kanse bis zum Tscho la-Paß, des Ngu ssur la? Mala und der 

Wälder tou Bejü (Bai yü) bis Batang. 

Der Re ssirma beherbergt auf den ausgedehnten Triften um den 
Ssirka-Paß und in seinen obersten Felspartien noch im großen und 
ganzen dieselbe Flora wie der gegenüberliegende Zug des Dshara, Rumi 
golo und Sllhä tschem. Auf den Matten und Felsen um den Ssirka- 
Paß blühten neben vielen anderen vom Dshara bekannten Alten. 
Primula crocifolia (gelbblühend) und dryadifoUa, Pedicularis lachnogl^ssa, 
eine eigentümliche, schöne Himalayaart, J'roZZiwÄ patnlus, Anernone exigv^^ 
MecoThopsis Henrici, Platycraspedum tihcticum, Draha oreades, PotentM^ 
Smniderdana, Scditm asiaticiim, mit gelben Blüten, Sam fraga crassulifoh^> 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 213 



Hedysarurn pseud astrag alus, Pnmula Riae, habituell einer Soldanclla 
fe ähnlich, Ajuga calantlia, Codonopsis ovaia, Aster SouUei und Vilmorini; 

von Gebüschen: Sorbaria arhorca, Sibiraea laevigaia und PotentiUa fruficosa 
var. albicans. Pedicularis hatangensis, birostris und cyathophylla siedeln 

m 

sich in dem gebüschreichen, oberen Waldgürtel an. 

Am unteren Waldesrande liegt hier das Dorf Muru ku. Weiter 
abwärts sind zwar die Talflanken noch mit Nadelwald' bestanden, doch 
erscheinen tiefer schon Pflanzenformen, namentlich Sträucher, die in 
ihrer Verwandtschaft an Arten der Provinz Yünnan erinnern. Diese 
Flora beginnt ungefähr bei dem Lamakloster Girseh gomba und be- 



gleitet das Tal des Da wo ho auch weiterhin aufwärts. 

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Orchis spathulata, Paradisea bulbulifera, Polygom 
Ephedra. Gerardiana var. sikhimensis, Aconituni gymi 



\ea bulbuUfera, Polygonum polystachyum, 

?nsis, Aconituni gymnandrum, Banunculus 

i, Berberis dawoensis, PodopTiyllum Emodi, 

^1 Silene dawoensis, Linum perenne, Bosa dawoerisis, Vicia unijuga und 

u". Laragana Umprichtn. Primnla laciniata und Viali, Androsace Aizoon, 



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Sagtretla libetica und Leptodermis micro'phylla sind zu nennen. 



führt 



ku): montane Flora bekleidet die lößreichen Böschungen der Talwände; 

hier blühten: Pohjgomm polystachyum, Paeonia afwmala, Linum sieller ioi- 

des, Androsace Aizoon in rotblühender Abart (var. purpurea), Pnmula 

Knuthiana var. brevipes, Salvia Pratti, Galium ve 
lie^ I pl(m:tagineum n- ^ Stellera Chamaejasme und Pedicularis birostris sind 

üci^l auch hier sehr häufig, Populus suaveole')is und Ph 

l)evorzugen die Nähe der Siedlungen, 



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ladelphus peUnensis 



We 



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den Botaniker bis zum Beginn der Geröllhalden. 

Die IMatten am Schao kirr bu sind zwar noch außerordentlich 
reich an Individuen, aber auch weitaus artenärmer als am Dshara. 
i^! ' Die schönste Zierde bilden auch hier der gelbe Mohn, Meconopsis 

'^nlegrifolia und IncarviUea grandiflora: auf den mit Edelweiß übersäten 
Wiesen und im Geröll des Gletschers sammelte ich außer den schon be- 
kannten häufigeren Arten: Salix Souliei, Cypripedilum spec, Alhum 
Prattii, BJieum scaberrimum^ Aconitian rotundifolium, TroUius patulus, 
Mdandryum apertum, Dianthus . 
tilhlla Satmdersiana, Spenceria r 

^rattlt . Vilrnnriarin. Pvimitln. ru/n, 



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irenaria Griiningiana, Polen- 
hdiim rotnndafum, Saxifraga 
folia, gramimfolia und Viali. 
Dcyronicum Limprichtii und 



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214 W. Limpricht 



macrosperma, Draba oreaxle^j Sednm roinndatum und asiaficwn ))il(U'n 
den Boiscliluß der Vegetation. 

Kleine Matten am Fuße der Felsen, artenai'mes Steingeröll bis zu den 
perennierenden Schneefeldern und den Gletschein, spärliche Fichtenbe- 
stände am Eande des oft versumpften Talgrundes, Gebüsche aus Weiden, 
.S^piraeen, den beiden Poteniilla und Juniperus zusammengesetzt über 
der oberen Waldgrenze; das ist das allgemeine Bild der öden Gebirgs- 
landschaft des Tsb e t se t sha und Tsokom a - St ockes. 

Hier blühten: Carex haematosioma var. hirtelloides^ AJliiim Forreslü , 
ovifJortim und in den Fichtenwäldern Pr«//?'y", Oi/mnadenia Sotdiei, Fant- 
disea hulbuUfera, Banunculus pulcheUus und rtibrocalyx, TrolUus pumilus 
und patulus, ParaqtiiUgia anemonoides, Aconitum cha^manthum und 
rotitmUfolium^ Delphinium elatum, Cimicifuga foetida, Corydalis tihetica, 
Loxostemoyi grmmliferian, Dilophia macrosperma, Draha orcades, Mehn- 
drynm apricum, Arenaria Forrestii, ftrüniiigiava., Jcansurnsis und rho- 
dantha, Poteniilla hijlora, eriocarpoides und ^avndersiana var. caispitösa-, 
Astragalus degeiisis, Saxifraga rnelanocentra und pf^eudo-hirculus, an den 
höchsten Felsen humilis, fanguilca, Prafiii var. ohtusata, Chrysosplcniinn 
tibeticum, Scdum aslaticum, EpHobium angustifolium, Prirmda tihetica 
im sumpfigen Talgrund, saxatilis var. pubescens, ionantita und han'iea 
(Tshe tse tsha), parvnla und grayninifoUa (Tschola), Gentiana algida 
und var. Przeivalskii bis zur A'egetationsgrenze am Tsokoma, falcuUf, 
und in tieferen Lagen detonsa, Pleurogyne carinthiaca, Halenia elhpjica 
var. grandiflora, Phlomis sp., Pedicidaris anas var. alaschanica, tibetica, 
birosfris, cimrascens, David i^ szechuanica var. longispica und in höheren 

M 

Lagen die bärtige, dunkelpurpurne P. rhodotricha, Cyananthus yrtacro- 
calyx mit gellien Blüten, Adenophora liliifoUoides, Crepis HooJ:eriana, Aster 
Heterochada, Chrysanthemum tatsienense, Senecio lainarurn, Anapham 
nubigena, Cremanthodium hurnile, Saussurea hypsipeia, pilinophyl^^^^ 
Stötzneriana und latsienensis. 

AJlium lineare var. junceum {A. Przewalskii nahestehend), P^^'^" 
quilegia microphylla, DelpMnium mosnynense, Clemalis chrysantha. 
Bupleurum longicaule, Androsace elatior, Gentiana straminea mit gelben 



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Blüten, Nepeta macrantha, Dracocephalum ianguticum, Anrphiconw argidn 
Pediadaris cyathophyUa, Valeriana officiualis und Codonopsis or^^t'^ 
beobachtete ich im Tale bei Kolo ndo vor Dege. 

Im Ngu ssur la, Mala und Ngu pa la überschreitet der Weg 
Pege-Batang die Hochgebirgsketten. 

Die warmen Täler des Yangtse besitzen die Flora des mittleren 
und nördlichen China; SelagineUa rupestris und Didissandra Janngin^^ 
sind gemein auf den Felsen, Leptodermis-^iY^naheY und Weiden, BuddleK^' 
Arten, Rosten und Hyoscyamus stehen am Wegrande. Bei dem Kloster 



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Bouanieclie Eeiöen in den Hochgebirgen Chinas und. Ost -Tibets. 215 



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fe| Gato gomba sammelte ich die z. T. neuen Arten: Aconitum Napellus var. 

refradum, Saxifraga gatoyombe nsis und S. umhellulaia mit dicker, f leischigei- 

tat Grundiosette, Cyananthus peüolatus und Tretocari/a .sikkimensis. 

Die Flora de^ Xgu ssur la ist dieselbe, wie die des Tscho 1 a- Passes. 
Gentiana falcata wächst auch hier noch auf den Felsen oberhalb des Passes, 
(kntiana pudica auf der Abstiegsseite; unter Qiiercus aquifolioidcs gedeihen 
Ceratostigma Grijjitim, Lcigotis ylauca, Aster polioihamnus und Seneclo 

tomjolensis, tiefer Clematis Limprichtü. 

Pei dem Dorfe Chieda beginnt der Anstieg zum Passe Mala. 
Adianlum Capillus Veneris, Polystichnm lobatvm, Botrychium lunaria, 
\ Alliutn odorum, Microstylis monophylln var. cUnensis, Urtica ca) 

„. ' Ouscida cUnensis, Thalictrum jaranicum, das reizende weiße Sedum 

M,f Dielsianum, Parnassia Delavayi var. brevistyla, Primiila siktimensis, 

im Habitus unserer P. elatior ähnelnd, Pedicularis birosiris, Triplostegia 
glmuliilifera, Erigeron multiradiatiis und andere Arten erscheinen schon 
hinter dem Dörfchen, höher hinauf gesellen sich Didissandra leucanllm 
(Südseite), daiui Awlrosace elatior und mucromfoUa hinzu. An den 
Kalkfelsen oberhalb der flachen Paßhöhe blühen: das großblütige, rote 
AlUum Forrestii, PJieum nanum, Parcuiuilegia anemonoides, Saxifraga 
hirculus var. shensiensis. Trollius patulns, Gentiana leucomelaena, ornafa 
pudica, sipJionantha und die gelbe Sweertia obtusipet aU , auf der Südseite 
Pritmda lancifoUa und serratifolia, Geranium batangense und Delavayi, 

Saussurea hypsipeta. Außerdem in den Wäldern 
der Südseite: Orchis Delavayi, Alliwn oviflorum und Prattii, Juncus 
alUoides, Agrostis perlaxa, Carex haemat ostomma x ar . hirtelloides, Anemone 
rivularis und rupicola, Cerastium melanandrnm, Circaea häetiana, Saxi- 
fraga melanocenira, SinolimpricJitia alpina (oberer Waldrand), Pedicularts 
Delavai/i, Salvia Przewahkii, Triplostegia ghmduUfera und Stereosanthes 
hleracifolim. Incarvillea principis, Wlclstromia canescens und eriophylla 
mid Myrlcaiiayermanicazeigen die Nähe der Dörfer im tieferen Talgrund an. 

c) Die Flora des Hochwegs Bataiig— Ta tsieu In 

und des GrenzgeWets bis Kwan hsieii. 

.Der Hoch^veg B atang-Ta tsien lu führt ständig in bedeutenden 
Höhen, ca. 4000 m entlang überwindet in zahlreichen, meist sanft gerun- 
detenPässen die (iueivJehenden Ketten und steigt nur bei Hokou(X\ atschu 
ka) bis etwa 2.^00 mins wärmere Tal desYalung ( Xya tschu)hinab. Dsha - 
gäla, Rossäla im Gebiet des G ambu- Stockes mid Ngara la sind die 

höchsten Übergänge z wischenB at ang undL it ang, R(L)a ma la , K a shi 1 a 
undGila(Tschetoschan)zwischenLitangundTatsienlu(Dartsiend6). 

Von Sträuchern blühten östlich Bat ang Ende August: 3Iyricaria 
germanica, Sorbaria arborca, Desmodivm t'Vifolium \&s. Potanhm, So- 



caposa 




216 W. Limpriclit. 

phora japonica, Ehholtzia dema und polystachya, Chdompds albiflora 

Leptodermis Waso7ii, Sagereiia horrida, von Halbsträuchern: Wiclcstroemla 

canescem und eriopoda, sowie Aster Limjyricliüi. 

Außerdem an Krautpflanzen: Cohresia BeUardii, Festuca vaUedaca, 

Trisdum subspicafnm, Lloydia filiformis (Rossäla), AJUnm Forredii (rot) 
und kansueme (blau), Tofieldla yunnane>ms, Aletris lamiginom, Habemria 
diceroB, forceps und tihetica, Neoüianthe cucullata, Herminium altigennm 
und coehceras, Bhemn palmainm, PoUjgonum Bistorta, ForrestU var. Pu- 
mtlio, P.polysiachyum, Delphinium SonUei, Meconopsis integri}olid,Dilophla 
macro^penna, Draba oreades, Donfodemon pecfinntum, Silene hatangenm 
und plafysepalu, Arenaria ForrestU, Grimingiana und rhodantim, Spenceria 
ramalana, Potentilla eriocarpoides var. gJabrescem und Scmndersiana var. 
caespüosa, Htdysarum ohscurum, Sedvm rotuMatum, Przewalskii und 



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und var. Soii- 



heana, S. dshagalensis, Mrculus, litangensis, lychnHis (Xgara la), macroälg- 
maloides, n-utans f. siveertioldes, Prattii var. obtusata und die nordische 



sibirica^ Parnassia Delavayi, Primula rupesfris, sttlpJivrea var. rosea^ 



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falcata, macr 



A, mucronifolia, Eritrichinm Rim, 



uTicl trichotoma, Sweertla obtusipetala und Pleurogyne carinthiaca, Plec- 
trantlms rugosus, Ajuga lupulina, Veronica eriogyne, Pedkularis rhodo- 
triclia, StelUra Chamaeja^Tne, Pterocephalus batangensis, Cyananthus 



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CremaModium campamdatum und reniforme, Artemisia Moorcrojhma. 

ÄMtcr Ddarayi, Saussurea geraeocephala, hypsipeia, Limpricktn, shlla-, 

f af Stern nsis var. monoccphnla, wernerioides, Senecio eriophyllus und 
pleurocauUs. 

Selaginella rupestri^ ist hilufig in den Ahoriiwaldern bei D-scliung kou. 

Mit dem Ta pao schau- (Da pu la) Paß im Dshara-Gebiet 
verlaßt man die Tatsienluer Alpen und .teigt zum Tal des Gold- 
flu.se.s (Da kin ho oder Tung ho) nachRumi Tschango ab. Im 
Ban lan ^chan und dem wesentlich niedrigeren Niu tou rfchan 
werden die Ketten des O^trandes überschritten, deren A'erlängerung, 
Pe mou Hchan und Hsüe lung pao im Wassu-Ländcheii bilden. 

Da ich diese Pässe Mitte September überschritt, konnte ich nur 
noch eine kleine Anzahl von Pflanzen de« Spätsommers notieren. 

Das Girong-Tal bildet die Grenze der ßambusverbreitung, hier sah 
ich von Westen kommend, den ersten Bambus im Bestände, obwohl 
Dr. Tafel auch bei Da wo das ^'orkommen desselben erwähnt. Außer 
Bambus bekleidet die Westhänge des Ta pao schan dichtes, aus Weiden. 
Birken, Ribes, Rosen. Sorbus und Sambucus gebildetes Strauchwerk, 
weiter oben auch Fichten, Wachholder und Lärchen. Die O.tseite des 



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Botanische Pveisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets, 217 



Passes schmückt herrlicher Nadelwald, erst Lärchen, tiefer Fichten, 

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M'iederutn mit reichlichem Bambus als Unterholz. 

Der Ban lau schan gehört auch pflauzengeographisch zu den 
CJehirgeUj die im Pe mu schan und vseinen Xachbargebirgen nach Sung 
pan ting zu ^streichen und durch die hohen Gebirgsketten östlich Sung 
pan ting .an die Gebirgszüge anschließen, die im Tsin ling schan 
die Verlängerung des Kun lun- Systems in China darstellen., 

Sie bilden wahi-scheinlich die Brücke, auf der tibetische Pflanzen 
nach Mittelchina, über die Berge des Ta pa schan und Kiu tiau schan 
bis an den Yangtse und über den Tsin ling schan bis zum Da Wu 
tai schan in Schanhsi gelangt sein mögen. Auf den Ta pao schan 
blühte noch Gentiana hexaphylla im Neuschnee, auf den Stcinhalden 
tiefer und den Grasmatten Dianthus superbus, Gentiana scariosa, 
Eiiphrasia hirtella, Anaphalis corymhosa und monanlha. Impatiens 
dithrix blühte unter Gebüsch an den Bachufern, im Walde unterhalb 
des Passes Goodyera brevis am Fuße der Stamme mit Monotropa 
lanughiosa, weiterhin Su:eertiaangttstifolia {hvRnnrot) und chineiisis {st ahl- 
hlau), dann verschwand der Wald, und Unmengen von Anemone japonica 
hegleiteten die Strauchvegetation. 

Goodyera melinostele, schon einnial von mir bei Hangtschou an der 
Ostküstegesammelt, erscheint vor BumiTschangounterFichtenstämmen, 
<iie sich ab und zu noch finden. 

Clematis apiifolia und Buddleia Davidi, Lepidinrn chinense noch 
in den dürren Tälern mit Xerophytenvegetation und verkrüppelten 
Z^i^ressen um Mung kung ting und Da wui, dann wird das Land- 
schaftsbild freundlicher, und die Vegetation erhält mit dem Anstieg auf 
den Ban 1 a n schan eine reichhaltigere Zusammensetz ung, deren Charakter 
bis Kwan hsien erhalten bleibt. Poliistichum lach 



yiense 



Dryopteris crenata, Gymnopteris Delavayi, das goldgelbe Allinrn chrysan- 
^him, Satyrium aceras, Habenaria dic^ras, Aconitum Franchdii, Del- 
phi ni um trichophor um, Er ysimum" Limprichtii, Desmodium repand^um, 
Parnassia Xoemiae^ Circaea alpina, Sedum sar7mntosum und hanlanense, 
Saxifraga auriculata, Giraldiana und hirciilus (^Matten am Paß), Micro- 
{jhssa albescens, Gentiana detonsa und vrt^ Stracke yi, G. piidica, hexaphylla, 
heptaphylla^ cyananthiflora, Pidmonaria, Schlecht er iana und Soidiei, Craw- 



^ngustifoUa und chinensis 
Souliei^ ElshoUzia dema, 



cuSy Nepefa, 
psacus asper, Leycesteria Limprichtii, Gar- 



Peöhum cernuum^ abrofamides, Erigeron multir ad latus, Cirsium chinense 
Anaphalis margaritacea, plerocaidon, Semcio scandem var. incisa und 
^^guficus und wie überall Leontopodium alpinum. 

Samb ucm adnata, Wickstroe mia Paxiana und ros marinifolia be- 



218 W. Limpricht. 



teiligen sich nebst Epilobinrn angustijolivm^ Weiden und Ribesarten an 

4 

der Gebüschbildung tieferer Lagen. 

Gentiana rJwdantha und Ciinninghmma lanceolala erscheinen zum ersten 
Male wieder am Yau tse schan, dem letzten niedrigen Passe vor Kwan 
hsien und der Tschengtu-Ebene. 



VIIL In den Gebirgen Nord-Chinas. 

A. Wanderungen im Tsin ling schan. 

Von Pamir ausgehend zieht eine Reihe von Hochgebirgsketten 
westöstlich und grenzt Hochtibet im Norden ab. Dieses mächtige Ge- 
birgssystem, bekannt unter dem Namen Kun lun, setzt sich als einzige 
innerasiatische Hochgebirgskette ^\■eiter nach Osten bis in das eigentliche 
China fort und erreicht erst an der großen Ebene ihr Ende. Das eigent- 
liche China, das Land der 18 Provinzen, wird durch diesen Gebirgszug, 
dem die europäische Geographie nach einer Anzahl von Pässen des Namens 
Tsin ling die Gesamtbezeichnung Tsin ling schan gegeben hat, in 
zwei Teile, Nord- und Südchina geschieden. 

Die Natur beider Landstriche ist gänzlich verschieden. Im Norden 
löBbedeckt^s, von tiefen Furchen und Schluchten durchzogenes Tafel- 
land, im Süden Hügellandschaft m'it fast subtropischer Pflanzenwelt: 
im Norden Anbau von Kauliang*), Hirse und Getreide, im Süden Reis-, 
Mais- und Baumwollfelder, sowie Bambushaine um die Dörfer. Selbst 
im Straßenverkehr prägen sich Unterschiede aus. Durch die Lößschluchten 
des Nordens führen breite Straßen, Personen und Waren werden auf zwei- 
räderigen Karren befördert, die meistens mit hintereinander gestellten 
^Faultieren bespannt sind; der Süden bevorzugt Wasserstraßen oder im 
Berglande schmale, mit Steinplatten belegte Fußwege, auf denen Sänften 
oder Träger mit Bambusstangen entlang ziehen. Als Arbeitstiere am Pfluge 
oder Göpel zum Wasser schöpfen werden im Norden Maultiere, Pferde oder 
Esel verwendet, im Süden < er nordwärts cränzlich unbekannte Wasser- 
büffel. Die Wände der Häuser sind 
Bambus und Maisstroh errichtet. 



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Mit dem Tsin ling schan fällt die Xordgrenzc des Verbleit uiig^- 
areals des Bambus zusammen, und auch die im Süden so häufige Fächer- 
palme ist nördlich des Gebirges nicht mehr wild anzutreffen. 

Da dieses Scheidegebirge zwischen den Flußsystemen des Hwaiigh'^ 
und des Yang tse. den beiden großen Strömen Chinas, das Verbindungs- 
glied zwischen den Hochgebirgen Osttibets und den Wu tai schan- 
Ketten in Schanhsi und Tschili darstellt und iz weifellos innerasiatische 
Hochgebirgspflanzen auf diesem Wege auf die höchsten Erhebungen 



*) AndropogoH mccharatiis 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets 



219 







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des nördlicheii China gelangt sein müssen, hegte ich den lebhaften Wunsch, 
um so mehr, als ich die beiden Endglieder schon gesehen hatte, auch das 

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Zwischenglied zu besuchen, um die Flora dieses Hochgebirges kennen 
zu lernen. Die Ferienmonate Juli und August des Jahres 1910 konnte 
ich zur Ausführung dieser Reise verwenden. 

In Station Tscheng tschou derPeking — Hankou-Bahn wechselt 
man den Wagen und fährt westwärts auf der P ie n 1 o-Bahn nach H o na n f u, 
der zweiten Stadt der lößreichen Provinz Hona n. In Hona n fu empfiehlt 
sich eine Fahrtunterbrechung zur Besichtigung der 25 Li südlich der Stadt 
in die Kalkfelsen des ,, Drachentors" Lung men gehauenen Riesenfiguren 
des Religionsstifters unj:! anderer Gbttergestalten der buddhistischen 
Lehre, die sicherlich zu den großartigsten derartigen Skulptur werken 
Chinas gehören und trotz der etwas öden Umgebung einen nachhaltigen 
Eindruck von der früheren Höhe chinesischen Kunstsinnes ablegen. 
Die Pien lo-Bahn geleitet weiter bis zu dem Städtchen Mien tschi; 
hier beginnt die belgische Verwaltung der nunmehrigen Lung hai-Bahn, 
die dazu bestimmt ist, Kansu (Lung) mit dem Meere (hai) zu verbinden 
und später an die russischen, zentralasiatischen Eisenbahnlinien an- 
geschlossen zu werden. ^ 



Kwan yin tang ist der vorläufige Endpunkt der Bahn. 



Reger 



Geschäftssinn hat das ärmliche Dorf zu einem blühenden Ort sich ent- 
wickeln lassen, dessen Glanz allerdings bei Weiterfortführung der Linie 
erl)lassen und auf eins der westlichen Nachbardörfer übergehen dürfte. 

Die Weiterreise von Kwan yin tang erfolgt gewöhnlich in den 
federlosen, zweiräderigen Karren, mit einem oder zwei Maultieren bespannt, 
die zur Bewältigung der ungefähr COO Li betragenden Strecke vom End- 
punkte der Bahn bis Hsian f u 4^6 Tage gebrauchen. 

Hügellandschaft mit stellenweise zutage tretendem Gestein und arm- 
*^^liger, dorneni-eicher Vegetation weicht bald eintönig gelbgrauem Löß- 
hoden, in dessen tief eingeschnittenen Furchen sich die Straße zwischen 
glatten Li^hm wänden durch das willige Land westwärts windet. 

Hinter dem ummauerten Schan tschou erscheint der Hwang ho: 

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in seinem Tal steigt nun der Weg im allgemeinen in staubreicher, schwach 
gefurchter Ebene an, bis erst kurz hinter Lingbau hsien der recht- 
winkelig auf den gelben Fluß stoßende, lößbedeckte Rücken \Yu ü pien 

nötigt. Wönn hsiang hsien 



emem Ausbiegen nach Südwesten 




liegt wiederum in flacher Lößlandschaft unweit des Hwang ho, auf dessen 
rasch dahinschießenden, kaffeebraunen Fluten nur selten ein Fahrzeug 
schaukelt. Die Bergketten von Schanhsi, der Föng tiau schan, 
treten näher heran, zur Linken erscheint das wild zerrissene Tsin- Gebirge 
und begleitet den Reisenden bis zur ersten Stadt in Schenhsi, dem hoch 
über den Fluß emporragenden Dung kwan ting. Gewaltige Mauern, 




220 



W. Limpricht. 



an Peking erinnernde Einlaßtore, deuten auf die Bedeutung dieser Grenz- 
feste an der Durchbruchsstelle des gelben Flusses durch die Gebirgsketten, 
dem östlichen Eingangstor nach den nordwestlichen Provinzen, hin. Hier 
setzt auch die große Karawanenstraße von Peking über Tai yüan fu 
in Schanhsi nach Kaschgar in Turkestan über den Strom, der auch 
der Telegraph folgt. 

Das Landschaftsbild ändert sich nun völlig. Etwas oberhalb der Stadt 
Dung k w a n , dort wo der H w a n g ho die bisherige Xordrichtung dauernd 
verläßt und endgültig nach Osten weiterströmt, mündet der stärkste 
Nebenfluß des Riesenstromes, der We(i) ho oder Yü ho ein. Sein weitet 
Tal ist von außerordentlicher Fruchtbarkeit, da die dem nahen Tsin ling 
schan entquellenden Bäche genügend Feuchtigkeit zur Berieselung der 
löß bedeckten Felder liefern, die im Gegensatz zum trocknen und daher 
fast sterilen Boden West- Honans eine südlich anmutende Fülle mannig- 
facher Kulturpflanzen hervorbringen. ]\ra{s und Kauliang, Baumwolle 
und Jute, Sesam, Indigo und Bohnen werden hauptsächlich angebaut, 
ganze Haine von Porsimonenbäumen (Diospyros), Pfirsich- und Aprikosen- 
stämmchen, Weiden, Pappeln und Ailanthus beleben heiter das Land- 
schaftsbild und ersetzen wenigstens teilweise den nirgends mehr vorhan- 
denen Wald. 

Zwischen dem Wei ho und den jäh abstürzenden, wild zemssenen 
Schroffen des tempelreichen Hwa schan- Gebirges, zu beiden Seiten 
eingefaßt von hochragenden Trauerweiden, führt die breite Karawanen 
Straße, deren Wagengeleisen in Dung kwan die Spui'weite dervon Honan 
kommenden Räder erst angepaßt werden muß, am Fuße der Berge ent- 
lang. An den Wegrändern blühen Tnula briiannka, Zichorien und :Mohr- 
rüben neben den dem Löß eigentümlichen, nirgends im nördlichen China 
fehlenden rosablühenden Winden, hellblauen Sclxwertlilien [Iris ensata) 
und Astern {Aster Mspidm), sowie der kleinblütigen, gelblich wei Ben 
Sfatice bicolor. In den Straßengräben und berieselten Reisfeldern erinnern 

SaXvinia und die vierblätterige 
Marsilia an Europas Wasserflora. Unter dem Schatten mächtiger Celtis- 
oder Persimonenbäume sitzen an Tischen halbnackte Melonenverkäufer: 
mit lang verhallendem „hau hsi kua- bieten sie ihre saftreichen Frucht- 
scheiben an und finden in der Tageshitze auch reiclilich Abnehmer. Der 
wohlhabenderen Bevölkerung entsprechend gehören in den Löß gegrabene 
hnungen zu den seltenereu Erscheinungen meistens zieren saubere 



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Häuser aus festgestampftem Lehm die stets von Sophorabäumen begleitete 
Dorfstraße, deren feinen, alles durchdringenden Staub heftige Regengüsse 
in schwer pa&sierbaren Morast verwandeln können. 

Hinter Hwa tschou wird der Hwa schan niedriger, seine letzten 
lößbedeclcten Ausläufer berühren den die östliche Wand des Tales von 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 221 



Lan tien bildenden Hwan djü (kü) schan, hinter diesem erscheint 
endlich die langgezogene, blaue, im fernen Westen im Dunste des Hori- 
zontes verschwimniende Bergkette des gewaltigen Tsin ling schan, 
auf die der Hwan djü schan rechtwinkelig zu stoßen scheint. 

Auf bogenreicher^ festgefügter, aus Chinas Glanzzeit stammender 
Steinbrücke setzt die Straße bei dem Marktflecken Ba tschiau über 
den das Tal von Lan tien durchströmenden, am Tsin ling-Passe 
entspringenden Pluß, überquert noch ein weiteres Gebirgswasser bei 
Schi li pu und mündet 10 Li später durch das imposante Osttor in die 
alte Kaiserstadt, die ,, westliche Friedensstadt'' Hsi(ng)an fu ein. 

In der Frühe des 16. Juli verließen wir durch das Westtor Hsingan fu, 
bogen noch in der Vorstadt von der nach Kansu führenden Hauptstraße 
ab und wandten uns südwestlich den Bergen zu. Bis Pu yang tse folgten 
wir dem Wege nach der Kreisstadt Hu hsien: da dessen weitere Verfol- 
gxmg zu weit von den Bergen des östlichen Tsin ling abgeführt hätte, 
änderten wir hier die Marschrichtung, eilten dem südlich gelegenen Tempel 
Fu tschü miao zu, überschritten den w^estwärts strömenden Föng 
schui und nächtigten am Fuße der Berge im Tempel des Dorfes Hung 
miao tschönn (521 m, 100 m über Hsingan fu). 

Der Tsin ling schan setzt in seiner gesamten Längsausdehnung ■ 

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scharf gegen die vorgelagerte Ebene des Wei ho- Tales ab, besteht aber 
nicht aus einer einzigen Kette, sondern dem Hauptkamra ziehen 3 
reihenweise niedrigere Bergketten, sowohl auf der Nord- wie auf der 
Südseite parallel, die durch vom Hauptkamme kommende Wasserläufe 
m einzelne Abschnitte zersägt sind. Die dadurch geschaffenen Quertäler 
zeigen infolgedessen einen zickzackaitigen Verlauf, halten aber im all- 
gemeinen die Xordostrichtung inne. Einzelne, durch überragende Höhe 
oder markante ' Felsbildung besonders ins Auge fallende Kuppen oder 
Spitzen sind von Tempeln oder Klöstern gekrönt, die zu gewissen Tagen 
des Jahres das Wallfahrtsziel vieler Hunderte von Pilgern beiderlei Ge- 
schlechtes bilden. Die besuchtesten derselben sind im Gebirge südlich 
der Hauptstadt der Kwan vin- und der Tschi hoa schan, sowie 
unmittelbar vor der Ebene der Da- und der Hsiau wu tai schan, 




letztere Namen wohl ein Aiiklang an die berühmten Heiligtümer in Seh an- 
hsi und T Schill. 

Westlich Hung miao tschönn bezeichnet eine weit in die Ebene 
vorspringende Geröllhalde am Fuße eines spitzen, tempelgeschmückten 
Kegels den Durchbruch und Austritt des Föng ho, dessen Tal sich 
südwestlich zu einem an 3000 m hohen sargförmigen 



ehlängelt. Auf diesen Einschnitt bewegte sieh der Weitermarsch zu. 

Zwischen den Dörfchen Lo han tung und Tching djia tsun 
2^eigtcn sich auf dem mitgeführten Geröll eines seichten Berg^v 




222 



W. Limpricht. 



die ersten Vertreter der' Vorgebirgsf lora, weiße Feder- und blutrote Stein- 
nelken im Verein mit der übermannshohen, weiß blühenden Madeya 
microcarpa. Bei Schian gou (glückliches Tal) tritt ein Wässerchen 
i den Bergen in die Ebene aus. An ihm zieht sich der Weg nach dem 
Kwan yin schan in engem Tale hinauf. 

Hänge und Lehnen beider Talwände sind reich mit mannshohem Busch- 
werk bestanden, aber nur noch wenig Sträucher prangten im Blüten- 
schmuck, vor allem zwei Geißblattaiten {Lonicera) und eine weiße Hij- 
drangea, zu denen sich bisweilen Zwergwachholder gesellte. Unter den 
Krautpflanzen bildeten die ungemein häufige, groß blutige Anemone 
japonica^ feuerrote und riesige weiße Lilien, die orangefarbene Schwertlilie 
Belamcanda, großblütige, blauviolette. Bohnen mit dreizähligen Blättern 
(Pueraria), das fußhohe chinesische Edelweiß nebst roten Schmetter- 
lingsblühern (Lespedeza) das Hauptkontingent der Hochsommerflora. 
Zahlreiche Tempel und Tempelchen standen am Wege, der sich ständig 
in der Xähe dps Wassers hielt. Bei dem Tempel Pu to miao am He 
yü gou kou teilt sich der Talbach, ICol m. Der Tilgerpfad führt links 
zum Passe Hsin ngan ling (1516 m) emj^or, auf dessen Höhe fromme 
Hände den kleinen Tempel Tai pe miao erbaut haben. Der Paßrücken- 
gewährt eine prächtige Aussicht auf den Kwan yin schan- Zug, der 
durch ein Tal getrennt, mit seiner senkrecht abstürzenden, tempelgekrönten 
Pelsenspitze, den zackigen Kalknadeln seines Grates und dem frischen* 
Grün seines Laubwaldes unmittelbar vor Augen des Beschauers Hegt. 
Links von ihm, im OSO, ist ein Teil des Hauptkammes sichtbar, die schroffen 
Felsstürze des Wang hoa schau. 

An den blumenreichen ^Matten der Bergflanken entlang senkt sich 
der Weg allmälüich zur Sohle der Talmulde hinab, überschreitet das im 
Grunde rauschende Wässerchen und steigt durch ilischwald von Birken, 
Eichen und Kiefern in steilen Kehren zur Kammhöhe des Kwan yin 
schan hinan, an der wiederum ein Tempel nebst einem Einkehrhause 
der Pilger harrt. Nun geht man noch 3 Li auf dem Grat entlang, schreitet 
dann durch einen Tempel hindurch und steigt zuletzt auf Steinstufen 
zum höchsten Tempel auf der Felsenspitze, die nach allen Seiten nahezu 
senkrecht abstürzt, 1952 m. 

Insgesamt sind es drei Spitzen, die die höchsten Erhebungen des 
Kwan yin schan bilden; die beiden anderen in nächster Xähe tragen 
ebenfalls kleine, von Kiefern umstandene Heiligtümer auf den Zinnen 
zackiger Felsen, eine Szenerie, die der Chinese über alles schätzt und die 



häufig auf 



ieht, 



daß man sie geradezu als typisch chinesische Berglandschaft bezeichnen kann- 

Zu Füßen des Beschauers im Süden, zieht sich das lange Tal des F ö ng 

schui bis zum Einschnitt des Da tsin ling-Passes am Hauptkamme 



:1 



m 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 223 



hinauf, im Osten treten die Grate und Schroffen des ,, Königs der Bluiiien- 
berge", des an 3000 m hohen Wang hoa schan- Stockes scharf und 
klar hervor: an ihn schließt sich im Südosten eine Reihe grünniattiger 
Kuppen an, die mir die freundliehen taoistischen Mönche als Dj iu ( Tschiu ) 
gö ting, die ,,9 GipfeP' bezeichnen. Über den Einschnitt des Da tsin 
ling hinaus ist die weitere Aussicht leider durch buschreiche Vorberge 
versteckt. Gegen Norden erscheint hinter dem Rücken des vordersten 
Kammes die weite, gelbgrüne Ebene des silbern schimmernden Wci ho, 
aus der im NXO bei Abendsonnenschein das Rechteck der Stadtmauern 
von Hsian f u deutlich erkennbar hervortritt. \'cn den letzten ßerges- 
höhen vor der Ebene grüßt von unten das Tempelchen am Hsin ngan 
ling und von weiter her die Klöster von Hsiau wu tai schan uiul Da 
wu tai schan herauf. 

Am Morgen des 19. Juli begann der Abstieg nach Süden in das Tal 
des Eöng schui, dessen Ufer wir bei dem Dörfchen Hwang tu Hang 
berührten. Die spärlichen größeren Ansiedlungen dieses Tales bestehen 
nur aus wenigen Häusern, meistens liegen die ärmlichen Behausungen 
einzeln in größeren oder geringeren Abständen voneinander unweit des 
Wassers. 

Das haui)tsächlichste Nahrungsmittel der Bewohner ist die Kartoffel; 



hinauf 



Das Material 



^u Gespinsten und Stricken liefert der Hanf, der überall im ganzen Tale 



die Dörfchen umgrünt. In der Umgebung der menschlichen Niederlas 
sungen gewahrt man oft stattliche, breitästige Nußbäume, während die 
Bäume des Flachlandes naturgemäß fehlen. 

Drei geländerlosc Kettenhängebrücken überspannen den Fluß ol)er- 
halbWei tse ping, die letzte unmittelbar vor dem malerischen Felsentor 
Schi yang kwaii, das einstmals noch Menschenhand mit einem mäch- 
tigen, jetzt arg verfallenen Steintor gegen feindliche Angriffe zu verteidigen 
für nötig hielt. 

Gleich hinter diesem Tor liegt das Dorf Kwan schi, von dem^man 
noch 21^ Stunden bis zu der einseitigen Häuserreihe von Lung wuo tse 
zu steigen hat. 

In der ungefähren Höhe von 1650 m betritt der Wanderer das Reich 
der subalpinen Mattenflora; aus dem nun schon niedrigeren Gebüsch leuchten 
die goldgelben Kugelblüten des TrolUus, die rosa Blütenrispen A(^x Astllhe, 
groß blutige, hellrote Federnelken hervor, und auf feuchten Wiesen lugen 



herzförmigen Blätter, 



TT 



Noch eine Stunde steigt der nun einsame Weg an, der jugendliche 



Talbach verliert 



auf 



«nd vor uns liegt der steinerne, würfelförmige Tempel Wo 



224 W. Limpricht, 



miao auf der erdl)eerübersäten Paßliöhe des Da tsin ling, den der 
Volksmund gewöhnlich nm mit dem Worte „Großer Paß", Da ling, 
bezeichnet, 2155 m. 

Der nächste Tag (20. Juli) war der Besteigung einer der höheren, den 
Paß bedeutend überragenden Spitzen zugedacht. Der Kamm des östlichen 
Tsin ling schan ist bis unmittelbar unter die höchsten Erhebungen 
mit dichtem Buschwerk bestanden, unter das sich einzelne Nadelbäume 

r 

mengen. Wege führen von hier auf das Hochgebirge nicht. Unter diesen 
Umständen ist es daher außerordentlich schwierig und zumal bei der 
Steilheit der oberen Hänge nur unter den größten Anstrengungen mög- 
lich, beträchtlich über die Höhe des Da tsin ling emporzusteigen. Vom 
Tempel aus erblickt man gegen Südwesten einen riesigen, trotzig in die 
Lüfte ragenden, unersteiglich scheinenden Felszahn, Wang sso uai, 
nach einem hier verschollenen Wurzelsucher des gleichen Namens benannt. 
Zu seinen Füßen breiten sich saftige, von Felsbildungen durchsetzte :\Iatten 
aus, während dichtes Gestrüpp von mannshohem Bambus oder Weiden- 
röschen {Epilohium angustifolium) die tieferen Lagen bekleidet. Auf 
Anraten des Mönches bahnten wir uns mühsam durch das Buschwerk 
einen Weg und erreichten auch nach mehreren schweren Stunden den 
Fuß dieses Felsens (ca. 25C0 m). 

Die Flora der oberen Matten ist außerordentlich üppig. Türkenbun<l, 
feuerrot und hellgrün, 

themum, gelber Salbei, Primeln, Enziane, blaue und weiße Bergastern, 
hellblauer Mohn [Meconopsis), rote Federnelken in ungeheuren Massen, 
blauer Lerchensporn, strauchiges, weiß blühendes Fünffingerkraut {Poten- 
Ulla fruticosa), schwaraer Germer {Veratrum), Pedicularis, großblütige, 
weiße Waldrebe, Trigonotis, goldgelber Trolllm, schwarze Saussvrea 
und Erdbeeren woben einen Blütenteppich von unvergleichlicher Pracht. 
Die Gebüsche um die Felsen des Kamm^rates bpsondors der Xordseite, 



rosa 



setzen sieh zusammen aus Bambus, Rosen, Weiden, Birken, Fichten und 
fünf nadeligen Kiefern {Phnis Armandi), zu denen jetzt leider verblühtes 
Baumrhododendron Kinzutritt. 

Der Kamm steigt hinter dem Felszahn noch wenige hundert Meter 
empor und trägt weiterhin steinige Grasmatten. Leider verhinderte 
das dichte Gebüsch der Nordseite die Umgehung des Felszahnes und 
somit den Besuch dieses Hochgipfels. 



im 



Rückkehr vom Wans sso nai zum 



tempel keine andere Wahl, als denselben Weg längs des Föng schui- 
Tales wenigstens bis Hwang tu Hang wieder zurückzugehen und dann 
dem Wasser weiter zu folgen. Heftiger, zweitägiger Regenguß ließ uns 

TT i T * .. 

?en des 22. Juli erreichen. Der Kwan 



Moi 



'4. 



4 



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^; 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 225 



yin schan blieb mm weiterhin links, seine gegen das Tal vorspringenden 
Felswände zwangen nochmals zum Übergang auf das rechte Tfer, und 
hier lag bald darauf das Dörfchen Wei tse ping, in dem unsere kleine 
Karawane eine größere Anziehungskraft auf die biederen Gebirgler aus- 
übte als eine gerade gastierende Schauspielertruppe. 

Hinter Wei tse ping teilt sich der Weg bei der Einmüudung eines 
rechten Seitentals. Tn dieses Tal bogen wir hinein und stiegen über das 
Dörfchen Tsin ling auf den Bergrücken, umgingen mehrere Täler an 
üucn oberen Rändern, nnißten aber noch etwas höher hinauf, bis es schließ- 
lich nur einen Li nach dem Dörfchen Lu tsao ping (Strohebene) hinab- 
ging. Doch die Ebene lag noch fern. Noch mußte die Paßhöhe des ,, Hühner- 
kopfes", Tou tschi ling (1249 m), erklommen werden, ehe sich der 
"V^cg endgültig senkte und dann längs eines Wässerchens nach Schi hui 
Vau hinabgekntete. Noch eine letzte Kette hatte der Bach zu durchsägen 
und strömte dann am Fuße des die Höhe der östlichen Talwand beherr- 

J^chenden Klo^^ters Hsiau wu tai schan frei und ungehindert in die 
El>ene aus. 

Hier am Talausgange genau südlich Hsian f u liegt das Dorf Tse wu 
gou. T^e wu t seng ist ein stiller Marktflecken 5 Li weiter in der Ebene 
lind mit dem Südtor von Hsian fu durch eine Straße verbunden, die 
uns über Schia li tseng am Djiau (kiau) ho zur Mittagszeit des23. Juli 
wieder zu unserem fi'üheren Quartier in der alten Kaiserstadt brachte. 

öchon der nächste Morgen sah unsere Karren durch das Westtor 
rollen und den Weg nach Hu hsien einschlagen. Kein Gebirgsbach 
kreuzte die im Zickzack von Dorf zu Dorf tastende Straße. Erst nach 
oO Li setzte eine festgefügte Steinbrücke bei Liang djia tschiau über 
en Pöng ho, der also sämtliche aus den Bergen südlich Hsian fu 
kommende Wasser in sich aufnimmt. Am Nachmittag latigten die Wagen 
^n Hu hsien an. 

in der Tmgebung der Stadt bemerkt man häufig Haine v^on hochstäni- 
öiigem Bambus, der einen vorzüglichen Handelsartikel abgibt und dieser- 
alb gebaut wird, wild aber anscheinend auf der Xordseite des Gebirges 
Glicht mehr vorkomuit. 

Zwischen Hu hsien und Tschou tschi dehnen sich weite Eeis , 
^^voile- Und Jute (Cor chorus capsularis) feldev aus, in den 

orten Lehmmauern, die die Dörfer umgürten, hat sich eine 
e, schon subtropische Formen beherbergende Wasserflora angesiedelt: 
^Vonockuria, Lo.tus, Pfeilkraut und die zweistachelige, eßbare 



f4 




en 



krenul 



^oschl 
dieser < 



Wasse 



^^. .„ Früchte 



Wasserfarne fehlen wohl keiner 



sehr 



edde, Repertorium specierum novarum. Beilieft XIL 15 



>. 



226 



W* Limpricht. 



Zwei Flüsse sind zu überqueren, und dann verkündet eine schöne 
Pagode die Nähe der Stadt 1 schon tsebi. 

Die Gesamtketten des Tsin ling schan weisen südlich der Stadt 
Tsehou tschi, dort wo aus einem langen, die SW — NO-Richtung inne- 
haltendem Tal das Hsie sc hui der deutschen Karte in die Ebene aus- 
tritt, eine Einknickung auf, die das ganze System in zwei verschieden 
streichende Abschnitte zu teilen scheint. Man sieht deutlich, daß die, 
von dem Einschnitt an gerechneten, westlichen, vorderen Ketten ein mehr 
nordwestlich gerichtetes Streichen annehmen, wahrend der im dopi)el- 
gipfeligen Taipai schan kuhninierende, höhere, hintere Gebirgskamm un- 
gefähr die Streichrichtung des östlichen Tsin ling innehält. Wie ich 
mich später überzeugen konnte, schiebt sich in der Tat zwischen den 
beiden Bergzügen die ungefähi' 1500 m hohe Hochebene ein, an deren 
Nordrande der große Marktflecken Tschui tou liegt und die am Tai 
pai schan ihren Anfang nehmend hauptsächlich vom längsten Quellarm 
des Tung ho (Djia (Kia) lin kiang) durchflössen wird. 

+ 

Auf einem Frachtkarren fuhren wir am 26. Juli ,"0 Li in südsüdwost- 
licher Richtung nach Sin kou am Fuße des Gebirges, 743 m, schräg 
an dem Austritt des Hsie schui vorbei. 

Das Tal des bei dem Dörfchen die Ebene erreichenden Baches zieht 
sich wiederum südwestlich hinauf. Nur selten sind einige Häuser den 
Talwänden eingefügt, und der Weg zieht vielfach hoch über dem in enger 
Schlucht rauschenden Wasser an den Hängen entlang. Bei Yien tsung 
ling tse, 1550 ni, beginnt der Anstieg zu dem veraweigten Rücken dc^ 
breiten Tsin ngan pien (1950 m), auf dem der Fußpfad, wie der Name 
ngan pien schon andeutet, eine geraume Weile am oberen Rande der 
Talkessel fast eben entlang läuft. 

Je zwei Herbero;en bezeichnen die Enden der ..Sattelebene", deren 



o 



)f 



Boden trotz der Höhe inmitten der üppigen Vorgebirgsflora stellenweise 
für den Anbau von Kartoffeln und Buchweizen urbar gemacht ist. 

Ein W^sserlauf führt wiederum südwestlich zu einem nun von\\csten 
nach Osten streichenden, flußdurchströmten Quertal, zu dem die Wände 
des Hauptkammes abfallen. An der Einmündungsstelle liegt am Unken 
Ufer des nach Osten zwischen bewaldeten Vorbergen verschwindenden 
Flusses das Dorf Fan djia tai. 



Der Paßweg hält sich flußaufwärts am linken Ufer. Alle ö--G Li 



erscheinen kleine Häusergruppen oder auch nur einzelne Häuschen, sä'ü - 
lieh am linken Ufer gelegen, da die Steilheit der gegenüberliegenden, 
schön bewaldeten Flanken die Anlage menschlicher Behausungen zu ^e 
bieten scheint. Erst Kwang ho erweckt iuit seiner kurzen, doppe - 



teitigeu Häuserreihe den Eindruck eines Dorfes (1482 m); ihm folgt schon 



rf 



1 









Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 227 



I 

in 3-^4 Li Entfernung eine zweite, ebenfalls zu Kwang ho gehörende 
Siedelung, bei der der Weg den Fluß kreuzt. 

Nach einer Stunde mündet von Süden bei Wa dien tse ein Seiten- 
tal ein, das uns zur Paßhöhe fühi'en soll. Die letzten Felder, in dieser 

hm 

einsamen Gebirgsgegend bezeichnenderweise mit Mohn zur Opium- 
gewinnung bepflanzt, verschwinden, die steilen Wände, überreich mit 
Buschwerk und Laubwald bestanden, aus dem häufig ziegelrote, groß- 
blütige Lychnisnelken hervorleuchten, weichen auseinander und machen 
blumenreichen Almen Platz. Erst hier zeigen sich wieder zwei ärmliche, 
halbzerborstene Hütten des stolzenNamens Loyanggung. Der Weg, be- 
gleitet von Storchschnabel, Ehrenpreis, Anemon-e japonica, Astilbe und zarte 
Glockenblumen (x4c?enop7^o>'a), stellenweise von übermannshohem Gebüsch 
unterbrochen, führt in Kehren auf die Einbuchtung des Passes Lao 
djün (kün) ling, des ,, alten Kaiserpasses''; eine Kapelle und eine 
Stcintafel bezeichnen wie gewöhnlich das Ende der Steigung (2390 m). 
Auch hier trägt der Kamm noch niedrigen Laubwald^ der erst weiter- 
hin nach dem unfernen Kwang tung schan zu, weite Grasmatten 
freiläßt. 

Meine Absicht war es, hier, wo es sich mühelos bewerkstelligen ließ, 
noch höher hinanzusteigen, um die alpine Flora kennenzulernen, doch 
not das Tempelchen nicht Platz genug für die Menschen und die Trag- 
tiere. Auch war kein Wasser vorhanden. Da aber auch auf der Abstiegs- 
^^ite, ebenso wie an den Nordhängen, in geringem Abstände von der Paß- 
höhe je eine kümmerliche Strohhütte für Holzfäller errichtet war, stiegen 
^'ir die 4 Li hinab, und ich wanderte allein zum Lao djün ling zurück. 
Von dem ich mich nordwärts der den Paß überragenden Kuppe zuwandte. 
Von dieser Kuppe senkt sich ein schmaler Grat etwas hinab und steigt 
dann wieder zum langen, flachen Gipfel des fast 3000 m erreichenden 
Kwang tung (tou) schan an. Mangel an Zeit und plötzlich ein- 
setzendes Unwetter gestatteten mir nur bis zum Anfang des Ver- 
^indungsgrates zu gelangen {2600 m). 

Die Kuppe selbst und der von ihr zum Kwang tung schan sich 

l^mziehende Felsengrat weisen noch reichlich Xadelwald, Fichten und 

funfnadelige Kiefern, untermischt mit Birken und Bambus, auf, unter 

denen aber auch schon, wie an den anderen heute noch bewaldeten Wänden, 

le Axt des Holzfällers ihre traurige Arbeit zu verrichten beginnt. Die 

attenflora ist hier viel arten- und auch individuenärmer als weiter östlich, 



Auch das von der Südseite des Passes 



2600 



t^uien Lauf im Grunde eines prächtigen, mit Mischwald bestandenen 
Tales nach Südwesten. Nach 



ungefähi 



überquert die rechte Talwand und senkt sich zum Dorfe Tschen ku wan 



15 



228 ' W. Limpricht. 



hinab.. Blauer Ritterspoiii und ein stattlicher gelber Senecio schmücken 
das oft aus Haselnuß sträuchern und CepTialotaxus-'Bhumchen zusaminou- 
gesetzte Buschwerk des neuen Tals, das seinen kurzen, südsüdwestlichen 
Lauf schon nach 8 Li beim Herannahen des wasserreichen Da vü ho 
beendet. Wenige Minuten unterhalb der Einmündungsstelle steht das 
Dorf Ba tu ho. 

Der hier genau nach Süden, strömende, vom Kwang tung schan 
herabkommende Fluß biegt bald darauf halblinks ab und verschwindet 
in enger Schlucht. Der Weg setzt über einen seiner rechten Nebenbäche 
und folgt dann dem Laufe des nächsten aufwärts. Nur zweimal finden 
die schwerbeladenen Baumwollträger Gelegenheit, sich im Schatten Ton 
Häusern auszuruhen, ehe sie mühsam die steile Höhe des Schi tou ling 
{Steinkopf paß, 1877 m) erklommen haben, wo sie sich in den Herbergen 
von Schi tou pu die für den Weiterraarsch so. nötige Stärkung holen 
sollen. 

Der Schi tou ling, ein vom nahen Tai'pai schan herab- 
kommender Rücken, der den Da yü ho zum Ausbiegen nach Südosten 
zwingt, bietet prächtige Aussichten auf den nördlich vorgelagerten Hoch- 
gebirgskamra des Kwang tung schan und den rechts von ihm be- 
findlichen, duich die von mir besuchte Kuppe getrennten Lao djuen 
ling, der von Nordosten herübergrüßt. 

Der Abstieg führt in das weite, von Hügeln durchsetzte Tal eines 
kräftigen, wiederum. von Westen nach Osten fließenden Wassers: hier 
liegt das Dorf Tai mang ho, 1430 m. 

In dem Orte machte sich die Nähe de-'? als Räuberschlupfwinkcl^ 
bekannten und berüchtigten Tai pai seh an unliebsam bemerkbar. Zu 
meiner negativen Freude wartete die ganze wehrfähige ^Mannschaft des 
Dorfes unter reichlichem Alkoholgenuß und dadurch bedingtem Lärii^ 



auf 



diesen 



Abend schon anderweitig zugesagt hatten. 

Meine bisherigen Wanderungen im Ts in ling schan hatten mich 
noch nicht mit wirklicher Hochgebirgsflora in Berührung gebracht. Daher 
war es meine feste Absicht, von Tai mang ho aus den Versuch zu wagen, 
auf den zweifellos höchsten Pmikt des Gesamtsystems, den für heilig 
gehaltenen Tai pai schan zu gelangen. 



auf 



Bei den letzten Häusern von Tai mang ho überspannt eine gute, 
überdachte Holz brücke den weißzischenden Fluß; der Weg entfernt sich 
langsam vom Wasser und mündet schon nach 5 Li in die Dorfstraße von 
Lao tschang am Fuße der rechten Talwand ein, deren Höhe nach 



wunaen wn^. i^^^^ 



i:-^ 



^. 



halbstündiges Emporsteigen zu der westlich über den Paß ragenden, 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 229 



bambut^bewachsenen Kuppe zeigt, daß der Rücken den annähernd westlich 
liegenden Tai pai schan oder einen seiner Ausläufer berührt, gewähi't 

fr 

aber vor allem Aussicht auf den Hauptkamm, der sich vom Tai pai 
schan über den KAvang tung sghan und den Lao djün ling (0X0) 
weiter nach Osten hinzieht. 

■ Steil geht es nach Ho tsen tse hinab, das wiederum am linken' 
Ufer eines wasserreichen, hier von Südwesten nach Nordosten strömenden 
Flusses, des He ho, liegt. Unmittelbar hinter dem Dürfe mündet ein 
beinahe ebenso kräftiges Wasser ein. An ihm führt ein schmaler, stellen- 
weise auf losen Baumstämmen um die Felsen gelegter Fußpfad auf wärts- 
Dünne Baumstämme, die emmal unter mir über dem reißenden Fluß zu- 
sammenbrachen, dienen als Brücke, deren letzte hinter den zerstreuten, 
ärmlichen Strolihütten von Ho goü li in ein Seiteutal hineingeleitet. 
Dichter Urwald, oft Birken und Ahorne mit spärlichem Bambus als Unter- 
holz, überaieht die Berghänge, selten verrät eine Rodung das "\'orhanden- 
sein meist kretinierter, durch Kropf entstellter Zwerge, wie sie in einsamen, 
entlegenen Hochgebirgsgegenden Chinas so oft angetroffen werden. In einer 
solchen Lichtung haben taoistische Mönche den kleinen hölzernen Tempel 
Wan schüen gou (2180 m) erbaut, die letzte menschliche Behausung 
vor den Tempeln des Tai pai schan. 

Steil steigt der Pfad durch dichten Urwald auf die Höhe des Berg- 
rückens, umgeht durch Tannen und Baumrhododencben den oberen 
Rand des Talkessels und erklimmt den nächsten Rücken, um an dessen 
Flanken bis zu einer zerfallenen Holzhauerhütte weiterzuführen. 

Pfingstrosen {Paeoniä), Heidelbeeren (Vaccinium), das Wintergrün 
{Pirola) mit seinen netzartigen, lederhaiten Blättern weichen Rittersporn, 
Elsenhut und einem Senecio; auch diese verschwinden, statt des Nadel- 
Waldes erscheint ein dichter Gürtel übermannshoher Baumrhododendren 
(SOOO m), in deren Gewirr von Felsblock zu Felsblock gesprungen werden 
"luB. Hurtig eilen hellbraune Steinhühner durch das Dickicht, unerfahren 
oft nahe am Fuße der Menschen vorbei. Einzelne Silbertannen über- 
ragen das Alpenrosengebüsch: auch sie treten höher hinauf nebst ihren 
Begleitern zuilick, und pjächtige Bestände von hellgrünen Lärchen nehmen 
ihren Platz ein. 

Eben führt der Steig über sumpfige- Wiesen durch die Lärchenzone, 
und nun liegt der Tempel Yüo wang tsche (See des Medizinkönigs) 
mit seinen Nebengebäuden vor uns (3300 m). 

Ungemein reiclihaltig ist die Mattenflora. Viele Arten weisen auf ihre 

Herkunft aus den tibetischen Grenzlanden hin, jedoch ist die Flora der 

Vu tai schan-Ketten merkwürdigerweise nm' sehr sparsam vertreten, 

wofür vielleicht das andere Substrat, der Granit, die Ursache ist. Neben. 

hellgelbem mid lichtblauem Enzian bilden die weißen Sterne der Ammom 



230 W. Li mp rieht. 



-ß 



gt 



Felsstürzen abbrechenden Rückens. 

Die Granitblöcke des nach dem Giirfel hinziehenden Kars lösen die 
Matten ab. Drei dunkelblaue Bergseen, stufenweise durch Schutthalden 
getrennt, lassen das Vorhandensein eines früheren Gletschers veruiuten. 
Jeder dieser Seenliat einem an seinen Ufern erbauten taoistischen Tompol 
den Namen gegeben. Der erste derselbeii, Yü hwang tsche (See des 
Himmelskaisers, 3442 m) liegt wenig tiefer als der nächste, Sanye hai 
(See des dritten Gebieters), und wiederum von diesem zum dritten und 
letzten, Örl lao hai, beträgt die Steigung höchstens 100 m. Vom obersten 
See erreicht man in einer halben Stunde den Tempel Ba hsien tai 
(8 Götteraltäre) auf dem höchsten Punkte des Tai pai schan-Gipfels 
(schätzungsweise 3500—26(0 m)*). Die Steineinöde des Tai pai schan- 

w 

Kars, des einzigen des gesamten Tsin ling schan- Systems, hat 
gerade deswegen eine reiche Hoehalpenflora avifzuweisen, die mannig- 
fache Anklänge an Osttibet zeigt. Die schönste Zierde der Grasflecke 
zwischen den Granittrümmern bildet die tiefblaue Siveertia bifolia neben 
hellblauem Meconopsis und rötlichem Pedicidaris. Drei gelbe Steinbrech- 



arten, ein winziger Hahnenfuß, gelbe Draba, dunkelbaue Astern und um 
den Gipfel die prächtigen, sattgelben Blüten des hier zwergigen arktischen 
jNFohns {Paj)aver nudicaule) sprießen aus den Ritzen des Gesteins, während 
Orchideen und Edelweiß fehlen. Die häufigste Pflanze ist das blaue 
Oxytropis monicma, gewissermaßen die Charakterpflanze des Tai pai 
schan-Rückens, in deren Gesellschaft oft blauer und gelber Lerchen- 
sporn auftreten. 

\'on der höheren Tierwelt habe ich außer den schon erwähnten hteui- 
hühnern nichts bemerkt, doch sollen nach xVussage der Mönche sch«ar/.e 
Bären, Leoparden, Wölfe. Füchse, Dachse, Rehe und Wildschafe öfters 
vorkommen. 

Das Takin {Budorcas}, die Serowantilopc [N emorrhoedus) und der 
Coral {Urotragus galeaniis), typisch westsetschwanesische Relikten- 
formen, fehlen nach Berichten englischer Jäger diesen Gebieten eben- 
falls nicht. 

Au r3 erordentlich steil fällt der Gipfel Ba hsien tai nach Norden ab. 
Schräg gegenüber (XW) ragt ein etwas niedrigerer Gipfel empor: zu ihm 
zieht sich ein schmaler Felsgrat hinüber. Sonst bleiben alle Kuppen nnd 
Spitzen, soweit das Auge reicht, bedeutend hinter ihm zurück. Ein Fuß- 
pfad führt über den Grat und dann an den Hängen des ZwiUings^berges 
nach Mei hsien in der stellenweise sichtbaren Wei ho-Ebene hmab- 



"*) Nach A. de Sowerby: Für and feather in North China, Tientsin 191-^ 
ist der Berg 12000 engl. Fuß hoch. ' 



;^ 






^^■ 



- L 4 , 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets, 231 



Nach Westen setzt sich der Kamm .in den breiten, trümmerbesäten 

■ 

Rücken Pao ma Hang fort, senkt sich nun etwas, um nochmals zur 
Höhe d^s Hsi tai pai schan anzusteigen, hinter dem der Kamm all- 
mählich abflacht. 

Zwischen den beiden Hauptspitzen nimmt das Tal seinen Anfang. 

das sich weiterhin zur Hochebene von Tschui ton verbreitert. 

Um nicht denselben erbärmlich schlechten Weg nach Ho tsen tse 
wieder zurückzugehen, wählte ich den Abstieg nach ]Mcn schang unweit 
Fu ping ting. Tch hatte es nicht zu bereuen. Der schmale, aber gut 
gehaltene Pfad schmiegt sich zuerst dem breiten Kammrücken Pao ma 
Hang an, bietet von hier reizende Ausblicke auf das Felsenkar und die 
drei dunkelblauen, zu Füßen des Beschauers ruhenden Seen mit ihren 
Tempeln, überwindet sanft ansteigend einige Kuppen und führt dann 

■ 

auf einem Querrücken rascher abwärts. 

Vielfach stehen auf dem Kamme kleine, halbzerfallene, unbewohnte 
Tempelchen: Papierfetzen an Stöcken oder Räucherstäbchen, auch auf- 
einandergeschichtete Steine geben dem Pilger im Xebel die Richtung an, 
ja auf der letzten Anhöhe des Pao ma Hang starrt ein ganzer Wald 
aufrecht gestellter, länglicher Steintrümmer gen Himmel. 

Nach dreistündiger Wanderung erscheint der Holzterapel Tsiang 
djün tse, im herrlichsten Lärchenwalde versteckt, 15 Li später Pu ssa 
tljing auf grasreicher, polemoniumübersäter Lichtung, und dann Liu 
kwan tai am unteren Ende der Lärchenzone. Der Pfad verläßt den 
zum Da ho abfallenden Rücken und senkt sich links steil in ein felsiges, 
bewaldetes Tal hinab, dessen Wasser ebenfalls dem Da ho zustrebt und 
3 Li unterhalb des Dörfchens INIeii 'schang in den nach Nordwesten und 
Westen strömenden Fluß einmündet. In diesem Tale liegt 8 Li oberhalb 
^Men schang das ummauerte, stille Städtchen Fu ping ting, IS.")!) m 
(130 Li A-om Bahsien tai), wo ich nach insgesamt viertägiger Bergwanderun 
eintraf. 

Wir gingen nun wieder nach Men schang zurück (3. August). Der 
Hauptweg setzt hier auf einer guten Brücke über den Da hu und führt 
dann über Hwa yang ying weiter nach Yang hsien auf die große 

e vom Yangtse bei Hahkou nach Han tschung fu am oberen 




Straß 

H 



We 



für Tragtiere unpassierbar. Wir mußten also von jetzt ab, unser Gepäck 
Kraxenträgern anvertrauen. 

Auch das Da ho- Tal ist nur spärlich bewohnt. Bisweilen zeigen 
«ich einzelne Häuser in der Nähe des Wassers, meistens aber fehlen mensch- 

J 

rf^t^■ rliniif^G T^ncnli w/^t^It nflf^v aiipb Niidelwald bekleidcu 



.ausun 



die st<-ilen Wände des einsamen, wildiomantischcn Gebirgstales. Eine 
Herberge, Djiä tou ping. erscheint erst nach vierstündiger Wanderung 



232 W. Limpricht. 



auf schmalem, stellcnvvciöe lebensgefährlichem Fußi^fad. Seitentäler 
müssen in großen Bogen hoch über dem Fluß umgangen werden; daher 
hat man nach mehreren Stunden nur die Avenigen Li zurückgelegt, die der 
Fluß In kurzer Zeit durcheilt. Hinter Hwang bei yüen unterhalb 
Da ho tai fließt das Wasser in enger Klamm. Der Weg ist daher ge- 
zwungen, 400 m an den Talwänden emporzusteigen und in Schleifen die 
oberen Rander der Seitentäler zu überwinden, eine Landschaft erhabenster, 
titimmungsvollster Großartigkeit, zumal wenn an den Kämmen und Graten 
der gegenüberliegenden vom H^iau djen ho durchsägten Höhen XebeL 
Schwaden vorüberziehen. 

Endlich geht es wieder hinab zu den zwei Häusern von Pu tou gou, 
aber nur, um am nächsten Morgen wieder über eine Stunde anzusteigen 
und dann nach dem Haus Hsiau djen kou am rechten Da ho-Ufer 
hinabzuführen. Dasselbe Spiel wiederholt sich bald darauf. Wiederum 
läßt die Enge der Schlucht keinen Platz für den Pfad; die abschüssigen 
Wände der Klamm müssen oben umgangen werden, und erst dann senkt 
sich der Weg von neuem zur Talsohle. Bei Lao ba sollten wir, um nach 

r 

dem Dorf Kwaii jnn tsia des gleichnamigen Bezirks zu gelangen, das 
Wasser überschreiten. Jedoch hatten die Regengüsse der letzten Tage 
den Fluß derartig ansehwellen lassen, daß an ein Durchwaten gar niclit 
zu denken war, und einige Tage warten wollte und konnte ich nicht. 

Auch an das andere Ufer des bei Lao ba einmündenden rechten 
Nel>enflusses zu kommen, war uinuöglich. Es blieb uns also keine andere 
Wahl als in dem Tal dieses letzteren so hoch anzusteigen, bis der niedrigere 
Wasserstand einen gefahrlosen Übergang zulassen würde. Allein schon 
im ersten, bereits zum Bezirk Kwan yiu hsia zählenden Dorfe Gao 
tscho niiao erfuhren wir, daß der Talweg über einen großen Paß nach 
Paudji (Pauki), unserem Endziele, führen sollte. Ich gab also den 
Plan, über Kwan jin hsia und den von Richthofen begangenen und 
beschriebenen Eöng ling nach Fönghsien zu reisen, auf und beschloß, 
mich dem neu gefundenen Wege anzuvertrauen. 

Wohlgepflegte Bambushaine oder Maisfelder mit ihren Hütten für 
die Wächter während der Xacht ziehen an den Hängen hinauf, wenn nicht 
dichtes, in violetten Trauben blühendes StrauchAverk (BwhUeia) die 
Böschungen verziei-t. Ma dj ia pa i.st eine einsame Herberge am Unken 
Bachufer, eine halbe Stunde vor den verstreuten Häuschen der gleich- 
namigen kleinen Ortschaft, oberhalb deren das Wasser endlich, wenn 
auch unter vieler Mühe, durchschritten werden konnte. 

An beiden Ufern führt der Weg nun aufwärts. Bei dem stattlichen 

ho kou teilt aich das Wasser. Der stärkere Arm kommt 

L 

von Osten, also vom Tai pai schan, der schwächere von Nordnordwest. 
An diesem wanderten wir in engem, schwach besiedeltem Waldtal 10 U 



y 



[-^ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 233 




bis zu dem einzelnen Hause Yie do tscha aufwärts, wo sich der Bach 
teilt. Steil steigt der Pfad den die Wässerchen trennenden Abhang empor, 
biegt nach Westen ab und erklettert hinter dem höchst gelegenen letzten 
Hause Sse tai tse den Höhenrücken, an dem er nun nordwärts 
entlang streicht (2200 m). 

Da der vom Tai pai schan kommende Bergzug sich hier in einzelne 
kurze Äste auflöst, zieht der Fußpfad von Kamm zu Kamm an den oberen 
Tah'ändern entlang, verläuft also trotz der insgesamt nördlichen Pachtung 
in Schlangenlinien, was im A^ereiu mit der abwechselnden Steigung und 
Senkung die phantasiereichen Chinesen zu der treffenden Bezeichnung 
Tschi kwan Hang (Hahnenkammbalken) veranlaßt hat. 

Die uns nun schon bekannten Vorgebirgspflanzen wie TrolUus, Anemone 

Parnassia Wighiiana, weiße, braunpunktierte Glockenblumen, 
gelber Scnecio, blauer Salbei, Weidenröschen und Zwergbambus schmücken 
auch hier wieder die obersten Grate des tiefer unten stark bewaldeten 
Berglandes, das in seinem letzten Teil schöne Ausblicke auf den breiten, 
trümmerreichen, unserem Riesengebirge täuschend ähnelnden Tai pai 
schan-Kamm bietet. 

Keine menschliche Behausung auf der ganzen 4^/2 Stmrden bean- 
spruchenden Bergwanderung gibt Gelegenheit zum Unterschlupf bei 
heraufziehendem Unwetter, nur einmal steht als Erinnerung an frühere 
Ansiedler eine Kapelle unweit der Reste eines Holzhauses. 

Bald nach Überwindung der höchsten Stelle (2400 m) senkt sich der 
Pfad dauernd und fällt nördlich zu Tal; in dessen Grunde dienen zwei 
^um Bezirk ^iuo pan gou gehörende Herbergen als Rasthäuser für die 
^iber den Paß eilenden Kulis. Das Dorf Muo pan gou Hegt noch 20 Li 
abwärts an der Einmündung des am Tschi kwan Hang entspringenden 
^^ assers in den bei dem Ort nordsüdlich vorbeischäumenden Fluß, 

^fno pan gou (Ko) (Mühltischtal, 1708 m) besteht aus zwei Teilen, 
arallel dem Bach zieht die eine saubere Dorfstraße zwischen hohen, 
^ eilen Felswänden am linken Ufer hinauf; dann weichen die Felsen aus- 
einander, das Tal biegt nach Osten um, von Norden fließt ein Wässerchen 
l^^^^zu, dessen rechtes Ufer die Häuserreihe des anderen Teiles begleitet. 

Oer stärkere Bach, vielleicht der Tai pai ho der deutschen Karte, 
'oaimt vom Tai pai schan herab, das Tal des kleineren Seitenbaches 

t anfangs zwischen hohen Felsen nach Norden bis zu einem natür- 
i^hen Tor hinauf, hinter dem sanft geneigte Matten allmählich höher 



hinauf 



geleiten. 



ache, mit üppigem Graswuchs ausgekleidete Mulden, längs der 

aehufer Gesträuch, so fordert die Landschaft stark den Vergleich mit 

Oden Hochsteppen des tibetisch- chinesischen Grenzgebietes nord- 

^vestlich Ta t.-ien lu h 



eraus. 



^ 



234 W. Limpricht, 



*t- 



Kui-z vor den sumpfigen Quellwiesen des Talbaches biegt der \V('g 
rechts ab. Die Kapelle Tai pai miao bezeichnet die Übergangsstelle 
über de]i Kammrücken zwischen Tai pai schan und Tien tai schan, 
den Feng schu ling. 2100 m, unterhalb dessen die zwei Hiiuser von 
Lao lung kou bald erreicht sind. 

Der Abstieg führt weiter nach Norden. Tn einer halben Stunde sind 
die paar Häuser von Da kw^an tse durcheilt. Der rechts aus den Bergen 
kotnmende Flu(.^ wird durch einen vorspringenden Bergzug zu einem Bogen 
gezwungen, und der Weg muß nochmals hinauf, um diesen Höhenzug 
zu überwinden. Auf der Abstiegsseite bezeichnet das Dorf Hsiau kwaii 
tse den Anfang der nur 10. Li breiten Hochebene, die im Norden duicli 
neue Ketten abgeschlossen wird. An ihrem Fuß liegt der Marktflecken 
Tschui tou (Pfriemkopf), in der Gegend der bedeutendste Handelsplatz. 

Schon 5 Li nordwestlich Tschui tou ist die Höhe des ersten Berg- 
zuges erklommen. Tschi li tse liegt jenseits im Talgrunde, dessen Sohle 
sich der Weg zunächst einfügt, um dann sanft ansteigend über Wiesen 
dem Einschnitt des Tsin Ung-Passes (2086 m) zuzustreben. 

Das nach Norden von der Paßhöhe abfließende Wasser tritt bei 
Schan men kou in die Ebene gegenüber dem Zusammenfluß von 
Djien yang ho und Wei ho aus. Wir wandten uns zuerst nordwestlich 
und gingen dann parallel dem Wei ho über ]\la ying tschönn nach 
Paudji (Pauki). 

Da mich der Dienst nach Tientsin zurückrief, reiste ich im Karren 
zwischen Feldern im Löß über Föng tsiang fu und Wu kung nach 
Hsi an fn zurück. Ein Karren brachte mich auch wieder nach Kwan 
yin tang zur Bahn und am 25. August langte ich über Peking an memem 
Ausgangspunkt Tientsin an. 



Flosa des Tsin ling schan. 

Der Tsin ling schan, die Wasserscheide zwischen Hwang ho 
undYangtse, ist die östliche Verlängerung der Südkukunor Gebirge 

luid gehört somit zum System des Kun lun. 

Nach Norden fällt er steil zur Lößebene des Wei ho-Tales ab, 
nach Süden geht er mehr allmählich in die Bergwelt um das ol>ere Han- 
becken über, dessen Südrand der ebenfalls zum Kun lun-System ge- 
hörende Zug des Ta pa schan undKiu tiau schan bis zum Vangtse 



in die Gegend von T tschang begleitet. 



das wilde 



Kalkgebirge des Hwa schan bis zum Hwang ho-Knie bei Dung 
kwan ting, am jenseitigen I^fer des Hw^ang ho treten die Bergzuge 
der Provinz Schanhsi an den Fluß heran, die im großen (Da) >>^^ 
tai schan kulminieren und sich in Tschili im kleinen (Hsiau) 



i'j 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 235 



tai schan, dem Nankou- Gebirge und den Bergen von Jehol bis 
zu den Chingan-Ketten und den sibirischen Gebirgen fortsetzen. 

r 

Es ist daher nur natürlich, daß der Tsin ling schan noch eine Reihe 
von Typen mit den nordtibetisehen Gebirgen gemein hat und Piels hat 
zweifellos recht, wenn er ,,die stark westlichen Züge der liochalpinen 
Flora des Tsin ling schan'' mit Nachdi^uck betont. Anderseits aber 
beherbergt das Gebirge eine Anzahl mandschurischer Formen, die es 
mit den beiden Wu tai schan- Gebirgen teilt und die vielleicht von 
diesen auf dem angedeuteten Wege hierher gelangt seni dürften. 

Papaver midicaule, in Osttibet fehlend, aber vom Tien scha n , 
dem Da und HsiauWu tai schan imd Bo hua schan l^er bekannt, 
Sidum alyidmn, hnpatiens noli tangere] Cam%tanuJa 'pvncfata und Pedi- 
rulans resupinata sind Pflanzen mandschurisch- sibirischer Herkunft, die 
dera Tsin ling schan noch eigen sind, aber nicht mehr in die Gebirge 
Osttibets vordringen, andere wiederum, wie Allium cyaneum, Saxifraga 
Hircnhs^ Pleurogync carinthiaca^ GeTitiana detonsa und Pedicularis labellaia 
benutzen den Tsin ling schan als Brücke für ihr Vordringen nach 
Norden, dem bei einigen Arten, wie Allhim cyaneum und Pleurogyn-e curin- 
thiaca^ allerdings schon im Da Wu tai schan Halt geboten wird. 

Der überwiegenden Mehrheit nach gehört aber die hochalpine Pflanzen- 
welt des Tsin ling schan sicherlich zu Kansu und dem Ku ku nor- 
Gebiet; für viele mittel chinesische Arten, auch für Bambus und Ce- 
V^olotaxm Fortwiei ist das Gebirge die Nordgrenze,- für die Steppen- 
pflanzen der nördlichen Lößebene die absolute Südsrenze. 




n außerordentlichen Formenreichtum erreicht die Gattung 
'ideriopJiora. Aus dem Wirrwarr der Formen, die von den meisten Autoren 

m 

m verschiedener Weise zusammengezogen wurden, kann man nur durch 
die Aufstellung kleiner Arten herauskommen. 

Von der subalpinen Flora des Tsin ling schan sammelte ich 
folgende Arten: 

Armandii^ Cephahfaxus Fortnnei, Spiraea japonicih Kenia 
Jcipo7itca^ Hydrangea BretscJmeideri, Zizwhus sativus, Clerode^yhon foetidum 



nus 



fl 



^e, Ltgustrum Q 



Ferner: Veratrum nigrum, Allhim condensatum und odonm, Liriope 
9'^<^rmmfolia, Ulnmi Broivnn, Fargesii und das leuchtend rote sutchm^nevse, 
^^nierocalUs fulva, Aletris japonica, Belamcanda ckinensis, EpipacHs 
^ch^nsiarha und das überall häufige Hermrnium Monorchis, Pohjgonum 
^ütum und Bistorta, Dlanthus chinensis und superbus, Lychnis Senno, 
ncubalus baccifer, Silene Fortimei und (oben) tenuis.Gypsophila amüfoUa, 
^^ashnm caespitostim, Anemone japonica (gemein) und rivularis, Del- 
P^^^nintgramUflm'tfm^ Cimidhiga foelida, Thalicfrnm PrzevxiUUi, TrolUus 



236 W. Limpricht. 



y iinnaihensis (von IGOO n\ ab), Clematis Fargesii und panicidüfa, Madeya 
mia ocarpa, Meconopsis pnnicea var. LimpricJitii, Corydaiis curviflora, 
Potentüla davurica, Sorbaria sorbijolia, Agrimonia EvpcUoria, Sedum 
hybridum und häufiger dr ymarioides , Pueraria Thunbergiana, Lespedeza 
formosa, LcUhyrus praten&is und Astragalus Henryi, Rodgtrsia aescuUfolia, 
Astilbe Davidi, Parncssia Wightiana var. ornata, von 1700 m an, Geranium 
rmpidigerum, Linum stellerioides, Impatieiis noli längere, Hypericuvi 
chinense, Epilobimn indicum^ Campamda punctata, Aden-ophora liliifoUoides 
und petiolafa, Trigoiioüs pedtincularis, Craivfnrdia fasciculafa um Bambus 
windend, Gentiana mdcrophylla häufig, detoiisa und die Varietät Stracheyi, 
Halcnia eUiplica var. grandiflm'a, Salvia Maximowicziana, Phlo^nis 
megalantha, - Origanum vulgare, Sipho nostegia cliineiisis, Pledranthus 
ramosiis, Orobanche coerulesceiis, Mclampyrum roseum, Euphrasia tatarica, 
PediculaHs resupinata und spicata, Dipsacus asper, Triplostegia glandu- 
lifera, Pabinia rupestris, Valeriana officinaUs, Paederia ionientosa, 
Rubia cordifolia, Leptodermis oblong a, Erigeron acer, Achülea cartilaginea, 
Lactuca elegans, Aster Giraldii \xn(\,trinirvius, Chrysanthemum PaUaslanum, 
Saiissurea aegirophyUa^ japonica und pdostegia, Anaphalis pterocauhn, 
Senecio jesoensis var. sutchuenensis, Przewalskii und tanguticu^, Carpesimn 
eximium und Leontopodium japonicum. 

Primula, Androsace und Pheum waren schon verblüht. 

Außerdem auf den Matten der Lärchen- und Ehododendronzone, 
den Karen und dem Gipfel des Tai pai schan: Carex atrata subsp. 
pullata var. sinensis, Juncus luzuliformis und Przetcalshii, Allium lansnense, 



ß 



Arhemo 



4 



/?wa, Aconitum rotundijolium und Kus}ietzoffii, Meconopsis quintupUnenns, 
Draba Ladyginii, oreades var. chinensis, Cardamine macrophylla, Melan- 
dryum apetalum, Cerastitim arvense und jimbriatnm, Rosa tsinlingensis, 
Oxytropis montana, Sedum algidum, Astilbe Davidi, Saxifraga gemmigera, 
Giraldiana var. Biondiäna^ Hirculus, melanocentra, pseudohirculus var. 
shensiensis und sibirica, Pimpinella silaifolia, Bupleurum longicauk, 
Pleurospermum Franchetianum und Limprichtii, Parnassia Delavayi var. 
brevisiyla, rumicifoUa, Circaea alpina, Epilobium laetum, Omphalodes 
Irichocarpa, Rhododendron fastigiatum, Pirola rotnndifolia, Primula Giral- 
diami,Graivfurdia fasciculoia, die prachtvolle, dunkelblaue >Su;eeWia hifoha^ 
Gentiana crassuloidcs, detonsa, detonsa var. Stracheyi, hexaphyUa und 
tsirdiiigeyms, Codonopsis tsinlingensis, Adenophara tsinlingensis, Poh- 

im coeruleum^, Veronica alpina, Pedicidaris chinensis, decora, niit 
1 gelben Blüten ein schöner Schmuck der Rhododendronzone. P- 
liana, labellata, mu^cicola im Moose der Lärchenzone, und vertidUata, 
s Hookeriana, Aster Helerochaeta und Saussurea acromlina^ 



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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 237 



B. Die Wu tai schau -Ketten, 

Die große Ebene Xordchinas, in der die Eisenbahn Peking — 
Han kou läuft, wird im Westen durch hohe Gebirge begrenzt, die 
man, seit R ichthof en, mit „nordchinesischer Gebirgsrost'' 
bezeichnet. 

Lange Parallelketten beginnen in dem Winkel des Hwang ho bei 
Dung kwan ting, da wo die große Straße nach Turkestan über 
Hsi ngan fu den Flußlauf verläßt, und ziehen in der Richtung Süd- 
west nach Nordost, also in sinischer Richtung, an Peking vorbei, um 
in der Gegend des Wei tschang, der alten kaiserlichen Jagdgründe, 
hinter Jehol, an das Chingan- Gebirge anzuschließen. 

Diese Bergketten, deren früher völkertrennende Bedeutung durch die 
auf ihren Höhen stellenweise hinziehende große Mauer in helles Licht 
gerückt Avird, bilden die Grenzscheide zwischen den reich bebauten Ebenen 
von Ischili und Honan gegen die ärmeren, mehr steppenartigen Gebiete 
von Schanhsi und Nord-Tschili. 

Da die höchsten Erhebungen dieser Ketten den Namen Wu tai 
schan tragen, dürfte es sich vielleicht empfehlen, den Namen Wu tai 
schan auf das gesamte Kettensj'stem vom Hwang ho- Knie bis an 
das Chingan- Gebirge zu übertragen. In Schanhsi ist der Da Wu 
tai schan, in Tschili der Hsiau (Sioll) Wu tai schan der höchste 
Gebirgsstock, an ihn schließt sich über den Schi ba pan das Nankou- 



bebirge an, das zwischen Kaigan und Peking in dem bekannten 
Aankou-Passe überschritten wird, dann folgen die Pekinger West- 
berge mit dem Bo hua schan und Miao fong schan, und schließ- 
heh der Wu ling ^chan im Bannwald der östlichen Kaiser- 
gräber im Jeholer Bezirk, dessen Berge mit dem angeblich über 3000 ra 
messenden Pe tscha in das Chingan- Gebirge übergehen, das als 



v:rrenzgebirge zwischen Mandschurei und Mongolei nach Sibirien 
heiter nord^värts streicht, 

a) Der ,,große'- oder „Da" Wu tai schau in Schanhsi. 

Meine erste Reise (1912) nach dem kleinen (Hsiau) Wu tai schan 

endete in Leang kou tschwang bei den Hsi Hng, den westlichen 

aisergräbern der zuletzt herrschenden Dynastie. Leang kou 

tschwang ist mit Kao pe tien, einer Station der Peking— Hankou- 

ßahn durch eine Zweiglinie verbunden. 

In dem Lamatempel des Ortes schlug ich für einige Tage das Ständ- 
ler auf, fuhr noch einmal einiger Besorgungen wegen nach Peking 



^^d kehrt 



eise 



g kou tschwang zurück, um Tragtiere für die 
großen Wu tai schan zu mieten. Die alten 
ihre Heimat zurückkehren, neue ließen sich zuerst 



238 



W. Limpricht. 



nicht finden. Daher verging der ganze Nachmittag und die ersten Stunden 
des nächsten Morgens (14. August) mit dem Suchen nach neuen Last- 



tieren. Schließlich trieben wir einige l^sel auf, und gegen Mittag konnte 
der Aufbruch erfolgen. 

Durch die parkaitig angelegten Kiefernhaine der Hsi ling- Gräber 
und mehrere Dörfer kam die Karawane gegen Abend in das Dorf Da 
lung huo und somit an die Straße nach Tai yüan f u, der Hauptstadt 
der Provinz Schanhsi, der der Weg für die nächsten Tage folgte. Bei 
dem Dorf Tsching puo biegt die Straße nach Norden ab und steigt 
das Tal zur Paßhöhe Tschi tsching kwan empor. Kurz vor dem Tal- 
schluß, der durch die Kämpfe gegen die Boxer unter Leitung des deutschen 
Majors v. Förster 1900 bekannt ist, stehen Teehäuser und ein Tempel 
unter alten Bäumen versteckt. Auf dem Kammrücken zieht der Süd- 
zweig der großen Mauer entlang, die sich spaltet und den gleichnamigen 
Ort allseitig einschließt. Ein Tor in der Mauer läßt die Straße hindurch, 
und eine halbe Stunde später betritt man denOrt Tschi tsching Kwan, 
dessen Stadtmauern von Teilen der großen Mauer gebildet werden. 

Hinter dem Ort fließt der eine Hauptarm des Dsü ma ho — der 

* 

andere, Da ho, entspringt den oberen Hängen des kleinen Wu tai 
schau — , sein rechtes Ufer begleitet die bei Lung wang miao nach 
Norden,, nach Ma schui, abbiegende große Mauer.^ Dem Tal des Dsu 
ma ho aufwärts folgte unser Weitermarsch. 

Bergzüge begleiten beiderseits die Ufer des höchstens metertief eu, 
klaren, rasch dahinströmenden Wassers, das, da Brücken fehlen, an den 
Übergangsstellen durchwatet werden muß. Die Bergzüge sind meistens 
kalil, Baumgruppen, vielfach Weiden, bilden Auenwäldchen im Über- 
schwemmungsgebiet, das gi'ößtenteils mit angeschwemmten Steincheu 
angefüllt ist. 

Eine halbe Stunde vor Da f u yü setzt die groß^ Mauer über den- 



nur noch 



die 



anderen Zwischenteile sind stark verfallen oder gänzlich verschwunden. 



drei 



Wasser 



da 



ntlich nach den heftig 
nschwillt, machen das 



Gewitterregen mit unheimlicher Schnellig' 



regen sogar zur Unmöglichkeit. Man ist dann gezwungen, tage-, 
ochenlang untätig zu warten, bis das Sinken des Wassers endlich 



■ % 



ber 



da; 



rücke 



oder schroffe Felsabstüi-ze werden über die Ber^^e umgangen 



chi 
einzusprengen. 



^ t^ II I I I S^fXllü.^ ^^% 



es noch nicht gelernt hat, den Weg in die Felsen 



führte 



das 



Flußtal 



-^ 



•1^. 



^- 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. ' 239 

F 

aufwärts. Bei Wu lung pe genötigt einen Bergzug, den der Fluß um- 
ging, zu überwinden, mußten wir doch, wieder zu diesem hinab, aber die 
häufigen Übergänge, die des hochangeschwollenen Wassers wegen ein 
Ablegen der Kleider notwendig machten, verzögerten das Vorwärtskommen 
derart, daß ich erst gegen Mittag des 17. Augusts in Pu tu yü eintraf. 
Pu tu yü ist ein kleines, ummauertes Städtchen, malerisch in dem 
hier stark verengten Flußbett gelegen. Hier klettert die noch ziemlich 
gut erhaltene große Mauer von den Bergen der linken Tal wand zur Tal- 
sohle hinab, setzt über den Fluß und zieht dann über die Rücken der 
Bergkämme des rechten^Üfers nach Süden. 

Die Wachttürme in dem engen, beiderseits von hohen Felswänden 
emgefaßten Tale, die von ihnen gekrönten Bergkuppen schaffen eine 
ungemein malerische Szenerie, doch schon bei der nächsten Biegung des 
Flusses mündet das enge Tal in ein weites Becken mit zahlreichen Ort- 
schaften ein. Der Lößboden ist infolgedessen reich bebaut; man sieht 
hauptsächlich Mais, Kaiüiang, Ricinus, Sesam und Bohnen. Der "Weg 
setzte vor San tsia tsun zum letzten Male über den Fluß, dann wanderten 
^vir auf der Hochebene weiter bis zur Stadt Kwang t schon. Da der 
Abend noch nicht völlig hereingebrochen war und ich der Leute wegen 
m der Stadt nicht nächtigen wollte, ging ich zum größten Ärger meiner 
Chmesen, denen auf diese Weise die Genüsse der Großstadt entgingen, 
durch den Ort, durchwatete hinter der Stadtmauer den schokolade- 
farbenen Quellbaeh des Dsü ma ho und machte 10 Li hinter der Stadt 
m dem Dörfchen Xan schan tung halt. 

Am nächsten Morgen (18. August) erklärten die verärgerten Esel- 
er, ihre Tiere seien den Anstrengungen nicht mehr gewachsen, und sie 
mochten umkehren. Da sie für Ersatz gesorgt hatten, ließ ich sie ziehen, 
m emfältiger, aber gerade deshalb williger und lustiger Mann, erklärte 
sich bereit, mit uns nach den ihm schon bekannten Wu tai schan zu 
ge en. Der bisher schon schlechte Weg wurde nun weiterhin entsetzlich. 



-Das Becken von Kwang tschou verschmälerte sich 



zu einem 



^T: ^^' ^^^^ unbewohnten, nur mit unzähligen Gesteinstrümmern an- 
ge ullten Tale, einem trockenen Flußbette, das langsam bis Kuo ho tsun 
<*^i h.0 tsun der deutschen Karte) anstieg. 
^ ^-ach mehrstündiger Wanderung lag das Dorf Yi ma ling in einem 

^inschmtt des Talrandes vor uns. .Es gehörte noch zu Tschili, nicht 
^le die Karte angibt, zu Schanhsi. Hohlwege im Löß geleiteten auf 

le Hohe des abschließenden Bergrückens, hinter dem die Provinz 
Schanhsi beginnt. 

' luhrt der Weg zur Talsohle, wiederum einem steinigen, wasser- 

^^sen Flußbett hinab, verließ bei dem Dorf Hang t schwang dieses Tal 

^ er und bog rechts in ein noch wilderes Quertal ein. Fast senkrechte. 



240 W. Limpricht. 



zerrissene Kalkfelsen bildeten die Wände der engen Schlucht, die eine 



mächtige Wand abschloß. 



Steil führte der Weg in schmaler Felsrinne links zur Höhe und darni 
eben unter den Kalkfelsen des Kammrückens zum Felsentor Tschuang 
ling, dem Fensterpaß, der seinen Xamen wahrlich mit Recht trägt. 

Ein reicher, subalpiner Blumenflor schmückt die ungefähr 1600 ni 
hohen Kalkfelsen. Gelber Eisenhut, blaue Astern, Läusekräuter {Pc- 
dicularis), Enziane und gelbe und rote Orchideen bildeten die schönste 
Zierde dieser Pflanzenwelt, die jedoch bis auf einige wenige Arten dieselbe 
ist wie im ganzen Zuge der Wu tai schan- Ketten. Hervorgehoben 
seien: Neottianthe cucullala, Gentiana detoyisa, Eritrichium pedinafum, 
Callistephus chinensis, Chrysanthemum parviflorum und sinense. 

Die Aussicht vom Fensterpaß auf das weite Becken von Ling tsiu 
(Ling kiu) ist prachtvoll Zur Linken die wilden Schroffen der Wui 
schan-Kette, stürat das Gebirge steil zu der Hochebene ab, die das 
allseitig von höheren Bergen kesselartig eingeschlossene Becken von 
Ling tsiu ausfüllt. Ling tsiu selbst war klar erkennbar, ebenso das 
glitzernde Band des von Westen kommenden, an der Stadt vorbeifließenden 
"Gu ho oder Da ho, der am Fuße des Wui schan-Kammes entlang 
floß und dann zwischen seinen A'orbergen verschwand. Aus der Ebene 
ragten zwei kleine Hügel empor, nach denen zu sich der Weg vom 
Tschuang ling steil in Serpentinen hinabwand. An ihrem Fuße liegt 
das Dorf Gu schan, unser Nachtquartier.« Nur 20 Li sind es noch 
bis Ling tsiu hsien am Fuße des schätzungsweise 2500 m hohen 
Wui schan. 

Die Stadt macht einen kümmerlichen, armseligen Eindinick, l>esitzt 
aber, den endlosen Pferde-, ^Maultier- und Eselkarawanen nach zu schließen. 
einen regen Durchgängsverkehr- Überall an der nur aus Läden und 

m 

Herbergen bestehenden Hauptstraße saßen Fruchthändler, die für em 
sehr geringes Geld Pfirsiche, Pflaumen, Erd- und Walnüsse, Gurken 
und Melonen sowie geröstete Bohnen, Kartoffeln und Rettiche feilbot^Mi^ 

Wie überall in Nordchina, war auch hier die Neugier der 3Ienschen 
höchst lästig. Der Europäer wird, sobald er sich auf den Steinstufen 
eines Ladens oder in einer Herberge niederläßt, von einer dichten Schar 



ngt, unter denen sich namentlich 
und triefenden Xasen behaftet 



mit dichten 

die 



den Reisenden nicht einmal an den intimsten Orten mit ihrer Zudringlich- 
keit verschonen. Aber damit muß sich der Fremde eben abfinden. ^I'"^ 
denke sich doch einmal das Erscheinen bezopfter Söhne des himmlischen 
Reichs in einem weltentlegenen Tiroler Bergdörfchen aus! Das Henim- 
rühren in den eigenen ^Mahlzeiten mit ihren schmutzigen Fingerclien 



i 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 241 



darf den Appetit nicht verderben und ist den Kinderchen ja auch leicht 
abzugewöhnen ! 

Parallel dem Wui schau fühlt der WeiterAveg am linken Tfer des 
Gu ho aufwärts. In Tao tse fu, einem kleinen Döifchen, trafen wir 
den ersten Boten des Wu tai schan-Klosters, einen lamaistischen 
Mönch in rotem Gewände; er gab die Entfernung noch auf 10 Tage anl 

Bei den Doppeldörfern Dung- und Hsi Ho nan endet der Kesse! 
von Ling tsiu. Hier mündet ein schmales, vom Gu ho geschaffenes 
Felsental ein, in dem das Dorf Tsai tschi yüan liegt. Dieses Engtal 
führt auf das Lößplateau hinauf, in dessen tiefen Furchen sich der Weg 
weiter hinzieht. Der Löß besitzt hier eine ungeheure Mächtigkeit. Durch 
die einzelnen Bachläufe ist das Plateau in zahllose labyrinthisclie 
Schluchten zerrissen; die glatten, gelben, senkrechten Wände erreichen 
100 m Höhe! Nach anl altenden Begengüssen l 
Furchen aus gelbem, breiigem Morast, und selbst den zähen 3Jaultieren 
ist ein Passieren der Schluchten unmöglich. 

m Grunde solcher Hohlwege und in steinigen Betten jetzt trockener 
Bachläufe stiegen wir drei Stunden steil zur Paßhöhe Ping hsing ling', 
nO m, empor. Ein Tor und wenige Mauerreste < 
vielleicht frülier einmal die große Mauer hier 

tonnte. Aber auf den nmlipo-f^ndf^n Bprcrpn wfiv 



Bod 



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[euteten darauf hin, daß 
oben lang gezogen sein 



mehr zu erkennen. Alle diese Berge waren bis zu den Gipfeln unter einer 
mächtigen Lößdecke begraben. 

Am Ausgange des Passes liegt der ummauerte Flecken Ping hsing 
' wan, m seinen Häuschen vom umgebenden Löß kaum zu unterscheiden. 
^lelfach werden ja auch die Wohnungen direkt in die Lößwände hinein- 
gegraben, eine entschieden praktische und billige Einrichtung, da derartige 
Behausungen im heißen Sommer kühl, in den hier eisigen Wintern an- 
genehm warm zu sein pflegen. 

P^ng hsing kwan ist ein öder, stiller Ort mit einer einzigen Straße* 

^1 hatten zwei Engländer, deren Karawane ich begegnet war, in 

etzter Nacht genächtigt. Sie kamen aus den Bergen und wollten nach 

t seh DU und dem Hsi au Wu tai seh an weiter; es waren die 

nzigen Europäer, die icli in den langen Wochen meiner Reise getroffen 
hatte. 

Zahllose Esel- und :\raultierkarawanen trugen Holz oder Kohlen 

tie Paßhöhe, sonst w^ar die ganze grauenhaft öde Gegend menschen- 

• 11 ' ^^*^^ -^^^^g I^^ing kwan erschien ein einzelner Wachtturm, 

^e leicht der letzte Rest der großen Mauer, die ja hier vorüberziehen soll. 

Das nur wenig tiefere Becken von Ping hsing kwan verschmälert 



sich 



zu einem breiten Tal; vor uns, etwas links, ragte der hohe Gebirgs- 



^ des Wu tai schan empor, an dem der junge Hu to ho vorbeifloß. 



■fei * CJ 

^<lde, Repertorium specierum norarum. Belliea XII. 



16 



242 W. Limpriclit, 



Dann kam das ummauerte Da ying in Sicht, au dem wir der vielen 
neugierigen Soldaten wegen vorbeigingen, den Hu to ho durchwateten 
und nur 3 Li hinter der Stadt, in dem Dörfchen San dschü, zur Xacht 
blieben. 

In Da ying verließen wir die Straße nach Tai yüan fu uiul 
wendeten uns dem Gebirgsstock zu, von dem ein wasserfüluender Tal- 
einschnitt den Zugang nach dem Wu tai seh an anzeigte. 

» 

Eine Stunde hinter Tsia dsching bog unser Weg auch wirklieh 
in diesen Taleinschnitt hinein; das ihm entströmende Wasser war he- 
deutend stärker als der eigentliche Hu to ho, zu dem es hinfloß, und 
düiite somit als der Quellfluß gelten, alle übrigen auf der deutschen 
Karte verzeichneten Wasserläufe lagen trocken. Das Anstiegstal faßten 
beiderseits hohe Felswände ein. Die steinreiche Sohle bleibt unbebaut, 
Bäume erscheinen nm* um die Ortsch^xften. die in kui-zen Abständen 
aufeinander folgen. Bei Ba tschiau mündet von links ein bachdurch- 
strömtes neues Tal ein, aber erst nach mehrstündigem Anstieg gabelt sich 
bei dem Dorfe Kou men schang (oberer Talmund) das Wasser. An 
dieser Gabelung liegt einsam weit abseits vom Dorfe die Herberge. 
Mit der Talteilung ist naturgemäß auch die Wegeteilung verbunden. 
Beide Wege führen über den Dung tai mit Pe tai verbindenden 
Bücken nach dem Wallfahrtsort Wu tai seh an. Ich wählte für den 
nächsten Tag den linken Weg, weil er für die Tragtiere weniger an- 
strengend sein sollte. 

Am frühen Morgen des 22. August (bei nur 8*^ Celsius) braclien wir 
von der Herberge auf und gingen noch die drei Li bis zum letzten Weiler 
dieses Hochtals, Tai ping kou; hier teilte sich das Wasser nochmals. 
Der reichen Vegetation wegen folgten wh' dem linken Arm, der sich steil 
auf die Höhe des abschließenden Bergrückens hinauf schlängelte. Kümmer- 
liche Bestände von Fichten und Lärchen zeigten sich vereinzelt an ver- 
steckteren Stellen, w^ohl der letzte Rest der früheren ausgedehnten Be- 
waldung. 

Der Weg überquert den Kamm und senkt sich jenseits in das Tal 
hinab, in dem hinter zwei Dörfern der Ort Wu tai schau, weitbin 
kenntlich an den goldig schimmernden Dächern der Lamatempel und der 
weißen Pagode, dem Wahrzeichen des Talkessels, liegt. 

Der Rücken setzt sich links zum Dung tai, dem Ostaltar, und 
rechts zum Pe tai, dem Nordaltar, fort.^ 

Während sich die Tiere ausruliten, stieg ich allein links die blumen- 
leiclien Grasmatten hinauf, um Pflanzen zu sammeln. Höher gestiegen, 



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Spitze, von der ein weißes Häuschen und zwei Pagoden herabgrüßen. 
Bald ötand ich oben, 2900 m, und konnte, mißtrauisch von dem einzig«"'* 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 243 
Bewohner des Häuschens, einen mongolischen Mönch, beobachtet, die 



herrliche Aussicht bewundern. 



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Hu to ho. in dem die Straße nach Tai yüan fu hinzieht, nördlich 
begrenzt von etwa ISOO m hohen Bergen, über die die Straße nach Da düng 

fu führt. 

Im Nordwesten verdeckte der höhere Pe tai die weitere Aussicht. 
Sein langer, flacher Kamm setzt sich südwestlich im Dschung tai fort, 
von dem ebenfalls ein weißes Häuschen her ableuchtete. 

Ich sah, daß es möglich sein müßte vom Paß aus über die Kämme 
zum Pe tai und Dschung tai zu gelangen und beschloß diesen Weg 
zu gehen. Zum Paß zurückgekehrt, sandte ich die Tragtiere nach dem 
Terapelbezirk voraus und wanderte mit meinem Boy dem Pe tai zu. 

Die Mattenflora dieser Hochgebirgskämme ist außerordentlich reich, 
besonders an Edelweiß, jedoch sind die Arten größtenteils dieselben wie 
am kleinen Wu tai seh an, bis auf einige wenige, die, wohl vom Tsin 
ling schan bis hierlier vorgedrungen, hier ihre Nordgrenze erreichen 

oder auch endemisch sind. 

Einige Leute suchten die Berglehnen nach Pilzen ab. Schon m 
Schanghai hatte ich viel von den berühmten wohlschmeckenden Pilzen 
desWu tai schan gehört, sie auch in den Klosterküchen von Tie Im sse 
und Leang kou tschwang gesehen; hier fand ich sie zum ersten Male 
wild. Doch war es nichts anderes, als unser gewöhnlicher Champignon, 
der, soviel ich später erfuhr, auf allen höheren Bergen Nordchinas häufig 

vorkommt. 

Nach ungefähr einstündiger Kammwanderung überschritt der andere 
Weg von Kou men schang herauf den Rücken. Hier steht z::i Paß eme 
verfallende Schutzhütte ohne Bewohner. 



Die Verlängerung des Kammes hätt 



eführt 



ich vor Erreichung des Zieles am späten Nachmittag, da die Entfernung 
tloch noch zu groß war, umkehren und stieg ins Tal hinab, das bei einena 
Dörfchen in das Haupttal einmündete. Von hier waren es nm' noch 8 Li 
liis zur Herberge des Ortes Yang lin kai — Wu tai schan. 

Am übernächsten Tage (24. August) stieg ich um die Mittagszeit 
aiif den Pe tai. 
^värts empor. 



Quert 



Ein reich geschmückter Chinesentempel 



sowie 



storbener Mönche oder Pilger lagen am Wege. Es werden auf den Fried- 
l^öfen des Wu tai schan auch die lamaitischen, mongolischen 
^lönche andererKlöster beigesetzt. So gelangt z.B. die Asche der im gelben 



pel 



in 



hfall 



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16 



244 W. Limpricht. 



hierher, um hier heigesetzt zu werden. Diese Grabmäler zeigen durchweg 
tibetische Formen, ebenso auch die Pagoden die bekani^ite Flascheniorm 
der tibetischen Tschorten. 

Von den sanften Hängen der Bachböschungen stieg der Pfad auf 
die Höhe einer Bergrippe und über deren Rücken in 4 Stunden zum 
höchsten Punkt des flachen Pe tai-Kammes. 



Granitsteinhaufen 



1 



den „großen Nordaltar"', 330O m, nur ungefähr 10 m höher als die 
zweite nordöstliche Erhebung, den Hsiau pe tai. Der Pe tai ^ar 
weitaus die höchste Kuppe des gesamten Gesichtsfeldes und ist auch der 
höchste Berg des nordchinesischen Gebirgsrostes. Im Südosten ragte 
der flachgipfelige Kegel des Dung tai mit seinem weißen Tempelcheii 
und seinen Pagoden empor; steil fiel das Gebirge gegen das weite Tal des 
Hu to ho ab. Gegen Süden und Südosten war die Aussicht der hohen 
Ausläufer der Dung tai-Kette wegen beschränkt und nur in der Ferne 
niedrigere Bergzüge zu sehen; gegen West und Südwest erhoben sich die 
ebenfalls von Gebäuden gekrönten Hsi tai und Nan tai. 

Wie beim Schwestergebirge, dem Hsiau Wu tai schan in Tschiü, 
gruppieren sich fünf (Wu) von Tempeln (tai) gekrönte Spitzen nach den 

L 

vier Himmelsrichtungen um eine mittlere (Dschung) Kultusstätte. Wegen 
der Höhe der Berge liegen die Haupttempel im Talkessel, oben befinden 
sich nur kleine Tempelchen, vielleicht haben aber auch hier, wie die kunst- 
voll bearbeiteten Granitbruchstücke beweisen, einstmals größere Tempel- 
anlagen gestanden. 

Auch auf dem Pe tai steht ein weißes Häuschen, von zwei :\Iönchen, 



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einem 

:. auf 



Pagode Und siuem Friedhof. Die Höhe des Dschung tai beträgt 



3100 m. 



Hsi tai (Westaltar) und Nan tai (Südaltar), beide erheblich 
niedriger, habe ich nicht besucht. Eine zu diesem Zwecke für den Sommer 
1918 geplante Reise wurde mir von den chinesischen Behörden der an- 
gebliehen Mongolenunruhen wegen nicht gestattet. 

Vom Dschung tai führt ein direkter Weg ins Tal, auf ihm hoffte 
ich in zwei Stunden im Ort Wu tai schan zu sein, der nur 1000 m tiefer 
liegt. Wir beeilten uns, so gut es der schlechte Weg zuließ, denn im Westen, 
in der Richtung des Hsi tai, stand ein schweres Gewitter, und der Abend 
brach schon herein. 

Gegen 8 Uhr waren zwei Gewitter über uns; der Hagel durchweichte 
die Leinenkleidung, der Weg war nur noch beim Aufzucken der Blitzt 
zu erkennen und, da er nur über loses Geröll führte, anstrengend. Schließ- 
lich verloren wir ihn und tasteten auf gut Glück vorwärts. Ein erneuter 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets, 245 



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heftiger Blitzschlag ließ das Wahrzeichen des Tales, die weiße Pagode 
des Lamaklosters Tai j^üan sse aufleuchten und 100 m tiefer einen 
Lichtschein erkennen, auf den wir zugingen. Doch der Abhang wurde so 
st^il, daß ich stehen blieb, aus instinktivem Gefühl heraus, um einen neuen 
Blitzschlag abzuwarten. Das war unser Glück! Denn unmittelbar vor uns 
stüi-zte der Hang zu einer senkrechten Felswand ab, an der ein kleines 
Kloster lehnte. Von hier kam das Licht! 

Wir riefen hinunter, und endlich erschien ein Mönch, den wir baten, 
uns einen Knecht mit einer Laterne hinaufzuschickeu, um uns zu zeigen, 
wie wir die Wand hinünterkommen könnten. Bei einem solchen Wetter 
zur Nachtzeit könnten niu' böse Geister oben sein, daher gäbe es keine 
Laterne und auch keine Hilfe, lautete die Antwort. Wer wir denn wären? 
Em Fremder und ein Chinese, die sich nach dem Tempelbesucb auf der 
Spitze verirrt hätten. Keine Antwort erfolgte, doch eine bange Viertel- 
stunde später kam ein Mann herauf, nahm uns an der Hand und fülu'te 
uns seitlich auf seh mal 3m Felsenband auf einen zum Kloster ziehenden 
cteig. Das als Belohnung angebotene Geld wollte unser Fühi'er zuerst 
nicht annehmen, steckte es schließlich aber doch zu sich. Doch das Miß- 
trauen war noch nicht gesch^omden, um nicht etwa uns als Xachtgäste 
aufnehmen zu müssen, wurde die Entfernung zu unserer Herberge nur auf 
2 Li angegeben. Zu diesen 2 Li gebrauchten wir über eine Stunde, dann 
standen wir vor der weißen Pagode und um v^lOUhr in der Nacht vor der 
Verschlossenen Herberge, die erst geöffnet werden mußte. Man hatte 
^ns gar nicht mehr erwartet! 

Wu tai seh an besitzt nur eine, mit Kaufläden dicht besetzte, 
gepflasterte Straße. Überaus schmutzige, fremde Gestalten, zerlumpte 
^"^^^^^' die bettelnd am Wege stehen, und Kamelzüge weisen darauf 
ßin, daß Pilger aus der ^Mongolei und dem fernen Osttibet bis hierher 
2u wallfahrten pflegen. Reiche Herdenbesitzer bringen den feisten 
Lamas ihr gesamtes Hab und Gut zum Heil ihrer armen, sündigen Seele 
al« Opfergabe dar. 

In allen Seitentälern, auf dem gegenüberliegenden Bergrücken, auf 

^^^^m abseits liegenden Hügel sind Tempel verstreut. Der Haupttempel 

ü schan ting (Buddhaberggipfel) büdet einen Gebäudekomplex 

^ dem Talhügel unmittelbar bei dem Ort, Er erinnert seiner Lage und 

auart nach etwas an den Potala bei Lhassa, seine Insassen sind 

'Tönche aus Tibet und aus der Mongolei. 

-treundlich aufgenommen, wurde ich mit Milch bewirtet und mir 

ereit willigst das ganze reiche Kloster gezeigt, dessen kunstvollste Stücke 

^ <lie prachtvollen Cloisonnegefäße des Hauptaltars waren. Auf aus- 

V . Tiger und Leoparden wurde ich mit besonderem Stolze, warum 

ich nicht, hingewiesen. Der schönste Temx)el, innerluilb dessen die 



246 W. Limpricht. 



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das 



weiße Pagode über den Reliquien dea heiligen W e n d s c h u s c h r i 
stand, hieß Tai vüan sse. 

Ihr Besuch versetzt den Besehauer in eine dem Chinesentum fremde 
Welt, in die Welt des Lamaismus. Politisch weitsichtige Kaiser haben 

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hier, an der Grenze des ^Fongolentums, einen Herd der lamaitischen Kirche 
auf chinesischem Boden geschaffen, der dazu bestimmt sein sollte, l>eide 
Völker einander näherzubringen. Jetzt, in der Zeit der Rej^ublik, ver- 
sehwindet die Bedeutung Wu tai schans innner mehi', die tibetischen 
Mönche keln^en nach ihrer Heimat zurück, und die Zeit ist wohl nicht 
mehr fern, in der die Klöster aufgehört haben worden, die Brücke zwischen 
Chinesen und Mongolen zu bilden. Gebetszjlinder mit der bekannten 
Zauberformel ,,Oin mani padme hung'\ Bretter vor Heiligenbildern, anf 
die sich die mongolischen Pilger mit Schutzstreifen an den Händen immer 
wieder schweißtriefend ^ hinwerfen, ' Butterlämpchen, das monotone 
Murmeln der Gebetsformeln und das Wiederholen derselben seitens des 

ständige Drehen des Rosenkranzes und der Gebets- 
mül^len, das Glöckchenläuten und die hierauf eintretende Stille, worauf 
sich alle verneigen und leise beten, die feierlichen Mönchsprozessionen mit 
seidenen, gestickten Kirchenfahnen, der Krummstab und die Tiara des 
obersten Lamas schaffen ein Stimmungsbild mystischen Halbdunkels, 
das nach dem geheimnisvollen Kirchenstaat Tibet hinweist. Auch hier 
wmde mir seitens der Mönche, prächtigen kupferbraunen Gestalten, 
bereitwilligst alles Sehenswerte gezeigt. 

Gern hätte ich mir einen der unglaublich wilden tibetischen Hunde 
mit nach Schanghai genommen, doch die Mönche wollten, trotz dc3 
hohen Angebots, keinen hergeben. 

Am frühen Morgen des 25. August brachen wir nach Tai yüan fu auf. 
Der zweite Hauptort des Tales, Tai hua tscheng-Wu tai schan 
ist nur eine Viertelstunde von Yans lin kai-Wu tai schau entfernt. 

-- 1 

Bei dem spitzkegeligen, mitten im Tale aufragenden Klosterhügel 
bog unser Weg aus dem Haupttale rechts in ein Seitental ein, stieg ^^^ 
ihm eine Stunde aufwärts und wendete sieb einem linken Talkessel zu. 
Hier lag ein Dorf, etwas weiterhin der Tempel Schi gao sse, 2050 m 
mit prächtiger Aussicht auf den Dung tai. Hinter dem Tempel beginnt 
der Anstieg auf den 2300 m hohen Bergmeken, von dessen Höhe fa-^t 
alle Kuppen des Wu tai schan Stockes mit Ausnahme des Hsi tai 
deutlich zu erkennen sind. 

Der Weg läuft an den Hängen des Kammes entlang und überschreite 
in insgesamt cbei Pässen die seitlichen Queiriegel, ehe er sich endgültig 
zu Tale senkt. Zw^ischen der zweiten und dritten Paßhöhe liegt das D^r 
und der unter Bäumen versteckte buntbemalte Tempel örl tschiau h> 
vor der letzten Paßhöhe, 23C0 m, einsam ein weiterer, leerstehender 



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Botanische Reisen in den Hocligebirgen Chinas und Ost -Tibets. 247 



halbverfallener Tempel. Das Dorf Di; ng fe tschang im Talgrunde 
nahm uns zur Nacht auf. 

Dem nach Südsüdwesten streichenden Tale hatten wir weiterhin zu 
folgen. Der schlechte Weg lief in einem steinigen, trockenen Flußbett, 
die Bergzüge auf beiden Tallehnen bekleidet bis hoch hinauf Löß, aus 
dem auch die ärmlichen Dorf bauschen bestehen. 

Hinter Liu yüan erschien nochmals ein Tempel, Wu tai sse, 
dann bog das Tal nach Südwest um und erweiterte sich. Tou tsun, 
ein großes Dorf, Hegt vor dem Paß Tou tsun ling, 1450 m; auf dessen 
lößbedeckter Höhe steht eine kleine Tempelanlage, von der der Weg nach 
Lung wang taug hinabgeleitet. Ihm folgen die Dörfer Xan taohsiau 
und Ko tao ling am oberen Hange eines niedrigen ßergzuges, dessen 
Höhe ein reichbemaltes Tor mit Tempelchen anzeigt. Von der Terrasse 



desselben übersieht man die stufenförmige, tiefgefurchte Lößlandschaft 



und das im Hintergrund liegende düstergelbe, ummauerte Wu tai hsien, 
zu dem wir abstiegen. 

Vergeblich waren wir den breiten gepflasterten Weg zum Stadttor 
hinauf gepilgert, Futter für die Esel war nicht zu erhalten, und so zog 
unsere kleine Karawane noch zwei Li weiter, um hier in der Dorfherberge 
die notwendige Futterpausc abzuhalten. 

Tiefe, in den Löß geschnittene Hohlwege brachten uns nach Dung 
yü an den Hu to ho, w^o die zweii'ädigen Karren, die ersten seit langen 
Wochen, die Nähe der Ebene, das Becken von Hsin tschou, anzeigten. 

Hier endete unser Fußmarsch! Der Eseltreiber kehrte um und wir 



fulu 



'en in einem Karren weiter. 

-^ 

Eine halbe Stunde später setzte das Gefäliit über den reißenden, 
schokoladefarbenen Hu to Iio und sein breites, steiniges Flußbett und 
betrat dann das Becken von Hsin tschou, das dor Mu mo ho, ein 
Nebenbach des Hu to ho. durchfließt. 

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Die östliche Seite des Beckens begrenzen die wilden Formen der 
Dang schan -Kette, die, annähernd 2000 m hoch, zum Fasse Schi ling 
hmläuft und so den Kessel im SüdAvestcn abschließt. 

Die Gegend ist ohne l)esondere Reize. Steinige Bachläufe, tief ein- 
geschnittene, von den Rädern c^usgefahrene Hohlwege, im übrigen Felder, 
die Wohnungen der Bauern Höhlen im Löß, außen bemalt und Avie ein 
richtiges Haus mit Schnitzwerk verkleidet, alles graugelb und ewig die 
selbe charakteristische Steppenflora des Löß, wirkt die Landschaft auf 
die Dauer melanc'holisch und eintönig. 

Mit Ausnahme der zweistündigen Futterpause fuhren wir den ganzen 
Tag m dem federlosen Karren über das Steingeröll der. Hohlw^ege. Die 
o^^iaen hintereinander gehenden Tiere, deren eins in die Gabel der Deichsel 



248 



W. Limprioht. 



eingespannt ist, hatten schwere Arbeit, besonders bei dem Ausweichen. 
Der Verkehl-, meist Wagenverkehr, war recht bedeutend. 

Tang hsia, eine mauer umgürtete Kleinstadt, ist der erste größere 
Ort, aber erst in Tse tsun wurde Halt gemacht. Auch der kommende 
Tag brachte uns noch nicht über den Schi ling-Paß. Hsin tschou 
blieb rechts liegen und der Abend sah uns erst in Yo tsa, ab6r immer 

näher kam der flache Paß, über den der Karren am 30. August hinweg 
rollte. 

Von dem greifbar naheliegenden Dang schan kommt der Rücken 
herunter, der das Becken von Hsin tschou südwestlich abschließt. 
Vom Schi ling-Paß, 1225 m, windet sich ein Pfad zu einem hoch am 
Ausgang einer Schlucht gelegenen, weithin sichtbaren Tempel enii)or, 
yon dem die grünen Matten des Gipfelkammes mühelos zu erreichen sind. 



da 



Kndlich am zeitigen Mittag des 31. 



durch 
Tai yüan f u, und die Bahn brachte 



mich nach Hankou, von da ein Dampfer nach Schanghai, wo ich am 



7. Sejjtember eintraf. 



b) Drei Reisen nach dem Hsiau Wii tai schan. 

Das Hochgebirge des kleinen (hsiau oder sioll) Wu tai schan 
ist die höchste Erhebung in der Provinz Tschili. Es zieht sich in sinischer 
Richtung, etwas außerhalb der südlichen Abzweigung der großen Mauer, 
genau westlich von Peking hin und ist die nördliche Verlängerung der 
Sehanhsier Bergketten. die im großen (da) Wutaischan 
kulminieren. .Alit dem Schi ba pan schließt es an das nördlich an Peking 
vorbeistreichende Nan kou-G ebirge an. 

Der ilun nachgerühmten reichen Pflanzenwelt wegen habe ich dieses 
schöne Gebirge auf di-ei Reisen durchwandert und alle seine fünf höchsten 
Spitzen größtenteils mehifach bestiegen. Nur der Pe tai ist schon vor 
mir von Europäern besucht worden. 



1. Von Nankou nach den Hsi ling- Gräbern. 
Über Tsingtau und Tsinan f u langte ich am 18. Juli 1912 iuPeking 



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nn. Drei Tage später brachte mich die Eisenbahn nach einem Abstecher 
in die Umgebung Kaigans nach Xankou, wo Tragtiere für die ganze 
bis Tai yüan fu crenlanfp Reise gemietet wurden. 

^ »yai- der Himmel endlich so klar, daß 

der Aufbruch erfolgen konnte. 

Dui-ch den landschaftlich großartigen Xankou- Engpaß zog die 



durch da 



B» 



da ling genannte Paßhöhe überquert, nach Tschadao, einem Dörfchen 



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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 249 



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-der Löß-Hochebene, die hinter dem Na nkou- Gebirge nach der 
Mongolei hinzieht. 

Der Weiterweg nach Huai lai hsien, einer Station der Peking — 
Kalgan-Bahn, zieht durch die öde, sandige Ebene des ^veiten Hun ho- 
Tales abseits von den Bergen. 

Bei Huai lai, schon von weitem an den von Gebäudekom^^lexen 
gekrönten Hügeln innerhalb der Stadtmauern kenntlich, verließen wir die 
Karawanenstraße nach Kaigan und der Mongolei und wandten uns 
den westlichen Bergen zu. Den hohen Ufern des We sch,ui bis zu seiner 
Einmündung in den Hun ho bei Ba ying folgend, setzte uns hier eine 
Seilfähre über den reißenden, schokoladefarbenen Fluß und Träcrer auf 



ihrem Rücken noch das beträchtlich.e Stück bis ans feste Ufer. Die hohen 
Lößufer treten nämlich nicht unmittelbar an das Wasser heran, sondern- 
lassen beiderseits ein breites, sandiges, weiterhin mit reichem Blumen- 
schmuck verziertes Flußbett frei, das nach dem Fluß zu infolge der Über- 
schwemmungen lehmig und sumpfig bleibt. 

Bei dem Dorfe Tschi yuan begann der enge, auf die Höhe des 
Lößplateaus führende Hohlweg. 

Die begleitenden Bergketten im Süden, weiterhin auch im Norden, 
traten nun näher zusammen und schlössen so im Westen den von tiefen 
Furchen zerrissenen Kessel ab. Die starke Hitze (38® C) zwang uns in 
Hwang dsia ying, kura hinter dem Dorf Sang yüan, zur Mittagsrat. 

Fang schan pu liegt drei Stunden weiter am Westrande des Kessels. 
Die Wasserläufe, die kurz vor dem Ort aus den Bergen kommen und nach 
dem Hun ho abfließen, waren jetzt wasserlos, und nur Steingeröll be- 
zeichnete ihi^ Flußbett. 

Bei den letzten Häusern des Ortes mündet von Süden der Weg von 

I>schai tang nach Bao an tschou ein, den Richthofen seinerzeit 

benutzt hatte. Das jetzt trockene Flußbett führte uns in südwestlicher 

Richtung zu dem hoch am Rande des Bettes gelegenen armseligen Ko 

tschian (Gua tsun), dann über zwei weitere Dörfchen nach Wang 
d:sia vü. 

Obwohl der Boden stellenweise noch feucbt war, enthielt das Fluß- 
bett doch nur sehr geringe Spuren von Wasser, aber an den hohen Löß- 
wanden zeigten sich schon andere Pflanzen, darunt^-r prächtiger blauer 

"Ri+f 

itersporn, der von nun an, in den höheren Lagen, unser ständiger Be- 
gleiter wTirde. 

Hinter Wang dsia yü stieg der Weg in schmaler Lößschlucht steil 
^ut ein kleines Plateau, das sich links in einen mehiere hundert Meter 

oheren Bergzug fortsetzte. An den Abhängen dieses Rückens lief der 
^eg entlang und bot so guten Überblick über die gelben, löß bedeckten 

"-^ge, an deren Hängen der Ackerbau bis zu den Gipfeln steigt. 



250 W. Liinpricht. 



Das hohe Hinaufsteigen der Kulturgewächse, hauptsächlich Bohnen, 
Hirse, Kauliang und in den höchsten Lagen aussclüießlich Hater, niunut 
der schrecklich öden und eintönigen Landschaft den Charakter eines 
höheren Gebirges, und erst der Blich auf das Aneroid läßt erkennen, daß 
sich der Wanderer in Höhen befindet, die in unseren Breiten der sub- 
alpinen Region zugezählt werden. 

Schließlich überwand der Weg den Kamm und senkte sich ziemlich 
steil in Lößschluchten zur Sohle des jenseitigen nach Bao an tschou 
sieh öffnenden Tales. A'^och wenige Minuten in dem steinigen Talgrund, 
einem jetzt ebenfalls trockenen Flußbett, aufwärts und vor uns lag das 
Dorf Schi mcn tse (Hsiau schi men oder Hsüe men tsun). 

Nur ein niedriger Paß trennt Schi men tse von dem weiten Becken 
von Tau hua- Yü tschou am Nordfuße des Hsiau Wu tai schau 
und gewährt daher den schnellsten Zugang zu diesem Hochgebirge. Da 
aber der Weg von Schi men tse schon bekannt war, beabsichtigte ich 
in das Gebirge von Süden einzudringen und wählte trotz des Abrateiis 
der DorfbcAvohner, denen nur der Weg über Tau hua bekannt war, 
die Reiseroute nach Liu dsia gou. 

Oberhalb Schi meT\ tse (kleines Steintor), 1200 m, schien der 
Talschluß nahe. Doch halblinks ließen die Felsen ein Tor frei, das die 
Eingangspforte zu einem engen, von hohen Felsw^änden eingefaßten, nach 
Süden streichenden Tal bildete. Durch dieses Tal führte zum Ärger 
meiner Leute unser Weitermarsch. 

Kndlich verschwand der Löß, statt seiner begleiteten sehr steile Fels- 
wände das steinige, natürlich wiederum trockene Flußbett des Talgrundcs. 
Die Steilhänge zierte üppiger Blütentlor, zum Teil alpine Arten, die vom 
Schi ba pan bis hier hinunter gelangt waren. 

Nach einstündigem Marsch verbreiterte sich das bisherige Engtal, 
einige Streifen Bodens waren der üppigen Mattenflora entrissen und zum 
Schutz gegen berabrollende Stehie mit Mauern umsehen. Solche spär- 



liche Pflanzungen verraten die Nähe eines Dorfes. Eine halbe Stunde 
später war es erreicht; einige w^enige Häuschen schmiegten sich der linken 
Taiwandan. Von hier, Mä dsia miao, geht ein außerordentlich steiler 
Fußweg in Kehren über die Berge der linken Talwand nach Tau hua. 
Nur wenige, meist berittene Einoreborene begeefneten unserer 



Karawane, niemand aber konnte uns Auskunft geben, wo Liu dsia gou, 
läge und wie war gehen müßten. 

Endlich mündete von links (rechte Talseite) ein Seitentälchen. Em 



gab, daß 



li yüan führte, aber weiter oberhalb für die Esel unpassierbar sei. 

Wir gingen also im Haupttale weiter und gelangten nach Tschi- 
me t schwang, einem kleinen Ort in dem hier erweiterten Talgrund. 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 251 



Die Berge der westliehen Talseite, über die die Pässe Xan- und Pe 
yang mii ling fübien, waren schon beträchtlich höher, von links, von 
Osten her, überschritt der Weg von Sehang li yüan her den jetzt 
sanften Kamm und schon drei Li später bog das bisherige Tal, bei Gao 
dsia tschwano; nach Südosten ab. Hier kannte man den Weg nach 
Liu dsia gou und gab uns als Nachtquartier den Ort Li vi örl an. 

Bei Hsiu tscha, drei Li hinter G ao dsia tschwang, beginnt 
der Anstieg auf den Kamm des Schiba pan, der im Hsien 
raiao ling, dem Geistertempelpaß, auch Schi ba pan ling ge- 
nannt, 2100 m, überwunden wird. 

Die steilen Hänge des steinigen, wilden, erst nach Süden, später nach 
Südosten ansteigenden Hochtals sind bis zum Paßrücken mit reicher 
alpiner Vegetation dicht bedeckt. Enziane, gelbe Lilien, Orchideen, der 
gelbe Eisenhut und Kugelranunkel, sowie massenhaft Edelweiß neben 
anderen Hochgebirgspflanzen kündeten die Nähe des Wu tai seh an an. 

Der Weg verließ den im Grunde rauschenden Bach und wandte sich 
steil in Serpentinen zur Paßhöhe empor, auf der ein aus unbehauenen 
Steinen roh zusammengefügter Steinhaufen mit eingemauertem Heiligen- 
bild nebst den Ruinen eines Torbogens steht. 

Der fürchterliche Sturm sowie das Herannahen der Nacht be- 
schleunigten, zumal im jenseitigen Tal kein Gehöft zu erblicken war, 
den Abstieg. - Doch erst nach zwei Stunden kamen einige Häuschen in 
Sicht. Es war das ersehnte Li yi örl. 

Ein Gasthof gab es nicht, und die Leute, die uns in diesen unsicheren 
Berggegenden naturgemäß für Räuber hielten, wollten uns nicht be- 
herbergen, sondern gaben einen angeblich nur zwei Li entfernten Ort an, 
wo Unterkommen zu finden wäre. Doch es war schon 8 Uhr abends, 
und die Esel, die der Steilheit des Abstiegs und der vielen Steine wegen 
nicht so seh nell vorwärts kamen, waren noch nicht eingetroffen . 

mußten wir hier nächtigen, und schließlich willigten die Leute auch 
ein und stellten uns einen ,,kang'^ das in ganz Nordchina übliche, heiz- 
bare Ofenbett, zur Verfügung. 

Die Vermutung meines Boys, daß der Ort in nur zwei Li Entfernung 
gar nicht vorhanden sei, erwies sich späterhin als richtig. Bis zum nächsten 



So 



Dorf waren es drei Stunden 
bergeben zu müssen. 



Quart 



Die einsamen Hochgebirgsgegenden Chinas sind überall Schlupf- 



sind nur 



"vvmkel für Raubgesindel, und die armen Bergbewohner 
geneigt, sieh an Räubereien zu beteiligen. Deshalb gibt die Behörde nur 
ungern die Einwilligung zur Bereisung solch entlegener Landstriche. 
Auch uns waren beim Aufstieg fünf mit altertümliclien Gewehren 



bewaffnete ilänner verdächtig vorg 



groß 



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252 W. Limpricht. 



Abstände folgenden E^el losrannten. . Erst der Anruf ließ sie erkennen, 
daß die I^adung Fremden gehöre, und so ließen sie von ihrem Vorhaben 
ab. Man hatte mich schon in Peking vor der Unsicherheit der Gegend 
gewai^nt, aber chinesische Räuber vergreifen sich aus Fxu^cht vor Strafe 

I 

sehr selten an Europäern. 

Der nur kurze Aufenthalt auf der Paßhöhe veranlaßte mich, den 
kommenden Tag zum Ruhetag für die ermüdeten Esel zu bestimmen 
und allein nochmals zum Hsien miao ling zurückzukehren, um die 



Plora des Bergzuges kennenzulernen und wenn möglich, einen orientierenden 
Ausblick über die Bergwelt bis zum Wu tai seh an hin zu erhalten. 
Zwei Stunden beanspruchte der Aufstieg bis zum Heiligenschrcin 

■ 

am Paßübergang, von dem ich westlich den noch etwas ansteigenden 
Rücken entlang wandeii/e. 

Das Tal von Li 3a örl, zu dem der Schi ba pan in schroffen 
Hängen abstürzt, mündet annähernd rechtwinkelig bei Hsie dsia pu 
in das w^eite Tal des Hsiau ho ein. Die gegenüberliegenden Tahvände 
des Hsiau ho-Tales w^erden von den Abhängen eines Kammes gebüdet, 
der vom Lac po ling bis zum Hsin pan ling und dem Da lung 
mc n, dem „großen Drachentor" streicht. Im Westsüdwesten ragt die Spitze 
des Dung tai über den langen Kamm des Hsiau Wu tai schan noch 
etwas empor, war aber noch ziemlich weit entfernt; vier, durch Flußläufe 
unterbrochene hohe Bergketten laufen vor dem Hsiau Wu tai schan 
nach der Gegend von Schi men tse zusammen und sind noch imter 
sich durch QueiTiegel verbunden. Durch einen solchen steht auch der 
Schi ba pan mit dem Yang mu ling-Rücken in Verbindung. 

Da es sehr schwierig gewesen wäre, mit den Tieren über alle diese 
Bergztige hinweg nach dem Wu tai schan zu gelangen — den T^eg 
über den Yang mu ling kannte ich damals noch nicht — blieb kerne 
andere Wahl, als in das Tal des Hsiau ho hinabzusteigen, diesem bei 

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Liu dsia gou zu folgen und von da zu versuchen, auf die Spitze zu 
gelangen. 

Nach Aufnahme der Landschaft und Einlegen der botanischen reichen 
Ausbeute trat ich den Heimweg nach Li yi örl an, kehrte aber nicht 
auf demselben Wege zurück, sondern wanderte den allmählich niedriger 
werdenden Kamm entlang und stieg pfadlos die Hänge des Talkessels 
hinab. Nach sechsstündiger Wanderung traf ich wieder in Liyiörl em. 

Erst um die Mittagszeit des nächsten Tages, des 31. August, gestattete 
der schwächer werdende Regen den Aufbruch. Durch den Frühregen 
war der Talbach stark angeschwollen und hatte die Maispflanzungen i^ 
einen lehmigen Morast verwandelt. Welche Verheerungen der kleme 
Bach anrichten kann, sah ich auf meiner letzten Heise nach dem Scni 
ba pan fünf Jahre später. Der Weg war gänzlich zerstört, und entwurzelte 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 253 



Bäume lagen über den Felsblöcken des Flußbettes, die der tobende Wild- 

* 

bach mit sich hinuntergerissen hatte. Bei starken Regengüssen schwillt 



Bergen zum reißenden Strom an, 



nordchinesisch 
ganze Erdhän 
:hnell wieder t 



gewohnten friedlichen Formen annimmt. Xur daß kein Mensch an 
eine Ausbesserung des Weges denkt. 

Über Wang dji kamen wir nach Hsie dsiapu ins Hsiau ho- 
Tal. Die Berglehnen der gegenüberliegenden Seite führen über den Lao 
po ling und das ,, Kleine Drachentor", hsiau lung men, ins Tsing 
schui-Tal, an den Hun ho und nach Peking. 

Von Hsie dsia p'u, seinem stattlichen Dorfe am rechten Ufer des 
hier aus drei Quellbächen zusammenströmenden" Hsiau ho (kleiner 
Fluß)^ der sich noch vor dem Da lung men, bei Scha ho, mit dem 
vom Wu tai schan kommenden Da ho, (großer Fluß) vereinigt, 
folgten wir dem Tallauf abwärts. Auf den Vorbergen der linken Talseite 
kletterte die große Mauer entlang, bestand aber nm- aus einzelnen vier- 

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eckigen Wachttürme:.-. 

Zahlreiche Dörfer liegen zu beiden Seiten des Flußlaufes, der Boden 
der Talsohle ist hauptsächlich mit Mais bepflanzt. Sung dsia tschwang 
und Hsiau ho nan hatten wir schon durcheilt und mußten nun, kurz 
vor den paar Gehöften von Tschiu (Djiu) tsing tai nochmals über das 
schnell dahineilende, aber nur fußtiefe Wasser. Hinter dem niedrigen 
Rücken der rechten Talseite .floß schon der Da ho, der bald darauf 
den Felswänden des großen Drachentors zustrebt. 

Das Da ho- Tal noch etwas hinauf wandernd, hatten wir unser Ziel, 
das etwas abseits vom Knie des Flusses unter Walnußbäumen und Weiden 
verborgene kleine Dörfchen Liu dsia gou, erreicht. 

In Liu dsia gou ließ ich die Tiere zurück, verstaute das not- 
wendigste Gepäck in Rucksäcke, mietete zwei Kulis und brach am 1. August 
zur Besteigung des Wu tai schan auf. 

Leider war der Da ho derartig angeschwollen, daß wir ihn nicht 
überschreiten konnten, sondern an den Felswänden des linken Tfers bis 
Ho pe klettern mußten. Ho pe (nördlich vom Fluß) liegt inmitten 



Walnußh 



tief. 



und glücklicherweise war das U asser nur 

1 i^^^hfoTi hi»l/l am linken Ufer, und die hi 



Übergänge durch das eiskalte Wasser strengten derart an, daß ich in 
I>a miao für diesen Tag mit dem Marsche abbrach. Ein Kuli kehrte 
zurück. 



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daß für den We 



254 W. Limpricht. 



Durchgang ermöglicht. Landschaftlich zwar prachtvoll, aber bis fast zur 
Brust im Wasser mit der Gewalt der reißenden Strömung kämpfend, 
weniger idyllisch! 

Nach mehreren Stunden mündete von links ein klarer, wesenthch 



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schwächerer Bach ein, an dem weiter aufwärts das kleine, sehr armliche 
Dörfchen Sse tai (Vier Altäre) lag, 

Schui hsüe tang (Schneewasserhalle) ist das letzte Dörfchen 
des Hochtals an dem nun harmlosen Bächlein, das oberhalb der Ortschaft 
ein Felsentor durchbrechend, den Hängen des Talschlusses entquillt. 

Aus diesem Kessel steigt der Fußpfad steil in Kehren auf die Höhe 
des Passes Scha ho ling, gewöhnlich kurz Da ling genannt, und 
überquert damit den Hauptkamm des Hsiau Wu tai schan. Die 
Höhe beträgt 2200 m. 

Links zieht sich der Kamm zur nahen Spitze des Dung tai, von 
ihm noch durch eine tiefe Scharte getrennt, rechts läuft er ohne erhebliche 
Steigung zum Wu tsa ling-Paß und weiter bis in die Gegend von 
Schi men tse. Zu Füßen rulit ein Talkessel, beiderseits durch vor- 
springende Rippen nach dem Becken von Tau hua — Yü tschou em- 
geengt, ein dem Dung tai entquellender Bach schafft sich hier nach 
der Ebene zu einen Ausgang. An diesem liegt das Dorf Schan 
dsien kou.^ Der Abstiegsweg führt nach Schang hu pen. 

Wir stiegen auf schmalem Fußpfad direkt in den Kessel ab, folgten 
dem Wasserlauf bis Schan dsien kou am Rande des Beckens und ge- 
langten in der Frühe des nächsten Tages zu dem Großen Kloster Tie 
lin sse, das noch einige Stunden westlich auf dem Ende einer in die 
Ebene vorspringenden Bergrippe am Fuße des Pe tai erbaut ist, 

Tie lin sse, Eisenwaldkloster, ist das geeignetste Standquartier 
für Exkursionen in die Bergwelt des Hsiau Wu tai schan und bietet 
mit seinen, sauberen, freundlichen Zimmern reichlich Gelgenlieit zum 
Unterkommen. 

Der Aufstieg auf den Pe tai, den Nordaltar, erfordert 4 bis 
5 Stunden. Zuerst folgt der Bergsteiger dem am Kloster vorbeifließenden 
Bache und steigt dann auf den Rücken einer von der Spitze herablaufenden 
Bergrippe, die weiter oberhalb in einen felsigen Grat übergeht. Der Pfad 
umgeht sie an ihrem Fuße und klettert dann auf den Gipfelgrat hmauf, 
auf dem ein kleiner Heiligenschrein mit einer Glocke steht. 

Diese wird von den Pilgern geläutet, um die Berggeister günstig 
zu stimmen. Die eigentliche Spitze liegt noch etwas weiter rechts. Der 
letzte Grat ist nur zw^ei Fuß breit und stürzt in senkrechten Kalkfelsen 
beiderseits ab. 



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Botanisclie Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 255 

Auf der nur wenig Geviertmeter breiten Gipfelplatte steht ein manns- 
hohes Holztempelchen mit Bild und Weihrauchschale, eine Bank und eine 

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Glocke vor dem Eingang. 

Die Aussicht ist umfassend und reicht bis in die Pekinger Ebene, 
ja bis in die Bergwelt von Schanhsi und der Innenmongolei. Zu 
raßen liegt das Becken von Tau hua — Yü tschou, zu dem der Kamm 
schroff abstüi^t. 

Im Südosten verdeckt die etwas höhere Dung tai- Spitze, die ich 
ebenso wie die anderen Hochgipfel des Hsiau Wu tai seh an erst auf 
den späteren Reisen erstieg, jede weitere Aussicht. Dschung tai und 
Hsi tai mit seinem Tempelchen sind sichtbar, nicht aber der Xantai. 

Zwischen Dung tai und Pe tai nimmt das Goldflußtal Dj in 
(Kin)ho, seinen Anfang, das bei dem Hsi tai in die Ebene ausläuft. 

Vom Heiligenschrein auf dem Kamme läuft ein Pfad in wenig Minuten 
zu einem kleinen, an die Gipfelfelsen der Pe tai- Spitze angelehnten 

Holztempelchen hinab, von dem man zur Sohle des Goldflußtals, ab- 
steigen kann. 

Die Flora des Pe tai ist ungemein üppig und hat in ihrer Zusammen- 
setzung viele europäisch-sibirische Tyj^en. Unmengen von Edelweiß, 
gelber, arktischer Mohn, Primeln, SteinbrecLe, Enziane, Eisenhut, Läuse- 
kräuter, blaue Alpenastern und wohlriechende Orchideen erinnern an 
die Alpemvanderungen der fernen Heimat. Nur der ewige Schnee und die 
Gletscher fehlen trotz der über 3C00 m betragenden Höhe, ebenso die 
Gemsen! Wildschafe gibt es zwar, doch anscheinend sehr wenig, die in- 
tensiv betriebene Schafzucht vertreibt sie. Mauerläufer und Bergdohlen 
sind dagegen sehr häufig, Tiger und Leoparden zeigen sich vereinzelt. 

Am meisten aber freut sich der europäische Bergwanderer über die 
Himbeeren und Erdbeeren, von denen letztere bis fast zur Spitze massen- 
haft gedeihen. Eine angenehme Erfrischung in diesen wasserlosen und 
hüttenlosen Hochgebirgen! 



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felsen einen Besuch ab. 



Tempel 



Igrat 



zu dem kleinen Heiligenschrein zurück, dann das kurze Stück ins oberste 
Goldflußtal zu dem Südfuß der G ipf elf eisen. Der verfallene Tempel stellt 
leer, ebenso das neben ihm erbaute, mit Öfen rersehene Unterkunfts- 
täuschen. Auf einer späteren Reise habe ich in diesem Häuschen, um die 
Gipfelflora botanisch zu durchforschen, trotz der entsetzlichen Kälte 
genächtigt. 

Jetzt verließ ich es sogleich wieder und trat den Heimweg an, da ich 
noch vor Abend im Kloster Tie lin sse zurück sein woJlte. Am Mittag 
des übernächsten Tages (5. August) traf ich wieder in Liu dsia gou 
ein. Da die Esel für derartige Strapazen zu schwach waren, die Treiber 



256 



W. Limpricht, 



auch nicht melir weiter wollten, mietete ich statt ihrer Pferde, mit denen 
der Versuch unternommen w^urde, bei dem Dorfe den schon wieder hoch- 
angeschwollenen Da ho zu durchw^aten. Es W'ar unmöglich, und so mußte 

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ich mich noch einen Tag gedulden und das Fallen des Wassers abwarten. 

Am nächsten Morgen glückte endlich mit Hilfe der Dorfbewohner 
der Versuch . Wir zogen am rechten Ufer entlang, verließen bei einer Biegung 
den unheimlichen Da ho, der gegen Osten dem Drachentor zueilte, 
und w^andten uns südwestlich den Türmen und Zinnen der großen Mauer 
zUj die w^ir in Ma schui (Pf erdew^asser) erreichten. Der hier ent- 
springende Bach fließt noch dem Da ho zu. Ma schui liegt malerisch 
auf dem Bergrücken, zu dem die große Mauer herabklettert und auf 
ihm entlang zum Da lung men zieht. Die Aussicht auf die zahllosen 

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Bergketten im Westen und Nordwesten ist großartig. 

An der Abstiegsseite entspringt der Ma schui, dessen Lauf wir 
über Hsia tang ho bis zu seiner Mündung bei Ma schui kou folgten. 
Das neue, leider wieder stark angeschwollene Flüßehen kommt vom 

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Nan tai* 

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Um nicht ständig mit den Gew^alten des Wassers kämpfen zu müssen, 
zogen wir flußaufwärts die hohen Uferwände hinauf, überschritten 
schließlich das Wasser tmd gelangten über die Dörfer Yi hai tse und 
Tai yü nach Da ho nan. 

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Da ho nan liegt am Fuße zackiger Bergrücken an einem neuen 
Flußlauf, der kurz vor dem Dorfe erst durchwatet w^erden mußte. Dem 
Laufe dieses Wassers folgte der nächste Talweg abwärts. Schroffe Felsen, 
teilweise noch mit Wald bedeckt, engten das liebliche Tal ein, die 
Sohle füllte das steinige Flußbett aus, und nur einzelne Maisf ekler 
hatten die fleißigen Hände der Bewohner dem rauhen Boden entrissen. 

Bei einer Flußbiegung verließ unser Weg das Tal und folgte dem 
Laufe eines rechts mündenden Seitentälchens aufw^ärts. An dem jungen 
Wasser kam das Dorf Li dsia pu in Sicht. Hinter dem Dorfe begann 



auf den felsenreichen Paß Ho ling mit prachtvoller 



Aussicht auf 



größtenteils Xebel verdeckte. Jenseits im Osten glänzte silbern das Band 



auf 



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Die Sandsteinhänge dieser Seite bilden natürliche Treppen mid 



für 



Aber sie ge- 



langten ohne Uniall nach Tau schu wang, von dem ein Bach dem 
Dsü ma ho zufließt und bei Ho kou in ihn mündet. Kui^ unterhalb 
Ho kou biegt der braune, reißende, nach Norden eilende Dsü ma ^^ 
nach Isord Osten ab. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets» 257 



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An einen Übergang war nicht zu deiiken, und so wanderten wir strom- 
auf, in der Hoffnung weiter oberhalb vielleicht durchwaten zu können. 



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machtige Schleife, die wir über den sie veranlassenden Rücken abschnitten. 



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gingen an seinem Ufer bis Alu tschang. Hier entledigte ich mich der 
Kleider, das Gepäck, vor allem . die Pflanzenkisten obenauf, 



allem . die Pflanzenkisten obenauf, wurde dem 
Rücken der Tiere anvertraut und bis zm' Brust in ^ler Strömung auch 
glücklich das andere Ufer gewonnen. 

Noch ein kurzes Stück am rechten Ufer aufwärts, dann links eine 
halbe Stunde abseits weiter wandernd, betraten wir die Dorfstraße von 
Lung wang miao. 

Auf den Bergen der linken Flußseite zeigten sich die Wachttürme 
der großen Mauer, die von Tschi tsching kwan heraufkommend, 
parallel dem Dsü ma ho bis Lung wang miao und dann über die 
Berge nach Ma schui zieht. 

Kine Felsschlucht mit ausgewaschenen treppenförmigen Sandstein 
türmen führt auf das Plateau von Tschi pan ling, bei dessen Terapel- 
das Hochland in senkrechten Abstüi^en zur Ebene abfällt. 

Eino düstere Felsschlucht geleitet nach Hsia tschia kou (Untere 
Schluchtmündung); von hier ist 6s nicht mehr weit bis Leang kou 
tschwang unfern der Hsi lings, der westlichen Kaisergräber der 
letzten Mandschudvnastie. 

Am Vormittag des 10, August traf ich in Leang kou tschwang 
em und schlug im Lamatempel das Standquartier auf, um dann, nach 
einer kurzen Bahnreise nach Peking, meine Wanderung nach dem Da 
Wu tai schan in Schau hsi fortzusetzen. 



2. über den Hsiau Wu tai schan nach Da düng fu 

in S chanh si. 

Zwecks Vervollständigung meiner botanischen Sammlungen der Hsiau 
Wutaischan-Kette widmete ich den Monat Juli 1915 einem 
abermaligen Besuch dieses schönen Gebirges. Um aber nicht denselben 
Jtürzesten Zugangsweg von Huai lai hsien, Haltepunkt der Peking — 
Kalgan-Bahn, zum zweitenmal zu begehen, wählte ich als Ausgangs- 
stelle das Kreisstädtchen Fang schan hsien im Regierungsbezirk 
Schun tien fu (Provinz Tschili). 

Fang schan hsien liegt noch völlig in der Ebene, 5 km nord- 



der u 
Rück 



Bahnendpunkt 



Steinkohle auf 



wird, um in Liu li ho auf 



Hankou-Bahn überführt zu werden. 

F. Fedde, Repertorium specieriim Bovarom. Beiieft XTI. 17 



258 



W. Limpriclit. 



1^ 



In dem Städtchen hofften wir Tiere zur Gepäckbeförderung für die 
ganze Reise zu erhalten. Nach vieler Mühe gelang es uns auch mit Hilfe 
des alten, anfangs etwas mißtrauischen Ortsmandarins drei Eselcheii 
aufzutreiben. 



Unser nächstes Reiseziel war der Bo hua schau, der Hundert- 



Blumen-Berg, den ich scion Pfingsten desselben Jahres besuchen wollte, 
der weiten Entfernung wegen bei der Kürze der Zeit aber nicht mclir 
erreicht hatte. Nach den Berichten anderer Sammler sollte dieser Berg, 
wie ja auch schon der chinesische Name besagt, eine besonders reiche 
Flora beherbergen. 

Aus dem Nordtor des Städtchens heraus führte der Weg noch eine 
Stunde (10 Li) durch die Ebene nach Norden und betrat bei dem Dcrfc 
Dung liu schui die Schwelle des Berglandes. 

Maisfelder, am Rande von Rizinusstauden eingefaßt, wollbostenie 



Beete mit Eierpflanzen {Solanum rnelongeiia), Aprikosen (Hsingtse) und 
Wallnußbäume im Talgrunde. Buschwerk, hauptsächlich Vifex incisa, 
deren Blätter zur Teebereitung verwendet werden, an den oberen Berg- 
lehnen, seltener zutage tretendes kohlehaltiges Kalkgestein bilden den 
Charakter der anmutigen Landschaft bis zum steinigen Tale des breiten, 
aber jetzt seichten Liu li ho, das wir bei Wan fo tang erTcichten. 
Hoch über dem Talboden, \on Bergrücken zu Bergrücken, führte kui^ 
vor dem Oil eine von einem Tientsiner Deutschen gebaute Drahtseilbahn, 
die die Erzeugnisse der Kohlengruben der Umgebung nach Touoli, dem 
Endpunkte einer ebenfalls zur Peking — H a nk o u - L i n i e führenden 
Eisenbahn zu befördern hat. 

Ein aus Steinen zusammengesetzter Staudamm verengte den eigent- 
lichen Wasserlauf, einzelne aus dem Wasser ragende Steine dienen als 
Brücke und geleiten zum gegenüberliegenden Dorf Tse diau, indessen 
Nachbarschaft prächtige, aber leider stark verfallene Kaisergräber mit 
den gelb ghisierten Ziegeldächern ihrer Tempel sicli wirkungsvoll voii dem 
frischen Grün der hinter ihnen ansteigenden Berglehnen abheben. 

Von hier an fügt sich der Weg dem durch den Wasserlauf gegrabenen 
Tale ein, das sich in vielfachen Krümmungen bis zu den Hängen des 
Bo hua schan hinzieht. Die Schlängelung des Flußbettes zwingt :zti 
mehrfachen Übergängen über das klare, schwach grünliclie Wasser, doch 
ragen die an den Übergangsstellen in die Strömung gelegten Steinquadern 
so weit über die Oberfläche empor, um ein müheloses, trockenes Hinüber- 
gehen zu ermöglichen. 

Allmählich nehmen die begleitenden Bergkuppen schroffere Formen 
an, nackte, rötlich schimmernde Kalkfelsen krönen die Höhen und er- 
innern in ihrer Gestalt und dem Farbengegensatz an eine Miniaturausgabe 
der Dolomiten Südtirols, 



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Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets, 259 



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bber Dung tschwang, Li go tschwang und das daran an- 
schließende Ho pe nähert sich der Weg einem niederen Kalkrücken, 
den der Fluß bei dem Doife Tschen djia tai in einer Schleife zu um- 
\ fließen gezwungen ist. 

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^ Tschen djia tai lassen wir rechts liegen, überqueren den steilen 

Sattel und steigen in glatter, graublauer Felsrinne wiederum insLiuli 
ho- Tal hinab, in dem etwas weiter oberlialb der an die Felsen gelehnte 
Tempel He lung miao und kurz darauf das Dorf He lung kwan 






erscheint. 

Schon drei Li weiterhin deuten die verrußten Gesichter der Gruben- 
arbeiter und die Maschinenhalle einer hier endenden Drahtseilbahn auf 

■4 

den Kohlenreichtum der Gegend hin; es ist Fu tse tsch wang, der am 
weitesten nach Westen vorgeschobene Vorposten eines maschinellen Berg- 
werkbetriebes in diesen Bergen. 

^ on nun an erfüllen zahllose Steine das wasserarme Flußbett, in 
dem der schlecht erkennbare Weg immer weiter aufwärts zieht. Steile 
Felswände, fast jeden Pflanz en\\Tichses bar, verleihen der Landschaft 
das Gepräge einer düsteren Wildheit, die an die schamige Schönheit 
hoch alpiner Geröllrunsen gemahnt. 

Bei Hung me tscbang teilt sich das Wasser und somit auch der 
Weg; das Tal nordwestlich führt nach Dschai tang über den Ma an 



^Jng und ist seinerzeit von Baron von Eichthofen begangen worden. 
Wir wandten uns westsüdw^estlich. Steile, zackige Kämme schließen 
das Tal im Süden ab, und in dem scheinbar ausgangslosen Felsenkessel 
liegt in prächtiger Lage das Dorf Tschang tsau. 

Doch das Wasser hat sich einen Zugang zu diesem Kessel erzwängt; 
in der von ihm geschaffenen Schlucht tritt der Charakter \vüster Öde 
nocii schärfer hervor, da die Felsen nahe zusammenrücken und Spuren 
menschlicher Anbautäti^keit nicht mehr zu bemerken sind. 

Erst 15—20 Li oberlialb Tachang tsau treten die Felswände etwas 
zurück, bei dem Weiler Djiayü kou mündet ein jetzt wasserloses, 
mit Steingeröll angefülltes Flußbett ein. Hier verlassen wir das Haupttal 
und die bisherige Südwestrichtung und biegen nordwestlich in diese Runse 
hinein. 

Zwei Stunden vergehen, ohne eine Spui- von Wasser anzutreffen, 
endlich spiegeln sich kleine Pfützen klaren, schwach strömenden Wassers 
«n allzu grellen Sonnenliclite, von spärlich sickernden Quellender Schlucht- 
^vände gespeist. Doch nur wenige Schritte ist das lebenspendende Element 
zu fließen imstande, um schon nach einigen Minuten dem aussichtslosen 
Kampf mit der Steinwüste zu erliegen. Doch die geringe Wassermenge 
genügt zum Unterhalt von Mensch und Tier in dem bald erreichten Dörfchen 



Ein 1 



eng schui. 



17 



* 



260 



W. Limpricht, 



Schon 10 Li hinter dem Ort mündete wiederum eine Schlucht ein, 
in der ein schmaler, kaum erkennbarer Steig nach Dscha tai führen 
sollte. Unser Weg stieg links langsam über die wenigen Hcäuser von Da ko u 
(5 Li) in enger Schlucht aufwärts, bis sich das Felsental trompetenartig 
erweiterte und der nun auf einmal hurtig fließende, von den Hängen des 
vor uns aufgetauchten Bo hua seh an herabkommende Bach eine 
intensive Bewirtschaftung ermöglichte. Haine von Walnuß- und Aprikosen- 
bäumen (halbwilde Hsing mit kleinen harten Früchten) belebten die 
bisher so tote Landschaft, zahlreiche Bauernbäuschen, räumlich von- 
einander durch Plantagen "geschieden, geleiteten allmählich zum großen 
Dorf Schi dsia ying hin, das in 600 m Meereshöhe dem Südfuße des 
Hundert-Blumen-Berges angelehnt liegt (3}^ Stunden von Liu leng 
schui). 

Greifbar nahe starrt im Westnordwesten der lange zackige Rücken 
des Bo hua schaii empor, der mit seinen über 2200 m messenden höchsten 
Erhebungen einen imposanten Eindruck hervorruft. Eine deutlich er- 
kennbare Xadelbaumgruppe auf seinem Kamme bezeichnet die Lage des 
gleichnamigen Klosters, das als Standquartier für die nächsten Tage aus- 
ersehen war. 

Bei dem nur drei Li von Schi dsia ying entfernten Dörfchen 
Dsau ya fa beginnt der Anstieg, der fünf Gehstunden beansprucht. 

bedeckt namentlich die 



Eine 



ungemein üppige Strauch Vegetation 



mittleren und oberen Lagen des Berges, imd die Gipfelmatten bilden einen 
dichtgewebten Blumenteppich von so seltener Pracht^ daß man den 
chinesischen Namen „Hundert-Blumeu-Berg"' als völlig zu Recht be- 
stehend anerkennen mu ß. Am auffallendsten und wirkungsvollsten 
leuchten die weißen Blüten des Pfeifenstrauches, in unsern heimischen 
Gärten und Parkanlagen meist fälschlicherweise als ,, Jasmin'' bezeicimet, 
der Deutzia- und Vibumumsträucher aus dem Blattgewin* hervor, wie ja 
das Weiß in den tieferen Regionen die vorherrschende Farbe ist. Vermischt 
mit Eichen und Weiden, besonders aber mit Haselbüschen, bilden die 
wohlriechenden, hellila Blütentrauben des Flieders den schönsten Schmuck 
der oberen Hänge. Unter dem Schutze dieses dichten Gebüsches gedeihen 



■ 

dunkelrote Rosen, rote und gelbe Lilien {Lilium pulcheUum und Hemero 



calUs minor), violetter Ackelei, die prächtige blaue Himmelsleiter {Pok- 
moninm coeruleum), ein kräftiger Enzian((Tenfiana macrophylla), im Strauch- 
werk kriechende, weißblühende Waldrebe, giftige Germerstauden ( Veratrttfn 
nigrum), Kübchenscbellen {PuhatiUa chineims) und grünlich -weiue 
Orchideen, die Felsen schmückt unter anderen unscheinbaren Blumen 
eine Unzahl der weithin sichtbaren weißen Rispen eines Rhabarbers 

{Bheum Emodi). 

Bei einem kleinen, unbewohnten Tempel kurz unterhalb der Felsen 






X 



>■ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 261 



des Bergrückens muß man den Weg, der wenige Minuten weiter rechts 
den Kamm überquert, verlassen und steigt links noch eine halbe Stunde 
dmeh Gesträuch bis zum Rande des Gipfelplateaus empor, auf dessen 
blatten die weitläufigen, zum Teil verfallenen Tempelanlagen des Klosters 
Bo hua seh an erbaut sind, 

^ icr Tage hatte die Reise von Fang schan h sie u bis hierher 
beansprucht, könnte aber leicht in drei Tagen ausgefühi"t werden, da wir 
ja am ersten und letzten unserer Wandertage nur halbe Tagesmärsche 
zurückgelegt hatten. 



liegt 



gt nach einem 



Dair freundlichst zur Verfügung gestellten kompensierten Holosteric- 
Barometer 2210 m. 

Der lange, breite Rücken des aus Kalk bestehenden Berges verläuft 
in der Richtung S — N, nach der Westseite fällt er in steilen, buschigen, 
von Telspartien durchsetzten Hängen ab, die Ostseite zeigt mildere Formen, 
ist noch üppiger bewachsen und an einigen wenigen Stellen für den Anbau 
Von Bohnen und Kartoffeln urbar gemacht. Die Aussicht umfaßt ein 
weites Gesichtsfeld. Nach Osten gleitet der Blick über schroffe Bergkämme 
bis in die Pekinger Ebene, die Lichter der 250 Li entfernten Hauptstadt 
sind in klaren Nächten deutlich zu sehen. 

Im Norden zieht sich zu Füi3en des Beschauers das lange Tal des 
zum Hunho fließenden Tsing schui östlich hinauf, der schnellste 
Zugang von Peking aus, der Weg, den als erster Dr. Bret sehn eider 
und 35 Jahre später Dr. Schindler genommen hatten. 

Die höchsten Berge liegen im Westen; klar und deutlich zeichnet 
sich die Kette des H s i a u W u t a i s c h a n im fernen Westsüdwesten vom 
Horizonte ab, häufig durch eine Wolkenkappe vor den anderen versteckt, 
genau im Westen tritt im Vordergrunde der ungefähr 2500 m hohe Schi 
*^a pan hervor, den ich drei Jahre vorher im Geistertempelpaß, Hsien 
HHao ling, überschritten hatte. Auf den nietleren Bergen zu seinen Füßen 
klettert die große Mauer entlang, deren einzelne Wachttürme namentlich 
bei Tagesanbruch sich scharf vom naclcten, gelblich -grauen Grunde ab-, 
heben, 

^^ach Süden setzt sich der Bo hua schan zunächst in einem Felsen- 
&*at fort, der zu einer zweiten, anscheinend ebenso hohe 
Em Versuch, auch sie zu besteigen, scheiterte, da tief einschneidende, 
^nüberkletterbare Scharten ein zu tiefes Hinabsteigen 
;^iich diese Spitze ist mit Matten bekleidet. 

I'nter den versch iedenart igsten Blumen, die die C ipf elmatten 
schmücken, fallen besonders die orangefarbenen Blüten des Kugel- 



hinführt, 



^ ^ 



erfordert 



iL, 



262 



W. Limpricht. 



r 



ranunkels {TroUim asiaticus), Edelweiß, gelber und weißer Hahuenfuß, 
Fedevnelken, rote Primulaceen [Cortusa), Baldrian, gelbes Teilchen (Viola 
biflora), gelber Alpenmohn [Papaver nudicaule) und die prachtige Alixni- 
Waldrebe [Chmalis alpiiia) ins Auge." Die botanisch interessante Merk- 



würdigkeit 



Westh 



bilden die rnmasscn zweier Frauonschuh- 



orohideen, deren dunkelrote oder weiß rosagescheckte BHiten im Juli 
zwischen den Hainbuchen- und Haselnuß standen tonangebend auftreten. 
Sparsam finden sich unter ihnen auch einzelne Exemplare der ,.Sprmg- 



wur? 



;!" {Allium Vidorialis), einer den meisten aus den Kübezahlssagen 
veiirauten Seltenheit, die also die Gebirge Europa — ^Asiens bis zum stillen 
Ozean zu durchdringen scheint. Xach dreitägigem Aufenthalt verließen 
wir das Kloster, stiegen zum kleinen Tempel hinab, überquerten deuKannu 
und wandten uns westlich an den Hängen entlang allmiihlich der Sohle 
des Talkessels zu, in der vereinzelte Gehöfte und einige Dörfchen ein- 
gebettet liegen. Steil fällt dieser Kessel gegen ein schmales Tal ab, dessen 
Wasser dem Tsing seh ui zuströmt. Am Talanfang verkünden sprudelnde 
Quellen kalten, klaren \\''assers, sorgsam von den Bauern über die Felder 
geleitet, 3 m hoher Kauliang und Rphrpflanzungen die Nähe des unter 
Bäumen versteckten stattlichen Dorfes Hwang an (1000 m). 



Dem 



Igt 



drei Li bei dem Dorfe Da hö in ein breites, mit Geröll angefülltes, nach 
Xoixien ziehendes Tal einmündet. 

Kui^ hinter dem nächsten Dorfe Leäng dsiau pu (5 Li) stößt yow 
links ein neues Tal rechtwinkelig zu. Hier verlassen wir den 1:)ishengon 
nach Tsing schui führenden Weg und biegen nach Westen in das neue 
Tal hinein, das denselben öden Anblick bietet. T^Tach weiteren 8 Li erschemt 
das Dorf Du djia tsch wang, dem in kui7.en Abständen zwei weitere 
folgen, die ebenfalls nach Familiennamen benannt sind. Tschang djia 
tsch wang (3 Li) und Tschi djia tsch wang (2 Li). Hier überholte 
uns ein ganzer Trupp verwegen aussehender Jäger, die nach dem han- 
links liegenden, Schang po genannten, an 2000 ra hohen Felsenkamme 
auszogen, um Wildschafe und Leoparden zu jagen. 

Längere Zeit, 8 Li, fehlen die Ortschaften in dem einsamen, aber 
bebauten Tal, an dessen Schluß, malerisch im Felsenl^essel gelegen, die 



4" 



nächste Siedelung, das Dorf Hsiau lung men (kleines Drachentor) 
den Zugang zur großen Mauer bewacht. Xoch eine Stunde hat man durch 
ein prächtiges Felsenengtal allmählich sanft bergan zu steigen, und dann 
bezeichnet ein mächtiger viereckiger Wachtturm und den Bergabiau 
Lu seh an herabkletternde Mauerreste die Stelle, an der die große Mauer 
aus den Bergen herv^orbricht und das Tal in früheren Jahrhunderten 
auch versperrte. Kurz hinter dem JTuim stehen die vier ärmlichen Hütten 
des Weilers Da kou (13öO m), der letzten menschlichen Behausung 



- ^1 



^ 



-L .* 



W: 






A- 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 263 



'^ vor dem Paß Lao po ling, zu dessen reich bewachsener Hölie (1640 m) 

der Weg mühelos hinansteigt. 

5in völlig verändertes Landschaftsbild bietet die Abstiegsseite. 



Steil, teilweise in wilden Felspartien, fällt der Berg zu dem langen, fluß 
durchströmten Hsian ho-Tale ab, das mir durch die Wachttürme auf den 
Vorbergen, wie überhaupt durch seine Gesamt Szenerie bekannt vorkam. 
Und richtig, ich hatte mich nicht getäuscht! Der gegenüberliegende 
Berg war der Schi ba pan, den ich drei Jahre vorher im Hsien miao 
Hng, dem^ Geistertempelpaß, überschritten hatte, dem Fluß war 
ich abwärts gefolgt, um nach Liu dsia gou (Liu chi kou) und somit 
auf den kleinen Wu tai schan zu gelangen, der im Südwesten scharf 
und klar darlacr. 

In Kehren stiegen wir rasch den üppig mit Buschwerk und Laub- 
bäumen bestandenen Hang hinab, ließen Yang de ling und das be- 
kannte Trapi)istenklo8ter Yang dsia kou rechts liegen und erreichten 

über I)u djia yü das große Dorf Hsie dsia pu (Hsie chia pao), 
1050 m. 

K\m vor den Häusern mußten wir das dem Kessel \on Lij^iörl 
entquellende Wasser überschreiten, da? zunächst parallel der großen 
Mauer fließt und diese dann im ,,gi'oßen Drachentor'', Da lung men, 
durchbricht. In Hsie dsia pu hatte ich meine Reiseroute von 1912 
berührt. 

Die Dorfbewohner rieten von Liu dsia gou des schlechten Weges 
auf den Wu tai schan wegen ab und zu dem Wege über den Schi ba 
pan (Hsien miao ling), da es aber in den letzten Tagen wenig geregnet 



hatte und daher überall niedriger Wasserstand herrschen mußte, be- 



schlossen wir doch den Versuch zu wagen und entschieden uns für den 
he<leutend näheren Weg über Liu dsia gou. 

Angesichts der ^Wachttürme auf den niedrigen "N^orbergcn der linken 
Flußseite, die ich auf meiner früheren Reise nur für Talsperren angesehen 
hatte, die aber doch die letzten Reste der aus einem Seitentale hervor- 



brechende 



folgt 



Fluß lauf 



zunächst auf der rechten, dann auf der linken Seite abwärts, überschritten 
'hn aber schon bei Schang tuan li endgültig und stiegen über den 
I^a ling nach Liu dsia gou (Liu chi kou) ab, das nur 5 Li von 
Schang tuan li entfernt war. Drei Jahre vorher hatte ich den Fluß 
etwas weiter unterhalb durchwatet und den begleitenden Bergzug in dem 

Hsiau ling-Passe überquert, hatte also das Liu dsia 
gouer-Tal zu weit südlich betreten und daher das Dörfchen von der 
entgegengesetzten Seite her erreicht. 

I>er Wasserstand war so niedrig, daß die als Brücke hineingelegten 
Steine die OberfLäche überragten und sich die Übergänge mühelos bewerk- 



niedr 



264 



W. Limpricht. 



steliigen ließen. Daher schritten wir schon bei Liu dsia gou über das 
Wasser, schnitten auf der rechten Seite den großen Bogen, den der Fluß 
hier macht, ab, zogen au dem ^^ Li links bleibenden Ort Dschau dsia 
peng vorbei und gewannen bei dem nur 6 Li von Liu dsia gou ent- 
fernten Dorfe Ho pe das linke Ufer wieder. 

Ohne Schwierigkeit wanderten wir nun in dem endlos langen, aber 
landschaftlich prächtigen Tale über Da miao und Sse tse tai bis zum 
letzten Dörfchen Schui hsüe taug, erklommen die Paßhöhe Daling 
(2190 m), stiegen aber, um die Tragtiere zu schonen, den Hauptweg 
ab, der bei Schang hu pen in die Ebene ausmündet. Da hier der 
vorgerückten Stunde wegen Nachtquartier nicht mehr zu erhalten war, 
waren wür gezwungen, noch bis zum nächsten Dorf nordöstlich Hsia hu 
pen weitei-zugehen. Über Schau dsien kou (San chia kou), wo der 
vom Da ling-Paß herabkommende Fußpfad ausmündet, erreicliten 
wir am nächsten Morgen das Kloster Tie lin sse, unser Standquartier 
für die nächsten Tage, 1CC4 m. 

Die Reise vom Gipfel des Bo hua schan bis nach Tie lin sse 
an den Nordfuß der Hsiau Wu tai schan-Kette hatte also 4^2 Tag^ 
in Anspruch genommen. 

Tie lin sse, das Eisenwaldkloster, liegt auf dem Rücken 
einer vom Petai, dem Nordaltar, herabkommenden Bergrippe un- 
gefähr 400 m über dem Boden des ehemaligen Seebeckens von Tau hua 
Yü t schon. Es ist der Einttittspunivt für die Pilgerzüge, die im August 
selbst aus der Mongolei herbeieilen, um in den Tempeln des Gebii'ges 



Andacht zu verrichten. 
I m ganzen sind entsprechend dem großen W 



m 



nur 



der Pe tai. Hsi tai und der Kan tai von Tempeln gekrönt smd. 
Früher befand sich auch ein Tempel auf dem Dschung tai, dem Mittel- 
altar, iist aber längst den Stürmen zum Opfer gefallen und nicht wieder 
neu erbaut worden. Auf dem schwer zugänglichen Dung tai, dem Ost- 
altar, hat nie ein Heiligtum gestanden. 



-ij 



dem 



Während aber die Tempel auf den Bergspitzen nur klein um 
bedeutend, zum Teil sogai unbewohnt sind, erscheinen die vier, 
Xordabhang der Kette vorgelagerten Klöster um so reicher und eindrucks- 
voller ausgestattet. Das schon erwähnte Tie lin sse ist dem Pe tai 



- ^ j 




:liedert, am Fuße des Hsi tai liert 



Li hsing sse 



und Hsing 

schan sse und Pu sehe sse sind schon weiter in die Ebene bis zum 
Städtchen Bai lo vorgeschoben, so daß sie als Gebirgstempel eigentlich 
nicht mc!;r in Betracht kommen können. 

Weißrindige Pappeln, Weiden und einzelne Kiefern umstehen das 
Kloster Tie lin sse: dann folgen Bergwiesen auf dem Rücken der weit 






^ 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets, 



265 



t- 



i 



nn die Ebene vorspringenden Bergrippe, die an den eigentlichen Lehnen 
des Berges von einem aus Birken und Haselnuß sträuch er n, untermischt 
mit Eiciien und Pfeifenstrauch zusammengesetzten Wäldchen abgelöst 
werden. Neben Edelweiß, roten und gelben Lilien, Geranien und Ackelei 
bilden großblütige Pfingstrosen (Päonien) mit ihren weithin leuchtenden, 
reinweißen Blüten den schönsten Schmuck dieses Gehölzes, wohl des 
letzten Restes eines in früheren Zeiten ausgebreiteten Laubwald bestandes. 
Höher hinauf bekleidet nm- Buschwerk, Flieder (bis 2300 m), Hainbuchen, 
JJeutzien und Blicken die steilen Hänge, und in einigen wenigen versteckten 
Gründen haben sich noch kümmerliche Reste von Lärchen und blau- 
zaijfigen Fichten vor der Waldvernichtungswut der Bevölkerung schützen 
Können. Eine herrliche Zierde dieses Gebüsch gürt eis bilden wiederum 
die beiden uns schon vom Bohua seh an her vertrauten Frauen- 
schuhorchideen, die auch liier in ungeheuren Massen auftreten, ferner die 
leuchtend rote Primulacee Cortum, violetter Eisenhut, Edelweiß, die 
blaue Himmelsleiter, dunkelblauer Salbei und die orangefarbenen Kugeln 
des TrolUus. Von 3000 m ab ziehen sich prachtvolle, saftige Matten bis 
zu den höchsten Felsen und Graten hinauf, übersät von Edelweiß', Ver- 
gißmeinnicht, dunkelblauen Astern und TrolUus, leider in den letzten 
Jahren als Schafweide benützt, wodurch naturgemäß einige der schönsten 
Alten dem Untergange geweiht sind oder auf die unzugänglichs-ten Stellen 
zurückgedrängt werden. Die Kallvfelsen beherbergen Unmassen der auch 
m den Hochgebirgen Europas vorkommenden Anemone narcismflora, 
mikh weiße Androsace, blaue, violette und gelbe Schmetterlingsblütler, 
weißes Chrj-santhemum und gelbes Lausekraut (Pedicularis). 

Um möglichst eingehend die alpine Flora kennenzulernen, blieb ich 
drei Tage in dem kleinen, leerstehenden Tempel an der Südseite, 100 m 
unterhalb der Pe tai- Spitze. 

Die Aussicht von dem höchsten, mit einem kleinen, durch Holz- 




zen gegen die Unbilden der Witterung geschützten Tempelcl.en ge- 
i^rönten Punkte der Pe tai- Spitze*} umfaßt die gesamte Gebirgswelt 
bis zur Pekinger Ebene im Osten und der Vereinigung des San kan ho 
niit dem Hun ho im Norden, im Süden versperrt die Hsiau Wu tai- 
Kette mit Dung tai und Dschung tai den freien Ausblick, und im 
Westen verschwimmen niedere Bergzüge im Dunste des Horizonts. Scharf 
treten Bo hua schan und Schi ba pan über die tiefer streichenden 
Bergzüge des östlichen Gesichtsfeldes, die nach Schi men tse (Hsüe 
^^«'n tschung) zusammenlaufen, hervor, im Norden breitet sich das 
I^eoken von Tau hua— Yü tschou zu Füßen der Kette aus, durch- 
*'^en v-om Hu liu ho (An tingho), der, zum San kan ho eilend. 




Mes 



') 2993 m nach dem Holosteric-Barometer, gegen 3250 m meiner frükerea 



ssmig. 



266 



W. Limpricht. 



fr 

die die Ebene nördlich abgrenzenden Hügelreihen in einer weiten Pforte 
durchbricht. 

■fr 

Zwischen Pe tai und der im Südosten emporragenden Dung tai- 
Spitze nimmt das wilde, zum Teil bewaldete Hochtal des Goldflu^ses, 
Djin (Kin)ho, seinen Anfang, der am Fuße des im Südwesten sichtbaren, 
tempel geschmückten Hsi tai in die Ebene austritt. 

Die höchste Erhebung der gesamten Hsiau Wu tai.schan- 
Kette scheint der Ostaltar (Dung tai) zu sein, der durch einen scharfen, 
besonders 241m Goldflußtal sehr steil abfallenden, felsigen Grat mit dem 
Pe tai in Verbindung steht. Der die linke Wand des Goldflußtales 
bildende Rücken fällt mit dem Hsi tai gegen die Ebene ab, steht aber 

■ 

mit dem Dschung tai in Verbindung, der im Südsüdwesten 
1 überragt. An ihn schließt sich der vom Nan tai, dem Süd- 



iederum 



altar. gekrönte Grat an. 



\ 



* ö 



Ein Versuch, die Dung tai- Spitze zu erklimmen, mißlang nur 
leider wegen der tief einschneidenden Felsscharten, die ein zu zeitraubendes 
Hinuntersteigen und wieder Hinaufklettei^i erfordert hätten. 

Außer einigen Parnassiusfaltern und den sehr häufigen schwarcen 
Bergdohlen habe ich von der Tierwelt nichts bemerkt, doch sollen, nament- 
lich an den wilden Felsstm-zen des Dung tai, Wildschafe und in dem 
Buschwerk des einsamen Goldflußtales Leoparden häufig sein. 

Meine fernere Absicht war, dem Hsi tai und wenn möglich auch 
dem Dschung tai einen Besuch abzustatten. Da mir der Zugangsweg 
zu diesen Spitzen längs des Kammes über den Dung tai ohne genügenden 
Proviant nicht rätlich erschien, beschloß ich am Nordfuße der Kette 
entlang nach dem Kloster Li hsing sse zu waridern und von da aus 
den Hsi tai zu besteigen, um so mehr, als der dadurch bedingte Lmweg 
nach Yü t schon nicht erheblich war. 

Eingebettet in die zerfurchte Lößebene liegt zu Füßen des Klosters 
Tie lin sse, das stattliche Dorf Tsche yai p u. Von hier hat man m 
stidwestlicher Richtung drei Stunden Fußmarsch parallel dem Hoch- 

über Schao sse tsun bis nach Dung djin ho kou (östlich 
der G o 1 d f 1 u ß m ü nd u n g) . Auf der gegenüberliegenden Seite des breiten, 
geröllreichen Bettes des hier in die Ebene austretenden Goldflusses ruht 
unt^r Kiefern versteckt inmitten des Dorfes Hsi djin ho kou (west- 
lich der Goldflußmündung) der große Tempel Li hsing ss^> 
1500 m. 

Unmittelbar hinler dem Kloster beginnt der Anstieg. Auf schmalem. 
weiter oben des spitzen Gerölls wegen beschwerlicliem Pfade stieg 10 n 
allein über die buschigen, wasserreichen Lehnen, in denen an einer Stelle 
sogar noch Schnee lag, auf die blatten des Rückens, den Weideplätzen 







AT 

j 

"f. 



Botanische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 267 

zahlreicher Pferde, Maultiere und Esel, und weiter zur Spitze des 2893 m 
hohen Hsi tai, die ich nach insgesamt 3 V^ stündiger Wanderung betrat. 
Vier Häuschen stellen auf dem Gipfel, deren eins den wenigen Mönchen 
^ als Wohnung dient. Mächtige Rhabarberstauden, den Felsstürzen des 

oberen Goldflußtales entnommen, umgürten die Häuschen, sonst ist die 
Flora, wohl der intensiv betriebenen Weidewirtschaft wiegen, ärmlich 
und dürftig im Vergleich zu den schwellenden Matten des Pe tai. Um 
so schöner ist die Aussicht auf die Spitzen der Gesamtkette, die mit ihren 
scharfen Graten alle vier den Augen des Beschauers erreichbar sind. Die 
gegenüberliegende Wand des großartig wilden Goldflußtales setzt sich 
über den Pe tai, dessen Tempelchen deutlieh zu erkennen ist, etwas 
ansteigend zur schroffen Dung tai- Spitze fort, die wiederum mit 
Dschung tai und schließlich mit dem Nan tai einen zusammenhängenden 
Kamm bildet. 

Über kui-zgrasige Matten, den Weideplätzen volksreicher Schafherden, 
am obersten Rande des Goldflußtales entlang, führt ein Hirtensteig zum 
Hauptkamm. In knapp zwei Stunden stand ich auf der sanft gewölbten 
Kuppe des Dsch ung tai, des Mittelaltars, 3024 m, auf dem nur weziige 
Mauerreste, sowie ein kleiner, eiserner Heiligenschrein nebst einem Mühl- 
stein die letzten Überbleibsel eines früheren Tempels darstellen. 



i 



bsing sse an. 



langt 



Das Tal des Goldflusses, der in zwei Quellarmen den Abhängen des 
Düng tai und Pe tai entspringt, gehört sicherlich zu den erhabensten 
i Schönheiten des Hsiau Wu tai seh an. In enger, wildromantischer 

Felsenklamm zwängt sich der Fluß einen Durchbruch durch die einander 
t^ehr nahe tretenden Wände der Ausläufer des Pe tai und Hsi tai. 

Bei der Vorliebe der buddhistischen Priester für großartig wilde 
Szenerien ist es zu verstehen, daß in der Verbreiterung des Tales zwei 
emsam gelegene Tempel einsiedlerisch veranlagten Mönchen als will- 
kommene Erbauungsplätze bewohnenswert erschienen. Fünf Li fluß- 
aufwärts, wo die schroffen Felswände der düsteren Schlucht freundlich 
grünen Leimen ihren Platz abtreten, verraten verzierte Pagoden mongolisch- 
tibetischer Form die Begräbnisstellen der Mönche des nahen Tempels 
Djin ho sse und 10 Li weiter oberhalb in nächster Nachbarschaft der 
buschigen, als Versteck Ton Tigern allgemein gefürchteten Hänge des 
Talschlusses hat man den Tempel Djin tai sse erbaut. Bi? zu ihm 
fülirt der Weg, dessen weiteres Verfolgen zum uns schon bekannten Tempel 
an den Felsen der Pe tai- Spitze geleiten müßte. 

Um nach Da düng f u, dem vorläufigen Endpunkte der mongolischen 

Eisenbahn von Kaigan nach Ürga zu gelangen, verließ ieb schweren 

. Herzens das Hochgebirgsland des Hsiau Wu tai und wandte ^ich, 



268 



W. Limpriclit- 



da ich keine Maultiere erhielt, zu Fuß der größten Stadt des lößerfüllten 

Beckens, Yü tschou, zu. 

Unmittelbar vor den Lehmmauern des Fleckens Bai lo, dem ersten 
größeren Ort der Ebene, liegt der bescheidene Tempel Pu scho sse in 
1217 m Meereshöhe. Der Weiterweg nach Yü tschou zieht sich am 
Fuße der immer mehr verflachenden Hsiau Wu tai-Kette in vvest- 
südwestlicher Richtung hin. 

Die von der Bebauung verschont gebliebenen Stellen des Bodens 
weisen die typischen, im ganzen Löß gebiet Nordchinas häufigen Charakter- 
pflanzen auf, die immer dieselben, an denselben gelben Lehmwänden der 
Hohlwege bald jeden Reizes für den Botaniker entbehren. Und doch 
hat die eintönige Melancholie der sich stets gleichbleibenden Landschaft 
für den Naturfreund etwas von der geheimnisvollen Stimmung der Wüste, 
in die das Land ja weiter nördlich unmerklich übergeht. Man fühlt, daß 
in früheren Jahrhunderten hier erbitterte Grenz kämpfe zwischen zwei 
völlig verschieden gearteten Völkern stattgefunden haben müssen. 



Die 



heute rein chinesischen Ortschaften, Dörfer wie Marktflecken, sind mit 
Lehmmauern und Eektürmchen versehen, ja selbst die Temj)el umzieht 
ein Wall, ähnlich den Kirchen der Sachsen Siebenbürgens, als Schutz 
gegen plötzliche, unvorhergesehene Überfälle der Grenznachbarn. 

Nach den wenigen Häusern von San kwan (20 Li) ist Dai wang 
tscheng, 1239 m, das nächste größere Dorf (20 Li). Zwei Wegstunden 
sind es noch bis Yü tschou, das kaum nach Überschreiten des höchstens 
drei Meter breiten Hu liu ho (An ting ho) an seinen hohen Stadt- 
mauern und der mehrstöckigen Pagode in der Nähe des Südtores von weit- 
her zu erkennen ist (SO Li von L i h s i n g s s e, 1227 m). In der prächtigen, 
weitläufigen Tempelanlage des sauberen Klosters Sehe djia sse, der 
Stammutter aller Wu tai-Heiligtümer, rasteten wir fast einen ganzen 
Tag, um Trag- und Reittiere zu mieten. 

Das fruchtbare, reich mit Flachs, Kauliang, Bohnen und vor allem 
Kaitoffeln bebaute Lößbecken am Xordfuße der überall in der Ebene 
sichtbaren, langgestreckten Gesamtkette des Hsiau Wu tai schau 
greift noch in die Provinz Schanhsi über; kurz vor dem Dörfchen Schi 
ma to (40 Li) hinter dem volkreichen Städtchen Nuan tschuen hegt 
die Grenze. Kwang ling ist die erste Stadt in der neuen Provinz, 1290 m; 
ihre Lage ist weithin kenntlich an dem weißen Tempel auf dem Bücken 
der das Tauhua — Yü tschouer Becken abschließenden Höhen, die 

r 

bis nahe an den Fuß der Wu tai-Kette v^orspringen. 

Ein niedriger Paß, 1492 m, auf dessen westlicher Torseite die Inschrift 



„Dunglaitse tschi'' eingemeißelt ist, geleitet zu dem kleinen Becken von 



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Nan tsun hinüber, dessen Niveau aber nur wenige Meter tiefer üegt 
als der P^ß selbst (1463 m). 



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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost-Tibets. 269 
Da sich unterwegs — von Kwang ling bis Xan tsun mußten 



wieder 



Trag 



tiere für den Eest der Reise bis Da düng f u zu erhalten, änderten wir 



nach 



yüan führende Straße, um den kürzeren, von Hsi ning hsien her- 
kommenden Weg zu erreichen. 

Langsam stieg das eintönige Gelände gegen den nördlich vorgelagerten 
Höhenzug an. Ein trockenes, geröllreiches Flußbett diente als Weg, 
der hinter dem Dorfe Hsiau kwan tsun (30 Li, 1837 m) allmählich 

zur Höhe des Feuersteinpasses, Huo schi ling, 2200 m, empor- 
führte. 

Eine weite, von dem glitzernden Bande des San kan h o durchflossene, 
schwach wellige Hochebene lag vor uns. Die wilden, an die Dolomiten 
ennnernden Kalkschroffen des Xordabhanges beherbergten noch einmal 



emige Vertreter der alpinen Flora des Hsiau Wu tai seh an, neben 
Enzian, Edelweiß, Vergißmeinnicht und Salbei vor allem L'nmassen des 
giftigen Germers {Verab'um nigrum) und einen alten Bekannten aus der 
Hoch gebirgs weit des chinesisch-tibetischen Grenzgebietes, einen strauchigen 
Leptodermis, 

Steil wand sich der erbärmlich schlechte Weg der Ebene zu und brachte 
uns nach dem stattlichen und sauberen Dorfe Xan schüe, 1225 m (45 Li 
westlich des Städtchens Hsi ning hsien). 



Angesichts der wild 



ur 



kette ritten wir über den größtenteils sandigen oder steinigen Boden de: 
Welligen Hochfläche zwischen Raps-, Flachs-, Kauliang- und Kartoffel 
Feldern nach Westnordwest. Hinter Lai nan pu (20 Li) 



wur 



Wa 



gekreuzt 



tias über einen Meter Mächtigkeit besaß. 



Alle Dörfer 



urmen 



Fi 



hervorrufen. Tempelchen mit der 



für 



friedlichen Bauernbevölkerung zu sorgen. In den Bodenfurclien lassen 



Haine von Weiden und weißrindicren Panneln Gras und saftige Kräuter 



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ß 



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Pferde und Maultiere ausgenützt. 



ur Weide 



Immermehr nimmt die Landschaft weiterhin den Charakter der 



Steppe an, trotz der spärlichen, kümmerliche 
felder. Einzelne Ruinen von Wachttürmen 

WestrinhfnnfY ir^x^^UoU^^.7^^ 



.ulia 



geschnittenen Wagengeleisen zu erkennen ist. 



Weg, der übrigens auch an den tief ein- 



be 



beschreibt. Die hohen Berge des großen 



270 



W. Limpricht* 



Wu tai schau grüßen von Süden herauf, und neue Hügelreihen tauchen 
im Westen auf, zwischen denen die äußere große Mauer sich hindurch- 
winden muß. An ihrem Fuße liegt Da düng f u. 

Kwan yüen, drei Stunden seit der Furt de?^ San kan ho, war 
die letzte Nachtstation, 60 Li trennten uns noch von unserm Endziel, 
und am frühen Nachmittag des 29, Juli hielten wir unsern Einzug in die 
von mehreren Mauern umgürtete Stadt Da düng f u (Ta tung fu) 
(1375 m). 

Die Eisenbahn brachte uns über Kaigan und Peking nach Tientsin 
zurück. 



3, Über das Da lung men zum Hsiau Wu tai schau. 

Am 18. Juli 1917 brachte mich die Bahn nach Men tou kou, dem 
Endpunkte einer Nebezibahn von Peking nach den nächstliegendsten 
Kohlenschächten der West berge. Die weit zerstreuten Häuser des Kohlen- 
gräberortes ziehen sich in dem westlich streichenden Tale hinauf, dessen 
Rand der Tempel Föng kou nan krönt, ein reizend gelegener Aussichts- 
punkt (970 m) mit freiem Blick über Peking und die Ebene, andererseits 
auf die durch den Bo hua seh an im Hintergrunde 



abgeschlossenen 



Vorgebirge. 



_ fr 

Ein nächtliches, heftiges Gewitter war leider die Einkntung zu emer 



abgesehen von 



dem ungelieuren 



z weiwöchentlichen Regenperiode, die 

Schaden, die das dadurch bedii 

gerichtet hat, die Hauptschuld an der langdauernden überschw^emmung 

der fremden Niederlassungen Tientsins trug. 

Im Nebel wanderte ich also längs der Bergrücken zwei Stunden 
bis zu dem Gebirgsdorfe Schi tse dau, folgte dann einem breiten Wege 

auf schmalem, erbärmlich schlechtejn, 



Bergrutsch zerstörtem Hirtenpfade dui'ch die wilde 



weiter bergan und 

stellenweise durch 

Schlucht Lau hu dj au (Tigergraben) nach den Hirtenhäusern von 

Bai yü gou ab. Das steim^eiche breite Tal von Bai yü gou mündet 

in das Tal von Bai hoa gou, in dem weiter oberhalb das Dörfchen 

Tschen djia fön liegt. Dieses von Westsüdwesten nach Ostnordosten 

hinziehende Tal stößt bei den Doppeldörfern Hsi- und Dung Bang gö 



auf 



der d 



uibiegt 



oberhalb 



■^^3 



trennten Dörfer kommt über die Felsen des rechten Ufers der Weg von 



Jaiire 



war. 



Weiter} 



in ersclieint der schön gelegene Tempel He lung mxao 
(Schwarzer-Drachen-Tempel) und gleich darauf das Dorf He lung 



kwan. 



usamxnen 



Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets, 271 



I 



getroffen, die ich wiederum talaufwärts bis zum Weiler Djiayükou 



y. I verfolgte. 



4 

Auf der früheren Reise war ich in der Höhe von Djia yii kou 

nach Noixlwesten abgebogen, um den Bo hua schau kennenzulernen 

und dann durch das kleine Drachentor (Hsiau lung men) dem 

Hsiau Wu tai schan zuzustreben: diesmal war es meine Absicht, 

dieses Hochgebirge durch das große Drachentor (Da lung men) 

zu erreichen. Daher zog ich in der Richtung des Haupttals (nach SW) 

weiter, obwohl den Leuten ein Weg von hier nach dem Da lung men 

Unbekannt war und man mir auch späterhin noch wiederholt den Rat gab, 

umzukehren und den sicheren Weg über das kleine Drachentor ein- 
zuschlagen. 

+ 

In dem weiten, steinübersäten Tale, dem Bett des bis auf kurze Strecken 
trockenen Liu li ho, wohnt eine ärmliche Bevölkerung, die sich vor- 
zugsweise mit Ziegenzucht beschäftigt. Siedelungen sind häufig, bestehen 
aber oft nur aus einzelnen Häusern oder kleinen Weilern. Durch die 
kulissenartig sich ineinander schiebenden Berg vor Sprünge nimmt das 
Plußbett einen mäanderartigen Verlauf und läßt die Entfernungen zwischen 
den einzelnen Ortschaften größer erscheinen als sie in Wirkhchkeit sind. 
Der plötzlich über Nacht heranbrausenden Wildwasser wegen sind die 
Behausungen der Einwohner hoch über der Talsohle den Berglehnen an- 



nur 



Die erste Siedelung nach Djia yü kou ist der Weiler Scha ho 
(4 Li), doch schon nach weiteren 3 Li folgt das große Dorf Schi po tsun. 
Hinter Hsia schi po teilt sich das Tal: das Haupttal streicht Südwest- 
hch weiter, das Nebental, dem wir folgen, steigt westlich ganz allmäh- 
lich an. 

Schwai-ze Störche und graue Fischreiher hocken vor den kleinen 
Wasseransammlungen am Fuße der hohen Kalkfelsen des einsamen Tales, 
endlich erscheint das Dörfchen Leang schui tsch wang und dann 
Hsia ho (25 Li von Schi po tsun). 

Über den Weiler Hsia yün ling und einzelne Hauser taucht das 
Wirtshaus Ku tse dien auf, dem kurz dahinter die wenigen, der Tal- 
wand angelehnten, durch Pfähle gegen das Flußbett gestützten Gebäude 
tler gleichnamigen Oi-tschaft folgen. Beim Wütshaus biegt das Tal nach 
Kord Westen um, aus Südwesten mündet ein kleines Rinnsal, das aber 
schon nach wenigen Schritten im Steingeröll verschwindet. 

Der nun stärter einsetzende Regen zwang mich schon nach ferneren 



steini 



Schi ba tai mit dem Weitermarsche aufzuhören und auf besseres Wetter 
zu warten. Um so unangenehmer, als das ärmliche Dörflein keine Herberge 



272 



W. Limpricht. 



4 

besaß, ich daher mit dem schmutzigen Kang, dem Ofenbett, eines Kulis 

vorlieb nehmen mußte. 

Donnerndes Getöse weckte mich am nächsten Aforgen. Das bisher 
wasserlose Flußbett hatte sich über Nacht in einen wilden, reißenden 
Gebirgsstrom verwandelt, dessen Fluten metertief mit rasender Ge- 
schwindigkeit, große Steinblöcke mit sich wälzend, zu Tale schössen. 
Dazu wieder der gräßliche Regen den ganzen Vormittag über! Not- 
gedrungen mußte ich also noch einen Tag opfern und ein Fallen des Wassers 
abwarten. 

In den ersten Stunden des Nachmittags ließ der Regen nach, und ich 
stieg die Talwand über dem Dorf hinan. Die Lehnen waren hier dicht 



mit K astanienhainen bestanden, h öher hi nauf wuch 



kümmerliche 



Eichen, vereinzelte Lebensbäume {Thuja orientalis), gelbe Lilien und 
blaue Glockenblumen {Platycodon). Bis fast zur Höhe der ungefähr 1000 m 
hohen Berge ziehen sich Felder hinauf und vereinzelte Häuser sind über 

die Gehänge verstreut. 

Obwohl es in der Nacht wiederum geregnet hatte, war doch das 
Wasser über einen Fuß gefallen, so daß ich den Weitermarsch wagen konnte. 



aufeinander 



auf tai (Terrasse), was auf die erhöhte Lage der Ortschaften hinzudeuten 
scheint. 

Ständig im Wasser watend näherten wir uns über Wang djia tai 
und Schi ho örl dem Dorfe Duang ho tai, in dessen Tempelchen 



L|^l 



wir völlig durchnäßt den ärgsten Regen abwarteten. ' 

Erst hinter diesem Dorf verließ der Weg, der bisher stets im Fhiß- 
bette geführt hatte, dasselbe und zog hoch über der engen Klamm naeii 
Lung men tai weiter, um sich jedoch hier wieder zur Sohle und somit 
zum Wasser hinabzusenken. Nun gabelte sich das Tal, und wir hatten 
uns dem linken (westlichen) Zweigtal anzuvertrauen. 

Doch jetzt sollte der schlimmste Teil der beschwerlichen Wanderung 



kommen 1 Die buschreichen Flanken traten näher zusammen, m 



folge- 



dessen nahm die Tiefe imd damit die Gewalt des Wassers zu, gegen dessen 
Strömung wir nur mit der größten Anstrengung ankämpfen könnt*:'«" 
Und wir mußten weiter, weil das einsame Tal völlig unbewohnt war. 

Endlich waren nach 10 Li die fürchterlichen Strapazen zu Ende. 
Die Schlucht erweiterte sich zu einem Kessel, in dem das große Doi 
Tang schang eingebettet lag. Das Wasser löste sich in drei Arme auf, 
die den Bergen der Kesselumrandung entquollen. (33 Li von Schi ba tai.) 

In Tang schang kannte man den Weg nach dem Da lung men, 
der den Gebirgszug im Passe Hsiau ho ling überschreiten sollte. 

Der Weg auf den Hsiau ho ling führt an dem mittelsten der drei 
Quellarme des Liu li ho aufwärts. Auf ihm stiegen wir am nächste 



Botanische Rei?en in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 273 



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Morgen empor. Nach einiger Zeit überholten uns Eingeborene und gaben 
meinen Leuten den Rat, des vielen Wassers Avegen nicht den Hsiau ho 
ling zu wählen, sondern links von ihm einen anderen Paß zu begeben, 
dessen Richtung sie angaben. Ich entschloß mich^ ihrem Rate zu folgen; 
daher bogen wir links ab, überschritten zum letzten Male das jetzt nur 
knietiefe Wasser und stiegen in einer Stunde zur Höhe des Talkesselrandes 
empor, die im Tu hu ling, 1350 m, überwunden wird. Der fhiche Kamm- 
rücken erstreckt sich' in der Richtung SSW— KXO, bietet aber, da im 
Hintergrunde durch Rergzüge abgeschlossen, keine Fernsicht. 

Wenige hundert Meter tiefer südwestlich liegt das Dorf Bao schu; 

scme offenbar freradenfeindlichen Bewohner weigerten sich Auskunft zu 
geben. 

Hinter Bao schu steigt der Weg allmählich an und zieht in der un- 
gefcähren Höhe von 1200 m über mehrere Bergrippen nach Westnordwesten. 
Vor dem letzten dieser grasreichen Eücken ruht das Gehöft und die paar 
Hütten von Dung tsun, davor der gerade von Soldaten besetzte schöne 
Tempel Niau niau miao. 

Die Soldaten hatten die Aufgabe, den Mohnpflanzungen nachzu- 
spüren, die hier in diesen einsamen, abseits der großen Straßen liegenden 
Gebirgsgegenden dem Auge des Gesetzes fern noch üppig grünen. 

Von Dung tsun bringt eine sanfte Steigung zur Höhe des ,, großen 
Sattelpasses'^, Da (ng)an ling, 1340 m, dessen Matten zahkeiche 
Schafherden bevölkern. Auch der Da ngan ling bietet keine Fernsicht, 
Weitere Ketten sind vorgelagert. 

Die Hänge der Abstiegsseite haben nun üppigeren Pflanzenwuchs 
aufzuweisen, selbst kleine Gehölze schöner Laubbäume überragen 
Gesträuch. Nordwestlich, am Fuße eines steilen, üppig grünen Rückens, 
ruht im Talgrunde das stattliche Dorf Luo tse schui (Maultierwasser); 
m Kehren steigt von ihm der steile, aber gut gehaltene Weg auf die Paß- 



das 







höhe Hsin pan ling, 1224 m, der eine prachtvolle Aussicht bietet. 

Im Nordwesten und Norden die Täler des Da ho und Hsiau ho, im 
J^Tordosten die lange Kette des Hsiau Wu tai schan mit dem Dung 
tai als Kulminationspunkt, im Vordergrund 
Da lung men. Auf der Rückseite gleitet der Blick über Luo tse 
schui (0) bis zum Da ngan ling (OSO), der jede weitere Aussicht 
■versperrt. 

Den steilen Westabhang des Paßrückens bedecken Gehölze aus 
Eichen, Linden, Ahornen, Erlen, Spiräen und, wie am Wu ling schan, 
DMt Indigofera zusammengesetzt; der schmale Steig führt durch diesen 
Laubwald nordwärts bis zu einem klaren, jetzt allerdings stark an- 
geschwoUenen Bergbacb, dessen Strömung er folgt. An seinem Austritt 

F. Fedde, Bepertorium specierum novamm. Beiheft XII, *" 



% 



1. 



274 ■ W. Limpricht 



in das weite Tal des Da ho erscheint das Dorf Au yü^ zAvei Li weiter 
am Da ho liegt Pe tschwang. Zwölf Li stromaufwärts, am Eingang 
in die Felsenschlucht des Da lung men, begrüßen mich die Be- 
wohner des Dorfes Lung men tsun und bringen mii' die betrübliche 
Nachricht, daß an ein "Cberschreiten des Stromes vor mindestens 5 Tagen 
gar nicht zu denken sei. Um aber doch den Anblick der großen Mauer im 
Da lung men genossen zu haben, gehe ich noch den einen Li bis 
hart an den Rand des tosenden, 2 — 3 m tiefen Flusses, dessen jenseitiges 
Ufer von der das Dorf Da lung men umsch Heß enden großen Mauer 
begleitet wird. 

Schon mit dem Gedanken vertraut, 5 Tage müßig warten zu müssen, 

* 

verraten mir die freundlichen Ortsinsassen, daß ich zwar nicht nach 
meinem nächsten Ziele Dschau dsia peng, wohl aber ins Hsiau ho- 
Tal auf einem L^mwege über die Berge kommen könnte. Obwohl ich 
dann als© späterhin einen mir schon bekannten Weg auf den Wu tai 
seh an gehen mußte, war ich, um nicht fünf und voraussichtlich noch 

r 

mehr Tage zu verlieren, genötigt, ihren Vorschlag anzunehmen. 

Ich schritt also die Dorfstraße zurück, und wir zogen nordöstlich in 
einem Seitentale auf die Höhe des Bergrückens; hier bot sich ein schöner 
Überblick über die Schlucht des Da lung men mid das gleichnamige, 
von der großen Mauer umschlossene Dorf. Im Westen konnte man klar 
;Ma schui und die die Berge hinaufkletternde Mauer erkennen. Im Tal- 
runde standen die paar Häuschen von Duang hu dien. Hinter ihnen 
stieg der Pfad allmählich bis Tsai schui an an. Hier verließen wir, 
wieder bei strömendem Regen, die Nordrichtung, bogen nach Westen ab, 
übercjuerten den von der Mauer gekrönten Bergzug und stiegen zu Tal 
bis zum Ufer des Hsiau ho unmittelbar vor dem großen Dorf Tscha no 
an der Vereinigung des Da ho mit dem Hsiau ho. 

Auch das reißende, graubraune Wasser des Hsiau ho zu dm^ch waten 
war unmöglich. Trotz der vorgerückten Abendstunde ging es daher am 
linken Ufer stromaufwärts, um wenigstens ein Unterkommen für die 
Nacht zu finden. Dies glückte auch schon nach 5 Li in einem der drei 
Gehöfte von Tschiu (Djiu) tsing tai. 

Der hohe Wasserstand und der unaufhörliche Regen hielt mich un^' 
meine Leute drei Tage untätig an das Haus gefesselt. Als endlich am 
29. Juli der Regen etwas nachgelassen hatte, tasteten wir uns durch den 
überschwemmt gewesenen, aufgeweichten Boden an der linken Flußseite 
über Ho nan (9 Li) nach (5 Li) Sung dsia tschwang. schräg gegt?^- 
über Hsie dsia pu, einem Dorfe, das ich schon zweimal, 1912 luid 
1915, besucht hatte. 

Am rechten Flußufer, 2 Li von (Da) Honan entfernt, liegt Schang 
tuan li, von wo es bis Liu dsia gou nur noch 5 Li sind (Reise 191^)- 





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Botanische Eeisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 275 

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Auf meiner ersten Reise (1912) hatte ich den Hsiau ho kura oberhalb 



"ßtl Töchiu tsing tai durchwatet. 

^^' Trotz des Frühregens glückte es mir am nächsten Tage ohne ernst- 

lichen Unglücksfall etwas oberhalb der Mühlen von Schui muo (3 Li) 
den Fluß zu durchqueren und bald darauf die Dorfstraße von Hsie dsia 
* pu zu betreten. 

■^^'1 In Hsie dsiapu läuft auch der Weg vom Bo hua schau über 

das kleine Drachentor ein (Reise 1915). 

Meine weitere Route verließ hier das Tal des vom Tu ling schan 
unweit Tsang dsia peng kommenden Hsiau ho und bog links in 
das Tal des am Schi ba pan entspringenden Baches ein. Leider war 
auch dit^ser Bach noch stark angeschwollen und hatte so fürchterliche 



lauie angerichtet, daß der Weg größtenteils 



zerstört war und wir uns mühsam durch das A\aiste Steingeröll einen neuen 
Pfad suchen mußten. 



über Tschi dien gelangten wir 



nur 



Dj i (12 Li von Hsie dsia pu) und erst in der Frühe des nächsten Tages 
nach Li yi örl am Fuße des Schi ba pan (in umgekehrter Richtung 
lyi2 begangen). 

Endlich trat schönes Wetter ein, so daß ich schon in W^ Stunden 



oder 



tempelpaß) stehen konnte, 2200 m. 

Der Abstieg führte auf meine alte Route von Schi men tse; 
doch lag mir viel daran, einen neuen direkten Weg über die Berge nach 



dem Becken von Tau hua— Yü tschou zu finden, und glücklicherweise 
langten Träger auf der Paßhöhe an, deren Angaben ich den nun folgenden 
Weg verdanke. 

Das erste Dorf der Abstiegsseite ist Hsin tscha, 3 Li weiter wird 
o dsia tschwang und bald darauf (2 Li) Tschiao mä tschwang 



Ga, 

erreicht. Hier verließen wii- die Straße nach Schi men tse und bogen 
nach Westen ab, überschritten eine unbedeutende Bodenschwelle und 
stiegen in ein neues bachdruchströmtes Tal ab, in dem bald darauf das 
Dorf Bai lo gou lag. 

Nun stieg der Weg wiederum an. Das armselige, aus zerfallenen Hütten 
bestehende Li djia fen vor dem Passe bleibt rechts liegen, mid der 
Rücken wird im Nan yang mu ling, 22-30 m, überquert. 

Bis unmittelbar an die Paßhöhe reicht der Anbau von Buchweizen 
^ind Hafer, die kuKen Grasmatten des Kammrüokens bedeckt Edelweiß 
und zahk-eiche Rhabarberstauden (Rheum Emodi). 

Ein zweiter Übeigang über den Gebirgszug befindet sich weiter 
nördlich, doch konnte ich diesen Paß, Pe yang mu ling, der vor- 



Tr 



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276 ■ W. Limpricht. 



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nutzen, da er, obwohl der Ebene näher, keine ^Tögliclikeit der Unterkunft 

bietet. 

Knrz unterhalb des Passes Nan yang mu ling steht auf dem 
Ostabfall ein Gehöft von vier Häusern, 1— II4 Stunden tiefer auf dem 
Rücken eines Riegels der jenseitigen Talwand nimmt uns die winzige 
Ortskax)elle des armseligen Dörfchens Nan yang mu ling zur Nacht- 
ruhe auf. 

Die Berghänge beherbergen Wälder von weißrindigen Birken und 
Pappeln, die auch weiterliin auftretend den ursprünglichen Baum wuchs 
gebildet zxi haben scheinen und wohl auch dem Dorfe und den beiden 
Pässen die Xamen gaben. 

Die Flora des Xan yang mu ling ist dieselbe wie die des Hsien 
miao ling, wie ja auch nicht anders zu erwarten, da dieser Paß auf einem 
Querriegel zwischen den Parallelketten des Schi ba pan und des Yang 
mu ling liegt. 

Der weitere Weg senkt sich nicht zu Tale, sondern zieht sich im all- 
gemeinen in nordwestlicher Richtung an den Berglehnen über durch 
Bäche ausgewaschene Furchen entlang. Schon nach 3 Li, bei Dschou 
tsai wa, muß man westlich zur Talsohle hinabsteigen, dem in ihr nach 
Da miao f Keßenden Bach ein kurzes Stück folgen, um sich dann 
darauf dem Laufe eines neuen, von rechts kommenden Wässerchens zu- 
zuwenden, dessen Tal zur Höhe des Passes Wu tsa ling (vielleicht 
besser Wu t schon ling, da" er 5 Landkreise übersieht) emporgeleitet. 
Hat der Reisende die Höhe des Rückens erreicht und glaubt nunmehr 
in die Ebene hinabblicken zu können, so wird er sehr enttäuscht sein. 
Fast eine Stmide zieht sich der breite, links zum Tal von Da miao ab- 
fallende, 2315 m hohe Plan des Passes hin, ehe er endültig zur Ebene 
von Tau hua— Yü t schon abstürzt. Der Pe yang mu ling liegt 
20 Li nördnordöstlich. 

Unterhalb des Wu tsa ling nimmt das jetzt trockene Flüßcheu 
seinen Ursprung, das das ehemalige Seebecken in annähernd westlicher 
Richtung durchfließt, ungefähr gegenüber dem Pe tai in einer Pforte 
die jenseitigen Ketten durchbricht und dem San kan ho zuströmt. 

Im Südwesten grüßte die Spitze des Pe tai herüber, und auch das 
Kloster Tie lin sse (Eisenwaldtempel) war schon deutlich zu er- 
kennen. 

An der Sehwelle des Abstiegs kam ein Weg von Da miao herauf, 
lief halbrechts hinab und direkt auf Tau hua zu. Wir stiegen halblink 
nach Schang ho ab. Kurz vor der Ebene vereinigte sich unser Abstiegä- 
weg mit dem vom Da ling {Scha ho ling) kommenden und beide 
zusammen mündeten etwas links vor Schang ho in die Ebene aus. 

Über San dou gou, Ku f u(a) pu, Hsin duang (5 Li nördlich 



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BotaDische Reisen in den Hochgebirgen Chinas und Ost -Tibets. 277 

V 

des Klosters Tie lin sse), in dessen Ortstempel wir übernachteten, 
gingen wir nach dem Kloster Li hsing sse (Tempel der aufblühenden 
Gerechtigkeit), um nach km-zer Rast zur Spitze des Hsi tai aiifzu- 
brechen, auf der ich mehrere Tage zu verweilen beabsichtigte. 

Im Gegensatz zu den übervollen Gebirgsbächen der Südseite waren 
die Flußläufe der Nordseite vollkommen wasserlos, obwohl auch hier 
Während der Regenperiode schreckliche Verwüstungen stattgefunden 
hatten. Daher drängt sich die Vermutung auf. daß der Hsiau Wu tai- 



zufassen ist. 



Wettersclieide erster Ordnuner auf 



Gleichzeitig folgt daraus, daß Reisende während der Regenmonate 

Juli und Anfang August gut tun, das Hochgebirge von Nordosten her 

HS I 2u begehen, um so mehr, als dieser Zugang der bei weitem schnellere und 

bequemere ist. 3 % Stunden erforderte der Aufstieg auf die 2870 m hohe 
Spitze des Hsi tai, des Westaltars; hier traf ich die Tempelchen in 
emem wahrhaft schrecklichen Zustand an. Der unaufhörliche Regen hatte 



iJacher und Wände erweicht, die dann teilweise eingestürzt waren oder 
mindestens klaffend